Die legendären Krieger von Rohan von Benedikt Julian Behnke
1. Teil: Der Herr der Winde / 1. Buch
Der Zerfall des Reiches 4 - Der Fall

Der Tag neigte sich dem Abend zu, die Sonne ließ ihre Strahlen über die Bergkämme, die rau und schroff waren, die Grenze von Ländern bildeten, tasten, versuchte für einen gleißenden Augenblick die Schatten aus den Ecken zu verbannen, doch es gelang ihr nicht, das helle Licht sichte schwächer werdend durch die hellen Baumwipfel, erlosch in einem Teppich aus purpurnen Farben, die sich über grasige Hügel und den Horizont legten. Viele Schatten versuchten länger zu werden, rafften sich auf, die Gelegenheit zu nutzen und traten dann nur unter dem silbernen Licht von Mond und Sterne zum Vorschein. Mit einem leisen Säuseln strichen die Winde durch die herzförmigen Blätter der großen Bäume, Büsche und Farne und nur wenige Lichtungen gab es, welche die Sicht zum Himmel freigaben. Hier über diesem endlos erscheinenden Meer aus Bäumen hingen Schleier von Nebel und blasse Dunstfahnen, die sich ewig dort aufzuhalten schienen und nur die Stellen von kleinen Waldwiesen waren wolkenlos, verborgen, tief zwischen Kraut und Heide, zogen sie sich in kleinen Gruppen durch den Dschungel, bis zu den ansteigenden Hügeln, die sich später zu den großen, felsigen Ausläufen des Seebaldkamms entwickelten. Dieser Kamm war die Grenze, das Gebirge der Trennung des Landes, das Waldland erebbte hier zu einer Wüste aus Steppegras und zerklüfteten Felsen; das Hochland formte sich hier aus den größten Teilen des tiefen Waldlandes.
Kurz vor den großen Felsen, am Saume des Rokronpasses glitzerten und funkelten die Silberseen in einer Pracht, wie sie es noch nie getan hatten, denn es war die erste Nacht, in der die zwei Monde von Rohan zur gleichen Zeit voll waren, ihre Krater deutlich auf dem grauweißen Mondsand abzeichneten.
In dieser Nacht stiegen Rauchfahnen vom ganzen Hochland auf, woben ihren Weg auf seidenen Bahnen in das Morgengrauen des anbrechenden Tages, der Tag am Ende einer mörderischen Woche.
Der Schlachtzug der Dämonen aus dem Westen war blutig und unausweichlich gewesen, die lechzenden Kämpfer hatten das Große Tor der Hochländer zerbrochen, niedergefegt wie eine Streichholzschachtel, hatten sich durch unzählige Blockaden weiter vorgerungen, bis sie schließlich vor der Hauptstadt des Landes standen, vor Trishol. Bengor war gestorben, zu Tode getrampelt. In einem letzten, verzweifelten Aufflammen von Wut hatte er sein mit Gold und Silber verziertes Breitschwert gegen die Dämonen geschwungen und Hunderte von ihnen getötet, bis er schließlich - gespickt mit schwarzen Pfeilen und zerfetztem Fleisch - stark blutend zusammensackte. In seinem letzte Atemzug lag ein Gebet. Eine Bitte, die an Argon gerichtet war, dem Gott des Westens. Sein letzter Wunsch war, das wenigstens seine anderen Brüder überlebten. Und der hinterhältige Meridian hatte sich ins Fäustchen gelacht, während er geflüchtet war. Tage später hatten die Feinde auch die Barrikaden an den Ufer des Eisflusses überwunden und hier war auch Riagor gefallen. Seine Leiche wurde mitsamt allen Gefallenen und dem Blut der Dämonen fortgespült. In seiner Seite steckte ein Dolch, ein Messer, auf dem das Zeichen des Königs prangte. Dennoch war es nicht Rune gewesen, der ihn tötete. Er war lediglich erleichtert zurückgesunken und hatte sich auf seinem Gaul etwas vom Kampfplatz entfernt, um zu sehen, wie die Schlacht verlief. Auch die Dämonen hatten große Verluste erlitten. Es waren ihrer noch an die zweihundert und auf der Seite der Hochländer waren es etwa nur noch sechs Dutzend, eine geringe Zahl angesichts der Gegner. Der Kampf war schleppender und träger geworden. In allen herrschte große Müdigkeit und einige sackten einfach in das blutverklebte Gras, völlig entkräftet. Überall lagen Waffen herum und Leiber häuften sich.
Und plötzlich, als der zukünftige König wieder den Kampf von einem erhöhten Schlachtpunkt betrachtete, zerfiel in ihm etwas. Was war, wenn das Hochland tatsächlich fallen würde? Es waren nur noch sehr wenige Krieger und die Tiefländer so viele! Er würde nichts mehr zum regieren haben, wenn alle tot waren. An so etwas hatte er nicht gedacht. An so etwas hatte keiner in der letzten Woche gedacht, in welcher der Schnee bereits fast ganz geschmolzen war, und es wieder wärmer wurde. Schließlich raffte Rune sich auf, und begann zum ersten Mal bewusst für etwas sein Leben aufs Spiel zu setzten. Das spornte seine Leute an, und zusammen sammelten sie sich hinter den Stadttoren. Städter warfen ihnen verwunderte und entsetzte Blicke zu. Hier gab es keinen einzigen Soldaten mehr. Alle waren in die Schlacht gezogen, Tausende waren es gewesen, und vierzig waren geblieben.
