Diese Geschichte ist ab 2005 am Drachentaler Wettbewerb leider nicht mehr teilnahmeberechtigt,
da sie in den vorherigen Jahren zu wenig Punkte erhalten hat.
 
Der kleine Drache Shelaby von Nicole Schierenberg

Vor vielen Jahren gab es einmal einen großen Drachenkrieg, fast alle Drachen kamen damals um, nur ein kleiner Drache namens Shelaby überlebte.
Sie hatte den großen Drachenkrieg überlebt, weil ihr Vater sie noch rechtzeitig in einer Höhle in Sicherheit bringen konnte. 
Jedoch waren Shelabys Erinnerungen an die Vergangenheit und an ihre Eltern ganz schwach, denn der Drachenkrieg war bereits seit Jahren vorüber. 

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Nach so vielen Jahren beschloss Shelaby nun endlich ihre Höhle zu verlassen, um in die große weite Welt zu tapsen. 
Als erstes traf Shelaby eine kleine Ameise auf ihren Weg. 
"Huch, du bist aber winzig. Da muß man ja aufpassen, dass man dich nicht zertritt", sagte Shelaby. 
"Hey du, ich bin vielleicht winzig, dafür aber ganz stark. Ich kann das zehnfache meines eigenen Gewichte tragen. Das kannst du nicht", schimpfte die kleine Ameise, die wütend war, dass alle sie nur nach ihrer Größe beurteilten. 
"Oh, das kann ich doch auch. Ich kann sogar das hundertfache deines Gewichtes tragen", rief Shelaby stolz.
"Ach kleiner Drache, du mußt noch eine ganze Menge lernen. 
So ich muss jetzt weiter gehen, sonst schaff ich meine Arbeit nicht."
Und schon war die kleine Ameise verschwunden.
Shelaby stand ganz verwirrt da und verstand die Worte der kleinen Ameise nicht.
"Ich kann doch das hundertfache ihres Gewichtes tragen."
Kopfschüttelnd setzte Shelaby ihren Weg in die große weite Welt fort und schon bald vergaß sie die Worte der kleinen Ameise.
Unser kleiner Drache fand sich nun bald am Fuße des Berges wieder, in einem wundervollen Tal wo alles grünte und blühte. Shelaby stürzte sich sofort in das hohe Gras und spielte mit einem kleinen Schmetterling fangen. Allerdings war dieser viel zu schnell für klein Shelaby.
"Hey warte doch mal", rief Shelaby völlig außer Puste. "Warum fliegst du denn immer davon? Ich will doch nur mit dir spielen."
"Spielen?", schrie der Schmetterling verächtlich. "Fangen willst du mich und in ein Glas sperren. Außerdem wer bist du überhaupt? Ich hab dich hier noch nie gesehen."
Shelaby stand ganz verdutzt da und verstand das Misstrauen  des kleinen Schmetterlings nicht.
"Ich heiße Shelaby und will in die große weite Welt. Aber wieso sollte ich dich fangen wollen? Ich will doch nur mit dir spielen, weil du so schön bist!"
"Ach Shelaby, kleiner Drache, du mußt noch eine Menge lernen. Schönheit ist in dieser Welt ein Laster, die Menschen wollen dich fangen deswegen. Außerdem darfst du keine Kreatur nach ihren Äußerlichkeiten beurteilen. Nimm mich zum Beispiel,  ich war früher eine kleine hässliche Raupe und glaub mir, das Leben war früher leichter für mich." 
Nach diesen Worten verschwand er kleine Schmetterling und Shelaby verstand die Worte wieder nicht.
"Es ist doch toll, schön zu sein, man wird bewundert und alle lieben einen. Außerdem glaube ich nicht, dass so eine Schönheit mal so etwas Hässliches gewesen sein soll."
Shelaby dachte auch nicht weiter darüber nach und setzte ihren Weg in die große weite Welt fort. Nach einer Weile war Shelaby bei einem Menschendorf angelangt.
Naiv wie der kleine Drache war, rannte er auch gleich fröhlich munter drauf zu.

