Die legendären Krieger von Rohan von Benedikt Julian Behnke
1. Teil: Der Herr der Winde / 1. Buch
Der Zerfall des Reiches 2 - Melwiora Riagoth

"Wer ist Melwiora... Riagoth?" versuchte Kajetan es mit übertriebenen Gesten, um somit endlich seine Fragen beantwortet zu haben.
"Das tut noch nichts zur Sache! Schicke morgen deine Leute los, lasse einige zur Verteidigung hier." Seine Stimme klang bestimmt und keiner hätte es gewagt, sich gegen sie aufzulehnen. "Wenn du mehr über die Dämonen aus den Wäldern und über die Zauberin wissen willst, lese dieses Buch. Es enthält jedes Wissen über diese Art von Geschöpfen. Gebe es auch denen zu lesen, die morgen abreisen werden. Ich denke, sie sollten wissen, mit was sie konfrontiert werden!"
Endlich nickte Kajetan und als Timotheus das Buch über den Tisch schob, nahm er es behutsam in die Hände. Es war schwer, umwandet mit einem dicken Ledereinband und die Seiten abgegriffen, Schnitte zeigten sich an Ober- und Unterseite des Buches und sogar am Buchrücken. Es fühlte sich an wie ein jahrelang gehütetes Geheimnis, umgeben von Weichheit und Zartheit, alt und schutzlos. In den einzelnen Seiten pulsierte eine unglaubliche Macht, die Macht des Wissens, die sich tief darin regte und einen voll und ganz einzunehmen schien. Wieder war er wie erstarrt. Seine kühnsten Träume übertrafen sich. Endlich würde sich alles ändern! Er würde entbunden sein von dem Hass des dunklen, würde spüren was es hieß, ein Kämpfer für das Gute zu sein. Er schluckte angesichts seiner Zukunft, die er hier so offensichtlich in Händen hielt. Vorsichtig strich er über den Einband, las für ihn unkenntliche Runen und andere Schriftzeichen. Es war in einer Sprache abgefasst, die er nicht verstand. Vielleicht altes Elfisch?, überlegte er und sein Blick wurde fassungslos. Wie zur Probe schlug er das Werk einmal kurz auf, die Schrift war an manchen Stellen verblichen und die Tinte war von einem sonderbaren Rot befallen. Der Truppführer hegte den leisen Verdacht, dass dieses Schriftstück mit Blut geschrieben war. Eisig lief es ihm den Rücken hinunter, als er über die staubigen Seiten strich. Es schien, als wäre dieses Buch mit einer geheimnisvollen Magie umbunden, doch was konnte man von einem Hexenmeister schon anderes erwarten? Schließlich, als er einige Zeilen gelesen hatte, die ihm anfangs unkenntlich vorgekommen waren, verstand er, dass es nicht die Worte waren, die er lesen musste, sondern nur den Klang vernehmen, den die Erinnerung an den jeweiligen verschnörkelten Buchstaben in seinem Kopf hinterließ. Er erkannte sie, obgleich er sie nicht kannte. Es war, als würde er wissen, was er lesen würde, bevor seine Augen den rechten Punkt erreicht hatte. Es war ein altes Werk, eines jener, die noch vor dem ersten Zeitalter niedergeschrieben worden waren. Das lag über hundert Jahre in der Vergangenheit, und trotzdem war das Buch gut erhalten. In dieser atemberaubenden Bibliothek gab es bestimmt noch einige der insgesamt zehn Werke, die von den alten Druiden niedergeschrieben worden waren, die einst durch die Landen streiften und Wissen zusammentrugen. Macht durch Wissen war ihr Leitsatz gewesen, da sie glaubten, um so mehr sie über alles in Erfahrung brächten, um so kleiner währe das Risiko, dass die Menschheit erneut in einen der großen Kriege fallen würde... 
Erstaunt klappte er das Buch zu und eine Staubwolke verflüchtigte sich, trieb ihm einen beißenden Geruch in die Nase, der von erhaltenden Ölen und Mixturen zeugte, Gifte, die verhindern sollten, dass sich das Buch mit der Zeit von selbst zerstörte, durch Fäulnis, Brände oder ähnlichem. Ungläubig und mit ehrfürchtigem Blick starrte er den alten Mann in dem viel zu großen Sessel an.
"Ja, das ist Druidenkunst", erklärte dieser, als er das verständnislose Funkeln in den Augen des Anderen wahrnahm. "So verständigen wir uns schon seit langem, durch Träume und Gedanken."
Durch Träume und Gedanken... Es packte Josias wie nichts sonst. Er hatte Träume mit Erinnerungen an etwas gehabt, das erst passieren würde. Wurde er von Druiden gerufen? Völlig perplex fragte er weiter: "Woher habt Ihr das mit dem Untergang des Landes gewusst?"
"Gewusst?" Seine Stimme schnappte über und ein Lächeln zog sich über seine Lippen. "Nein, ich habe nie gesagt, dass das Land untergeht! Ich habe gesagt, es wird bedroht werden. Wir Magier haben eine Art Einsicht in die kommenden Dinge. Wir wissen nur immer nicht ganz genau, was passieren wird. Wir wissen vieles, doch nur Bruchstücke der Zukunft, wir könnten nur Mögliches berichten, nie aber die ganze Wahrheit. Darum ist es so wichtig, dass alle gut vorbereitet sind, es gibt immer noch keine Sachen in der Zukunft, die mit Sicherheit feststehen!" Er tat dies mit einem verschmitzten Lächeln und einer schiebenden Handbewegung ab. "Geh nun. Du wirst mich bestimmt noch einmal wiedersehen. Nun weißt du... Wir Druiden haben unseren Mitmenschen noch nie so viel über uns wissen lassen, wie ich dir jetzt gesagt habe. Es liegt an dir mir zu glauben. Zweifle ruhig! Ich war offen zu dir, habe dir gesagt, was ich dir sagen kann und..." Er verstummte und sah plötzlich betrübt zu Boden. Plötzlich redete er in einem nicht so sachlichen, sondern in einem eher besorgten Ton weiter. "Sag Rone, meinem Neffen, dass er auf sich aufpassen soll... Er ist das einzige, was ich noch habe... Geh jetzt!"
