Vampire von Dragonsoul Lianth
4: Magdalena

Das Etablissement "Club Noir" ist anscheinend recht groß. Doch selbst wenn dem nicht so wäre, ich hätte wahrscheinlich nicht anders reagiert. Ich bin das aller erste Mal in solch einem Gebäude, mit so vielen Menschen auf einmal - Ich habe im Allgemeinen nicht viel mit der Gesellschaft zu tun. Als ich den großen Raum direkt hinter dem Eingangsbereich betrete, bleibe ich erst einmal verdutzt stehen und blicke mich unwohl um. Hier ist es zwar schön dunkel, aber es ist auch laut und von einer Menge Menschen gefüllt, die auf eine Art zu tanzen versuchen, die mir ein wenig albern und sehr befremdlich vorkommt... Und auch die Musik im Hintergrund kommt mir sehr gewöhnungsbedürftig vor...
Die anderen Vampire verteilen sich ziemlich schnell in dem Raum, vor allem Clara merkt man an, dass sie wohl jagen will. Ich schlendere schließlich langsam durch den Raum. Ich muss nicht jagen, ich habe noch genug Energie. Aber inzwischen ist mir ein kleines bisschen langweilig und ich folge Clara langsam in Richtung Bar. An der Bar sitzt ein stämmiger Kerl, der sich gerade darüber beschwert, dass der Doppelte (was auch immer das für ein Getränk sein mag...) kleiner ausfällt, als er ihn sich eigentlich vorgestellt hat.
Nur aus Langeweile setze ich mich an die Bar und beobachte den Kerl, den nun ein fast volles Glas mit übel riechendem Alkohol darin vorgestellt wird. Dabei blicke ich den Barkeeper ein bisschen belustigt an. "Hat wohl schon viel intus?" frage ich. Der Mann blickt mich ein wenig abweisend an. "Glaub mir, das willst du nicht wissen, Kleiner!" Unwillkürlich verziehe ich den Mundwinkel und knurre den Menschen leicht säuerlich an. Sofort lenkt dieser ein. "Entschuldigen Sie bitte. Was möchten sie denn trinken?" Als ich ihn noch immer schief angucke, lächelt er zuvorkommend: "Das geht auf Kosten des Hauses!"
Einen Augenblick lang starre ich den Mann nur mit offenem Mund an und weiß weder, was ich denken noch was ich sagen soll. Ich kann doch gar nichts trinken... Aber schließlich stiehlt sich ein Grinsen über mein Gesicht und ich blicke den Barkeeper schon mehr als dreist an. "Na dann nehme ich das teuerste, das Sie haben!" Kurz staunt er mich an, doch dann wird sein Gesicht finster. "Dein Gesicht merk ich mir!" knurrt er, doch dann hantiert er kurz hinter der Bar herum und stellt mir dann einen Eimer mit Alkohol hin. "Bitte, Sangria. Wie viele Strohhalme wollen Sie?"
Wieder stutze ich erstaunt. So leicht ging das? Ich blinzele ein paar Mal, ehe ich mich fasse und einfach fünf Finger heb. Mehr hab ich nicht an der Hand... Missmutig packt der Barkeeper sie hinein und sieht mich dabei gar nicht mehr freundlich an. Ich wundere mich noch einen kurzen Moment darüber, wie weit man doch bei den Menschen mit simpler Dreistigkeit kommt - hätt ich das mal früher gewusst! - doch dann nehme ich den Pott und steuere direkt auf meine vampirischen Begleiter zu.
Den Stolz über meine Errungenschaft kann ich mir nicht verhehlen, das muss mir erst einmal einer nachmachen! Ich grinse über das ganze Gesicht, als ich die anderen erreiche und halte ihnen prahlerisch den Pott entgegen. Die Blicke, die ich bekomme, sind nicht gerade begeistert - und das ändert sich auch nicht, als ich ihnen sage, dass ich das immerhin für kostenlos bekommen habe... Spielverderber! Der einzige Kommentar, den ich bekomme, ist ein: "Ich wünsch dir viel Spaß beim kotzen!"
Aber ich antworte lieber nicht darauf. Klar kann ich keinen Alkohol trinken, aber die Menschen sind doch versessen darauf. Mal sehen, ob sich eine hübsche Dame finden lässt... Also schere ich mich nicht weiter um die anderen Vampire, die es doch eh nicht begreifen werden, dass ein guter Jäger Fallen stellen muss. Stattdessen gehe ich zu einem der Tische nahe dem Eingang und setze mich daran und stelle den Pott vor mich hin. Es wird schon eine hübsche Frau kommen, die ein kostenloses Getränk nicht abschlägt - ich bin nicht viel unter Menschen, aber diese Lektion habe ich schon längst gelernt: Menschen schlagen selten etwas Kostenloses aus...
