Predators von T-Bone
Ein Abenteuer vor 65 Millionen Jahren
Kapitel 7

Als die heiße Mittagssonne über dem Tal brannte, trat ein einsamer Pachycephalosaurus an den Weststrom. Normalerweise waren diese "Knochenkopf"-Dinosaurier Herdentiere, doch dieser Dinosaurier verschlief den Abmarsch seiner Herde. Aber das war kein großes Problem, da er wußte, welchen Weg sie einschlagen würden. Es würde vielleicht ein paar Tage dauern, bis er sie wieder eingeholt hatte und von daher machte er sich keinerlei Sorgen. Er beugte sich arglos hinunter um zu trinken. Nicht wissend der drei Räuber, die ihn schon eine ganze Weile beobachteten.
Der Pachy hielt plötzlich inne, da er glaubte, eine Bewegung in seinen Augenwinkeln bemerkt zu haben. Er wurde nervös und blickte sich um, doch da war nichts. Nichts regte sich. Aber dennoch gefiel ihm diese Situation nicht. Er war kein Jungtier mehr und wußte genug bescheid, um zu wissen, dass er von jemandem belauert wurde. Pachys waren sehr kräftige Saurier, die ihren knochenharten Schädel wie einen Rammbock benutzen konnten. Diese Pflanzenfresser waren sehr mutig und sogar in der Lage, selbst größere Fleischfresser ernsthafte Verletzungen zuzufügen.
Der Pachy knurrte und versuchte eine Witterung aufzunehmen, doch er roch nichts Verdächtiges. Plötzlich raschelte das Gebüsch einige Meter von ihm entfernt. Dort schien etwas zu sein! Der Pachy kreischte und stürmte mit gesenktem Kopf auf das Gebüsch zu, um den dort versteckten Feind anzugreifen. Doch als er das Gebüsch durchbrach, befand sich dort niemand.
Genau in diesem Augenblick der Verwirrung verspürte der Pachy plötzlich einen Schlag von der Seite und einen stechenden Schmerz. Der Pflanzenfresser fuhr herum und blickte in die Augen eines weiblichen Raptoren.
"Na, komm her! Worauf wartest du?" fragte das Raptorweibchen mit einer aggressiven Stimme und drohte mit ihren Klauen. "Greif mich an!"
Der Pflanzenfresser verstand natürlich kein einziges Wort, aber dennoch spurtete er mit gesenktem Kopf los. Doch das Raptorweibchen war sehr schnell und wich gekonnt aus.
"Ist das alles, was du drauf hast?" knurrte sie herausfordernd. "Versuch mich doch zu kriegen!"
Der Pachy war gereizt bis aufs Blut und jagte der jungen Raptorin hinterher. Sie war allerdings sehr viel schneller als der Pachy und hätte ihn mühelos abhängen können, wenn sie es gewollt hätte. Aber sie hatte andere Pläne mit ihm.
"Sehr schön, Schwesterchen! Mach genau so weiter!" flüsterte Sturmblut, der sich zusammen mit Starke Klaue im Verborgenen hielt. "Wir kriegen ihn genau da hin wo wir ihn haben wollen!"
Windfeger trieb den Pachy vor sich her, sie schlug jedesmal einen Haken, um so den Rammattacken des Pachys auszuweichen. Sie lief weiter, bis sie durch eine Felsenschlucht rannte. Als der Weg in eine Sackgasse führte, hielt sie an.
"Worauf wartest du denn noch, du Hohlkopf?" zischte sie provozierend.
Der Pachy schnaubte wütend und senkte sein Haupt zum Angriff. Doch die Raptorin grinste, als ihre Brüder plötzlich hinter dem Pachy standen und knurrten. Der Pflanzenfresser saß in der Falle! Der Rückweg war nun von den zwei größeren Raptoren versperrt und die Felswände zu steil, um hinauf zu klettern.
