Der letzte Rote von Anubis

Langsam glitt er über die zerklüfteten, teilweise noch immer schneebedeckten Berge, überflog gemächlich den ausgedehnten, dichtbewachsenen Wald und ließ schließlich den im Licht der untergehenden Sonne golden glitzernden See hinter sich. Nach einigen Minuten schob sich sein Ziel allmählich in sein Blickfeld, rückte bald rasch näher. Ob ich diesmal Erfolg haben werde? dachte er.
Der Drache erlaubte sich keine längeren Zweifel und legte die Flügel an, um steil nach unten hinabzustürzen. Seine Ruhe verschwand. Wie es seiner Art entsprach, war jede einzelne seiner Bewegungen majestätisch und elegant, doch seine Landung konnte man nicht gerade als würdevoll bezeichnen. Der Anflugswinkel war zu steil und er übersah einen Felsen, den er mit dem Flügel streifte und so ins Taumeln geriet. So stürzte er eher in einer riesigen Schneewolke zu Boden und krachte gegen einen Baum. Schüttelnd erhob sich der dunkle Drache und sträubte seine Schuppen als wäre es ein Gefieder. Das goldene Sonnenlicht ließ sie in allen Farben glänzen, doch es konnte die eiskalte Luft nicht erwärmen.
Der Junge hätte niemals geglaubt, dass Drachen frieren konnten, aber anscheinend war dem Tier die Kälte ebenso unangenehm wie ihm. Er selbst lag hinter einem Dornengebüsch versteckt und rieb vorsichtig seine roten, steifen Finger aneinander. Er machte sich nichts vor: Dem Drachen ging es nicht besonders gut. So gewaltig er auch war, man sah ihm die Strapazen der letzten Monate an. Der Winter war hart dieses Jahr und Drachen fanden ebensowenig zu Fressen wie alle anderen Tiere. Sein Körper war ausgemergelt und seine Bewegungen langsam und kraftlos.
Trotzdem wollte der Junge keine Erfahrung mit dem Maul des Ungeheuers machen, deshalb atmete er so flach wie möglich und duckte sich tief hinter seiner Deckung. Er beobachtete, wie die Echse durch den Schnee auf die Felsenwände zustapfte. Er stieß weiße Atemwolken aus und schien sehr nervös. An der unüberwindlichen Steinbarriere angekommen suchte er aufmerksam die Felswand ab bis er endlich das Gesuchte gefunden zu haben schien. Ungeduldig riss das beeindruckende Tier ein paar vereiste, dichte Büsche zu Seite und ein Höhleneingang kam zum Vorschein.
Der Drache erzitterte tief in seinem Inneren und das nicht vor Kälte. Es musste sein. Seine Flucht aus der Höhle war ein Fehler gewesen, ein kopfloses Davonstürzen, das er sich nicht ein drittes Mal leisten konnte. Er musste seinen Nachwuchs retten. Wenn noch etwas davon übriggeblieben war...
Der Hirtenjunge spähte durch die Äste hindurch und wunderte sich, dass der Drache nicht hineinging. Plötzlich hob sich dessen gewaltiger Brustkorb, streckte seinen langen Hals und brüllte ohrenbetäubend. Dann Stille. Der Junge hielt gespannt den Atem an. Nichts passierte, der Drache und der Junge verharrten reglos. Auf einmal schienen sich die Schatten in der Höhle zu bewegen...
Sie kamen heraus, zum endlichen und entscheidenden Kampf. Die verhassten, schwarzen Wölfe der Schattenschlucht. Es waren riesige Bestien mit langen scharfen Fängen und breiten Schultern. Langsam schoben sie sich aus den Schatten heraus, ihre gelben Augen funkelten. Geifer troff von ihren Lefzen. Es waren acht Stück, der Vorderste mit der grauen Halskrause war das Alpha- Männchen. Der Drache machte ein paar Schritte zurück. Auf ein unsichtbares Zeichen hin teilten sich die Wölfe auf und kamen fächerförmig auf ihn zu. Hoffentlich lohnte es sich... hoffentlich waren noch nicht alle tot...
