Der König der Drachen von V.Geist
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Zum töten geboren

Ein Knall. Flammen schossen über das Schlachtfeld. Der Rumpf eines der größeren Schiffe prallte auf den Boden. Brennende Trümmer flogen durch die Gegend und begruben Kämpfer beider Seiten unter sich. Das Kriegsschiff war den Drachenrittern zum Opfer gefallen, die immer noch am Himmel umherzogen. Marlin rannte durch die Menge. Er musste Nirgar finden und ihn warnen. Sie hatten zu wenig Männer, um dieser Bedrohung stand zu halten. Aus den Bergen kamen immer noch Dunkelelfen. So viele konnte es doch gar nicht geben.

Lester sah das Schlachtgeschehen. Er stand auf einem Felsen im Gebirge und blickte auf das Feld herab. So viele sinnlose Tote. Wo war er? Wo war Lesters Vater? Die Energie war deutlich zu spüren, doch konnte er ihn nicht sehen. Lesters Umhang flatterte im Wind. Er sah ihn. Ein Sprung nach vorne. Sicher landete Lester auf den Füßen. Er hatte Netanor genau im Blick. Noch wusste er nicht, was er tun sollte, aber er war sich sicher, was auch immer er tun würde, es würde auf einen Kampf herauslaufen. Plötzlich ein weiterer Knall. Das Schiff prallte gegen den Berg. Die Trümmer fielen auf Lester herunter, der sich mit einem Satz nach hinten retten konnte. Er richtete sich wieder auf und sah sich hektisch um. Sein Vater. Er hatte ihn aus dem Blickfeld verloren.

Marlin lief mit einer Hand voll Elfenkrieger übers Feld. Sie kämpften sich den Weg zu Nirgars Position frei. Die Dunkelelfen, die ihnen in den Weg kamen, wurden gnadenlos niedergeschlagen. Nirgar stand allein. Er kämpfe wie wild um sein Leben. Sein Schwert wirbelte herum, schlug einem Feind den Kopf ab und nahm dann seinen Weg in die Brust eines anderen. Nirgar zog es heraus, ließ es weiter gleiten und erwischte einen Soldaten, der hinter ihm angerannt kam und gerade zum Schlag ausholen wollte. Er fiel schreiend zu Boden und starb. Nirgars Klinge schleuderte herum und in letzter Sekunde konnte der Elf den Angriff stoppen. Das Schwert kam nur Millimeter vor Marlins Kehle zum stehen. Einen kurzen Moment standen die beiden da und sahen sich in die Augen. Dann gingen sie auseinander und kämpften Seite an Seite weiter. Den Rückzug konnten sie jetzt eh vergessen. Zu viele Dunkelelfen, die ihnen den Weg versperrten. Die Feinde um Marlin und Nirgar herum wichen plötzlich zur Seite, als hätten sie Angst vor ihnen. Marlin sah zum Gebirge rüber und da sah er ihn. Netanor. Die silberne Rüstung schimmerte im Morgenlicht. Der schwarze Umhang wehte im Wind. Der Paladin kam auf Nirgar und Marlin zu. Die goldenen Augen sannen nach Rache. Diesmal sollte es nicht so schnell vorbei sein.

Cecil und Tala hatten Marlin entdeckt. Und ihnen war auch klar, was er vorhatte. Sie rannten auf ihn zu. Alleine hätten er und Nirgar keine Chance gegen dieses Monster. Tala war klar, dass sie auch zu viert nocht zu schwach waren. Aber was sollten sie tun? Ein Drache. Er stellte sich ihnen in den Weg. Tala und Cecil schraken zurück. Plötzlich wurde der Drache angegriffen. Seine mächtige Kehle platzte auf. Blut quoll hervor. Gartala hatte ihn von der Seite gerammt und ihm den Hals aufgerissen. Der Drache stand da und sah kurz zu den beiden rüber. Sie nickten ihm zu und liefen weiter. Marlin war nicht mehr weit entfernt.

