Atlanta von Feuerdrachin Bella
Kapitel 6

Es war kein besonders langer Flug, aber diese kurze Strecke reichte aus, um den Magen von Bennet komplett umzudrehen. Zum Glück hatte er, außer dem großen Frühstück am Morgen, noch nichts gegessen. 
Die Schuppen von Flammenzunge schimmerten wie Gold in der Abendröte. Atlanta gefiel das Schimmern der Schuppen und sie konnte sich auf nichts anderes mehr konzentrieren.
Das Schloss  kam langsam näher.  Die Leute in der Stadt sahen alle in den Himmel als Flammenzunge über der Stadt kreiste um einen günstigen Landeplatz zu finden. Nach ungefähr fünf Minuten hatte er diesen gefunden und saß nun im großen Vorgarten des Schlosses. Mehre neugierige Kinder kamen mit freudigen Gesichtern auf das komische Gespann zu. Ihre Eltern hielten sie aber davon ab noch näher zu kommen. Atlanta rutschte langsam vom Rücken des Drachen und wollte gerade etwas sagen, sie wurde aber jäh durch eine brummende Stimme unterbrochen.
"Was hat das zu bedeuten, Atlanta?"
Der König kam aus seinem Schloss gestürmt, um zu sehen, was vor seinem Schloss los war.
Atlanta hatte schon eine leise Ahnung, dass der König eine solche Frage in die Runde werfen würde, aber sie kannte den König nun gut genug und wusste, dass er nicht alles ernst meinte, was aus seinem Mund kam.
"Es ist nichts Außergewöhnliches geschehen. Wir haben nur Flammenzunge als Freund gewonnen."
"Stimmt das? Dann lasst uns ein Fest zu Gunsten Atlantas und Flammenzunge feiern! Jeder von euch ist eingeladen! Wir feiern auf unserem großen Marktplatz! Das Schloss ist für so ein großes Fest zu klein."
Atlanta war verwundert, dass der König auf einmal seine Stimmung so schnell ändern konnte, aber ihr war es nur recht, dass sie nicht noch mehr erklären musste. Flammenzunge war nämlich auf ein paar teuer wirkenden Pflanzen gelandet, aber das schien Friedrich nicht zu stören. Er war nur froh, dass Flammenzunge auf seiner Seite war.
Jeder Bewohner der Stadt half mit, damit alles vor Einbruch der Dunkelheit fertig war. Innerhalb einer Stunde war alles für ein großes Fest hergerichtet.
Eine große Tafel stand in der Mitte des Marktes.
Atlanta interessierte das Geschehen nicht, das sich vor ihr abspielte. Sie war in Gedanken versunken und wusste nicht recht, was sie nun tun sollte. Sie wusste nicht, was Realität war und was sich hinter ihrem inneren Auge abspielte.
Plötzlich suchte eine ihr vertraute Stimme ihre Gedanken auf.
Atlanta, was ist los mit dir?
Es war Flammenzunge, der ihre Nähe suchte. Sie antwortete abwehrend, aber Flammenzunge ließ nicht locker.
Sag mir, was mit dir los ist. Ich bin nicht mit dir mitgekommen, um dich im Stich zu lassen.
Es ist nichts, Flammenzunge.
Das sehe ich aber anders. Denk daran, wir sind miteinander verbunden. Deine Gefühle kommen bei mir als Erster an und ich bin dafür an deiner Seite, damit du sie besser deuten kannst.
Wenn mein Vater dir vertraut hat, dann sollte ich das wohl auch langsam tun. Findest du nicht auch?
Ja, aber gehe mit deinem Vertrauen nicht zu leichtsinnig um. Es könnte dein Feind eines Tages ausnutzen.
Atlanta wurde nun erst richtig bewusst, dass sie sich in manchen Situationen doch etwas zu sicher war, dass niemand ihr etwas Böses antun könnte.
Flammenzunge, wenn du mich schon belehren willst, dann komm doch an meine Seite, damit wir besser miteinander reden können.
Keine Minute später sah Atlanta schon einen kleinen Schatten über sich kreisen. Die Umrisse des Drachen wurden immer größer und spätestens jetzt stürmten alle Leute, die um Atlanta herum standen, davon.
Flammenzunge setzte sich direkt neben Atlanta, ohne dass diese ein Stück zur Seite rutschen musste. Er musste sich ein Grinsen verkneifen, denn er fand es zu lustig, dass immer noch jeder Bewohner dieser Stadt Angst vor ihm hatte.