"Danke...", murmelte der Truppführer kaum hörbar und setzte sich auf, schob den Stuhl wieder an den Tisch heran. Die letzten Worte des Zauberers hatten den Mann in einem völlig anderen Licht dargestellt, hatten gezeigt, dass auch ein Hexer kein absolut gefühlsloses Individuum war. Nicht, dass er das zuvor geglaubt hatte, doch die mechanische Art des anderen Fakten auszustoßen war für ihn irgendwie niederringend, so als spräche er mit nichts außer Etwas, das ihm mit dem Versorgte, was er zum Leben brauchte: Geld. "Und...", erhob er vorsichtig die Stimme, da er auf keinen Fall aufdringlich wirken wollte, "wie steht es mit der Bezahlung?"
Die Züge des anderen wurden plötzlich streng und bedrohlich. Seine Stimme war wie das Zischen einer Schlange, als er seine Hände fester um den langen Stab legte, der ihm als stütze diente, und an dessen Ende nun eine geheimnisvolle Flamme glomm: "Du wirst in größerem Maße bezahlt, als du es jetzt noch glauben kannst! Du wirst etwas erfahren, was dir noch nie wiederfahren ist. Du wirst verstehen, wenn du am Ende deiner Reise angekommen bist!" Und dann sagte er etwas leiser, sodass der Truppführer nichts außer einem leisen Säuseln verstehen konnte: "Liebe ist das größte und teuerste Glück, was dir widerfahren kann. Und es wird die treffen, gegen du dich einst stelltest." Er wandte sich ab, bis sich Kajetan endlich zum Gehen abwandte.
Dann verließ er nach einem kurzen Nicken den Raum, schloss die großen Türen hinter sich, doch der Magier saß noch einige Zeit da, den Kopf auf die Tischplatte gelegt. Seine Finger spielten nun mit einem kleinen, rundlichen Stein, sein Blick haftete nun unbewegt auf dem kleinen Gegenstand, in dem ein Teil der Zukunft wohnte. Es war noch nicht an der Zeit, dem Truppführer mehr zu erzählen, als er ohnehin schon wusste. Es gab Sachen in der Welt, die nicht voreilig hinausgeschrieen werden durften. Eine davon war, dass er sterben würde, wenn die große Wende bevorstand, wenn die Schwachen beginnen würden, einen vernichtenden Schlag gegen die Starken zu führen...

Und so vergingen Tage, die Kälte nahm hier und da etwas ab, hinterließ sumpfige Wiesen und anschwellende Flussbette. Der Winter hing jetzt nur noch in wenigen Gefilden und rüttelte an den Baracken der Leute, während das abgemagerte Vieh in den Ställen das erste Mal wieder Gras von den Feldern bekam, zwar feuchtes, abgestorbenes, das noch unter der weißen Decke aus Schnee gelegen hatte, was aber trotzdem besser war als nichts. Auch Hühner und Enten traten wieder in den Hof hinaus und pickten die kleinen Würmer und Insekten auf, die durch das Hochwasser aus ihren unterirdischen Behausungen geschwemmt worden waren. Das Eis auf den Wasserflächen wurde dünner, und etwas durchstieß die Decke. Etwas dunkles, das hervorbrach, um zu töten, getrieben von einer Macht, die an ihm rüttelte und ihn zerrte. Es kam, um zu töten, und brachte Tausende andere mit, willenlose Kampfmaschinen aus dem tiefen Waldland und den Silberseen. Ihr Weg war, so wurde ihnen eingeflößt, erst in der Trisholer Burg zuende, und sie würden sich den Weg freikämpfen müssen, egal was es kostete, denn das Überleben ihrer Rasse würde von abhängen. Sie versammelten sich an einem Punkt, und begannen ihren Todesmarsch in den Nordosten ihres Landes, in ihren Augen glomm ein weißer Schein, und Magie trieb sie an, ein heimlicher Zauber, der sie ebenso umgab, gleich einem Panzer...
Es war ein regnerischer Tag an der Grenze des Hochlandes, die Tropfen fielen stetig und prasselnd, ließen Pfützen in Erdmulden entstehen und der Fluss schwoll an, trat gar über die Ufer hinaus. Bei so einem Tag, an welchem das Gras plattgedrückt vom schweren Regen am feuchten, fast sumpfigen Boden klebte, sollte man nicht einmal einen Hund vor die Tür jagen, doch hier, im Grenzland, waren ganze Truppen von Soldaten und Spähern aufgereiht. Allesamt liefen sie geschäftig hin und her, wobei sich immer noch nicht wie vorrausgesagt der Feind im Nebel des Rokronpasses zeigte. Die Sonne hatte sich seit langem nicht mehr sehen lassen, dunkle, manchmal schleierhafte Wolken kreuzten über den Himmel, verdunkelten den hell gleißenden Feuerball und entluden ihre erdrückende Last. Das herunterbrechende Nass füllte von der Natur ausgeschlagene Felsnischen und Kuhlen, ließ aus ihnen regelrechte Brunnen oder Pfützen werden.
