Sieben gegen Sieben von Itariss
Kapitel 6: Revol Taron

Crazen war bedrückt. Alle hatten ihn als Idioten betrachtet, als er sie vor dem drohenden Unwetter gewarnt hatte. Keiner nahm ihn auch nur annähernd für voll. Natürlich, seine bisherigen Prognosen waren nichts als Scharlatanerie gewesen, doch das war nun vorbei. Seine Instrumente besagten alle das gleiche: Gewitter. Ein riesiges Gewitter.
Früher hatte Crazen spaßeshalber irgendwelche Sprüche über das Wetter gelassen, wie es keinesfalls eingetroffen war, um auf sich aufmerksam zu machen. Es war folglich kein Wunder, dass ihm das nun keiner abnehmen wollte, und ihm war klar, dass alle seine Warnungen in den Wind schlugen, denn er war bekannt für seine schlechten Wettervorhersagen. Aber er musste sie warnen, schließlich würden sie alle untergehen, wenn sie nicht flöhen, denn im Kmihon-Gebirge lag ein großer dunkler See, der Donnersee. Sobald seine Ränder überfüllt sind, würde das überschüssige Wasser in einem gewaltigen Strom in die Talmulde von Revol Taron hinabschnellen. Dort würden die Wassermengen durch bloßes Regnen schon Hochwasser, bei dem sommerlich trockenen Boden, verursacht haben. Nirgendwohin würde das Wasser abfließen können, denn die eigens für stärkere Regenfälle konstruierte Abflussrinne aus Holz, die vom Donnersee aus durch den Cios führte, würde diesen Massen nicht standhalten können.
Von der Vorstellung, die ganze Diebesstadt unter Wasser stehen zu sehen, geplagt, goss sich Crazen den restlichen Inhalt seines sechzehnten Grogs vollends in den Rachen. Er wollte es vergessen, als einer von ihnen sterben.

* * *

Die Nacht war vorbei und ein neuer heißer Tag bahnte sich an. Der wolkenlose Himmel flimmerte in der vom Boden aufsteigenden Hitze des frühen Morgens. Dran, Wirt der Taverne "Zum räudigen Hund", sammelte die Krüge, Becher und Flaschen der Besucher des vergangenen Tages ein. Crazen, über seinem zwanzigsten Grog eingeschlafen, saß immer noch an einem von Drans Tavernentischen.
"Nicht schon wieder, Scroll! Das ist das vierte Mal diese Woche, und die hat erst drei Tage!", meinte Dran mürrisch und packte den Doppelklingenkämpfer an seinem blonden Lockenschopf, um ihn ins Freie zu ziehen.

* * *

Freygos Lei war überglücklich. Er glaubte, Wai Lonn, sein Zimmermitbewohner, habe sich in seine, wie er meinte, bildhübsche Tochter Risa verliebt. Zwar hatte der dies nicht eindeutig zugegeben, aber soviel meinte Freygos aus dem Gespräch Lonns mit Nimbun herausgehört zu haben. Für Freygos war es selbstverständlich, dass der General mit dem "verliebt sein" nur seine Tochter gemeint haben konnte. Lange schon hatte er über die Hochzeit der Beiden spekuliert und nun fühlte er diesen Tag herannahen. Was er nicht wusste war, dass Lonn an jemand völlig anderen gedacht hatte, als an Risa.
Zur selben Zeit war diese auf dem Weg zum Marktplatz. Sie bot eine ziemlich seltsame Erscheinung. Ihr langes und weites Leinengewand mit eingerissenen Trompetenärmeln, das überdies an Risas dürrem Körper schlapperte, sah aus, als hätte es noch nie in seinem ganzen Leben Wasser gesehen, oder als sei es auch nur einmal mit dem Waschbrett in Berührung gekommen. Risa machte sich nichts daraus. Seit dem Tode ihrer Mutter Jira wohnte sie meist allein in dem Haus ihres Vaters, denn der zog es vor, in der Kaserne zu nächtigen. Sie war für den ganzen Haushalt alleine verantwortlich, was ihr aber trotz ihrer beachtlichen sechsundzwanzig Jahre nicht vorbildlich gelang. Man sollte eher sagen, sie bemühte sich nicht darum, kümmerte sich nur um das tägliche leibliche Wohl der zweiköpfigen Familie. Der ganze große Rest war ihr so ziemlich gleichgültig, wenn es sich nicht um Wai Lonn handelte.
Sie meinte wohl, sie könnte dem General mit ihren fettigen zerzausten Haaren, den abstehenden Ohren, der großen Hakennase, den kleinen wasserblauen Augen und ihrem egoistischen, arroganten und exzentrischen Charakter auf irgendeine Weise imponieren. Bei allen Bewohnern Revol Tarons hatte sie sich überdies mit verschiedenen Aktionen unbeliebt gemacht. Sei es das spitzzüngige Geschnatter, das sie über jeden verlor, ihre ausgeprägte Selbstgefälligkeit, ihr hochnäsiges Auftreten oder ihre ständige Intoleranz gegenüber allem und jedem.
Sie war von sich selbst überzeugt, hielt sich für die beste, schönste und beliebteste Person des Erdballs. Nun gab es allerdings nur eine einzige Person, die diese Meinung mit ihr teilte: Freygos Lei, ihr Vater. Alles hatte sie von ihrem Vater bekommen, was sie sich auch immer gewünscht hatte. In ihrer Verwöhntheit kam sie nicht umhin, Lonn als ihr festes Eigentum zu betrachten, obwohl sie lediglich seine Verehrerin war und eigentlich keinerlei Ansprüche auf ihn stellen konnte.
Risa Lei - keine andere Frau in Revol Taron war abschreckender, verhasster und eingebildeter.
Hocherhobenen Hauptes und mit einem verzerrten, selbstverliebten Grinsen stakste sie zum Gemüsestand. Plötzlich fuhr sie herum, weil sie glaubte, die Stimme Wai Lonns vernommen zu haben. Sofort erspähten ihre geübten hellblauen Augen den schwarzhaarigen General. Doch er war nicht alleine, zwei Leute, ein junger Mann und ein Mädchen, standen bei ihm.
Ein hübsches Mädchen, sechzehn Jahre alt, mit rotbraunen Haaren und Augen und in eine leinene Tunika und eine hellbraune Lederhose gekleidet. In Risa stieg eine gewaltige Eifersucht auf. Ihr schien es so, als wolle das Mädchen ihr Wai Lonn ausspannen (wobei sie ihn in Wirklichkeit nicht einmal "eingespannt" hatte).
Hochrot vor Wut auf das Mädchen ging sie auf das Grüppchen im Marktgewühl zu. Dieses Miststück würde sie kennen lernen.