Sie kämpften lange und erbittert an den Toren, eine Nacht und einen Tag durch, und in der Zeit begannen sich auch die Bauern und Handwerker mit Spießen und Knüppeln zu wappnen. Es sah aus, als würde das Hochland letztendlich doch untergehen. Und schließlich wurde auch das Stadttor durchbrochen und die Armee von Dämonen fegte über die Höfe und Häuser der Stadt weg, während auf wundersame Weise Nachschub erschienen war. Die Zahl der nächtlichen Angreifer hatte sich verdoppelt. Tagsüber waren sie verschwunden, hielten sich im Schatten versteckt, und nachts griffen sie mit verheerender Stärke an. Doch die Hochländer gaben nicht auf und zogen sich in das Schloss der Meridians zurück, fünf verzweifelte Kämpfer.
Schon seit zwei Tagen dauerte die Belagerung an und die Streitmächte aus Trishol waren alle bis auf eine Handvoll mutiger Krieger niedergemacht worden. Allesamt hatten sie sich in die Burg* und in die Ruinen darum verschanzt, der glänzende Teil des großen Ortes war eingenommen und von den Mauern der Feste aus konnte man die großen, kräftigen steingrauen Wesen aus den Wäldern erkennen, wie sie sich an jeder Ecke eingefunden hatten und zerstörten oder plünderten. Viele Feuer brannten, die den Rauch aufsteigen lassen konnten, viele Feuer, die von gegenwärtigem Leiden zeugten, Feuer, die, solange der Krieg dauern würde, nicht erlöschen, ewig die kalten Hände der gottlosen Wesen wärmen würden.
Der Glaube der Männer an die Freiheit war in den blutigen Schleiern des Krieges versunken, jeder blieb hier in den grauen Gemächern sich selbst überlassen, vorbereitet mit schweren Rüstungen und Schilden, scharfen Schwertern und schützenden Helmen.
Die grüne Fahne mit dem grauen Berg in der Mitte, mit dem Wappen des Hochlandes waberte nur noch vor einem Balkon im Wind, von dem Balkon des letzten Kriegers, der noch an weite Wiesen und saftig grüne Heiden dachte, von dem Balkon Rune Meridians. Er war es, der ruhmreich an den Toren des Hochlandes gekämpft hatte, stämmige Gegner im Grenzland in die Knie gezwungen hatte, die Stadttore von Trishol die meiste Zeit hielt und seinen Gefährten das Gefühl von Freundschaft und innerer Stärke verlieh, die Kraft sich gegen die Ungerechtigkeit aufzubäumen und sie mit jeden zur Verfügung stehenden Mitteln zu bekämpfen, um dann endlich an einem fernen Tage den Windhauch des Sieges im Gesicht zu spüren.
Rune dachte nach, den Blick in die Wolkenschleier vor den offenen hölzernen Balkontüren gerichtet. Der Balkon war prächtig verziert, viele Bildhauer mussten an ihm gearbeitet haben und eine dunkelgrüne Efeuwand zog sich von den Füßen des stattlichen Gemäuers bis zu diesem Aussichtspunkt hin, überwucherte das breite Geländer und kroch an den Außenwänden rechts und links noch höher, bis es schließlich die Kraft verloren hatte und kurz vor der Turmspitze in immer kleiner werdenden Ranken endete. Es kann so nicht weitergehen, machte er sich Mut, wobei er sich auf das große Bett in der Mitte des Raumes fallen ließ, es muss uns doch noch irgendeine Möglichkeit einfallen, uns hier klammheimlich zu verdrücken oder die Grauen einfach zu vernichten! Und selbst wenn er fliehen müsste, würde er irgendwann wiederkommen und das Land zurückerobern. Wie war ihm egal. Sein langes, blasses Haar fiel auf die Seide des Bettes und breitete sich aus. Meridian starrte die farblose Decke an, durch die sich zahlreiche Risse und Unebenheiten zogen. Diese verdammten Dämonen können wohl nie aufhören zu zerstören?! Schon das ganze Land leidet unter ihrer Knute und ist zum Teil auch schon vernichtet worden! Hart biss er die Zähne zusammen und tiefer Hass loderte in seinen Augen auf. Man müsste da rausgehen und sie alle zerhacken, wie beim Tristanmassaker!
Es blieb ihm keine Zeit mehr, über die finsteren Wesen zu fluchen, da er Schritte vom Inneren der Burg hörte, ein Hallen, das von den Treppen zu kommen schien, die sich um die Innenseite des großen Turms schlängelten. Wer konnte es sein? Aufmerksam blickte er auf, erhob sich halb von seinem Platz, legte aber instinktiv die Hand auf den Schwertknauf, um bereit zu sein, wenn es darauf ankam. Der Ausdruck in seinem Gesicht war erstaunt und schon überlegte er sich, was er dem Kommenden sagen würde, wenn er bei ihm wäre. Er hatte weiche Züge, das Haar blond, doch es war grau an vielen Stellen, eine Krankheit, die sich das erste Mal äußerlich an seinen Haaren bemerkbar gemacht hatte, das wusste er, da er erst ein paar Jahre über zwanzig war und sonst noch jeder Muskel in seinem Körper perfekt und reibungslos funktionierte. Der Brustpanzer, den er trug, war eingedellt, zeigte aber immer noch das Hochlandwappen, den Berg auf grasgrünem Grund, sein Umhang hatte ebenfalls die Farbe von Moos und auch der Schmuckstein an dem Heft seines Schwertes war grün, es waren eben die Farben des Hochlandes, das trockene Grün der vielen Steppen und Hügel, das weißgrau der hohen, zerklüfteten Felsnasen.
