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Xendium - Manifestation von I.S. Alaxa
Teil 2 - Die letzten Tage von Windwibbenburg
Kapitel VII

Die Nachricht von der Zerstörung Excelsiors war die erste von zwei Neuigkeiten, die die Xendii von PAGAN in Aufruhr versetzten. Die andere Bombe explodierte noch am selben Abend, stürzte selbst die optimistischsten, friedliebendsten unter ihnen in eine schwere Sinnkrise und hinterließ die schreckliche Vorahnung von Krieg und Tod.
Die Node von Azteca war gekapert und sämtliche Mitglieder der Domén Arx Taraqua waren getötet worden. Zu diesem unmenschlichen Verbrechen bekannte sich angeblich ... PAGAN!
Viele in der Allianz, die sich mit den Gedanken getragen hatten, sich zu der rivalisierenden Organisation der RSA zu flüchten, nahmen plötzlich Abstand von ihrem Vorhaben; eine Flut an Briefen und E-Mails von zweifelnden, besorgten Xendii brach über den Rat von PAGAN ein.
Dieser tagte wieder einmal seit Stunden im Aquarium, denn nur wenig später nach dieser grauenhaften Nachricht und der infamen Unterstellung der Allianz war ein Bote aus Orientalis eingetroffen und bat um nichts weniger als um militärische Unterstützung, da das Haus El Beyt Akkamar die Spezialtruppe von De Navarris hinter dem Verbrechen vermutete und befürchtete, als nächste an der Reihe zu sein. War Chillán Taraqua nicht derjenige gewesen, der sich bei der letzten Sitzung der RSA vehement gegen die Pläne Europas und America Boreas gestellt hatte, so wie das Haus Zimberdale und eben El Beyt Akkamar?
Die Kontinentalräte hatten noch zuviel Wut in sich und waren offensichtlich geneigt, sämtliche wehrfähige Xendii nach Orientalis zu entsenden, doch es gab zwei Stimmen in dem fast einhelligen Rachechor, die ganz anderer Meinung waren.
»Haltet die Luft an!«, brüllte Aévon von seinem Sitz in der Versammlungsarena. »Von meinen Leuten geht jedenfalls niemand nach Orientalis, das steht fest. Ich hatte das Vergnügen, die Sippe El Beyt Akkamar kennen zu lernen. Sie sind gierige, verschwendungssüchtige Opportunisten, die mit demjenigen liebäugeln, der ihnen genug Geld dafür gibt. Ihre Loyalität geht an den Meistbietenden. Ich wette, De Navarris hat sie schon längst ersteigert.«
Georg Midfield, kaum mehr als ein zitterndes, schweißgebadetes Bündel in seinem Rollstuhl, beugte sich unter großen Mühen zu Mira vor und flüsterte ihr etwas ins Ohr.
»Wir können doch nicht auf deine Verdächtigungen hin riskieren, dass De Navarris noch eine Node unter ihre Kontrolle bringen!«, rief die Vizepräsidentin daraufhin zu dem jungen Zimberdale empor.
»Ich teile die Vorsicht meines Sohnes«, entgegnete Procyon mit bedrücktem Gesicht. »Wir sollten ihnen allenfalls einige Leute zur Seite stellen und eine größere Truppe in Bereitschaft versetzen, notfalls sofort hinüberzugehen. Aber ein Heer dorthin zu entsenden ohne die Möglichkeit, ihnen zu helfen, falls...«
»Falls was?«, wollte ein chinesischer Kontinentalrat wissen. »Nicht einmal De Navarris wagt es, einen offenen Krieg zu riskieren. Auch wenn wir in vielen Punkten völlig anderer Ansichten sind - sie möchten den DiS-Level genauso wenig erhöhen wie wir.«
»Anscheinend ist ihnen das schon längst egal«, wandte Aévon verächtlich ein. »Sonst hätten sie nicht dieses Manöver in Azteca gestartet. Es geht jetzt nur noch darum, wer die Kontrolle über die meisten Noden gewinnt und damit mehr Macht. De Navarris hält nichts von Mitbestimmung aller Sippen und Bewegungs- und Glaubensfreiheit für den einzelnen Xendi, wie eigentlich die meisten Domén und Mayor Arxes der RSA. Sie sehen sich in der Tradition selbstherrlicher kleiner Feudalherren, die dem gemeinen Volk vorschreiben und drohen können, was und wann immer es ihnen beliebt. Sie sind Relikte, die ihren Untergang einfach nicht kampflos hinnehmen wollen. Und wenn schon untergegangen wird, dann bitte mit Mann und Maus und ohne Rücksicht auf die Zukunft.«
»Aber in Orientalis gibt es viele kleine Sippen, die auf unserer Seite stehen«, wandte eine arabischstämmige Kontinentalrätin ein. »Ich habe viele Mails und Anrufe bekommen, dass man der Darstellung der RSA nicht so recht traut. El Beyt Akkamar ist unter den Minor Arxes von Orientalis höchst unbeliebt, aber leider gibt es dort keine Möglichkeit, die herrschende Domén Arx abzusetzen, solange die Mayor Arxes hinter ihnen stehen. Dennoch ist Buran El Beyt Akkamar nicht sonderlich daran gelegen, noch mehr Stimmen aus den kleineren Arxes gegen sich aufzubringen. Deshalb denke ich nicht, dass er mit De Navarris gemeinsame Sache macht. Die arabischen Xendii lassen sich viel bieten - aber wehe, es überschreitet einen gewissen Punkt. Dann wird kurzer Prozess mit den Herrschern gemacht. Ich denke, die orientalische Domén Arx wird von De Navarris erpresst - und bittet uns nun um Hilfe. Wir können sie ihnen einfach nicht versagen! Haben wir damals nicht auch Australia gegen die RSA beigestanden?«
»Ja, und das und noch viel mehr tragen sie uns bis heute nach«, entgegnete Procyon düster.
»Und damals hatten sie auch noch keine überbegabten Xendii, weswegen die Kämpfe um Australia schnell zu Ende waren, angesichts der Überlegenheit PAGANs. Ich habe in meinem Leben drei große Fehler gemacht. Einer davon war, auf De Navarris hereinzufallen, als sie mich baten, das Leben gewisser Gefangene zu verschonen, die ich gemacht hatte, als ich ein Nest von wahnsinnigen Fanatikern ausgehoben habe. Schon damals waren sie auf den Geschmack gekommen, aber die eigenen Regeln der Allianz verbieten es offiziell bis heute, überbegabte Kinder am Leben zu lassen. Inoffiziell hält sich jede Domén Arx ihre kleine Truppe an Doppel-Xendii, und De Navarris ist noch einen Schritt weitergegangen und hat sich besonders gefährliche Exemplare an Bord geholt. Dieser Thanatos, der heute General der europäischen Xendii-Armee ist, war vielleicht zwölf oder dreizehn, als er von meinen Leuten in der Siedlung von Mére D’Enfer gefangen genommen wurde. Aber er war schon damals ein seelischer Krüppel, zum Töten abgerichtet. Nichts und niemand kann ihn von seiner andressierten Grausamkeit erlösen als alleine der Tod.«
Aévon, der finster auf seine Hände starrte, knurrte leise: »Und was waren die beiden anderen Fehler? Lass mich raten: Dich mit einer Hure von Mére D’Enfer einzulassen, die dann mit deinem Sohn abgehauen ist?«
Da der Geräuschpegel durch zahllose Diskussionen der Räte untereinander immer noch hoch war, achtete niemand auf Procyon und seinen Sohn.
»Es war ein Fehler, damals nicht besser auf dich aufgepasst zu haben. Das werfe ich mir jeden Tag vor«, sagte Procyon mit zitternder Stimme und wandte dann den Blick von seinem Sohn ab, dessen Gesicht sich vollkommen verhärtet hatte. Würde er ihm dieses Versagen jemals verzeihen? Es sah nicht danach aus.
»Stets die gleiche Leier. Nun ja, ich bin es ja gewöhnt. Und Nummer drei?«
»Darüber will ich nicht reden, aber es hat nichts mit dir zu tun.«
»Na, dann kann es wohl nicht so schlimm sein.«
»Ich hoffe es sehr. Es wird sich noch herausstellen, ob dieser Fehler alle meine anderen Verfehlung um das Tausendfache überbietet.« Procyon strich sich müde über das Gesicht.
»Klingt interessant«, meinte Aévon ironisch. »Was könnte schlimmer sein, als sich gegen besseres Wissen mit abartigen Subjekten einzulassen?«
»Aus Liebe das Falsche zu tun und sich gegen den Lauf der Dinge stemmen zu wollen. Töricht genug zu sein, um zu glauben, man könne dem Tod ein Nase drehen.«
»Hast du es wenigstens geschafft, dem Tod eine Nase zu drehen?« Aévon hob interessiert die Braue.
»Ja. Und ich habe Angst, dass nicht nur ich alleine die Quittung dafür bekomme.«
»Ich kann mich nicht erinnern, dass du jemals todkrank warst...«
»Ich spreche auch nicht von mir.«
»Jetzt machst du mich aber wirklich neugierig. Lass mich überlegen. Oh! Erzähl mir nicht, es hat mit Tigris zu tun. Sie schwärmt von dir, weil du angeblich ihr Xendium unterdrücken konntest. Was ich persönlich nicht glaube. Sie ist lediglich ein Spätzünder, der von verblödeten Daimons dieses Amulett aufgehalst bekommen hat. Wir sollten einen Weg finden, sie davon zu befreien. Sie wird noch wahnsinnig davon. Und das könnte ich mir beispielsweise niemals verzeihen.«
»Ich ...« Für einen kurzen Moment war Procyon entschlossen, Aévon beiseite zu nehmen und ihm alles über jene Nacht vor siebzehn Jahren zu erzählen, in der er einen schwerwiegenden Fehler begangen hatte, nur um die Frau, die er liebte, nicht vollends zusammenbrechen zu sehen und das Leiden eines kleinen, hilflosen Geschöpfs zu beenden, das sich in Krämpfen unter den übermächtigen Energien des Doppel-Xendium wand und zu sterben drohte.
Endlich das Wissen über dieses Verhängnis mit jemandem teilen, endlich nicht mehr alleine mit dieser Bürde zu sein. Vielleicht einen hilfreichen Rat erhalten... er sehnte sich so sehr danach, dass jemand ihm sagte, wie er sich verhalten sollte, wie er sich IHR gegenüber verhalten sollte. Für alle anderen war sie die geliebte Tochter und Schwester, Freundin, ein vom Doppel-Xendium schwer geschlagenes armes Menschenkind.
Doch für ihn ... er wusste, was sie in Wahrheit war.
Seit ihrem Anfall vor wenigen Tagen, vielleicht auch schon davor, war die Furcht vor ihr übermächtig in ihm geworden.
»Wir haben keine Zeit mehr für Debatten!«, riss ihn Miras Stimme aus seinen Gedanken. »Der Präsident wünscht jetzt eine Abstimmung hinsichtlich der Entsendung von Truppen nach Orientalis.«
Und wie es zu erwarten war, stimmten nahezu alle Räte dafür, viertausend Xendii nach Orientalis zu entsenden.
»Ich fasse es nicht!« Aévon schüttelte wütend den Kopf. »Diese Sache stinkt gewaltig. Und egal, ob PAGAN mich dafür hasst: Ich und meine DiSMasters bleiben dem Schauspiel fern.«
Procyon schnaubte resigniert auf. »Ich werde auch keine Truppen nach Orientalis entsenden, ebenfalls auf die Gefahr hin, mich unbeliebt zu machen. Atlantica hat ohnehin genug zu tun mit den RSA-Sympathisanten in Irland und England. Uns droht ein doméninterner Krieg, wenn wir diese Fanatiker nicht schleunigst ruhigstellen.«

