Diese Geschichte ist ab 2005 am Drachentaler Wettbewerb leider nicht mehr teilnahmeberechtigt,
da sie in den vorherigen Jahren zu wenig Punkte erhalten hat.
 
Das Buch von Clemens Binder

Ein Schauer lief mir über den Rücken. Wer waren bloß all diese Skelette hier gewesen? Vielleicht waren es ja Abenteurer wie ich, die auch von dem alten Mann gebeten wurden, irgend so ein dämliches Buch einer Halle zu holen. Gruselig sahen sie jedenfalls aus. Besonders der Anblick eines enorm großen Skelettes zu meiner Linken erfüllte mich mit Grauen. Es lehnte an der Wand und hatte sein Schwert noch in der Hand. Von seinem Gesicht hingen Hautfetzen herab und ein Hut hing über seine rechte Gesichtshälfte. "Sie sind alle tot", sagte ich mir. "Es ist kein bisschen Leben in ihnen!" Langsam legte sich das Entsetzen in mir wieder und gab mir wieder Platz für andere Gedanken. Ich war eigentlich wirklich kein ängstlicher Mensch, aber was ich hier sah... Überall nur Skelette!
Ich konzentrierte mich wieder auf den Weg, um mich nicht in diesem unendlichen Gewirr aus Gängen, Treppen, Hallen und Spinnweben zu verirren und ein ähnliches Schicksal wie diese Skelette hier zu erleiden. "Dies muss die Treppe sein von der der Alte sprach", überlegte ich mir. "Die Treppe wirst du nicht verfehlen. Schau auf den Boden. Dort ist ein großes Pentagramm. Hüte dich davor, es zu berühren, vor allem wenn du zurückkehrst! Gehe dann die Treppe hinunter. Sie wird dir zuerst lang erscheinen, doch wenn du sie hinter dir hast, bist du am Ziel. Nimm dir das Buch, das dort in der Mitte der Halle liegt und kehre so schnell wie möglich zu mir zurück." Das hatte der Alte zu mir gesagt. Oben an der Erdoberfläche im Sonnenschein! Was hätte ich jetzt dafür gegeben, im warmen Schein der Sonne zu stehen! Anstatt hier in irgendeinem kalten Verlies herumzuirren. Aber es half alles nichts, ich war nun eben mal hier in dieser Gruft und musste das Beste daraus machen! Ich schaute noch einmal auf das Pentagramm und lief dann daran vorbei in Richtung Treppe. Ich streckte meine Hand mit der Fackel vor, um das Ende der Treppe zu sehen. Aber ich sah nichts - außer Schwärze. Sie verlor sich irgendwo in der Dunkelheit. Ich fragte mich, woher der alte Mann das alles so genau wusste. Zögernd ging ich die Treppe hinunter. Nach drei oder vier Schritten stand ich in einer riesigen Halle. Wie konnte das sein? Ich drehte mich um und schaute zurück. Die Treppe hatte wirklich nur vier Stufen! Ich verspürte den dringenden Wunsch, aus dieser Gruft hier herauszukommen. Schnell lief ich in die Mitte der Halle, um das Buch, das dort wirklich genau in der Mitte lag, zu holen. Doch ein paar Schritte vor dem Buch zögerte ich. Auch um das Buch war ein Pentagramm gezogen. Blutrot, als hätte es wirklich jemand frisch dort mit Blut hingemalt, leuchtete es mir entgegen. Aber es war unmöglich, dass jemand in den letzten Jahren schon hier gewesen war, denn der ganze Boden der Halle war mit einer dicken Staubschicht überzogen. Ich beugte mich nach vorne und hob das Buch auf, achtete dabei aber darauf, das Pentagramm auf keinen Fall zu berühren. Das Buch wog, obwohl es wohl eins der größten und dicksten war, fast gar nichts. Schnell klemmte ich es mir unter den Arm, um so schnell wie möglich zu verschwinden. Das Alles war mir ganz und gar nicht geheuer.