Es war Rykorn, einer seiner Mitstreiter. Er hatte dunkles, strähniges Haar, das ihm in mehreren kleinen Zöpfen vom Haupt hing. Ein kleiner Spitzbart umrahmte seinen schmalen Mund und seine Augen leuchteten in einem hellen Blau, das jeden magisch anziehen zu schien. Er hatte den dritthöchsten Rang in ihrer jetzigen kleinen Truppe, bestehend aus fünfen, Rune den höchsten, jedenfalls war er es, der sie antrieb zu handeln.
"Rykorn!", begrüßte ihn Meridian lachend, umarmte ihn und klopfte ihm auf die Schulter. "Was gibt es neues Erfreuliches, was du mir zu dieser Stunde zu erzählen weißt?"
"Herr", begann Rykorn etwas verlegen und trat dann eilig ein paar Schritte zurück, um nicht zu lange der bedrückenden Freude Meridians ausgesetzt zu sein, "es ist Schlimmes geschehen. Es geht um." Er räusperte sich und wollte sichtlich nicht so gerne darüber reden. Sofort erlosch das Lachen in Runes Gesicht und ein Hauch von Entsetzen begann darauf zu ruhen. "Trajan... Er..." Der Sprecher verstummte und Meridian führte ihn zu dem Bett und ließ in sich setzen.
"Was ist geschehen? Es ist wichtig, dass wir alle die schlechte Kunde erfahren. Unser Leben hängt davon ab." Die Ehre zu wahren bedeutete für ihn mehr als das Leben, dennoch war das Eine ohne das Andere nutzlos und so würde er lieber einen Rückzug antreten, um dann später mit doppelter Kraft zurückzuschlagen.
"Trajan. Es hat ihn erwischt. Er war dabei, Vorräte aus der Stadt zu holen, doch er ist zum vereinbarten Zeitpunkt nicht wieder aufgetaucht."
"Ich bin sicher, er ist da draußen irgendwo! So einer wie Trajan geht uns nicht so schnell verloren, dafür ist er viel zu gut!" Zwar sagte er es mit fester Stimme, doch so überzeugt wie es schien war selbst er es nicht. Trajan war zwar ein guter Kämpfer, doch gegen diese Art von Dämonen konnte er nicht gewinnen, sie wären einfach in der Überzahl gewesen. Schließlich fasste er sich ein Herz und starrte Rykorn fest und mit aller Kraft in die Augen, öffnete die Lippen zu einem Satz, den er glaubte nie sagen zu müssen. "Wir werden ihn da rausholen! Ohne unsere Hilfe scheitert er gewiss. Los, gib Palax bescheid! Wir treffen uns bei den Geheimgängen!"
Die Miene Rykorns erhellte sich und er stürmte sofort los, aus dem Zimmer und auf die Treppe. Noch lange verhallte der Aufschlag seiner Stiefel auf dem unebenen Steinboden, dann erklangen Stimmen, eine tiefe Zwergenstimme und die Stimme des Läufers. Sie unterhielten sich schnell und aufgeregt. Wahrscheinlich wollten sie Trajan genau so gern finden wie er.
Rune seufzte kurz und zog sich die ledernen Handschuhe an, streifte sich den Helm über den Kopf und richtete das Kettenhemd. "Nehmt nur leichtes Gepäck!", rief er zu ihnen hinunter. "Diesen Weg ist noch keiner von uns gegangen. Es grenzt an eine Selbstmordaktion, also Vorsicht! Die Grauen wissen nicht, dass wir kommen." Den schweren Tornister und die vielen Dolche ließ er in einer Ecke hinter einem Brocken Stein liegen, um sie später nach Bedarf wieder zu holen und so waren sie sicher und geschützt vor den Mordgeistern, die ihr Spiel schon lange in der Dämonenwelt trieben.
Endlich trat er auf die dritte Ebene von Vieren hinaus, rechts von ihm zwischen zwei staubigen, mit Efeu bewachsenen Säulen führte die Treppe in die zweite Ebene hinab, wo Palax und Rykorn schon ungeduldig warteten. Der Zwerg war groß für sein Volk und unter seiner Rüstung trug er ein Hemd, das aus dem dichten Fell eines Bären gemacht war und große Muskeln zierten die nackten Arme und Beine. Ein buschiger, dunkler Bart zog sich über sein von Wind und Wetter gegerbtes Gesicht, die Augen lagen tief im Schatten ihrer Höhlen verborgen und waren braun wie die Erde. Der mürrische Ausdruck auf seinem Gesicht war schief und er grinste Meridian verächtlich an.