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Tigris wurde durch gedämpfte Stimmen und Schritte geweckt.
Im ersten Moment glaubte sie in Windwibbenburg zu sein und war etwas verwirrt.
Dann stürzten die Realität und Erinnerungen wie ein Regenguss auf sie ein. Ihre Kehle verengte sich, als zuletzt Erinnerungsfetzen an ihre Halluzination von Excelsior und Darius grell aufleuchteten und augenblicklich verglühten. Lag sie deswegen wieder einmal im Krankenhaus? Wegen merkwürdigen Visionen, die sich so real anfühlten, dass sie die Macht hatten, ihr das Leben schwer zu machen?
Dann fiel ihr plötzlich der Alptraum ein, denn sie gehabt haben musste, nachdem man sie ins Krankenhaus verfrachtet hatte.
Oder war es gar keiner gewesen? Für einige Sekunden war sie sich nicht sicher.
Doch je länger sie über das nachdachte, was in jenem Traum passiert war, desto mehr beschwor sie sich, dass es einfach einer gewesen sein musste.
Denn welchen Grund sollte jener, der darin vorgekommen war, gehabt haben, an ihrem Bett zu stehen und rätselhafte, gemeine Dinge zu ihr zu sagen, während sie schlief?
In dem Alptraum hatte diese Person in großem Abstand vor ihrem Bett verharrt und zu ihr herübergestarrt. Sie selber war sich wie benebelt vorgekommen, für Sekunden bei klarem Verstand, dann wieder in ein dunkles Meer hinabsinkend.
Doch jedes Mal, wenn sie es erneut geschafft hatte, sich wachzuschwimmen, war ihr eine Welle aus Furcht und nagenden Schuldgefühlen entgegengeschlagen. Sie waren von dem regungslos dastehenden Mann mit dem Bart und goldbraunen Augen ausgegangen.
Oh, sie kannte das Gesicht ganz genau: Es war das von Procyon Zimberdale, ihres wahren Vaters. Ihre Mutter hatte ihr vor wenigen Tagen sein Foto gezeigt, weil er andauernd unterwegs war und immer noch keine Zeit gefunden hatte, seine Tochter kennen zu lernen. Das war schon ein wenig enttäuschend. Vielleicht hatte sie deswegen schlecht von ihm geträumt?
Er hatte in dem Traum, ohne die Lippen zu bewegen, gesagt:
›Oh Gott. Was habe ich getan? Und wenn du nun nicht so harmlos bist, wie er mir versichert hat? Was, wenn er mir etwas über dich verschwiegen hat? Warum sollte ich dich zum Beispiel unbedingt Melisande nennen? Ich wünschte, ich... hätte nicht auf diese Weise in das Schicksal meines Kindes eingegriffen. Es wäre besser gewesen, sie sterben zu lassen.‹
Dann war ihre Mutter ins Zimmer gekommen und er hatte zu ihr gesagt: ›Ich muss leider gehen. Einige irische Sippen machen Probleme...‹
›Aber es wäre so schön gewesen, wenn sie dich endlich sehen könnte. Sie freut sich schon die ganze Zeit auf dich.‹, hatte ihre Mutter enttäuscht geantwortet, doch er hatte ihr nur einen Kuss gegeben und war dann regelrecht aus dem Zimmer geflohen.
Man träumte aber auch manchmal Unsinn zusammen!
Sie seufzte aus tiefster Seele.
Wieder einmal also eine Zimmerdecke über ihr, wieder lag sie im Krankenbett.
Und wieder einmal hatte das Schicksal oder Fremde, die anscheinend Macht darüber hatten, sie niedergerungen. Ständig spielten andere mit ihrem Leben und ließen sie straucheln, wann immer es ihnen beliebte.
Vor allem aber spielte ER mit ihr.
Sie schaute zum geöffneten Fenster, das den künstlichen Tageshimmel einrahmte. Die Vögel zwitscherten unbekümmert wie jeden Morgen in Shangri-La, ein sachter Wind verirrte sich in ihr Zimmer und ließ die Köpfe der bunten Blumen in der orangen Glasvase fröhlich nicken.
ER sollte Excelsior zerstört haben und vielleicht schon in ihrer Nähe sein?
Nichts wies darauf hin, dass etwas nicht in Ordnung war, dass irgendetwas Schreckliches bevorstand.
Durch die geschlossene Tür drangen gedämpft die Schritte von Besuchern auf dem Flur. Geschirr klapperte in den Speisewägen, die von den daimonischen Krankenpflegern weiter geschoben wurden und davon kündeten, dass es kurz nach Mittag war.
Oh, sie hatte es so satt, so sehr satt, dass es andauernd auf die gleiche Weise endete: Im Krankenhaus, im Krankenwagen, im Lieferwagen, auf dem Rücken, um wieder einmal die Decke anzustarren und sich selbst deswegen zu bemitleiden. Ja, so schmerzhaft diese Erkenntnis war, so sehr stimmte sie auch. Seit Wochen bemitleidete sie sich selber, fühlte sich hilflos und ausgeliefert, war nichts weiter als ein Jammerlappen, schwach und ängstlich.
›Gerade ich! Hilflos! Was für ein Witz!‹, hallte eine höhnische Stimme durch ihren Kopf. Es war jedoch merkwürdigerweise ihre eigene. ›Schwach? Was für eine amüsante Vorstellung. Ich bin alles andere als das. Ich bin ...‹ Die selbstbewusste Stimme, die anscheinend gerade ein Heldenepos über sich selber anstimmen wollte, geriet rasch kleinlaut. ›Es liegt mir auf der Zunge. Ich bin... jedenfalls nicht schwach. Wenn es eines ist, was ich weiß, ist es das. Ich bin stark. Wunderschön und mächtig!‹
Doch in der nächsten Sekunde schon liefen ihr wieder die Tränen über das Gesicht. »Oh Gott, ich spreche schon wieder mit mir selber! Ich bin wirklich verrückt!«
›Nein, ich bin nicht verrückt. Ich weiß, dass irgendetwas mit mir passiert ist und ich erinnere mich deswegen nicht mehr... Ich kann mich einfach nicht erinnern‹, protestierte ihr Geist.
»Verfluchtes Amulett! Nur deswegen. Es gibt nichts, woran ich mich erinnern müsste!«
Oder doch?
»Es ist ein Irrtum. Ich weiß gar nichts. Ich habe damit nichts zu tun«, murmelte Tigris kopfschüttelnd. Doch dieser Gedanke überzeugte sie überhaupt nicht mehr. Vielmehr kam es ihr vor, als sei die große weite Welt ringsum sie in Wahrheit ein kleiner geschlossener Raum, von dessen Wänden Tag für Tag immer mehr Stücke abbröckelten und undeutliche Ausblicke auf eine andere Wirklichkeit dahinter zeigten. Und auch wenn sie sich im tiefsten Keller verkriechen würde - irgendwann einmal würden sämtliche Mauern weggebrochen sein und diese andere Wirklichkeit sich auf sie stürzen. Schon jetzt war es doch so, dass manche Namen und Visionen ihr Herz schneller schlagen ließen, als ob es mehr wüsste als ihr furchtsamer, zweifelnder Verstand.
Ihre Gedanken schweiften zurück zum Vorabend von Equinox Veris, als die merkwürdige Gestalt in den Baumwipfeln zu ihr gesprochen hatte.

›Wie konntest du alles vergessen? Du musst dich erinnern! Nur du kannst uns noch retten!
Wie konntest du ihn nur vergessen? Er denkt unentwegt an dich. Erinnerst du dich denn gar nicht an Barujadiel?‹

Barujadiel!
›Barujadiel. Mein Leben.‹ Eine Welle aus Zärtlichkeit und Sehnsucht überflutete sie, stärker als jemals zuvor, wundervoll und beglückend wie ein Regenschauer an einem drückend heißen Sommertag. Sie konnte gar nichts dagegen tun - und sie wollte es auch gar nicht. In diesem Namen war etwas Bedeutsames und Wunderbares eingewebt, soviel stand fest, auch wenn sie ihm kein Gesicht zuordnen konnte.
›Aber ich kenne ihn doch gar nicht.‹
Sie schloss die Augen und wiederholte diesen Namen. Und von Mal zu Mal wurde er vertrauter, als ob schon immer eine geheime Verbindung zu ihm bestanden hätte, die nur unter ihrem alltäglichen Leben begraben worden war und nun, da dieses Leben im Ozean der Vergangenheit versunken war, an die Oberfläche ihres Bewusstseins gespült wurde.
›Doch, natürlich! Wir lieben uns abgöttisch. Wir mussten fliehen vor... ich weiß nicht mehr... Aber er hat gesagt, dass wir nur noch einen Glauben befolgen müssen.‹
Erschrocken riss sie die Augen auf. Wieder war ein Stück Mauer eingefallen, wieder hatte sie einen Zipfel der Wirklichkeit dahinter erhascht.
Einen Glauben befolgen?
Glaube ... Liebe ...
Sie erschrak.
Das Lied!
Sie wusste plötzlich, wie es anfing.
Vers für Vers rezitierte sie es für sich im Geiste, erstaunt darüber, dass sie schon wieder das Gefühl hatte, es ganz genau zu kennen und es aus irgendeinem Grunde nur lange Zeit vergesessen hatte.

