Der Sohn der Cith`ren von Nadine Stroscher
Teil 1: Unter Cith`ren
Kapitel 1

Die Sonne schien hoch über Noar Gardar und erhellte die weiße Stadt in einen neuen Glanz. Mehrere Händler erschienen und bauten ihre Stände auf. Die Jäger verließen ihre Frauen, die Kinder wurden in die Schule geschickt und die Nachtwächter begaben sich zu Ruh. Es war eine friedliche Zeit, die man deutlich spürte, sodass alle von fröhlichem Gemüt waren. Und als dann auch noch ein helles Horn ertönte, da drehte man sich um und versuchte einen Blick auf die Straße zu erhaschen. Denn in einem schnellen Galopp ritt die königliche Leibwache hinein, dicht gefolgt von Gil-Arawn Aviso Yillyor, der König der Cith`ren.
Der König ritt vor die Tore des Schlosses und rannte die Treppe hoch. Seine Leibwache blieb stehen; außer Coar, der mit gezücktem Schwert dem Herrscher folgte.
Verwundert blickten sich die Bewohner von Noar Gardar an. Zwar war es nicht selten, dass der König hierher kam (sein Bruder lebte schließlich hier), doch noch nie war Coar dem König mit erhobenem Schwert gefolgt, denn niemand würde den de`Amyhajar Cith`ren töten wollen. Deshalb war diese Sicherheitsmaßnahme auch beunruhigend. Keiner konnte sich vorstellen, weshalb man solche Maßnahmen ergriffen hatte. Man betete deshalb zu den guten Göttern, ehe man kopfschüttelnd sich der Arbeit wieder widmete.
Nur einer blieb stehen und blockierte somit den Hauptweg, sodass einige Händler anfingen schlecht gelaunt zu schimpfen.
"Erysein! Beweg dich! Nicht jeder besitzt Zeit, du Yar", sprach Oklavrèv, ein Schwerthändler und funkelte den angesprochenen Mann wütend an.
Erysein, der Angesprochene, drehte sich kurz um, bemerkte seine Hinderlichkeit und trat beiseite, wobei er entschuldigend murmelte. Doch weder Oklavrèv, noch sonst einer hörte darauf, sondern man beäugte ihn wie ein lästiges Ungeziefer. Erysein, der dies gewohnt war, zuckte mit den Schultern und stieg die Treppe zum Schloss hinauf. Flüchtig grüßte er die Wachen, ehe er hinein trat.

Gil-Arawn, hoher König der Cith`ren, stand am Fenster mit dem Rücken zur Tür. Coar, sein persönlicher Leibwächter, stand mit gezogenem Schwert in einer Ecke, wo er im Schatten kaum zu sehen war, sodass er ungebetene Gäste schnell erledigen konnte. Der Wächter beobachtete unablässig die Tür mit einem starren Gesichtsausdruck. Kein einziger Muskel bewegte sich in diesem. Nur die mit schwarzer Farbe gezeichneten Runen auf den Wangen schimmerten ein wenig. Seine Kleidung war schwarz und aus einem seidenen Stoff. Er trug ein leichtes Hemd mit einen Überwurf, der mit gräulichen Runen bestickt war; seine Hose war eng anliegend und von einem Gürtel gehalten. In diesem steckte ein großes Arsenal von Dolchen und Armbrustpfeilen. Auf seinem Rücken trug er sein Krèan`seal und in seiner rechten Hand sein zweites Schwert. Ein dunkles Stirnband hielt seine Haare aus dem Gesicht.
Der Cith-König jedoch trug ein bläuliches Gewand aus Samt. Sein Schwert steckte in einer kostbaren Scheide, die an seiner linken Seite so angebracht war, dass er es jederzeit mit der rechten Hand ziehen konnte. Auf seinen schwarzen Haaren prangte die Krone der Elben, sodass er Würde und Ehre ausstrahlte.
Hastige Schritte waren zu hören und wenig später öffnete sich die Tür. Herein kam ein anderer Cith, der weiße Gewänder mit vielen silbernen Stickereien und Perlen versehen trug. Auf seiner Stirn prangte ein silbernes Diadem. Das Gesicht von ihm war ähnlich dem des Königs, nur die Augen zeugten mehr von Weisheit. Die schwarzen Augenbrauen waren zu einem einzigen Strich gezogen.