"Ihr Menschen müsstet doch eigentlich wissen, dass ich nun auf eurer Seite bin. Ich weiß zwar nicht, wann ich je auf einer anderen war, aber das scheint ja niemanden zu interessieren."
Hör auf, die die Leute zu ärgern! Jeder normal denkende Mensch wäre in so einer Situation weggelaufen. 
Warum sitzt du dann noch hier neben mir?
Mach dich nicht lustig über mich! Ich bin ja schließlich mit dir verbunden.
Daran will ich ja nicht zweifeln, aber was ist mit dir los? Du bist so verschlossen.
Atlanta stand auf und wollte gehen, aber der Drang, sich dem Drachen anzuvertrauen, war größer.
Ich weiß manchmal nicht, ob ich dieser Aufgabe gewachsen bin, die mir gestellt worden ist.
Das bist du und das weiß ich auch, denn nie ist mir je so ein Mensch begegnet wie du.
Was ist eigentlich der Sinn dieser Reise?
Atlanta, weißt du, auf  manche Fragen musst du die Antwort selber finden, du musst nur auf dein Herz hören. Was du für richtig findest oder falsch musst du selbst herausfinden. Da kann ich dir leider nicht helfen. Auch wenn ich es noch so gerne tun würde.
Dann hoffe ich aber, dass du mir bei anderen Sachen besser zur Seite stehst.
Natürlich, was denkst du denn? Zum Ansehen gehe ich nun wirklich nicht mit.
Ich möchte dich mal was fragen, Flammenzunge.
Na dann schieß mal los, ich möchte dir gerne eine Antwort geben. Ich finde deiner Neugier sollte keine Grenzen gesetzt werden.
Wer hat dir eigentlich unsere menschliche Sprache beigebracht?
Ach, die habe ich von einem guten Freund beigebracht bekommen,  damit er mit mir reden konnte.
Also war er ein Mensch! Kenne ich ihn?
Ja, natürlich kennst du ihn. Aber lassen wir das.
Flammenzunge sah unwillkürlich zur Tafel, wo nun der König Platz nahm. Friedrich erwiderte nur den Blick des Drachen mit einem kleinen, kaum sichtbaren Lächeln und wandte sich dann an seine Tochter. Diese hatte immer noch den Wollknäuel von einer großen Perserkatze auf dem Schoss.
Atlanta, du musst wissen, dass du dich von niemandem von deinem Wege abbringen lassen darfst.
Mit diesen Worten stieg Flammenzunge mit zwei großen Flügelschlägen wieder in den Himmel und verschwand wieder in seiner Höhle. Atlanta konnte seinen Geist spüren, aber er hatte eine große geistige Mauer um sich gezogen.
Mit großen Schritten ging Atlanta zur Tafel, wo schon alle ihre Freunde Platz genommen hatten.
Sie setzte sich neben Hermes. Sein Blick sagte Atlanta, dass er mal wieder wissen wollte, was sie mit Flammenzunge erzählt hatte, aber Atlanta rückte mit keinem Wort heraus.
Friedrich eröffnete das große Festessen ohne groß auszuschweifen: "Esst, meine Freunde, und lasst
nichts übrig!"
Das brauchte der König nicht zweimal sagen und schon ging es los. Jeder aß soviel er konnte ohne ein Ende zu sehen.
Doch Atlanta zögerte ein wenig mit dem Essen. Ihr ging immer noch das Gespräch mit Flammenzunge durch den Kopf. Sie wusste nicht, wie er so tief in ihr sein konnte, obwohl sie beide ganz verschieden waren. Er ist ein Drache und sie ein Mensch! Wie konnten sie denn überhaupt Freunde werden?
Aber Atlanta konnte keinen weiteren Gedanken daran verschwenden, denn der König hatte ihr schon einen großen Teller mit allerlei Leckereien vor die Nase gestellt. Mit einem ausführlichen Kopfnicken, das nur für Atlanta war, machte ihr Friedrich klar, dass sie zu essen anfangen sollte. Sie konnte ihm nur ein kleines Lächeln schenken, was er gekonnt erwiderte.
Atlanta nahm die Aufforderung an und war nun mit Leib und Seele beim essen.
Nach etwa zwei langen Stunden waren alle pappsatt, sogar der König konnte nichts mehr essen.
Nach einer Weile kam auch Flammenzunge wieder aus seiner Höhle mit einem großen Leinensack. Er landetet genau vor dem König und ließ den Sack vor ihm liegen.