Den besten Glauben haben wir gewählt
Und unsere Seelen für immer vermählt
Mit dem wunderbarsten aller Bande
Es zu trennen ist niemand imstande
Es bleibt bestehn, solange wir beide leben
Lässt unsere Seelen zueinander streben
Schmiedet uns zusammen, für alle Zeiten
Gibt uns Kraft, wird uns sicher leiten
schenkt uns Geduld, gespeist aus Vertrauen
dass jeder auf den anderen kann bauen
Sollten auch Schleier uns jemals trennen
Lässt es uns stets uns wieder erkennen
Wenn wir auch getrennten Weges wandern
Lässt es uns spüren den Atem des anderen,
Trocknet unsere Tränen, wenn wir einsam gehen
Berauscht unsere Sinne, wenn wir uns wieder sehen
Zerstäubt unsere Angst, wenn Sie uns bedrängen
Bedrohen, bedrücken, befehlen, beengen.
Aus Liebe ist dieses Band gewunden,
so haben wir wahren Glauben gefunden.
Ein Glaube, nur für zwei Seelen gemacht
Und ein Gebet, nur für uns beide gedacht:

›Es geht noch weiter. Aber ich erinnere mich nicht mehr. Verdammt, ich erinnere mich nicht mehr.‹
Angestrengt dachte sie nach, in der Hoffnung, die restlichen Verse aus dem fest verschlossenen Teil ihres Bewusstseins zu befreien, als ihre Stimmung urplötzlich wieder umschwang und sie wütend hochschnellte. ›Ich erinnere mich nicht, weil ich es in Wahrheit gar nicht kenne. Es ist etwas, was das Amulett bewirkt!‹
Entnervt schaute Tigris in ihrem Krankenzimmer umher und fuhr sich über das kalte Gesicht.
Auf dem Nachttisch stand der abdeckte Teller mit Mittagessen samt Dessert: Ein schreiend pinkfarbiger Milchreis, garniert mit zierlicher knallgelber Sahneschrift sowie polarblauen Erdbeeren und daher offenkundig die Kreation von La Mâitre, einer daimonischen Starköchin, die für das leibliche Wohl aller Xendii in Shangri-La sorgte. Sie war berühmt-berüchtigt für spektakuläre Arrangements und noch spektakulärere Temperamentsausbrüche. Seit zwölf Jahren drohte sie angeblich jeden Tag damit, zurück in die Daimonsion zu gehen, da niemand in Shangri-La oder auf der ganzen weiten Welt ihr kulinarisches Genie gebührend würdigen wollte. Das stimmte nun überhaupt nicht, aber La Mâitre wusste, wie zahlreiche ›alteingesessene‹ Daimons auch, dass Menschen das Exzentrische und Überkandidelte liebten, um darüber lachen oder sich deswegen aufregen zu können.
Tigris betrachtete lustlos das cremige Geschnörkel auf dem Milchreis. Anscheinend hatte La Mâitre die daimonischen Hilfsköche angewiesen, den Patienten des Krankenhauses einen aufmunternden Spruch auf die Nachspeise zu kritzeln.
VERTRAUE DEINEM MACHTVOLLEN ENGEL
Tigris wusste nicht, ob sie loslachen oder losheulen sollte. Hatten sich alle Daimons auf dem Planeten gegen sie verschworen? Diesen Satz hatte sie in den letzten Wochen schon zweimal zu hören bekommen. Einmal, als sie gelähmt durch Calmidoron 66.6 in einem Lieferwagen nach Excelsior gebracht werden sollte und nur dank Bat Furan und den anderen einem grauenhaften Schicksal entrinnen konnte. Die merkwürdige Weihnachtsmann-Stimme hatte sie seitdem nie wieder vernommen, genauso wenig wie sie jene rätselhafte Erscheinung jemals wieder gesehen hatte, damals vor Equinox Veris in den Baumwipfeln Windwibbenburgs. Sie hatte von Tigris gefordert, sich endlich zu erinnern, vor allem an Barujadiel.
Der Engel, der jemanden mit seinen Schwingen beschützend umschloss und dessen Name in ihrem Magen Schmetterlinge fliegen ließ.
Ja, einen solchen Engel konnte sie nun wahrlich gebrauchen. Jemanden, der das Chaos zügelte und zurückdrängte, der alles in Ordnung brachte und sie niemals im Stich ließ.
Hatte die Erscheinung - wenn es sich nicht um eine ausgewachsene Halluzination handelte - die Wahrheit gesprochen? War Barujadiel vielleicht schon bei ihr? War es jemand, den sie kannte und der doch jemand anderes war - Barujadiel eben?
Plötzlich glaubte sie eine Erleuchtung zu haben.
›Und wenn es nun doch so etwas wie Wiedergeburt gibt? Vielleicht kennen wir uns aus einem früheren Leben?‹
Das war wirklich eine höchst interessante Theorie. Zumindest erklärte sie einiges.
›Und ich war stark, machtvoll und wunderschön!‹, meldete sich ein selbstbewusster Gedanke, der schon wieder unkontrolliert von irgendwoher auftauchte.
Je mehr sie darüber nachdachte, desto stärker ergriff sie Faszination und Neugier.
All diese Visionen eines schrecklichen Vorfalls - konnte es nicht tatsächlich in einem früheren Leben passiert sein? Oh, sie musste unbedingt herausfinden, was geschehen war.
›Und ich muss vor allem Barujadiel finden. Ich weiß, ich werde ihn erkennen, er ist schon irgendwo hier in meiner Nähe. Ich fühle es. Schließlich haben wir unsere Seelen vereint. Wir spüren den anderen, selbst wenn sich die Gestalt geändert hat. Er ist in meiner Seele zuhause, wie ich in seiner.‹
Wie selbstverständlich sie wieder einmal diesen Gedanken gedacht hatte!
›Aber ... dieses Monstrum ist vielleicht auch schon hier. Was hat er mit all dem zu tun?‹
Sie schaute zur Tür.
Alles in ihr drängte danach, aufzustehen und sich ins Leben zu stürzen, nach Barujadiel zu suchen und ihn zu finden.
›Denn wenn ich Barujadiel erst gefunden habe, wird alles gut. Wir sind beide stark, machtvoll und wunderschön. Die Rosen verbrennen nicht in unseren Händen.‹
Erfüllt von unglaublichen Enthusiasmus, schlug Tigris die Bettdecke zurück und schwang sich aus dem Bett - nur um in die Knie zu sacken. Anscheinend war die Wirkung des Beruhigungsmittels noch nicht ganz verflogen.
»Ich stehe jetzt verdammt noch einmal auf und gehe verflucht noch einmal aus diesem Zimmer!«, knurrte sie entschlossen und probierte einen zweiten Anlauf. »Das war das letzte Mal, dass ich so erbärmlich heulend im Bett liege! Kein Selbstmitleid mehr. Ich finde heraus, was gespielt wird. Und was ich mit diesem Amulett alles anstellen kann.«
Mit schlotternden Beinen arbeitete sie sich langsam vor bis zur Tür, gestützt an der Wand.
Langsam öffnete sie die Tür und spähte in den Korridor. Ein paar Xendii saßen schräg gegenüber ihres Zimmers mit einem Jungen mit Gipsbein in der Besuchernische und scherzten miteinander, ansonsten befand sich niemand im Flur. Vorsichtig drückte Tigris sich Schritt für Schritt an der Wand entlang.
»Oh nein! Da sind wir jetzt aber sehr, sehr unartig!«
Erschrocken riss Tigris den Kopf herum und starrte den Frauenkopf an, der hinter dem Speisewagen vor ihr urplötzlich aufgetaucht war. Dann fegte die daimonische Krankenschwester auch schon von dort hervor und baute sich mit strengem Blick vor ihr auf.
Sie hatte die Gestalt einer älteren, grauhaarigen Farbigen mit wogenden Hüften und Brüsten.
»Wohin wollen wir denn ausbüchsen, hm? Hm, hm, hm?« Die grauen Brauen lüpften sich streng empor.
»›Wir‹ wollen nicht ausbüchsen. Höchstens ich. Und ich verlasse jetzt das Krankenhaus. Mir geht es wieder ausgezeichnet!«
»Das kommt gar nicht in Frage, überhaupt nicht. Und jetzt gehen wir schön artig ins Bettchen zurück und erholen uns vom vorgestrigen Tag.« Die Schwester wackelte tadelnd mit ihrem dicken Zeigefinger.
»Ich habe in den letzten Wochen viel zu oft im Bettchen gelegen und geheult. Ich habe keine Lust mehr darauf. Ich will gehen. Das ist mein Recht!«, grummelte Tigris säuerlich mit verschränkten Armen.
»Und meine Pflicht ist es -« Urplötzlich brach der Daimon ab und sah hinauf zur Decke.
Als Tigris ebenfalls den Blick dorthin richtete, zuckte sie zusammen: Einer Laufschrift gleich rannten glühende, verwinkelte Strichmuster darüber hinweg. Die Erscheinung dauerte nur wenige Sekunden und sie verschwand von einem Moment zum nächsten, wie die dicke Schwester.
Tigris fröstelte und erinnerte sich an den Abend, als Engelbert in der Nacht zu Equinox Veris in ihrem Zimmer aufgetaucht war, ihr eine 300-Jahre-Probeversion von DOL mitgebracht und das DimensioNet gezeigt hatte.

›Daimonskript wie Javaskript?‹
›Daimonskript wie Daimonschrift. Ist eine ziemliche verwinkelte Angelegenheit und kein Mensch könnte die ganzen Ecken und sich kreuzenden Striche in der Schnelligkeit lesen, in der ein Daimon damit zu schreiben pflegt. Das ist eine höchst daimonische Kunst.‹

