Ebenenbruch von Madeleine Scherer
Buch 1: Die Erschaffene
Kapitel 4

Nach einer schieren Ewigkeit wie es schien tauchte Srya wieder auf. Sie schnappte keuchend nach Luft, das war fürs Erste alles, was sie konnte. Neben ihr kam auch Valen wieder zu Atem und auch er rang nach Luft. Doch leider hält die Natur selbst nach dem bewundernswertesten Tauchgang immer eine Überraschung bereit. In diesem Fall äußerte sie sich mittels eines blanken Schwertes, das sich an Sryas Kehle legte. Sie blickte auf und sah das Gesicht eines Menschenmannes. Wie seltsam, dachte sie, ich hatte eigentlich etwas Spektakuläreres erwartet als einen Menschen. Normalerweise hätte Srya ihn und die vier anderen Menschen, die noch hinter ihm standen, problemlos erledigt, aber im Moment war sie einfach zu erschöpft.
"Aufstehen", fuhr der Menschenmann sie an.
"Wie denn", fauchte Srya zurück, "falls es dir noch nicht aufgefallen ist, ich schwimme!"
Der Wachmann war offenbar nicht an spitze Kommentare von seinen Gefangenen gewöhnt, sodass er erstmal für einige Sekunden völlig perplex dastand und sie anstarrte. Länger brauchte Valen nicht. Er riss sein Schwert aus der Scheide, stieß sich mühsam ab und versenkte es im Oberkörper des Mannes. Srya wich rasch zur Seite, der Wachmann fiel mit bewundernswerter Präzision beinahe auf sie drauf. Sofort darauf riss sie sich ein Messer vom Gürtel und warf es auf den am nächsten stehenden Menschen. Das Messer traf ihn mitten ins Herz, seine Rüstung war nutzlos geworden. Der Tiefling neben ihr stemmte sich nun geschmeidig aus dem Wasser und stellte sich den letzten Drei. Dank seiner teuflischen Abstammung konnte er sich unter großem Kraftaufwand schier unglaublich schnell bewegen. Der erste Wachmann wurde von Valens Schwert getroffen, bevor er sein eigenes überhaupt gezogen hatte. Der zweite bekam zwar Gelegenheit dazu, konnte Valens Attacken aber nur zwei Schwertstreiche abwehren. Er sank tot zu Boden. Der dritte Wachmann fand den Untergang durch einen von Sryas Wurfdolchen, der ihn in der Kehle traf. Schlotternd kroch die Schwarzhaarige aus dem Wasser, sie fror erbärmlich, genau wie Valen, der auch gerade auf sie zukam. Ihre Kleidung war von Wasser durchtränkt, an leises Schleichen war nicht mehr zu denken.
"Na, toll und was machen wir jetzt?", fragte der Tiefling. Srya antwortete nicht, sie war viel zu beschäftigt damit, zu versuchen, ihre Kleidung trocken zu wringen. Valen seufzte schwer und ließ sich an der feuchten Steinwand herunter gleiten. Sie befanden sich in einem quadratischen Raum, dessen Hälfte von Wasser beschlagnahmt wurde und die andere Seite war völlig von feuchtem Stein umschlossen. Die einzige Verbindung zur Außenwelt war eine schmale Holztür. Doch einfach so konnten sie nicht hindurchgehen. Wenn auf der anderen Seite noch mehr Wachen waren, würde man den Widerhall des unvermeidlichen Kampfes im ganzen Gebäude hören. Srya versuchte immer noch vergeblich ihre Kleidung zu trocknen. Der Tiefling hockte sich frustriert in eine Ecke des Raumes, die noch nicht naß war. Plötzlich sagte Srya etwas. Valen entschloss, dass es nicht schaden könnte zuzuhören.
"Ich schätze, wir werden vorerst warten müssen", meinte seine Gefährtin.

Eine halbe Stunde später schienen ihre Kleider wieder trocken zu sein und darüber war der Tiefling auch heilfroh, denn er hätte keine Sekunde länger warten können.
"Ich glaube, ich sehe mich erstmal alleine draußen um", sagte Srya, "ich komm dann gleich wieder und hole dich."
Valen war sich dabei nicht sicher; erstens: was konnte sie alleine, was sie nicht zusammen schafften, und zweitens war er sich nicht sicher, ob Srya wirklich zurückkommen würde. Früher wäre das keine Frage gewesen, doch früher war nun leider ganze fünf Jahre her.
