Dudelsack und Vogelfedern von Latsi
9. Kapitel: Von Werwölfen und Pilzen

Das Feuer flackerte unruhig. Ferdinand hockte davor, die Knie mit den Armen umschlungen, und horchte in die Dunkelheit. Viel konnte er allerdings nicht hören, denn zu seiner Rechten schmatzte Jonathan im Schlaf, während von links Konstantins erschreckend unregelmäßiges Schnarchen ihn immer wieder nervös zusammenfahren ließ. Und ab und zu winselte das Hündchen im Traum. Nur von Lady Anna war nichts zu hören, die schlief lautlos wie eine Lady es tun sollte.
Ferdinand hielt Wache. Schlafen konnte er hier unter der riesigen Tanne im nächtlichen Dunkelwald sowieso nicht, und einer musste schließlich aufpassen. Die Räuber konnten schließlich wiederkommen - oder die richtigen Trolle, von denen im "Gefleckten Flusskrebs" immer erzählt wurde... Einem Säbelzahntiger waren sie auch immer noch nicht begegnet, und Ferdinand hatte sich inzwischen so seine Theorie darüber zurechtgelegt: Was wäre, wenn diese ganzen wilden Wesen des Dunkelwaldes erst nachts, wenn man sich in Sicherheit wiegte, aus ihren Verstecken hervorkamen und zum Angriff übergingen?
Sicherheitshalber legte er noch etwas Holz nach, damit das Feuer nicht kleiner wurde. Böse Geschöpfe des Waldes fürchteten sich doch vor Feuer, oder? ODER?
Etwas raschelte neben ihm. Ferdinand fuhr hoch und starrte entsetzt in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Jetzt - im flackernden Licht des Feuers glänzten zwei tückische, schwarze Augen. Schnurrhaare waren zu sehen, zwei runde Ohren...
Ach so, nur eine Maus. Ferdinand sank wieder in sich zusammen. Das alles ging ihm doch sehr an die schwachen Nerven. Er schloss die Augen und massierte sich die Schläfen zur Beruhigung. Manchmal half das.
"He du, Kumpel!"
"Ommmm", machte Ferdinand. Die rauhe Stimme war natürlich nur in seiner Einbildung dagewesen.
Die Stimme kicherte albern. "Jo, jo - dir auch Omm."
Eine zweite Stimme bemerkte: "Du bist doof."
Ferdinand riss die Augen auf. Keine Einbildung. Direkt vor ihm, mitten im Feuer, standen zwei sehr seltsame, unheimliche Typen und grinsten ihn mit langen Schnauzen voller Reißzähne an. Graues Fell bedeckte ihre athletischen Körper, und ihre Augen leuchteten gelb. Werwölfe. Das mussten Werwölfe sein. Schlimmer hätte es ja wohl nicht kommen können. Ferdinand quiekte entsetzt auf.
"Kein Grund zur Panik, Feuer macht unsereinem nix aus." Hinter ihm stand also auch noch einer der Kerle. Vorsichtig drehte er den Kopf. Dieses Exemplar war noch größer als die anderen beiden. In der einen Hand hielt er etwas, das verdächtig an eine Keule erinnerte. "Na los, kommts schon 'naus aus dem Feuer, Freunde, der arme Kleine kriegt davon Angst."
Gehorsam stiefelten die beiden Werwölfe aus dem Feuer, schüttelten ein paar Funken aus dem Fell und hockten sich neben den völlig erstarrten Ferdinand.
"He, alles in Butter, Alter", erklärte der zu seiner Rechten und legte ihm die Pranke auf die Schulter, "kein Grund zur Sorge."
"Ey, Wolfgang, gib ihm doch mal 'n Bierchen zur Beru- hicks, schuldigung, - Beruhigung", forderte der linke.
Der große Werwolf drückte Ferdinand etwas Kühles, Zylindrisches in die Hand und hockte sich dann dazu, den schnorchelnden Konstantin einfach etwas beiseiteschiebend, was diesen überhaupt nicht störte. Wohlig drehte er sich auf die andere Seite.
Ferdinand starrte auf die Flasche in seiner Hand und begann zu vermuten, dass er vielleicht auch eingeschlafen war und jetzt träumte. Blöder Traum. Naja, aber dann konnte man ja das Beste daraus machen. Er setzte die Flasche an den Mund und nippte. Hm, das schien richtig gutes Weizenbier zu sein! Er trank noch einen Schluck. Und noch einen.
"Na siehste, Kumpel, so sieht die Welt doch schon anders aus, was?" gröhlte der links sitzende Werwolf und schlug Ferdinand wohlwollend mit seiner krallenbewehrten Tatze auf den Rücken.
"Aua!" ächzte Ferdinand und begann zu begreifen, dass das hier kein Traum war.
"Oh, tut mir leid", versicherte der Werwolf kleinlaut, "Ich bin übrigens der Lupp, und das da", er deutete auf den rechts Sitzenden, "ist der Pussy."
"Und ich bin Wolfgang!" verkündete der Große, wobei Ferdinand zum ersten Mal der wienerische Akzent auffiel. "Und wie heißt du?"
