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Diese Geschichte wurde von den Drachental-Besuchern zur
zweitbesten Fantasy-Fortsetzungs-Story 2007 im Drachental gewählt!

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Blauer Dämon von Tom Wolf
Kapitel 1

Missmutig starrte er in die Dunkelheit. "Warum ausgerechnet ich?" schimpfte er leise vor sich hin. "Ich bin ein erfahrener Kommandant und kein Rekrut, den man zur Abhärtung in die Berge jagt." Er zog den Umhang enger, aber nach vier Stunden in Regen und eiskaltem Wind half nicht einmal der Armeemantel aus gewalktem Schneeziegenhaar.
 Er zeigte keine Reaktion als er die leisen Schritte hinter sich hörte. Er wusste auch so, wer es war. "Gibtís was neues, Kelo?" fragte er, ohne sich umzudrehen.
 Kelo stutzte, ging dann aber weiter. "Nein, Marek, nichts. Wir warten noch. Auf was auch immer." Kelo reichte ihm einen Becher heißen Tee. "Hier, zum Aufwärmen."
 "Warten, immer nur Warten. Wir warten schon viele Tage hier in diesem nassen Loch auf nassem Gras unter tropfenden Bäumen", murrte Marek. "Eine halbe Tagesreise weiter oben könnten wir in der Garnison schlafen." Er legte beide Hände um den heißen Lederbecher.
 "Es ist schon lange her, dass ich jemanden mit so viel Sehnsucht von der Garnison der Pforte habe reden hören." Kelo setzte sich leise lachend auf einen Stein. "Selbst zu den besten Zeiten war der Wachdienst dort nicht beliebt. Fast zehntausend Fuß über dem Meer, sechs Monate im Jahr eingeschneit und dazu der Fjöral fast jeden Tag."
 Marek bekam eine Gänsehaut als er an den Fjöral dachte. Diesen Wind, der fast jeden Tag vom Meer seinen Weg in den Fjord fand. Unten war er erträglich, im Sommer hochwillkommen, aber da sein einziger Ausgang aus dem Fjord durch die Pforte führte, blies er hier oft mit Sturmstärke. Auf der Passhöhe war das kein Vergnügen, schon gar nicht, wenn man auf den Mauern Wache stand.
 "Selbst zu den besten Zeiten", imitierte ihn Marek abfällig. "Die besten Zeiten hat die Garnison wahrlich hinter sich. Seit hunderten von Jahren verfällt sie, langsam aber beständig. Man sieht es an jeder Ecke. Aber jede Bruchbude wäre besser als hier in diesem Loch unterhalb der Passhöhe zu schimmeln." Marek steigerte sich in seinen Ärger hinein.
 "So schlimm ist der Zustand der Garnison auch wieder nicht", verteidigte Kelo. "Sicher, es fehlt an vielem. Aber die Handwerker sind geschickt und mit ihren wenigen Möglichkeiten tun sie das Beste. Und sollte die Garnison wirklich gebraucht werden, dann wird sie ihre Pflicht erfüllen. Keine Armee der Welt kann den Zugang über den Pass ins Fjordreich erzwingen. Das hat in über tausend Jahren niemand geschafft und in den nächsten tausend  Jahren wird es auch keiner!" klang Kelo stolz.
 "Schon gut, schon gut, es war ja nicht so gemeint." Marek erinnerte sich, dass Kelo seit vielen Jahren in der Garnison diente. "Es ist ja im ganzen Fjord so. Überall sieht man es. In den Häfen am Fjord, an den Brücken, die Bauernhöfe auf den Hochebenen, ja sogar die Wächterburg kann es nicht verbergen. Und wenn man es sogar an der Burg des Königs sieht..." Er vollendete den Satz nicht und nahm noch einen Schluck Tee.

 "Woher wusstest du vorher, dass ich es bin?" Kelo brachte das Gespräch auf ein ungefährlicheres Thema.
 "Das war nicht schwierig. Es war der Schritt eines Soldaten auf Wache. Sigur hatte vorher Wache und schläft jetzt. Unser Geldsack ist seit fünf Tagen fort und den Hauptmann hört man nicht. Da bliebst nur du übrig." Er blickte kurz zum Feuer um sicherzugehen, dass der Hauptmann auch noch dort saß. "Sieh ihn dir an. Über sechs Fuß groß und wiegt ohne sein Arsenal, das er immer mit sich trägt, über 200 Pfund. Sieht so elegant aus wie ein Tanzbär, aber er bewegt sich so leise wie ein Geist - wenn er will."