* * *

"Dann bist du jetzt unser offizieller Vormund, Wai?" Imogen lächelte freudig.
Der General nickte.
Auf einmal beschlich ihn ein seltsames Gefühl. Unruhig spähte er um sich. Seine Vorahnung erwies sich als bestätigt. Ärger, getarnt mit dem Namen Risa, war im Anmarsch. Kaum hatte besagte Person die Gruppe erreicht, funkelte sie Imogen böse an, holte Luft und begann wild Draufloszuschnattern.
"Was fällt dir ein, du mieses kleines Luder, du Schlange, falsche gallespeichelnde Drachenechse, du hirnlose Wargbestie, miese Aufschneiderin, hässliches aufgetakeltes geiles Flittchen, verfluchter Lüstling. Wie kannst du es wagen, dich meinem Liebsten mit deiner Falschheit und Widerlichkeit auch nur zu nähern, geschweige in anzusehen, ihm zuzulächeln? Ich bin die Alleinige, der es gewährt ist, weil er mir, mir gehört. Also verschwinde und lass ihn und mich zufrieden. Und überhaupt, du siehst furchtbar hässlich und ungepflegt aus, mit diesem furchtbaren Gewand und diesem grässlichen, nicht typisch weiblichen Pferdeschwanz. Warum trägst du überhaupt Hosen, Mannweib? Reicht dir außerdem dieser Typ neben dir nicht schon aus, musst du auch noch versuchen, mir mein süßes Wai-Mäuschen wegzunehmen?"
Imogen war vollkommen verwirrt.
"Wieso... aber... welcher Typ? Wieso "ausreichen" und was soll ich getan haben?"
"Stell dich nicht so unwissend. Du weißt ganz genau, was ich meine. Du sollst ihn in Ruhe lassen, abzwitschern, die Fliege machen, die Kurve kratzen oder schlicht und einfach abhauen, wie auch immer, verstanden? Kapiert?"
Imogen sah Hilfe suchend zu Riyonn und Wai Lonn.
"Was soll das Risa? Was hat sie dir getan und vor allen Dingen, was habe ich dir getan, dass du uns hier belästigst, und mich das zudem ständig?", warf Wai ein, um Imogen zur Seite zu stehen. 
Riyonn stand einfach da und versuchte, das Puzzle zusammenzufügen, das sich aus den Bruchstücken Risas Geschnatter ergab.
"Ich... dich belästigen,... was? Wieso verteidigst du die alte tattrige Schnepfe, diesen gierigen Aasgeier auch noch? Merkst du nicht, was sie von dir fordert? Ach, sie hat dich schon um ihren kleinen Finger gewickelt. Aber das lasse ich nicht auf mir sitzen. Diese..."
"Lass doch endlich meinen Liebling zufrieden, Risa!" Wai Lonn schaute Risa tief in die Augen.
"Dein... dein Liebling? Bin ich dir nicht gut genug? Du... du eingebildeter, fieser, gemeiner, egoistischer...!" In Risas Augen sammelten sich Tränen. Dann brach sie aus, begann laut und fürchterlich zu heulen, während sie davonlief.
"Dein Liebling?", fragte Riyonn den General irritiert.
Lonn wich Riyonns Blick aus.
"Das war doch nur ein Trick!"
"Aber sicher doch." Riyonn konnte sich ein Lachen nicht verkneifen.
"Ja doch.", bestätigte Wai mit hochrotem Kopf. Unterdessen war Imogen ebenfalls knallrot angelaufen.
"Es war nur ein Trick! Wenigstens bin ich Risa endlich los", versuchte Wai Riyonns Gelächter zu übertönen.
"Ihr seid solche Kindsköpfe", seufzte Imogen, wieder mit natürlicher Gesichtsfarbe.
"Aber nein, Liebling", entgegnete Riyonn mit schallendem Gelächter. Wai schnaubte gereizt in Riyonns Richtung.
"Halt deinen Mund! Es wäre besser für deine Gesundheit, das zu tun."
Daraufhin brach Riyonn seinen Lachschwall abrupt ab.
"Wie wär’s zurück zum vorherigen Thema?", wandte sich Imogen an Wai und unterbrach somit schnell den drohenden Streit. "Wirst du als unser Vormund jetzt in Zorans Haus einziehen?"
"Darüber habe ich nicht nachgedacht.", gab Lonn zur Antwort.
"Weiterhin in der Kaserne zu wohnen würde ich dir jedenfalls abraten.", meinte Riyonn grinsend.
"Wieso das?"
Riyonn räusperte sich und grinste immer noch verholen. "Risas liebster Papi teilt doch das Zimmer mit dir, und ich schätze ihn nicht sonderlich beglückt über das, was du seinem Töchterchen eben angetan hast." 
Das einsehend, entschloss sich Wai zum Umzug in Zorans Haus und nickte seufzend.

