Die legendären Krieger von Rohan von Benedikt Julian Behnke
1. Teil: Der Herr der Winde / 2. Buch
Der schwarze Laurus 8 - Die Vergangenheit

Die Zeit verstrich, und bald waren fast alle gegangen, bis auf ein paar Betrunkene, die noch ihre letzten Schlücke nahmen und dann unter den Tisch fielen, diese wurden dann in die Gästezimmer des oberen Stockwerkes gebracht. Hier sollten sie ihren Rausch ausschlafen, am nächsten Morgen gehen, bezahlen und am Abend wieder kommen. Diese Taktik benutzten die Eszentirs schon lange, doch nicht alle Leute fielen auf ihren Trick rein, doch bei denen, die mitspielten, konnte man unter klitzekleinen Umständen erreichen, dass sie sich heimisch fühlten. Wenn man das erreicht hatte, würden sie immer wieder kommen, wie der Kojote immer wieder zu seiner Beute zurückrennt. Nun, da alles sauber war, wurde die Tür ohne weiteres Anklopfen geöffnet und ein junger Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren trat ein. Er hatte buschige Brauen, einen dichten Vollbart, welcher das Kinn und den Mund umspielte und trug sein dunkelblondes Haar wild durcheinander und etwa drei Finger - die man nebeneinander und nicht aufeinander hält - lang. Fältchen an Augen und Stirn ließen ihn alt erscheinen, doch er hatte nur zu oft in Schweiß gebadet oder war durch den Wald gesprungen, sodass seine Haut wie gegerbt erschien. Er war etwas breiter als Kelon und hatte von seinem Vater den Namen Shar bekommen. Seine Ohren waren spitz, doch nicht so wie die eines Elfen, denn er war kein vollblütiger, sondern zur hälfte ein Zwerg, trotzdem war er genau so groß wie Kelon und kräftiger gebaut. Er trug einen ledernen Panzer mit blauem Samt, seine Füße steckten in hohen Lederstiefeln, welche mit einer ledernen Schnur zusammengebunden war, besaß lustige Augen und hatte seinen Freund und Halbblutsbruder Kelon schon immer gerne auf den Arm genommen.
"Und? Wie ist es gelaufen, Sohn?", fragte sein Onkel, der Wirt, ihn.
Nachdem Shars Eltern, ein Zwerg und eine Elfe, bei einem Unfall - so sagte man ihm jedenfalls - ums Leben gekommen waren, wuchs er bei seinem Onkel, Billor Eszentir, und dessen Sohn auf. Billor sah ihn lächelnd an. Als Shar noch ganz klein war, hatte er ihm das Schmieden beigebracht. Er war erstaunt gewesen, dass der Junge das so schnell und so gut beherrschte und nach einiger Zeit hieß es, Shar sei der beste Schmied in den ganzen vier Ländern. Shar grinste breit und antwortete scherzhaft mit einem angeberischen, leicht belustigten Ton:
"Sehr gut, heute ist mir mein größtes Meisterstück gelungen. Ich werde es Drachenflügel nennen!"
Der Wirt lachte herzhaft und Shar fügte wieder großtuerisch hinzu: "Heute Nacht werde ich damit losziehen und ein paar Ungeheuer erschlagen!" Er konnte seine ernst gespielte Mine nicht mehr halten und brach ebenfalls in lautes Gelächter aus. "Ach, Junge", seufzte der Wirt, setzte sich neben Shar und legte väterlich den Arm um seine gut mit Leder gepolsterte Schulter, "irgendwann wirst du einer der ganz Großen sein!"
"Der ganz Großen was?", erschrak Shar gespielt und versuchte sich wieder das Kichern zu verkneifen. Der runde Wirt kniff die Augen zusammen und lachte. Er trug einen grauen Wollpullover, lederne Hosen und darüber eine weste aus dem gleichen Material.
"Schmiede!", bemerkte er kurz und gesellte sich wieder zu seinem putzenden Sohn in die Küche. Extra für Shar hatte sein Onkel eine kleine Freiluftwerkstatt eingerichtet, welche durch ein Dach aus Strohgarben vor Regen geschützt wurde. Hinter der Werksatt begann ein großer Nadelwald, der sich weit in alle Richtungen, außer bis nach Iles Vieges, ausdehnte.