 "Wenn er will", bestätigte Kelo. "Oder er geht wie eine Lawine durch alles was ihm im Wege steht."
 Marek hörte ein Geräusch und erstarrte. Seine Hand wischte automatisch den Wasserfilm vom Schaft seines Kurzspeers. Die Augen starrten in die Dunkelheit, aus der wieder ein leises Rascheln erklang.
 "Ruhig, Marek, das ist nur ein Berghase. Frisst sich Speck für den Winter an", Kelo blieb gelassen.
 "Ein Berghase? Schon lange keinen mehr gegessen. Bei uns unten im Fjord gibt es die nicht. Meinst du, ihm ist kalt? Ich würde ihm gerne unser Lagerfeuer zeigen. So ganz aus der Nähe versteht sich", grinste Marek.
 "Ja, jetzt vor dem Winter sind sie schön fett. Probier es ruhig, ich halte solange für dich Wache." Kelo grinste ihn aufmunternd an.
 "Glaubst du etwa meine Mutter hat mich zu lange im Schnee gebadet? Wenn Bulgar das mitbekommt wird er mich mit dem Hasen zusammen über dem Feuer rösten. Und er bekommt alles mit. Immer. Ich lege mich doch nicht wegen eines dummen Hasen mit dem besten Krieger von ganz Scandien an."

Der Regen wurde stärker. Marek zog knurrend den Umhang noch enger. Kelo stand auf und nahm den leeren Teebecher an sich.
"Bald löse ich dich ab." Kelo schaute zum Himmel. "Ärger dich nicht über den Regen. In spätestens einer Stunde hört er auf", klang er fröhlich.
 "Wirklich?" Verblüfft schaute Marek hoch.
 "Ja, sicher. Ich kenne mich hier doch aus." Kelo macht eine kurze Pause und ließ das einwirken. "In spätestens einer Stunde ist es kalt genug für Schnee. Ist das nicht schön?" Kelo brachte sich mit einem Sprung vor dem Speer in Sicherheit und ließ grinsend den fluchenden Marek zurück.

*

 "Na, welcher der Schneehaufen ist denn unser treuer Wachsoldat Sigur?" Marek stapfte in Richtung der leisen Flüche.
 "Willst du mich ablösen oder ärgern?" Der bisher unerschütterlich ruhige und ausgeglichene Sigur klang angefressen.
 "Ärgern!" gab Marek zurück, "für die Ablösung ist es noch zu früh." Marek betrachtete kritisch die dünne Decke, unter der Sigur saß. "Schneeflecktarnung", murmelte er, während er Sigur einen Becher Tee reichte. "Perfekt für eine Gegend von der es heißt, es wäre im Jahr sechs Monate kalt - und der Rest wäre Winter."
 "Ich wäre auch wieder lieber am Tor in einem der Wachtürme." Sigur meinte die beiden Wachtürme am Fjordeingang, von allen nur das Tor genannt. Er wärmte sich die Finger am Becher und ließ den heißen Dampf über sein gerötetes Gesicht ziehen. "Da bekomme ich endlich einmal Urlaub im Spätsommer. Wenn die Hochebenen nach Heu duften und die Bäume auf den Steilhängen voller Obst hängen. Auf jedem Hof bekommt man gegen ein paar Stunden Mithilfe Essen und Obdach - und manche Magd sucht noch eine Begleitung für das Fest der Schattennacht. Urlaub nicht wie sonst im Winter oder bei schlechtem Wetter, nein im schönsten Spätsommer. Urlaub bis nach der Schattennacht. Sonst bekommen um diese Jahreszeit ja nur die Söhne von Bauern frei, wir Fischerkinder dürfen heim wenn auf den Feldern nichts zu tun ist."
 Marek staunte. Für Sigur war das nicht nur eine beeindruckend poetische sondern auch eine unglaublich lange Rede. Soviel hatte er in der letzten Woche zusammen nicht gesprochen. Er suchte sich eine trockene Wurzel als Sitzplatz.