Der Paladin kam weiter in ihre Richtung. Langsam, Schritt für Schritt. Marlin und Nirgar gingen ebenfalls langsam auf ihn zu. Es war, als würden sie das Geschehen um sich herum einfach ignorieren. Nur noch wenige Meter trennten sie voneinander. Dann ein Aufschrei. Marlin packte mit beiden Händen seine Klinge und holte weit aus. Der Schlag wurde abgewehrt. Marlin fiel nach hinten. Nirgar griff sofort an. Fast zeitgleich. Doch auch er wurde weggeschleudert. Nirgar sah ihm nach. Und im selben Moment drehte er sich halb und ließ seine Klinge herum wirbeln. Tala und Cecil konnten den Schlag in letzter Sekunde abwehren. Tala fiel, doch Cecil stand immer noch aufrecht. Er holte erneut zum Schlag aus und schlug auf Netanors Schulterpanzer. Es war nur eine kleine Schramme, aber wenigstens hatte er ihn getroffen. Sofort kam die Reaktion. Netanor drehte seinen Körper und schlug mit aller Wucht zu. Cecils Klinge zerbrach und der Kämpfer wurde weit durch die Luft geworfen. Netanor erhob sein Schwert. Er war im Begriff, es auf Tala herab schnellen zu lassen, da rief ihn eine Stimme.
"Vater!!!"
Die Stimme klang wütend und irgendwie streng. Als Netanor sich umdrehte, sah er Lester da stehen. Das Schwert in der Hand. Blut an der Klinge. Er hatte sich durch das Schlachtfeld gekämpft. Immer in der Hoffnung er könnte nun seinen Vater zur Vernunft bringen. Jetzt würde es sich zeigen.
"Ihr da!"
Lester zeigte auf Marlin und die anderen.
"Verschwindet!"
Marlin stand auf, er hatte das Schwert in der Hand und sah den Fremden an. Nirgar zog an Marlins Ärmel. Er sah ihm in die Augen.
"Vielleicht hat er mehr Glück als wir."
Marlin zögerte. Dann nickte er. Sollten die sich doch die Köpfe einschlagen. Tala schloss sich den beiden an. Sie liefen zu Cecil rüber, der noch immer im Gras lag. Er lebte noch, so gerade eben.
"Er muss hier weg!"
Alle stimmten Marlin zu. Cecil musste behandelt werden sonst würde er seinen Verletzungen erliegen. Marlin rief Gartala. Der Drache kam sofort. Blut klebte überall an seinen Krallen. Die drei hoben Cecil auf Gartalas Rücken. Marlin stieg auch auf. Er hielt Cecils Körper fest, damit er nicht runter fallen konnte.
"Schnell, Gartala. Zur Basilisk zurück."
Der Drache flog los. Nirgar und Tala blieben zurück. Doch schon im nächsten Moment stießen Truppen der Allianz zu ihnen. Es sah gut aus. Der Strom von Dunkelelfen aus dem Gebirge hatte gestoppt. Sie waren in der Unterzahl. Nirgar sah zu der Anhöhe rüber, auf der die Paladine standen. Wer war der zweite? Netanors Sohn?
Nirgar blickte ungläubig zu den beiden rüber. Hauptsache er konnte gegen ihn ankommen.