Zwischen den dunklen Tannen löste sich ein finsterer Schatten von der fein gemusterten Rinde und gesellte sich in einen schattigeren Platz. Sein Name war Allagan und er hatte die Reise zu seinem Freund sicher überstanden. Der nette Mann hatte ihm ein Pferd gegeben, mit dem er bis nach Valance reiten konnte. Es war ein ausdauerndes Tier und er hatte deswegen nicht auf der Waldenburg halt machen brauchen. Auf dem Rückweg würde er noch einmal nach seinem alten Lehrmeister sehen und ihn dort um die erwünschte Sache bitten. Vom Bauern hatte er einen knorrigen Wanderstab erhalten, den er ebenfalls als Waffe im Kampf einsetzen konnte. Leichter Nieselregen, der aus einer eher schleierhaft schwarzen Wolke kam, setzte ein und nässte die dunkelgrünen Nadeln der hohen Bäume. Vorsichtig wanden sich milchiger Nebel über den mit Nadeln übersäten, feuchten Boden und verhang sich zwischen den Ästen der Fichten. Die Tropfen perlten wie Tau über die Zapfen und tränkten dann die von Farnen und bemoosten Wurzeln übersäte Erde. Als der Schatten weiter vor ins Mondlicht trat, wurden die Gesichtszüge eines von Wind und Wetter gegerbten Mannes in blauen Schatten wahr. Sein dichter, schwarzer Bart umrahmte den breiten Mund mit den rissigen Lippen und seine tiefdunklen Augen, welche in weiten Augenhöhlen steckten, schienen starr und ruhig auf eine Stelle geheftet, doch in Wirklichkeit hatte er alles und jeden fest im Auge. Sein Haar war lang, schwarz, zerzaust, wie nach einem Kampf und statt Falten hatte er grobe Einfurchungen in der Haut. Schnell und doch lautlos lief die Gestalt zu dem großen Gasthaus mit der Werkstatt und verschwand in einer der dunklen Ecken.

Es klopfte an der groben Tür des Gasthauses der Eszentirs, doch keiner der Anwesenden rührte sich, statt dessen brüllte Shar, der die ganze Zeit auf eine Stelle an der Wand gestarrt hatte, mit dem Kopf leicht zur Seite geneigt, aber immer noch starrend:
"Wir haben geschlossen!"
Er hatte seine bestiefelten Füße auf den Tisch gelegt, die Hände über der Brust verschränkt und genoss den Frieden der Nacht. Seine Familie hatte sich schon in einen der anderen Räume zurückgezogen und spielte vergnügt ein langweiliges - wie Shar fand - Spiel der Elfen. Wieder klopfte es nervtötend, aber diesmal mit gehörigem Nachdruck und der junge Mann rief etwas gereizt: "Versuch keine Spielchen, Junge, komm Morgen wieder, dann kannst du dich betrinken!"
Für einen Moment kehrte Ruhe in den großen Vorraum ein, Shar seufzte fast unhörbar auf und lehnte sich noch etwas mehr zurück und schloss wieder glücklich die Augen, doch die bleibende Stille währte nicht lange, denn nun war das Klopfen ohrenbetäubend laut und er überhörte es einfach. Er hatte seinen Text gesagt und wollte einfach nur noch seine Ruhe, doch schon kam der Wirt, sich gerade eine Schürze umbindend, angerannt und schimpfte flüsternd zu Shar hingewandt:
"Was fällt dir ein, willst du, dass er die ganze Nachbarschaft wach klopft?" Shar überhörte ihn einfach, doch dann setzte er etwas trotzig hinzu:
"Woher willst du wissen das es ein 'Er' ist?"
