Die legendären Krieger von Gordolon von Benedikt Julian Behnke
2. Teil: Das Runenschwert / 1. Buch
Die Königin der Elfen 7 - Der Krieg der Magie

"Geist der Feuers, zeige mir deine Macht!"
Aus dem Lagerfeuer am Rande des Sees, aus der feurigen Glut, entsprang ein Funke, der zu einem großen Geist des Feuers wurde.
König Brain Beck, ein Gnom, der mit seiner Armee von Bogenschützen das heutige Ostland erobert hatte und zwar mit Feuerpfeilen, die er auf seine Feinde hatte regnen lassen.
"Erhabener Geist des Wassers, zeige mir deine Macht!"
Aus den brodelnden Tiefen des Sees stieg die Seele des Lords der Tiefe auf, ein Drache mit blaue glänzenden Schuppen, der sich wie eine riesige Schlange wand und sich dann ebenfalls mit dem Druiden vereinigte.
In dem Moment, in welchem alle vereint waren, erhielt er seine Vision, das Wissen über den Aufenthaltsort Millianas.
"Ich sehe dich, Weib..."
Dann war er verschwunden und die Seelengeister kehrten in ihre Behausungen zurück und dies nicht ohne, dass Muragecht die am Laufen gewesene Magie gespürt hätte...

"Teleport ist die einzige Methode zu reisen, die nur Druiden des höchsten Ranges zu Teil werden darf!"
Die Stimme Cyprians ließ den Dämonen zurückschrecken, der Millianas Handgelenk immer noch fest umklammert hielt und dieser stieß ein tierisches Gebrüll aus.
"Hilfe!", rief die Rothaarige, wurde aber sofort von dem bösartig grinsenden Dämonen, der sich sogleich wieder gefasst hatte, in den Schwitzkasten genommen und musste so längere Zeit verharren. Seine blut- und dreckverschmierten Klauen krallten sich in ihre Haare und zogen ihr Haupt zurück, sodass ihr schutzloser Hals frei war. Gerade als der Magier zu einem mächtigen Streich ausholen wollte, setzte der trollartige Dämon ihr ein geschwärztes, abgewetztes Messer an die Kehle und begann mit der Spitze leicht ihre Haut zu ritzen. Es war nicht so, als täte dies ihr sonderlich weh, aber trotzdem rann ein Faden von Blut aus der Wunde floss ihren Hals hinab und verlief sich auf ihrer Brust.
"Das würdest du nicht wagen!", brachte Cyprian hervor versuchte ihm durch eine Geste Einhalt zu gebieten.
"Doch, das würde er!", erklang eine hämische Stimme hinter ihm und gerade als Gerwin sich umdrehen wollte um festzustellen, wer dies war, erreichte ihn ein Fausthieb ins Gesicht, welcher ihn zwei Yard weiter in den Matsch schleuderte. Es war Muragecht. Er wischte sich die blutbefleckten Handschuhe an seinem Mantel ab.
"Lass sie!", brüllte er dem Dämon mit herrischer Stimme zu, "Ich bin so schnell gekommen, wie ich konnte, als ich seine Magie gespürt hatte. Ich war gerade dabei gewesen diesen dreckigen Zauberer fertig zu machen! Dafür, dass du mir den Auftritt vermasselt hast, wirst du büßen!"
Erschrocken trat der höllische Diener ein paar Schritte zurück, während er das Mädchen aus seinen Fängen ließ. Der dunkle Zauberer zog sein Schwert, holte aus und der Kopf des Dämon kullerte über den Boden. Das Blut, welches an der Klinge geklebt hatte, tropfte ohne auch nur die kleinste Spur zu hinterlassen von der Klinge und tränkte die Erde.
Von weinerlichem Entsetzen gepackt saß Milliana im Schlamm und hielt sich heulend und immer wieder schluckend ihr Kleid vors Gesicht.