"Siv`le lav, mein Bruder", sprach der Neuankömmling und spähte in die Ecke, wo Coar sich befand. Ein Stirnrunzeln folgte diesem Blick.
"Ich grüße dich auch, Eloris ... die Zeiten meines Kommens sind düster, ebenso wie die Zeichen!"
Eloris Hardevarn Yillyor hob kurz die Augenbraue, ehe er seinem Bruder einen Platz anbot. Bewusst fragte er nicht Coar, da er wusste, dass dieser seinen Platz eh nicht verlassen würde. Als dann ein Diener Wein und Früchte gebracht hatte und die Tür hinter ihm geschlossen wurde, holte Gil-Arawn eine kleine Truhe hervor. Diese stellte er auf den Tisch, öffnete sie und nahm etwas heraus, was in ein schwarzes Tuch gewickelt war. Vorsichtig entfernte der König den Stoff und hervor kam ein handtellergroßer Anhänger.
Dieser war aus purem Gold und rund. In der Mitte befand sich ein Rubin und um diesen herum waren drei Runen angeordnet. Ebenso war eine Schlange hineingraviert. Der Rest jedoch war glatt poliert.
Der Fürst dieser Stadt, Eloris Yillyor, nahm den Anhänger und hielt ihn gegen das Licht, welches durch das Fenster schien.
Nach und nach wurde sein Gesicht immer bleicher. Schwerfällig drehte er sich zu seinem Bruder um; seine Augen zeigten langsam aufkeimendes Entsetzen und eine stille Frage.
Gil-Arawn nickte leicht.
Eloris atmete tief ein, ehe er sich selber setzte, den Anhänger wieder auf den Tisch legte und Wein eingoss. Er trank einen großen Schluck und stellte seinen Kelch ab. Dann fuhr er über sein Kinn, bevor er sprach:
"Also ist er wieder aufgetaucht? Der Bund der Schlange!"
"Wieder aufgetaucht oder nie weg gewesen?" sprach der König düster, wobei er einen Schauer auf seinem Rücken verspürte. "Es ist eine Katastrophe! Wenn bekannt wird, dass diese ... diese Sekte wieder aktiv ist, dann bricht eine Panik aus."
Der Fürst nickte, stand wieder auf und fing an Runden zu gehen. Sein Gesicht war verschlossen und zeigte keine einzige Regung. Als er nach einer Weile zum sechsten Mal die Wandseite, wo sich die Tür befand, erreicht hatte, blieb er stehen und seine Schultern sanken zusammen. Eine Zeit lang verharrte er in dieser Haltung mit geschlossenen Augen, als er plötzlich mit den Fäusten mehrfach gegen die Wand schlug.
"Genau so hat es damals angefangen! Bei Vater ... als ... man Mutter getötet hatte und es zu einem Bürgerkrieg kam. Mit einem verdammten Amulett ... die dunklen Zeiten brachen an und man konnte nicht sicher sein, wer noch treu war, oder wer ein Anhänger der 'Schlangen' war! Meistens waren es die besten Freunde ... Vaters bester Freund ... Wieso!"
Das letzte Wort kam von ihm wie ein verzweifelter Schrei.
Gil-Arawn sah seinen Bruder lange an und große Traurigkeit spiegelte sich in seinen Augen wider. Deutlich sah er es noch vor seinen Augen: Ihr Vater, Elvanor, war erfreut gewesen, als er gehört hatte, dass Felvthior - sein engster Freund - noch am Leben war. Und als dieser kam, war er aufgestanden, zu ihm gegangen und hatte ihn fest an sich gedrückt. Doch aus der Freude und Heiterkeit im Gesicht wurde Entsetzen und Qual. Elvanor taumelte noch einige Schritte zurück; ein Dolch prangte aus seiner Brust. Ungläubig hatte er Felvthior angestarrt, der ihn mit kalten Augen angesehen hatte. Eloris war damals sofort zu seinem Vater gerannt, der auf den Boden gesunken war, und Gil-Arawn hatte einen Speer genommen und den Verräter getötet. Und als dieser schon tot war, hatte er auf ihn eingehämmert. Es war grausam gewesen... Der König schloss die Augen und verscheuchte das grässliche Bild.