Erbarmungslos und dunkel ragten die großen Grenztore und Mauern vor der Passmündung auf, verhinderten jegliches Ausbrechen aus dem Pass und Eindringen in das Hochland. Das schmiedeeiserne Gitter war dick und mit dem Ruß vergangener Schlachten überzogen, Wachtürme standen nach allen hundert Schritten an den Mauern, klobig und festengleich. Hinter den Toren, im Schutze der Mauern, lagen die einfachen Zelte und Behausungen der Krieger, ein Heer, das zu Tausenden aus dem ganzen Hochland eingetroffen war, um ihr Reich, ihr Heimatland zu beschützen. Die schroffen, zerklüfteten Felsausläufe des Seebaldkamms wurden an den hochragenden Ausläufen des Rokronpasses von den dunklen Mauern übernommen und mitten zwischen den Soldatenzelten, dort, wo sich der Eisfluss gabelte, entsprang ein neuer Gebirgseinzug, der sich ebenfalls unwegsam und scharf wie ein Keil zwischen die Mengen schob.
Die Männer saßen an kleinen, überdachten Feuern mit dreckverschmierten Waffenröcken und Rüstungen, allesamt grau wie die Farbe der Erde und des Schlamms. Sie erzählten sich Geschichten und berichteten von ihren Familien im nun so fernen Heimatland. Die Haare der Männer waren schon lange nicht mehr geschnitten und langsam begannen die Schwerter in den durchnässten Scheiden einzurosten. Manche hatten den Helm abgenommen, hielten ihn im Arm oder hatten ihn neben sich auf einen Stein oder einem Holzstumpf gesetzt. Jeder dieser Soldaten wusste, dass der Krieg vielleicht ihr Leben forderte, doch sie gaben sich alle Mühe, das nicht allzu deutlich werden zu lassen und hielten so ihre Züge starr und nickten nur hier und da ihren Kameraden zu, nachdem sie mit ihren Beiträgen geendet hatten.
Da erschallten Trommeln wie aus der Ferne, aus dem Nebel des Passes schienen auf einmal Tausende von dämonischen Schatten zu tanzen, bewegten sich mit dem rhythmischen Trommelschlägen und die Hörner des Kampfes gaben ihren tiefen, dröhnenden Klang dazu.
Die gesammelten Krieger reckten sich von den kleinen Feuern auf, zertraten schnell die züngelnden Glutfeuer und legten ihre Hände auf die ledernen Schwertknaufe, schlossen sie fest, bis sie das kalte Metall unter den schwarzen Banden spürten. Schließlich zogen sie es vorsichtig heraus, das seidige Klirren ging durch die Reihen wie eine riesige Welle, ruhig und erwartungsvoll, wohlwissend, dass der Boden nach Blut durstete, doch jeder schwor insgeheim für sich, dass er den Durst nicht aus eigenen Taschen stillen würde. Ein undeutliches Zwinkern reichte aus, um dem Nachbarn seine Gefühle mitzuteilen, aufgeregt und niedergeschlagen zugleich, die Angst in ihrem Inneren preis zu geben. Die Furcht hatte sich wie eine große Decke über alle gelegt und umhüllte sie nun vorsichtig mit einem immer dichter werdenden Band aus der Kälte des kühlen Nordlandwindes. Würden sie es schaffen? Würden sie siegen, den Feind von den Toren vertreiben, oder sollten ihre Söhne oder Töchter nur noch ein Bild der Erinnerung in ihren Herzen tragen?
Gerade jetzt, da jeder sich in sein tiefstes Innerstes hineingesteigert hatte, erschall der Klang einer heizenden Stimme, treibend und aufgebracht, den Willen gegen das Unmögliche stemmend, um es unerbittlich zurückzutreiben. Es war die Stimme des Generals, der sich auf die Zinnen des Klammwalls gestellt hatte mit seine Leute mit ausgestreckter Schwerthand antrieb, immer wieder schrie er Worte in die Nacht hinaus, die sich wenige Stunden später zu einem Tag entwickeln sollte, der sich schwer und höllisch über die ganze restliche Woche hinwegziehen würde.
Noch einmal rafften die Männer ihren letzten Mut zusammen, umklammerten ihre Klingen noch fester und erwarteten das Anstürmen des Feindes unter den wild schlagenden Trommeln auf das große schwarze Tor, das sie alle hätte retten und beschützen sollen...
Da trat plötzlich ein junger Mann vor, ein graublonder Kerl von durchschnittlicher Größe und Statur, nur seine Uniform verriet, dass er etwas zu sagen hatte. Das Königliche Abzeichen der Meridianís prangte auf seiner Brust und seine Rüstung funkelte vor Gold und Silber, das von dunklen Gürteln und Schnallen zusammengehalten wurde. Er erklomm rasch einen der großen Felsen und reckte die Arme in die Luft, sodass jeder ihn sehen konnte. Zusätzlich erhob er sein Schwert in gerader Linie nach oben. Er hatte etwas erhabenes, großmütiges an sich, etwas treibendes und stärkendes. Er war ein Prinz aus großem Hause, aus dem Hause der großen Könige des Hochlandes. Doch er war nicht der einzige Sohn des alten Königs. Er war einer unter dreien, der Letztgeborene zudem noch, und in vieler Hinsicht benachteiligt. Erst würde er König werden, wenn seine anderen Brüder verschieden waren, und das konnte länger dauern, als er es wünschte. Instinktiv wusste er, dass er ein Herrscher sein sollte, er wollte es sein, der über die einfachen anderen Leute gebot, er wollte sie führen.
