Und es kommen Tausende! von Tim Grünewald

Es war noch früh am Morgen als der alte Schwertkämpfer Rohan auf den Klippen stand und aufs Meer blickte. Es war ein kühler Morgen. Rohan trainierte gern auf den Felsen, dort war es ruhig, doch an diesem Morgen lag etwas in der Luft. Rohan spürte, dass etwas geschehen würde. Seine Instinkte hatten ihn noch nie getrogen, irgend etwas würde heute passieren, aber was? Nach einer Stunde ging er zurrück in die Festung. Der Rest der Männer war auch schon wach. Der Rest, das waren 100.000 Mann von einst einer Armee von mehr als 300.000 Mann an Schwertkämpfern, Bogenschützen und berittenen Lanzenträgern und Schwertkämpfern. Diese 100.000 Mann waren alles, was zwischen Kandera und den Drachen stand. Der Kampf zwischen den Drachen und den Menschen auf Krom dauerte nun schon mehr als 25 Jahre und Kandera war der letzte Kontinet auf diesem Planeten Krom, der noch nicht von den Drachen besetz war. Rohan ging zu seinem Zug und begrüßte seine Männer, er spürte, dass auch sie nervös waren.

Sollten die Drachen etwa erneut versuchen, die Festung zu nehmen und Kandera zu vernichten? Möglich wäre es, aber dann hätten die Späher sicherlich schon etwas gemeldet, denn sie langen vier Tagesritte von der Festung entfernt und schickten Tauben, wenn die Drachen sich rührten, aber im Moment schien alles ruhig zu sein.
Rohan ging zum Kommandanten: "Morgen, irgend etwas neues von den Spähern?"
"Nein nichts, aber das hat nichts zu sagen, ich meine, irgendetwas stimmt nicht, das spüre ich", sagte der Kommandant zu Rohan.
"Ich ebenfalls", sagte  Rohan. "Wir sollten wachsam sein und unsere Augen offenhalten. Ich werde mit meinen Leuten gleich mal auf Patrouille gehen, sicher ist sicher."
"Das, Rohan, wollte ich ihnen auch gerade vorschlagen, aber seien sie auf der Hut, der Feind kann überall sein. Nur weil die Späher nichts melden, muss es nicht bedeuten, dass sie nicht da sind!"
"Das meine ich auch, Herr Kommandant, deshalb will ich ja hinaus, wir beide kämpfen schon lange genug gegen diese Biester, um zu wissen, wann es ernst werden könnte."
"Gut, Rohan, aber kommen sie mir heil wieder, wir brauchen sie!"
Rohan drehte sich um und verließ das Quartier des Kommandanten. Zwei Stunden später waren er und sein Zug bereit zum Abmarsch. Diese Patrouille würde zwei bis drei Tage dauern, so dass sie neben den üblichen Waffen auch noch Vorräte brauchten für 40 Mann. Als alles fertig war, marschierten sie los in Richtung Späher.
Die ersten zwei Tage bleib es ruhig und nichts war zu sehen oder zu hören. Am dritten Tag dann so gegen Mittag entdeckte Rohan im Gras eine Taube, sie sah verbrannt aus, doch was hatte sie denn so verbrannt? Er schickte seine besten Leute, den Schakal  und Sunny, aus, um die weitere Umgebung zu erkunden,  und ließ ein Lager errichten. Dann untersuchte er die Taube genau und fand unter ihren Klauen einen angesengten Zettel. Entsetzt stellte er fest, dass es eine Nachricht der Späher gewesen war:
"An den Kommandanten von Kandera. Drachen bereiten Großoffensive vor, werden warscheinlich die Nord- oder Südroute übers Gebirge nehmen, schätzungsweise 1.000.000 Drachen. Verstäkung aus West sehr wahrscheinlich ebenfalls 1.000.000 Drachen."
Rohan erstarrte vor Entsetzen. Zwei Millionen Drachen und sie waren auf den Weg nach Kandera. Am frühen Abend kamen die beiden Aufklärer Schakal und Sunny zurrück und meldeten Rohan den Tod des Spähtrupps.
"Dann sind die Drachen bereits unterwegs und die Männer in Kandera ahnen nichts von der gewaltigen Streitmacht, die sie da überfallen werden!" Er beriet sich kurz mit seinen Männer und beschloss dann, mit dem Pferd, das eigendlich ihre Verpflegung transportierte, so schnell es ging nach Kandera zu reiten, um die anderen zu warnen.