Lange wurde geschwiegen, ehe Eloris sich beruhigt hatte und sich wieder Wein eingoss. Seine Augen zeugten zwar immer noch von der Trauer, aber er zeigte auf den Anhänger und sprach:
"Sie werden in großen Horden kommen, Bruder! Wenn wir nicht sofort handeln, dann wird Eragien schnell unter der Herrschaft des Schlangen-Ordens kommen." Er schwieg, schloss die Augen und drehte sich nun zu Coar um, der noch immer im Schatten stand. "Vor allen Dingen muss überprüft werden, wem man vertrauen kann und wem nicht!"
Gil-Arawn stimmte zu, ehe er seinem Leibwächter ein Zeichen gab und das Zimmer verließ. Lautlos folgte ihm Coar.
Eloris, der noch lange am Tisch stand und den Anhänger anschaute, verspürte plötzlich eine dunkle Vorahnung. Tief im Inneren wurde ihm bewusst, dass bald eine Zeit des Umbruchs kommen würde. Doch hatte der weise Cith überhaupt keine Ahnung, wobei es sich handeln könnte.
Ein Diener trat ein und verkündigte, dass Lansir Quirlev sich nun endlich entschlossen hatte, seinen jungen Schüler Erysein einer Prüfung zu unterziehen. Wenn Erysein diese bestehen würde, dann wäre der junge Mann bereit für das yawènsek dj flescisjik. Während der Fürst dies hörte, überlegte er, ob es eine gute Idee ist, seinen Ziehsohn die Reinigung des Blutes machen zu lassen, denn bisher gab es noch nie einen Menschen, der dies gewagt hatte.
Mit einer neuen wachsenden Besorgnis verließ Eloris den Raum und machte sich auf den Weg, um bei der Prüfung dabei zu sein.

Erysein war, nachdem er von Oklavrèv angefahren worden war, sofort in sein Zimmer gegangen, wo er dann auf seinen Schwertmeister Lansir gewartet hatte. Normalerweise wäre der junge Mann schon längst auf dem Übungsplatz mit seinem Lehrer, doch heute war Lansir einfach noch nicht gekommen. Gelangweilt ließ Erysein sich auf seinem Bett nieder und starrte die Decke an; seine Arme hatte er unter seinen Kopf gelegt.
Er dachte über vieles nach.
Schon seit seinem ersten Lebensjahr lebte er bei den Elben, obwohl jeder wusste, dass die Cith`ren und Menschen sich überhaupt nicht leiden konnten. Jedenfalls glaubt dies Erysein, da er noch nie etwas Gutes über Menschen gehört, geschweige denn einen gesehen hatte. Dass der dichte undurchdringliche Wald mit einem schweren Nebel den Kontakt zu Menschen verhinderte, war seiner Meinung nach nur eine Ausrede. Zwar hatte er am Anfang versucht herauszufinden, wieso Cith`ren und Menschen keinen Kontakt hatten, doch nie bekam er die gewünschte Antwort, sodass er die Meinung entwickelte, die beiden Völker können sich nicht leiden.
Trotz dieses vermeintlichen Hasses lebt Erysein ein angenehmes Leben. Jedenfalls so  angenehm wie ein einzelner Mensch unter Elben nun mal leben kann.
Er bekam eine unfassende Ausbildung in allen Dingen, die man sich vorstellen konnte. Sein Wissen umfasste die Heilkunst, das Beherrschen mehrerer Sprachen - gemeines Elbisch, die gemeine Sprache der Menschen, Zwergisch und die alte Sprache der Valyaner, sowie einige anderen. In der Geschichte kannte er sich sehr gut aus; sowohl in der Geschichte der Cith`ren, als auch einige wichtige Daten aus der 'Welt der Menschen'. Er konnte jeden Baum, jede Pflanze, jeden Vogel und jedes andere Tier bestimmen. In Jagen war er fast so gut wie die Elben; er konnte sich an einen Hirsch anschleichen und ihn berühren. Auch in der Alchemie sowie Magie war er unterrichtet wurden; auch wenn diese Stunden ihn nie so richtig interessiert hatten. Das einzige, was ihn interessiert hatte, war die Kampfausbildung. Er konnte mit bloßen Händen kämpfen, mit Stöcken, Knüppel und Dolche. Auch Äxte, Lanzen, Morgensterne konnte er fehlerfrei bedienen. Und dann noch das Schwert! Egal ob Ein- oder Zweihänder, egal ob Elbenklingen - wie das Krèan`seal oder das Othakà - oder 'Menschenschwerter'. Es machte ihm gewaltigen Spaß und Lansir Quirlev, sein Meister, war immer mehr Freund als Lehrer geworden.