Während ich wartend auf dem unbequemen Stuhl sitze und alle, die in Sichtweite vorbei gehen, mustere, bemerke ich aus den Augenwinkeln, wie die anderen sich in die verschiedenen Räume aufteilen - Clara allen voran. Ich bin sowieso erstaunt, wie verträglich diese Frau auf einmal geworden ist... Als ich sie im Wald traf, hätte sie mir am liebsten den Kopf weggeschossen, weil sie mir partout nicht glauben wollte, dass ich nicht dem Sabbath angehöre, und nun, seitdem wir sie am Louvre wieder getroffen haben - keine vier Stunden später! - ist sie ganz anders. Malkavianer! Verrückte eben!
Ich habe nun so einige Zeit, über die vergangenen Stunden nachzudenken. Es ist schon seltsam: Als ich mich heute Abend auf den Weg zurück nach Paris, meinem Zufluchtsort, gemacht habe, war ich noch der strikte Einzelgänger, wie stets zuvor. Ich habe die Anwesenheit der anderen auch nicht gerade gewünscht, aber auf irgendeine Art gefällt sie mir dann doch. Es ist mitunter recht witzig mit diesem verrückten Bert und - auch wenn er arg schießwütig ist - über Nikolas kann man auch lachen. Zumindest vertreiben sie die Langeweile recht eindrucksvoll - erinnert mich ein bisschen an alte Zeiten...
Und dennoch... Jetzt sitze ich hier in einer ... Disco, mit einer unerträglichen Musik im Ohr und von derart viele Menschen umgeben, wie noch nie zuvor. Ich bin Gangrel, mir ist hier doch recht unwohl und irgendwo bin ich auch dankbar dafür, dass die anderen Vampire mich nun in Ruhe lassen. Alles hier ist neu für mich - ich wusste wirklich nicht, wie einfach es ist, gegen die Menschen zu bestehen... Ich will noch mehr wissen, aber ich will es auf meine Art erfahren, nicht auf diese selbstverständliche, die die anderen an den Tag legen... Das ist nichts für mich...
Und tatsächlich habe ich mich nicht in den Menschen geirrt. Es hat zwar eine Weile gedauert aber was will man erwarten, wenn man schweigend an einem schattigen Tisch sitzt? - aber nun kommen zwei recht junge Frauen zu mir heran. Eine der beiden, ein junges Ding, das jedes Alter zwischen 19 und 30 haben könnte, ist bereits leicht alkoholisiert - den strengen Geruch erkenne ich auch auf größere Entfernung - und die andere, ich schätze sie auf Anfang dreißig, macht einen wachen Eindruck. Entweder hat sie weniger getrunken oder sie verträgt den Alkohol besser als ihre Freundin.
"Ist hier noch ein  Platz frei?" fragt die Jüngere und setzt sich auf meine Einladung prompt neben mich. "Den guten Sangria willst du doch nicht warm werden lassen, oder?" Ich grinse sie einfach nur an und schüttele den Kopf. "Bedient euch ruhig, ist ja mehr als genug." - "Den bekommen wir locker weg!" lacht nun die andere, die sich mir gegenüber gesetzt hat. Und schon haben die zwei sich jede einen Strohhalm gegriffen und trinken den Sangria, dass ich nur staunen kann. Habe ich früher auch Alkohol so einfach weggetrunken, wie die beiden? Ich kann mich wirklich nicht mehr daran erinnern...
Aber ich lasse mich auch nicht lang auf diesen Gedanken ein. Es ist schon so lange her, dass ich unter den Roma durch den Süden Frankreichs gezogen bin. Ich kann mich eigentlich an kaum mehr etwas davon erinnern - wie meine Mutter aussah? Wer weiß das schon, sie ist seit gut 140 Jahren tot, oder schon länger... Das Einzige, das zählt, ist das Überleben im Hier und Jetzt das ist immerhin schwer genug, wenn man dem Clan der Gangrel angehört.
"Wie heißt du denn?" fragt mich die Frau neben mir. "Vincon." antworte ich und lächele sie dabei so nett an, wie ich nur kann. "Und du, meine Schöne?" Sie grinst, während ihre Freundin die Augen verdreht. "Ich heiße Magdalena." lächelt sie, doch ihre Freundin mir gegenüber scheint nicht besonders angetan. Wie sagte, hieß sie noch gleich? "Aber damit das klar ist:" murmelt Magdas Freundin, "Ich habe einen Freund!" Als ob mich das interessieren würde - sie ist sowieso viel zu abweisend für meine Zwecke...