"Keiner schickt einen Zwerg in dunkle Gänge, Hochländer! Lass dir das gesagt sein!" mahnte er mit der mächtigen Streitaxt auf dem Rücken. Er verschränkte die Arme über der Brust und kniff die Augen prüfend zusammen, während er auf einen Haufen Schutt und Asche neben einer Statue eines Königs in einem langen Mantel starrte. "Da ist nie im Leben ein Geheimgang! Ich würde so was doch als Zwerg sofort erkennen!"
Ohne auf sein Gebrummel zu achten, zog Rune an ihm hocherhobenen Hauptes vorbei, steuerte auf die Statue zu.
"Versuch es gar nicht, Hochländer! Da is nichts!" Der Zwerg deutete zuerst mit zwei Fingern auf seine Augen und dann auf die Statue. "Sag du es ihm, Rykorn!", befahl er in herrischem Ton, doch dieser zuckte mit den Achseln.
"Wenn Meridian meint, dass da etwas ist, dann wird es wohl oder übel so sein. Vertrau ihm, Palax!"
"Pah, vertrauen?! Einem Hochländer wie ihm?", höhnte der Zwerg und stützte lauthals lachend die Hände in die Hüften. "Der Tag muss erst noch kommen!"
Inzwischen hatte sich Rune vor die Figur, welche auf einem Sockel thronte, gestellt, sah skeptisch an ihr hinauf und betrachtete jeden Millimeter aufs genauste.

Nachdem Kajetan drei seiner besten Leute ausgesandt hatte, waren diese ohne Schwierigkeiten in das zerstörte Hochland und anschließend nach Trishol gelangt. Verdutzt hatten sie aufgesehen, als sie die zertrümmerte Mauer und den zerstörten Wehrgang erblickt hatten. Alles war zunichte gemacht worden, und das schlimmste war nicht nur, dass die Stadt von Menschen wie leergefegt war, sondern auch, dass einige Köpfe auf Spießen aufgesteckt von den Mauerresten herabblickten, blutverschmiert und mit einem verzerrten Gesichtsausdruck. Hautfetzen wurden von Raben und Krähen abgeknabbert und Augäpfel zerhackt. Es stank geradezu nach fauligem Fleisch und Tod und an beinahe jeder Ecke wartete einer der Dämonen auf sie, den sie blitzschnell - kampferfahren wie sie waren - hinstreckten. Und während sie sich nachts mit äußerster Vorsicht durch die vom schmelzenden Schnee dunstigen Straßen und Gassen bewegten, auf der Suche nach Thronn (den sie hier antreffen sollten), erblickten sie manchmal in lange, schwarze, zerschlissene Gewänder gehüllte Wesen, die von einer eisigen Aura umgeben waren und sich auf pechschwarzen Rössern vornüber gebeugt durch die neblige Dunkelheit bewegten. Der Anblick erinnerte sie oft an das, was sie früher selbst getan hatten, als sie auf der Suche nach Aufständigen gewesen waren. Ihr Anführer hatte ihnen versprochen, dass dieser Auftrag etwas ganz besonderes werden würde, und nachdem sie alle das Buch gelesen hatten, war ihnen allen schlecht geworden. In dem Buch stand die Geschichte der alten Zeit - wenigstens ein Teil davon - und sie handelte von Tod und Wesen, die man sich nicht einmal vorzustellen wagte. Orks und Schattenwesen, bestialische Monster und Feinde aus dem tiefsten Osten würden kommen, wie sie damals kamen, mit all der Macht der Magie des Bösen. Denn Melwiora war wieder zum Leben erwacht, ein Gegner, der vor langer Zeit schon einmal bekämpft worden war, jedoch nicht ganz bezwungen werden konnte. Man hatte geglaubt, die Eisfrau wäre in der Erde des ausbrechenden Vulkans  geschmolzen, und mit ihr ihre Macht. Doch sie musste wieder auferstanden sein, oder so etwas, genaueres war jedenfalls noch nicht bekannt. Allen war es kalt den Rücken hinunter gelaufen. Aber für Rone war damals das wichtigste gewesen, dass er seinen Großonkel wiedererblickt hatte, und jetzt sollte er seinen Vetter wiedersehen! Aber er, der junge Elf, sah ihn nicht als Vetter, oder Timotheus als Onkel. Der Altersunterschied war viel zu groß, und so nannte er auch Thronn Onkel.
Und das Wiedersehen war groß, als sie sich in einem noch zum größten Teil erhaltenen Gebäude trafen. Rone umarmte seinen 'Onkel' und freute sich. Doch der Druide sagte ihnen, er würde sie gleich wieder verlassen müssen. Sie sollten hier warten, und es würde nicht lange dauern, bis er wiederkommen würde. Und Rone glaubte ihm. Vertraute ihm. Und so war es gekommen...
Rone saß still am Fensterbrett, unbeweglich auf die Tropfen starrend, die von draußen gegen die Scheiben schlugen. Das Geräusch, das sie dabei machten, erfüllte die Nacht von einer regen Traurigkeit, die sich fest in die Kleider und Mäntel der Dorfbewohner sog. Kelt  hockte neben ihm, starrte ihn aus eng zusammengekniffenen, dunklen Augen an, seine Haut hatte die Farbe von gebleichtem Leder und Falten zogen sich wie Furchen über seinen stämmigen Körper. Hätten seine Füße nicht in dicken Winterstiefeln gesteckt, wäre er höchstwahrscheinlich schon erfroren. Das Feuer im Ofen knisterte und loderte hell, als er mit dem alten Schürhaken darin herumstocherte.