 "Also schmeiß ich meiner Wachgruppe eine Runde, pack meine Zivilkleider in den Rucksack und nichts wie ab mit der nächsten Fähre nach Fjordheim. Kaum steht im 'Letzten Anker' das erste Bier auf dem Tisch quatscht mich so ein Bürschchen von Leutnant der Garde an und erklärt mir ich müsse sofort nach Valstangen. Ich dürfe niemand unter keinen Umständen etwas sagen und müsse mich ganz unauffällig verhalten. Ganz, ganz heimlich - dabei wedelt er dauernd mit dem Marschbefehl vor meiner Nase. Unauffällig meinte der Anfänger. Pah." Sigur spuckte aus. "Dann zerrte er mich zum Hafen und verfrachtet mich auf ein verrottendes Fischerboot. Mit dem Boot nach Valstangen! Durch die ganzen Windungen des Fjords. Da ist man zu Fuß auf der Straße schneller!" Sigur übertrieb nur leicht.
 Marek schaute Sigur aufmunternd an fortzufahren, aber Sigur starrte ins Nichts. Er hatte den Köder ausgelegt und war nicht bereit ihn zu vergrößern. Nach langen Sekunden gab Marek auf.
 "Hm", brummte Marek. Er ließ sich Zeit mit der Eröffnung. Sie hatten massenweise Zeit. Ganze Tage voller Zeit. Er setzte sich etwas bequemer hin und schaute auf den Boden. "Du hast also überraschend Urlaub bekommen? Einfach so?"
"Nicht, dass ich ihn nicht beantragt hätte. Jeder will für das Schattenfest Urlaub haben. Ich beantrage ihn jedes Jahr, so wie alle anderen auch. Aber als einziger Fischer, der es zum Führer einer Wachgruppe brachte...", Sigur beendete den Satz nicht. "Ich habe nicht nachgefragt warum ich ihn bekommen habe. Dachte es wäre eine Auszeichnung", gab er nach einer kurzen Pause widerstrebend zu.
 "Eine Auszeichnung?"
 "Nun ja, meine Wachgruppe ist das dritte Mal hintereinander die beste Torgruppe geworden", er klang verlegen. Nach einer kurzen Pause fügte er widerwillig hinzu: "Im Südturm bin ich auch seit fünf Jahren der beste Schwertkämpfer."
 "Dreimal hintereinander die beste Wachgruppe?" Marek war erstaunt. Er hatte schon viel von dem unglaublich harten Training und den gnadenlosen Wettbewerben der Tormannschaften gehört. Sie hatten praktisch nichts zu tun und bewegen konnten sie sich nur in den Wachgebäuden. Alles was blieb war Training und Wettkampf. "Ich dachte, es hätte seit über hundert Jahren keine Gruppe mehr als zwei Siege hintereinander geschafft?"
 "Bis jetzt", bestätigte Sigur. Ihm war das Thema sichtlich unangenehm und er wurde wieder wortkarg.
 Marek schaute ihn genau an. Seine sowieso schon hohe Meinung von Sigur stieg noch um einiges. Er sah eigentlich eher durchschnittlich aus mit seinen blonden Haaren und normaler Größe. Sicher, er wirkte durchtrainiert und abgeklärt. Ein Profi. Aber das war jeder von den Wachmannschaften. Aber Führer beim dreimaligen Sieger? Und bester Schwertkämpfer in einem Turm seit fünf Jahren?
 "Respekt, Respekt." Es klag so ehrlich wie es gemeint war.
 Sigur schwieg.
 "Da kommt sicher bald eine Beförderung." Marek versuchte ihn aus der Defensive zu locken.
 "Im Moment würde mir eine Beförderung in meinen warmen Wachturm reichen", ätzte Sigur. "Da ist es nicht nur wärmer sonder auch das Essen ist besser."
 Marek merkte, dass er nun etwas bieten musste, damit das Gespräch nicht einschlief. "Ja, das gute Essen der Torwache ist weithin bekannt. Aber wir bei der Garde können uns auch nicht beklagen."
 "Du dienst auf der Wächterburg?" Sigur klang erstaunt.
 "Ich bin einer der Wachkommandanten im inneren Bereich", er machte eine abschwächende Geste, "da kann man weder übers Essen noch das Wetter klagen. Jetzt zur Erntezeit, wenn die ganzen Mägde aus dem Umland kommen und die Vorräte verstauen, gibt es immer wieder was extra abzustauben." Mareks Augen bekamen einen leicht verträumten Blick. "Da sind ganz interessante - Früchte dabei." Die Pause vor dem Wort Frucht war kaum zu merken.