Als er tiefen Atem holte, schnitt die eisige Kälte wie eine Messerklinge in seine Lunge, und er spürte die Feuchtigkeit, die sich überall in seine Kleider und seinen Mantel gesogen hatte ebenso frostig auf seiner Haut. Seine Glieder begannen steif zu werden, doch er wehrte sich dagegen, um nicht kläglich auszusehen, immerhin wollte er zeigen, was für ein unerbittlicher Krieger er war. Der feine Regen perlte an der glatten Schneide seiner Waffe entlang, sodass er wie ein scharfer Felskeil wirkte, der sich gegen die Brandung stellte. Er wünschte sich nichts anderes. Die Luft, die seiner Kehle jetzt entwich, kondensierte zu einer tänzelnden Dampfwolke, und seine Augen glitten beinahe fassungslos über die blechernen Häupter der Hochländer hinweg, die sich unter ihm versammelt hatten. Es war ein großartiges Gefühl, wie sie ihn alle erwartungsvoll anstarrten, so verzweifelt und geduldig. Sein Herz pochte. Er spürte die Macht über die Masse, die er mit dieser einzelnen Bewegung besaß und es erregte ihm. Dann begann er zu sprechen: "Männer!" rief er ihnen zu. "Dieser Kampf geht um das Leben aller! Um das Leben unserer Söhne, Töchter und Frauen. Und um unser Land, unsere Zukunft! Die Entscheidung liegt bei euch. Wollt ihr ein Leben in Armut und Gefangenschaft fristen?" Ein Murmeln ging durch die Menge, doch der junge Meridian sprach einfach weiter. "Oder, Männer, wollt ihr diese verdammten Tiere in die Flucht schlagen, und das Hochland bewahren?" Jubelnde Zurufe und das Geräusch von auf die Erde donnernden Speere war eine bedrohliche, Stärke vermittelnde Serenade der Kampfeslust unter ihnen. "Und so, Männer", er schüttelte absichtlich den Kopf, "nein, Hochländer!" Wieder jubelten und grölten die Krieger, hoben allerlei Kriegsgeräte in die kühle Luft und Wolken ihres Atems stiegen gegen den Himmel auf. Ein tiefer Entschluss stand in ihren Gesichtern eingebrannt. "Zieht nun in die Schlacht, und verteidigt eure Heimat, tötet eure Feinde, vernichtet das, was euch bedrängt! Auf in den Kampf!" Ein gellender, tierischer Schrei entlockte sich seiner Kehle und sein Schwert senkte sich gegen den Feind.
Genau in dieser Sekunde tat es einen ohrenbetäubenden Schlag, als das schwarze Gittertor der Hochländer von einer unsichtbaren Sturmfaust mitgerissen wurde, alles explodierte in Feuer und Qualm. Verbrannter, beißender Gestank wirbelte dem Menschenheer mit einer großen Druckwelle entgegen und die vordersten Soldaten wurden ohne weiteres mit weggerissen. Rüstungen von stürzenden Kriegern scheppernden, als sich große Steinbrocken in die Luft gruben und schwere Schatten auf die Menschen warfen, dann mit lautem Donnern in ihre Mitte fuhren, Duzende der Kämpfer töteten. Die platzierten Bogenschützen auf dem Wall und einigen Klippenrändern verloren ihr Gleichgewicht und stürzten in das brodelnde Heer der Dämonen. Rasendschnelle graue Leiber schoben sich durch den Dunst und zerfetzten die am nächsten stehenden Verteidiger.
Das unglaubliche war passiert. Das große Tor der Hochländer war zerstört, aufgestoßen wie von Kanonenschüssen, nur viel heftiger und vernichtender. Es schien, als wäre hier Magie im Spiel...
Aber jetzt hatte auch der letzte Mann begriffen, dass der Angriff erfolgt war und die letzten Krieger auf den Zinnen spannten ihre Bögen. Ein Hagel von Pfeilen ging über die tobenden Angreifer nieder und sie fielen wie Ameisen, die von einer riesigen Fliegenklatsche getroffen wurden. Sehnige, vielgliederige Leiber bewegten sich wie Spinnen durch den Pass und wurden sogleich von den mutigen Menschen angegriffen, in einem Anfall von Mut und heroischer Entschlossenheit, die ihnen der brüllende Prinz einflößte.
Alles ging unter in einer Kaskade von klirrenden, sich bewegenden Waffen und schwirrenden Geschossen. Die sirrenden Hölzer gingen immer wieder in das Heer der Feinde nieder und zerschmetterten Angriffe. Doch diejenigen, die es durch die Abwehr geschafft hatten, erklommen den Wall von hinten und rissen die Bogenschützen mit ihren langen Sichelklauen in den Tod. Es waren die rebellierenden Tieflanddämonen, die sich wie eine riesige, schäumende Wellen gegen die Mauern warf, um den Gang zu vergrößern, der durch die Explosion und dem Feuer der Magie geschaffen wurde. Das graue, sabbernde Meer zerschellte an den Klingen der Hochländer, und dunkles Dämonenblut besudelte die glänzenden Rüstungen.
Meridian, der das beeindruckende Schlachtfeld von seinem Platz gut überblicken konnte, dirigierte mit seinem Schwert seine Leute. Er richtete die Waffe nach rechts, und die wenigen Angehörigen der Kavallerie stoben von den hinteren Ebenen heran und droschen auf die nördliche Flanke der Tiefländer ein. Wie ein Keil trieb sie sich in die zuckenden Leiber und zersprengte den Angriff ohne große Schwierigkeiten. Dann traten die Männer heran, die mit Schwert und Bogen bewaffnet waren. Die berittenen Soldaten schafften eine Lücke, durch die sie die Dämonen rennen ließen, schlossen sie aber gleich darauf, sodass die Grauen eingekreist waren und von allen Seiten niedergemetzelt wurden, unfähig zu entkommen. Die anderen legten Pfeile auf und erklommen einen der Hänge. In einer summenden Kakophonie aus blitzenden, gefiederten Hölzern surrten die Sehnen und jene bohrten sich in die Angreifer.