"Verdammte Kälte!", murrte er und Funken stoben aus den Flammen, blieben für wenige Sekunden wie Schneeflocken in der Luft stehen, nur um dann rasch zu erkühlen und aschgrau zu Boden zu sinken. "Friert man sich ja sonst was ab!" Die Stimme des Zwerges war rau, doch der Junge schien sie nicht einmal wirklich wahrzunehmen. Wie gebannt beobachtete er das Prasseln auf den dunklen Straßen.
"Sag halt was!", herrschte Kelt ihn nach einiger Zeit wieder an. "Will hier nicht den ganzen Abend rumlungern und auf den Druiden warten! Er hat gesagt, um fünf Uhr ist er da, um fünf Uhr! Jetzt ist es zehn!" Seine Stimme schnappte über und er machte eine herrische Geste.
"Hast du keine Karten? Genau, wie wärís jetzt mit einem Spielchen? Nur so zum warm werden, hä? Was hältst du denn davon?" Und nach einiger Zeit: "He, ich rede mit dir, Elfenjunge!"
"Heute nicht, Kelt", gab Rone ruhig, das Kinn auf den Handballen gestützt, zur Antwort.
"Heute nicht... Wann denn dann?", fragte der Zwerg immer noch mürrisch und aufgebracht. "Wenn der Druide kommt, dann gehtís doch eh nicht mehr! Jetzt komm schon, ein Spielchen. Bitte."
Ein großer Schatten schob sich fast unmerklich aus einer düsteren Ecke des behaglichen Raumes und eine durchdringende, aber dennoch besänftigende Stimme murmelte:
"Lass ihn in Frieden, Zwerg!" Dario war zu ihnen getreten, tief vermummt in seinen schwarzen Mantel, geheimnisvoll und so unwirklich wie immer.
"Ach, Hochländer", maulte der Zwerg gereizt, "was weißt du denn schon davon?"
"Ich weiß, dass es ein schlechtes Wetter für einen Zwerg ist", antwortete der schlanke Dunkelhaarige spitz, "aber deshalb brauchst du ja nicht gleich in Tränen ausbrechen."
Kelt verschränkte die Arme über der in Tierfelle gewandete Brust und murrte störrisch:
"Mir ist kalt! Das ist alles!"
Dario ging durch den Raum auf Rone zu, beugte sich über ihn und sah ebenfalls durchs Fenster in die nächtlichen Straßen hinaus. "Ist er da? Kommt er?", fragte er den Hals reckend.
"Nein!", brummte Rone und blies sich eine weißblonde lange Haarsträhne aus dem Gesicht. "Und ich glaube auch nicht, dass er kommen wird, wenn wir hier nur herumsitzen und nichts tun!"
"Genau das hat er doch gesagt!", gab sich der Zwerg zu hören. "Rührt euch hier nicht vom Fleck, bis ich etwa gegen fünf wieder bin." Er stieß die Luft zwischen seinen Nasenlöchern fest heraus und zog die Beine enger an, während sein eiserner Stab wieder in den glühenden Kohlen herumstocherte. "Das ist das undurchschaubare an diesen Kerlen", meinte er, "man weiß nie, was sie mit 'etwa' meinen! Mal heißt es bald, mal später, dann bis Mitternacht und zum Schluss bis zum nächsten Morgen! Und? Spielt jetzt einer mit mir Karten? Mir ist langweilig."
Kopfschüttelnd sah Dario ihn an. "Nein, nein, er wird kommen. Wenn Thronn sagt, dass er kommt, dann kommt er auch. Er gehört zu dem Pack, das unsterblich ist, also können wir davon ausgehen, dass er nicht von den Mordgeistern um die Ecke gebracht wurde!"
Wieder meckerte Kelt: "Aber er gehört zu denen, die ihre Freunde einfach im Stich lassen!"
Ein scharfer Blick von dem Hochländer reichte aus, um den Zwerg wieder in seine Schranken zu weisen. "Das würde er niemals. Auch wenn es manchmal so scheint. Er hat bestimmt seine Gründe, warum er uns warten lässt! Was sagst du dazu, Rone?"
"Ich sage erst einmal gar nichts", antwortete der Elfenjunge, "aber löscht lieber das Licht und tretet die Kohlen aus. Da kommt etwas." Schnell und fast geräuschlos goss Dario das bereitstehende Wasser aus einem Eimer in die Flammen, die mit einem bedrohlichen Zischen erloschen. Kelt blies das Licht der Öllampe aus und keiner rührte sich mehr, wie gebannt sahen sie auf die schattigen, mit kleinen Schneehaufen versehenen Straßen.
Dort drückte sich ein gewaltiger Schatten an Hauseingängen und anderem vorbei, ständig auf seine Bewegungen achtend und plötzlich war es so, als hätte sie für einen Moment in Rones Augen geblickt. Der großgewachsene Mann war ganz in schwarze, lange Gewänder gehüllt, darüber ein schwerer Mantel und einen verzierten Ledergürtel um den Bauch. Es war Warrket, der Druide, der Magier, der Zauberer, der Hexer! Die Gestalt kam auf sie zu und die drei Gefährten atmeten erleichtert auf, denn sie hatten schon gedacht, dass sie es mit einem Schattenwesen oder einem Dämon zu tun gehabt hätten.