Erst sah der Breite ihn nur verständnislos an, dann winkte er - leicht gereizt - ab und öffnete, sich vorher noch mit einem Lächeln bestückend, die hölzerne Tür, indem er einfach die Klinge herunter drückte. Freundlich stand er da und sah auf einen klatschnassen, mit einem schwarzen Mantel überdeckten Bauch. Vorsichtig richtete er seinen Blick höher und starrte den großen Mann mit einem unsicheren Grinsen an.
"Haben sie noch ein Zimmer frei?", fragte dieser mit tiefer Stimme, seine Augen waren unter der Kapuze verborgen, nur der dunkle Bart, die bleichen, verschwitzten Wangen und der breite Mund waren zu erkennen. Der angegebene Ton war hilflos, aber doch eindringlich und deshalb vermochte der Wirt keinen Ton heraus zu bringen. Genau diese Zeit nutzte der Fremde, um einen unmerklichen Blick auf die Leute zu werfen, die ihn umgaben. Um den Bauch hatte er sich einen Gürtel gebunden, welcher mit silbernen Gestalten verziert war und an ihm hingen ein langes Schwert, das ebenso gemustert wie das Lederband war, und ein schwarzes, kleines Säckchen. Shar reichte ein Blick, um den Unbekannten als merkwürdig abzustempeln und so machte er keine Anstalten sich von seinem Platz zu erheben.
"Tretet doch ein, Fremder!", fasste sich Billor ein Herz, verneigte sich, wies mit dem Arm in die Stube und versuchte dann dem Neuankömmling Stock und Mantel abzunehmen. Mit gesenktem Kopf formte der Schwarze eine abwinkende Geste in die Luft, der Gastgeber zog die Grabscher zurück und kratzte sich dann verlegen am Kopf.
"Wünscht der Herr vielleicht noch etwas, bevor er sich zum Schlafen begeben möchte?", versuchte er es erneut und diesmal klappte es tatsächlich.
"Ein Bier!", gab der andere zurück, verzog sich in einen Winkel im Raum, ließ sich auf die Sitzbank fallen und lehnte sich entspannt zurück. Wie konnte der Kerl nur in so einer unbequemen Lage sitzen? Kelon wusste es nicht und eigentlich wollte er es auch gar nicht wissen, denn was gingen ihn seine Kunden an?!
"Na los,", trieb ihn sein Vater an, "worauf wartest du? Hast du nicht gehört, der Mann braucht ein Bier und zwar sofort!" Widerwillig sträubte er sich nicht, ließ diese Sache in Ruhe und marschierte hinter die Theke, um eines der Gerstengetränke zu zapfen. Der Alte setzte sich zu dem Wanderer und wartete auf dessen Reaktion. Als ihm keine gewahr wurde, rückte er endlich mit seiner wohlüberdachten Frage heraus:"Na, wie sieht die Welt da draußen aus?" Im Schatten unter der Kapuze konnte man ein sich schwach abhebendes Grinsen erkennen.
"Du willst wissen, wie es in der Welt aussieht?"
Der Wirte nickte erwartungsvoll und fügte nach einigem Schweigen noch hinzu: "Na ja, ich dachte, Ihr kommt bestimmt aus einem fernen Land hierher und habt so manches er..." Weiter kam er nicht, denn der Fremde machte eine stille Geste in die traurige Runde. Nun war nur noch das Feuer im Ofen knisternd zu hören und auch Shar lauschte bereits angestrengt, tat aber immer noch so, als würde er beruhigt ein Nickerchen halten. Deshalb ließ er auch eine nervige Fliege, welche ihn unwahrscheinlich stark kitzelte, auf seiner Nase ruhen. Das schwarze Insekt tat einen weiteren Schritt, dann zuckte ein Muskel in Shars Gesicht, der Dunkle ließ die Augen blitzschnell zu ihm wandern und er hörte sogar das leise Summen des Tieres auf solch eine Entfernung. Endlich wollte der Fremde die Frage Billors beantworten.
"Soll ich Euch wirklich von den grauenhaften, blutigen Obszönitäten in den vier verdreckten und verwüsteten Ländern erzählen? Nein, guter Mann, es wäre zu furchteinflößend für Euch, die dunklen und finsteren Mächte, die hier in der Umgebung lauern, in meinem Bericht zu erdenken. Ihr würdet sofort tot umfallen!", bemerkte er locker, sofort spiegelte sich unangenehme Angst in den Augen des Wirts und dieser hatte plötzlich kein Bedürfnis mehr davon zu erfahren.
