Das Tor zwischen den Welten von Klaus-Peter Behrens
VII. Kapitel: Der Schlund

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Am späten Nachmittag näherte sich die Fähre schließlich dem Gebiet der Sumpfmenschen. Der Fluss halbierte sich an dieser Stelle. Die eine Hälfte verschwand in einem beeindruckenden Loch des Bergmassivs, das hier bis an den Fluss heranreichte, die andere Hälfte führte weiter durch das Sumpfgebiet. Die Freunde verstanden beim Anblick des dunklen Loches, warum es den Namen Schlund bekommen hatte. Sie bezweifelten kaum die Worte Garts, der ihnen erzählt hatte, dass noch keiner, der sich dort hineingewagt hatte, wieder herausgekommen war. Aus Sicherheitsgründen fand der Schiffsverkehr daher auf der anderen Seite des Flusses statt. Voraus, am rechten Flußufer, befand sich ein massiver steinerner Komplex mit einem Anlegesteg, die Bastion der Sumpfleute. Kleine Segelboote waren am Steg festgemacht. Eines davon kam ihnen nun mit erstaunlich hoher Geschwindigkeit entgegen. Tom schätzte es auf ungefähr sieben Meter Länge. Es erinnerte ihn an eine kleine Ausgabe der Wikingerdrachenboote. Der Bug war mit einer abschreckenden Fratze verziert und die Segel blutrot gefärbt. Mit einem gekonnten Wendemanöver ging das Boot längsseits. Es lag tiefer im Wasser als die große Fähre und war mit sechs Mann besetzt, die alle die gleiche taillierte Lederkleidung trugen, was ihnen einen Hauch von Uniformität verlieh. Tom registrierte beunruhigt eine beeindruckende Anzahl von Waffen. Offensichtlich kannte man einander; denn die Sumpfleute kamen ohne Umschweife zur Sache. 
"Ihr kennt das Spiel ja", begrüßte ein im Bug stehender Sumpfmensch die Zwerge, die ihrerseits auf die Bänke gestiegen waren, um über die Reling sehen zu können. Der Sprecher hielt eine gewaltige Armbrust locker in seinen Händen, um seinen Worten Gewicht zu verleihen.
"Allerdings, und ihr kennt unsere Einstellung", erwiderte einer der Zwerge. Lässig putzte er seine Axt und grinste den Armbrustträger frech an. Die restlichen Passagiere hingegen bemühten sich, die Köpfe unten zu behalten, da Armbrustbolzen sich bekanntlich unangenehm auf das körperliche Wohlbefinden auswirken können. In der Tat hob der Sprecher der Sumpfmenschen drohend seine Armbrust.
"Diesmal solltet ihr lieber bezahlen. Wir haben eine Überraschung für euch", warnte er mit grimmigem Blick.
"Laß mich raten. Ihr feiert eine Party anläßlich unserer hundertsten kostenfreien Durchfahrt", kam es höhnisch zurück.
"Euch wird das Lachen noch vergehen. Wir haben etwas gebaut, das euch in den Schlund befördern wird, wenn ihr diesmal nicht zahlt. Ihr solltet also lieber nachgeben."
"Träum weiter! Wann werdet ihr endlich begreifen, dass man Zwergen kein Geld abknöpfen kann. Also, macht‘s gut, wir sehen uns auf der Rückfahrt." Die Zwerge kletterten von ihren Bänken herunter und kümmerten sich nicht weiter um die Sumpfmenschen. Die waren sauer.
"Gut, ihr wollt es nicht anders. Ich wünsche euch eine schöne Reise durch den Schlund", rief der Sprecher der Sumpfmenschen wütend.
"Die habe ich aber gar nicht gebucht", kam es spöttisch zurück. Alle lachten, von den Sumpfmenschen einmal abgesehen. Ihr Segelboot drehte ab und entfernte sich schnell. Die Flüche des Kommandanten, waren noch eine Weile gut zu verstehen.
"Klingt irgendwie beunruhigend", meinte Dean, der aus Sicherheitsgründen seinen Standort an der Reling aufgegeben hatte und nun neben Tom saß.
"Pah, nur heiße Luft", erwiderte Gart.
"Warum haben sie nicht sofort geschossen?", wollte Tom wissen.