Doch bevor Valen noch seine Bedenken äußern konnte, bemerkte er, dass seine frühere Freundin gar nicht mehr da war. Ungläubig rieb sich der Tiefling die Augen. Er hatte sicher nicht geblinzelt.
Srya war einfach verschwunden, von einem Moment auf den anderen.
Valen seufzte: Noch länger warten.

Nach einer Viertelstunde, ihm kam es vor wie eine Viertelewigkeit, hörte Valen wie sich etwas vor ihm regte. Er rappelte sich mühsam hoch und plötzlich stand Srya da.
"Wie machst du...", begann er, doch er unterbrach sich. Es gab Wichtigeres zu besprechen.
"Wie sieht es draußen aus?", fragte er stattdessen.
"Keine Chance!", antwortete sein Gegenüber. "Überall stehen Wachen rum. Ein Kampf wäre zu laut." Valen nickte.
"Aber dich haben sie nicht gesehen", protestierte der Tiefling. Srya grinste schon wieder.
"Mich sieht keiner, wenn ich es nicht will.", meinte sie großspurig.
"Na, dann lass uns gehen", fauchte Valen, ärgerlich über sie und auch sich selbst.
"Was?" Srya blinzelte verständnislos.
"Wie du weißt, kann ich auch gut schleichen", erklärte er. Srya lächelte ihn bloß mitleidig an - hatte er schon erwähnt, dass ihn das aufregte? - und nahm plötzlich und völlig unerwartet seine Hand. Valen zuckte zusammen. Was sollte das jetzt? Srya musste seine Gedanken gelesen haben, denn sie schüttelte nur kurz den Kopf und plötzlich wurde alles schwarz um Valen herum. Nach einigen Sekunden fiel ihm sein Fehler auf; es war nicht schwarz, alles hatte die Farbe von Schatten angenommen. Dickere Objekte waren dunkler, wie zum Beispiel die Mauern, die sie umgaben, und dünnere, kleinere Objekte waren heller. Valen stockte der Atem; es war die Schattenebene! Die Schattenebene war eine theoretische sechste Ebene, die nur von ausgebildeten Meuchelmördern, aber dafür auch überall betreten werden konnten. Es gab nur wenige Dinge (z. B. Stein oder Eisen), die man auf der Schattenebene nicht durchschreiten konnte. Es sah ganz so aus, als gäbe es die theoretische Ebene auch in der Praxis.
"Bevor du noch länger dumm in der Gegend rumglotzt wäre es wohl besser dich darauf hinzuweisen, dass das Wechseln in diese Ebene mich viel Kraft kostet", drang in diesem Augenblick eine Stimme in sein Bewusstsein. Srya, natürlich.
"Und sei draußen ganz still - diese Ebene mach uns nur unsichtbar, jedoch nicht ungehört!", ermahnte sie ihn noch. Valen nickte erneut. Sein Gegenüber, offensichtlich zufrieden mit seiner Antwort, ging schnurstracks durch die geschlossene Tür hindurch und statt sich eine blutige Nase zu holen, kamen die beiden auf der anderen Seite an. Die übrigens auch nicht besser als der vorherige aussah. Auch überall war kalter, feuchter, grauer (natürlich!) Stein, und Srya hatte offensichtlich Recht mit ihrer Behauptung vorhin gehabt: es standen tatsächlich mindestens zehn Wachen auf dem Korridor, der von ihrem Standpunkt wegführte. Rasch und möglichst leise gingen sie an diesen vorbei, bis sie nach einigen Minuten schließlich wieder an einer Holztür ankamen. Sie führte zu einer Art Waschraum, jedenfalls wurde Wäsche dort von Frauen gewaschen. Valen bemerkte die hoffnungslosen Blicke; diese Menschenfrauen mussten Sklavinnen sein. Unbarmherzig zog Srya seinen Arm weiter. Plötzlich keimten die Zweifel von vorhin wieder auf. Offenbar war Körperkontakt nötig, um ihn auf der Schattenebene zu halten. Wer sagte eigentlich, dass Srya nicht plötzlich beschließen würde, dass es für sie viel einfacher war, ihn plötzlich mitten zwischen Soldaten loszulassen und den Teufel, der sie an diese Welt bannte, umzubringen?! Sich auf eine Freundschaft, die fünf Jahre her war, zu verlassen, war töricht. Valen hielt sich fester an Srya fest, um ihr möglichst wenig Chancen auf einen Verrat zu geben. Er schwor sich, alles zu tun, um nicht wieder in so eine Situation zu kommen, sobald das vorbei war. Der nächste Korridor, den die beiden betraten, führte wieder zu einer Holztür, doch diesmal schienen sie Glück zu haben. Die Tür war zwar nicht schöner als die vorherigen, doch größer und es führten nicht nur einer sondern gleich drei Gänge an diese Tür. Srya hob einen Daumen, Valen deutete ein Nicken an. Zusammen und mit unleugbarer Nervosität traten die beiden durch die große Tür hindurch.

