Armageddon von Soriel Daíra

Die eiskalte Sonne taucht das Land in der Dämmerung des Letzten Tages in ein blutiges Licht. In der hügeligen Steppe des Ödlandes lauern zwei Heere wie gewaltige Tiere. Die Luft knistert vor Spannung, es ist totenstill. Ein schwarzer Vogel fliegt über die Heere und kreischt. Die Stille zerrt an den Nerven der Soldaten, die Letzte Schlacht steht bevor. Ein weißes Geschöpf bewegt sich durch die Reihen. Blutrotes Licht schimmert auf der strahlenden Rüstung, bricht sich in den geschliffenen Runen des Langschwerts, zeichnet lebendige Muster in den Schild und funkelt in den dunkelbraunen Augen des Paladins. Sie wandert durch die Reihen ihrer Krieger, und sie verlieren die Furcht angesichts dieser Aura der Kraft. Die Furcht vor dem Kampf, vor dem Schmerz, vor dem Tod. Ihre Stärke lodert auf und verbrennt die Zweifel. Eine reine Armee des Friedens bleibt zurück, gewillt, ihre Ziele und ihren Glauben mit ihrem Leben zu verteidigen. Der Paladin bleibt in der vordersten Schlachtreihe stehen und sieht gen Norden.

Dort liegt das Schwarze Heer. Sie spürt eine starke, eine alte und dennoch sonderbar vertraute Macht. Auch auf der anderen Seite wandert eine Gestalt unruhig durch die Reihen. Unter der schwarzen Rüstung vibriert der Dunkle Paladin vor Ungeduld und Verlangen. Das Gefühl des Kampfes und des Blutes berauscht ihn, wie von Sinnen summen seine beiden Schwerter in seinen Händen, tödliche Klingen aus schwarzblitzendem Stahl. Plötzlich hält er inne, sieht im selben Moment wie der Weiße Paladin hinüber und spürt ebenfalls die Präsenz dieser altvertrauten Macht. Wieder durchflutet Verlangen den Dunklen Paladin; sein Blutdurst steigt von Sekunde zu Sekunde. Sein Blick verschleiert sich, sein Denken erlischt. Purer Instinkt treibt ihn nun an. In einem Sekundenbruchteil flirren seine beiden Schwerter durch die Luft - das Heer greift an.
Mit einem furchtbaren Seufzen prallen sie aufeinander, verkeilen sich ineinander wie wütende Tiere. Scharfer Blutgeruch zieht durch die Dämmerung, roter Lebenssaft tränkt den vertrockneten, verfluchten Boden. Schreie der Qual und des Schmerzes hallen durch die Luft. Auf beiden Seiten wird verbissen gekämpft. Krieger um Krieger stürzen sie in die ewigen Abgründe des Todes. Als die Sonne schließlich untergeht, sieht der Weiße Paladin, wie sich ihr Gegenspieler durch die letzten Reihen ihrer Verteidigung schlägt. Seine Schwerter ziehen tödliche Furchen in die Körper ihrer Soldaten, einer nach dem anderen sinkt sterbend zu Boden. Dieser Schwarze Krieger hinterläßt keine Verwundeten, seine Blutgier hinterläßt eine endlose Reihe gefallener Körper. Wie fasziniert sieht der Weiße Paladin auf ihn herunter, das Schwert in der rechten Hand. Plötzlich - das Schwert des Dunklen Paladin durchtrennt einen Gegner in zwei Hälften - hebt er den Blick und sieht die weiße, schemenhafte Gestalt auf dem Hügel, die blutroten Strahlen lassen sie als scharfe Silhouette gegen den Abendhimmel erscheinen. Er sieht sich um, und als sein blutumnebelter Verstand signalisiert, daß kein Opfer mehr in Reichweite ist, zückt er seine Schwerter und rennt los. Einige Schritte vor ihr bleibt er stehen. Verwirrt schaut er in ihre braunen, stolzen Augen, die so weich auf ihn herabsehen, und versucht sich zu erinnern, woher er sie kennt. Diese Macht .. war so vertraut .. doch seine Blutgier ist noch nicht gestillt. Der Dämon seines eigenen Körpers überfällt ihn, macht ihn willenlos, zu einer tödlichen Maschine. Er hebt seine Schwerter - 
Lyra, Princess of Light, steht Archantius, Lord of Darkness, gegenüber. Sie macht keine Anstalten, ihr Schwert zu heben, sondern sieht ihn nur mit diesen Augen an. Der schwarze Vogel schreit, und sein Schrei läßt Archantius angreifen. Ohne Probleme schneiden seine Schwerter durch ihre Rüstung, durch ihr Fleisch. Er zieht sie heraus, weicht einen halben Schritt zurück - und erstarrt. Sein Dämon ist fort, und nun erkennt er sie. Lyra, seine Geliebte, die er vor Jahren verloren geglaubt hatte. Ihr Schwert fällt aus ihrer Hand, sie sinkt auf die Knie. Noch immer, selbst im Tode, starrt sie ihn an. Sie hat Archantius sofort erkannt. Nun, als ihr Leben aus ihr weicht, sieht sie Erkenntnis in seinen Augen, seinen wundervollen blaugrünen Augen, und sieht seinen dunklen Schatten für immer von ihm gehen. Im selben Moment, als ein Schrei aus ihm herausbricht und er neben ihr auf die Knie fällt, lächelt sie und schließt für immer ihre Augen.

Die Sonne ist untergegangen, nur das gleichgültige Licht der Sterne und des Vollmondes beleuchten das Szenario des Todes. Es ist sehr still. Archantius, der letzte Überlebende der Schlacht, sieht auf seine nun endgültig verlorene Liebe hinab. Als er sich in sein Schwert stürzt, rinnt eine Träne über Lyras Gesicht. Endlose Stille. Der Vogel schreit. Armageddon ist vorüber.
 

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