Tohidoo von Triss
Kapitel VIII

Die erste Nacht war kalt. Tao hatte sich unter dem größten Strauch zusammengerollt und versuchte zu schlafen, der Wind blies ihm aber um die Ohren und der Boden war kalt.
Als es graute, war er ganz steif vor Kälte und hatte noch kein Auge zugetan. Er stand auf und lief um die Insel, um warm zu werden.
Die Sonne goss ihr rotes Licht auf die Wellen und es wurde warm und hell, trotz des grauen Nebels, der unter dem Himmel hing.
Das Meer hatte in der Nacht verschiedene Dinge angeschwemmt. Tao fand viel Holz, kleine Stöcke, aber auch größere Bretter. In manchen steckten sogar Nägel. Mit viel Mühe baute er sich eine kleine Unterkunft. Zuerst war es nur ein Windschutz aus Brettern und mit Grashalmen zusammengebundenen Stöcken. Nach ein paar Tagen hatte er jedoch wieder so viel Holz zusammen, dass er es zu einem Dach binden konnte. Die kleinen Wände dichtete er mit trockenem Gras ab und schmückte sie nach und nach mit Muscheln und vom Meer glatt gescheuerten Wurzeln. Um das Hüttchen legte er eine Reihe flacher, runder Steine.
Zuerst aß Tao nur Fisch. Dann entdeckte er, dass einige Sträucher essbare Beeren trugen, und dass manche getrockneten Blätter ein aromatisches Gewürz hergaben. Auch einige Wurzeln und Algen konnte man zu einer anständigen Mahlzeit kochen.
Die ganze Zeit über war kein Schiff zu sehen.