"Na, wen haben wir denn da?", fragte Muragecht mit weich gespielter, lieblicher Stimme und bot ihr seine Hand zum Aufstehen an, "Eine schöne Blume, ganz allein und umgeben von Schlamm."
Sie ergriff seine Hand und ließ sich von ihm in die Höhe ziehen.
"Sie haben... mich gerettet...", stotterte sie und schob sich ihre rostroten Haare aus dem Gesicht, keine Vermutung hegend, wer der weißhaarige Fremde hätte sein können.
"Lass deine ekligen Grabscher von ihr!"
Die Stimme gehörte Gerwin. Er hatte sich wieder aufgerappelt, obwohl seine Kleider nun durchweicht und dreckig waren, schaffte er es, einen guten Eindruck zu machen. Den langen, knorrigen Zauberstab hielt er kampfbereit Muragecht entgegen, seine Nase war gebrochen und aus ihren beiden Löchern rann Blut.
"Du willst gegen mich kämpfen?" Der dunkle Zauberer lachte, und in seinen Augen loderte heißer Spott. "Was vermagst du schon zu tun, Alterchen? Dein Meister hat mich nicht besiegt und der war viel stärker als du!"
"Sendinior?" Seine stimme war verstört und gepresst. "Ist er...?"
"Nein, aber so gut wie!", beantwortete Muragecht ihm entschieden seine Frage, "Wenn er mich nicht besiegen konnte, wirst du es auch nicht können!"
Noch immer forderte Gerwin ihn heraus: "Es hat nichts mit Kraft zu tun, sondern..."
"...mit Weisheit? Alter, du laberst einen Scheiß daher, ich könntí mich sofort übergeben!" Abfällig schüttelte er den bleichen, kantigen Schädel, überheblich, dunkel und giftig wie eine Schlange, die zum Beißen bereit ist, und ihr todbringendes Gift am liebsten grundlos verspritzen möchte.
"Nein, mit Hass!" Die letzten Worte hatte er geschrieen und ohne Vorwarnung griff er an, den Stab schwingend. Sein erster Angriff mit dem Stock erwischte den dunklen Zauberer an der Schläfe, dann, statt dem Schwerthieb auszuweichen, schlug er abermals zu und diesmal so fest, dass Muragecht benommen einige Schritte zurücktaumelte. Seine Finger glitten zu der Wunde, die der Druide ihm zugefügt hatte, dann nahm er sie wieder herunter, betrachtete sie eingehend, und zerrieb das Blut zwischen seinen Spitzen.
"Wie wagst du es..." Seine blutunterlaufenen Augen funkelten voller verrückter Garstigkeit und seine Zähne waren gebleckt wie die eines Hundes. Aber kaum, dass der Dunkle den Satz fertig ausgesprochen hatte, war der alte Mann in eine geduckte Haltung gegangen und hatte dann den Stab wirbelnd in die Luft gerissen. Seine Gewänder hatten sich mit Wasser vollgesogen und bei der jetzigen Bewegung, spritze es nur so aus den Klamotten. Perlen des Regens schimmerten in allen Regenbogenfarben und verschleierten die Sicht.
Der Schlag hatte gesessen, er hatte den Kieferknochen Muragechts zertrümmert und diese Überlegenheit machte den Druiden stark. Er schrie laut und hasserfüllt, während seine Halsschlagader bedrohlich pulsierte und deutlich hervortrat: "Gib auf, Muragecht, mein Hass ist größer! Deine Herrschaft des Bösen ist vorbei!" Und damit riss er ihm das eine Schwert aus der Hand, unwissend, was er damit anrichten konnte, bedrohte ihn damit. Seine Finger zitterten.