Ein kleines Mädchen fand Shelaby als erstes.
"Wer bist du denn?", fragte das Mädchen.
"Ich bin Shelaby, der kleine Drache. Und Du?"
"Ich heiße Chantal, bin 8 Jahre alt und wohne in diesem Dorf", gab Chantal liebevoll zur Antwort. "Willst Du mit mir nach Hause kommen? Ich find dich so niedlich!"
"Mmmh, na gut. Warum eigentlich nicht?", antwortete Shelaby schnell, zu schnell, sie hätte lieber an die Worte des Schmetterlings denken sollen... 

Shelaby führte ein wundervolles Leben in dem Dorf. Alle Menschen liebten und verehrten sie. Eigentlich könnte Shelaby jetzt bis zu ihrem Lebensende glücklich sein und die Geschichte enden, aber dann passierte Schreckliches.
Nach ungefähr einem Jahr häuften sich die Unglücksfälle in dem Dorf. Es gab Missernten, Krankheiten und eine große Hungersnot. Doch das alles hätte die Liebe der Dorfbewohner zu Shelaby nicht zerstören können. Doch was dann geschah war etwas, was Shelabys Leben eine harte Wendung geben sollte.
Chantal, bei der Shelaby noch immer lebte, hatte einen schweren Unfall und starb dabei.
Die Dorfbewohner trauerten sehr um diesen Verlust. Sie gaben Shelaby die Schuld an dem Tod von Chantal und jagten sie mit Fackeln aus dem Dorf. Denn für sie war Shelaby jetzt ein Drache der Unglück bringt.
Nach einer zweistündigen Jagd ließen die Dorfbewohner endlich von Shelaby ab und drohten ihr, dass sie nie wieder zurückkehren sollte, denn sonst würde man auch sie töten und sie wegen ihrer Schönheit ausstellen.
Shelaby saß nun ganz verängstigt hinter einem großen Stein und versuchte ihre Gedanken zu ordnen.
"Warum nur hassen sie mich so?
Ich habe ihnen doch nichts getan.
Ich liebte Chantal doch auch.
Wäre ich doch bloß in meiner Höhle geblieben."
"Ich habe dein Gespräch mitbekommen", antwortete eine schwarze Katze, die plötzlich hinter dem Stein hervor kam.
"Wer bist du?" Shelaby erschrak fürchterlich, denn sie wollte niemanden mehr sehen.
"Beruhige dich, ich will dir nichts böses. Übrigens heiß ich Shiana, verzeih, dass ich mich nicht gleich vorstellte."
"Wenn du mir nichts böses will, was willst du dann von mir?" fragte Shelaby noch immer verängstigt.
"Ich möchte dir nur die Menschen etwas näher erklären", antwortete Shiana und leckte sich die Pfote. "Paß auf, auch ich lebte einmal in dem Dorf und wurde wie du vertrieben. Die Menschen sind schon eigenartige Wesen Weißt du, auch bei mir häuften sich plötzlich die Unglücksfälle und auch ich wurde dafür zur Rechenschaft gezogen. Folgendes: die Menschen wollen für ihre Schicksalsschläge jemanden verantwortlich machen. Menschen sind abergläubisch, sie machen diejenigen für die Schicksalsschläge verantwortlich, die anders sind als sie. Die Schuld bei sich zu suchen ist ihnen fremd."
"Aber warum tun sie das?", fragte Shelaby unsicher.
"Was weiß ich. Es sind halt nur Menschen", antwortete Shiana resigniert. "Aber wie auch immer. Du mußt deinen Weg selbst machen", sagte Shiana, streckte sich noch einmal und schritt dann majestätisch davon.
Grübelnd saß Shelaby noch ganze zwei Tage hinter ihrem Stein.
"Ja ich muß meinen Weg selbst machen und ich werde meine Reise fortsetzen. Schließlich will ich die große weite Welt sehen", sagte Shelaby überzeugend zu sich selbst und setzte ihre Reise fort.