Derweil zerfiel jedoch die Verteidigung auf der linken Flanke und die Grauen brachen durch und griffen die hiesigen Bogenschützen mit brutaler Macht an. Sofort rückten Hochländer aus der hinteren Mitte aus und warfen sich in die Bresche, wo sie von Hunderten Dämonen niedergemacht wurden. Pferde wieherten und Klingen arbeiteten, als sich die Kavallerie dazu entschloss, durch die Mitte zu fahren und fegte den größten Teil des Ansturms beiseite, während sie von hinten auf die zuritt, welche bereits hinter die Armee gelangt waren.
Aber dann waren es die Reiter, die eingekesselt waren und fielen unter lauten Entsetzensschreien. Entsetzlich helle wiehernd versanken auch die edlen Tiere in der Überzahl des Feindes und die Hochländer waren rasch auf die Hälfte dezimiert worden, während die Tieflanddämonen immer noch unerbittlich aus der Passmündung strömten, und es war kein Ende abzusehen.
"Rückzug!", brüllte der Anführer der Hochländer plötzlich gegen den Sturm der tosenden Schlacht und wie auf Kommando - was es ja eigentlich auch war - sackten weitere Linien der Krieger kraftlos zusammen und auch die letzten Bogenschützen wurden erreicht. Erst wehrten sich diese noch, doch dann war die Übermacht zu deutlich und sie versanken und den ewigen Angriffen. Angst und Furcht vor dem Tod stieg ihm in den Kopf und hektisch kletterte er von dem Findling herab. War jetzt alles verloren? Mussten sie wirklich fliehen? Verzweifelt schlug er nach einem Angreifer, der ihm entgegenhetzte und köpfte ihn. Dann rannte er weiter und erreichte ein Pferd, dessen Herr tot im Sattel hing. Wieder fassten die Grauen nach ihm, aber er schwang sein Schwert und zerfetzte ihre dürren, ausgemergelten Leiber. Schnell zerrte er den Toten von dem Rücken des Tieres und schwang sich in den Sattel. Mittlerweile hatte jeder begriffen, um was es jetzt ging, und die letzten fünfhundert Mann stürmten durch die ausgetrampelte, regennasse Landschaft. Wie in einem Sumpf schmatzten ihre Schritte und die feuchte Erde sog sie nach untern, und das Gewicht der Rüstung ließ sie langsam werden. Einer nach dem anderen wurde von hinten aufgespießt und niedergemetzelt.
Der Prinz hieb seinem Tier die Sporen in die Seiten und hetzte über die Ebene, immer die grausigen Gestalten hinter sich wissend. Während er rannte erkannte er auch seine Brüder, die in ganz und gar schimmerndes Gold gekleidet waren. Auch sie waren beritten. Er lenkte seinen dunklen Fuchs zu Bengor, welcher der älteste war, und rief ihm zu, er solle - nachdem sie die Schluchtenebene verlassen hatten - mit einem Drittel des verbleibenden Heeres den Hang hinaufreiten, während er und Riagor die Pfad durch die Klippe versperrten. Er solle dann hinter die Klamm reiten und von dort zuschlagen, sodass die Dämonen keinen weiteren Fluchtweg erhielten. Sie durften einfach nicht zulassen, dass die Tiefländer nach Trishol gerieten. Der dunkelhaarige Bengor nickte und sprengte in hetzendem Galopp nach Nordosten ab, während er selbst weiter seine gerade Linie durch die Klamm verfolgte. Das Pferd schwitzte unter seinem heißen Ritt und bald erhoben sich rechts und links hohe Felswände aus dunklem Granit. Der rechte Hang war von keiner Seite aus zu erreichen, doch der Linke war es, der in einen sanften, grasigen Hügel endete. Dort oben würde sich sein Bruder mit ein paar anderen Kriegern verstecken, bis die Feinde in die Klamm eindrangen, an deren Ende sich er mit Riagor verschanzt hatte. Die Grauen würden unweigerlich in ihren Tod laufen. Und der junge Meridian grinste kampfeslustig, während sich bereits neue Hoffnung in ihm regte. Wenn er es schaffen könnte, die Dämonen hier aufzuhalten, und seine älteren Brüder dabei unabsichtlich in den Tod laufen zu lassen, würde seiner Krönung nach dem Tod seiner Vaters nichts im Wege stehen...

Goran Ascan stellte den silbernen Weinkelch mit leicht zitternden Händen auf den Tisch. Er war alt. Sehr alt. Sein Haar war grau geworden, lang hing es ihm vom fast kahlen Kopf. Falten gruben sich in seine trockene Haut, seine Augen waren trüb geworden und hatten nicht mehr das antreibende Licht von früher. Seine einzige Bekleidung war ein langer, schwarzer Mantel, ein Waffenrock und dunkle Stiefel. Im Raum kräuselten sich Rauchschleier an der Decke und Goran musste husten, als er bei einem seiner Atemzüge, die ihm jetzt schon sehr schwer fielen, scharf den Qualm einzog. Der Juckreiz in seiner Kehle pulsierte und schien ihn langsam aber sich auszutrocknen. Mit stockenden Bewegungen zog er die lange Pfeife zu seinen breiten Lippen und tat ein paar tiefe, aber beruhigende Züge, wobei sich wieder mehr nebliger Dunst an der Holzdecke sammelte.
"Das Rauchen bekommt dir nicht gut. Lass es lieber sein!" 