Dennoch versuchte er, die beiden männlichen Raptoren anzugreifen, doch hatte er die Rechnung nicht mit Windfeger gemacht, als er nun mit dem Rücken zu ihr stand.
Sie sprang ihn sofort an und jagte ihm ihre Krallen ins Fleisch. Voller Schmerzen versuchte er die Raptorin von sich abzuschütteln. In dem Moment war sein Bauch für einen Angriff ungeschützt und das war es, worauf die Raptorenbrüder nur gewartet hatten und sie schlugen zu. Zusammen gelang es den drei Raptoren, den Pachy auf die Seite zu werfen und somit war auch dessen Schicksal besiegelt. Es dauerte nur noch einige Momente, bis sie ihn schließlich erlegt hatten.
"Es ist toll, wieder mit euch zu jagen." sagte Windfeger anschließend. "Ich habe das wirklich vermißt!"
"Ja... ich weiß, was du meinst. Mir gehtís genau so", sagte Starke Klaue. "Übrigens gute Taktik, mit dem Knochenkopf, Sturmblut."
"Danke! Die sind auch nicht ganz so einfach zu erledigen, wie die anderen Blattfresser", gab Sturmblut zu. "Es gibt nicht viele, die sich so vehement wehren. Normalerweise laufen Pflanzenfresser von einem weg, aber die Knochenköpfe sind echte Kämpfer!"
"Ich bin überhaupt sehr überrascht, einen von ihnen hier noch zu finden", sagte Starke Klaue. "Denn eigendlich sind die Herden der Knochenköpfe schon längst abmarschiert."
"Wahrscheinlich ein Einzelgänger, oder ein Nachzügler", antwortete Sturmblut. "Wie auch immer. Das ist endlich mal wieder etwas größere Beute nach längerer Zeit. Schaffen wir ihn zu unserer Raststelle."

Die "Raststelle" der drei Raptoren waren drei behelfsmäßige Nester aus einigen Zweigen und vertrockneten Blättern. Dort begannen sie sich ihre Mägen vollzuschlagen. Seit Tagen hatten sie schon keine vernünftige Beute mehr gerissen, aufgrund der Herdenwanderung. Als sie ihren Hunger gestillt hatten, legten sie sich in ihre Nester, um ein wenig zu ruhen. Als Windfeger kurz vor dem Einschlafen war, kam es ihr so vor, als würde sie etwas aus dem Zykadeenwald hören, an dessen Rand sie ihre Raststelle errichtet hatten. Zunächst glaubte sie, dass der Wind ihren Sinnen einen Streich spielen würde und schloß wieder ihre Augen. Doch dann hörte sie das sonderbare Geräusch abermals. Neugierig wie Raptoren nun mal sind, stand sie auf und beschloß nach zu sehen, was dieses Geräusch zu bedeuten hatte.
"Windfeder?" fragte Sturmblut, als sich seine Schwester von ihrem Nest entfernte. "Wo willst du hin?"
"Pssst!" zischte sie leise. "Hörst du es nicht?"
"Was soll ich hören?" fragte Sturmblut und lauschte. "Außer den Weststrom?"
"Es klingt wie ein leises Wimmern", murmelte sie. "Als ob jemand am weinen ist."
"Hey! Warte auf uns!" knurrte Sturmblut, als er seinen Bruder aufwecken wollte.
"Was ist los?" fragte der Älteste der drei Raptoren verschlafen. "Was macht ihr beiden für einen Aufstand?"
"Windfegers Neugier! Das ist los..." stöhnte Sturmblut und lief ihr hinterher. "Könntest du bitte auf uns warten, Fräulein Windfeger?"
"Sturmblut!" sprach Starke Klaue plötzlich und hielt Sturmblut an. "Hör doch mal!"
Jetzt hörte auch Sturmblut das mysteriöse Wimmern.
"Windfeger hat recht! Was mag das sein?"
Vorsichtig schritt Windfeger zu einem dichten Busch und spähte hindurch. Das, was sie dort zu ihrem großen Erstaunen zu sehen bekam, hätte sie niemals gedacht.