Doch Erysein besaß nicht nur Freunde. Viele unter den Cith`ren misstrauten, einige hassten ihn sogar.
Ein Falke tauchte auf und zog Kreise über Erysein, der sich nun wieder aufrichtete. Sofort flog der stolze Vogel auf dessen rechte Schulter.
Es klopfte und Haemon, der Kammerdiener seines Ziehvaters Eloris Yillyor, kam herein. Er verbeugte sich und verkündete, dass Lansir ihn in zehn Minuten in der Übungshalle erwartete.
Völlig erfreut zog Erysein sich um. Seine alten Sachen schmiss er ohne Beachtung aufs Bett, kramte im Schrank herum, bis er seine Kampfkleidung gefunden hatte und sie auch aufs Bett legte. Danach ging er in ein Nebenzimmer, wo eine Schüssel mit glasklarem eiskaltem Wasser sich befand. Er beugte sich über sie und betrachtete kurz sein Gesicht. Das Spiegelbild, das ihm entgegen blickte, sah noch jung aus - er würde in wenigen Wochen zwanzig werden. Das rabenschwarze kurze Haar (er war der einzige in Noar Gardar, der es kurz trug) hing bis zu seinen Schultern und sah gepflegt aus. Ein kleiner Flaum befand sich unterm Mund, ebenso auch unter der Nase. Er schüttelte kurz den Kopf und wusch sein Gesicht mit dem Wasser.
Danach zog er ein leichtes weißes Hemd an und eine grüne neu geflickte Hose, die ihm bis über die Knie reichte. Ein einfacher Gürtel mit einer Scheide fürs Schwert band er sich um und schlüpfte in eine nagelneue dunkelbraune ärmellose Weste. Ein dunkles rotes Band trug er als Stirnband, da er schon jetzt wusste, dass er ins Schwitzen kommen würde. Ganz zum Schluss kämmte er sein Haar und er verließ sein Zimmer.
Heute werde ich Meister Lansir zeigen, wie gut ich bin! Mit diesem Vorsatz begab er sich zur Übungshalle.

Erysein stand alleine in der Halle der Schwertmeister auf dem Übungsplatz und versuchte den Anweisungen, die in seinem Kopf schwirrten, folge zu leisten. Seine Gedanken wurden immer leerer und undeutlicher - er brauchte sie nicht mehr und schmiss sie aus seinem Kopf. Dies machte er so lange, bis er keine Gefühle, sondern nur noch Leere verspürte und sein Gewicht auf sein rechtes Bein verlagerte. Sein linkes winkelte er an und so stand er nur noch auf einem Bein, die Arme vor der Brust verschränkt.
So stand er noch da, als Lansir Quirlev mit wehendem Umhang in die Übungshalle kam. Er blickte um sich, entdeckte seinen Schüler und ein Lächeln tauchte kurz auf. Er mochte diesen Menschen wirklich sehr, da dieser lehrbegierig, schnell und nicht gerade dumm war. Auch wusste der Elb, dass es schon heute sein konnte, wo Erysein ihn in einem Zweikampf besiegen würde und der junge Mensch würde dann ein vollständig ausgebildeter Schwertkämpfer sein. Sicher gab es noch einige Dinge, die der Junge noch lernen musste, doch die wichtigsten Grundlagen beherrschte er wie im Schlafe und das war wirklich gut... und wichtig.
"Mache deinen Rücken gerade und konzentriere dich auf den Kampf, Jarajav!" sprach der Elb und streifte seinen Umhang ab. Danach nahm er seine eigene Klinge, schwang sie ein paar Mal durch die Luft und trat auf den jungen Mann zu. Dieser versuchte den Anweisungen nachzukommen und wiegte sein eigenes Schwert in der rechten Hand.
Lansir wechselte sein Schwert Arjwaxthek in die linke Hand und schloss die Augen, um seinen Geist auf den bevorstehenden Kampf vorzubereiten. Dabei sang er leise und machte verschiedene Muskelübungen, um seinen Körper zu entspannen. Der lange Ritt, von dem er kam, hatte seine Gelenke doch schon ein wenig eingerostet. Aber es dauerte keine zehn Minuten und der Elb war fertig. Er öffnete die Augen, wechselte wieder das Schwert in die andere Hand und blickte seinen Schüler genau an. Und wieder wunderte sich der Cith, wie ein junger Mensch mit einer Elbenklinge perfekt umgehen konnte, ohne sich selber oder andere ungewollt zu verletzen.