Wenig später knarrte die Holztür und wurde wieder vorsichtig zugeschoben. Thronn kam zu ihnen in den Raum, das strohblonde Haar zerzaust und völlig durchnässt.
"Thronn!", verlieh der Elf seiner Freude Ausdruck und kam mit ausgebreiteten Armen auf seinen Halbonkel zu.
"Ich wusste es!", rief der Zwerg grinsend. "Ein Magier wie unser Thronn würde nie in die Hände von Mordgeistern fallen!"
Dario lächelte erst dem Zwerg schelmisch und dann dem Zauberer glücklich zu. "Ich hatte nie aufgehört, an dir zu zweifeln."
Warrket strich seinem Neffen durch die Haare. "Es war nicht leicht, hierher zu gelangen. Vor allem deshalb nicht, weil hier das völlige Chaos ausgebrochen ist. Ascan ist nirgends aufzufinden und dieser verdammte Patrinell und sein Kumpan Milchemia streichen hier immer noch durch die Gegend. Mich wundert es, dass die Tieflanddämonen sie nicht erwischt haben. Der König bleibt weiter verschollen und mein Seraphim hat sich in Luft aufgelöst... jedenfalls glaube ich das..."
"Deshalb hast du uns ja von deinem Vater aus Krakenstein holen lassen", erläuterte der Zwerg eifrig. "Den Drachenreiter hast du mit einer Nachricht losgeschickt. Leider hat unser Truppführer Kajetan alle Hände voll in der dortigen Burg zu tun und so konnte er nur uns entbehren. Vor allem weil König Valbrecht so knauserig war und vergaß uns unseren Sold zu zahlen. Hat uns einfach weggeschickt, der Kerl!" Ein unangenehmer Ausdruck kehrte auf das Gesicht Kelts ein und Dario schreckte zurück, hob abwehrend die Arme, wobei er lächelte.
"Ho, ho, Herr Zwerg, sachte, die Schattenwesen kriegen gleich das große Flattern."
"Aber das mit diesem Goran Ascan ist echt ein Problem!", schaltete sich Rone ein, den Köcher mit Pfeilen auf den Rücken gespannt. Der kleine Warrket war ernst, der wohl ernsteste unter den vieren. "Wenn wir ihn nicht finden, bevor die Schattenwesen es getan haben, dann sitzen wir in der Falle! Alles wäre umsonst!"
Sein Onkel gebot ihm Einhalt und bemerkte mit erhobenem Zeigefinger: "Aber Riagoth würde auch in der Falle stecken, da die Mordgeister auch ihre Feinde sind. Bedenkt, hier treten nicht nur zwei Mächte gegeneinander an! Am besten ihr helft mir bei der Suche. Der Drachenreiter überkreist schon seit Stunden das Gebiet über uns und wir sitzen hier faul rum. Ich schlage vor, dass wir uns der Trisholer Burg zuwenden, dort sind immer noch die Tore verriegelt und es wäre möglich, dass dort noch jemand am Leben wäre." Tatsächlich wusste er genau, dass Melwiora ihre eigenen Geistergestalten hatte, drei, um genau zu sein, doch dieses Wissen wollte und konnte er einfach nicht an seine Gefährten weitergeben, nicht einmal an den kleinen Rone, der ihm jedoch sehr am Herzen lag. Er könnte es niemals erlauben, dass ihm jemand auch nur ein Leid zufügen würde.
Alle nickten über seinen Entschluss und so war es beschlossene Sache. Mit Sack und Pack machten sie sich in die feuchte Nacht auf, mit leisen Schritten und gespitzten Ohren, sodass ihnen kein Geräusch entgehen konnte.

Der Drachenreiter kreiste hoch über den Wolken, die sich wie dichterwerdende Nebelschleier über das Hochland auszubreiten schienen. Sein Name war Orkin Twron, der letzte Reiter dieser uralten Geschöpfe überhaupt. Das Reittier, ein Flugdrache, war etwa zwanzig Meter lang, besaß einen schlanken, rotgeschuppten Körper und die Augen waren seinem Reiter gut vertraut. Beide liebten sie den Klang der ledernen Schwingen, wenn diese schwimmende, ruckartige Bewegungen in der Luft taten. Die eisigen Frühjahrswinde zischten ihnen um die Ohren und aus den Nasenlöchern des Drachen stiegen kleine Rauchfahnen auf, die sich aber schnell im Fahrtwind verloren. Der Drache trug den Namen Kronax, der Name eines ehemaligen Kriegers, den Orkin schon in seiner Kindheit geehrt hatte. Auch die Drachen waren seine heimliche Leidenschaft und so hatte er sich überlegt, warum nicht einfach beides mischen, Krieger und Drache, warum nicht? Er war ein Bote, geschickt, um zwischen Thronn und Timotheus Nachrichten auszutauschen, und er ging dieser Arbeit voller Freude nach, da er das Gefühl liebte, das er hatte, wenn er über sich die unendliche Weite des schwarzen Alls, und unter sich die Gebäude und Bergketten, klein wie Kinderspielzeuge mit glänzenden Augen betrachtete.