 Sigur schaute interessiert. Marek wirkte mit seinen schwarzen Haaren, dunklen Augen und der gebräunten Haut für Fjordbewohner leicht exotisch - und für manche sicher sehr attraktiv. "Hast du besondere Vorlieben bei der Auswahl der - Frucht?" Die Pause vor dem letzten Wort war deutlich.
 "Ich habe keine Vorurteile", Marek blieb diplomatisch, "gegessen wird, was auf den Tisch kommt."
 "Ja, Frauen gibt es bei der Torwache nicht viele", gab Sigur zu.
 "Wieso eigentlich nicht?" Marek ignorierte die Zweideutigkeit. "Beim Bogenschießen auf feindliche Schiffe kommt es dort vor allem auf Genauigkeit und nicht auf Kraft an und es müsste doch einfach sein die Kinder dort zu beaufsichtigen und unterrichten."
 "Es ist einfach kein Ort für Kinder. Keine Strassen, keine Wiesen und die Strudel am Fjordeingang viel zu gefährlich für ein kleines Boot. Außer den hunderten von Räumen und abertausenden Treppenstufen gibt es dort nichts. Sobald die Kinder laufen können lassen sich die Frauen versetzen - und ihre Männer gehen mit."
 "Also ein Ort für Männer, die noch keine haben, Männer, die keine mehr kriegen, und Frauen, die verzweifelt einen suchen?" Marek konnte sein Lästermaul mal wieder nicht im Zaum halten.
 Sigur blickte ihn böse an. "Wie konnte jemand mit deinem Mundwerk in der Umgebung des Königs etwas werden?"
 "Zufall", gab Marek zu. "Ich war zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort, um", er zögerte unmerklich, "einer wichtigen Person einen Dienst zu erweisen. Dadurch wurde der Kommandant der Festung auf mich aufmerksam und nahm mich probehalber in die Garde auf. Da die meisten nicht wussten wie man gegen jemanden mit einem Kurzspeer antritt, bekam ich einen festen Platz." Er tätschelte den Speer, der immer an seinem Gürtel hing.
 "Jetzt wissen sie, was sie dagegen machen müssen?" Sigur betrachtete mit Respekt den gut drei Fuß langen Speer, der fast zur Hälfte aus einer Klinge bestand, die einem Schwert in nichts nachstand.
 "Ja, vor allem wissen sie, welche Fehler sie nicht machen dürfen. Das habe ich ihnen deutlich gezeigt."
 "Das kann ich mir gut vorstellen", schmunzelte Sigur. "Vielleicht können wir mal einen Übungsgang machen. Wie nennt man eigentlich dieses Ding?"
"Hallve." Marek reichte sie ihm rüber.
 Sigur betrachtete den dicken, schwarzen Griff aus Hartholz mit seinem Rillenmuster für unterschiedliche Griffpositionen. Die zweischneidige Klinge zu prüfen war bei einem Mann wie Marek nicht nur unnötig sondern sie wäre auch beleidigend. Schlicht und funktional, eine Kriegerwaffe. "Ausbalanciert wie ein Wurfmesser", staunte er, als er sie ihm zurückgab.
 "Ja, sie ist recht vielseitig." Die Art wie er sie blind am Gürtel befestigte sprach von jahrelanger Übung.
 "So ein Zufall käme mir auch gelegen, irgendwann kennt man jede Stufe in den Türmen auswendig."
 Marek ließ sich nicht aus der Reserve locken und schwieg.
 "Es muss ja auch nicht unbedingt eine 'verzweifelte Frau' in der Zukunft auf mich warten", setzte Sigur noch eine Spitze drauf, aber es kam immer noch keine Reaktion.
 "Wenn ich schon keinen Urlaub bekomme um mich umzuschauen." Womit er das Gespräch wieder auf den eigentlichen Kern brachte.
 "Immerhin", begann Marek nach einer langen, nachdenklichen Pause, "ich war ganz normal im Dienst. Allerdings", er zögerte lange, "allerdings wurde mein Stellvertreter aus dem Urlaub geholt. Nicht, dass ich es dem verwöhnten Möchtegernadligen nicht gönnen würde." Seine Meinung über seinen Stellvertreter wurde ohne viele Worte klar. "Zu mir kam ein Bote, nachts, als schon alle schliefen. Mit dem Befehl mich bei unserem Geldsack zu melden. Sofort, und ohne dass es einer merken würde. Er gab mir den Umhang eines Dieners und führte mich auf einem Nebenweg aus der Burg, der zufälliger weise gerade unbewacht war. Dann auf Schleichwegen in das Hinterzimmer einer Spelunke. Dort wartete Ragnik und seither spielte ich seinen Leibdiener und Pferdeknecht." Er verzog das Gesicht. "Bis nach Valstangen, seither teilen wir beide uns dieses Vergnügen. Als Bulgar und Kelo nach Ramnavik dazukamen ist es auch nicht besser geworden."