"Lass die Waffe fallen, du weißt nicht, was du damit anrichten kannst!", versuchte ihn der Böse plötzlich wie gewandelt hysterisch davon abzubringen das Schwert zu benutzen. Gerwin hörte nicht auf ihn, sondern schlug mit dem Schwert zu. Muragecht wich aus und der Schlag drang in eine Felsbrocken ein, sprengte ihn gar von innen, sodass große Steinsplitter durch die Luft geschleudert wurden. Einer der Brocken erwischte Milliana am Kopf und sie wurde bewusstlos, dünne Fäden von Blut rieselten von ihren schönen Zügen, während sie in einem Schlammloch versank, langsam und ohne Hast, so als würde der Boden ihr wie der Sand der Zeit entrinnen...
Der Druide sah staunend, noch nie hatte er eine solche Macht in Händen halten können und es reizte ihn, sie zu gebrauchen. Mit geballter Wut hieb er um sich, schlug nach Muragecht, der sich immer wieder wegrollte und schließlich wieder auf die Beine kam, doch da streifte der Schwerthieb seine Schulter.
"Ah..."
Die Klinge hatte seinen Schutzpanzer zerfetzt und seine Schulter blutete stark, obwohl sie nur gestreift worden war. Schließlich hielt Muragecht inne, versuchte jetzt nicht mehr auszuweichen, sondern blickte aus glasigen, qualvollen Augen auf, zu dem, der mit dem Schwert weit hinter dem Kopf ausholte, um den finalen Streich zu tun: "Mein Lebenssaft versicht und meine Kraft schwindet... Du hattest recht... Dein Hass ist größer, Muragecht... Weißt du... Muragecht ist ein Titel, den du dir jetzt verdient hast... Er bedeutet 'dunkler Fürst'... oder 'Fürst des Todes'..." Dann wandte er seinen Blick von Gerwin und blickte wieder zum Himmel, wo sich die Wolken wie unsichtbare Fäuste ballte und wallend in dunklen Farben prangten. "Herr... Hier ist dein neuer Fürst des Todes...!"
Die dunklen Wolken schienen sich zu verkrampfen und ein Donnern ertönte, doch dann zerfetzte ein wütender Schrei die Prozedur: "Nein, das ist nicht wahr!"
Es war Cyprians Stimme, die nun heller, schriller und bösartiger war als sonst irgendwas und in dem Moment, als er die zerstörerische Klinge hinabsausen ließ, den Schädel des Bösen genau in der Mitte zerteilte, wurde Gerwin Cyprian zu einem Fürst der Finsternis, zu Muragecht...
Der Himmel entlud sich einem weiteren Wolkenbruch und der Regen floss in Strömen und das tat er nicht nur auf die Erde, sondern auch auf das Haupt des Totenfürsten, dessen Augen nun wie in einem Blutrausch glommen und eine Unsichtbare Macht von dem nun toten Kerl auf ihn herniederbrach und seine Seele verunreinigte...

Weiter hinten in einer großen Pfütze, umgeben von Schlamm und Schlingpflanzen, lag Milliana, schwer atmend und mit einer stark blutenden Wunde am Kopf, dem Tode nah. Ihre Lippen bewegten sich, sie wollte etwas sagen, brachte aber nichts mehr heraus, denn die Verletzung war zu stark und der Blutverlust zu hoch. Schon die Anstrengung der Wanderschaft hatte ihre Kraft bis auf das letzte Körnchen aufgezehrt.
Jetzt quoll ein Strom Blut aus ihrem Mund, dunkel, es war das Zeichen für ihren Tod. Der Lebenssaft vermischte sich mit dem Wasser des Regens welcher immer noch ununterbrochen fiel, dann war sie tot und ihre Lider schlossen sich ein letztes mal.
Hinter den Bergen ging die Sonne auf, durchdrang den Regen regenbogenfarben und erhellte die vielen schattigen Gemüter...
Hätte man hören können, was sie in ihrer heimlichen Stille vor dem Tod gesagt hatte, hätte man dies hier vernommen, eine Symphonie aus den letzten Lauten, hauchend: "Der eine Meister geht, der andere kommt... Und ewig weilt die Zerstörung..."