Wai und Riyonn hatten beschlossen, sich um Ninelives zu kümmern, während Imogen auf dem Markt die Einkäufe erledigen sollte.
Plötzlich stieß Imogen in einem unachtsamen Moment von hinten an einen rüstungsbekleideten Mann.
"Oh, verzeiht... ich", begann sie sofort sich zu entschuldigen, doch der Mann drehte sich zu ihr um und winkte lächelnd ab.
"Schon in Ordnung, Kleines."
Er hatte hellblonde, fast weißliche Haare, die ihm leicht gewellt fast bis zu den Schultern reichten, hellblaue strahlende Augen, haselnussbraune Haut, besaß auf der Nase sogar einzelne Sommersprossen, war recht groß und kräftig und grinste wie ein Sunnyboy. Imogen merkte, wie ihr heiß und kalt wurde, und ihr Körper auf einmal begann zu kribbeln.
"Ist etwas?"
"Wie?" Imogen schreckte hoch. "Oh nein, gar nicht."
"Ich dachte nur, weil du mich so angestarrt hast. Aber das macht eigentlich zurzeit jeder. Weißt du, sie halten mich für verrückt, nicht mehr ganz dicht und so." Er lächelte ein wenig beschämt und zog mit seinem Fuß nervös Kreise in den trockenen Boden.
"Stimmt das denn?", fragte Imogen nun interessiert.
"Nein, natürlich nicht! Sie wollen mir nur nicht glauben. Na schön, ich habe bisher immer irgendeinen Dreck verzapft, aber ich versichere dir hoch und heilig, dass es diesmal die Wahrheit ist. Ich würde mein Leben darum verwetten. Es geht schließlich um Leben und Tod."
"Um was dreht es sich genau?"
Der Mann verzog die hellen Augenbrauen.
"Das weißt du nicht? Ich dachte, das spräche sich schon in der gesamten Stadt herum. Frage: wenn du mich so ansiehst, hältst du mich da für verrückt?"
"Nein."
"Also. Das ganze bisher diente nur um Aufmerksamkeit zu erregen. Doch diesmal ist es die Realität."
"Was?"
"Das Unwetter natürlich, Ragnarök."
Imogens Gesicht erhellte sich.
"Ach so, dann seid Ihr Crazen Scroll?"
"Äh... ja. Sag bloß, das wusstest du nicht!"
"N-nein, ich wusste es nicht. Ich habe Euch vorher noch nie gesehen, oder zumindest nicht bewusst."
Crazen kratzte sich hinter seinem Ohr.
"Solls geben."
Beide schwiegen eine Weile und starrten aneinander vorbei in die Gegend.
"Du bist Zorans Kleine, oder?", fragte Crazen schließlich.
"Ja."
Plötzlich trat ein hoch gewachsener Mann zwischen Imogen und Crazen. Seine mittelbraunen Haare reichten ihm bis zum Brustbein und waren links und rechts von seinem Gesicht in kleinen Zöpfchen nach hinten geflochten und am Hinterkopf zusammengebunden. Er machte einen fröhlichen Eindruck und seine tiefgrünen Augen schienen schier vor Vitalität und Energie zu sprühen.
"Tagchen, Scroll!", grüßte er freundlich und salutierte vor dem Doppelklingenkämpfer Crazen, drehte sich dann zu Imogen und grinste verschmitzt.
"Schönen Tag auch, Süße!"
Crazen stocherte nervös mit dem Fuß im Boden.
"Was los, Jersey?"
"Ah, störe ich dich? Weiß sie denn, mit was für einem Idioten sie sich unterhalten hat? Oder bist du inzwischen wieder vernünftig geworden?"
"Ich bin die ganze Zeit über vernünftig gewesen, Kaimasu!"
Jersey lachte auf.
"Verkauf wen anders für dumm, bei mir kommst du nicht durch mit so einer... wie auch immer... Geschichte. Na denn, wiedersehen."
Crazen zwang sich zu einem höflichen Lächeln.
"-sehn!"
Völlig irritiert sah Imogen von einem zum anderen.
"Warum glaubt Ihr ihm denn nicht?"
"Süße, der erzählt doch andauernd einen solchen Schrott. Man kann ihm nicht mehr glauben. Und wenn du das begriffen hast, wie wär’s, vielleicht können wir uns ja einmal treffen? Ich bin immer offen für so niedliche Mädels wie dich. Ade, Süße!"
Damit strich er Imogen kurz über die Wange und machte sich davon, ehe es ihr einfiel zu protestieren. Crazen zuckte mit den Schultern und verschwand ebenfalls im Marktgedränge, nachdem er Imogen zum Abschied gewunken hatte.
Imogen blieb rührungslos an Ort und Stelle stehen und versuchte herauszufinden, was mit ihr los war. Ihr war es, als flögen tausende Schmetterlinge in ihrem Bauch, ein Gefühl, wie sie es noch nie verspürt hatte. Ein einziger Name schwirrte ihr noch mit Höchstgeschwindigkeit durch den Kopf: Crazen.

