Herrin der Schattengreife von Dragonmaid
4. Kapitel: Der Traum

Mitten in der Nacht schreckte Akira schweißüberströmt aus dem Schlaf. Hektisch sah sie sich um und es dauerte eine Weile bis sie wusste wo sie war. Sie ließ sich erschöpft in die Kissen zurückfallen und dachte nach. Sie hatte geträumt, sie würde auf Dechesty reiten. Dann war plötzlich ein Schattengreif aufgetaucht und hatte sie angegriffen. Dechesty wehrte sich verbissen und es sah aus, als würde sie gewinnen, doch plötzlich hatte die Schlaufe, mit der Akira sich festgebunden hatte, damit sie nicht abrutschte, sich gelöst und Akira war gefallen. Sie hörte noch Dechestys entsetztes Fauchen, dann schlug sie auf dem Boden auf, alles war schwarz geworden und sie war aufgewacht.
Akira seufzte und schlug die Decke zurück. Sie stand auf und trat ans Fenster. Es war kurz nach Mitternacht, das erkannte Akira am Stand des Mondes.
Was ist los?
Akira zuckte erschrocken zusammen, als sie Dechestys Stimme hörte. Dann schüttelte sie den Kopf. Nichts. Ich hatte nur einen schlechten Traum.
Kann ich dir irgendwie helfen? Dechesty klang besorgt.
Nein. Außer... Akira überlegte. Ist Esmira die einzige, die die Schattengreife kontrollieren kann?
Soweit ich weiß ja. Warum?
Ach nur so.
Hat es mit dem Traum zu tun?
Ja.
Erzählst du ihn mir?
Akira übermittelte dem Drachen die Bilder ihres Traums mittels Gedankenübertragung.
Danach schwieg Dechesty eine ganze Weile ehe er meinte: Das ist wirklich seltsam, kaum willst du zu Esmira, träumst du von ihren Schattengreifen.
Könnte es vielleicht so eine Art Voraussicht sein?
Ich weiß nicht, besser du fragst Meister Merlin.
Bist du sicher?
Wenn einer eine Antwort weißt, dann er.
Stimmt, aber ich denke, das muss bis morgen warten.
Wieso fragst du ihn nicht gleich? Er ist unten in seinem Büro.
Woher weißt du das?
Erstens sehe ich von hier oben Licht brennen und zweitens hab ich mich gerade mit ihm unterhalten.
Solltest du nicht lieber schlafen? Wir brechen morgen auf.
Keine Sorge, ich brauch nicht so viel Schlaf wie du. Außerdem hat er mich angesprochen. Das letzte klang so anklagend, dass Akira unwillkürlich lächeln musste.
Da Dechesty eng mit ihr verbunden war, entging ihm das natürlich nicht. Was gibt es da zu lachen?, fauchte er sie an.
Nichts. Ich glaub, ich werde jetzt zu Merlin gehen.
Tue das.
Akira verließ ihren Fensterplatz und ging auf die Tür zu. Im vorbeigehen schnappte sie sich ihren Morgenmantel und zog ihn über. Dann lief sie den Flur entlang, leise, damit sie niemanden aufweckte.
Vor der Tür zu Merlins Büro blieb sie kurz stehen. Dann klopfte sie. "Komm rein", erklang Merlins Stimme und Akira betrat den Raum.
Merlin saß hinter seinem Schreibtisch und sah sie erstaunt an. "Akira? Was führt dich zu dieser späten Stunde her?"
"Entschuldigt die Störung, ich hatte einen Albtraum und Dechesty meinte, ich solle ihn euch erzählen."
"Da bin ich aber gespannt. Setz dich." Er wies auf den Stuhl vor seinem Tisch. Akira setzte sich und begann zu erzählen. Als sie fertig war, musterte Merlin sie besorgt. In Akiras Magen machte sich ein mulmiges Gefühl breit. "Was ist?"
"Dechesty könnte Recht haben."
"Ihr meint, es war eine Voraussicht?"
"Ich sagte "es könnte". Aber wenn es so wäre, solltest du dir überlegen, ob du trotzdem noch losziehen möchtest."
"Aber natürlich."
"Oh, so natürlich finde ich das gar nicht. Denn wenn das wirklich eine Voraussicht war, dann hast du deinen Tod vorausgesehen."
Akira dachte eine Weile nach. Es stimmte, sie hatte ihren Tod gesehen, denn es war unwahrscheinlich, dass sie den Sturz aus mehren hundert Metern überlebt hatte. Auch Dechesty hatte sie nicht auffangen können, denn der war ja mit dem Schattengreif beschäftigt. 
Wenn sie nicht gehen würde, würde ihr Traum wahrscheinlich nicht eintreffen, aber damit würde sie den Tod nur aufschieben.
"Ich werde trotzdem gehen. Wenn ich hier bleiben würde, würde ich den Tod nur vor mir herschieben. Denn sterben müssen wir alle, ob heute oder in 50 Jahren. Ist es da nicht egal, wann?"
Merlin sah sie schweigend an. Dann sagte er: "Du bist mutig und vermutlich hast du recht." Er nickte. "Ja, ich habe nichts anderes von dir erwartet. Hast du deine Sachen schon gepackt?"
Akira nickte.
"Gut, dann solltest du jetzt wieder ins Bett gehen, du hast morgen einen anstrengenden Tag vor dir."
Akira erhob sich und ging zur Tür. Sie wollte den Raum gerade verlassen, als Merlin sie noch einmal zurück hielt: "Erzähl am besten deinen beiden Freundinnen nichts von dem Traum, es würde sie nur beunruhigen."
Akira nickte erneut.
"Wann wollt ihr aufbrechen?"
"Dechesty meinte, noch vor dem Morgengrauen, und ich stimme ihm zu."
"Ist gut. Ich werde da sein. Gute Nacht."
"Dann solltet ihr auch noch ein wenig schlafen, Meister. Gute Nacht!" Damit lief sie zurück in ihr Zimmer, kroch ins Bett und war kurz darauf wieder eingeschlafen.
 
© Dragonmaid
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Sicher schon bald geht's hier weiter zum 5. Kapitel...

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