Und so war es entschieden gewesen, Cyprian wurde neuer Muragecht, erwählt durch die Stärke seines Hasses. Die Wut und der Zorn hatten auch beim Kampf zwischen Rykorn und ihm getobt und sie hatten sich durch die Streicher ihrer Schwerter Luft gemacht. Es war die Macht Melwioras gewesen, die Magie der Eisfrau, die sie alle hatte vergessen lassen, was Freundschaft war...
Betrübt wandte Dario den Kopf ab, die hallende Stimme des Schattens noch immer im Gedächtnis.
Er ging, ohne einen weiteren Gedanken an die Geschichte des Wandels zu verschwenden, strebte auf den nahen Wald zu, aus dessen Tiefen die hohen Umrisse Krakensteins ragten, Kampf- und Schlachtgeheul zogen ihn an, eine magische Kraft, die ihn bei sich haben wollte, eine Magie, die stärker war als alles, was er zuvor in Gedanken gehabt hatte. Vergessen war Rocan, Rykorn und der Schatten der Vergangenheit, er sah nur noch die Schlacht vor sich, die sich langsam und drohend fortzog, Schemen, die rasendschnell aus den Wolken und dem Dunst des Himmel herabstürzten und die Dämonen in den Wäldern zerfetzten, wie Puppen, die zum Training aufgestellt waren. Dort schien es zu regnen, doch waren die Tropfen länger und dunkler und fielen in weniger regelmäßigen Abständen, und er spürte, wie ihm diese Art von Wasser weit mehr behagte als das Nass des Gebirgssees. Er wollte sich darin baden und die Pfeilklingen auf seiner Haut spüren, fühlen, wie ihn der Schmerz an tausend Stellen zugleich durchzuckte, und dann würde er lachen, herzhaft und befreiend, lachen, um neu geboren zu werden...

Daurin spürte das weiche Federkleid zwischen seinen Beinen, das mit Blut und Schweiß bedeckte Jagdmesser in seiner linken Hand und während er die Augen auf die zuckenden Leiber der Insekten auf seinem Arm gerichtet hatte, schwanden ihm die Sinne, das Dunkel und der Nebel holten ihn zurück. Langsam hob er den Kopf, der große Vogel jagte über den Himmel, doch er bemerkte nichts von der ganzen Luft, die sich gegen ihn stemmte, denn er hatte bereist losgelassen. Losgelassen von den Fesseln des Bewusstseins. Er gab sich dem Banne des Adrenalins hin, das in ihm kochte und brodelte ihn mit einer Kraftwelle nach der anderen durchfuhr. Stille herrschte in seinen Ohren, nur ein sausendes und summendes Geräusch von Fliegen und er lauschte den heißen Wellen in sich, die auf winzige Punkte von Widerstand stießen, dort, wo er die Leiber der Larven vermutete. Der Schwarm auf seinem Arm fügte ihm keinen Schmerz zu, überhaupt ging es ihm gut und er lächelte leicht als er mit einem verrückten Blick den schwarzschimmernden Schwarm an seinem Arm betrachtete, Fliegen, die Eier legten und aus denen gleichzeitig Maden schlüpften und sich zu Fliegen entpuppten, alles ging rasend schnell, nur seine Bewegungen waren langsam und wie in Zeitlupe.
Denn er kämpfte mit dem Tod.
Er sah ihm lachend entgegen. Der Schmerz, die Last, alles war von ihm abgefallen und er wusste, dass er es zuende bringen musste, dann wurde sein Gesicht blass, erstarrte zu einer Maske aus plötzlicher Furcht und Hunderten von Ängsten, die ihn in kalten Schaudern überkamen.
Und dann stürzte er.
Sein Leib wurde wie mit einem Ruck von dem Rücken des Tieres fortgezogen, zurückgerissen von einem erbarmungslosen Windstoß. Die Sturmfaust krampfte sich um ihn und zerrte ihn hinab in die Tiefe. Er fiel, sah seine schwarzen Haare, die an ihm vorbeiflatterten, sein blut- und dreckverkrusteter Arm, voll von eiternden Geschwüren und die Welt um ihn herum verschwand in Nebel.