* * *

"Schönes Tier.", meinte Riyonn und strich dem Rappen Ninelives über die Nüstern. Wai lächelte stolz.
"Er ist von meinem Vater und wurde hier gezüchtet. Er ist ein reinrassiger Revolaner aus der dritten Generation."
Er klopfte dem Tier den Hals und ging aus dem Stall, gefolgt von Riyonn.
"Ich gehe jetzt nach hause, du wirst dann ja bald mit deinem Eigentum nachkommen.", erklärte Riyonn und schlug in langsamem Gang den Weg Richtung Zorans Haus ein.
Wai hingegen eilte sich, er wollte schnellstens in der Kaserne angelangen, sich dort abmelden, sein Eigentum zusammensammeln, um, bevor Risas Vater Freygos Lei ihn auch nur im Entferntesten auf die Sache vom Marktplatz ansprechen konnte, wieder verschwunden zu sein.
Doch auf einmal stellte sich ihm Crazen in den Weg, das heißt, er versuchte den General mit Händen und Füßen stoppen.
"Scroll, was fällt Euch ein!", empörte sich Wai, aber Crazen unterbrach ihn.
"Sagt ihnen, dass sie mir glauben müssen! Bitte sagt ihnen das!"
"Ihr wisst so gut wie ich, dass sie das nicht werden. Ich tue es auch nicht."
Crazen starrte verzweifelt in Lonns schwarze Augen.
"Aber..."
"Crazen Scroll, auch wenn wir früher einmal befreundet gewesen waren und ich Euch darum helfen würde: keiner denkt auch nur daran, Euren Prognosen zu glauben, selbst wenn Ihr die ganze Stadt bestechen würdet. Eure bisherigen Vorraussagen waren reinster Schund."
"Die bisherigen vielleicht.", meinte Crazen mit einem aufgeregten Zittern in der Stimme. "General Lonn, ich flehe Euch an! Versucht wenigstens mir zu glauben. Alle meine Berechnungen erzielen dasselbe: Unwetter. Ich kann keine Macht mehr aufbringen, um diese verdammte Stadt vor dieser Katastrophe zu bewahren. Saht ihr das tägliche Morgenrot? Es ist seit jeher ein Schlechtwetterbote."
Wai sah entnervt Richtung Horizont.
"Schön, vielleicht war das seit jeher der Fall, doch ich frage mich, wieso gleich in solchen Ausmaßen, Scroll? Lasst Euch etwas Besseres einfallen, aber was Ihr da von Euch gebt, ist Schwachsinn. Jedes Mal, wenn Ihr irgendwelche Prognosen zum Wetter von Euch gabt, meintet Ihr, alle Eure Instrumente schlügen aus. Man kann Euch nicht mehr glauben, Crazen!"
Crazens Augen wurden rot, einige Tränen sammelten sich an.
"General Lonn, Wai, dieses Mal ist es kein Scherz, dieses Mal ist es nicht gelogen. Es ist die Wahrheit und nichts als die Wahrheit!"
Lonn schüttelte lachend den Kopf.
"Jedes Mal, wenn man Euch das abnahm, war es wieder nichts als ein Flop!"
"Ich weiß, niemand will mir mehr glauben. Doch das Unwetter, es naht. Ich nenne es Ragnarök, weil durch es die ganze Stadt überschwemmt und somit vernichtetet werden wird."
Lonn sah mitleidig auf Crazen.
"Ragnarök. Ich wette Ihr verbrachtet wieder einmal die ganze Nacht in der Taverne. Ist ja nicht schlecht, dass Dran einen so treuen Kunden in Euch hat, aber versucht nüchtern zu sein, wenn Ihr Leute ansprecht."
"Ich bin nüchtern! Meinen Rausch habe ich gestern Nacht schon ausgeschlafen." Crazen zerrte an Wais Tunika. "Ragnarök wird kommen, ihr werdet alle untergehen!" Damit ging er Lonn aus dem Weg und ließ den General seinen Weg fortsetzen.
"Bitte glaubt mir!", schluchzte Crazen im Stillen.