Srya fand sich auf einer steinernen Terrasse wieder, dessen Gegenstück an der anderen Seite des Raumes war. Zwischen den beiden Terrassen war der Boden viel tiefer, nur zwei Wendeltreppen verbanden den Boden mit den Steinterrassen. Der Raum war recht groß, fast schon eine Halle. Auf dem unteren Boden stand auch ein Stuhl, vielleicht eine Art morbider Thron. Hinter dem Thron standen mindestens 20 Bogenschützen und noch einige Dutzend Wachen. Doch das, was auf dem Thron saß, war mit Abstand das Schlimmste. Es war ein Mensch ohne Fleisch. Ein wandelndes Skelett mit einem Schwert in der Hand, das dreimal so dick und noch ein ganzes Stück länger als Sryas Bein war. Es schien eine Frau zu sein, besser gewesen zu sein, denn die Stimme, mit der sie - oder es - zu den Wachen sprach, war weiblich.
"Und seid ihr sicher, dass sich drüben noch nichts getan hat?", fragte das Skelett.
Die Stimme klang hohl und kalt und irgendwie wahnsinnig.
"Wir sind uns sicher. Doch im Moment wird auch die stündliche Suchaktion in unserem Schloss gemacht, die Ihr angeordnet habt, meine Herrin", antwortete ein Soldat in besonders schwerer Rüstung kriecherisch.
"Seltsam", meinte das weibliche Skelett wie zu sich selbst, "ich hätte gedacht, dass sie etwas tun." Dann sagte sie mit lauterer Stimme:
"Umso besser für uns." Sie fuhr fort eine Reihe von Instruktionen für die Anordnung der Wachen an den Türmen zu geben und Srya sah ihre Chance. So abgelenkt war der perfekte Zeitpunkt für einen Meuchelmord. Nur, wie sollte man jemanden töten, der schon längst tot war? Die Schwarzhaarige entschloss sich, es einfach zu versuchen. Für jemanden, der anscheinend kein Herz hatte, kam immer noch der Hals als zweitverwundbarste Stelle in Frage. Leider hatte die Skelettfrau keine Augen, sonst wäre die Entscheidung leichter gewesen. Sie bedeutete Valen, sich unter die Brüstung der Terrasse zu ducken, denn, um jemanden anzugreifen, musste sie leider die Schattenebene verlassen.
"Wo willst du sie treffen?", wisperte Valen. Srya deutete auf ihren eigenen Hals. Der Tiefling zuckte mit den Achseln und nickte dann zaghaft. Mehr Gewissheit brauchte Srya nicht. Vorsichtig erhob sie sich aus ihrer gebückten Haltung und verschmolz sofort mit dem Wandschatten. Langsam zog sie ihr Messer aus der Scheide. Es schimmerte grünlich. Gift.
Srya wog die Waffe kurz in der Hand, zielte kurz und warf das Messer. Es traf das Skelett mitten in den Hals. Ein fürchterlicher Schrei ertönte von unten, als sich das Messer durch den Knochen bohrte. Valen sprang auf, um das Schauspiel anzusehen. Ein Fehler. Das Skelett schrie:
"Bringt sie mir lebend! Sofort!!!" Die Bogenschützen schossen und die Wachen machten sich auf den Weg zur Treppe. Srya wich den Pfeilen mit wahrer Meuchelmörderschnelligkeit aus, doch ein Pfeil bohrte sich zielsicher in Valens Schulter. Der Tiefling ging zu Boden.
"Valen!", schrie Srya entgeistert. Sofort kniete sie sich neben den Tiefling. Er stöhnte. Die Wachen waren mittlerweile schon viel näher gekommen.
"Ein Portalstein... in meiner Tasche.", keuchte Valen atemlos. Srya wühlte hastig in besagter Tasche, bis sie endlich den kleinen Stein in der Hand hielt. Immer noch zischten Pfeile über ihre Köpfe, auf der Treppe war das Gepolter von schweren Stiefeln zu hören. Sie hatten keine Zeit mehr.