Erysein hoffte, dass er heute mal seinen Meister besiegen würde, denn dann wäre er für die große Blutprüfung bereit und endlich ein richtiger Schwertkämpfer.
"Erysein! Konzentriere dich besser, es sei denn, du willst heute mit Absicht verlieren. Dies jedoch kann ich mir nicht vorstellen."
Der junge Mann fuhr ungewollt zusammen und drehte sich blitzschnell um. Es war nicht sein Meister, der gesprochen hatte, sondern sein Ziehvater Eloris Yillyor. Dieser kam mit Galorond, seinem Sohn, und mit Gil-Arawn herein. Erysein stotterte überrascht - denn damit hatte er bestimmt nicht gerechnet - einen Gruß und verbeugte sich vor dem König. Dieser lächelte milde und meinte, er solle sich nicht stören lassen und mit der Vorbereitung unbeirrt fortfahren. Der Mensch nickte und drehte sich wieder um, um weiter zu machen.
Die drei unerwarteten Besucher setzten sich am Rand auf den Plätzen der Bühne und betrachteten den jungen baldigen Krieger. Galorond, der jüngste von ihnen, verschränkte die Arme, lehnte sich zurück und meinte:
"Er wird heute besser sein, so wie er in den letzten Tagen geübt hatte. Immer, wenn er Zeit hatte, kam er sofort hierher und blieb meistens bis zum Abendbrot. Heute wird er siegen!"
"Wenn du es sagst", sprach sein Vater. "Aber ich finde, es ist noch zu zeitig. Immerhin ist er erst bald zwanzig und hat noch sein ganzes Leben vor sich. Er solle es deshalb nicht übertreiben, denn davon hat er nichts."
"Dennoch ist er heute besser. Wollen wir wetten?"
"Hier zu Hause wird nicht gewettet, das solltest du wissen!"
Der König beteiligte sich nicht an dem Gespräch, sondern blickte interessiert zu dem jungen Mann, der krampfhaft versucht, sein Gleichgewicht zu finden. Wenn es stimmen würde und Galorond Recht hatte, dann wäre der Mann bald einer der besten Schwertführer, den es je gab - unter den Menschen natürlich - und würde dann auch ein ernsthafter Gegner von dem Bösen werden. Und jeden guten Kämpfer konnte man gebrauchen, egal ob jung oder alt.
Erysein stand wenig später vor seinem Lehrmeister und wusste, dass es jetzt ernst werden würde. Er musste einfach gewinnen, er wollte dies und hoffte, dass es klappen würde. Unsicher blickte er Lansir an, dieser nickte kaum merklich und gab zu verstehen, dass es endlich losgehen konnte. Der junge Mann nickte, nahm sein Schwert senkrecht vor sich und tat den rechten Fuß ein wenig nach vorn. Dann verlagerte er sein Gleichgewicht nach hinten, verharrte kurz und drehte sich dann blitzschnell nach vorne, wobei er sein Schwert nach vorne stieß. Lansir schwang sich leicht nach links und die Klinge rauschte in die Luft. Was aber der Lehrmeister nicht wissen konnte, war, dass der Mann dies mit Absicht gemacht hatte und nun fast gleichzeitig sein Schwert auch nach links führte und dabei in die Hocke ging, um mehr Kraft aufbringen zu können. Überrascht konnte Lansir nur ganz knapp seine eigene Klinge herumziehen und ein Klirr entstand, als Stahl auf Stahl traf.
Lansir nickte bewundernd, riss sein Schwert um neunzig Grad herum, ging dabei in die Hocke und sprang wieder schnell hoch, während er seine Waffe nach vorn stieß. Der junge Mann warf sich flach auf den Boden, rollte sich blitzschnell ab und war einige Sekunden später wieder auf den Beinen. Danach trat er drei Schritte zurück und blieb wartend mit erhobenem Schwert stehen.
"Du hast wirklich geübt!", gab sein Lehrmeister aufrichtig zu und wiegte Arjwaxthek in der rechten Hand.
Erysein nickte leichte, verbeugte sich und griff wieder an.