Verrückter Spinner, dachte Wai im Weitergehen.
Bald erreichte er die Kaserne. Die Wächter vor der Eingangspforte in den steinmauernumringten Innenhof blickten Wai Lonn grinsend an.
"Heil Euch, General!", grüßte einer der Wächter. "An Eurer Stelle würde ich Sprengmeister Lei aus dem Weg gehen. Ach ja, General Nimbun erwartet Euch in der Taverne, er meinte, ihr müsstet euch über Euren Liebling unterhalten."
Ein kurzes Kichern wich über die Lippen der beiden Wachen, bevor sie den erbosten Blick Wais auf sich spürten. Es konnte ja nicht geheim bleiben, hielt sich der General innerlich vor. Sobald es um Risa und ihn ging wusste innerhalb weniger Minuten die halbe Stadt und in allen Fällen die ganze Kaserne davon. Alle mussten nun wohl annehmen, dass er in Imogen verliebt war.
Obwohl sie da nicht unbedingt so sehr falsch lagen, hatte Lonn sich fest vorgenommen, alles abzustreiten. Es wäre besser so. Manchmal meinte er, eine der berühmtesten Personen der Stadt zu sein, was ihn aber nicht wirklich erfreute. Inzwischen war der Vorfall auf dem Marktplatz garantiert Stadtgespräch Nummer eins.
Das schlechte an der Sache war aber, dass alle die Geschichte aus Risas Sicht erzählt bekamen. Da galt es doch einige Dinge klarzustellen. Was bildete sich diese Frau eigentlich ein? Was immer sie erzählt haben mochte, nun wussten sie davon. Wai Lonn spürte, wie Blut in seine Ohren floss. Die ganze Kaserne würde nun annehmen, er sei in Imogen verliebt. Bis auf Crazen vielleicht, den hielt Wai für viel zu blau. Auf einmal wurde Lonn aus den Gedanken gerissen.
"Hey, Lonn!"
Jersey Kaimasu, Ausbilder der angehenden Diebe, kam Wai Lonn entgegengelaufen, als dieser gerade den Gang zu seinem und Leis Zimmer entlang zog.
"Habt Ihr schon das Neueste gehört?"
Lonn seufzte.
"Nein, was denn?", meinte er sarkastisch.
"Irgend so ein General soll Risa abgewimmelt haben, weil er sich in Zorans Kleine verguckt hat. Süß, nicht?"
"Ja wirklich. Risa tut mir ja so schrecklich leid."
"Nicht dass sie nicht hübsch wäre, diese Imogen, sie ist sehr, sehr süß, sodass ich mich sogar für sie begeistern könnte, aber ich vermute, dass der Korb für Risa einige Probleme mit bestimmten Personen hervorrufen wird. Wie auch immer."
Jersey Kaimasu zwinkerte Lonn mit einem "jetzt aber ran an die süße Kleine"-Blick zu. Lonn lächelte ironisch.
Schnell zwängte er sich an Kaimasu vorbei den Gang weiter und verdrückte sich in sein Zimmer. Freygos war glücklicherweise gerade nicht da. Rasch suchte Wai sein Hab und Gut zusammen und verließ den Raum auch schon wieder. Mit hastigen Schritten, damit er Freygos Lei auch keinesfalls begegnete, lief er hinaus aus dem Schlafgebäude und durch die Pforte aus der Kaserne.
Im Vorbeigehen rief er den Wächtern zu, dass er nun bei seinen Mündeln in Zorans Haus wohnen werde.
Obwohl er nicht viel von einem Gespräch mit Nimbun hielt, suchte er danach die Taverne auf. Als er das Gebäude durch die alte knarrende Vordertür betreten hatte, starrten alle Anwesenden auf ihn. Nimbun winkte ihn von seinem Stammtisch aus her. Lonn folgte der Aufforderung mit drohendem Blick nach links und rechts zu den Leuten.
"Was hat sie euch erzählt!", begann Wai während er sich gegenüber seinem Kollegen setzte.
"Oh bitte, Lonn! Habt Ihr keinen Durst? Lasst uns auf Euren Erfolg anstoßen!"
"Welcher Erfolg?"
Sotal Nimbun betrachtete seinen halbleeren Bierhumpen.
"Na der über Risa. Nun Seid Ihr sie los."
"Ich habe keinen Durst, danke. Ist das das Einzige über das Ihr mit mir reden wolltet?"
Nimbun trank einen großen Schluck aus seinem Humpen und schlürfte begierig den Rest des Schaums vom Rand. "Nein, ist es nicht. Aber warum sagtet Ihr mir nicht gestern schon, dass es Zorans Kleine ist."
"Weil das eine völlig falsche Interpretation Risas ist. Ich wandte den ``Liebling´´ nur an, damit sie mich zufrieden lässt."
Nimbun sah grinsend von seinem Bier auf.
"Kann jeder behaupten. Selbst wenn es nicht Zorans Töchterchen ist, irgendeine ist es. Gestern habt Ihr das erwähnt."
Lonn kratzte sich nervös am Kopf und spürte wieder Blut in seine Ohren laufen.
"Da muss ich mich versprochen haben, oder Ihr Euch verhört."
"Ihr bekommt ja völlig rote Ohren. Kann es sein, dass unser General versucht zu flunkern?"
Sich zu empören versuchend stand Wai auf.
"Setzt Euch wieder, und nach einem erklärenden Gespräch gehen wir dann gemeinsam zur Kaserne zurück."
"Das hättet Ihr wohl gerne. Ich gehe sofort, aber nicht mehr zur Kaserne, ich wohne ab heute bei meinen Mündeln. Guten Tag auch."
Damit nahm Wai sein Gepäck, das er neben sich auf den Stuhl gelegt hatte, und kehrte der Taverne den Rücken.
Ich hasse diese Stadt, dachte er erbost über die letzten Gespräche. Irgendwann, wenn nicht gar bald, werde ich sie für alle Zeiten verlassen.
Mit zügigen Schritten marschierte Wai Lonn zu Zorans Haus. Wai wusste nicht wieso, aber die ganze Zeit über schwirrte das Wort Ragnarök in seinem Kopf umher. Was wäre, wenn Crazen ausnahmsweise Recht hatte? Aber der Gedanke an so ein riesiges Unwetter, wie es Crazen angekündigt hatte, schien dem General eher absurd. Kein einziges Wölkchen war seit Tagen am Himmel gesehen worden. Er konnte Scroll einfach nicht glauben, oder wollte er sich dazu nur nicht überwinden?