"Ferdinand", piepste Ferdinand und trank noch einen Schluck aus der Flasche, nur um etwas zu tun zu haben.
"Ich hatt mal 'n Arbeitskollegen in der Brauerei damals, der hieß auch Ferdinand. Oder nee, Felix. Is ja auch gleich", sinnierte Wolfgang.
"Unser Wolferl war nämlich bevor er Werwolf wurde Brauer. Un ich war - äh, lass mich ma nachdenken... ach ja, Schuster. Is das nich öde? Hier isses jedenfalls viel lustiger. Prost!" Lupp hob die Flasche und trank sie in einem Zug aus.
Pussy nickte fortwährend. Er schien inzwischen schon recht betrunken zu sein. "Wir feiheiern nämlich Lubibbiläum heude", erklärte er und setzte einen Flachmann an die Schnauze.
"Was für ein Jubiläum?" wagte Ferdinand zu fragen.
"Hundertvierunddreißig Jahre Werwolf!" erklärte Lupp, "Feierste mit uns?"
"Hundertvierunddreißig?" wunderte sich Ferdinand und vergaß fast, sich zu fürchten.
"Warum nicht? Is doch genauso ein Grund zum Feiern wie eine runde Zahl, oder?" grinste Wolfgang.
Ferdinand dachte kurz nach. "Eigentlich habt ihr Recht", stellte er dann fest, hob die Flasche und prostete den Werwölfen zu.

Als Konstantin am nächsten Morgen erwachte, fühlte er sich ausgeruht und tatendurstig. Das Feuer war nicht ganz ausgegangen, was ihn etwas verwunderte. Die anderen schliefen noch. Konstantin begann leise damit, Kaffee zu kochen.
Der Duft weckte Jonathan und Lady Anna schnell auf. Nur Ferdinand rührte sich nicht, so dass Konstantin schließlich zu ihm hinüberging und ihn wachrüttelte.
Ein gequältes Stöhnen war die einzige Reaktion. Konstantin rüttelte noch einmal.
"Lass ds, Wolfrl", murmelte Ferdinand und rührte sich immer noch nicht. Lady Anna brachte mit einem sehr breiten Grinsen einen Becher mit eiskaltem Wasser aus der Quelle nahe bei ihrem Lagerplatz herbei und schüttete ihn Ferdinand ins Gesicht.
"Haaa!" machte der, setzte sich auf - und fasste sich sofort mit schmerzverzerrtem Gesicht an den Kopf.
"Was ist denn mit Euch los?" fragte Konstantin mitleidig.
"Auuhaa, mein Schädel... die Werwölfe... Bier...", faselte Ferdinand zusammenhanglos. Konstantin drückte ihm erst mal eine Tasse Kaffee in die Hand, die er auch dankbar annahm.
"Sieht mir ja ganz nach Kater aus", bemerkte Lady Anna und deutete mit dem Finger auf die Batterie leerer Flaschen neben Ferdinand, die Konstantin bis dahin gar nicht bemerkt hatte.
"Wo kommen die denn her?" wunderte sich Jonathan.
"Von den Werwölfen", erklärte Ferdinand mühsam.
Die drei anderen sahen sich vielsagend an. "Ahja... nun, trinkt Euren Kaffee aus, wir wollen schließlich weiter, oder?" sagte Konstantin. Während er seine Kaffeetasse ausspülte, sah er, wie Jonathan mit rotem Gesicht seinen Arm ganz vorsichtig um Lady Annas Schultern legte. Sie strahlte.
"Hrr-hm", machte er, als er ans Feuer zurückkam, "wäre es eigentlich sehr unhöflich, wenn ich euch beide bitten würde, uns den vorderen Teil eurer Geschichte zu erzählen, nachdem wir nun das Happy-End erleben durften?"
Beide schüttelten lächelnd den Kopf. "Wäre es nicht. Erzähl du, Anna!" sagte Jonathan. Sie setzten sich wieder, und während Ferdinand seinen Kater bekämpfte, erzählte die Lady Anna:
"Nun, stellt euch einmal eine verwöhnte, junge Frau vor, die von ihrem Vater, einem Herzog, alles bekam, was sie sich wünschte. Nur einen Mann konnte er ihr nicht vermitteln, und das machte sie ziemlich unzufrieden, denn das war es doch schließlich, worauf alle, aber auch wirklich alle guten Geschichten letztendlich hinausliefen. Nicht, dass es an Bewerbern gefehlt hätte, aber sie wollte schließlich nicht irgendeinen, sondern einen, der am Ende einer Geschichte stand, wenn ihr versteht, was ich meine. Manche der Bewerber ließen sich davon allerdings nicht überzeugen. Einer davon war der Sohn eines verarmten Adligen, stand also im Rang noch unter der Herzogstochter, und nervte sie monatelang mit Liebesbriefen, Lautenspiel unter dem Fenster, Rosen, Liedwünschen im Radio - na, all sowas eben. Sie wollte von ihm aber nichts wissen, genauso wenig wie von den anderen.