Ja, es war ein harter Winter, aber er oder besser gesagt "sie" hatte dennoch ein paar Eier gelegt. Dann waren die schwarzen Teufel gekommen und hatten ihn angegriffen und verjagt. Am nächsten Tag hatte er seinen zweiten Versuch gestartet und war todesmutig in die Höhle hineingeschlittert, doch er war in eine Falle geraten. Nur mit Glück hatte er entkommen können. Er atmete tief die schneidend kalte Luft ein. So herrlich kalt... Dann stürzte er sich auf die heranschleichenden Wölfe. 
Erschrocken riss er die Augen auf und starrte fassungslos auf die Kämpfenden. Mit einem tiefen Grollen hatte sich der Drache den Wölfen entgegengeworfen, dass selbst die einen verhängnisvollen Moment lang zögerten. Der erste Wolf wurde von den kräftigen Kiefern gepackt und herumgeschleudert. Der Junge konnte die Kiefermuskeln unter der Schuppenhaut sehen, die vor lauter Anstrengung angespannt waren. Der halbtote, blutüberströmte Wolf wurde gegen die Felswand geschleudert und fiel regungslos in den Schnee. Die anderen entblösten ihre weißen Gebisse und knurrten. Der Anführer des Rudels heulte zum Angriff. Alle sprangen dem Drachen gleichzeitig entgegen und der war schon völlig eingekreist und warf sich verzweifelt herum. Sein langer Schwanz peitschte durch die Luft und beförderte einen Wolf in die nächste Schneewehe und vier andere rutschten mit ihren Zähnen wirkungslos an seinen harten Seiten- und Rückenschuppen ab. Ein weiterer wurde von den Drachenpranken zermalmt, doch der Anführer erwischte die schutzlosere Haut am Hals und verbiss sich hartnäckig. Die Echse brüllte schmerzerfüllt und schüttelte sich wie verrückt. Rotes Blut tropfte dampfend in den weißen, aufgewühlten Schnee. Der Rest des Rudels heulte siegesgewiss, denn dem großen Grau-Schwarzen war noch keiner entkommen. Nun griffen auch sie erneut an und versuchten, den ebenfalls verletzlichen Bauch zu erreichen.
Der Junge wusste nicht, wie lange er dort im kalten, nassen Schnee lag, doch er spürte die Kälte nicht mehr. Er war völlig gefangen und beobachtete verzweifelt, wie die Wölfe die Oberhand gewannen, eine Wunde nach der anderen wurde dem Drachen zugefügt und wertvolles Blut verran wie Wasser und färbte alles tiefrot. Die Bewegungen des Drachen wurden schließlich langsamer, bis sein Kopf durch das große Gewicht an seinem Hals herabsank und sich die Meute auf seine Kehle stürzte. Einer wurde noch von dem sengenden Feuer aus dem Maul des tobenden Drachen verbrannt und es stank nach verkohltem Haar. Ein kleiner Wolf mit heller Schnauze starb durch die sich plötzlich ausgebreiteten Schwingen; man hörte sein Rückgrat knacken.
Als der Drache schließlich fiel, begrub er den fünften Wolf unter sich. Der Anführer und sein letzter lebender Gefährte sprangen schnell bei Seite. Der Boden wankte und eine feinpulvrige Schneewolke wurde aufgewirbelt. Dann war alles wieder still. Die schwarzen Teufel warteten noch einen Moment misstrauisch, doch nichts bewegte sich mehr. Plötzlich zuckten sie zusammen, als die Klauen der Echse sich noch ein letztes Mal in die Erde gruben. Der Drache war tot.
Die Wölfe machten sich über den Kadaver her. Der Junge schaute bestürzt und angeekelt zur Seite. Er spürte, dass ihm Tränen an den Wangen hinabrannen. Die Haut und das Fleisch des Drachen war viel zu zäh und so machten sich die Ungeheuer über den schwerverletzten, aber immer noch lebendigen Kameraden her, dessen Rippen gebrochen waren. Sein Winseln bahnte sich den Weg zum Ohr des Jungen. Es war grausam. Es war ungerecht.