"Wieso stellst du dich gegen mich?"
"Weil du nicht mehr weißt, was du tust."
Lester und Netanor standen sich gegenüber. Beide hielten ihre Waffe zum Kampf bereit.
"Ich weiß sehr gut, was ich tue. Du wirst dich mir nicht in den Weg stellen."
"Ach ja? Sieh dich hier mal um! Willst du das alles. Willst du, dass sie alle sterben? Das ist doch nicht dein Ernst. Sie sollen sterben, nur um das irrsinnige Weltbild eines Geisteskranken zu verwirklichen? Wenn das so weiter geht, wird hier bald alles tot sein."
Netanor sah sich auf dem Schlachtfeld um. Er sah all die toten Körper auf dem Boden liegen. Das blutgetränkte Gras. Die Krieger, die immer noch in Massen aufeinander einschlugen und sich gegenseitig aufschlitzten. Der Paladin schüttelte den Kopf.
"Tarohn will uns zu dem Ruhm verhelfen, den unsere Rasse verdient. Du gehörst auch zu uns. Warum wehrst du dich jetzt dagegen?"
"Tarohn will kontrollieren. Er ist besessen von dem Gedanken, alles zu seinem zu machen. Er trägt dieselbe wahnsinnige Machtgier in sich wie schon damals Garlin. Der hat uns auch nicht weiter gebracht."
"Garlin war schwach. Er hätte es nie geschafft."
Lester senkte seinen Blick und schloss die Augen.
"Du willst es nicht verstehen."

Gartala setzte auf. Marlin sprang von seinem Rücken ab und trug Cecil durch die Halle des Landungsdecks. Soldaten kamen ihnen entgegen.
"Er ist schwer verletzt. Seid vorsichtig wenn ihr ihn tragt."
Die Soldaten nickten ihm zu und brachten Cecil aus der Halle. Marlin sah ihnen noch nach. Dann drehte er sich um und stieg wieder auf Gartalas Rücken.
"Bring mich wieder aufs Schlachtfeld."
Der Drache flog los kaum waren sie aus dem Schiff raus, da griffen zweit Drachenreiter an. Marlin zog sein Schwert. Der erste Angriff kam von rechts. Der Dunkelelf, der den Drachen lenkte, stieß mit einem Speer zu. Marlin wehrte ihn ab. Und seine Klinge zerschlug den Speer. Gartala schlug zu. Er traf den feindlichen Drache und das Tier flog etwas zurück. In diesem Augenblick griff der zweite an. Gartala verpasste ihm einen Hieb mit dem Schwanz. Der Reiter fiel vom Rücken des Tieres und der Körper des Drachen wurde gegen den Rumpf der Basilisk geschleudert. Bewusstlos fiel auch er. Der erste Drache hielt Abstand. Gartala war der größere und wesendlich stärker.

"Wieso siehst du nicht wie Tarohn dich und all die anderen Dunkelelfen ausnutzt. Diese Kultur wird an seinen Zielen zerbrechen. Wir müssen das verhindern."
Netanor sah seinen Sohn wütend an.
"Es tut mir leid... Sohn. Aber niemand darf sich Meister Tarohn und seinen Kriegern in den Weg stellen. Auch du nicht."
Netanor wollte gerade los stürmen und angreifen, da hielt ihn etwas davon ab. Ein komisches mulmiges Gefühl. Lester verspürte es auch. Er sah rüber zum Gebirge. In einer der massiven Felswände schienen Risse zu entstehen. Brocken stürzten heraus. Erst kleine, dann größere. Schließlich drohte die Felswand zusammen zu brechen.

Marlin bemerkte die Veränderung auch. Die Wand. Er hörte auf zu kämpfen und der Drachenreiter blickte ebenfalls zum Gebirge.
"Oh nein. Ich hatte recht."
Es war erst schwer, den Blick zu lösen. Doch schließlich sah er herab aufs Schlachtfeld. Er musste die anderen warnen. Jetzt war die Chance für einen Rückzug, denn alle, auch die Dunkelelfen hatten aufgehört und starrten die Felswand an.