Nun aß die Herzogstochter aber für ihr Leben gern Pilzsuppe. Der junge Mann erfuhr davon und schenkte ihr eines Tages etwas ganz Besonderes: einen sprechenden Pilz. - Wo hattest du den eigentlich her?" fragte sie, an Jonathan gewandt.
"Musst du das wissen?" fragte er und wurde noch röter. Sie nickte. Er druckste etwas herum, schließlich kam ein "Internetauktion" heraus.
"Oh", machte sie, dann gab sie ihm einen Kuss auf die Nasenspitze und erzählte weiter:
"Dieser sprechende Pilz jedenfalls war derart nervig, dass die Prinzessin schließlich sogar den Schenker ganz erträglich zu finden begann, auch wenn sie deshalb noch lange nicht ihre Prinzipien aufgegeben hätte. Der Pilz - "Fungy", wie er genannt werden wollte - hopste ständig auf seinem einen Fuß hinter ihr her und quäkte blödsinnige Sprüche durch die Gegend. Von "Der frühe Pilz hat die Punkte" über "Es pilzt so grün, wenn Märchenstunden zu Ende gehen" bis zu "Pilz zu sein bedarf es wenig" - das dann auch noch völlig schräg gesungen." Sie schüttelte sich.
"Grauenhaft, sage ich euch. Und natürlich wusste sie nicht, wie sie das Vieh wieder loswerden sollte. Fangen ließ er sich nicht, befehlen ließ er sich nichts, abschütteln ließ er sich nicht. Eines Tages aber ging sie in die Küche. Es sollte zum Mittag Pilzsuppe geben, und irgendwie hatte sie Lust, bei der Zubereitung zuzusehen. Fungy hüpfte wie immer quäkend hinter ihr her. Als sie jedoch den frischen, ungeputzten Pilzen in ihrem Korb näherkamen, wurde er immer leiser, und als die Herzogstochter schließlich einen Pilz in die Hand nahm, verstummte er ganz. Voller Freude nahm sie den Pilz in ihrer Rocktasche mit. Fungy blieb still - den ganzen Tag lang. Auch noch den nächsten. Am übernächsten Tag allerdings war der Pilz in ihrer Tasche schrumpelig geworden, und Fungy begann wieder zu reden. Die Herzogstochter wollte nicht, dass ihretwegen ständig jemand zum Pilzesammeln gehen musste - naja, ehrlich gesagt haben die Bediensteten nach einer Weile gedroht, einen Streik auszurufen. Jedenfalls ging sie schließlich selber los. In der näheren Umgebung waren inzwischen alle Pilze abgeerntet (ein gewichtiger Grund für die Weigerung der Leute), und so ging sie immer weiter, bis sie schließlich an den Waldrand kam. Dort wuchsen noch viele Pilze, und da sie sowieso nie an die ganzen Geschichten über die Gefährlichkeit des Dunkelwaldes geglaubt hatte, sammelte sie fröhlich. Fungy schwieg.
Naja, und dann kam halt das Dudeldi und hat wiederum mich gesammelt, und den Rest kennt ihr ja. - Übrigens", wandte sie sich an Jonathan, "Ich bitte doch sehr darum, dass wir erstens nicht an der Stelle aus dem Wald gehen, an der Fungy wahrscheinlich noch hockt, und dass du mir zweitens nie, nie wieder so Geschenke machst!"
Jonathan schüttelte eifrig den Kopf. "Versprochen!"
Inzwischen hatte Ferdinand seinen Kaffee ausgetrunken und war dabei, die Bierflaschen einzusammeln und in seinen Rucksack zu stecken.
"Was machst du - äh, was macht Ihr denn nun schon wieder?" fragte Konstantin entgeistert, "Was wollt Ihr denn mit den leeren Flaschen?"
"Erstens - au, mein Kopf - wäre es Umweltverschmutzung, sie hier liegenzulassen, und zweitens sind es Pfandflaschen, hat Lupp gesagt."
"Lupp?"
"Ja doch, Lupp der Werwolf. Pussy konnte am Schluss nichts mehr sagen, der war gewissermaßen ins Koma gefallen. Und Wolferl ist schon früher wieder gegangen, sonst hätte seine Frau Stunk gemacht."
"Das ist der Restalkohol", beruhigte Jonathan den besorgt dreinblickenden Konstantin. "In zwei, drei Stunden ist er wieder normal."
"Hoffentlich! Na, das Laufen an der frischen Luft wird ihm gut tun. Wir wollen weiter nach Westen - ich denke mal, ihr geht zurück?"
Die beiden nickten eifrig.
"Na, dann wünsche ich euch alles Gute für die gemeinsame Zukunft, und eine schöne Hochzeitsfeier!"
Alle schüttelten sich gegenseitig die Hände, wobei Ferdinand etwas übel wurde, und dann trennten sie sich. Hand in Hand wanderten Jonathan und Lady Anna davon, stolperten ab und zu über Wurzeln und Steine, aber nichts konnte sie davon abhalten, sich schmachtend in die Augen zu blicken.
 

© Latsi
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Und sicher schon bald geht's hier weiter zum 10. Kapitel...

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