Die folgenden Tage waren ruhig und fröhlich. Da Andrien, das Ziel der Gnome, ebenfalls westlich vom Elfenwald lag, beschlossen sie, zusammen weiter zu ziehen. Die lustigen, ewig singenden Wesen schienen auf unerklärliche Weise alles unangenehme und gefährliche abzuschrecken. Solange Moff und seine Gefährten in ihrer Nähe blieben, fühlten sie sich sicher, hörten keine Geisterstimmen und auch sonst nichts beunruhigendes. Tagsüber marschierten sie nach Westen, nachts lagen sie um das Feuer und sangen sinnlose Lieder. Die Sorglosigkeit tat ihnen allen gut. Es schien, als hätten sie wenigstens für einige Zeit vergessen, was ihnen drohte.
Nur Nel schien sich dieser Sorglosigkeit nicht ohne Weiteres hingeben zu können. Selten nur nahm sie am abendlichen Gesang teil, ritt auch sonst meistens etwas abseits. Wenn sie am Tag Rast machten, verschwand sie oft irgendwo im Wald und holte die Anderen erst ein, wenn sie schon ein gutes Stück gefahren waren. Als Moff sie einmal darauf ansprach, lächelte sie nur schwach und sagte: "Ich will nur manchmal meine Ruhe haben, und das ist unter Gnomen nicht so gut möglich."
Biem gab sich mit so einer Erklärung natürlich nicht zufrieden. Eines Nachmittags stellte sie fest, dass ihr für das Abendessen ein paar Steinpilze unentbehrlich waren, und diese konnte man selbstverständlich nur tief im Wald finden. Als sie an diesem Tag also zum Ausruhen stehen blieben, alle sich daran machten, etwas zum Essen zuzubereiten und Nel mal wieder verschwunden war, murmelte Biem etwas von einem neuen Rezept für Pilzsuppe und lief ihr nach. Weit brauchte sie nicht zu gehen. Nel war ganz in der Nähe an einem kleinen Bach und schöpfte Wasser in eine gläserne Schüssel. Biem legte sich flach auf die Erde und beobachtete, wie die junge Frau sich unter einen Baum setzte und sich über das glitzernde Gefäß beugte, sodass ihre schwarze Kapuze ihr Gesicht völlig verdeckte. Dann begann sie, leise sehr merkwürdige Worte zu summen. Biem schlich lautlos so nahe wie möglich an sie heran, verstand aber trotzdem kein Wort.
"Asme tsal Saloam, dar silue faín.”
Das Wasser veränderte sofort die Farbe, wurde dunkelblau, fast schwarz. Nel hielt mit einer Hand die Schüssel und machte mit der anderen ein paar kreisende Bewegungen über der Wasseroberfläche. Dann nahm sie die Hand weg und schaute intensiv auf die schwarze Flüssigkeit. Biem hätte alles gegeben, um auch einen Blick darauf werfen zu können. Andererseits wagte sie es nicht, aus ihrem Versteck hervor zu kommen.
Endlich hob Nel den Kopf. Sie hatte Tränen in den Augen. Erschöpft lehnte sie sich an den Baum und schaute gedankenverloren vor sich hin.
"Ich weiß, dass du hier bist", sagte sie plötzlich laut und deutlich.
Biem schrak auf. Nel hatte sie wohl mit ihren magischen Kräften erspürt. Sie wollte gerade hervor kriechen, um sich irgendwie zu entschuldigen, als eine klare, wunderschöne Männerstimme antwortete:
"Ich weiß, dass du weißt."
Da erst bemerkte sie ihn. Nicht weit entfernt, hinter Nels Rücken, stand ein strahlender Engel mit den herrlichsten weißen Flügeln, die Biem je gesehen hatte. Er war so wunderschön und lächelte so zauberhaft, dass sie völlig erstarrte und den Blick nicht mehr von ihm wenden konnte.
"Was hast du gesehen?" fragte er und setzte sich neben Nel.
"Warum fragst du? Du weißt es doch selbst," sagte sie etwas bitter und trocknete ihre Augen mit dem Ärmel.
"Wenn du glaubst, dass Engel allwissend sind, dann irrst du dich leider sehr." Er lächelte wieder. Nel schaute auf und zu Biems großem Erstaunen lächelte sie zurück. Seit sie die junge Frau kannte, hatte sie noch nie so einen entspannten und warmen Gesichtsausdruck bei ihr gesehen.
"Willst du mir weismachen, dass du es nicht gewusst hast?"
"Was?"
"Warum sie festgehalten wird?"
Er zuckte die Achseln.
"Sie ist der Menschen Freude und Hoffnung. Wenn man ihnen die Kraft wegnehmen will, dann entführt man ihre Blumenkönigin."
Nel schaute ihn aufmerksam an.
"Du weißt es wirklich nicht", sagte sie erstaunt und etwas bitter.
"Was hast du gesehen?" wiederholte der Engel eindringlich.
Sie senkte wieder den Blick und seufzte tief. Dann sagte sie es leise, und ihre Stimme war schmerzerfüllt.
"Saloe ist schwanger."
Biem hielt den Atem an. Was mochte das bedeuten?
"Herr, behüte uns", flüsterte der Engel. "Sie ist also die Mutter..." Er wandte sich an Nel.
"Ihr müsst euch beeilen, um Himmels Willen", sagte er ernst. Seine Stimme zitterte etwas.
"Ich weiß, Gavriel. Aber wer ist dieses Kind? Wer ist der Vater?"
Er saß eine Weile bewegungslos da. Dann sah er sie an und antwortete leise, und diesmal war seine Stimme voller Hoffnung:
"Gott, Nel. Gott ist sein Vater."
Sie starrte ihn fassungslos an. "Du meinst... Er ist der Messias?"
Gavriel nickte. "Deswegen haben sie sie also entführt. Deswegen gerade jetzt. Das habe ich nicht verstehen können. Es schien mir zu früh für einen erneuten Angriff der Dunklen Mächte."
"Warum zu früh?"
Er schien einen Moment nachzudenken, bevor er antwortete. "Hast du von der Verkörperung des Bösen gehört?"
"Satans Sohn? Natürlich. Alle kennen die Geschichte von seiner Niederlage und von dem Triumph des Guten."
"Schon. Aber nicht alle wissen, dass er wiedergeboren wurde."
Biem lief ein kalter Schauer den Rücken hinunter, und Nel schien es ähnlich zu ergehen, denn sie zog den Umhang enger um ihre Schultern.
"Das ist doch unmöglich", flüsterte sie. "Woher weißt du das?"
"Es gibt Zeichen dafür. Man muss sie nur zu lesen wissen. Jedenfalls ist er noch sehr jung, hat noch wenig Macht. Verhältnismäßig wenig," fügte er hinzu.
"Unser Glück", sagte Nel. Sie fasste sich plötzlich an den Kopf und schloss für einen Moment die Augen. "Meine lustigen Freunde sind wieder losgezogen." Sie stand auf.
Gavriel erhob sich ebenfalls. "Machs gut, Nel. Und du auch, Biem", sagte er mit einem himmlischen Lächeln in Richtung Gebüsch und verschwand.
 

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Und sicher geht es hier bald weiter zum 9. Kapitel...

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