Sie brach ein. Die Felsen stürzten auf das Schlachtfeld. Soldaten liefen um ihr Leben. Viele von ihnen kamen nicht schnell genug weg. Eine riesige Wolke aus Staub wirbelte auf. Und aus ihr trat er. Größer, als man ihn je gesehen hatte. Beängstigender als je zuvor. Marlin erstarrte. Dieser Irre hat es wirklich getan. Daran betrat das Feld. Die Wolke um ihn herum legte sich. Kurz stand er da. Aufrecht auf den Hinterläufen und blickte sich um. Das Schwert Garlins. Er hielt es in der rechten Hand. Jahrelang wurde es extra für diesen Augenblick geschmiedet. Eine rasiermesserscharfe, dreißig Meter lange Klinge. Mit ihr konnte man ganze Festungen einreißen. Daran trat einen Schritt vor. Tarohn war da. Er stand auf Darans mächtiger Schulter und blickte herab. Daran würde auf alles hören, was der Dunkelelf ihm befahl. Und das war die größte Gefahr, die Marlin sich vorstellen konnte.
"Los!"
Das Kommando war klar erteilt. Und das Todesurteil für alle.

Daran brüllte und hob die Klinge hoch in den Himmel. Jetzt war niemand mehr starr vor Angst. Alle rannten sie. Egal für welche Seite sie kämpften. Die Klinge schnellte herab. Der Boden riss auf. Felsen wurden durch die Luft geschleudert. Die Erschütterung ließ tausende Kämpfer zu Boden gehen. Bevor sie wieder aufstehen konnten starben sie, denn Daran schlug wieder zu, und die, die am Boden lagen, wirbelten hoch durch die Luft oder wurden von Felsbrocken erschlagen. Auch Netanor und Lester rannten. Netanor war verwirrt. Tarohn musste doch klar sein, wen er hier opferte. Tausende seiner eigenen Leute waren noch da. Sollte er sich wirklich in ihm geirrt haben? Er blieb stehen und nahm seinen Helm ab. Lester stoppte auch.
"Vater, wir müssen gehen!"
"Nein. Ich bleibe."
Lester blickte seinen Vater an. Er sah sehr ernst aus. Aber nicht mehr sauer. Zumindest nicht auf Lester.
"Geh! Mein Weg endet hier."
Nichts zu machen. Ein Gefühl der Trauer machte sich in Lester breit. Jetzt hatte er es geschafft. Er hatte seinen Vater überzeugt. Doch zu welchem Preis. Er sah seinem Vater in die Augen.
"In Ordnung. Vater... ich liebe dich."
Mit diesen Worten drehte sich der junge Paladin um, und rannte weiter. Traurig, aber irgendwie auch stolz. 
Netanor blickte ihm nach. Seine goldenen Augen waren wie immer. Kein Ausdruck. Nichts. Doch Netanor wurde erst jetzt wirklich bewusst, wie wichtig sein Sohn ihm immer gewesen war. Er wandte sich ab und ging auf das Untier zu.
"Wir haben noch eine Rechnung zu begleichen."

Die Landungsschiffe hoben ab. Nur wenige Soldaten schafften es. Auch die Dunkelelfen rannten in die Schiffe ihrer Feinde. Keiner hinderte sie. Hauptsache wegkommen.
"Wir können nicht mehr warten."
Ein Ruck ging durch das Schiff. Der Boden bebte. Nirgar und Tala standen an der Luke des Landungsschiffes und hielten ausschau nach Marlin. Immer mehr Leute kamen in das Schiff. Doch ihr Freund war nicht dabei. Tala blickte zu Nirgar.
"Lass uns verschwinden. Marlin wird es schon schaffen. Gartala ist doch bei ihm."
Nirgar zögerte. Dann nickte er. Das Schiff war voll. Sie schlossen die Luken und flogen los. Ein Dunkelelf wollte noch rein. Er kam zu spät. In seiner Hast stolperte er und fiel. Keine Chance mehr zu entkommen.