* * *

Kleiner, Junge, so langsam reichten Riyonn die ständigen Verniedlichungen und Verkleinerungen seiner selbst. Er war schließlich weder klein, noch hielt er sich für niedlich, mit sechzehn Jahren. 
Vor wenigen Tagen noch, und zwar vor seinem Treffen mit Don Diaven, hätte Riyonn all seine Wut, seinen Frust geschluckt, in sich angestaut. Er wusste nicht, was mit ihm vorging, doch nun konnte er seinen Ärger nicht mehr hinnehmen. Es wollte alles hinaus. Beherrsche dich, versuchte Riyonn sich unter Kontrolle zu halten. Sie war schon sehr seltsam, diese Wandlung, die tief in ihm vorging, dieser schwarze warme Strom, dieses innerliche Glühen...
Riyonn meinte sich kaum noch wieder zu erkennen. Wie schon bei seinem Kampf mit Don Diaven, fühlte er sich, als begann sich ein ihm einst verloren gewesener Teil seines Ichs wieder in ihm einzubauen.
Außerdem war ihm, als schwirrten tausende Fliegen in seinem Kopf herum. Über sein Nachdenken vergaß Riyonn seinen Ärger.
Mit einem Mal renkte sich ihm der Traum von Noreel ins Bewusstsein. Auserwählter, auserwählt, gegen die Lich zu kämpfen. Die Gräber zu finden. Doch wie sollte er das anstellen? Taron nochmals zu fragen wäre irrsinnig, denn der würde ihn nicht einmal mehr zu sich vorlassen.
Plötzlich kam Riyonn ein Gedanke. Don Diaven war der Dagora des Feuers gewesen, und zu der Zeit, in der Riyonns Begegnung mit dem Dämonen stattgefunden hatte, hatte es in Teras Andum gebrannt - also wieder Feuer. War es dann abwegig, zu denken, dass die anderen Dagoras auf ähnliche Art und Weise Riyonn kontaktieren wollten? Aber was wäre wenn? Wer wäre nun an der Reihe?
Riyonn schrak auf. Das Unwetter! Hastig lief er zum Schrank seines Vaters, wo er rasch den Brief Gerjyho-Zuras herausnahm. Seine Augen überflogen die Zeilen des Briefs, bis er an der Aufzählung aller zehn Dagoras angelangte.
Wasser - Kil`Yaeden, der nächste Dagora war tatsächlich der Gebieter des Wassers. Crazen Scrolls Prognose war nicht erfunden. Unschlüssig, was er jetzt tun sollte, sank Riyonn auf den hölzernen Boden. Er musste die Stadt warnen, sie retten, die Leute in Sicherheit bringen. Doch wie?
Plötzlich schlug ein Geistesblitz in seinen verzweifelten Kopf ein. Wai Lonn! Mit aufgehelltem Gesicht stürzte Riyonn zur Tür hinaus – und prallte somit direkt auf den überraschten General.
"Riyonn!?"
Wai sammelte sein verstreutes Hab und Gut zusammen und streifte sich den Straßenstaub von der Tunika.
"Wai, du musst mir zuhören! Das Unwetter, von dem Crazen Scroll andauernd erzählt..."
"Hat er mit Ragnarök getauft, ich weiß. Erstaunlich, für einen einzelnen Mann, so schnell eine Nachricht in Umlauf zu setzen. Aber Unsinn verbreitet sich bekanntlich ja ziemlich schnell."
Riyonn schüttelte den Kopf.
"Das ist es nicht, was ich meine. Crazen hat Recht!"
Mit durchdringendem Blick starrte Riyonn Wai in die schwarzen Augen.
"Er kann dich nicht wirklich überzeugt haben, oder?", hakte Wai ungläubig nach.
"Wai, ich werde dir jetzt etwas berichten, aber dazu musst du schwören, alles zu glauben."
Der General nickte kurz.
"Also schön, ich schwöre."
"Gestern sind Imogen und ich, wie du weißt, erst im Laufe des späten Vormittags zu Bett gegangen. Während ich schlief, begegnete mir ein Wesen im Traum, das sich Noreel nannte, deshalb auch die Frage an Taron. Dieser Noreel nannte mich Auserwählter, und meinte, ich sei dafür auserwählt, gegen die Lich anzutreten. Doch nicht allein ich hatte von Noreel geträumt, auch Imogen konnte sich an ihn erinnern, als ich sie weckte. Einen einzigen Namen hatte Noreel mir genannt: Gerjyho-Zura. Imogen und ich wussten, dass Zoran erst neulich einen Brief von seinem Freund, der so hieß, bekommen hatte. Daraufhin durchsuchten wir Vaters Schrank, bis wir den Brief in einem Geheimfach entdeckten. Und was darin steht, lies selbst!"
Riyonn streckte Wai den Brief entgegen. Unentschlossen darüber, was er von der ganzen Geschichte halten sollte, las Wai den Brief durch.
"Nun?" Riyonn sah ihn fragend an.
"Schön und gut, hier steht nur nichts von irgendeinem Unwetter."
"Ich war auch noch nicht fertig mit meinem Bericht. Dieser Dämon namens Don Diaven, der in dem Brief erwähnt wird, ist doch der Gebieter des Feuers, nicht?"
Wai Lonn zuckte ahnungslos die Schultern.
"Möglich, dass er das ist."
"Bei unserem Raubzug gab es auch Feuer."
"Schon, aber was hat das mit Diaven zu tun?"
Riyonn verdrehte die Augen.
"Unterbrich mich bitte nicht. Zunächst einmal überhaupt nichts, für alle anderen, außer mir. Denn dieser Don Diaven kämpfte gegen mich, bis zu dem Zeitpunkt, an dem du und Imogen mich fandet. Doch er kämpfte eben nicht für alle Augen sichtbar mit mir, sondern an einem schwarzen Ort. Solange ich bei Diaven war, konnte mir das Feuer um mich nichts anhaben, was ihr ja bemerkt hattet. Nun ist der Dagora des Feuers der erste auf einer zehnköpfigen Liste, der zweite ist Kil`Yaeden, der Dagora des Wassers."
Wai Lonn bemerkte, wie allmählich Licht in die Sache fiel.
"Du nimmst also an, weil Don Diaven dir in einem Brand, so gesehen also Feuer, begegnete, kommt Kil`Yaeden mit dem Unwetter, genauer gesagt mit dem Regen."
"Eben das. Das Unwetter, oder Ragnarök, wie es Crazen laut dir benannt hat, ist Wirklichkeit, und ich weiß nicht, wie viel Zeit uns noch bleibt."
Beide schwiegen.
Wai dachte über das fast flehende Verhalten Crazens nach.
"He, ihr beiden!"
Imogen trat auf einmal an die auf dem Weg Sitzenden heran.
"Kein Wort zu ihr!", flüsterte Riyonn Wai leise zu.
Dieser zeigte sich mit einem unauffälligen Zwinkern einverstanden.
"Ich fragte mich schon wo ihr bleibt. Kommt endlich herein, das Mittagessen steht auf dem Tisch.", mit dieser Aufforderung ging Imogen allen voran ins Haus hinein und Richtung Esstisch. 
"Kann sie denn kochen?" Wai stieß Riyonn an.
"Ach, eigentlich schon. Sagen wir so, sie hat Übung, lässt also nichts verbrennen oder so, weil sie es seit Jahren macht, aber gut ist das Essen nicht."
Damit folgten die beiden Imogen. Wai mit einem flauen Gefühl im Magen.
"Keine Sorge, es wird nicht ausgerechnet heute schlecht ausfallen. Man kann davon leben, ich tu’ es doch auch.", versuchte Riyonn den General zu beruhigen, weil er wohl gemerkt hatte, wie sehr er ihn durch seinen Einblick in Imogens Kochkünste verunsichert hatte. Mit einem fröhlichen Lächeln auf den Lippen setzte Imogen den Männern je einen Teller Eintopf vor, setzte sich selbst vor einen dritten und blickte in die Runde.
"Guten Appetit!"
Im Vergleich zu Riyonn und Imogen, die freudig drauflos löffelten, starrte Wai unsicher auf den bunt gemischten Eintopf. Schließlich rang er sich dazu durch, wenigstens einen Löffel voll zu probieren. Doch seine Geschmacksnerven zeichneten das Gericht mit "essbar" aus, sodass Wai es beruhigt essen konnte.