"Oh...?"
"Windfeger?" fragte Sturmblut, der nichts sehen konnte, da Windfeger ihm die Sicht versperrte. "Was hast du da gefunden?"
"Nein, was ist das niedlich!!!"
"Hallo?" fragte ihr Bruder genervt. "Ich habe dich etwas gefrag..."
Als Windfeger zur Seite trat, erblickten Sturmblut und Starke Klaue einen jungen Tyrannosaurus Rex.
"Ein Spitzzahn-Baby?!" Sturmblut blickte sich nervös um. "Windfeger! Wir müssen hier schnellstens weg! Ein so junger Spitzzahn wird von seinen Eltern nicht lange alleine gelassen! Wenn die hier auftauchen, sind wir geliefert!"
Der junge Tyrannosaurus hatte fürchterliche Angst vor den drei großen Raptoren und zitterte am ganzen Leib. Windfeger bemerkte, dass dieses junge Männchen ziemlich abgemagert war. Es war sicher, dass der Kleine kurz vor dem Verhungern stand.
"Ich glaube, dieser Kleine wurde zurückgelassen. Wir hätten große Spitzzähne doch schon längst bemerken müssen, wenn hier welche wären."
Der kleine Tyrannosaurus tat ihr von Herzen leid.
"Gut, dann gehen wir wieder!" sagte Sturmblut, doch Windfeger machte überhaupt keine Anstalten zu gehen und beugte sich zu dem Kleinen hinunter.
Das Junge erschreckte sich und versuchte nach ihr zu schnappen.
"Windfeger, bist du fertig?" fragte Sturmblut und wurde ungeduldig.
Doch sie ignorierte ihren nörgelnden Bruder und sprach mit sanfter Stimme zu dem kleinen T-Rex.
"Hey! Du brauchst vor mir keine Angst zu haben, Kleiner. Ich tu dir doch nichts."
Das Junge wimmerte kläglich und schien zu seiner Mutter zu rufen, doch seine Mutter antwortete nicht. Da begann Windfeger eine Melodie zu summen.
"Hör ich da richtig?" sprach Sturmblut. "Das ist doch..."
"Ja! Das hatte ich ihr damals vorgesungen, damit sie aus ihrem Ei ausschlüpft. Ich bin beeindruckt, dass sich Windfeger noch an diese Melodie erinnert."
Windfegers Stimme und diese Melodie wirkten beruhigend auf den Kleinen und er begann zu schnurren.
"Ich habe das Gefühl, dass aus ihr mal eine großartige Mutter wird", lächelte Starke Klaue und war sehr stolz auf seine jüngste Schwester.
Der kleine T-Rex blickte zu ihr auf als sie plötzlich mit ihrem Gesang aufhörte und wunderte sich anscheinend, wieso sie stoppte.
"Du bist ein ziemlich aufgewecktes Kerlchen, was?" lächelte sie. "Mein Name ist Windfeger. Ich bin ein Jäger. Hast du einen Namen?"
"T...Talon." ertönte eine schwache Stimme.
"Das ist ein schöner Name!" sagte sie. "Sag, wo sind denn deine Eltern?"
"S...sie sind fort." Er begann wieder zu weinen.
"Oh, nein!" Sie wußte was es hieß, ohne Eltern aufzuwachsen. Doch dafür waren ihre beiden Brüder für sie da. Der Kleine aber hatte niemanden.
"Terrorclaw nahm mir meine Mutter und meine Schwester!"
"Terrorclaw..." grunzte Sturmblut.
"Dann haben wir ja einiges gemeinsam", sagte Starke Klaue. "Auch unsere Familien und Freunde wurden von Terrorclaw getötet."
"Also, dann ist es klar, dass wir ihn mit uns nehmen", sagte Windfeger.
Sturmblut dachte seinen Ohren nicht mehr zu trauen.