Der Elb wartete und als sein Gegner näher kam, schwenkte er einige Sekunden, warf sein Schwert hoch, rammte die linke Faust vor. Erysein war davon so überrascht, dass er den Faustschlag mit voller Wucht abbekam und nach hinten taumelte. Doch fing er sich schnell und ging - nein - rannte wieder nach vorne, wobei er sein Schwert in der Hand drehte und immer wieder so tat, als wolle er angreifen. Lansir bemerkte die Finten, fing sein Schwert wieder auf und griff deshalb auch selber an, da er den Kampf nun schnell zu Ende bringen wollte. Er schlug unablässig auf den Mensch ein, und dieser konnte nur mit Müh und Not die Schläge parieren. Jedenfalls sah es so aus.
Bringen wir es jetzt schnell zu Ende!
Erysein ging schnell in die Hocke, streckte sein rechtes Bein hervor und drehte sich so mehrmals um die eigene Achse. Lansir sprang immer wieder über das ausgestreckte Bein weg, sodass er aufhörte das Schwert zu schwingen. Der junge Mann sprang deshalb schnell auf, nahm die breite Seite der Klinge und rammte die mit voller Kraft in die Magengegend des Elben. Dieser stöhnte ungewollt auf und griff mit den Händen zu dieser  Stelle. Sein Gegner wartete aber nicht, sondern schlug wieder mit der breiten Seite zu, sodass Lansir Arjwaxthek fallen lassen musste und ein rotes Muster auf dessen Hand erschien.
Als das Schwert des Elben scheppernd zu Boden ging, standen die drei  Zuschauer erstaunt auf und blickten interessiert zu dem Schwert, das nun im Sand lag. Danach blickten sie zu dem jungen Mann, der nun vor Lansir stand und seine eigene Klinge in der rechten Hand in der Luft hin und her drehte.
Lansir wollte zu seiner Klinge springen, doch ehe er sich versah, hatte er eine scharfe Kante an seinem Hals. Erysein lächelte und trat mit dem einem Bein auf Arjwaxthek, sodass der Elb das Schwert nicht heben konnte.
"Sie haben verloren, Lelansar!" sprach Erysein und nahm die Klinge von dem Elben weg. Danach steckte er sie in die Scheide und verbeugte sich.
"Das wird einen schönen roten Fleck geben", flüsterte Lansir, als er seine Hand betrachtete. Danach verbeugte er sich selber und hob sein Schwert auf. "Meinen Glückwunsch, Erysein! Ich hätte es wirklich nicht gedacht, dass du mich heute besiegen würdest. Man merkt, dass du geübt hast. Meinen Glückwunsch!"
Er verbeugte sich noch mal, drehte sich dann um und ging taumelnd aus der Übungshalle. Er selber konnte sich nicht sagen, ob er nun froh war, oder wohl eher beleidigt. Noch nie hatte es einen Menschen gegeben, der ihn besiegen konnte.  Und dann noch so ein junger Sprössling...
Erysein blickte seinem Meister hinterher und wusste nicht, was er machen sollte. Zugegeben, er hatte gewonnen, doch war es dies auch wert? Immerhin hatte er die beste Zeit seines Lebens mit Lansir Quirlev verbracht. Sollte diese jetzt vorbei sein? Er schüttelte den Kopf und spürte eine Hand auf seiner Schulter. Verstört drehte er den Kopf zur Seite und sah seinen Ziehvater an.
"Ja?", fragte der junge Mann und schaute wieder nach vorne.
"Komm nachher in mein Zimmer - wir haben viel zu besprechen und noch einige Dinge zu erledigen. Du gehst aber vorher zu Carsek Winlek, damit er dich zur Waffenhalle begleitet. Du hast Lansir in einem fairen Kampf besiegt, nun kannst du dir eine eigene Waffe aussuchen. Sie aussuchen und ihr den rechtmäßigen Namen geben!"
"Wieso", fragte Erysein und sah nun wieder seinen Ziehvater an. "Es war doch nur Übung ... erst muss ich ihn doch in einer Prüfung besiegen!"
Der Fürst lächelte nun leicht und klopfte dem Mann auf die Schulter.
"Deine Prüfung war heute! Lansir war der Meinung, dass du am besten konzentriert bist, wenn du es nicht weißt." Dann jedoch wurde er wieder ernst. "Lass es dir aber nicht zu Kopf steigen! Und nun geh!"
 

© Nadine Stroscher
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