"Weil das gegen die Tradition wäre", erklärte Gart verschmitzt, "und im übrigen konnten sie ja nicht wissen, ob nicht noch weitere Zwerge hinter der Reling auf der Lauer lagen."
"Und wie geht es jetzt weiter?"
"Nun, wir gehen in Deckung und lassen uns von der Strömung treiben. Wie immer, werden sie uns reichlich mit Armbrustbolzen eindecken und wie immer werden sie daneben schießen." Tom sah ihn zweifelnd an.
"Bei unserem Glück, werden sie heute eine Ausnahme machen", wandte er pessimistisch ein. Dean beunruhigte noch etwas anderes.
"Glaubst du, sie haben wirklich etwas gebaut, das uns gefährlich werden könnte?", fragte er besorgt. Der Sumpfmensch hatte so selbstsicher geklungen. Gart schüttelte den Kopf.
"Das glaube ich kaum. Außerdem können wir uns dann immer noch Gedanken ..." Ein lauter unheimlicher Ton unterbrach ihn. "Hört ihr? Das ist das Angriffssignal." Wenige Augenblicke später drang der erste Bolzen mit einem klatschenden Geräusch in den Bootsrumpf ein. Hastig zogen die Freunde die Köpfe ein. Auf der rechten Seite des Flusses standen nun diverse Armbrustschützen verteilt und deckten die Fähre mit einem wahren Geschosshagel ein. Es kam einem Wunder gleich, dass niemand verletzt wurde. Die Luft war erfüllt von dem Zischen der Pfeile. Plötzlich registrierte Dean ein unheimliches, quietschendes Geräusch.
"Hörst du das?", fragte er Gart.
"Hmmm." Der Zwerg horchte irritiert. "Das ist neu."
Vorsichtig spähten sie über die Reling. Keine hundertfünfzig Meter voraus lag das Gebäude der Sumpfmenschen, wo sich inzwischen eine rege Betriebsamkeit eingestellt hatte. Am Wasserrand neben dem Bootssteg waren diverse Sumpfmenschen emsig damit beschäftigt, ein riesiges, vertikal am Boden verankertes Rad zu drehen. Zumindestens wußten die Gefährten nun, was das quietschende Geräusch verursachte. Neben dem Rad ragte eine massive Balkenkonstruktion auf, deren Pendant auf der anderen Seite des Flusses auf einem Felsen stand. Das Rad und der Balken, schienen mit Seilzügen verbunden zu sein.
"Was zum Teufel machen die da?", fragte Dean verwundert.
"Ich fürchte, sie versuchen uns den Weg abzuschneiden", knurrte Gart.
Tatsächlich erhob sich aus dem voraus liegenden Flußwasser eine feinmaschige Kettenkonstruktion, die wie ein Netz aussah und den Fluß überspannte.
"Glaubst du, das kann uns aufhalten?", fragte Tom beunruhigt.
"Ha, nie im Leben, es sei denn, sie haben Zwergenstahl verwendet", antwortete Gart, während die Fähre unaufhaltsam auf das Netz zutrieb. Gespannt warteten die Sumpfmenschen auf die sich anbahnende Kollision. Die ließ nicht lange auf sich warten. Mit einem gewaltigen Krachen trieb die Fähre gegen das Netz. Alle wurden nach vorne geschleudert. Die Balkenkonstruktion ächzte beängstigend. Das feinmaschige Netz war zum Zerreißen gespannt. Dann schnellte es plötzlich zurück, wodurch die Fähre in der Strömung um neunzig Grad gedreht wurde. Nun hing sie quer im Netz.
"Verflixte stumpfe Axt, sie haben doch Zwergenstahl verwendet. Eine Unverschämtheit!" Gart war ehrlich entrüstet. Eifrig bemühten sich nun alle, die Fähre wieder in eine akzeptable Position zu bringen. Doch aufgrund des permanenten Beschusses, der sie zwang den Kopf unten zu halten, gelang es ihnen einfach nicht. Die Fähre drehte sich also weiter in der Strömung und drohte nun in Richtung des linken Flußufers abzudriften. Während alle hektisch mit ihren Rudern hantierten, sah Tom etwas, das ihm das Herz in die Kniekehlen rutschen ließ. Hinter ihnen begann sich, ein zweites Netz aus dem Fluß zu erheben, so dass die Fähre nun wie ein Fisch im Netz gefangen war. "Vielleicht wäre jetzt der geeignete Zeitpunkt, einen Waffenstillstand vorzuschlagen?", rief er den mit dem Ruder kämpfenden Gart zu.