Jetzt ist es aus. Ich segle dahin, tauche ein in die Welt der Schatten, und begegne dem, der über uns alle wacht, dem Herr der Winde...
Die Luft war kühl hier oben und der raue Granitfels fühlte sich kalt und hart unter meinen Füßen an. Immer und immer wieder, vernahm ich den Klang meines Namens, dumpf und hallend, ein vom Wind herbeigetragenes Geräusch in der Ferne. Vor mir lagen die Schatten eines saugenden Abgrundes, auf seltsame Weise verschmolzen mit Feuer und hell lodernden Flammen, deren beißender Schwefelgeruch mir selbst von dieser Höhe aus zu wider war, als er mir in die Nase stieg.
Das beunruhigende Grollen und Donnern von abbröckelndem Stein an den Rändern und Seiten der Schlucht weckte mich wie aus einem unsäglich langen Schlaf. Das Geröll kullerte donnernd in die heiß wirbelnde Lava und Spritzer roten Glühens stoben aus der kupferglänzenden Flüssigkeit hervor.
Als ich den Blick hob, entdeckte ich dunkle Umrisse von grotesken Wesen, die sich um die Schlucht versammelt hatten und von denen einige ausgebreitete Schwingen und sichelförmige Klauen besaßen. Doch war da noch etwas, etwas drohenderes, grausameres als all diese Schrecken zusammen, eine Burg, gehauen aus schwarzem Stein, die sich mitten auf einem Podest erhob, das keilförmig aus dem glühenden Magma emporragte, schier unberührt von der dampfenden Flammensbrunst. Rauchschwaden stiegen wie dreckige Wolken aus den drohenden Feuern hervor und legten sich wie ein dichter, dunkler Nebel über die Senke.
Das schwarze Schloss war mehr, als es auf den ersten Blick vermuten ließ, keine einfache Heimstätte eines heimtückischen Dämons - hatte aber tatsächlich auch etwas davon -, sondern viel eher ein Treffpunkt aller schwarzen Magie, ein steinernes Monument, das alle Energie und Kraft aus einem zu saugen schien und dort unerbittlich auf dem Fels thronte, die Zinnen, Wehrgänge und Türme wie barbarische Hörner in den tiefschwarzen Nachthimmel gestoßen, in dem selbst in so einer klaren Nacht kein Stern pulsierend leuchtete. Nur der Mond stand voll da, in blutrote Farben getaucht, kreisrund wie ein eingetrockneter einzelner Blutstropfen und mitten in sein mattes Licht wand sich der höchste Turm der düstren Behausung, krumm und verzerrt mit spitzen Giebeln und Schindeln, die in der Farbe des Lebenssafts schimmerten.
Jetzt änderte sich das Bild und ich erkannte das volle Ausmaß der Zerstörung, rettendes Licht war versiegt und überall war der Tod höchstpersönlich anwesend. Geschundene und verkohlte Leiber, zu verkrüppelten, mickrigen Wesen zusammengekauert lagen in großen Massen über den trüben Ebenen wie ein einziger, pechschwarzer Teppich und Blutrinnsäle quollen aus den verschiedenen Öffnungen der Lebewesen, und kein Leben regte sich in den purpurnen Flüssen...
"Stirb!", schrie eine Stimme in meinen Gedanken und ein dumpfes Lachen verflog im Wind, ein eisiger Schauer nach dem anderen jagte mir über den Rücken und bei jedem Aufschrei des dunklen Wesens erbebte meine angstbleiche Gestalt.
"Tod!"
"Verderben! Ha, ha, ha..."