Twron war der typische Inselbewohner, schlank, drahtig, muskulös und mit langen, glatten rostroten Haaren bestückt. In seinen Augen funkelte es grün und auf seinen Lippen lag ein schelmisches Grinsen, das Grinsen eines lustigen Kerls. Aufgewachsen war er in Avaluhn, einer Hafenstadt auf Beargrwein, einer großen Insel, die das große Meer des Seraphim und das Rokronmeer auseinander hielt. 
Endlich schien es ihm, als hätte er sein Ziel erreicht, die gewaltigen Felsenausläufe hinter Burg Krakenstein tauchten vor ihm aus dem milchigen Wolkenschleier auf, rissen Löcher in den hellen Teppich. Er ließ den Drachen leicht absinken, wobei er erst durch einen dichten Schleier musste, in dem er nichts sehen konnte, doch dann erblickte er die Zinnen und Wehrgänge der Burg. Ein Meer aus Armeen erstreckte sich unter ihm, die allesamt die Burg ringsherum belagerten und aufpassten, dass sich kein Bewohner der Feste aus der Burg schlich.
Hier ist es noch nicht so schlimm wie in Trishol, dachte Orkin und biss die Zähne, Ungutes ahnend, zusammen. Bereits auf der Brüstung winkten ihm einige Soldaten entgegen, Soldaten, die er nicht kannte. Er zauderte einen Moment und ließ seinen Drachen kleine Kreise über der Stadt drehen, wobei er die seltsamen Figuren genauestens beobachtete. Es fiel ihm auf, dass diese Ritter gerade das Falltor hochgezogen hatten und auch der Gegner blieb vorerst ruhig und nahm keine rechte Anteilnahme an dem Geschehen in der Burg.
Irgend etwas ist da faul, überlegte Twron und strich kurz über die rotglänzenden Schuppen des Flugdrachen.
"Bleib ganz ruhig", fistelte er, "spar die deine Kräfte. Das ist nicht die Burg Krakenstein, die ich vor einigen Tagen verlassen habe..." Wie zur Antwort gab das Reittier ein nervöses Schnauben frei und Rauchkringel schlängelten sich durch die Luft. Die Augen des Tieres funkelten und im Moment war es, als würde es zu Orkin hinaufschielen und ihm zuzwinkern. Er, der Drache, hatte hellgelbe Augen, die wie ein Vollmond in der Nacht waren, mit einem tiefschwarzen Schlitz in der Mitte, die sich vom oberen Lid bis zum unteren zog, seine Pupille. Uraltes Wissen und unerbittliche Kraft lag in ihnen, ein Verständnis der Welt und des Lebens. "Was ihr wohl wisst, was uns so lange schon entgeht...", flüsterte der Reiter geistesabwesend, wurde aber sofort wieder durch einen starken Aufwind geweckt, da Kronax ihr ausweichen und höher gleiten musste.
Immer noch winkten und lächelten die Wächter und hinter ihnen aus dem Schatten des rechten Wehrturms schien eine Speerspitze bösartig aufzufunkeln...

Gleich nachdem Rone, Dario und Kelt aufgebrochen waren, hatte sich der Truppführer daran gemacht, Kundschafter des verbleibenden Trupps in die Wälder loszuschicken, um dort die Anwesenheit der sich erhebenden Dämonen festzustellen. In dem Buch, das der Hexenmeister ihm überreicht hatte, hatte viel gestanden. Die Bedrohung durch die Natur war spezifiziert worden. Es waren nicht - wie ihm eine heimliche Ahnung zugerufen hatte - die Aufständigen, sondern Tiere, die einem unnatürlichen Trieb folgten und so beinahe menschlich wirkten! Es war erschreckend. Er hatte mehrere Tage gewartet, doch seine Männer kamen nicht zurück. Am Morgen des dritten Tages stand er auf den Zinnen und blickte auf das in dichten Dunst gehüllte Flachland hinaus. Der Stein war von der Sonne erwärmt, die sich langsam hinter dem Horizont hocharbeitete. Seine Stirn war voll von Gram und so langsam bedrängte ihn das Gefühl, dass er etwas falsch gemacht hatte. In seinem früheren Leben war er nur von Reue und stiller Teilnahmslosigkeit befallen gewesen, aber jetzt war es Etwas, das ihn herunterzog. Er glaubte, es hätte keinen Zweck.
Voller Sorge und Nachdenklichkeit ging er zurück in die Burg, berichtete Timotheus von all dem und mied den König, der sich in den letzten Tagen viel sonderbarer als sonst benahm. Das kleine Männchen, das er war, schien verändert, hatte immer ein hämisches Grinsen auf den Lippen, und seine Augen...
Später an diesem Abend ging er noch einmal auf die Zinnen zu und starrte wie benommen hinaus in die nächtlichen Wälder jenseits der Ebene, während das Licht versiegte und schwächer wurde, eine Welt aus Schatten entstand.
Und dann kamen sie.
Ein wildes Heer aus zuckenden, grauen Leibern, das sich zwischen den dicht stehenden Bäumen herausschob und sich wie zähflüssiger Honig über das Land ergoss. Es mussten Hunderte, wenn nicht sogar Tausende sein, die der Feste entgegen kamen. Aber es gab keinen Angriff, was den Feldherrn stutzig machte. Der König untersagte den Bogenschützen zu feuern und auch die Tiefländer verhielten sich ruhig, und ohne Hast erbauten sie ein Lager auf den Feldern, die dem Gott Argon geweiht waren.