Mehrere Monate durchreiste Shelaby nun das Land. Lebte mal hier und mal dort, war aber immer erpicht darauf nie länger bei ein und derselben Person zu bleiben. Doch diese unbeschwerte Lebensweise sollte einen Hacken für Shelaby haben. Durch ihre unbeschwerte Reise wurden machtgierige Menschen auf sie aufmerksam. Mehrere Aussteller hatten sogar bereits eine hohe Fangprämie auf sie ausgesetzt, schließlich war sie die letzte ihrer Art.
Shelaby kriegte von all dem nichts mit, sie lebte ihr Leben weiterhin frei fort. Sie liebte es frei und unabhängig zu sein. Doch dann geschah, was geschehen musste. Ein Zirkusdirektor namens Mortis fing sie in einem unkonzentrierten Augenblick ein.
"Du wirst mich reich machen meine Kleine", sprach Mortis verhöhnend .
"Aber warum? Ich will doch nur die große weite Welt sehen!", schrie Shelaby in ihrer Verzweiflung.
"Wenn du aber frei herumläufst, dann werde ich nicht reich durch dich. Du willst die große weite Welt sehen? Jetzt hast du die Gelegenheit dazu", sagte Mortis mit einem verächtlichen Unterton.
Ja das stimmt, Shelaby wollte die große weite Welt sehen, aber nicht hinter Gitterstäben.

Die Monate zogen ins Land und langsam fielen die Blätter von den Bäumen. Mortis machte ein großes Geschäft mit Shelaby, denn jeder wollte den letzten überlebenden Drachen sehen.
Doch Mortis interessierte sich nicht für Shelaby persönlich, ihn faszinierte nur der Gewinn und er wollte noch mehr davon machen.
Shelaby selbst wurde immer verbitterter und härter. Ihr Herz gefror langsam zu Eis und sie verlor jeglichen Respekt und jegliches Vertrauen zu den Menschen. Sie war nur noch die große Attraktion im Zirkus Mortis.

Viele Menschen fühlten sich zur großen Attraktion hingezogen, auch ein Ehepaar namens Bianca und Theo. Auch sie interessierten sich für Shelaby, allerdings aus einem anderen Grund.
In einer Nacht, als Mortis bereits beruhigt schlief, schlichen sich Bianca und Theo zu Shelaby. Sie hatten noch jemanden mitgebracht. Einen alten Verwandten von Shelaby, jemanden den sie längst für tot erklärt hatte und den sie schon lange vergessen hatte.
"Shelaby wach auf, wir wollen dich retten und dir deine Freiheit zurückgeben."
Shelaby, die nur noch Bitterkeit im Herzen besaß, wollte die beiden schon verjagen, doch plötzlich erblickte sie zwei liebevolle Augen, die ihr schon einmal das Leben retteten. 
Es waren die liebevollen Augen ihres Vaters.
"Shelaby meine Liebe, diese zwei Menschen nahmen mich und noch ein paar andere Drachen nach dem großen Krieg bei sich auf. Komm mit uns, du wirst sehen, nirgendwo sonnst kannst du glücklicher Leben. Du wolltest die große weite Welt sehen und nun sieh was aus dir geworden ist", sprach Shelabys Vater liebevoll zu ihr. 
So liebevoll wie noch nie jemand mit Shelaby gesprochen hatte.
"Aber Vater, wie soll ich wissen, dass mich diese zwei nicht auch verraten und verkaufen, dass sie mich nicht fortjagen?", zweifelte Shelaby an.
"Mein liebes Kind, eine Gewissheit kann ich dir nicht geben, aber nimm dir ein Beispiel an der Hummel. Nach menschlichen Berechnungen kann die Hummel gar nicht fliegen. Ihre Flügel sind zu klein und ihr Körper zu schwer. Doch die Hummel interessiert das nicht, sie fliegt einfach. Halte du es genauso mit deinem Vertrauen, gehe nicht nach deinem Verstand, vertraue einfach."
Diese Worte rührten Shelaby sehr und die Bitterkeit in ihrem Herzen verschwand.

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Shelaby, ein kleiner Drache der auszog, um die große weite Welt zu sehen, fand nun das, was er immer suchte: eine Heimat und verständnisvolle, liebende Herzen.
 

© Nicole Schierenberg
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