"Friedrich, komm her, wenn du dich noch bewegen kannst. Ich habe hier etwas für dich!"
Ohne etwas zu sagen, ging der König zu Flammenzunge, um zu sehen, was er ihm mitgebracht hatte.
Langsam öffnete er den Sack und hörte es klappern. Es musste etwas metallisches sein.
Was hast du ihm mitgebracht?, wollte Atlanta von dem Drachen erfahren.
Nur ein ganz kleines Geschenk meinerseits, war die Antwort auf eine Frage, die Flammenzunge eigentlich voraussehen konnte.
Der König  war neugieriger als Atlanta es sich vorgestellt hatte. Er öffnete den Sack und ging ein paar Schritte zurück, der offene Sack fiel zur Seite und aus ihm kam eine Vielzahl von Gold und Juwelen zum Vorschein. Niemand wusste mehr, was man nun darauf sagen sollte.
"Was ist los mit dir, Friedrich? Hat es dir etwa deine raunende Stimme verschlagen?"
"Nein, natürlich nicht! Aber was soll dieses große Geschenk?" Friedrich konnte es immer noch nicht fassen, was er sah.
"Beantwortest du immer deine Fragen mit einer Gegenfrage? Naja, also betrachte dieses Gold und die Juwelen wie ein Versöhnungsgeschenk. Da ich ja sowieso nicht so schnell wiederkomme, werde ich dir erlauben, meine Schätze in deiner Schatzkammer zu lagern."
Der König war immer noch sichtlich beeindruckt, was einem ein alter Feind alles überlässt.
"Aber was soll ich denn mit diesem ganzen Gold tun?"
"Mach das, was du damit am besten kannst und zwar es ausgeben. Ich habe mich noch nie mit diesem glitzernden Zeug abgefunden."
Niemand konnte sich an der Pracht des Goldes satt sehen. Der König ließ es nach kurzer Zeit in die große, fast leere Schatzkammer schaffen.
Er sah in die Runde und sein Blick schwebte über die Köpfe von Hermes, Bennet und Atlanta, blieb aber dann bei dem Gesicht seiner Tochter stehen und schenkte ihr ein kleines aber doch sehr vielsagendes Lächeln.
"Vater, was macht dich denn nun schon wieder so glücklich?", wollte Vina nun von ihrem Vater wissen, der es nicht gleich registrierte, dass sie überhaupt etwas gesagt hatte.
"Ich freue mich einfach darüber, dass wir nun so viele neue Freunde gewonnen haben. Findest du das etwa nicht, meine Tochter?"
"Natürlich, Vater, aber du bist zurzeit immer mehr abwesend bei deinem Tun und Machen. Das finde ich sowieso immer komischer."
Friedrich verstand, was seine Tochter ihm damit sagen wollte, kam dann aber trotzdem zu dem Schluss, dass alles seinen normalen Gang ging.
"Ich bin zurzeit nur etwas aufgeregt, nichts weiter."
Vina musste sich mit der Antwort ihres Vaters zufrieden geben. Der war schon auf dem Weg in die Mitte des Marktplatzes, um sicherzugehen, dass es seinem Volk an nichts fehlte.
Atlanta stand auf und setzte sich auf den Stuhl, der neben Vina stand.
"Was kommt dir denn an deinem Vater so komisch vor, dass du es gerade jetzt erwähnst?"
"Atlanta, du hast zwar das Vertrauen meines Vaters, aber das heißt noch lange nicht, dass du auch das meinige hast." Vina inspizierte Atlanta mit ihren großen braunen Augen. Atlanta hatte dieses Verhalten schon oft bei ihrem Vater beobachtet, aber sie sagte nichts darauf.
"Warum willst du nicht mit mir reden?"
"Ich möchte nicht, dass du dich in das Familienleben von mir und meinem Vater einmischst."
Atlanta sah sie verwirrt an, obwohl sie nur etwas mehr von diesem geheimnisvollen Mädchen wissen wollte.
"Ich möchte nur etwas mehr über dich erfahren. Nur über dich, nicht über deinen Vater oder deiner liebevollen Katze."
"Das ist es ja, Atlanta. Du willst etwas von mir, was ich dir nur schwerlich geben möchte. Wir kennen uns nicht einmal einen ganzen Tag und du möchtest Sachen über mich wissen, die ich dir nicht geben kann. Mein Vater ist zwar der Meinung, dass du eine vertrauenswürdige Person bist, aber er hat auch seinem Feind, dem Drachen, getraut, der uns nun einfach so vernichten könnte, ohne mit der Wimper zu zucken."