Und wieder hatte ihr das Amulett mehr von seinen unheimlichen Kräften geoffenbart, denn sie hatte verstanden, was soeben über die Decke des Korridors geflimmert war:
*An alle MediDaimons von Shangri-La: Bereitet die Intensivstation und alle OP-Räume vor. Sichert den Weg von der Kanadischen Etage der Node ins Krankenhaus und räumt sämtliche Hindernisse von dort fort. (Mit Menschen bitte dabei vorsichtig umgehen). Es treffen gleich fünf Verletzte bei uns ein. Bereitet auch den DiS-Tank vor, wir haben zwei Opfer mit schwersten Verbrennungen.*
Die Gedanken rasten in ihrem Kopf umher und ließen sich nicht zu geordneten Einheiten bändigen, als zwei Xendi-Ärzte achtlos an ihr vorbeihasteten und aufgeregt miteinander wisperten. Tigris starrt ihnen nach und konnte jedes Wort verstehen.
»Unglaublich! Kanada! Inmitten hunderttausender Bäume!«
»Sie wussten anscheinend, dass Bäume DiS absorbieren. Ich frage mich, was Excelsior sonst noch über uns herausgefunden hat.«
»Die ersten Berichte sprechen von über sechshundert Toten. Alles liegt in Trümmer, als ob hundert Bomben auf einmal explodiert wären! Ich frage mich, wer dahinter steckt.«
»Vielleicht die MDL?«
»Ein Wunder, dass überhaupt jemand überlebt hat.«
Zitternd lehnte Tigris den Kopf gegen die Wand und starrte die Decke an, die durch die hervorquellenden Tränen verschwamm.
Keine Halluzination.
Er hatte Excelsior tatsächlich vernichtet - und fast alle, die dort gewesen waren, freiwillig oder dorthin gezwungen. Grausam und unendlich böse, wie er war, hatte er sich einen Scherz daraus gemacht, ihr noch einmal Darius zu zeigen, bevor er ihn getötet hatte.
Kam er nun, um sie alle ebenfalls zu töten?
Oder war er sogar schon längst hier?
Da war etwas ...
Wie ein schwacher eisiger Luftzug von irgendwoher: Die unangenehme Präsenz eines lieblosen Wesens, das sich verstellte, fast als ob es ›Toter Mann‹ spielte.
Sie spürte seine Anwesenheit gleich einem Kraftfeld, das an ihrem Magen und Herzen zog.
Während sie immer noch zitternd an der Wand lehnte, forschte sie dennoch dieser Präsenz nach, fahndete nach der Richtung, aus der das stärkste Gefühl von Hass und Verbitterung wehen musste.
War das möglich? Konnte sie dieses Monstrum tatsächlich ausfindig machen?
Bisher war er es immer gewesen, der unerwartet in ihren Geist eingedrungen war.
Aber vielleicht ermöglichte das Amulett auch ihr, Kontakt zu ihm aufzunehmen...?
Sie konzentrierte sich noch stärker auf seine Präsenz, bis es rings um sie vollkommen still geworden war.
Ohne Zweifel, sie fühlte ihn, wenn sie sich so stark auf ihn konzentrierte.
Eine kalte, freudlose Seele, die alles rings um sich zerstören wollte, damit die Welt draußen der Verwüstung in ihrem Innersten glich. Jedes Lachen, jeder Sonnenstrahl erinnerten schließlich an etwas, das sie unwiederbringlich verloren hatte. Glück und Freude waren Blasphemie für sie.
Wie nah diese Seele schon war, und mit jedem Augenblick kam sie näher. Dann erklang auch schon wieder seine verhasste Stimme in ihrem Kopf.
›Du musst mich doch nicht suchen, Tigris. Anscheinend kannst du meine Ankunft kaum erwarten. Keine Sorge: Ich bin schon ganz nahe. Niemand wird mich erkennen. Außer du natürlich. Aber wer würde dir glauben?‹
›Ich kann dich nicht erkennen, weil ich dich nicht kenne. Ein Glaube, nur für zwei Seelen gemacht. Und ein Gebet, nur für uns beide gedacht:‹
Grenzenloser Zorn drückte auf ihre Brust, mit dem er auf diese Verse antwortete, die sich in ihre Gedanken gemogelt hatten, ohne dass sie etwas dagegen hatte tun können.
›Ich könnte mit dir und diesem Ort wie mit Excelsior verfahren, alleine um deinen Spott zu bestrafen. Sag mir auf der Stelle, woher du dieses Lied kennst!‹, grollte Bru’jaxxelon. Ein durchdringender Schmerz durchbohrte ihr Herz und trieb ihr die Tränen in die Augen. ›Hat Omrishah es dir beigebracht? Wie sehr ich ihn hasse!‹
Qualvolle Erinnerungen an sonnendurchflutete Tage und Nächte voller Küsse und Liebesschwüre ließen sie unkontrolliert zittern. Zu diesem schrecklichen Gefühl von absoluter Verlassenheit, selbstzerstörenden Schuldgefühlen und Todessehnsucht mischte sich Überraschung: Die Bilder, die kurz in ihr aufleuchteten, kamen ihr verwirrend bekannt vor. Diese altertümliche, bunte Stadt voller Lehmbauten... Sie sah ein Mädchen in einem Kornfeld tanzen, von faszinierten Augen hingebungsvoll beobachtet.
›Barujadiel?‹, kam es ihr plötzlich in den Sinn.
Augenblicklich fielen die Schmerzen und die Seelenqual von ihr ab. Stattdessen schien sie feindselige Kälte geradezu zu umschleichen.
›Habe ich dir nicht gesagt, dass dies nicht mein Name ist? Merk dir ein für alle mal: Barujadiel ist tot!‹
›Aber... das kann nicht sein. Du lügst. Du lügst!‹ Aber was machte sie so sicher?
›Ich lüge nicht. Das habe ich gar nicht nötig. Barujadiel ist tot. Und weißt du, woher ich das weiß?‹ Die Eiseskälte in der Stimme nahm zu, in ihr schwang boshafter Triumph. ›Ich habe ihn ausgelöscht, vollkommen und gründlich. Schon vor langer Zeit. Er hat sich Rache herbeigesehnt. Ich habe ihn erhört. Doch der Preis war sein Tod.‹
›Und wieso beschäftigst du dich nun mit mir, Racheengel?‹
›Deine Gedanken sind mir ein Rätsel. Deine Seele ist voller verschlossener Türen und Orte, die ich nicht betreten kann. Aber ich werde deine Geheimnisse herausfinden. Ich werde die Intrige entdecken, die Omrishah erdacht und in die er dich eingewoben hat. Ich habe es nicht so eilig mit meinem Rachefeldzug. Ab jetzt werde ich immer in deiner Nähe sein. Vergiss das nie.‹
Und augenblicklich verschwand seine übermächtige Präsenz und hinterließ sie schweißgebadet gegen die Wand gedrückt.
Im Stockwerk über ihr wurde es mit einem Mal laut und hektisch, unzählige Füße rannten über den Boden, Stimmen riefen aufgeregt durcheinander.
Tigris riss den Kopf empor und starrte zur Decke.
Die Intensivstation!
›Fünf Überlebende!‹, schoss es ihr durch den Kopf. Eine furchtbare Ahnung hielt sie zunächst an Ort und Stelle gefangen.
Doch die nächsten Gedanken vertrieben die Angst und machten einer nüchternen Erkenntnis Platz: Sie würde ihm sowieso nicht entkommen. Er würde sie immer finden. Warum sollte sie sich mit Gedanken an Flucht oder Verstecken plagen, wenn es ohnehin nichts nützte? Er konnte zerstören und töten, was und wen auch immer er wollte, wann immer es ihm beliebte.
Doch vielleicht konnte sie es auf irgendeine Weise schaffen, diesen Moment hinauszuzögern, bis jemand eine Lösung wusste.
Schließlich war er neugierig und wollte ihre ›Geheimnisse‹ ergründen.
Solange er sie nicht herausbekam, würde er sie vielleicht am Leben lassen. Vielleicht konnte sie sogar herausfinden, ob das Amulett mächtig genug war, um es mit ihm aufzunehmen. Hatte sie schließlich nicht mit seiner Hilfe so viele der gemeinen Schlächter der Windwibbs vernichtet?
Aber sie musste herauskriegen, welche Gestalt er angenommen hatte, um die Xendii vor ihm zu warnen.
»Bringen wir unser Kennenlernen hinter uns, Seelenfresser«, flüsterte Tigris und ging mit klopfendem Herzen zur Stationstür, um ins Stockwerk über ihr zu gelangen.