"Wenigstens euren Namen!" Und nach einiger Zeit setzte er hinzu: "Bitte!"
"Der tut nichts zur Sache!", donnerte der Dunkle und empfing sein Bier, nahm ein paar Schlücke, dann setzte er ab und wischte sich den schaumigen Mund ab. Später versuchte er etwas von seinen Gastgebern in Erfahrung zu bringen, obwohl er bereits alles wusste, woher, konnte er nicht sagen - noch nicht!
"Euer Sohn ist kein guter Schauspieler! Man soll ihm ansehen, er schlafe, doch das tut er ganz gewiss nicht, dafür sind seine Muskeln viel zu gespannt und er liegt zu ruhig!", raunte er dem Wirt halb über den Tisch gebeugt zu. "Sieh da, jetzt lässt er sich sogar eine fette Schmeißfliege übers Gesicht laufen, um nicht enttarnt zu werden!"
"Oh, Herr,", stotterte der Dicke, "er ist nicht mein Sohn... und erst recht kein Schauspieler!"
"So? Was ist er denn?"
"Schmied, Herr!" Spinnt mein Onkel wieder mal, dachte Shar entsetzt und kniff das rechte, für die zwei Betrachter unsichtbare Auge, auf, wieso erzählt er das über mich? Ein Lächeln huschte über das grob gezeichnete Gesicht des Dunklen:
"Und? Ist er gut?"
"Der Beste!", versicherte Billor und hatte bereits begonnen zu zittern.
"Du darfst dich wieder deiner Arbeit zuwenden!", befahl der Fremde und schüttelte den Gastvater mit einer merkwürdigen Geste von sich weg. Er ließ seinen Blick noch mal zu Shar schweifen und beäugte den Talbewohner ausgiebig, und das spürte der Junge. Die Wirtschaft war wie leer gefegt und nur noch sie beide waren da. Die anderen hatten sich wieder schallend lachend ihrem sehr interessanten Brettspiel zugewandt.
Plötzlich stand Shar wie aus der Ruhe geweckt auf, stakste mit großen Schritten zu dem Fremden, schlug ihm mit voller Wucht und der Flachen Hand ins Gesicht und rief erbost:
"Guck nicht so blöd, du..." Er brach mitten im Satz ab, denn der Schattenläufer hatte sich bei seinem Angriff und bei der Attacke selber nicht bewegt. Auch fiel ihm auf, dass seine Hand schmerzte und der Fremde immer noch lässig saß, doch dann sprang dieser ebenfalls auf, packte seinen Gegner an den Handgelenken und zog ihn zu sich hoch in die Höhe. Der Fremde war viel größer als man hätte vermuten können, denn er war die ganze Zeit gebückt gegangen und hatte sich nun zu seiner vollen Größe aufgebäumt. In dem Moment, als er hochgerissen wurde, konnte Shar in die Augen des wahrscheinlichen Feindes sehen, und sofort lief ihm ein kalter Schauer über den Rücken und er vermochte es nicht mehr sich zu bewegen.
"Spüre den Schmerz, Junge!", knurrte der Riese, drückte die Hände zusammen und der Schrei blieb Eszentir im Halse stecken. Die Blicke des Fremden bohrten, löcherten und gruben in ihm, suchten nach dem bisschen Leben was noch in ihm steckte und ein eisiger Schatten umklammerte sein Herz. Der Körper des Jungen begann vor ersticktem Schmerz zu zucken, sein Gegner bog und drehte die Arme nach vorne, mit der Innenfläche nach außen. Mit einem letzten Aufblitzen von Hass beschimpfte er den Kerl:
"Armseliger Bettler!" Nun merkte er, dass er es längst zu weit getrieben hatte, denn das Knie des großen bohrte sich unaufhaltsam durch den Lederpanzer in seine Magengrube. Der Schmerz explodierte in ihm, doch dann wurden seine Handgelenke losgelassen und die Sinne schwanden ihm. Was war es gewesen? Vielleicht eine Stimmungsschwankung seines Gegners, oder war irgendetwas gravierendes passiert? Keine Zeit zum Denken wurden ihm gelassen, denn der helle Schatten der Unendlichkeit legte sich schleierhaft über sein benebeltes Gehirn.