Magdalena ist da viel offener. Sie kichert zwar ein bisschen unangenehm, aber das macht wohl der Alkohol. Was die Menschen daran nur so toll finden? Und sie stört es auch nicht, als ich ihr einfach nach einigen Augenblicken den Arm um die Schultern lege. Im Gegenteil: Sie kichert wieder auf ihre kindische Art, die aber auch etwas süßes hat, und lässt sich nicht davon stören. Aber sie fängt nach einer Weile an, auf dem Hocker mit der Musik mitzugehen.
Ich bemerke das sehr wohl. Das ist eine Chance, dass ich sie endgültig begeistern kann. Aber es ist auch eine Chance, mich absolut lächerlich zu machen. Immerhin habe ich seit meinem Dasein als Kainskind nicht mehr getanzt. Und wenn ich die Menschen auf der Tanzfläche beobachte, dann merke ich auch einen großen Unterschied zwischen den Tänzen, die ich damals bei den Roma gelernt habe. Aber andererseits wäre es weggeworfene Zeit, wenn ich es nicht zumindest versuchen würde...
Also beiße ich wohl oder übel in den sauren Apfel und frage Magdalena, ob sie nicht tanzen will. Ohne etwas zu sagen, springt sie auch schon auf und läuft zur Tanzfläche. Ich folge ihr etwas weniger enthusiastisch und beobachte dabei die anderen Menschen auf der Tanzfläche. So kompliziert scheint das nicht zu sein, was sie machen. Und mit mehr oder weniger Geschick schaffe ich es sogar auch, den 'Tanz' nachzuahmen und weitestgehend im Takt zu bleiben. Und ich scheine doch tatsächlich Erfolg zu haben: So wie sie mich anlächelt habe ich nicht nur ihr Vertrauen, sie scheint mich sogar doch zu mögen...
Ein paar Minuten verbringen wir auf der Tanzfläche, ehe wir zum Tisch zurück gehen. Magdas Freundin hat sich während der ganzen Zeit mit dem Sangria beschäftigt und blickt uns nicht allzu begeistert entgegen. Noch einige Minuten reden wir miteinander, dann blickt Magdas Freundin mich fragend an: "Trinkst du nichts?" Ich schüttele den Kopf. Erstaunlich, dass die Frage erst jetzt kommt. "Nein, ich muss noch fahren..." - "Kannst du uns dann nicht nach Hause bringen?" fragt Magdalena nun sichtlich betrunken.
Um hierauf eine passende Ausrede zu finden, muss ich erst einmal nachdenken - ich kann doch gar nicht Auto fahren! Ich habe dessen Erfindung zwar miterlebt, aber an diese Maschinen habe ich mich nie herangetraut, so wenig wie an viele andere Erfindungen der Neuzeit. Nach einigen Sekunden jedoch setze ich ein bedauerndes Lächeln auf. "Geht nicht, der Wagen ist voll!" - "Und uns kurz zurück bringen?" - "Ist nicht mein Wagen" rette ich mich, "Und der Besitzer würde mich durch den Fleischwolf drehen." Und dabei denke ich wieder an Clara - das muss meinem Gesicht die nötige Überzeugungskraft geben...
Denn Magdas Freundin fragt mich nicht weiter, sondern widmet sich wieder schweigend dem Sangria. Ich lege Magdalena derweil den Arm um die Taille, worauf sie den Kopf an meine Schulter legt. Aus der Entfernung bemerke ich Clara in der Tür stehen und mich kopfschüttelnd angucken. "Und zu mir sagst du, ich sei verrückt!" formen ihre Lippen lautlos. Doch ich kann sie nur über die Schulter angrinsen. Ebenso lautlos antworte ich ihr: "Frechheit siegt!" Darüber schüttelt sie nur den Kopf und verschwindet wieder in einen Nebenraum.
Doch inzwischen scheint es Magdas Freundin zu viel zu werden, wahrscheinlich ist ihr einfach nur langweilig, denn sie steht auf. "Ich gehe jetzt." seufzt sie. "Bleib doch noch!" bittet Magda sofort, doch sie schüttelt den Kopf. "Ich muss morgen zur Arbeit!" meint sie ärgerlich. "Du kannst die Berufsschule vielleicht ausfallen lassen, aber ich kann mir das nicht leisten!" - "Na gut..." murmelt Magdalena, doch das schert sie nicht lange.
Denn kaum hat ihre Freundin den Tisch verlassen, murmelt sie vor sich hin. "Weißt du, Berufsschule ist blöd... Ich habe schon drei Ausbildungen geschmissen. Ich war mal in einer Bank, aber da ist es scheiße, die sind so spießig!" Ich lächele nur vor mich hin. Ich hab auch den ein oder anderen Banker erlebt - die sind einfach nur abschreckend! Also ich kann sie da wirklich verstehen... Und dennoch höre ich nur halbherzig zu, während Magda weiter redet. Ich bin eben nicht der Typ, der solche Geschichten interessant findet.