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Umbriel musste sich gewaltig anstrengen, um seiner Erregung und überschäumenden Freude nicht die Herrschaft über seine Gesichtszüge zu überlassen.
Die Dinge waren ins Rollen gekommen - und das Rad drehte sich mittlerweile immer schneller. Keiner würde es mehr aufhalten können.
Er saß zusammengesunken in einem Sessel, stützte seinen Kopf in die rechte Hand und gab das übersensible Häufchen Elend zum Besten, welches am vorigen Tag unter den schrecklichen Neuigkeiten zusammengebrochen war und sich seitdem immer noch nicht beruhigen konnte: Die Node von Azteca in den Händen von PAGAN!
Um ihn herum diskutierten die Mitglieder der Sippe Whitechurch aufgeregt miteinander oder ergaben sich in ein inbrünstiges Gebet.
Umbriel weilte seit zwei Tagen in Lux Adharas Landhaus in America Borea, auf Einladung verschiedener Sippen dort, die es kaum erwarten konnten, dass der engelhafte Prediger auch ihre Kapellen mit strahlendem Glanz und aufwühlenden Predigten erfüllte.
Adhara stand an seinem Sessel, hatte eine Hand tröstend auf seine Schulter gelegt und unterhielt sich mit Zephyr, dem jungen indianischen Kommandanten des nordamerikanischen Xendi-Heeres. »Wir haben also keine Möglichkeit, den aztecischen Sippen zu Hilfe zu kommen...«
»Leider nicht, Lux Adhara. Die Node von Azteca wurde von den Feinden geschlossen, wir könnten nur versuchen, Truppen auf dem Landweg dorthin zu verlegen. Aber das muss mit größter Vorsicht geschehen, sonst werden noch die Neutralen misstrauisch.«
»Die Neutralen werden bald andere Sorgen haben! PAGAN wird nicht davor zurückschrecken, diesen Krieg in ihre Welt zu tragen. Warum sollten wir dann Rücksicht nehmen? Es steht zuviel auf dem Spiel!«
»Sie sind gottlos, ohne Skrupel«, murmelte Umbriel matt. »Was, wenn sie ihre Dämonen auf die Menschheit loslassen? Was für eine furchtbare Vorstellung!« Mit glasigen Augen sah er zu seiner treuesten Anhängerin auf. »Sie werden nicht wissen, wie ihnen geschieht! Plötzlich von Wesen bedroht zu werden, die viele schon lange in das Reich der Legenden verbannt haben! Oh, wie gerne würde ich zu ihnen gehen und sie warnen!«
Adhara sah ihn überrascht, aber durchaus wohlwollend an. »Vielleicht solltest du das wirklich tun. Die Zeit ist anscheinend gekommen, der Welt von uns und den ungeheuerlichen Dingen, die bald geschehen werden, zu berichten. Wir könnten ihnen Hoffnung geben, neues Gottvertrauen...«
»Sollten wir hierzu nicht den Rat der Allianz befragen?«, fragte Zephyr stirnrunzelnd.
Adhara schüttelte traurig den Kopf. »In der Allianz weilen noch zu viele... Unentschlossene, ja, sogar Feinde. Wenn ich an diesen Zimberdale denke! Sicher lacht er sich nun ins Fäustchen und feiert heimlich mit PAGAN diese Schandtat. Und Snaefell Bakkaflói droht damit, Circumpolaris abzuschotten und alle Tore dorthin zu schließen. Von ihm kann man keine Hilfe erwarten. Wenigstens haben Europa und Balkan-Osmania sofort Streitkräfte für eine Befreiung Aztecas zugesichert. Orientalis hält sich merkwürdig bedeckt. Als ob es in dieser Sache noch etwas abzuwägen gäbe!«
»Gegen diese Teufel kann nur die Spezialeinheit von Mimas ankommen«, erklärte Umbriel mit verzweifelter Miene. »Nun zahlt sich seine Weisheit und Weitsicht aus, die Überbegabten nicht zu töten, sondern gegen PAGAN ins Feld ziehen zu lassen, die dort Dutzende von ihnen für ihre menschenverachtenden Pläne abgerichtet haben.«
»Ja. In der Tat. Er hat die Allianz immer vor PAGAN gewarnt. Nun haben sie allen endlich ihre wahre, teuflische Fratze gezeigt. Ein gutes hat dieser feige, brutale Angriff wenigstens bewirkt: Die Xendii der Allianz stehen nun geschlossen hinter ihren Domén Arxes. Wir hören aus allen Gebieten von Trauergottesdiensten für das Haus Taraqua. Und der Ruf nach Rache für diese Bluttat wird von Stunde zu Stunde lauter.«
»Ich wünschte, dass die Zweifler früher auf unsere Worte gehört hätten«, murmelte Umbriel tonlos. »Wieso lassen sich so viele erst durch das Blut Unschuldiger überzeugen?« Er strich zärtlich über die Weiße Bibel in seiner Linken. »Verzeiht mir, mein Herz sehnt sich so sehr nach den tröstenden Worten des Herrn.« Mit verdächtig glitzernden Augen schlug er das Buch auf, weswegen Adhara und Zephyr sich nach einem verständnisvollen Lächeln zu anderen Mitgliedern des Hauses Whitechurch gesellten.
Umbriel hielt das Buch so, dass niemand anderer einen Blick auf die Seiten werfen konnte.
Denn feurige Buchstaben glühten dort, geschrieben von seinem Meister.
›De Navarris ist erledigt.
Der Nodenschlüssel von Azteca ist übrigens in einem Geheimfach im Altar der Kapelle versteckt. Sie ist das einzige, was noch vom Palais Almacielo steht. Außerdem habe ich dir einen Daimon an die Seite gestellt, der dir sehr nützlich sein kann. Er ist mir treu ergeben, weswegen du ihm vertrauen kannst. Er wird einer der wenigen Überlebenden in den Trümmern des Palais sein. Selbstverständlich handelt es sich bei ihnen nur um deine treuesten Anhänger innerhalb von De Navarris. Sie werden natürlich dafür stimmen, dass du das neue Oberhaupt Europas wirst. Deiner Karriere steht somit nichts mehr im Wege, mein elender Kronprinz. Du weißt, was du zu tun hast.‹
Diese Nachricht traf Umbriel unvorbereitet, obwohl es genau das war, was er mit Bru’jaxxelon ausgebrütet hatte.
Doch so schnell? Nun ja, nachdem Thanatos und seine Leute die aztecische Node gekapert hatten, bestand recht besehen auch kein Bedarf mehr an dem widerspenstigen Mimas De Navarris. Bru’jaxxelon wollte, dass er, Umbriel, schnellstens die Jenseits-Tore öffnete, und zwar so viele wie nur möglich. Wo konnte man besser beginnen als in Azteca, von dem die anderen Sippen der Allianz glaubten, es sei von PAGAN überfallen worden? Es würde daher niemanden überraschen, wenn man dort das Jenseits-Tor geöffnet vorfinden würde, nachdem die heldenhafte Elite-Truppe von Thanatos Azteca von PAGAN befreit haben würde. Doch zuvor würde PAGAN hoffentlich Orientalis hilfreich zur Seite eilen und Truppen dorthin entsenden.
Dann hätte man genug Leichen, die bewiesen, dass PAGAN Orientalis wie Azteca überfallen wollte und nur durch die entschlossenen Xendii-Heere Europas und America Boreas daran gehindert werden konnte, die Weltherrschaft an sich zu reißen.
Niemand in der Allianz würde noch im Traum an der Bösartigkeit PAGANs zweifeln und mit Freuden sein Leben im Kampf gegen diese Frevler geben.
Und dann würde man ihnen Node für Node wieder entreißen...
Kaum dass die Buchstaben verloschen waren, sprang Umbriel auf und stand mit weit aufgerissenen Augen da, unkontrolliert zuckend. Dann sank er auf die Knie.
»Die Teufel sind erneut über uns hereingebrochen! Mein geliebter Glaubensbruder, mein Oberhaupt! Nein! Nicht Mimas! Oh Gott...«
»Er hat wieder eine Vision! Schnell, bringt Wasser!« Adhara stürzte zu dem jungen Prediger, der sich in Krämpfen auf dem Boden wand.
Schockiert, aber unendlich neugierig umringten bald alle Mitglieder des Hauses Whitechurch Umbriel, der immer wieder murmelte: »Stein für Stein abgetragen wurde der Palast. Zerfetzt liegen die Tapferen danieder. Doch das Haus Gottes wagten die Dämonen nicht zu berühren. Stein für Stein abgetragen wurde der Palast. Zerfetzt...«
Man hob Umbriel vorsichtig auf und legte ihn auf eine Chaiselongue im Klavierzimmer, unter dem Wispern und Gemurmel der anderen Whitechurches.
»Was meint er damit?« »Soll das bedeuten, De Navarris ist in Gefahr?« »Der Herr stehe uns und allen Rechtgläubigen bei!«
Adhara persönlich wischte dem Prediger besorgt und sanft mit einem feuchten Lappen über das wunderschöne Gesicht. Schon wenige Augenblicke später flatterten die Lider, dann blickten die hellen Türkisaugen sie tränenverschwommen und flehentlich an. »Ich muss sofort zurück nach Barcelona. Etwas Furchtbares ist dort geschehen. Ich fühle es mit allen Fasern meines Herzens.«
Er erhob sich mit Mühe, gestützt von Zephyr. Adhara sah ihn entschlossen an.
»Ich bete zu Gott, dass es noch nicht geschehen ist, Umbriel, und wir es noch verhindern können. Ich werde dich begleiten!«
»Aber wenn nun Gefahr droht! Lux Adhara, dein Leben ist mir teuer!« Umbriel versenkte einen schüchternen Blick in Adharas dunkle Augen und konnte deutlich wahrnehmen, welche Gefühlsstürme er darin hervorbrechen ließ. Insgeheim ärgerte es ihn zunächst, diese Klette nicht loswerden zu können. Dann allerdings erkannte er, dass eine Augenzeugin des neuen, ungeheuerlichen Verbrechens von PAGAN nur von Vorteil sein würde.