Nach dem Mahl winkte Riyonn Wai zu, er solle ihm folgen. Riyonn führte Wai Lonn in das Zimmer, in dem er, und früher auch Zoran, schlief. Er wies Wai Zorans einstigen Schlafplatz zu und ließ den General in aller Ruhe einziehen.
"Du wolltest mich reinlegen!", bemerkte Wai mit einem Schmunzeln.
"Was das Essen anbetrifft? Na ja, es gibt immer noch Frauen, die besser kochen, zumindest ließ ich mir das sagen. Aber sie ist ja auch erst sechzehn."
"Ebenso wie du."
Riyonn lachte.
"Nein. Ich bin schon sechzehn. Das bedeutet, dass ich ein erwachsener Mann bin, wobei ich von Imogens Verhalten her zu urteilen sagen würde, dass sie noch nicht erwachsen ist."
"Sicher doch. Alle anderen männlichen und weiblichen humanen Wesen gelten zwar eigentlich erst alle ab achtzehn als Erwachsene, zumindest hier, im Reich Randuin, aber Riyonn Katapura tut das selbstverständlich schon mit sechzehn. Ich finde, man sollte sich nie älter machen als man ist, irgendwann bereust du es. Klar, man möchte anerkannt und für voll genommen werden, kein Kind mehr sein."
Wai postierte seinen eisernen Harnisch auf einen im Zimmer stehenden Stuhl. Riyonn beobachtete ihn.
"Sprichst du aus Erfahrung?"
"Man könnte so sagen, ja. Ich sehe heute ein, dass es nicht gut ist, sich schon mit vierzehn zum Leutnant erheben zu lassen, selbst wenn man schon mit so geringem Alter eine große Fertigkeit fürs Diebeshandwerk und Kämpfen mit Bogen und Lyk-tai besitzt. Du lebst deine Kindheit nicht mehr aus, fühlst dich gezwungen und unter Druck gesetzt mit so viel Verantwortung. Du wanderst von einem Tief ins andere, bis du schließlich darüber hinwegkommst, falls du es tust, wenn du älter wirst. Ich wurde mit sechzehn bereits zum Hauptmann befördert, und das nur, weil ich, um meine Verzweiflung zu vergessen, ständig trainiert hatte, mich stets nur auf meine Aufträge konzentriert und in sie verbissen hatte. Trotz der Beförderung hatte ich immer weniger das Gefühl zu leben, ich selbst zu sein, ich dachte, ich stände auf Entzug von Freude. Daraufhin war ich die ganze Zeit über meist depressiv, doch das nur innerlich. Ich hatte mir angewöhnt, nach außen hin nicht zu zeigen, was ich dachte und fühlte. Das machte mich für sämtliche Überfälle unentbehrlich, weil niemand es fertig brachte, mich zu durchschauen. Schließlich rief Taron mich in den Rang eines Generals, damals war ich gerade einmal siebzehn. Vielleicht merkte er aber doch irgendetwas von dem, was ich fühlte, und hielt mich zwei Mondumläufe von allen Raubzügen zurück, sodass ich mir selbst überlassen war, und nachdenken konnte. Irgendwie veränderten mich diese acht Wochen, nahmen mir allen Druck und ich bekam wieder das Gefühl zu leben. Ich war Taron sehr dankbar. Heute weiß ich, dass ich viel zu früh erwachsen zu sein hatte. Mein Vater hatte mich bereits mit drei Jahren, bevor ich lesen und schreiben konnte, zur Kaserne in Ausbildung geschickt. Nur weil er selbst zu dieser Zeit noch General war, konnte er meine Aufnahme durchsetzen. Ich war aufgewachsen im Training, unter lauter Kindern, die alle vier Jahre älter als ich gewesen waren. Sie waren mir in vielen Dingen anfangs noch weit überlegen gewesen, sei es um die Kraft, Sichtweite, Größe oder Wissen. Mein Vater hatte dafür gesorgt, dass ich alles so schnell wie möglich nachlernte, so hatte ich nach Feierabend Einzelschulunterricht, und tagsüber in den Pausen der regulären Ausbildung extra Training von meinem Vater bekommen, bis mir die anderen Kinder nicht mehr in Wissen und Kraft voraus gewesen waren. Aber mein Vater starb bei einem Überfall auf eine Handelskarawane auf dem Weg nach Kouwah. Von da an stand ich allein, denn meine Mutter hatte ich nie kennen gelernt, weil sie bereits bei meiner Geburt gestorben ist."