"Kannst es ja gerne versuchen", schrie dieser zurück und zeigte auf die unzähligen Armbrustbolzen, die überall im Boot steckten. Tom schluckte. Er war sich ziemlich sicher, dass die Sumpfmenschen erst auf ihn schießen und ihm dann zuhören würden. Die Aussicht war nicht gerade ermutigend. Es mußte eine andere Möglichkeit geben. Viel Zeit zum Nachdenken blieb ihnen allerdings nicht, denn die Fähre geriet nun zusehends in den Sog des Schlundes.
"Werft doch endlich den Anker", rief Dean ängstlich.
"Haben wir leider nicht, der war zu teuer", kam es von vorne zurück. Tom war außer sich. Die Sparsamkeit der Zwerge würde sie noch alle umbringen. Während an Bord die Verzweiflung eine neue Rekordmarke erreichte, betrachteten die Sumpfmenschen voller Spannung das Drama, das sich auf dem Fluß abspielte. Der Schlund ragte jetzt dunkel und drohend vor der Fähre auf. Niemand bezweifelte mehr ernsthaft den Ausgang dieses aussichtslosen Kampfes. Dann war es soweit. "Allmählich habe ich von Höhlen wirklich die Nase voll", schimpfte Tom noch, bevor die Fähre unter dem Jubel der Sumpfmenschen im Schlund verschwand. Diese Runde ging an sie.

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Der Schlund machte seinem Namen alle Ehre. Beim Anblick der feuchten Felswände, die das Geräusch des tobenden Wassers vielfach verstärkt zurück warfen, nur noch übertönt von den grässlichen Geräuschen, mit denen die Fähre an den Felswänden entlang scheuerte, waren alle überzeugt, dass der Schlund etwas, das er erstmal verschlungen hatte, freiwillig nicht wieder hergeben würde. Mit berstenden Geräuschen verabschiedete sich ein Ruder nach dem anderen. Angesichts dieses unerfreulichen Umstandes befahl der Troll, alle übriggebliebenen Ruder einzuziehen. An eine Umkehr war angesichts der starken Strömung, ohnehin nicht zu denken. Zum Leidwesen aller schrumpfte der Eingang in kürzester Zeit zu einem kleinen Punkt in der Ferne zusammen, so dass nun auch noch vollkommene Dunkelheit herrschte. Eilig wurden Lampen angezündet und bald erhellten flackernde Fackeln und Petroleumlampen gespenstisch das vorbeiziehende Szenario. Vorsorglich wurde der Mast gekippt. Wer wußte schon, ob sich die Decke nicht plötzlich senken würde. Derart gewappnet trieb die Fähre mit der Geschwindigkeit eines Schnellbootes durch den Tunnel und der Troll hatte arg zu kämpfen, um das stark schwankende Gefährt annähernd in der Mitte des Flußbettes zu halten. Da das Licht nicht sehr weit reichte, konnte es jeden Moment zu einer Katastrophe kommen. Dean und Tom ging nicht aus dem Kopf, was der Zwerg über diesen unterirdischen Fluß gesagt hatte. Sie hofften inständig, die ersten zu sein, die die Regel durchbrechen und hier wieder herauskommen würden. Immer wieder sahen sie sich nervös um. Der Tunnel schien zu ihrem Entsetzen auch noch zusehends schmaler zu werden. Tom beschlich das unangenehme Gefühl, in einem Modellflaschenschiff zu sitzen, das den aussichtslosen Versuch unternahm, durch den viel zu engen Flaschenhals zu entkommen. Kein schöner Gedanke. Er fragte sich, was Gart wohl fühlte, doch dieser trug den bekannten unerschütterlichen Gesichtsausdruck zur Schau. Tom bemerkte jedoch, dass der Zwerg immer öfter die näher rückenden Felswände musterte. Das einzig Positive an der ganzen Sache war, dass sich Deans Seekrankheit verabschiedet hatte, vermutlich verdrängt, von der Panik, die er verspürte. Medizinisch gesehen, war das eine interessante Erfahrung, doch Dean hatte im Augenblick nicht die Muße, sich damit näher auseinanderzusetzen. "Glaubst du, der Eimer übersteht diese Höllenfahrt?", fragte Tom beunruhigt.