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Tigris fand überraschenderweise schon etliche Xendii in zwei geordneten Reihen vor der Intensivstation vor, darunter einige, die für Shangri-News und andere Xendi-Zeitungen als Reporter arbeiteten. Sie bildeten eine Gasse zwischen dem größten Lift und der Stationstür, die bereits weit offen stand. Mit ernsten Gesichtern wartete ein Trupp menschlicher und daimonischer Schwestern und medizinischen Assistenten auf die Überlebenden von Excelsior, die in wenigen Augenblicken eintreffen würden.
Tigris drängte sich bis ganz nach vorne vor und versuchte sich trotz des gedämpften, aufgeregten Gemurmels wieder auf Bru’jaxxelons Präsenz zu konzentrieren, obwohl er den Kontakt plötzlich abgebrochen hatte und nun wohl Katz und Maus mit ihr zu spielen gedachte.
›Ich kann ihn nur erkennen, wenn er es so will‹, dachte sie resigniert. Der Gedanke, diesem wahnsinnigen, gewissenlosen Geschöpf in Gestalt eines Menschen gegenüber zu stehen, verursachte Schübe von Herzrasen und Panik bei ihr, die sie nur mit Mühe niederkämpfen konnte.
»Fünf überlebende Xendii! Von vierhundert Xendii, die dort eingepfercht waren. Sie haben grauenhafte Apparate dort gefunden. Was Menschen anderen Menschen antun können...«, hörte sie jemanden erschüttert sagen.
›Er könnte jeder sein‹, dachte sie ratlos. ›Vielleicht sogar einer von den Leuten ringsum mich.‹
Vorsichtig schaute sie von Gesicht zu Gesicht. Doch niemand sah verdächtig aus oder benahm sich merkwürdig. Und keiner der Anwesenden verströmte Hass oder Verbitterung - im Gegenteil: Tigris konnte nichts als Bedrückung und Trauer, gemischt mit angespannter Neugier wahrnehmen.
Als die Aufzugtür leise seufzend auseinander glitt, verstummten augenblicklich sämtliche Gespräche. Wortlos schoben weiß gekleidete Pfleger rasch die erste Bahre aus dem Lift, auf dem ein blutüberströmter, vor Schmerzen stöhnender Mensch lag.
Tigris’ Herz wurde ganz schwer vor Mitleid und Entsetzen bei diesem Anblick. Auch andere um sie herum schlugen erschüttert die Hände vor den Mund oder wandten wie Tigris schockiert den Blick ab, denn das Opfer auf der nächsten Bahre war auf der ganzen rechten Seite schwer verbrannt, rohes blutiges Fleisch schaute zwischen schwarzverbrannter Haut hervor. War es ein Jugendlicher, ein Mann oder eine Frau? Er oder sie war schmächtig, kaum größer als Tigris, und zitterte, während er leise wimmerte. Plötzlich schluchzte das Bündel Mensch und bäumte sich auf, ein erstickter, röchelnder Schrei ließ alle Umstehenden zusammenfahren und Tigris schockiert nach Luft schnappen. Die Pfleger blieben stehen und drückten den gequälten Körper sanft zurück auf die Bahre. Und obwohl sie die schrecklichen Verletzungen nicht sehen wollte, ging ihr Blick wie elektrisiert zu der Bahre. Dunkelblaue, große Augen sahen dort verzweifelt zur Decke, gefüllt mit Tränen, die langsam über die offenen Wunden auf seinen Wangen ronnen, während das gequälte Schluchzen leiser wurde. Dann warf das schwerverletzte Geschöpf seinen Kopf herum und erfasste ihren Blick. War es noch bei klarem Verstand oder war es nur ein Reflex? Tigris hatte das Gefühl, soviel menschliches Leid nicht mehr länger ertragen zu können und einer Ohnmacht nahe zu sein. Alles in diesen Augen schien zu schreien: Hilf mir! Bitte!
Dies war das Werk von Bru’jaxxelon. Nur seinetwegen musste dieses arme Geschöpf Höllenqualen leiden!
›Was hast du getan, Bru’jaxxelon? Was für ein abartiges, verdammtes Geschöpf bist du überhaupt?‹, dachte sie traurig, verzweifelt und empört zugleich.
Die Schwestern der Intensivstation waren schon auf den Beinen und dirigierten die Pfleger mit den Bahren zu den Operationssälen.
»Das sieht nicht gut aus«, hörte sie trotz mehreren Metern Entfernung einen Xendi-Arzt zum anderen murmeln, als der Schwerstverbrannte in die Station geschoben wurde. »Der DiS-Tank wird nicht viel nützen. Er wird diesen Tag nicht überleben. Er hat kaum Lebenswillen.«
»Oh nein!«, entfuhr es ihr leise » Er darf nicht sterben! Dieses Monster darf nicht gewinnen!«
›Ach ja? Und was willst du dagegen tun?‹, hörte sie Bru’jaxxelons Stimme mit einem Mal klar und deutlich in ihrem Geist sagen. Er klang amüsiert - und auf merkwürdige Weise höchst interessiert.
›Ich hasse dich! Ich hasse dich wirklich wie sonst nichts in meinem Leben!‹ Tigris schloss die Augen vor Wut, während die nächsten beiden Bahren rasch in die Intensivstation gefahren wurden.
›Wer hasst mich nicht? Das ist nichts Neues.‹
›Wieso machst du es mit Shangri-La nicht wie bei Excelsior, zerstörst alles, tötest jeden und freust dich dann darüber?‹
›Weil es mir so beliebt. Ich werde mich ein wenig bei PAGAN umsehen, hier spionieren, da intrigieren. So eilig habe ich es nicht, dass ich mir einen Genuss entgehen lasse, den ich schon lange nicht mehr zu kosten bekommen habe.‹
›Warum versteckst du dich dann vor mir? Komm schon, zeig dich.‹
›Meine liebe Tigris. Ich verstecke mich doch gar nicht. Willst du nun nicht endlich wieder die Augen öffnen und einen lieben Freund willkommen heißen?‹
Tigris riss die Augen auf und sah gehetzt um sich.
»War nicht von fünf Verletzten die Rede?«, fragte eine Xendi hinter ihr verwundert.
Genau in diesem Augenblick ging die Tür des Personenaufzugs auf und ein Pfleger schob einen Rollstuhl heraus, in der eine in sich zusammengesunkene Gestalt mit gesenktem, kahlgeschorenem Kopf in einem weißen Krankenhauskittel saß.
Da war es wieder, das eisige Gefühl, das auf einmal ihr Herz umwehte.
Ungläubig starrte sie denjenigen an, der dort im Rollstuhl saß.
Er sah gänzlich unverletzt aus, was für erstauntes, erfreutes Gemurmel sorgte.
Langsam hob er seinen Kopf und blickte mit schwarzen Augen, die wie Kohlen in seinem ausgezehrten, bleichen Gesicht wirkten, erstaunt zu den Xendii zu beiden Seiten.
Tigris schien jedoch wie fest mit dem Boden verwurzelt zu sein, unfähig einen Schritt oder überhaupt eine Bewegung zu tun, obwohl pures Entsetzen sich über sie ergoss wie ein Schwall eisiges Wasser. Mit offenem Mund und großen Augen starrte sie den fünften Überlebenden von Excelsior an, dessen Blick überrascht und erschüttert zugleich an ihr haften blieb.
»Tigris?«, flüsterte er heiser. » Bist du das wirklich? Tigris?« Zum Erstaunen des verdutzten Pflegers und der neugierigen Umstehenden kam er langsam aus dem Rollstuhl hoch und wankte zu ihr, ein schwaches Lächeln um die Lippen, während Tigris das Gefühl hatte, dass die Stimmen um sie herum zu laut und zu schrill geworden waren.
»Meine Güte, sie kennen sich! Dann gibt es auch noch ein kleines Wunder bei all diesem Elend!« »Wie phantastisch! Er ist anscheinend vollkommen unverletzt!« »Ist das nicht rührend? Ach, da könnte man heulen vor Glück.«
Darius fiel ihr in die Arme und drückte sich an sie, doch in ihr vereiste alles in Sekundenschnelle. Sie konnte sich immer noch nicht rühren, denn das Entsetzen lähmte sie. Sie erinnerte sich an das Bild von Darius in seiner winzigen Zelle, das Bru’jaxxelon ihr gezeigt hatte. Etwas Schwarzes war an ihm hoch gekrochen, um ihn langsam einzuhüllen.
Er hatte ihn also getötet, um seine Gestalt anzunehmen und sie damit zu quälen.
›Habe ich dir nicht ein Geschenk versprochen? Ich halte meine Schwüre, ehrlich wie ich bin.‹, wisperte Bru’jaxxelon auf boshafte Weise amüsiert in ihrem Kopf, unhörbar für alle anderen Xendii.
In der Tat, hier war das Geschenk, drückte sie an sich, während ihr Geist für einige Augenblicke wieder in das dunkle, kalte Land voll gefrorenem Blut eintauchte - ein Abbild seiner gefühllosen, schrecklichen Seele, wie sie erkannte.
Dort stand die schwarze Festung seines Selbst und ein riesiges spitz zulaufendes Tor ging auf, um ihr einen Einblick in eine riesige Halle zu gewähren, die von blutroten Kerzenflammen in einem unheimlichen Dämmerlicht gehalten wurde. Kaum deutliche Bilder tauchten auf den schwarzen Wänden auf und vergingen gleich wieder, wie lange zurückliegende Erinnerung, deren Farbe schon dabei war zu verblassen. Unaufhörlich schwebten rubinrote Rosenblätter zu Boden und verschwanden, kaum dass sie ihn berührt hatten.
Rosen waren es auch, die auf dem Altar verstreut lagen. Auf ihm glühten feine Striche und Winkel auf und vergingen wieder, um dann von neuem zu erstrahlen. Das war die Schrift der Daimons, und die Worte besagten: EWIGE ERINNERUNG EWIGER SCHMERZ EWIGE SCHULD.
Schwache Schreie und Weinen, Seufzen und Schluchzen geisterten umher, als kämen sie aus dem Innersten der Erde.
War sie es, die in dieser Vision in diese Kathedrale glitt oder kam die weite Halle auf sie zu, um sie in sich aufzunehmen?
Doch kaum war sie in diesen unheimlichen Ort eingetaucht, da liefen die glühenden Schriftzeichen über seine Wände. Und dort stand geschrieben:

Ein Glaube, nur für zwei Seelen gemacht Und ein Gebet, nur für uns beide gedacht:
Du hast meine Seele zutiefst berührt Du hast mich zu mir selber geführt Du hast das Schöne in mir entdeckt Du hast das Gute in mir erweckt Das und nur das ist erstrebenswert Das und nur das ist bemerkenswert Das und nur das ist die Wahrheit Das und nur das erschafft Klarheit Ich taufe dich mit Küssen Ich predige dir Freude Ich beichte dir Verlangen Ich bekenne mich zu dir Ich glaube nur an dich Und du glaubst nur an mich.

›Aber ... das kann nicht sein. Etwas stimmt nicht, irgendetwas ist falsch an all diesen Visionen‹, hämmerte es in ihrem Kopf. Diese Worte in daimonischer Schrift in diesem toten Land zu sehen, widerstrebte ihr aus tiefstem Herzen. Es klang dort nach einer Krankheit, nach einem Wahn. Sie gehörten dort nicht hin!
Erst als zwei Schwestern Darius sanft von ihr trennten, um ihn mit zur Untersuchung zu nehmen, verflüchtigte sich das Bild und ließ sie wieder in Shangri-La ankommen.
›Nein. Unmöglich. Das kann nicht sein. Er ist es nicht!‹, schrie ein irritierter, entsetzter Gedanke in ihr gellend auf. ›Er ist nicht dieses Scheusal...‹ Es war ihre eigene Stimme, die in ihr sprach und rasch leiser wurde, als würde sie sich in die abgelegensten Tiefen ihres Selbst verkriechen, weil sie etwas Furchtbares entdeckt hatte, das zu glauben sie sich weigerte.
Ununterbrochen glitten Tränen über ihre kalten Wangen, doch sie gab keinen Laut von sich und stand immer noch regungslos da, weil sie immer noch nicht fassen konnte, was er ihr angetan hatte. Dieses Scheusal hatte die Gestalt von Darius angenommen, um sie ab sofort jeden Tag und jeden Augenblick zu quälen und in den Wahnsinn zu treiben. Dann aber wischte sie sich grimmig die Tränen fort.
›Aber du wirst nicht gewinnen. Du wirst nicht gewinnen. Ich lasse mich von dir nicht mehr herumschubsen und quälen. Von niemandem mehr. Ich finde einen Weg, dich auszuschalten, Monster!‹