"Windfeger, bist du noch zu retten?? Wir können ihn nicht mitnehmen! Das ist ein Spitzzahn, einer unserer größten Feinde!"
"Sturmblut, sollen wir den Kleinen hier einfach sterben lassen?!" knurrte Windfeger. "Guck ihn dir doch mal an! Er ist völlig hilflos!"
"Er gehört nicht zu unserer Art!" sagte Sturmblut. "Spitzzähne fressen uns, schon vergessen?"
"Was bitte soll uns dieser Kleine antun? Es ist doch noch ein Baby! Du siehst doch, dass er mehr Angst vor uns hat."
Sturmblut knurrte: "Mag ja sein, dass er im Moment noch klein und niedlich für dich ist, aber Spitzzähne wachsen sehr schnell und spätestens dann, wenn er größer ist, wird er Jagd auf uns machen! Darum ist es das beste, wenn wir ihn hier lassen!"
"Sturkopf!" grunzte sie. "Wenn dieser Kleine ein Jäger wäre, würdest du ihn ohne zu zögern mitnehmen. Ist es denn nicht gegen deine eigene Überzeugung, hilflose Saurier ihrem Schicksal zu überlassen?"
"Komm mir jetzt bitte nicht damit!" knurrte Sturmblut.
"Sturmblut, bitte!" sagte sie und schaute ihn mit einem flehenden Blick an. "Ich verspreche auch immer auf ihn aufzupassen. Ich werde auch nie wieder ungehorsam sein!"
"Nehmen wir den Kleinen mit", sprach plötzlich Starke Klaue.
Sturmblut fiel aus allen Wolken.
"Wie bitte?! Was ist denn mit dir los?"
Windfeger grinste.
"Es ist wirklich wahr. Dieser kleine Spitzzahn ist auf unsere Hilfe angewiesen", sagte der ältere Saurier.
"Starke Klaue...?" fragte Sturmblut ungläubig und blickte Windfeger an, die breit grinste.
"Ihr habt euch gegen mich verschworen!" grunzte er. "Ihr steckt doch beide unter einer Decke!"
"Nein, Sturmblut", sagte Starke Klaue. "Sieh es mal von der anderen Seite. So lernt Windfeger endlich, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen."
Sturmblut blickte Windfeger an, die erwartungsvoll zurück blickte und ein "Bitte!!!" von sich gab.
"Grrrraaahh!!!" brüllte Sturmblut geschlagen. "Dann nimm ihn mit, verdammt noch mal!!!"
Windfeger sprang ihren Bruder voller Freude an.
"Danke, Sturmblut!!!"
"Rrrrrrr! Aber drei Sachen erstmal vorweg: Er bleibt nur solange bei uns, bis er für sich selber sorgen kann, danach wird er uns verlassen. Zweitens: Er kommt zwar mit uns, aber das heißt nicht, dass er dadurch ein Teil unseres Rudels sein wird. Du alleine bist für ihn verantwortlich! Und drittens... Halt ihn von mir fern! Sollte er mich irgendwann einmal hungrig ansehen, drehe ich ihm selbst den Hals um!"
"Gut, gut", lächelte sie. "Das werden wir schon hinbekommen."
"Ich weiß, dass ich es jetzt schon bereue... aber auf mich hört ja keiner!" Als Sturmblut zu seinem Nest zurückkehrte, schritt er an seinem Bruder vorbei.
"Und DU, du graue Eminenz! Herzlichen Dank, dass du mir in den Rücken gefallen bist!" fauchte er ihm zu.
"Danke, Großer! Ich habe dich lieb!" sagte Windfeger zu Starke Klaue.
"Kein Problem!" lächelte er.
Windfeger nickte und beugte sich zu dem kleinen Tyrannosaurus hinunter.
"Ich habe noch etwas von meinem Beuteanteil übrig. Ich wette, du bist hungrig?" fragte sie.
"Ja, sehr..."
 

© T-Bone
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Sicher schon bald geht's hier weiter zum 8. Kapitel

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