 Sigur lachte leise. "Keiner mit klarem Verstand findet es ein Vergnügen unter Bulgar zu dienen. Er ist der beste, aber sicher nicht der angenehmste Kamerad."
 Marek kicherte. "Das kannst du laut sagen. Ich bekomme ja mit, wie er die Rekruten drillt. Der Fjord hatte wohl noch nie so einen guten Ausbildungsleiter - aber auch noch nie einen, der so gefürchtet wird."
 Marek schaute nachdenklich. "Der beste Krieger Scandiens und zwei Wachkommandanten als Begleitschutz für einen Händler. Das auch noch innerhalb des Fjords."
"Drei Kommandanten."
"Kelo ist Kommandant?" Marek war überrascht.
"Ja, sogar schon sehr lange. Es heißt, er wäre es mit zwanzig geworden, einer der jüngsten Kommandanten, die es je gab. Hier oben gibt es keinen, der ihm etwas vormachen kann, nicht mal der Hauptmann."
 "Ich habe mich über seine Selbstsicherheit gegenüber Hauptmann Bulgar gewundert, aber dass er so gut ist..." Marek brummelte. "Das macht die Sache nicht einfacher. Was kann Ragnik nur haben, dass es diesen Aufwand wert ist? Und dass niemand uns in der Garnison des Passes sehen darf."
Sigur bewies, dass er ein genauer Denker war. "Genauer gesagt, was zum Teufel will er in den Fjord schmuggeln?"
Marek stand auf um ans Feuer zurückzukehren. "Du könntest nach deiner Wache Bulgar fragen, der weiß es bestimmt", schlug er mit unschuldiger Stimme vor.
 Sigur fluchte ihm hinterher.

*

Marek hockte vor der Feuergrube und wärmte sich die Hände über dem kümmerlichen Feuer. Da sie niemand bemerken sollte durfte es nur ganz klein und rauchlos sein. Sorgfältig rückte er etwas Holz näher an das Feuer, damit es trocknen konnte. Mürrisch rührte er im Essenstopf und betrachtete den traurigen Inhalt. Er stand auf, ging zu Sigurs Unterstand und trat ihm leicht gegen die zugedeckten Füße. "Aufstehen, deine Wache fängt bald an."
 Sigur war sofort wach. Nach Tagen erzwungener Untätigkeit litt keiner von ihnen unter Schlafmangel. Er betrachtete Marek, während er sich die Stiefel schnürte. Mareks schlechte Laune war deutlich zu sehen. Er trug sie wie einen Mantel, für alle deutlich sichtbar. Sigur fragte sich, wie lange es bis zum ersten bissigen Kommentar dauern würde.
 "Wo ist der Hauptmann?" fragt Sigur.
 "Er ist bei der Passstrasse, kontrollieren was los ist."
 Sigur schritt knirschend über den frisch gefallenen Schnee. Er setzte sich zu Marek ans Feuer.
Marek rührte wieder im Topf.  "Als ob bei diesem Sauwetter ein vernünftiger Mann den Pass zur Pforte nehmen würde." Er hob missmutig ein getrocknetes Gemüsestück an. Es war noch lange nicht fertig. "In Fjordheim haben sie gestern den 'Trank der Einheit' geteilt."
 Sigur nahm schweigend einen Becher Tee.
 Marek fuhr fort: "Du kennst ja das Ritual. Tropfen von der Karaffe der königlichen Familie werden auf andere Karaffen verteilt, von dort wieder einen Teil an andere und so weiter. Es dauerte Tage bis es in alle Häuser und die anderen Städte kommt. Aber bis zum Schattenfest haben es alle im Fjord und jede Familie feiert wenn der Trank eben da ist. Der Palast jedoch feiert zusammen am ersten Tag. Alle, auch die Kinder und die Diener, gehen in den Thronsaal und holen sich ihren Kelch unter den Augen der königlichen Familie. Oft hat der König ein freundliches Wort für sie oder überreicht den Kindern ein kleines Geschenk. Und dann kommt das große Bankett, an dem jeder von allem essen darf."