Und so begann die Belagerung. Nach einander fielen viele Ritter und Bauern aus Krakenstein, und keiner wusste warum, da die Überfälle, wie Josias vermutete, nur nachts stattfanden. Plötzlich waren alle wieder da, nur anders und verändert, wie als wären ihre Sinne von den Netzen einer Spinne imaginär überzogen... Und endlich gab ihm der Zauberer Aufschluss darüber, warum: Es waren keine Menschen, es waren die Tiefländer, die unter die Haut der Krakensteiner geschlüpft waren, mit Hilfe einer besonderen Magie... 
Josias Kajetan hatte es trotz schwerer Verletzungen geschafft, sich aus den Klauen der Feinde zu befreien, denn er wusste, dass man einen Dämon aus dem tiefen Waldland nur an den Augen erkennen konnte. Sie waren fahl und sahen aus wie gesplittertes Eis, bargen keinen Funken Leben mehr in sich, nur Magie. Die grauen Dämonen hatten durch irgendeine erlangte Zauberkraft gelernt, sich die Hüllen der Menschen zu eigen zu machen, in sie hineinzuschlüpfen. Der Truppführer hatte davon gehört, als er in der großen Zauberbüchern Timotheusí gelesen hatte. Er hatte ihm erzählt, dass er Vater zweier Kinder war, eines der Beiden sei der Hexer Thronn Warrket, der derzeit in Trishol helfen würde, diese verdammte Zauberin aus dem Land zu schaffen. Rohan sei schließlich kein Spielplatz der Magie! So hatten sie interessante Gespräche gehabt und schließlich war die Hälfte der Freitruppe zur Unterstützung des jungen Druiden fortgeschickt worden. Ob sie es bis jetzt geschafft hatten, in Trishol anzukommen?
Das Hallen von Schritten auf dem Gang riss ihn aus seiner Trance. Ein Wächter, nein, ein Dämon in Gestalt eines Wächters huschte durch den Gang und kam weiter auf Kajetan zu. Dieser drückte sich enger in die Türnische und wagte nicht zu schauen, ob der vermeintliche Gegner einen anderen Weg nehmen würde. Dennoch legte er vorsichtig die Hand um den Griff seines Breitschwertes. Es fühlte sich kalt an, eiskalt.
Die Schritte wurden lauter, der Dämon schlurfte den Gang nun langsamer entlang, aufmerksam die Augen hin- und herwerfend. Das Eis in seinen Pupillen blitzte auf und Kajetan war sicher, dass dessen Nähe an der Fackel das Eis in seinen Augen geschmolzen hätte, doch dem war nicht so, der breitschultrige Soldat schlenderte weiter, als ob nichts gewesen wäre, hatte aber dennoch die Finger etwas näher an dem Schwert in seinem Gürtel baumeln.
Erleichtert atmete der Kämpfer aus, als der Dämon hinter der nächsten Ecke verschwunden war. Der Schweiß auf seiner Stirn war eisig gewesen, war mit nichts vergleichbar gewesen, was er je erlebt hatte. Garstige Schlitzaugen waren es gewesen, die ihn im Schatten gemustert hatten, obwohl er bei dieser Dunkelheit normalerweise nicht sichtbar war. Nur eine Fackel brannte alle zweihundert Meter und markierte den Weg zu einer weiteren Kreuzung. Er war so tief in den Schatten versunken, dass es ihm selbst etwas Angst eingejagt hatte. Er strich sich fragend über die weißen Haare und die ernsten Gesichtszüge verschärften sich zu einer misstrauischen Fratze. Warum zum Teufel hätte dieses Biest ihn fast gesehen? Hier war es doch stockdunkel! Eine Idee von Katzenaugen kam ihm in den Sinn, doch er wollte und konnte es nicht wahr haben, denn schließlich war der Dämon einfach weitergegangen.
Plötzlich spürte er, wie das Eichenholz der Tür hinter ihm etwas nachgab und sich eine kalte Hand um ihn schlang. Sie war dürr und fast kalkweiß, so weiß, dass man bezweifelte, ob sie wirklich von Menschenhaut war und auch der Arm war länger als gewöhnlich. Gerade betasteten die Fingerspitzen die Dellen in Josiasí Brustpanzer. Zuerst war der Truppführer etwas erschrocken und hatte das Schwert einige Finger breit aus der Scheide auf seinem Rücken gezogen, doch dann ließ er es wieder hineingleiten, denn er wusste wer da hinter ihm stand.
"Lange gewartet, Truppführer?", begrüßte ihn eine Greisenstimme und die Tür gab ganz nach und er wurde in die warme Düsternis eines kleinen Raumes gezogen, taumelte fast rückwärts, so stark und schwer schien er zu sein.

* Trisholer Burg: Sie ist ein einziger, großer weißer Turm, dessen innerste Mitte hohl ist und sie hat nur im untersten Stockwerk einen Saal. Die Wendeltreppen ziehen sich nur an den Seiten nach oben und es gibt vier Ebenen, die mit Türen versehen sind und von jeder Ebene gelangt man in die Außenschicht der Burg, in welchen die Zimmer gefertigt wurden. Von der obersten Ebene kann man bis zum Boden sehen und jede Seitenebene wird von hohen Marmorsäulen gestützt.
 

© Benedikt Julian Behnke
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