"Zwergenfähren sinken nicht, schon vergessen?", versuchte Dean ihn aufzuheitern. Wie zum Hohn ertönte ein lautes, bösartiges Kratzen. Die Fähre war mit der linken Felswand kollidiert. Der Troll versuchte, schnell wieder in die Mitte des Flusses zurück zu gelangen, doch dieser war inzwischen so schmal, dass die Fähre nun die Felswand auf der Seite der Freunde streifte.
"Faszinierend, das ist Karstgestein", stellte Dean mit fachmännischem Blick auf die schwach beleuchtete, unmittelbar neben ihm vorbeiziehende Felswand fest. Vor lauter Begeisterung vergaß er völlig die Gefahr, in der sie sich befanden. "Es entsteht durch die Verwitterung von Kalkstein mit achtzigprozentigem Kalziumkarbonatanteil."
"Danke, jetzt fühle ich mich gleich besser. Es wäre doch traurig, wenn ich nicht wissen würde, was mir in diesem trostlosen Loch den Gnadenstoß versetzt hätte", erwiderte Tom bissig. Eine erneute, heftige Erschütterung dämpfte Deans Enthusiasmus. Die Fähre schwankte jetzt immer unkontrollierter hin und her. Der Troll war kaum noch in der Lage, sie auf Kurs zu halten. Schließlich war die Fähre bestenfalls für langsame Rudermanöver geeignet. Das Ende schien also absehbar. Doch gerade als Tom sich damit anzufreunden versuchte, dass er bald die Gelegenheit zu einem ausgiebigen Bad haben würde, hörte die rasante Fahrt zur grenzenlosen Erleichterung aller abrupt auf. Tom war als erster auf den Beinen und sah sich um. Das laute Rauschen der Strömung verklang allmählich in der Ferne. Erstaunt stellte er fest, dass die Fähre nun auf einer spiegelglatten Wasserfläche trieb. Das Licht der Fackeln reichte nicht weit genug um zu erkennen, wie groß dieser unterirdische See war. Eines stand für alle jedenfalls fest, es war eine deutliche Verbesserung zu der gerade durchlittenen Höllenfahrt. Nun stellte sich nur die Frage, wie es weitergehen sollte. Dean sprach das aus, was die meisten vermuteten:
"Irgendwo muß es einen Abfluß geben. Wir müssen ihn nur finden."
"Und was ist, wenn wir nicht durchpassen?", fragte Tom gereizt.
"Dann haben wir ein Problem", beschied ihm Gart nüchtern und griff sich ein Ruder.
"Also fahren wir weiter und hoffen aufs Beste", brummte der Troll und kurze Zeit später setzte sich die Fähre wieder in Bewegung. Am Bug wurde ein Passagier postiert, um rechtzeitig vor Gefahren zu warnen. Eine blasse Laterne ließ das voraus liegende Gewässer im fahlen Licht unheimlich erscheinen. "Etwas macht mir allerdings ernste Sorgen", seufzte Dean nachdenklich während die Fähre über den totenstillen See glitt.
"Dass du vom Rudern Muskelkater bekommst?", zog Tom ihn auf, doch Dean ignorierte ihn und fuhr fort. 
"Wenn ihr ehrlich seid, dann war die Fahrt bisher eigentlich gar nicht so schlimm. Zugegeben, für eine Fähre schon, aber für ein entsprechend ausgerüstetes Boot, wäre die Fahrt relativ gefahrlos zu machen gewesen."
"Worauf willst du hinaus?", warf Gart ein.
"Nun, keines der Schiffe, die das Pech hatten, hier hinein zu geraten, ist bisher wieder aufgetaucht, richtig?"
"Nicht, soweit ich es weiß." Gart nickte ernst.
"Wenn das so ist, dann läßt das nur einen Schluß zu: Das Schlimmste liegt noch vor uns", flüsterte Dean.
 

© Klaus-Peter Behrens
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Und schon geht's weiter zum 8. Kapitel: "Die Schlundbestie"

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