"Ja", bestätigte Sigur, "wir am Tor bekommen ihn immer zwei Tage vor der Schattennacht. Das gibt dann ein riesiges Gelage."
 Marek war so in seinen Erinnerungen vertieft, dass er ihn nicht hörte. "Bei diesem Bankett gibt es alles was du dir vorstellen kannst. Rind, Schwein, Wild, Fisch, Muscheln, Brot aller Art. Sogar Obst aus den Südländern und Wein. Wein aus Sigur soviel man will! Und was haben wir? Hartbrot, getrocknetes Fleisch, getrocknetes Gemüse."
Sigur dachte: "Aha, es geht los." Er nahm sich noch eine Tasse Tee.
"Nicht mal ein Bier um diesen getrockneten Mist runterzuspülen. Nur Tee, eimerweise Tee. Seit Tagen schon nichts als Tee." Marek schaute Sigur aufmunternd an, aber dessen Gesicht blieb ausdruckslos, während er auf den heißen Tee blies.
 "Dir scheint der Tee ja zu schmecken." - Sigur drehte den Becher in seinen Händen.
 Marek war noch lange nicht fertig. "Wie hätten denn der Herr Wachkommandant heute gern sein getrocknetes Fleisch? Eingeweicht in kaltem Schnee oder lauwarmem Wasser? Ich könnte es auch in diesem köstlichen Tee weich kochen, das gibt ihm bestimmt Würze." Marek schaute angriffslustig.
 Sigur wollte dem Gespräch eine Wendung geben. "Ich habe gehört, König Bergamond will in der Schattennacht den Prinzen als Mitregenten einsetzen." Das war jedoch das falsche Stichwort, nun bekam Marek erst richtig Schwung.
 "Oh ja, Prinz Warrik wird Mitregent. Prinz Warrik, das Idealbild aller Prinzen", setzte Marek ätzend hinzu. "Sechs Fuß groß, stark wie ein Ochse. Kann hervorragend mit jeder Waffe umgehen und wenn er seine blitzenden blaue Augen schweifen lässt schmelzen die Kleinmädchenherzen dahin. Wie aus dem Bilderbuch. Nur leider ist er nicht nur stark wie ein Ochse sondern auch so klug. Der Himmel möge uns beistehen, wenn er mit den Gesandten der Kirche der Schrift und Volgurs verhandeln muss", schloss Marek erbittert.
 "Dir wäre Kuratson als König lieber?"
 "Kuratson als König? Schlau genug wäre er ja. Das richtige Mundwerk hat er auch. Der könnte sogar einen Priester der Schrift zur Dämonenanbetung überreden. Aber ein König vom Fjord, der im Dunkeln Angst hat und in einer Menschenmenge zu zittern anfängt?"
 "Es scheint, dass du den kleinen Prinz Keragon auf dem Thron haben willst." Sigur war die Litanei leid.
 Marek verschluckte sich am Tee. "Keragon?", hustete er, "der Hefeklops auf dem Thron?"
 Sigur zuckte zusammen. "Nennt ihr ihn im Palast wirklich Hefeklops?"
 "Meist nur Klops. Stimmt doch auch. Er wächst so schnell in die Breite wie in die Höhe. Dann ist noch dauernd dieser Venmistus um ihn herum und trichtert ihm die Schrift ein."
"Ich finde du siehst zu schwarz, Marek, wenn Kuratson ihm hilft, wird Warrik ein guter König werden. Sogar Keragon könnte nützlich sein, wenn er die Kirche der Schrift beruhigt. Einigkeit war immer die Stärke des Fjords."
 "Warrik ein guter König", schnaubte Marke. "Selbst wenn, es wird nicht reichen nur einen einigermaßen guten König zu haben. Bergamond ist sehr gut, aber selbst er konnte nicht verhindern, dass uns die Piraten von der See und Volgur auf der Landseite die Luft immer weiter abschnüren. Der Fjord hat nur diese beiden Ausgänge, aber ohne Handel kann er langfristig nicht überleben. Volgur und die Piraten erdrosseln uns und die Priester der Schrift vermehren sich im Fjord wie Fliegen auf einem Kadaver. Der Fjord stirbt einen langsamen Tod, Sigur, und was haben wir zu bieten? Einen Holzkopf, einen Angsthasen und den Hefekloß."