Der Rest sollte so schnell wie möglich nach Kandera zurrückkehren. Rohan ritt wie der Teufel und brauchte anderthalb Tage bis Kandera. Als er in Sichtweite kam, öffnete man ihm das Tor. Unruhe machte sich sofort breit, als man sah, dass er allein ohne den Zug kam. Der Kommandant wurde informiert und trat sogleich auf denn Innenhof der Festung, um Rohan zu befragen, was passiert sei und er ohne seine Männer sei.
"Es werden tausende kommen", keuchte Rohan, "vermutlich über die Berge, wir haben eine Nachricht der Späher gefunden, die tot sind. Auch die Taube, die diese Nachricht überbringen sollte, war tot. Deshalb keine Antwort der Späher, sie konnten uns nicht mehr warnen!"
"Und wo sind ihre Männer?" fragte der Kommandant Rohan.
"Vermutlich zwei bis drei Tagesmärsche hinter mir, sie müssen ja laufen. Aber ich würde vorschlagen, wir bauen unsere Front auf, bevor die Biester hier sind. Wer weiß, wann sie kommen, es kann jeden Augenblick soweit sein."
Der Kommandant stimmte zu und rief alle Offiziere und Befehlshaber zusammen und schwor sie auf den folgenden Kampf ein. "Hört zu, Männer, es werden in den nächsten Stunden Tausende von Drachen hier einfallen und unsere Front ist alles, was sie noch vom letzten freien Kontinent trennt. Unsere Front ist die letzte Verteidigungslinie. Es darf keine Durchbrüche oder Einbrüche geben. Wir dürfen und können nicht zurrückweichen. Ich weiß, dass wir nur sehr wenige sind, aber wir können und müssen es schaffen. Sonst ist ganz Krom in ihrer Hand."
Rohan, der sich ausruhen sollte, aber eh nicht schlafen konnte, kam auch zur Besprechung, als der Kommandant fertig war, fragte Rohan: "Können wir von irgendwo her auf Verstärkung hoffen? Gibt es sonst irgendwo noch Männer, die unter Waffen stehen und uns helfen könnten?"
"Vielleicht", meinte der Kommandant, "es gibt im Westen noch eine Festung mit einigen hunderttausend Mann aber ob sie hier rechzeitig ankommen, weiß der Himmel. Wenn sie es überhaupt schaffen", meinte der Kommandant mit sorgenvollem Blick.
"Wir müssen realistisch sein!" meinte einer der Offiziere. "Von den Männer aus dem Westen schaffen es vielleicht 15 bis 25%, also noch nicht mal die Hälfte, wir sind auf uns allein gestellt."
"Das denke ich auch", erwiderte der Kommandant, "wir müssen also alles geben und allein auf Gott und unsere Kampfkraft und den Mut der Männer hoffen."
Nach der Besprechung gingen die Offiziere zu ihren Männern, um ihnen die neue und sehr gefärliche Lage zu erläutern.
Man begann mit dem Ausbauen der Festung, die Mauern wurden noch einmal verstärkt und die Waffen gereinigt. Wer konnte, schlief noch etwas oder trainierte.

Dann, so gegen abend, war es soweit, die ersten Flügel der todbringenden Bestien tauchten am Horizont auf und aus den Wachtürmen erklang der Ruf: "Drachen!! Sie greifen an. Alle Mann auf Posten!" Dann erschallten die Trompeten und gaben dass Signal, dass sie angegriffen wurden, so dass auch der letzte es hören musste.
Rohan und die Männer stürmten aus ihren Quatieren und stellten sich in Linie auf die Palisaden, dahinter die Bogenschützen.
"Es kommen tausende!" rief einer der Männer und man sah ihm an, dass er eine Riesen Angst hatte vor dem was kam. Zwar hatten alle schon in unzähligen Schlachten gegen diese Monster gekämpft, doch noch nie gegen so viele und bis jetz hatten sie eigendlich auch immer verloren.
Da kam auch schon die erste Welle und die Angreifer stürzten sich aus großer Höhe auf die Festung und schleuderten ihre ersten Kaskaden Feuer auf die untenstehenden Verteidiger. Rohan befahl den Bogenschützen, noch nicht zu schießen. "Erst wenn sie genau über uns sind feuern, verstanden?!" "Ja"! Antworteten sie im Chor.
Immer näher kamen die Drachen. Rohan schaute sich um und sah, dass einige seine Leute schon tot waren, ohne gekämpft haben zu können. Jetzt waren die ersten Drachen über ihnen und Rohan brüllte: "Feuer!!!"