Es vergeht vielleicht eine viertel Stunde, bis ich Clara zum Eingang - ich traue in diesem Moment meinen Augen nicht - herein kommen sehe. Ich weiß nicht, wann sie nach draußen gegangen ist. Und ich sitze immerhin so, dass ich gerade den Eingangsbereich überschauen kann. Also wann, zum Teufel, ist sie an mir vorbei geschlichen, dass sie unbemerkt nach draußen gekommen ist? Oder bin ich gar nachlässig und unvorsichtig geworden? Das wäre aber gar nicht gut!
Sie macht jedenfalls einen sehr nachdenklichen und niedergeschlagenen Eindruck, als sie an den Tisch heran tritt. In sehr leisem Ton fragt sie an, ob sie sich dazu setzen könnte - was um alles in der Welt ist mit der auf einmal los!? Aber ich lasse mir nichts anmerken, sonder nicke nur stumm, um sie dann etwas verstohlen zu mustern. Anscheinend hat diese Frau auch eine recht verträgliche Seite. Und dennoch: Sie hat mir zur Begrüßung eine Waffe unter die Nase gehalten, da kann man nie vorsichtig genug sein, vielleicht ist das jetzt der Ausnahmezustand?
Kurz setzt Magda sich auf und sieht mich fragend an: "Ist das deine Freundin?" fragt sie mich ein wenig enttäuscht. Doch ich schüttele den Kopf. "Nein, ihr gehört der Wagen, mit dem wir hier sind." - "Ach so..." sie lehnt den Kopf wieder an meine Schulter. "Willst du auch was trinken?" - "Nein," murmelt Clara und starrt nachdenklich auf ein Papier vor sich, "ich muss noch fahren." Das ist eine schlechte Antwort, doch Magdalena scheint zu betrunken, um es zu bemerken. Das ist noch einmal gut ausgegangen...
Nach einigen Minuten will Magdalena nun auch gehen. Wahrscheinlich ist das auch besser so - bevor sie noch mit einer Alkoholvergiftung zusammen bricht und mein Plan gefährdet ist... Ich habe ja inzwischen schon ihre Nummer, also kann ich sie auch getrost gehen lassen. Nur leider scheint sie wirklich nicht zu wissen, wie sie dahin kommen soll - sie wohnt ein gutes Stück vom "Club Noir" entfernt und zu Fuß gehen ist deswegen nicht möglich. Könnte ich sie begleiten, ließe ich es darauf ankommen, aber ich muss ja leider hier bleiben. 
Also schlage ich das Einzige vor, das in diesem Falle möglich ist: Dann muss sie eben mit dem Taxi fahren! "Aber ich habe doch gar nicht genug Geld!" murmelt sie, während ich sie zum Ausgang bringe. In diesem Fall bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als das Taxi wohl oder übel für sie zu zahlen. Ich will kein Risiko eingehen - sie könnte mal nützlich werden. Und als Vampir habe ich ja nicht so große Ausgaben, dass mein - wenn auch recht geringes Gehalt - dafür nicht auch noch ausreichen würde...
Ich schärfe dem Taxifahrer noch ein, erst wieder zu fahren, wenn sie auch zur Tür hinein ist - Menschen vertragen so wenig und brechen so schnell zusammen... - und zahle den Weg im Voraus. Dann gehe ich wieder hinein. Nun habe ich nicht nur ihre Nummer, sondern weiß auch ihre Adresse. Eine erfolgreiche Nacht, soviel steht zumindest jetzt fest - mein Plan ist aufgegangen, nun habe ich wieder jemanden, der mir hin und wieder nützlich werden könnte...
Als ich wieder zum Tisch zurück komme, sitzt Clara noch immer da und starrt auf irgendwelche Aufzeichnungen vor sich. Ich setze mich ihr gegenüber und stemme das Kinn auf die Handflächen, um sie zu beobachten. Ich habe keine Ahnung, weswegen sie so ein Gesicht zieht... Aber plötzlich hebt sie den Kopf und sieht mich nachdenklich an. "Ich habe vorhin jemanden getroffen...", seufzt sie, "und er sieht jemandem sehr ähnlich, den ich vor 90 Jahren kannte... Aber ich weiß nicht so recht..." Unwillkürlich muss ich grinsen. Clara kann ja wirklich verträglich sein! Hoffentlich ist so immer so nachdenklich wie jetzt, dann habe ich meine Ruhe...
 
© Dragonsoul Lianth
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Und sicher schon bald geht's hier weiter zum 5. Kapitel...

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