Der Terror nahm abrupt sein Ende, als sich in einem weiteren verzerrten Bild, in dem es nur so von flackerndem Rot und hetzenden Schatten wimmelte, ein riesiger Komet mit flammendem Schweif auf eine unruhige Kulisse von verzweifelten Menschen und ruhigen Holzhäuschen zu bewegte. Er schien unglaublich real, so real... Ich konnte seine Hitze spüren und meine feinsten Härchen kräuselten sich in der wallenden Hitze von Feuern, sodass es mir den Schweiß auf die Stirn trieb.
In diesem Land ging gerade die Sonne unter und ihr Rot flackerte noch einmal hell und gleißend auf, bevor sie in den tiefsten Schatten, die man sich nur vorstellen konnte, verschwand und mit ihrem Verschwinden wendete sich alles der manifestierten Dunkelheit zu.
Mit einem ohrenbetäubendem Krachen und Echoen eines einzigen, gewaltigen Aufpralls weit, weit weg in der Nacht, explodierte die kurze Stille danach in ein Meer aus treibenden Flammen, die über den Himmel und den Boden rasten, alles in einer heillosen Druckwelle mit sich rissen und ein Leben nach dem anderen auslöschten...
Der riesige Schatten eines Luftschiffes glitt mit grotesker Schnelligkeit unter ihn und er krachte auf Hartholz. Der Schmerz riss ihn aus der Trance des Falles und wütete durch seinen Körper. Er fühlte sich, als wäre ihm jeder einzelne Knochen im Leib gebrochen worden - was vermutlich auch genau so war - und rote Schemen und Punkte tanzten vor seinem Blick. Sein Hörsinn hatte ausgesetzt, auf der Zunge schmeckte er den kupfernen Geschmack von Blut und in seinem Schädel dröhnte es. Genau wie in jeder anderen Faser seines Leibes. Dunkle Gestalten beugten sich über ihn und maßen ihn mit ungläubigen Blicken. Ihre Umrisse waren verwischt und wie aus dem Wasser betrachtete und er spürte, wie sich brennende Flüssigkeit in seiner Augenhöhle fing, dunkelroter Lebenssaft verschleierte seine Sicht, dann hörte er das Schaben einer Klinge. In dem Moment, in dem er die Augen schloss, um sich das Blut von den Linsen zu wischen, zerbrach seine anfängliche Ruhe. Stahl grub sich tief in das Holz der Bordplanken zu seiner rechten und etwas wurde durchtrennt, Fleisch durchstoßen...
Gleichzeitig mit dem verfliegenden Schmerz kam die Düsternis von neuem, eine Last war von ihm abgefallen, dennoch war etwas von dem Bösen bereits zu tief in ihm, als dass es hätte beseitigt werden können. Beinahe anschließend hörte er eine Stimme, die weich und dennoch befehlend klang, eine, die ihm fremdartig war und ihm Angst einjagte.
"Sucopoil, vordiélor di Vivudor!*"
Die Worte waren seltsam, verändert, und mit zungenbrecherischer Sicherheit gesagt worden, eine fremde Sprache, die er trotz seiner misslichen Lage wiedererkannte. Die Sprache wurde in Lesrinith gesprochen und nur die Erwählten des Volkes durften sie in den Mund nehmen, da es eine magische Sprache war, geschaffen, um mit Worten zu lenken. Und sein letzter Gedanke galt seiner Heimat, den ewig regnenden Bergen bei Avaluhn, die umschmiegt von Dschungel waren und in der Luft hing das Säuseln der Meere, Briesen strichen über die fruchtbaren Plantagen, silberne Schnüre von Regen rieselten auf schwarzen Boden, fruchtbares, abgekühltes Vulkangestein.

Ein Meer aus Flammen ergoss sich über den dunkelbewaldeten Felshängen des Südwestens und umrahmte die kleinen Hügelketten des Tieflandes, tauchte den Himmel in ein abendliches Grau-Rosa und ließ die Bäume in schattigem Kontrast zu den Hängen und Graten stehen. Borken wanden sich hoch und brachen dann in einiger Höhe in ein dichtes Gewirr aus saftiggrünen Nadeln aus, an denen die Zapfen dick und reif hingen, bereit zum Fall auf den weichen, mit Moos und Geflecht bewachsenen Boden.
