Calvin und Clymore von Sue Falkenkralle
Kapitel 2

Als Clymore aufwachte, tat er dies vorsichtig und sah sich erstmal unter halbgeschlossenen Lidern um. Er befand sich in einem abgedunkelten Raum, der ständig hin und her wackelte. Durch einen Schlitz in der Decke fiel Tageslicht auf die gegenüberliegende Seite der Kammer. Von dort hörte Clymore lautes Gewimmer, unterbrochen von noch lautererem Schnarchen. Verwirrt setzt er sich auf und versuchte Einzelheiten zu erkennen. Er befand sich in einer Kutsche. Zumindest schloss er das aus der Größe, beziehungsweise der Kleine des Raums und der Beschaffenheit der Wände. Und es würde das ständige Geholper erklären.
Das Wimmern kam von einem großen, braunen Stoffballen an der anderen Seite der Kutsche. Vorsichtig versuchte Clymore sich aufzurichten, wobei er sich an den eisenbeschlagenen Holzwänden abstützen musste, nur um sich den Kopf an der niedrigen Decke zu stoßen.
Fluchend ließ er sich zurück sinken.
Das war alles totaler Mist! Wieso passierte ausgerechnet ihm so was? Seufzend kroch er zu dem Stoffbündel und rüttelte es wach. Überrascht registrierte er, dass es sich um den beleibten Pfarrer handelte.
"Was macht ihr denn hier?" fragte er die jämmerliche Gestalt.
"Was? D...das g...gleiche könn....önnte i...ich d...dich fr...fragen, B...bursche!" Bei jedem holpern schlugen seine Zähne aufeinander, so dass Clymore einen Moment brauchte, um aus dem Gestammel einen Satz zu entnehmen.
"Ja, könntest du." Bei diesem Penner konnte er das kirchliche "ihr" getrost weglassen. "Ich hab aber zuerst gefragt. Also, antworte!"
Der ältere sah ihn beleidigt an.
"Also erstmal, mein Name ist Calvin. Vater Calvin wenn ich bitten darf. Und was ich hier mache..." leicht verlegen sah er Clymore an. "Das kannst du mir nicht zufällig sagen oder?"
Stöhnend ließ sich der Junge gegen die nächste Wand sinken.  Hier saß er nun fest, in einer Kutsche die sonst wohin fuhr, zusammen mit einem kirchlichen Trottel und Meilen von seinem Bestimmungsort entfernt. Und sein Onkel auf dem Hof meinte er hätte ein kompliziertes Leben.

Die nächsten Tage verbrachte Clymore in einem Dämmerzustand, aus dem er nur ab und zu bei einem besonders lauten Schnarchen Calvins aufschreckte. Die Wunde, die der Speer auf seinem Rücken zurückgelassen hatte, war schnell zugeheilt, hatte aber fürchterlich zu jucken angefangen.
Das Beben der Kutsche wurde manchmal stärker manchmal schwächer und je nachdem träumte er von Erdbeben oder Getrippel von Mäusefüßen.
Am vierten oder fünften Tag träumte Clymore allerdings vom Meer. Was sich darin erklärte, dass er klitschnass aufwachte. Das Dach war so exzelent abgedichtet wie man es nur von Soldaten der Garde erwarten konnte.
"Du weißt wirklich nicht, was sie von uns wollen, oder?" Calvin hatte mehrmals versucht ein Gespräch anzufangen, wurde von Clymore aber gezielt übersehen. Jetzt war ihm allerdings alles recht um sich von der Kälte ab zu lenken.
"Woher denn?" Er musterte sein Gegenüber. Sein Gesicht war nicht mehr ganz so pausbäckig und jetzt, wo es nicht mehr vom Alkohol gerötet war, konnte er erkennen, dass der Pfarrer nur wenige Jahre älter als er selbst war. Mit den strohblonden, ins Gesicht hängenden Haaren sah er eher wie ein Wirt aus als wie ein Geistlicher.
"Na ja, irgendwie scheinst du der Grund zu sein, weswegen ich hier bin." Calvin schien etwas verlegen. "Sie meinten, ich wäre schuld daran, dass Teufelsanbeter ihren Weg in meine Gemeinde gefunden haben. Aber um ehrlich zu sein wirkst du auf mich nicht wie ein Satanist."
"So, tue ich nicht?" beinahe hatte er gelacht, riss sich aber zusammen, als er den niedergeschlagenen Gesichtsausdruck Calvins sah. "Wieso fragst du mich überhaupt, wenn du weißt, wieso wir gefangen genommen wurden?"
"Ich weiß, wessen sie uns beschuldigen, aber nicht weshalb sie es tun. Ich kann doch nichts dafür, dass die Kirche eingestürzt ist."
"Nun", Clymore konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. "Ist saufen nicht eine Todsünde?"
"Quatsch!" Überrascht von der heftigen Reaktion wich der junge Mann zurück, soweit es in der Kutsche eben ging.
"Wenn das so wäre, hätte sich mindestens die Hälfte der Gläubigen von der Kirche abgewandt. Außerdem, wenn man hier irgendwo in den Grenzlanden etwas Göttliches sehen will, muss man sich schon kräftig voll laufen lassen."
"Wie theologisch!"
Wieder etwas verlegen wandte sich der Geistliche ab.
"Ich weiß, es klingt nicht so wie es sollte. Weißt du, als ich meine Weihe hinter mir hatte, war ich entschlossen, den Glauben in die Grenzregionen zu bringen. Das war vor einem Jahr. Ein Jahr hat gereicht mir dir Realität zu zeigen."
"Wieso schmeißt du den Job nicht einfach hin?"
"Was! Du hast nicht die geringste Ahnung von der Kirche, oder? Man kann diesen Job nicht einfach `hinschmeißen´."
"Ach, hör doch auf. Was soll sie schon tun? Dich umbringen?"
Der kalte Blick Calvins beendete das Gespräch für den Rest des Tages.
 

© Sue Falkenkralle
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Und bestimmt schon bald geht's hier weiter zum 3. Kapitel...

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