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»Diese Bestien!«, murmelte Adhara zum wiederholten Mal.
Die Trümmerlandschaft rauchte noch, vereinzelt brannten Feuer in ihr. Adharas Wandler waren dabei, das Katastrophengebiet gegen die Polizei und Feuerwehr der neutralen Welt abzusichern.
Ihr Herz wollte vor Mitleid schier zerfließen, als sie Umbriel beobachtete, wie er wie in Trance ziellos in den Trümmern dessen umherirrte, was einst der Festsaal gewesen sein mochte. Als er eine verkohlte Hand daraus aufragen sah, brach er zusammen, umfing sich fest mit seinen Armen und wiegte sich mit schmerzversteinertem Gesicht hin und her.
»Wir haben die Leiche von Mimas De Navarris gefunden.« Zephyr war unbemerkt zu Adhara getreten. »Dies übergebe ich dir zur Treuhand für das nächste Oberhaupt der europäischen Sippen.« In seiner geöffneten Hand lag der Nodenschlüssel Europas, ein Pentagramm aus silbernen Rosen, in dessen Mitte ein fünfeckiger Saphir eingelassen war. Er ließ das machtvolle Schmuckstück in ihre Rechte gleiten.
»Außerdem habe ich eine gute Nachricht: Wir haben in der Nähe der Kapelle einige Verwundete gefunden. Drei sind schwerverletzt, aber sie könnten überleben. Wir werden sie augenblicklich zu unseren Ärzten schaffen.«
»Das ist gut.« Adhara lächelte schwach, ohne den offensichtlich vollkommen verzweifelten Umbriel aus den Augen zu lassen. »Dann wurde das Haus De Navarris nicht ganz ausgelöscht und kann weiterregieren. Ich denke, wir alle kennen das neue Oberhaupt bereits. Es ist ein Zeichen Gottes, dass Umbriel bei uns weilte, als dieser feige Anschlag von PAGAN ausgeführt wurde. Sie haben wohl gehofft, alle ihre Feinde mit einem Schlag vernichten zu können. Doch Gott ist der bessere Ränkeschmieder.«
Der Prediger hatte mittlerweile seine Hände gefaltet und betete inbrünstig. Schließlich erhob er sich langsam, die Augen wie hypnotisiert auf die kleine Kapelle weiter hinten gerichtet. Sie stand vollkommen unbeschädigt da.
»Das Haus Gottes wagten die Dämonen nicht zu berühren«, krächzte er mit heiserer Stimme und stieg traumwandlerisch über die geborstenen Steine und Holztrümmer hinweg, um zu dem Gotteshaus zu gelangen.
»Wie er es in der Vision gesehen hat«, sagte Adhara voller Genugtuung. Ein Schauer überkam sie. Hatte sie es mit einem neuen Propheten Gottes zu tun? Die Weiße Bibel sprach von einem, der kommen würde, um den Glauben unter den Xendii zu erneuern und sogar die Neutralen in Scharen zu seiner Kirche zu bekehren, die er in einer Zeit gründen würde, da die Teufel die Welt wieder heimsuchen würden.
Und sie, eine nichtswürdige Xendi, Nachkömmling von Frevlern, die sich mit Teufeln selber vereinigt hatten und für diese Erbsünde mit Dienst an der Welt und den ahnungslosen Menschen büßte, war vielleicht Zeugin der Erfüllung dieser Prophezeiung. Ein nie gekanntes Gefühl von absolutem Vertrauen in die Zukunft erfüllte sie mit einem Mal. Überströmende Dankbarkeit gegenüber Gott ließen ihr die Tränen in die Augen treten.
»Dein Wille geschieht ...«, flüsterte sie selig. »Und mit den Engeln werden wir siegen.«
Nun gab es keine Allianz mehr für sie, die sich dem entgegenstellen konnte, was getan werden musste. Dies war der Beginn eines neuen Bündnisses. Ja, ein sehr viel mächtigeres Bündnis, stärker als PAGAN und seine Teufel. »Ein Bündnis mit Gott und den Engeln.«, hauchte sie.
»Vielleicht ist das eine Falle!«, sagte Zephyr besorgt. Der Prediger war offenbar gewillt, die Kapelle zu betreten. »Was, wenn noch Sprengsätze darin versteckt sind? Lux Adhara?«
Er schaute erstaunt in die ruhige, gefasste Miene seines Oberhauptes. Ein sanftes Lächeln erleuchtete ihr Gesicht auf geheimnisvolle Weise.
»Nein, keine Angst. Lasst Umbriel alleine mit Gott in der Kapelle. Er steht unter seinem Schutz. Er ist jener, der den Gläubigen versprochen wurde. Er wird eine Kirche gründen, in der alle Menschen vereint sein werden und die Frevler ein für alle Mal in die Knie zwingen. Mit Gottes Hilfe und der Hilfe der Engel werden wir PAGAN besiegen.«
Ängstlich beobachtete Zephyr, wie Umbriel in dem kleinen, weißen Gebäude verschwand.
Was er nicht sehen konnte, war, wie der Prediger augenblicklich zu dem prachtvoll bemalten Altar ging und ihn genauestens untersuchte.
Oh ja, Umbriel spürte das Kraftfeld des Nodenschlüssel deutlich. Es dauerte keine zwei Minuten, dann hatte er das Geheimfach an der Rückseite des Altars gefunden und hielt das Pentagramm mit dem Rosenquarz in der Mitte in seiner Hand.
Wo war der Dämon, den sein Meister ihm versprochen hatte? Er brauchte jemanden, der ihm bald das geheime Tor in die aztecische Node öffnen würde, wo Thanatos und seine Leute bereits eine Dämonensonne auf der südamerikanischen Seite aktiviert hatten.
Er sah über die Holzbänke aus glänzend poliertem Ebenholz hinweg.
Eine überirdische Wesenheit war hier, das fühlte er deutlich.
»Komm raus und zeig dich, Dämon. Bru’jaxxelon hat mir von dir erzählt«, sagte er leise und schaute sich weiter um.
In diesem Moment bewegte sich eine der Engelsstatuen, die in den vier Ecken der Kapelle standen. Eine glitzernde Wolke dampfte aus dem Gestein aus und ließ es dabei allmählich zu feinem Staub zergehen.
Die Wolke schwebte zum Altar und verdichtete sich dort zu einer menschlichen Gestalt, einem untersetzten dünnen, jungen Mann mit roten Augen und wirren, blonden Haaren.
»Bru’jaxxelon, ja. Oh, er ist so mächtig, nicht wahr? So voller Hass und Entschlossenheit.« Die Augen rollte irre hin und her. Dann zuckten sie unkontrolliert. »Alscho, wenn ihr mal meine Meinung hören wollt: Er spinnt gansch schön, wie diescher Typ da vorne. Bestimmt hatte er eine unglückliche Kindheit oder scho.«
Dann quiekte er ärgerlich auf und schlug sich selber auf die Wange. »Halt endlich die Klappe, du Weichei. Deine Meinung interessiert hier niemanden. Wir haben eine wichtige Aufgabe bekommen. Von IHM höchstpersönlich. Und defwegen gibt ef da nikf fu kritifieren, kapiert?«
Umbriel hatte die eigenartige Begrüßungsrede des Daimon mit ungerührter Miene beobachtet und sagte schließlich herablassend: »Wenn du schon Nunki De Navarris imitierst, dann leg dir auch seine dunkelbraunen Augen zu. Hat Bru’jaxxelon es dir ermöglicht, bereits jetzt zu inkarnieren? Das Aethron ist meines Wissens noch nicht genug angestiegen.«
»Er hat mir natürlich ein CHARMI gegeben. Und ein RAM. Na, wo hab ich es denn?« Der Daimon suchte seine schreiend grüne Stoffhose und das dazugehörige Jackett hastig nach etwas ab. Schließlich zog er eine silberne, runde Scheibe hervor.
»Behalte es bei dir und lass es niemanden sehen«, sagte Umbriel kühl. »Wir werden es heute Abend benutzen. Dann werde ich endlich das erste Jenseits-Tor öffnen. Was ist dein Name, Dämon?«
Erneut entglitt dem Überirdischen sein Mienenspiel und ließ an Wahnsinn denken.
»Ich heiße Maruké. Aber wir heischen doch alle drei Maruké. Immer drängscht du dich in den Vordergrund! Ift doch gar nicht wahr. Daf kommt dir nur fo vor, weil du fo geiftig furückgeblieben bift, daf ift allef.«
»Du solltest dich besser in den Griff kriegen ... Nunki. Meine treue Freundin ist auf dem Weg hierher. Du wirst ein verwirrtes, bemitleidenswertes Geschöpf mimen, das das Furchtbare mit eigenen Augen ansehen musste und dem ich mit meiner Fürsorge und meinen Gebeten beistehen werde.«
»Meinetwegen. Das kannst du ja machen, Weichei.«, knurrte Maruké und strahlte im nächsten Moment über das ganze, blasse Gesicht. »Oh ja, oh ja! Ich werde furchtbar geknickt und traumatischiert schein, ehrlich! Dasch kann ich gut. Ich habe kein Problem damit, meine Gefühle tschu tscheigen.«
Tatsächlich floss augenblicklich ein Strom aus Tränen aus Marukés mittlerweile dunklen Augen. Mit einem großen Satz sprang der Daimon zu Umbriel, warf sich ihm vor die Füße, umklammerte jammernd seine Knie und heulte Rotz und Wasser.
So fand Adhara sie vor, als sie vorsichtig und ehrfürchtig die Kapelle betrat, um nach Umbriel zu sehen.

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Wie geplant, traf Umbriel mit Thanatos am späten Abend des gleichen Tages in der Aztecischen Node ein.
Sie war menschenleer, denn jedes Tor war verschlossen worden.
Fackeln warfen dunkle, tanzende Schatten auf die grauen Felswände, die lediglich von aztekischen Ornamenten verziert worden waren und ansonsten nahezu unbehauen gelassen wurden. Goldene Adern durchzogen das Gestein der gesamten Halle und glitzerten im Licht, das den Scheitelpunkt der Kuppel nicht mehr erreichte und sie der Finsternis überließ, aus der schwach das Logo der Rosenstern-Allianz hervorglühte.
Umbriel schritt mit Thanatos über den Onyboden, bis er das kleine eingravierte Pentagramm im Zentrum des weiten Runds erreichte. Das Fünfeck in seiner Mitte war herausgeschnitzt. Darin würde der aztecische Nodenschlüssel passgenau Platz finden.
Er holte das wichtige Kleinod heraus und ließ es über dem Pentagramm baumeln.
»Wir haben es geschafft, Thanatos. Wir sind diejenigen, die für die Blutige Mutter den Weg bereiten werden.«
»Es war fast beschämend einfach. Sind Menschen wirklich so dumm?« Thanatos lachte freudlos auf.
»Sie sind wirklich so dumm. Dumm, gierig, größenwahnsinnig. Aber die Blutige Mutter und ihre Kinder werden sie züchtigen und Demut lehren. Ihr Wille geschehe.« Mit diesen Worten ließ Umbriel die Kette los, die wie in Zeitlupe auf den Boden schwebte. Als sie dort auftraf, wurde sie von dem Pentagramm wie von einem Magneten zu sich gezogen. Der Rosenquarz fügte sich in seine fünfeckige Höhlung, weiter geschah für einige Augenblicke nichts.
Dann glühte es unter den silbernen Rosen auf.
Dünne Speere grünen Lichts schossen leise fauchend in alle Richtungen aus dem Nodenschlüssel hervor und sammelten sich an der Kante des weiten Kreises, der die Basis der Node beschrieb. Immer mehr Aethron strömte aus dem Nodenschlüssel hervor und eilte nach außen.
Als Umbriel und Thanatos schließlich von einem grün glühenden Ring umgeben waren, begann das grüne Leuchten, riesige Buchstaben entlang des Rundes zu schreiben. Alle Buchstaben des dämonischen Alphabets waren darin vertreten, auch Doppellettern wie ›KH‹, ›DJ‹ oder ›XX‹, die oft in den Namen der Überirdischen vorkamen. Man hatte Umbriel und Thanatos schon als Kinder gelehrt, dass es wichtig war, die richtigen Buchstaben zu benutzen, wenn man einen Dämonen rufen wollte. Bru’jaxxelon etwa schrieb sich mit ›xx‹, was dem Laut ›ks‹ entsprach. Ein einfaches ›x‹ zeigte die Folge ›gs‹ an und konnte der Name eines ganz anderen Dämons sein.
Fasziniert beobachteten die beiden Menschen, die sich aus dem Kreis in einer der angrenzenden Wandelgänge in Sicherheit gebracht hatten, wie die grünen Lichtpfeile die Felswände hinauf schossen und sich als lange Schriftreihen in den Stein brannten. Welche Buchstaben die Menschheit sich auch jemals ersonnen hatte - hier waren sie zu finden. Ob Keilschrift, indische oder arabische Lettern, ob chinesische Symbole, altgermanische Runen - sie alle drückten in etwa das Gleiche aus:
GEÖFFNET JEDEN TAG UND JEDE NACHT RUND UM DIE UHR. VIEL SPASS!
Zuletzt begann der Rosenquarz in der Mitte des Kreises weiß aufzuglühen. Als er schließlich derart hell strahlte, dass Umbriel und Thanatos die Hände vor die Augen hielten, war es soweit: Ein Blitz schoss aus dem fünfeckigen Stein hervor und raste von einem der riesigen Buchstaben zum nächsten, bis er ein Netz aus Strichen und Winkeln gewoben hatte.
Das glühende Netz tauchte mit seiner strahlenden Helligkeit die gesamte Node in ein grelles Licht.
Der Boden begann zu erzittern.
Dann verlöschte die Helligkeit mit einem Schlag, sämtliche Buchstaben auf dem Boden und an den Wänden erstarben und nur die Fackeln brannten unruhig, wie zuvor.
Doch es hatte alles seine Richtigkeit, das wussten Umbriel und Thanatos.
Sie sahen fasziniert zum Dach der Kuppel empor.
Dort spannte sich statt des Gesteins und des Allianz-Logos nun ein tiefvioletter, bewölkter Himmel über ihnen.
Das Jenseits-Tor in der aztecischen Node stand sperrangelweit offen.
»Es ist vollbracht.«, flüsterte der Prediger und lächelte glücklich.
Es dauerte auch keine drei Sekunden, als die ersten Überirdischen in die Node niedergingen, erkennbar an einem alles durchdringenden Vibrieren.
Mindestens zwanzig Daimons materialisierten sich in schwarzen Uniformen auf dem Onyxboden. Kaum, dass sie sichtbar geworden waren, stoben sie auch schon in alle Richtungen davon und die nächste Einheit tat das gleiche.
Die dritte Gruppe hingegen bestand aus gewichtig aussehenden Kommandeuren, von denen zwei der bulligsten unter ihnen, kahl geschorene Kerle mit mächtigen Kiefern und einem stark hervorspringendem Kinn, sich mit einem lauten Kampfschrei auf Umbriel und Thanatos stürzten und sie mit ihren übernatürlichen Kräften augenblicklich zu Boden schlugen. Gleich darauf lagen die beiden Xendii platt unter ihnen, über ihnen die als Elite-Soldaten manifestierten Dämonen, die ihren Fuß auf den Rücken der Gefangenen drückten - ein vibrierendes Missvergnügen, das durch Mark und Bein ging.
»Gemäß dem Beschluss des Interdimensionalen Gerichtes in der Sache MDL gegen Omrishah wird diese Node ab sofort für den Freien Verkehr zwischen Daimonsion und dieser Welt freigegeben. Der Nodenschlüssel wird kraft dieses Beschlusses konfisziert und an die MDL übergeben«, schnarrte er. »Außerdem wird diese Node unter die Bewachung der MoSh gestellt. Aus dem einfachen Grund, dass wir zuerst hier waren.«
Umbriel räusperte sich. Er hatte furchterregendere Gestalten als diese erwartet und konnte mit der Bezeichnung ›MoSh‹ nicht viel anfangen.
»Auf welcher Seite steht ihr? Seid ihr Boten der mächtigen Höllenfürsten?« Er verdrehte sich und sah zu den Dämonen auf.
Der Kommandant sah vernichtend zu ihm herunter. »Boten? Ich bin der Kethua Shaykhanim, der Anführer der 9.Armee der Melegonin der Shinnn. Wie ich sehe, gehört ihr beide wohl der örtlichen Folkloregruppe an. Nun, wie auch immer. Wir beginnen augenblicklich mit der Erhöhung des DiS-Levels.«
»DiS?« Umbriel kannte einige Begriffe des PAGAN-Jargons. Wie merkwürdig, sie aus dem Mund eines Dämons zu hören. »Oh, sicher! Wie wundervoll! Wir begrüßen das sehr«, ächzte er.
»Euch bleibt wohl auch nichts anderes übrig. Anscheinend ist man auf dieser Welt zur Vernunft gekommen. Es wurde schon über harte Maßnahmen in der Daimonsion diskutiert, um dieser Welt endlich Daimonkratie und Freien Wettbewerb zu bringen, die einige rückständige Subjekte unbedingt verhindern wollten. Aber den Fortschritt kann niemand aufhalten.«
»Oh, das wollen wir nicht. Ich habe sogar die Absicht, noch mehr Noden zu öffnen und die Feinde der Sieben Shinnn zu vernichten.«
»Na, wenn das so ist...« Die beiden entließen ihre Gefangen aus der ungemütlichen Bauchlage. »Nun, dabei sind wir euch gerne behilflich. Wenn erst mal der Level bis auf 18% gestiegen ist, werden sich hier einige Dinge ändern. Ärgerlich nur, dass die andere Node den Stinkern von MoZ zugefallen ist..«
Umbriel, der sich vorsichtig erhoben hatte, riss überrascht die Augen auf. »Welche andere Node?«
»Die Rubin-Node nebenan.«
Rubin? Dieser Stein befand sich in der Mitte des Nodenschlüssels von America Borea.
War das möglich? Lux Adhara hatte also tatsächlich...