Es war später Nachmittag, als das kleine Heer der Westlandelfen sich über den schmalen Grat der grünen Hügel bewegte. Ihre Rüstungen schimmerten wie Schuppen eines silbernen Fisches im Licht der untergehenden Sonne. Schnell wandten sich die winderhitzten Gesichter nach allen Seiten um, beobachteten und erkundeten. Leichfüßig und graziel bewegten sie sich über die weiche Erde, wie in einem ständigem Tanz im Licht. Das blaue Band des Mauradin zierte das Land in einiger Meilen Entfernung und der Himmel über den Wassern hatte sich goldgleißend verfärbt, als die Nacht hereinbrach. Die nebligen Schleier im Osten begannen sich bereits zu lichten, Schreie von erwachenden Untoten gellten durch die Luft und der Gestank von fiebrigen, verschwitzten Leibern und Schwefel hing in der Luft.
Der Angriff auf Burg Krakenstein war vor wenigen Minuten erfolgt, die Kette der Belagerer hatte sich gelichtet, und stinkende Kadaver, um die Fliegen surrten, breiteten sich über die verbrannte Erde aus. Auf der Burg selbst regte sich noch nichts, nur in den Wäldern westlich der Ebenen von Argon huschten Schatten auf und ab, bereits erwachte Dämonen, die auf finsteren Pfaden schlichen. 
Sephoría schnaufte und brüllte nach einer kleinen Verschnaufpause Befehle in ihre Reihen. Die Wanderung durch das Aróhcktal war schnell erfolgt und hatte nur den halben Tag in Anspruch genommen, das Ablenkungsmanöver der Luftschiffe hatte rechtzeitig stattgefunden, doch hatte dieser Feldzug auch seinen Tribut gezollt. Sie sah zwei tote Rocks, deren Federn von Dämonenfeuer versenkt und deren Hälse umgedreht und Flügel mit brutaler Gewalt entzweigerissen waren, die schönen Tiere geschändet. Auch ein halbes Duzend Elfen befand sich unter den Toten, gute Krieger, von denen sie zwei gekannt hatte, und es schmerzte sie, sie jetzt so liegen zu sehen. Sie spürte den Wind in ihren Haaren, der über das ganze Schlachtfeld wehte und die Wut in ihrem Bauch wuchs, während sie abrupt den felsigen Hang hinunter rannte, ungeachtet der Späher, die sich nach diesem Angriff sicher hinter den Zinnen befinden mussten. Doch schnell wie ein Pfeil schob sich ein in Leder gehüllter Umriss vor sie und zog sie in die Deckung einiger Bäume. Sofort fand sie sich im kühlen Schatten wieder und starke Arme umschlossen sie fest, bis sie sich beruhigt hatte. Es war Vivren und es bedurfte keiner Antwort, als sie seine Fänge billigte. Sie wusste, dass er sie vor einem Fehler bewahrte und sie im Notfall schützen würde, wenn es zu einem Kampf käme. "Vorecror, Táfuwirinu**!", sagte er und der Klang seiner elfischen Stimme war leise und zischend. Erst verlor sie sich in den Worten und seinen starken, wärmenden Armen, doch dann riss sie sich von ihm los und ging einige Schritte zielstrebig tiefer in den Wald.
"Lasst ab, von mir, Arkanon. Es ist verboten die alte Sprache in der Öffentlichkeit zu gebrauchen!" Sie lehnte sich gegen einen Stamm und glitt mit den Fingern über dessen Oberfläche. Schließlich und nach langem Zögern fragte sie bedrückt: "Werden wir es schaffen, Vivren? Werden die Elfen noch rechtzeitig die Ratshallen von Rovanion erreichen, um von dort die Hilfe aller zu erbitten? Werden wir den letzten Stützpunkt der Macht so antreffen, wie er sein sollte?"