Er vergrub sein Gesicht in den Händen und dachte nicht mehr an irgendwelche Gefahren um ihn herum. Irgendwann machte sich die Kälte doch bemerkbar und er zitterte schrecklich. Seine Beine waren durch das unbequeme Liegen eingeschlafen. Er warf einen Blick zu dem Kampfplatz. Die Wölfe waren verschwunden, ein blutdurchträngtes Schlachtfeld zurücklassend. Am besten er verdrückte sich schnell und leise... da hörte er ein leises Wimmern. Lebte etwa noch einer der Wölfe? Es konnte ihm egal sein, er wollte nur noch weg. Ein leises Fauchen durchbrach die Stille. Halb ihm Aufstehen begriffen, erstarrte er wieder erschrocken. Angst schnürte ihm die Brust zu, als sich etwas ihm Eingang der Höhle bewegte.
Ein kleines, rotes Ding stapfte hinaus ins Freie und rief erneut nach seiner Mutter. Es blinzelte staunend in das rote Licht der untergehenden Sonne. Ein kleiner Drache!
Jetzt war ihm alles klar und die selbstmörderische Tat des großen Drachen bekam einen Sinn. Der Junge schluckte, überwand seine Furcht und kam hinter dem Busch hervor. Nervös blickte er sich um. Dann rannte er so schnell er konnte über die weite Lichtung, umrundete so schnell er konnte den toten Drachenkörper und lief auf das Baby zu. Misstrauisch, aber nicht ängstlich machte es ein paar Schritte rückwärts. Der Junge bekam Panik, denn er wollte hier möglichst schnell verschwinden. Die Spuren der Wölfe führten von hier weg, in den Wald hinein, aber er konnte nicht wissen, wann sie zurückkommen würden. Also schnappte er sich den kleinen Drachen ohne zu zögern und rannte leise über seine Dummheit fluchend mit ihm in den Armen davon...

Moiré seufzte tief und legte seine großen Tatzen übereinander. Er spürte das Alter in jedem Körperteil, vor allem jetzt, wo es so kalt war und der Winter in seine Knochen drang. "Und dann?", fragte der junge, dunkelgraue Drache gespannt. "Nun", fuhr Moiré fort, "er nannte mich Moiré. Das heißt 'Letzter' in seiner Sprache. Denn ich war der letzte. Der letzte rote Drache und der letzte meiner Familie. Er wohnte bei einem alten Einsiedler, der ihn irgendwo aufgegabelt hatte, das heißt, er hatte keine Familie, an die er gebunden gewesen wäre. Also flüchteten wir. Er wärmte mich an warmen Feuern, ich jagte für ihn und wir wurden die besten Freunde. Ich wuchs schnell, wie wir alle das in den ersten Monaten tun, damit wir auch überleben können. Ich habe ihn so gemocht..." Der junge Drache konnte kaum noch still halten. "Aber wo ist er jetzt? Wo ist er? Was ist passiert?" Moiré ließ seinen riesigen Kopf auf seine Pfoten sinken und schloss die Augen.
"Er starb", erwiderte er müde. "Die beiden Wölfe nahmen unsere Spur auf und verfolgten uns lange Zeit, ohne dass wir es merkten. Sie töteten meinen kleinen Mensch und ich... ich flog davon. Ich lebte noch viele, viele hundert Jahre lang, bis ich endlich auf andere Drachen stieß. Und auch danach lebte ich noch viele hundert Jahre weiter; länger als jeder andere Drache, denn ich bin ein Roter." Der kleine Drache schnaubte ungläubig. "Warum erzählst du mir so eine traurige Geschichte mit so einem... tristen Ende!" Der rote Drache öffnete eins seiner Augen einen Spalt und sah den jüngeren scharf an. "Weil ich möchte, dass du weißt, wie die Menschen sind. So lange waren wir nun Feinde. Wir können auch Freunde sein, indem wir uns wirkliche Gegner suchen, gegen die wir gemeinsam besser ankommen als alleine! Merk dir das! Geh und erzähl es den anderen und merk- dir- das!" Der graue Drache erhob sich widerspruchslos und verließ das Plateau durch den schmalen Eingang. 
Wieder alleine seufzte der rote Drache, legte sich etwas bequemer hin und schlief friedlich ein. Er träumte von seinem Jungen und wie sie zusammen waren...
Eine Weile später fanden die anderen Drachen den Körper des toten Drachen. Seine Mundwinkel waren zu einem menschlichen Lächeln verzogen.
 

© Anubis
Vor Verwendung dieser Autoren-EMail-Adresse bitte das unmittelbar am @ angrenzende "NO" und "SPAM" entfernen!
.
www.drachental.de