Ich rannte zur Treppe, doch sie hatte auf einmal viel mehr Stufen als vier. Nun begriff ich: Die Treppe sollte es mir schwer machen, die Halle mit dem Buch zu verlassen. Von Panik ergriffen, rannte ich so schnell ich konnte die Treppe hinauf. Doch sie wollte einfach nicht aufhören. Endlich hatte ich alle Stufen hinter mir. Ich hatte sie zwar nicht gezählt, aber es waren sicher an die Tausend gewesen. Nun musste ich wieder an dem Pentagramm vorbei. Doch, kaum zu glauben, es hatte sich an Größe mindestens verdoppelt, sodass es den ganzen Platz zwischen Treppe und Gang einnahm. Vorbeizukommen, ohne es zu berühren, war eigentlich unmöglich. Ich wusste zwar nicht was passieren würde, wenn ich das Pentagramm berühren würde, aber ich konnte mir denken, dass das auf keinen Fall zu meinem Vorteil wäre. Aber in einem war ich mir ganz sicher: Das Buch hatte mir den ganzen Ärger eingebrockt! Schließlich entschied ich mich dafür, zu springen. Ich nahm Anlauf, soweit das auf der Treppe möglich war, und sprang. Ohne Fackel, Schwert und Buch hätte ich es vielleicht sogar geschafft, aber so schaffte ich es nicht. Zwei Schritte fehlten mir. Für einen Bruchteil eines Augenblicks wurde das Buch bestialisch heiß. Gleichzeitig spürte ich, so komisch es sich auch anhört, dass das Buch triumphierte. Mit offenem Mund sah ich, wie sich alle Skelette um mich herum aufrichteten und mit gezogenen Waffen auf mich zuliefen. Schnell zog auch ich meine Waffe, um mich ihnen im Kampf zu stellen. Und im Kampf hatte ich wahrhaftig Übung! Mit einer Frontattacke hieb ich gleich Zweien den Kopf ab. Die Köpfe fielen zu Boden. Doch kaum dass sie den Boden richtig berührten, schwebten sie zurück zwischen die Schulterblätter der Angreifer! Das Buch wollte mich mit all seiner Macht, der ich wohl kaum gewachsen war, daran hindern, dass ich es dem alten Mann gebe. Mir blieb nur noch eins übrig, wenn ich nicht von einer Horde scheinbar unsterblicher, kampfwütiger Skeletten zermetzelt werden wollte: Rennen! Ich duckte mich unter den Skeletten hindurch, doch dahinter waren noch mehr! Wahrscheinlich waren sie von überall aus dem Verlies hierher gekommen. Ich hieb um mich, denn damit konnte ich sie wenigstens für ein paar Augenblicke kampfunfähig machen. So arbeitete ich mich immer weiter vorwärts. Auf einmal spürte ich einen stechenden Schmerz an meiner Schwerthand; eins der Skelette hatte mir einen Dolch in die Hand gerammt! Vor Schreck ließ ich mein Schwert fallen. Doch umkehren konnte ich auf keinen Fall. Von jetzt an musste ich mich eben mit der Fackel verteidigen. Plötzlich ging eins der Skelette in Flammen auf. Das Feuer breitete sich schnell aus. Ganz unsterblich waren sie also auch nicht. Schnell bahnte ich mir einen Weg durch die in Panik geratenen Knochenwesen. Sie machten mir keine Schwierigkeiten mehr. Fast zu spät bemerkte ich, dass auch meine Kleidung Feuer gefangen hatte. Schnell zerschnitt ich sie mit einem Dolch, den ich noch immer bei mir hatte, und schleuderte sie weg. Ich rannte weiter, doch der Gang wollte einfach kein Ende nehmen. Endlich sah ich am Ende des Ganges Licht! Mit meinen letzten Kraftreserven rannte ich weiter.