Er war erleichtert, Millianaís Stimme zu hören. Wenigstens eine, die sich auf seine alten Tage um ihn sorgte. Mit rauer Stimme versuchte er mit ihr zu reden, wobei aber meistens nur dünne Rauchwolken seinen Lungen entwichen: "Du wirst dich noch wundern, was ein alter Mann noch alles zu tun vermag." Wieder hustete er und diesmal fiel ihm die Pfeife aus der Hand und landete klackend auf dem Tisch. Asche verteilte sich auf der sauberen Platte, glomm noch einmal kurz auf und verlosch dann völlig. Der Alte seufzte und stieß einen Fluch aus und wieder trank er einen Schluck mit zitternden Fingern.
Milliana war zwanzig Jahre jünger als er, doch in ihrem sonnengebräunten Gesicht standen ebenfalls Falten. Ihr Haar war hinten zu einem langen, aschgrauen Zopf gebunden und noch immer zeugte eine oder die andere kastanienbraune Strähne von ihrer hübschen Jugend. Das Kleid, das sie trug, war aus grobem Stoff und wies unzählige Male ausgebesserter Flickstellen auf. "Das werde ich", sagte sie ruhig, "aber erst dann, wenn es an der Zeit ist."
Goran schüttelte aufgebend den Kopf und versuchte aufzustehen. Sein Kreuz schmerzte ihm und bei jeder Bewegung stöhnte er, musste sich mit dem knorrigen Stock abstützen, um nicht völlig entkräftet zu Boden zu sinken. Sein Körper erschien ihm unglaublich schwer und träge und er wünschte sich nichts mehr als endlich Abschied von dieser Last nehmen zu können.
Milliana wischte mit groben Zügen den Tisch ab, so wie sie es jeden Abend tat, wenn ihr älterer Bruder vom Tisch aufgestiegen war. "Du hast ja dein Abendessen ja wieder nur dürftig angerührt!", nörgelte sie und begann die Reste der Speckbrote für den nächsten Tag einzupacken. Doch Ascan bezweifelte, dass es einen nächsten Tag geben würde, den er überleben würde.
Heute war etwas Unheimliches im Gange. Er spürte es ganz deutlich, Männer, die wie große Schatten hinter Ecken und Türspalten auftauchten und dann wieder plötzlich verschwunden waren. Ein Gefühl der Angst hatte ihn bis jetzt beflügelt, dunkle Räume und Ähnliches zu meiden, geschweige denn überhaupt nur an sie zu denken, aber jetzt, da es Nacht war und die Düsternis vom Boden bis hoch zur Decke kroch, verschwand die Sicherheit und die Geborgenheit mit dem Licht. Er würde seine Schwester fragen, ob sie nicht eine Öllampe in seinem Zimmer brennen lassen könne, damit so wenigstens ein Teil der Dunkelheit verschwunden wäre. Es würde zwar an seiner Ehre als erwachsener Mann kratzen, doch er musste Milliana ja nicht alles von den unheimlichen Gestalten und ihrer wahrscheinlichen Bedeutung erzählen, nämlich, dass sie ihn bald zu sich hohlen würden. Wer oder was waren sie überhaupt? Projektionen seines Unterbewusstseins? Wesen der Schwärze, der Dunkelheit? Schattenwesen? Sollte er sich das ganze alles nur eingebildet haben? Musste er jetzt die restlichen Stunden seines Lebens und die danach mit ihnen verbringen? Jedes mal, wenn er über sie nachdachte, jagte es ihm Eisschauer über den Rücken und rieben tiefe Schmerzen aus ihm hervor, Schmerzen, die er mit Ruhe und Besonnenheit nicht lindern konnte. Er fühlte, spürte es gerade so, dass hier Schatten des Bösen am Werk waren, etwas aus den tiefsten Tiefen der Hölle heraufbeschworen, was keiner auch nur ansatzweise verstehen würde.
Gerade deswegen antwortete er nicht spitz wie sonst auf ihr Geschimpfe, sondern hielt sich zurück nicht zu viel zu sagen. Wer weiß, sollte er sterben, würde er es nicht wollen im Streit mit ihr auseinander gegangen zu sein, also murmelte er nur: "Denke an deinen Bruder. Und verführe ihn nicht dazu, schlecht über dich zu reden." Sie wollte etwas erwidern, schluckte es aber hinunter, da sie seine Worte nicht ganz so gut verstand, wie er beabsichtigt hatte. Doch sie tat ihm den Gefallen, dachte über die Sätze nach, während sie stumm und ausdruckslos auf die hölzernen Dielen starrte. Er verschwand derweil in dem Gang, der zu den anderen Zimmern des einfachen Hauses führte.
"Soll das heißen, dass du gehst? Ist es das, was du sagen willst? Wenn ja, dann lass mich deine Sachen packen. Es ist lange her, dass du ausgegangen bist. Und diesmal wird es wohl für immer sein..."
Goran fasste es mit gemischten Gefühlen auf, einerseits wollte er nicht, dass sie um ihn trauerte und andererseits wollte er ihr möglichst schonend beibringen, dass er die Ruine seines Körpers verlassen würde und in eine andere Ebene des Seins eintauchen würde. Gerade jetzt befasste er sich mit der Frage, ob es wirklich einen Gott gab? Irgendwas musste es wohl da oben geben. "...oder da unten...", gab er flüsternd hinzu und seinen Mund umspielte ein listiges Lächeln, was aber sogleich beim Anblick der Schatten in der Gangecke verschwand.
Das schwarze Wesen schien wie eine Form, übergossen mit der Schwärze der Nacht, unsichtbar vor allen dunklen Gegenständen, ja, es war, als wäre es nicht da, kein Laut drang von ihm, keine Bewegung, kein Atemzug und doch fühlte Ascan, dass es existierte und jetzt genau vor ihm stand.
Schwer atmend und herausfordernd stand er vor dem Wesen, versuchte die schattigen Augen zu entdecken, erkannte aber nichts, nichts weiter als eine unsichtbare Gestalt im schwarzen Mantel, die sich aus der Düsternis heraus zu kristallisieren versuchte, es aber nicht schaffte.