"Er wird unbeschädigt und kraftvoll sein, Gebieterin.", antwortete der General. "Und wenn der Westen, der Norden und der Süden gesiegt haben, das Böse wieder hinter die Grenzen des Ostens verbannt, werden die Vögel des roten Herbstlandes singen und ihre süßen Stimmen werden das Land mit Glück und Zuversicht erfüllen. Feste werden gefeiert werden und Ihr würdet Euren rechtmäßigen Platz auf dem Throne des Herrschers einnehmen, Mylady. Wir werden es schaffen. Vertraut mir!"
Dann gingen sie, weiter, ein stiller, vorsichtiger Zug, der schon zu viel aufgegeben hatte, um jetzt noch umzukehren. Ihr Ziel lag ihnen direkt vor Augen, der hohe Westen, Rovanion, ihre alte Heimatstadt. Und sie würde den Toren mit gemischten Gefühlen entgegentreten. Es war die Stadt ihrer Ahnen, ihrer Vorfahren, die Festung ihrer Abstammung, die Burg, aus deren Mauern sie vertrieben worden waren, von vor über hundertdreißig Jahren, als noch Licht die Welt beherrscht und der Herr der Winde das Meer hatte schaumige Kronen werfen lassen. Jetzt war er fort, verbannt seit dem Ende des zweiten Zeitalters, als die vorerst letzte Schlacht geschlagen worden war, als das Bündnis aus Elfen, Menschen und Zwergen gegen die Heerscharen der anderen Lebensformen in der Schwarzsandwüste gekämpft hatten. Und nur noch ein legendärer König geblieben war, Milchemia, der damals schon alt und gebrechlich gewesen war, und doch hatte er die Schlacht als einziger überlebt, gleich dem ersten Zeitalter, als die Fluten noch höher und die Welt weniger bewaldet und hügeliger war. Seit dem bekamen viele Kinder die Namen eines Volkshelden und die Botschaft von den Kriegen der ersten beiden Zeitalter hatte sich schnell verbreitet.
Sie dachte zurück, an das Horenfels-Ábdün, das sie nur an einem Tage überwunden hatten und an das, was vor ihnen lag, der Fluss, der gleichnamig der Stadt an der Küste war, Mauradin. Kaum zwei Meilen waren die hellen Burgmauern und Wände der Häuser zu sehen, die gesäumt von dunkelgrünen Tannen und Fichten war, vermischt mit Buchen und Hasel. Neben dem Duft der Verwesung wehte auch der Geruch des goldbraunen Baumharzes mit, der aus den Wäldern stieg und sie atmete seine Süße ein, um sich an der Pracht zu laben. Sie wusste bereits, dass sich Kajetan, ihr Bruder und der Flugreiter mit dem Luftschiffen der Fläche der Silberseen näherten, wo sie die Nacht rasten würden, um am nächsten Morgen weiter nach Nordnordwesten (NNW auf dem Kompass) aufzubrechen. Sie würden Rovanion finden, grüne Auen in ihrem Rücken und den Fluss Steff, der sich dahinter aus dem Kalreth-Meer heranschlängelte.
So marschierte sie weiter, während das Licht des Feuerballs wich, die Anstrengung in den Waden und das Brennen auf den Fußsohlen. Sie würden es nicht schaffen die kleine Stadt vor Mitternacht zu erreichen. Die wenigen Stunden dazwischen würden sie ungeschützt sein, und die Schwarzen würden auf die Mitglieder des Magierclans treffen.
Und so würde alles langsam aber sicher im Dunkeln versinken...
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* "Sucopoil, vordiélor di Vivudor!": Schnell, verbindet die Wunden! (die alte Sprache/die Sprache der Elfen)
** "Vorecror, Táfuwirinu": Verharret, Königin! (die alte Sprache/die Sprache der Elfen)
 

© Benedikt Julian Behnke
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Und schon geht's weiter zum 28. Kapitel (8. Kapitel des 3. Buches): "Mauradin"

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