"Das ist Hochverrat!" erklang Bulgars leise, aber drohende  Stimme hinter ihnen.
 Sigur zuckte zusammen. Das war unmöglich, dachte er, wie konnte ein so großer, schwerer Mann bei fast einem Fuß Neuschnee sich in einem Wald unhörbar anschleichen. Niemand kann das. Nicht mal ein Tier.
 Marek war viel zu wütend um überrascht zu sein. "Hochverrat? Die Fürsten vom Fjord hatten noch nie etwas gegen ein offenes Wort. Was willst du machen? Mir wegen abfälliger Bezeichnung der Prinzen eine Ausgangssperre geben? Oder einen Monat Strafdienst in den Bergen bei Hartbrot und Trockenfleisch? Oder das bisschen Sold kürzen?"
"Ich könnte dich im Winter in der Arena fordern. Zu einem Schaukampf mit Kampfstöcken."
Marek wurde bleich. Mit Kampfstöcken gegen einen wütenden Bulgar. Er würde Monate brauchen um sich davon zu erholen. Sicher, Bulgar würde ihn nicht ernsthaft verletzten, diese Blöße würde er sich nicht geben. Trotzdem würde es Monate dauern, bis er ganz wiederhergestellt wäre.
"Wieso bleibst du eigentlich in unserer Armee, Marek? Jeden Tag nörgelst und meckerst du herum. Geh doch, unser König hält niemanden auf. Volgur zahlt gut. Viel besser als der König. Oder geh in die südlichen Fürstentümer. Was hält dich hier, wenn du an allem etwas auszusetzen hast?"
Marek antwortete zornig. "Der Fjord hat meine Großeltern aufgenommen, als sie wegen ihres Glaubens in die Sklaverei verkauft werden sollten. Der Fjord war gut zu meiner Familie als niemand zu uns gut war. Jetzt diene ich ihm dafür und werde das auch weiterhin. Egal wie gut oder schlecht der nächste König sein wird. Aber ich krieche niemandem in den Hintern. Nicht dem König, nicht einem der Prinzen und auch nicht dir."
 Bulgar zeigte seine Zufriedenheit über diese Antwort nicht. Auch nicht darüber, dass Marek trotz der Wut seine Lautstärke immer kontrolliert hatte. Ein Profi. Genau darum hatte er ihn damals nach der Probezeit empfohlen und nicht wegen seiner Kampfkraft. Mit solchen Männern kann man alles überstehen. Selbst die, was er aber nie zugeben würde, scheinbar aussichtslose Lage des Fjords.
 "Willst du uns nicht endlich sagen, um was es hier geht?" Marek war noch nicht bereit aufzuhören. "Wir sind ja keine grünen Jungs sondern alles erfahrene Wachkommandanten. Wir müssen wissen was dem Fjord gefährlich werden kann."
Bulgar schwieg und schaute über das Feuer auf den Rücken des Wache stehenden Kelo. Kelo, wie jeder erfahrene Wachsoldat, wusste genau, wann er offiziell außer Hörweite sein musste. Er war sich sicher, dass der ihn genau bemerkte als er vorher ins Lager zurück schlich. Sigur? Er war praktisch unsichtbar seit er sich in Mareks Tirade einschaltete. Unsichtbar, und trotzdem nur drei Schritte entfernt. Mit seinen jungen Jahren schon der beste Torwächter. Er saß hier mit den drei besten Soldaten des Fjords seit Tagen auf dem Pass der Pforte im Schlamm und wusste selbst nicht viel. Aber wenn der König befahl, dann folgte man. Bulgar beschloss sein bescheidenes Wissen mit ihnen zu teilen. Sie hatten ja Recht, als Kommandanten mussten sie wissen wann Gefahr drohte, und Gefahr drohte. Obwohl der einzige Pass in den Fjord bald  unter dem Schnee begraben sein würde. Er würde sie einweihen, aber nicht gleich. Wo käme man hin, wenn er sich von einem Soldaten Befehle erteilen ließe.
"Morgen", brummte er.
"Was?", fragte Marek verwirrt. Er hatte keine Antwort mehr erwartet.
"Morgen Mittag zum Wachwechsel reden wir. Wir vier." Bulgar machte deutlich, dass Marek keine Bevorzugung bekam.
"Mach dich für deine Wache fertig", sagte Bulgar und verzog sich in seinen Unterstand.