Schließlich schüttelte Ascan wieder den Kopf und versuchte sich die Gedanken auszureden, was aber im ersten Moment nichts brachte. Augenblicklich wandte er sich wieder der düsteren Ecke zu und flüsterte gereizt: "Was willst du, schwarzer Mann? Suchst du mich? Sprich mit mir!" Plötzlich hatte er dieses Gefühl der Leere und vor ihm war plötzlich nichts mehr, kein Schattenwesen. Hatte er sich das Ganze etwa nur eingebildet? Gab es überhaupt Wesen, die so aussahen, wie er es sich vorstellte, mit verrückt glimmenden Augen und den zu Klauen gekrümmten, schwarzen Fingern? 
Da entstand auf einmal ein Wort in seinem Hirn, deutlich und die anderen Gedanken alle umwerfend, unmissverständlich und dröhnend: "Nein!" Dieses Wort schien von einer tiefen, dröhnenden Stimme ausgesprochen worden zu sein. War da tatsächlich seine Stimme? Hatte er sich da gerade so reden hören?

Ein treibender Schneesturm hatte ganz Trishol in die Verschläge und Zufluchten zurückgetrieben. Es war schon der Dreizehnte in diesem Monat und die Bewohner der Ruinenstadt hatten sich damit abgefunden, dass ihnen fast jede Nacht Eis und Schnee um die Ohren flog, alles mit einer weißen, wattigen Schicht überzog. Eisige Winde fegten Schindeln vom Dach oder löschten Kaminfeuer, wo sie nur konnten und ließen auch nicht aus, die Hüte der Menschen von deren Köpfen zu wirbeln. In den Wirtshäusern und Schankstuben herrschte zur Zeit bei dem Wetter mächtig Andrang, denn fahrende Leute und Händler wollten sich bei so einem Wetter nicht aus der Stadt heraustrauen und gute Unterkünfte gab es nur dort. Wer keine fand, musste mit den zerfallenen Buden im höheren Norden vorlieb nehmen. Bettler und Heimatlose lagen in Straßenecken und Gassen, teilweise erfroren, oder zitternd in dünne Decken gehüllt. Ab und zu kam eine Streife vorbeigeschlendert und durchsuchte die Toten nach noch brauchbarem Gerümpel oder oft geflickten Jacken, welche sie dann den noch Lebenden mit einem kläglichen Lächeln überreichten, denn sie wussten, wie dürftig und notgedrungen ihr Geschenk war und merkten, dass die armen Leute oft neidisch an ihnen hochblickten. Zur Zeit hatten auch die Stadttore und Terrassen keine Wächter mehr, da diese sich ebenfalls in ihre Wachstuben zurückgezogen hatten und dort müde und eng um den kleinen Kamin gereiht Karten spielten. Die sonst von so viel Musik erfüllte Stadt war in diesen Tagen sehr ruhig und verschlafen. Jeder, der zur Zeit keine besonders wichtige Arbeit hatte, lag bei sich daheim den ganzen Tag im Bett und vertrieb sich die Zeit mit dem Zählen von Flocken, die draußen an den gefrorenen Scheiben vorbeitanzten. Der Brunnen am Dorfplatz war zugefroren und Schnee lag wie eine kühle Ummantelung um den Brunnenrand, Bäume waren kahl und ihr Laub in alle Winde verstreut, Eiszapfen hingen lang und starr an Dachrinnen und über Türschwellen.
Es war später Nachmittag, als sich eine dunkle Gestalt durch das rege Treiben der Schneeflocken schob und an fast jeder schattigen Hausecke verharrte, nur um dann mit noch schnelleren Schritten die andere Straßenseite zu betreten und dort endlich vor der Tür des Gasthofes "Zum düstren Ochsen" zu halten. Noch einmal blickte er sich rasch nach allen Seiten um, sah nach, ob ihm auch keiner gefolgt war, dann ging er die grobgehauenen Steinstufen hinauf und klopfte mit knochigen Fingern an.
Es wurde ihm nicht sofort geöffnet, erst erloschen die wild durcheinander redenden Stimmen und der Dunkle klopfte noch einmal. Diesmal vernahm er scharrende Schritte, wahrscheinlich bewegte sich der Wirt auf die dicke Eichenholztür zu.
Nach einem kurzen Moment und einem schweren Klacken, als der Riegel beiseite geschoben wurde, öffnete sich die Tür und der erstaunte Wirt gebot ihm Einlass.
Thronn Warrket streifte die tiefschwarze Kapuze von seinem strohblonden Haupt und Tropfen geschmolzenen Schnees rieselten von dem durchnässten Umhang herab. Wache Augen beobachteten die Menge der Leute, die sich hier versammelt hatten um ihr Bier zu trinken, überwiegend Bauern und Händler, vereinzelte Ritter und ein paar finstere Gestalten, die man nicht richtig erkennen konnte, da sie sich tief in Düsternis der entlegeneren Tische gezogen hatten. Insgesamt macht das Gasthaus einen guten Eindruck, dachte Thronn, wird zwar schwer werden, hier einen Schlafplatz zu finden, doch um meine Aufgabe zu erfüllen, werde ich sowieso nur wenige Tage beanspruchen. Der Wirt musste wie ein kleines Kind zu ihm aufsehen und auch die Anderen beachteten seine Größe, fast jeden überragte er um einen Kopf und nur wenige um winzige Inch.
"Wer bist du, Fremder?", fragte der dickliche Wirt, die Hände in die Hüften gelegt, mit rauer, wegwerfender Stimme. "Ich will hier keine unbekannten Mörder in meiner Kneipe aufnehmen und deine Gestalt ist reichlich sonderbar für diese Gegend."