"Verzeiht mir, Meister!", stotterte der Schwarze, "Ich habe sie in meiner Wut nicht erkannt... Ab heute werde ich gehorsam sein!", murmelte der Fremde und verzog seine Mine zu einem ausdruckslosen, aber dennoch besorgten Gesicht. Was meinte dieser Fremde? Etwas von Shars Bewusstsein kehrte zurück und die wischenden Farben vor seinen Augen verloschen. 
"Warum nanntest du mich Meister? Wer bist du überhaupt?", fragte Shar trotzig mit über der Brust verschränkten Armen und einer böswilligen Miene auf dem Gesicht. Sein Haar war zerzaust, struppig und lichtete sich an der Stelle, an welcher eine dicke Beule protzte. "Bist du mein Untertan?", murmelte er nach einem kurzen schweigen und grinste, wobei ihm im Moment gar nicht danach war.
"Was glaubst du denn wer ich bin, Talbewohner?"
"Komm schon, mit mir kannst du keine Spielchen treiben, alter Riese! Sag mir jetzt auf der Stelle, wer du bist!" Grimmig deutete er auf den Boden und schnaubte.
"Ich sehe, man kann dir nichts vormachen!", schnaubte Allagan und lehnte sich nicht weniger entspannt zurück. "Ich bin Senragor, oder Allagan, wie du willst, denn ich habe viele Namen. Mindestens einen kennt jeder!"
"Nie gehört!", gab Shar zum Besten und tat gelassen. Der Dunkle seufzte und sagte dann mit fester, ehrfurchtverleihender Stimme:
"Ich bin Zauberer von Beruf und streife als wandernder Druide durch die Wälder. Im Moment will ich den Kampf zwischen den Menschen und den Wesen des Schattenreiches stoppen." Er sah auf, als ob er prüfen müsste, ob er dem Jüngeren trauen konnte, und schließlich fuhr er fort. "Das geht nur, wenn die legendären Schwerter der Macht zerstört werden..."
"Ich dachte es gäbe nur eines!", fiel ihm Shar ins Wort, Senragor räusperte sich und erzählte dann weiter:
"Dazu brauche ich dich! Wir müssen das zweite Schwert erst schmieden, denn die Schwerter vom Volke der Menschen nützen nichts, und erst dann kann der Auserwählte sich gegen Muragecht, den finsteren Herrscher, stellen!"
"Ach, und ich soll Euch helfen, das zweite magische Schwert der Macht zu schmieden?" Als Allagan nickte setzte er noch mal eins drauf, um endlich ein Schütteln dessen Kopfes zu sehen. "Und die anderen Schwerter sollen eingeschmolzen und in dem neuen vereint werden?" Es war zwar aus dem Himmel gegriffen, doch der Druide nickte trotzdem und Shar hätte beinahe laut losgelacht, wenn ihm der Zauberer nicht sofort einen wütenden Blick zugeworfen hätte. "Und wann geht es los?"
"Jetzt!", murmelte der Fremde und begann sich aufzurichten.
"W... Was? Jetzt sofort? Senragor nickte. "Aber ich muss noch packen und alles..."
"Tu das!", befahl er ihm und reckte sich, während der Junge in seinem Zimmer im dritten Stock verschwand.
Wenig später kam er wieder die Treppe heruntergeeilt, den Rucksack auf dem Rücken, den Umhang um die Schultern gewickelt und einen Wanderstock in der Hand.
"Keine Widerrede?", fragte der Große leicht verblüfft. "Hat dein Vater 'Ja' gesagt?"
"Nun ja, weißt du, ich will hier weg, brauche Urlaub von der Schmiede... Meinen Vater fragen brauche ich nicht, da ich ja schon über achtzehn bin!" Er schüttelte den Kopf, schniefte und marschierte voraus.