*

Kelo schnippelte ein paar getrocknete Möhren in den dampfenden Topf. Bald würde Mareks Wache vorbei sein und auch wenn er das Essen verabscheute, etwas Warmes lehnte in dieser Kälte niemand ab, egal was darin schwamm. Er lauschte, aber nicht einmal mit mehr als dreißig Jahren Erfahrung auf dem Pass konnte er Bulgar hören, der wieder eine seiner Runden drehte. Sigur gesellte sich zu ihm ans Feuer.
 "Das war eine nette Vorstellung von Bulgar gestern, nicht wahr?"
 "Ich habe nichts gehört, ich stand auf Wache." Das feine Lächeln um Kelos Lippen strafte ihn Lügen.
 "Soso, ein tauber Wachsoldat. So was ist Kommandant auf der Pforte. Nur gut, dass bald der Schnee kommt und der Pass dicht ist." Auch Sigur wusste mit Worten umzugehen, aber der immer gelassene Kelo ließ sich nicht provozieren. "Was denkst du, wie lange der Pass noch offen ist?"
 "Für Wagen vielleicht noch vier Wochen, meist ist drei Wochen nach dem Schattenfest Schluss, manchmal auch früher. Einzelne Reiter vielleicht noch acht Wochen, je nachdem wie verzweifelt sie sind."
 "Verzweifelt?"
 "Auf der Ostseite gibt es nur das Dorf Juntoheim, das ist unten im Tal an der Grenze. Dorf ist übertrieben, es ist eine Ansammlung von Lagerhütten der Händler und Baracken für die Zöllner. Bevor der Pass geschlossen wird, nehmen die Leute alles mit, ziehen über den Pass und überwintern dann im Fjord. Dann ist dort unten niemand mehr. Wahrscheinlich bauen einige jetzt schon ab. Ist ja sowieso nicht mehr viel los auf dem Pass."
 "Wenn also irgendwas passiert, dann in den nächsten vier Wochen", dachte Sigur laut nach.
 "Drei Wochen, höchstens. Ein Wagen oder eine größere Gruppe braucht drei Tage den Pass hinauf und auch drei wieder hinunter."
Kelo sah wie Bulgar mit Marek zum Lager kam. Die beiden setzten sich zu ihnen und nahmen schweigend von dem heißen Tee. Bulgar hatte alle Zeit der Welt, aber nicht einmal Marek ließ sich seine Ungeduld anmerken.
"Nun", Bulgar nahm noch einen Becher, "wie unser geschätzter Stratege gestern in seiner brillanten politischen Analyse darlegte ist die Lage des Fjordreiches schwierig." Bulgar schielte zu Marek, aber der verzog keine Miene. "Es scheint aber noch mehr Probleme zu geben als die Handelsblockade. Eine wichtige Botschaft ist auf dem Weg zu uns. Ragniks Aufgabe ist es, sie über die Grenze zu bringen. Seine Tarnung ist der Kauf eines Pferdes in Finimasul als Geschenk für Prinz Warrik.
Wenn er über die Grenze ist wird er die Garnison auf der Passhöhe ungesehen umgehen." Kelo zuckte zusammen. Bulgar gestattete sich ein Lächeln. "Diese Umgehung dient hauptsächlich der Zeitersparnis. Sobald er außer Sichtweite der Grenze ist wird er nur mit dem Pferd weiterreisen. Wie er das macht ist seine Sache."
 "Hauptsächlich der Zeitersparnis?" flüsterte Kelo.
 Bulgar ignorierte ihn. "Er wird uns hier treffen, dann sehen wir weiter. Vermutlich müssen wir die Botschaft nur in die Wächterburg bringen. Sollten andere Maßnahmen nötig werden...", Bulgar zögerte, "nun, das werden wir dann sehen. Das ist alles."
 Die drei Wachkommandanten dachten schweigend nach. Zuviel Aufwand für einen einfachen Botengang.
 "Wann wird er kommen?" fragte Sigur.
 "Vorausgesetzt es funktioniert wie geplant, dann morgen nach Mitternacht. Dann sind wir noch vor dem Schattenfest in Fjordheim und du kannst dir noch eine Magd als Begleitung für das Schattenfest suchen." Bulgar grinste Sigur an, dem vor Staunen der Mund offen blieb. Wie konnte er das gehört haben?
 

© Tom Wolf
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