"Das wird nicht klappen!", sagte Srya. Die Worte stolperten ihr hastig aus dem Mund.
"Diese Welt hat keinen Namen!"
"Erschaffene... wir haben sie so genannt", widersprach Valen.
"Wird das denn klappen?", argwöhnte Srya, "ich meine..."
"Mach schon!", heulte Valen. Und er hatte Recht. Für ihre Verhältnisse war das ein viel zu langes Gespräch. Die ersten Wachen hatten die Terrasse erreicht, sie stürmten mit erhobenen Schwertern auf sie zu. Srya schleuderte ihnen einen ihrer Dolche entgegen, zerbrach rasch den Stein über ihrem Knie und schrie einen Namen.
"Erschaffene!"
Alles um sie und Valen herum verschwamm, sie hörte noch das wüste Gekreisch des Skeletts und die schweren Stiefel der Wachen, dann verschwanden sie.
Das erste, was Srya bemerkte, als sie wieder etwas sehen konnte, war die Umgebung. Sie befanden sich nicht mehr in der Burg, sondern wieder auf der Wiese. Diese Welt schien wohl wirklich nur aus den zwei Burgen, dem See und der dazwischenliegenden Wiese zu bestehen. Dann hörte sie etwas neben sich stöhnen. Sie drehte sich um und sah Valen, der gerade versuchte, den Pfeil aus seiner Wunde zu ziehen. Die Wunde blutete stark, doch Valen sagte kein Wort der Klage. Er hatte schon schlimmere Wunden überlebt. Srya ging, kopfschüttelnd über seine fruchtlosen Bemühungen, zu ihm hin und zog ihm mitleidslos mit einem einzigen Ruck den Pfeil aus der Schulter. Ein einziger lauter Schmerzensschrei, dann war es vorbei. Srya riss sich ein großes Stück von ihrem Ärmel ab und bastelte dem Tiefling damit eine notdürftige Schlinge. Valen dankte es ihr mit einem Nicken.
"Wir müssen uns beeilen.", meinte er, "ich will nicht wissen, was das Skelett sonst noch für Überraschungen für uns hat." Diesmal war es an Srya zu nicken und so rappelte sich der Tiefling mühsam auf und so schnell sie konnten gingen die beiden über die Wiese. Srya musste immer wieder auf ihren Gefährten warten und sie sah auch, dass es seinem Stolz einen merklichen Knick gab, aber sie hatte nicht die Zeit, um Rücksicht auf die Gefühle eines stolzen Tieflings zu nehmen. Sie hatten auch so schon genug Probleme. Selbst wenn sie es in die Burg schafften, bevor irgendetwas Schreckliches geschah, und Srya war sich ganz sicher, dass das der Fall sein würde, hatten sie ihren Auftrag nicht erfüllt, also kamen noch mehr Probleme auf sie zu. Plötzlich unterbrach ein lautes Krachen ihre Überlegungen. Sie dachte erst, Valen wäre umgefallen und drehte sich ärgerlich zu ihm um, doch das, was sie da sah, ließ sie ihre Predigt vergessen. Es war ein Stein, so groß wie der See, und er hatte Valen nur um Haaresbreite verfehlt. Stimmt, dachte Srya, das Geräusch war auch viel zu laut für Valen. Sie schrie laut:
"LAUF!"