Doch auch das Buch hatte noch nicht aufgegeben. Es fing auf einmal an zu brennen. Aber es nahm keinen Schaden, denn es war ein magisches Feuer. Ich spürte wie sich Brandblasen auf meinen Händen bildeten. Schreiend ließ ich das Buch fallen. "Willst du etwa jetzt so kurz vor dem Ziel aufgeben?", schoss es mir durch den Kopf. Ich biss mir auf die Lippen, hob das Buch auf und rannte weiter. Noch 50 Schritte... 40... 30... 20... 10... Ich war wieder im Freien! Ich lief noch ein paar Schritte, stolperte und fiel hin.

Als ich wieder aufwachte, lag ich auf einem Strohsack. Ich wusste nicht wo ich war und was geschehen war. Aber das war mir auch egal. Alles an meinem Körper tat mir weh. Ich lag einfach da und schaute in den Himmel. Plötzlich konnte ich mich wieder an alles erinnern. Das Buch... die Halle... das Pentagramm... die Skelette. Ich drehte mich auf die Seite. Dort saß der alte Mann. "Du hast es geschafft", sagte er anerkennend. Ich wollte ihm antworten, doch ich brachte nur ein Krächzen zustande. "Es ist wahrscheinlich besser, wenn du dich noch einmal hinlegst und schläfst." "Woher kommt das Buch? Wer hat es geschrieben?", krächzte ich. Der Alte seufzte. "Gut, wenn du es unbedingt jetzt gleich wissen willst. Kennst du die Geschichte von Hohred il Hahred, dem Schwarzmagier? Na ja, ich erzähle sie dir lieber noch mal: Also, vor vielen, vielen Menschenleben lebte hier in dieser Gegend ein Meister der schwarzen Magie. Er machte viele Leute zu seinen willenslosen Sklaven und verbreitete Angst und Schrecken. Die Leute nannten ihn auch oft den Grausamsten aller Grausamen. Der Schwarzmagier war stolz auf diesen Titel und nannte sich selber auch so. Und in der Sprache, mit der Schwarzmagier sich verständigen, heißt das Hohred il Hahred. Schließlich schrieb er in ein dickes schwarzes Buch alle Geheimnisse der schwarzen Magie. Schließlich kam ein weißer Magier und verbannte ihn in sein Buch. Doch er lebte in dem Buch weiter. Er verbreitete weiterhin Schrecken, denn er verfügte noch über seine riesige Armee von Sklaven. In einer Prophezeiung hieß es, dass ein junger Abenteurer kommen und das Buch zu einem alten weisen Druiden bringen würde. Dieser würde das Buch dann verbrennen." "Dann bist du der alte weise Druide! Und du hast das Buch einfach verbrannt?" Der Alte schmunzelte: "Nun ja, so einfach verbrennen konnte man es nicht. Ich habe schon einen Haufen Magie benötigt. Und es hat mich auch ziemlich angestrengt, deshalb sollten wir beide noch ein bisschen schlafen. Du siehst nämlich auch so aus als könntest du ein bisschen Erholung gebrauchen. Keine Angst, ich bekomm dich schon wieder hin!" Ich schaute an mir herunter. An den Beinen hatte ich unzählige Kratzer und Schnittwunden. Mein Oberkörper sah noch einigermaßen normal aus, abgesehen von den vielen blauen Flecken. Dort hatte ich ein Panzerhemd getragen. Aber meine Arme! Obwohl ich den Heilkünsten des alten Druiden vertraute, hatte ich Zweifel, ob er die wieder hinbekommen würde. An meinen Händen war alles voll mit Brandblasen! Und an der Rechten hatte ich auch noch eine eiternde Stichwunde. Erschöpft ließ ich mich wieder aufs Stroh sinken. Noch im Einschlafen freute ich mich schon auf mein nächstes Abenteuer.
 

© Clemens Binder
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