Wai hielt inne.
Sein Blick wanderte nachdenklich aus dem Fenster.
"Es tut mir leid."
Riyonn legte seine Hand auf Wais Schulter.
"Es muss dir nicht leid tun. Du bist selbst Waise."
Wai wandte seinen Blick vom Fenster ab.
"Wir sollten uns wieder um die Gegenwart kümmern. Ragnarök!"
"Du hast Recht."
Riyonn und Wai verließen das Haus.
"Wir sollten Crazen davon erzählen, dass wir ihm glauben.", schlug Wai vor und Riyonn stimmte stumm zu. Sie gingen unter der heißen Mittagssonne den Weg entlang zur belebten Hauptstraße, um von dort aus zur Kaserne abzuzweigen. Als Wai, gefolgt von Riyonn, durch die Eingangspforte in den Hof der Kaserne trat, steuerte sofort Freygos Lei auf ihn zu.
"Lonn! Da seid Ihr endlich!", schnaubte Lei durch seinen ungepflegten schwarzen Schnauzbart. "Ich hatte Euch für geschmackvoller gehalten. Aber das seid Ihr nicht, sonst hättet Ihr meine Tochter nicht so rücksichtslos verschmäht und eine Andere ihrer Schönheit vorgezogen."
Wai seufzte. Nun fing das Theater wieder an.
"Hört, Lei, wir haben keine Zeit. Riyonn und ich müssen dringend zu Crazen Scroll."
"Zu Crazen, soso? Ihr verschwendet Eure Zeit also lieber damit, mit Zorans Möchtegerngroß zu Verrückten zu gehen, als mit Eurem Zimmermitbewohner über die Gemeinheit zu sprechen, die Ihr seiner Tochter Risa angetan habt, was ja wohl äußerste Priorität hat?"
Wai warf Riyonn einen viel sagenden Blick zu.
"Fangen wir systematisch an: Erstens, Riyonn ist kein Möchtegerngroß, sondern ein junger Mann, zweitens, Crazen ist nicht verrückt, sondern ein unverbesserlicher Scherzbold und Trinker, drittens, Ihr seid nicht mehr mein Zimmermitbewohner, da ich seit heute bei meinen Mündeln wohne, viertens, habe ich wirklich besseres zu tun, fünftens, es war keine Gemeinheit, sondern eine Abfuhr, die ich Eurer Tochter erteilt habe, und sechstens, konnte ich Risa noch nie leiden, weil sie hässlich, arrogant, eingebildet, egoistisch und selbstsüchtig ist. Guten Tag!"
Freygos wagte kein Wort mehr und wandte sich schweigend von Wai und Riyonn ab.
Diese steuerten auf die Schlafsäle der in der Kaserne untergebrachten Diebe zu. Crazen war nicht schwer zu finden. Alleine saß er in einem dieser Säle auf seiner Bettkante, zusammengekrümmt zu einem verzweifelten Häufchen Elend, den Kopf in den verschränkten Armen vergraben. Selbst als Riyonn und Wai eintraten, sah er nicht auf. Wai setzte sich neben den vermeintlichen Verrückten.
"Crazen?"
Crazen Scroll schreckte auf und starrte Wai an.
"Was wollt Ihr? Ihr haltet mich doch auch für verrückt. Alle tun das."
Riyonn ließ sich auf der anderen Seite Crazens auf die Bettkante nieder.
"Wir glauben Euch."
Ein kurzes Lächeln huschte über Crazens Gesicht, doch seine Miene erstarrte schnell wieder zu ihrem ursprünglichen hoffnungslosen Ausdruck zurück.
"Ihr lügt, Ihr glaubt mir nicht! Keiner außer mir glaubt an Ragnarök."
"Das ist keine Frage des Glaubens mehr", versicherte Wai eindringlich. "Wir wissen, dass Ragnarök existiert."
Nun überzeugt davon, dass Riyonn und Wai Lonn nicht mehr an seiner Vorhersage zweifelten, erhob sich Crazen, lächelte und seine blauen Augen schienen zu leuchten.
"Wir müssen die ganze Stadt überzeugen!", meinte er.
"Das habt Ihr doch schon tagelang versucht und der Erfolg ist ausgeblieben. Wir würden höchstens noch einen draufsetzen und plötzlich alle als verrückt gelten", stoppte Wai Crazens überraschenden Übermut.
"Aber man muss doch irgendetwas tun können." Riyonn blickte fragend in die Runde. Jedoch hatte keiner der dreien einen guten Vorschlag zur Hand. Wortlos starrten sie zu Boden und überlegten fieberhaft.
 

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Und schon geht es weiter zum 7. Kapitel: Ragnarök

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