"Ich komme aus dem Grenzland", sagte der Große. "Das reicht."
"Grenzland? Nie gehört. Willst uns wohl nichts über dich verraten, hä? Die meisten hier sagen eh nur einen ausgedachten Namen", murmelte der Mundschenk, zögerte und fuhr dann fort, "Zimmer is sowieso keins mehr frei. Du kannst zwar hier auf ein Bierchen bleiben, aber einen Platz, wo du übernachten kannst, kriegst du nicht!"
"Darum bin ich auch nicht gekommen!" erklärte Warrket und setzte sich auf einen Barhocker, während der Wirt wieder hinter die Theke schlurfte und nach einem Bierkrug griff.
Das Gerede der Männer setzte wieder langsam ein, nachdem sie den neuen, großen Unbekannten eingehend gemustert hatten und bald war wieder alles wie vorher, ein reges Stimmengewirr, in dem jeder lauter sein zu wollen schien, als der andere.
Nachdem Thron ausgiebig von seinem goldschäumenden Bier getrunken hatte, wandte er sich an den soeben noch in ein Gespräch vertieft gewesenen Wirt: "Heißt hier einer Ascan? Er wollte mich hier treffen!" Seine Stimme war nur ein energisches Flüstern und der glatzköpfige Wirt musste sich weit zu ihm beugen, um seine Worte zu verstehen. Freilich war es nur eine Ausrede, warum er diesen Kerl ausfindig machen wollte, doch den wahren Grund konnte er einfach nicht preisgeben.
"Ascan? Nein," er ließ seine Augen kurz durch die Stube gleiten, "aber dahinten sitzt eine Katren Arsca. Jedenfalls hat sie sich so genannt. Die Namen haben Ähnlichkeit, vielleicht kann sie Euch weiter helfen!"
"Das bezweifle ich", sagte Thron gegrämt zu sich selbst. "Es ist wichtig, dass ich ihn hier treffe. Er ist etwas Besonderes." Seine Augen waren starr und stumm auf die Theke gerichtet.
"Nun, sie ist auch etwas ganz Besondere!" Er lächelte verschmitzt.
Der Grenzländer seufzte: "Nein, so habe ich das nicht gemeint..."
"Wie denn dann?", unterbrach ihn der Wirt mit einer herrischen Geste, als wolle er Warrket schlagen, doch dieser rührte sich nicht, wandte sich dann aber doch seinem Bier zu. "Ich bin es leid, ständig Euch und Eure dunklen Brüder zu bewirten. Das ist eine ordentliche Gaststube und kein Freudenhaus!"
"Habe ich das behauptet?" Irgendwas in dem Ton des Finsteren und in den geheimnisvollen Augen brachte den Wirt dazu, sich schnaufend zurück gegen den hölzernen Getränkeschrank sinken zu lassen.
"Junger Mann", begann der Wirt, während er sich die Schweißperlen der Wut mit einem Taschentuch fortwischte, sein Gesicht war purpurrot, "ich muss sagen, in einem Wortgefecht seid Ihr kein schlechter Gegner. Doch sagt mir mehr, erzählt mir genaueres von Euch, wer seid Ihr wirklich?"
Nachdenklich blickte Thronn auf die Theke, durch die sich feine Holzrisse zogen und auf der Wasserflecken zu erkennen waren. Er überlegte, ob er dem Wirt die Wahrheit sagen wollte, oder sie doch besser für sich behalten sollte. Schließlich deutete er nur an: "Tut mir leid. Ich kann vieles, aber das kann ich nicht. Die Sache ist einfach zu groß um Euch damit zu behelligen."
"Mein Herr", forderte der Gastwirt ihn wissend heraus, "wenn sie zu groß für mich ist, ist sie das auch für Euch. Und wenn sie wirklich groß ist, dann geht sie uns alle etwas an." Es war eine raue, verschwörerische Stimme und leise noch dazu, doch trotzdem konnte Warrket sie aus dem Gemurmel aller Leute heraushören, sie fühlen wie ein Schwert in der Brust, gefährlich und doch endlich.
"Es gibt vieles, was die Welt vor mir verbirgt... Warum soll ich ihr dann meine Geheimnisse enthüllen?"
Mit dieser Antwort hatte sein Gegenüber nicht gerechnet und eine Weile stand er stumm da und wunderte sich über solch weise Worte, die er sonst noch nie von einem so jungen Kerl gehört hatte.
"Ihr seid weise, dunkler Fremder..." Er lachte stockend. "...Grenzländer...! Vielleicht werden wir uns später wiedersehen. Immerhin werde auch ich nicht meine ganze Lebensdauer hier verbringen. Hört Ihr? Ich frage ständig nach eurem Namen, doch meiner interessiert Euch nicht im geringsten! Warum seid Ihr hier unterwegs und warum tut Ihr so geheimnisvoll? ...Ihr braucht Euer Schweigen nicht zu brechen, nur einen Tipp..." 
Sofort erkannte der Riese die List, die ihm gerade eben vor die Füße geworfen worden war und trank den letzten Tropfen, dann zog er sich die Kapuze wieder tief in die Stirn, sodass ein blasser, aber dennoch undurchdringlich scheinender Schatten auf sein Gesicht fiel. "Wie klug von Euch, Herr Wirt. Sollte es etwas geben, das ich Euch und der Welt zu Füßen legen will, werde ich es Euch wissen lassen." Ein Lächeln prägte sich in den Zügen des Grenzländerís ein, während er sich vom Barhocker erhob und wie ein riesiger Schatten auf die Tür zuschlenderte.
 

© Benedikt Julian Behnke
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Und schon geht's weiter zum 3. Kapitel: "Der gläserne Spiegel"

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