"Es ist ratsam eine Waffe bei sich zu tragen!", erklärte der Magier weit ausgreifend und stellte sich vor Shar.
"Oh, gewiss, doch ich glaube nicht, dass uns jemand ausrauben will!"
"Das bestimmt nicht!", versicherte er ihm und lachte schallend, doch als der Junge wieder den Weg fortsetzen wollte, prallte er gegen die Brust des Druiden.
"Hey,", fragte er wütend, "was soll das?"
"Wir werden zwar nicht ausgeraubt werden, doch bedenkt, was noch passieren könnte..." Shar überlegte. "Wir könnten angegriffen werden!"
"Ah!", machte dieser. "Das kann natürlich auch sein!" Wieder wollte er weitergehen.
"Und?", tadelte Allagan gereizt und schrie dann fast: "Willst du ohne Waffe aus dem Haus?"
"Natürlich nicht!", entgegnete Shar und hob abwehrend die Hände. Sofort griff der Große unter seinen schwarzen Mantel, zog einen dunklen Beutel vor und warf ihn dem Schmied zu. Dieser fing ihn geschickt, löste die Schnur, mit welcher der Sack verschlossen war, und spähte interessiert hinein.
"Was ist das?", fragte er und schüttete den Inhalt auf seine Handfläche. Es kamen drei ovale, grüne Steine zum Vorschein, welche unendlich weit in sich selbst zu versinken schienen. Für lange Momente nahmen die Steine seine volle Aufmerksamkeit auf sich und Senragor musste lachen.
"Das sind Runensteine!" Er stemmte die Fäuste in die Hüften. "Sie besitzen Magie! Größere als du sie dir vorstellen kannst, doch setze sie gut ein, denn wenn man sie zweimal hintereinander benutzt, wird die Kraft des eigenen Körpers verbraucht und langsam zerfällt man dann zu Asche." Geisterhaft fuchtelte er mit seinen Fingern herum und versuchte dem Talbewohner Angst einzujagen, doch als dieser ihn nicht einmal bemerkte, gab er es auf und ließ seine Miene wieder grimmig werden. Er schwenkte den Mantel, drehte sich um, stolzierte mit gesenktem Kopf der Tür entgegen, öffnete sie und verließ den Raum, dann machte er sich wieder in Richtung Wälder zu seinem Gaul auf.
"Warte!", rief der andere ihm zu und versuchte ihn zurück zu winken. "Ich muss nur noch schnell etwas aus der Werkstatt holen!"
Allagan nickte, verschwand aber dennoch in den Schatten des Fichtenwäldchens. Von fern sah er Funken aus dem Arbeitsraum sprühen und vernahm das Aufeinanderkrachen von erhitztem Metall, dann lief Shar mit einem langen Säbel in der Hand auf den Druiden zu.
"Siehst du?", fragte er keuchend und hielt ihm das Schwert unter die verschatteten Augen. Die Waffe glänzte silbern im Mondlicht und es hatte längst aufgehört zu regnen. Die Klinge war etwa nach einem und einem halben Meter gebogen und Zweischneidig. Der längliche, mit einem blauen Band versehene Griff endete an einer runden Stelle, an der einer der Runensteine eingelassen war. Ebenso waren die anderen Beiden am Heft eingearbeitet und schimmerten grünlich im silbergrauen Glanz des Mondlichts. Allagan erkannte die geschmeidigen Feinheiten der makellosen Waffe und seine Augen glommen vor Erstaunen und ähnlichen Gefühlen, die ihn in diesem Moment wie ein barmherziger Schock überkamen. Die Klinger hatte einen magischen, blauen Schimmer und die grünlichen Steine verliehen ihr an ihrem Platz einen helleren Glanz, als an den vom Dunkel der Nacht getrübten Stellen.