Gartala und Marlin flogen dicht über dem Boden. Fast alle Landungsschiffe waren schon auf dem Weg. Die letzten setzten gerade ab. Marlin sah sich hektisch um. Alle die nicht entkommen waren, waren entweder tot oder schwer verwundet. Einer humpelte noch übers Feld. Marlin zeigte auf ihn. Gartala ging tiefer. Er packte die Gestalt und nahm sie mit. Der Weg in die Sicherheit war nicht mehr weit. Auch die übrigen Schiffe entfernten sich wieder über die Grenze. Vorne weg die Basilisk. Sie hatte es geschafft. Daran tobte immer noch. Marlin hoffte, dass er ihnen nicht folgen würde. Er würde die ganze Flotte zerstören. Ein anderer Drache. Marlin sah neben sich. Da flog dieser Paladin. Lester. Wetanir trug ihn. Auch sie hatten es geschafft.
 

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Sein letzter Kampf

Netanor ging zwischen den Trümmern entlang. Nicht einmal verlor er den Drachen aus den Augen. Durch nichts ließ er sich beeindrucken. Daran entdeckte ihn. Das Schwert zischte durch die Luft. Einen Zentimeter vor Netanors Gesicht stoppte die gewaltige Klinge. Der Paladin stand da. Er hatte sich nicht bewegt. Er hatte nicht mal mit der Wimper gezuckt, als das Schwert auf ihn zukam. Tarohn war immer noch da. Er hatte Daran befohlen zu stoppen. 
"Ah, Netanor mein bester."
Der Dunkelelf lachte. Er war besessen. Netanor sah das jetzt ein.
"Komm", fuhr Tarohn fort.
"Komm und hilf mir. Wir machen die alle fertig. Die alle, die da in den Schiffen fliehen."
Netanor hatte sich nicht gerührt. Er blickte noch immer starr zu Tarohn herauf, der immer noch lachend die Umgebung betrachtete. Langsam nahm er seine Klinge hervor. Er richtete sie aus und schlug zu. Darans Schwert, das bis dahin noch über seinem Kopf geschwebt hatte, wurde nach hinten gestoßen. Die Macht Netanors war enorm. Der Drache Daran war das einzige Wesen auf dieser Welt, das dem Paladin etwas anhaben könnte. Er hatte keine Chance zu gewinnen. Aber das war nun egal. Überrascht blickte Tarohn auf die Gestalt hinunter, die versuchte mit dem Schwert eines Menschen gegen die Klinge eines Drachen zu kämpfen. Die Gestalt, die es wagte, den Drache zum Kampf heraus zu fordern. Wie ein Käfer, der gegen einen Bullen kämpft. Das brachte ein Lächeln auf Tarohns Lippen. Dann wurde er laut.
"Netanor!!! Du wagst es, mich zu verraten?"
"Wieso das alles? Du hast unsere Leute getötet. Die, die bereit waren, für dich zu sterben."
"Sie sind für mich gestorben, Netanor. Es war ein Test. Ich musste Darans wahre Kraft entfesseln. Jetzt kenne ich ihr Ausmaß. Und du auch."

Netanor sprang zur Seite. Gerade rechtzeitig, denn Darans Klinge rammte in den Boden. Netanor sah zurück. Die Klinge kam wieder auf ihn zu. Im letzten Moment wehrte er den Schlag ab. Er versuchte es. Die Klingen trafen aufeinander, die Wucht des Schlages schleuderte Netanor weit durch die Luft, bis schließlich ein Felsen den Flug des Paladin stoppte. Er zerbrach und Staub legte sich über Netanors Körper. Tarohn lachte auf.
"Du Idiot. Das hast du nun davon."
Daran ließ die Klinge mehrmals in die kleine Wolke aus Staub schnellen. Immer mehr wirbelte er auf. Schließlich war es vorbei. Der Drache trat zurück. Tarohn sah sich in der Gegend um. Alles verlassen. Nichts mehr hier, was lebte. Die Schiffe waren schon längst außer Sichtweite.
"Ich werd euch schon noch kriegen!"
 