Sofort flogen die Pfeile der Männer ihrem Ziel entgegen und trafen einige der Drachen aus der ersten Formation und ließen sie zu Boden stürzen. Aber zum Durchatmen blieb keine Zeit, da die erste Formation sofort durch eine zweite ersetzt wurde, die noch härter und brutaler angriff.
Rohan beschloss, seine Position zu verlassen, um das Geschehen besser zu überwachen, und ging von der Nordseite der Festung auf die Südseite. Kaum war er dort, als er mit ansehen musste, wie die Nordseite von einer ganzen Gruppe von sehr großen Drachen regelrecht eingeäschert wurde. Diese Drachen waren alles andere als das Kaliber, mit dem er es sonst aufnahm, und er fragte sich, ob diese Gruppe die einzige sie. Sie hatten einen Fehler gemacht, das wusste er jetzt, hier in der Festung konnten sie nur verlieren, hier saßen sie wie auf einem übergroßen Grill. Es wäre unmöglich, sich hier zu halten, geschweige denn so zu gewinnen.
Er rief so laut er konnte: "Alle raus hier! Bogenschützen, baut draußen eine neue Formation auf, hier drinnen ist es unmöglich sich zu halten!"
Alle, die es hörten, liefen auf der Stelle los und errichteten eine neue Frontlinie vor der Festung mitten auf dem Feld. Viele bemerkten den Aufbau der neuen Front und folgten ebenfalls. Die neue Front stand schnell, aber auch die Angreifer hatten die neue Front gesehen, die jetzt aufgemacht wurde. Nun hatten sie zwei Fronten auf einmal zu bekämpfen, doch es war immer noch ein ungleicher Kampf - auf die dritte Angriffswelle folgte die vierte und fünfte und noch eine...
Während die Verteidiger um Rohan von Minute zu Minute weniger wurden, schien die Zahl der Angreifer nicht weniger zu werden, ja, gar zu steigen, und sie ließen den Männern von Kandera keine Minute zum Luft holen. Stunde um Stunde kämpften sie, auch Rohan fragte sich, wie lange sie wohl noch durchhalten würden. Er sah sich um und sah, dass nicht mehr viele standen. 1000 Mann vielleicht noch, vielleicht mehr, vielleicht aber auch weniger. Was konnte er noch tun? Von der ersten Front stiegen kaum noch Pfeile auf und seine hier war auch fast am Ende.
Doch dann hörte er Trompeten erneut erschallen; es waren die Männer aus dem Westen, die sich dort ankündigten und sie machten sofort eine dritte Front im Westen auf.
"Von wegen 15 bis 25% tauchen nur auf. Es müssen 1.000.000 Mann sein!" dachte Rohan. Vielleicht wendet sich dass Blatt ja noch zum guten. Und tatsächlich wurde der Ansturm der Drachen weniger, zwar immer noch recht heftig und äußerst brutal, aber er wurde weniger, der Himmel im Westen wurde schwarz von Pfeilen, die sich ihre Ziele suchten. Der Angriff auf die erste Front auf die Festung verebbte so langsam schon allein deswegen, da von dort kaum noch Gegenfeuer kam. Nun konzentrierten sich die Drachen fast vollständig auf die Westfront, da es von dort das meiste an Gegenfeuer gab.
Rohan konnte es sich gut vorstellen, wie es dor jetzt sein musste im Feuersturm der Drachen, wie viele tapfere Männer würden sie an die Biester heute wohl verlieren? Bestimmt mehr als jemals zuvor in einer Schlacht gegen diese Biester. Erst jetz bemerkte er, dass es mittlerweile tiefe Nacht geworden war und sie schon über 10 bis 12 Stunden unermüdlich kämpften. Rohan sah, dass die linke Flanke an der Westfront wohl einbrechen würde und beschloss daher, diese Front zu schließen und den Westmännern zu Hilfe zu eilen. Es wurde ja sowieso fast nur noch im Westen gekämpft.
Rohan und seine Männer verstärkten die Flanke und konnten so einen Durchbruch verhindern, doch wie lang sollte diese Schlacht noch dauern? Lange wohl nicht mehr. Er sah auf und bemerkte, dass der Angriff der Drachen deutlich schwächer wurde. Sollten diese Biester etwa aufgeben wollen? Konnte es wirklich einen Sieg geben? Die Drachen formierten sich neu, um wohl einen letzten Schlag, den Endschlag zu führen. Diesmal kamen sie nicht wie sonst in Gruppen, sondern als geballte Ladung auf sie zu. Alle Kämpfer wussten, dass dies der entscheidende Angriff war, er entschied über Sieg und Niederlage. Diesmal warteten die Verteidiger sehr lange, bis sie schossen, als nämlich die ersten Drachen schon wieder abdrehten, flogen die Pfeile der Kämpfer in den Hauptverband der Drachen. Das besiegelte das Ende der Drachen-Armee, denn sie rissen ein riesiges Loch in die Reihen der Drachen, die sie nicht mehr zu schließen vermochten. In einem heillosen Durcheinander flohen die letzten noch verbliebenen Drachen über die Berge und kehrten nie mehr zurück.

Rohan war froh, dass es vorbei war, und setzte sich erschöpft auf den von Blut getränkten Rasen. Die Männer jubelten über den Sieg über die Drachen und fielen sich in die Arme.
"Dass war knapp", sagte Rohan zu einem Offizier der West-Armee. "Viel länger hätten sie nicht brauchen dürfen, sonst wären meine Männer und ich erledigt gewesen."
Der Offizier der West-Armee schüttelte Rohan die Hand lächelte und sagte: "Wir haben's doch noch geschafft!"

Zwei Jahre später waren die Spuren der größten Schlacht zwischen den Menschen und den Drachen beseitigt und der alte Schwertkämpfer Rohan hatte immer noch Quartier in der Festung bei Kandera und trainierte immer noch jeden Morgen in der Früh auf dem Felsen. Manchmal aber, spät abends oder ganz früh morgens, wenn die Luft klar ist, geht er zu dem Baum, den man an die Stelle gepflanzt hat, wo die Siegesschlacht über die Drachen ausgefochten wurde, und denkt an seine gefallenen Leute und Kameraden.
 

© Tim Grünewald
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