"Noch keiner hat die Runensteine so benutzt wie du jetzt!", staunte Senragor und hatte das Gefühl sich vor der Waffe verneigen zu müssen. Es ist wirklich wahr, der Junge ist der größte und beste Schmied aller Länder und ich werde gut daran tun, wenn ich ihm eine heilige Waffe schmieden lassen würde. Gutmütigkeit spiegelte sich in seinen Augen und vorsichtig strich er mit dem Zeigefinger über die Klinge.
"Es ist..." brachte er heraus, "...unbeschreiblich! Wo hast du das gelernt?"
"Von..." Shar verstummte und sah zu dem Druiden hoch, dessen Blick immer noch wie gebannt auf der Waffe ruhte. "Man sagt, es wäre Magie, die durch meine Hände in das Werkzeug fließen..." Genau das war es, was Allagan nicht auszudrücken wusste, denn die Schmiedekunst des Jungen war unglaublich, wie von Göttern gezaubert... Es war die reine Magie der Götter.
"Darf ich?", fragte er ganz vorsichtig und versuchte so nett wie möglich zu klingen, was ihm bei diesem Anblick wirklich nicht schwer fiel. Shar überreichte ihm die Klinge und als der Zauberer ihren Griff umschloss, spürte er wie eine lebendige Kraft in der Waffe herrschte, wie als würde lebende Seelen in ihr hausen ihre geballte Kraft auf die Härte und Leichtigkeit der Klinge spezialisieren. Behutsam machte er ein paar Schwungübungen mit der Waffe und außer dem rauschenden Geräusch, das sie tat, vernahm er eine leise Stimmen aus ihrem Inneren, so als hätte man den heiligen Geist selbst darin gefangen. Er ist es, dachte er, dieser Junge ist der, nach dem die Prophezeiung sucht... Er kam ins Schwitzen und legte die Waffe weg, und mit einem Mal verstummten auch die Stimmen und ungewohnte Ruhe kehrte ein.
"Vorhin hast du mich gefragt, warum ich dich 'Meister' genannt habe, nun weiß ich es... Du bist der Meister der Waffenschmiede! Deine Kunst ist nicht..." Er überlegte und entschied, den Jungen nicht überheblich werden zu lassen, dann sagte er mit ruhiger, gefasster Stimme: "...nicht schlecht!" Er rümpfe die Nase als ob es ihn geekelt hätte diese Berührung gemacht zu haben, doch im Innersten wollte er sie besitzen und so erschrak er selbst über seinen hinterhältigen Charakter. "Lass uns aufsitzen!", meinte er dann nur streng mit dröhnender Stimme, zog sein rabenschwarzes Pferd aus dem Gebüsch und schwang sich sehr behände für seine große Gestalt in den ledernen Sattel. Das Tier blähte die Nüstern und schnaubte, als es mit dem Fuß im Sand herumfurchte und als es mit der Hufe gegen einen Stein stieß, wieherte es laut auf und herrschte Shar an, ebenfalls auf ihm seinen Platz einzunehmen.
"Warum hast du mich angegriffen?", fragte dieser plötzlich und sah betrübt zu Boden, das Schwert hatte er in die Schwertscheide auf seinem Rücken gesteckt, und sein dunkelblauer Mantel umwehte seine Beine, als ein eisiger Wind aufzog. Ein Grinsen machte sich auf dem Gesicht des Druiden breit und er überlegte, noch während er mit dem ungeduldigen Pferd zu kämpfen hatte.
"Du musst noch viel lernen, junger Freund! Wäre ich einer der Bösen gewesen, hätte ich dich sofort zerschlagen können!" Shar erwiderte nichts auf die zu deutlich ausgedrückte Antwort und stieg auf. Als er obern war, klammerte er sich an den Zauberer und krallte seine Finger in den festen, samtigen Stoff seines Mantels. "Halt dich fest, Talbewohner!", raunte er zu ihm, dann beugte er sich zu dem Rappen vor, flüsterte ihm etwas ins angespannte Ohr und mit einem knallen Allagans Zunge, sprintete das mächtige Tier mit donnernden Hufen über den noch vom Regen nassen Asphalt.
 

© Benedikt Julian Behnke
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Und schon geht's weiter zum 19. Kapitel (9. Kapitel des 2. Buches): "Die Rettung"

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