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Ein starker Verbündeter

Der Sonnenuntergang tauchte die Umgebung mit ihren Bergen und Hügeln in ein tiefes Rot. Stille. Man hörte fast nichts. Nur das leise Geräusch des Windes, auf dem die Körper der beiden Drachen langsam dahin glitten, war deutlich zu vernehmen. Lester blickte schweigend in die untergehende Sonne. Er sah traurig aus. Als Marlin ihn das erste Mal auf dem Schlachtfeld gesehen hatte, hatte er ihn sofort gehasst. Doch nun sah er, was dieser fremde Mann für ihn und seine Freunde getan hatte. Er hatte sie gerettet. Und nun war sogar Netanor auf die Seite der Guten gewechselt. Auch wenn er mittlerweile schon längst tot sein sollte. Die Drachen gingen tiefer. Sie flogen nun im schützenden Schatten eines großen Gebirges. Das Land der Zwerge war voll davon. Es galt nun, wieder zur Flotte zurück zu finden. Die Basilisk konnte nicht mehr weit sein. Es gab einen verabredeten Treffpunkt. Marlin orientierte sich an den Felsen und Bergen. Lester folgte ihm einfach. Schon seit der Schlacht flog er nur neben ihm und hatte nichts gesagt. Kein Wort. Was mochte er wohl denken? 

Die Basilisk. Sie schwebte hoch über dem Boden in einem Tal. Umgeben von schützenden Bergen. Unter ihr erhellten Fackeln die Gegend. Von hier oben waren sie nur sehr schwer zu erkennen. Ein Lager. Einige Soldaten hatten das Schiff verlassen, um etwas frische Luft zu schnappen. Sie hatten es sich verdient. Die Drachen setzten auf dem Boden des Landungsdecks auf. Die Wachen waren erst verwirrt, wollten Alarm schlagen, doch als sie Marlins Gesicht erkannten, verstanden sie. Marlin winkte einen von ihnen zu sich rüber und fragte nach Nirgar. Lester sah sich um. Er war schon oft auf  Schiffen gewesen, aber noch nie auf so einem riesigen. In der Landungsbucht hatte gut ein großes Schiff der Dunkelelfen Platz. Doch auch die Bewunderung für dieses Meisterwerk der Elfen riss ihn nur kurz aus seinen Gedanken. Er dachte immer noch an seinen Vater. Er hatte den Kampf gegen Daran nicht überleben können. Er hat sich geopfert. Es war gut so. Lester dachte immer wieder an die Tage, in denen er noch ein kleiner Junge gewesen war. Netanor hatte ihn kämpfen gelehrt. Er war immer streng gewesen, aber nie ein schlechter Vater. Er hatte Lester immer ein Gefühl der Geborgenheit gegeben, wenn er da war. Wie hatte er sich verändert, als Tarohn stark wurde? Er war zu einem Tyrann geworden. Marlin kam auf ihn zu.
"Ich gehe nach unten. Die Lichter, die wir vorhin gesehen haben. Dort sind meine Freunde. Du kannst mit mir kommen, wenn du willst."
Lester zögerte. Dann nickte er.
"Einverstanden."
Marlin lächelte. Und auch der junge Paladin schien wieder etwas fröhlicher zu sein.