Doch statt ihren eigenen Worten Folge zu leisten lief sie zurück und zog den Tiefling an seinem unverletzten Arm unwirsch weiter. Ein leises Stimmchen in ihr fragte sich, was sie da überhaupt machte und dass sie doch durch Valens Tod viel schneller nach Cania zurückkönnte. Doch Srya ignorierte dieses Stimmchen und verwendete ihre gesamte Energie darauf, so schnell wie möglich weiterzukommen. Sie waren der Burg schon ein ganzes Stück näher gekommen, doch sie waren immer noch viel zu langsam und die Burg war noch mindestens drei oder vier Kilometer entfernt. Die Schwarzhaarige konnte sich nicht erinnern vorher schon so weit gelaufen zu sein, doch diese Welt schien, wie man auch an den Steinen sah, ihren eigenen unbekannten Gesetzen zu folgen. Oder man schenkte Valens Theorie Glauben und akzeptierte, dass das Skelett Welten erschaffen konnte und darin wirklich wie ein Gott herrschte. Ein Zischen unterbrach ihre Überlegungen. Sie hatte noch gar nicht registriert, was das war, da wurde sie schon durch einen starken Arm beiseite geschubst. "Geschubst" nur im übertragenen Sinne, wie einen Sack durch die Luft geschmissen traf es wohl eher. Srya überschlug sich fast und flog kopfüber auf das Gras zu. Jahrelange Erfahrung führten dazu, dass sie eben nicht wie ein nasser Sack auf das Gras fiel, sondern dass sie sich zu einer zugegeben nicht gerade eleganten, aber zweckmäßigen Rolle abfing. Sie sprang, noch durch Valens Schwung getragen, wieder auf und sah sich entsetzt um. Da, genau da, wo sie noch vor einigen Sekunden gestanden hatte, lag nun ein weiter, nicht ganz so großer aber immer noch gewaltiger Stein auf dem Boden. Hinter dem Stein drang ein Ruf an ihr Ohr:
"Srya! Ist alles in Ordnung?", fragte es hinter dem Stein. Srya konnte es nicht glauben: Der Tiefling hatte ihr tatsächlich das Leben gerettet! Das hätte sie niemals geglaubt.
"Srya! Bist du da? Srya!", drang es nun ehrlich besorgt hinter dem Stein hervor.
"Ich bin hier. Es ist... alles in Ordnung."
Valen kam wankend hinter dem Stein hervor. Er deutete Sryas verdutzten Blick falsch.
"Es ist schlimmer als es aussieht!", meinte er mit einem verunglückten Grinsen.
Bevor Srya noch irgendetwas sagen konnte, donnerten zwei riesige Gesteinsbrocken auf die Burg, auf die sie zuliefen.
Der Tiefling fuhr atemlos vor Schreck herum.
"Thesta!", brüllte er. Doch sie waren noch zu weit entfernt, dass die Kelomen irgendeinen Ruf seinerseits hören könnte. Wenn sie noch am Leben war, fügte Srya in Gedanken hinzu.

Der Tiefling rannte schnell auf die Burg zu, sicher schneller als er in seiner augenblicklichen Situation sollte. Seine verletzte Schulter beließ es bei einem beinahe resignierenden Pochen, doch auch wenn sie heftig geschmerzt hätte, hätte Valen sie nicht beachtet, er war viel zu aufgewühlt. Was, wenn Thesta etwas zugestoßen war? Was, wenn sie gar tot...
Nein! Valen weigerte sich, diesen Gedanken zu Ende zu denken. Hinter ihm hörte er eine Stimme etwas rufen.
Srya. Doch er beachtete sie nicht. Er rannte immer weiter, immer schneller auf die Burg zu. Zwei der vier Türme waren durch den ersten Stein zerstört worden, die Bruchstücke waren in den Burghof geflogen.
Der zweite Stein hatte genau die Mitte des Gebäudes getroffen, Valen konnte diese Zerstörung von seinem Standpunkt aus noch nicht beurteilen.
Seine Schulter begann nun immer hartnäckiger zu pochen, seine Beine schmerzten und auch sein Kopf schmerzte von der ganzen Sorge um Thesta, die er sich machte. Er hatte sie nun schon so lange beschützt, das konnte einfach nicht das Ende sein. Es durfte nicht. Obwohl er sich eigentlich auch nie ein konkretes Ende seiner Leibwächterfunktion vorgestellt hatte.
Die Schmerzen seiner Schulter waren nun kein Pochen mehr, die unglaublichen Schmerzen von vorher waren wieder da. Der Tiefling war schon schlimmer verletzt worden, aber er war noch nie danach so schnell gerannt.
Grelle Lichtblitze tanzten vor seinem Gesicht, er keuchte. Er musste langsamer werden, aber sein Kopf ließ das nicht zu.
Er sah die Burg nicht mehr, er blickte herunter aufs Gras. Seltsam, es schien langsam aber sicher näher zu kommen. Der Schmerz in seiner Schulter stieg ins Unermessliche.
Valen stöhnte und seine letzte Luft entwich seinen Lungen. Immer noch rennend versuchte der Tiefling Luft zu holen, doch er konnte nicht mehr atmen.
Die Lichtblitze füllten nun fast sein gesamtes Sichtfeld aus. Er konnte das Gras nicht mehr sehen. Der Schmerz seiner Schulter war das einzige, was er noch fühlte. Er konnte nicht mehr denken.
Ohnmächtig sank Valen ins Gras.
 

© Madeleine Scherer
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