Atlanta wusste nicht, was sie noch darauf sagen sollte. Nach langer Stille musste sie trotzdem wieder versuchen mit ihr zu reden. Sie wollte einfach, dass Vina ihr Vertrauen schenkte, denn irgendetwas sagte ihr, dass sie mehr als nur die Tochter eines neuen Freundes ist.
"Du musst wissen, als ich dich zum ersten Mal sah, da dachte ich auch von dir, dass du eine vertrauenswürdige Person bist. Ich denke, dass du das auch bist, wenn du nur genug Vertrauen zu deinem Gegenüber hast."
"Also weißt du doch schon mehr über mich als ich dachte, aber dennoch bin ich nicht so leicht um den Finger zu wickeln wie mein Vater."
Atlanta wusste das nur zu gut. Friedrich war bei manchen Sachen wirklich etwas zu gutgläubig für ihren Geschmack, aber seine Tochter war in diesem Sinne das blanke Gegenteil ihres Vaters.
"Warum willst du mir denn einfach nicht vertrauen?"
"Es ist nichts gegen dich. Wer soll denn unsere Feinde erkennen, wenn mein Vater jeden dahergelaufenen Bauern fast um denn Hals springt?"
"Ich kann dich gut verstehen, aber wenn ich deinem Vater etwas Böses antun wollte, so hätte ich es schon längst getan. Findest du nicht auch?"
Vina fand keine Worte mehr zum Widersprechen. Das war das erste Mal, dass die Prinzessin keinen guten Kontersatz parat hatte.
"Jetzt habe ich dich. Du bist so verwirrt, dass du mir nicht einmal widersprechen kannst!"
Das war auch so, aber die Königstochter ließ sich nicht unterkriegen.
Nach einer Weile des Überlegens sagte dann Vina so leise wie es nur ging: "Gut, du hast mich also doch in die Enge getrieben und das hat vor dir nicht einmal mein eigener Vater geschafft. Also nimm meine Freundschaft an, die ich dir schenken werde."
Atlanta nahm die Freundschaft natürlich an, aber nicht mit einem Händedruck sondern mit einem kleinen Lächeln, das niemand sonst bemerken sollte.
Nach einiger Zeit des Schweigens kam auch der König mit hastigen Schritten wieder zurück zur Tafel.
Als Atlanta ihn sah sprang sie sofort von dem Stuhl hoch und setzte sich wieder an ihren richtigen Platz, 
der sich neben Hermes befand.
Sie freute sich ihn zu sehen, obwohl sie ja gar nicht so weit voneinander weg gesessen hatten.
Hinter ihr hatte jetzt auch Flammenzunge Platz genommen und sah dem munteren Treiben seiner menschlichen Freunde mit aufgeregtem Blick zu. Er konnte es immer noch nicht glauben nun mit Menschen zusammen zu reisen.
Das Fest neigte sich dem Ende zu und alle verabschiedeten sich allmählich voneinander und gingen in ihre Häuser zurück.
Auch Atlanta ging zu Bett und wünschte jedem am Tisch eine gute Nacht.
Hermes machte keine Anstalten ihr zu folgen, denn er wollte  noch einmal mit dem König reden.
Doch etwas störte ihn an seinem Gesichtsausdruck, er konnte nur nicht sagen was.
Friedrich drehte sich zu Hermes und sah ihn fragend an. "Warum bist du noch hier? Ihr müsst doch morgen früh aus dem Bett!"
Hermes sagte nichts mehr, denn der Ton, in dem er es sagte, gefiel Hermes ganz und gar nicht.
Er ließ sich das nicht zweimal sagen und ging lieber als sich von ihm in die Schranken weisen zu lassen.
Hermes fand das Zimmer von Atlanta, ohne sich zu verlaufen. Das ist eine starke Leistung, wenn man bedenkt, dass er sich schon fünf Mal in der Tür geirrt hat. Er ging in das Zimmer und fand Atlanta schon schlafend vor sich. Ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht als er sie so friedlich schlafen sah. Hermes legte sich auch schlafen und nach nicht einmal einem Augenblick war auch er eingeschlafen.
 
© Feuerdrachin Bella
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Und sicher schon bald geht es hier weiter zum 7. Kapitel...

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