Der Rumpf der Basilisk war flugfähig, dennoch stark beschädigt. Überall kletterten Arbeiter an den Außenwänden entlang, und reparierten alles so gut sie konnten. Die größeren Schäden waren so jedoch kaum zu beheben. Das Schiff musste zurück in die Werft von Orpathia, wo man es gebaut hatte. Marlin flog unter dem Schiff entlang und sah sich die beschädigten Stellen an. Ein Wunder, dass dieses Schiff noch fliegt. Er sah hinunter. Unten erkannte er die Fackeln des Lagers. Nirgar musste dort irgendwo sein. Gartala glitt langsam tiefer, er landete etwas außerhalb. Marlin stieg ab. Lester war auch gekommen. Kaum hatten sie das erste Zelt erreicht, da kam ihnen eine Wache entgegen. Ein Mensch. Er grüßte Marlin freundlich. 
"Wir suchen Kommandant Nirgar. Ist er hier?"
"Ja, Sir. Er ist da hinten bei den Gefangenen."
"Gefangene?"
"Ja. Die Dunkelelfen, die mit uns zusammen geflohen sind. Wir haben sie eingesperrt. Kriegsgefangene. Lassen sie aber wieder raus, sobald die Basilisk wieder weiter fliegen kann."
Marlin nickte zögernd. Der Soldat schielte an ihm vorbei und deute auf Lester.
"Ist der nicht einer von denen, Sir?"
"Er gehört zu mir. Ich muss Nirgar sprechen. Fürst du mich hin?"
Der Mann zögerte, doch dann sah er Marlin wieder an.
"Tut mir leid, Sir. Ich muss hier Wache schieben. Aber es ist nicht weit. Dort drüben."
Er zeigte mit dem Finger auf einen großen Baum, dessen Umrisse im flackernden Licht des Feuers leicht zu erkennen waren.
"Danke."
Der Soldat nahm Haltung an und nickte. Als Lester an ihm vorbei ging, sah er ihm misstrauisch nach, sagte aber nichts mehr.

Der Baum stand in der Mitte der großen Lichtung. Das Lager war um ihn herum aufgestellt worden. Tala und Nirgar saßen am Feuer und unterhielten sich leise. Andere Soldaten saßen auch um das Lagerfeuer. Sie sprachen über die Schlacht und darüber, wie sie gekämpft hatten. Es war unter Kriegern üblich, mit seinen Kämpfen zu prahlen, aber diesmal gab niemand an. Die Schlacht war grausam gewesen. Grausamer als jede andere. Zehntausend waren sie gewesen. Übrig geblieben sind vielleicht gerade mal dreitausend. Wenn nicht noch weniger. Die Dunkelelfen saßen in großen stählernen Käfigen, die an Transporter befestigt waren. Es ging ihnen gut. Man hatte sie nicht gefoltert oder sonst irgendwas mit ihnen angestellt. Sie sahen ziemlich verwirrt. Der eigene Anführer hatte sich gegen sie gestellt. Was sollten sie davon halten? Viele waren bereit, die Seiten zu wechseln. Auch wenn Dunkelelfen immer zu ihrem Führer hielten, Tarohn war zu weit gegangen. Als Marlin an den Gittern vorbei ging, sahen ein paar zu ihm rüber. Sofort senkten sie den Blick wieder auf den Boden. Wie gedemütigte Kinder. Sie waren Dunkelelfen, die ihren Stolz verloren hatten. Die nicht wussten, wie es weiter gehen sollte. Ohne Anführer hatten sie die Orientierung verloren. Marlin sah zu dem Feuer rüber. Er hatte Nirgar und Tala entdeckt. Als sie ihn sahen, lächelten sie und Tala rannte zu ihm rüber.
"Du lebst? Ich freu mich ja so."
"Wir hatten schon fast die Hoffnung aufgegeben. Gut dass du wieder da bist."
Nirgar war ruhig wie immer. Das war halt seine Art. Marlin sah ihm in die Augen. Er lächelte und nickte ihm dann zu. Tala die Hand auf Marlins Brust und lehnte sich an ihn.
"Ich habe nie aufgehört zu hoffen."
"Das habe ich auch nicht erwartet."
Marlin ging einen Schritt zur Seite. Der Schein des Feuers fiel auf Lester. Er kam einen Schritt nach vorne. Nirgar und Tala schienen überrascht, ihn hier zu sehen. Auch ein paar der Soldaten sahen rüber, kümmerten sich aber nicht weiter darum.
"Darf ich vorstellen, das ist Lester."
 

© V.Geist
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Und schon geht's weiter zum 27. und 28. Kapitel

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