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...das Jenseits-Tor der ihr anvertraute Node geöffnet, trotz schwacher Proteste aus den Reihen ihrer Sippe und ohne die Erlaubnis der anderen Domén Arxes.
Entgegen ihren Erwartungen waren jedoch keine strahlenden Engel mit weißen Flügeln zur Erde niedergeschwebt.
Stattdessen standen sie und einige Vertraute einem buntgekleideten Heer gegenüber, die eher an alternativ eingestellte Umweltaktivisten und Tierschützern erinnerten.
Ein bärtiger, hochgewachsener Mann mit Norweger-Pullover, Birkenstocksandalen und runder Nickelbrille trat mit todernstem Gesicht vor die völlig verwirrte Adhara.
»Gottchen, ist diese Welt vor die Hunde gegangen. Das gibt es doch nicht. Euch kann man auch keine fünf Minuten alleine mit der Natur lassen, was? Tja, wenn das so weitergeht, sehe ich schwarz für euch. Die Zerrafin sind eh schon sauer auf euch. Vor allem Mikkiyell! Er kann Atomkraft überhaupt nicht verknusen!«
»Wenn das mal nicht wieder Grund für ein Reset ist...«, tönte es aus den Reihen der Cherubim.
»Ruhe! Es gibt kein Reset-to-Eden. Das ist ein böses, böses Gerücht, das ich nicht noch einmal hören möchte, gell?« Der Bärtige warf einen drohenden Blick in die Richtung, aus der der Einwurf gekommen war. Dann wandte er sich wieder Adhara zu, die immer noch mit offenem Mund dastand, und lächelte versöhnlich. »Es war sehr vernünftig von euch, uns von der MoZ endlich den Zugang zu dieser Welt zu verschaffen. Wir sind hier, um die Dinge wieder ins Lot zu bringen. Uns schwebt da ein planetenweites Naturschutzgebiet vor, natürlich mit genügend ›Betreten Verboten‹-Schildern, wie einst anno Adam und Eva. Aber erst einmal bringen wir den DiS-Level auf Arbeitsminimum. Schließlich ist es nicht sehr gesund, als Melegon die ganze Zeit mit einem CHARMI herumzulaufen. Bringt den körpereigenen Schwingungshaushalt durcheinander.«

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Hätte man doch auf Procyon Zimberdale gehört!
Als der ohnehin schwerkranke Präsident George Midfield von dem Fiasko hörte, das sich auf dem Boden der orientalischen Domén Arx ereignet hatte, erlitt er einen Herzschlag und verfiel ins Koma - und Mira Szelwyczinski wurde Übergangspräsidentin bis zu den Wahlen im Juni.
Doch schon einige Tage vorher war den Xendii von PAGAN klar geworden, dass sie tatsächlich in eine groß angelegte Falle getappt waren, nämlich in jenem Augenblick, als niemand mehr die Node von Orientalis betreten konnte: Man hatte die Tür verschlossen, genau wie es Europa, America Borea, Balkan-Osmania und als allererste Circumpolaris mit den Passagen zu den Noden PAGANs getan hatten.
Von viertausend Männern und Frauen aller Nationalitäten PAGANs kehrten nach Tagen nur eine Handvoll über Umwege zurück, um zu berichten, was geschehen war:
Das Haus El Beyt Akkamar hatte sie zunächst überschwänglich empfangen und ihnen ein annehmliches Heerlager in der Wüste vorbereitet.
Dann, einige Nächte später hatten Seher der PAGAN-Armee Alarm geschlagen:
Ein riesiges Aufgebot an Xendii kam rasch auf sie zu.
Es handelte sich um die Truppen Europas, America Boreas, Balkan-Osmanias und ... Orientalis.
Denn El Beyt Akkamar hatte einen Hilferuf an diese Doméns gesandt, da PAGAN im Begriff war, sie mit einer großen Streitkraft zu überfallen und die Node zu kapern.
Mächtige Stürme, vermischt mit wirkungsvollen Whispern, wehten entlang des Schlachtfeldes, entfacht von den Wandlern, damit die Neutralen nichts von den Kämpfen merken konnten, die dort im Gange waren.
Die Xendii von PAGAN waren sehr gut ausgebildet, jeder einzelne von ihnen konnte hochenenergetische Jets, tödliche Dashes und unzählige Kombinationen aus beiden verschießen.
Trotz ihrer Unterlegenheit - es kamen vier Krieger der Allianz auf einen von PAGAN - fügten sie der vereinigten Armee der RSA herbe Verluste zu.
Und doch nützte es letztendlich nichts.
Als der Morgen graute, war die Wüste übersät mit verbrannten Leichen und umherliegenden Körperteilen und immer noch gingen Krieger der Allianz umher und töteten jeden Feind, der sich noch regte. Vor allem die Xendii der europäischen Sippen, noch ganz außer sich wegen des vermeintlich feigen Anschlags PAGANs auf ihre Domén Arx, erwiesen sich hierbei als besonders gnadenlos.
Die Mengen an Aethron - oder DiS, wie es bei PAGAN hieß - die während der Schlacht gebildet worden war, sowie der verzehrende Hass der Allianz-Krieger einerseits und die Verzweiflung der Soldaten PAGANs andererseits, rissen den Level innerhalb weniger Stunden auf 7,2% empor.
Und bei dieser Marke blieb es bei weitem nicht.
Bestürzt musste PAGAN erkennen, wie der DiS-Level auch nach der Schlacht von Orientalis unaufhörlich kletterte.
Und das konnte nur bedeuten, dass mindestens ein Jenseits-Tor sehr weit geöffnet worden war und große Mengen DiS aus der Daimonsion in die Erdatmosphäre geschleust wurden!

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EPILOG

So kam es also, dass einige Tage später, am 22. April jenes Jahres, um genau 08:57 MEZ der DiS-Level die Marke von 9 % erreichte.

Alle Cherubim, in jedem Land, in vielen Städten der Welt, inkarnierten augenblicklich. Sicher hatten die meisten von ihnen damit schon länger gerechnet, dennoch traf es die Mehrzahl höchst unvorbereitet.
Etliche, die gerade nichts ahnend über irgendeinem Ozean oder einer Landmasse dahinsausten, stürzten mit gellenden Schreien in die Tiefe, denn nun galten die Gesetze der Schwerkraft auch für sie, wenn sie nicht gerade als Vögel oder Fledermäuse unterwegs waren. In jenem Moment, da die Bedingungen der Inkarnation gültig wurden, konnte keiner mehr die Gestalt ändern, die er zum Zeitpunkt gewählt hatte, da die 9% erreicht worden waren. Wer keine Lust gehabt hatte, als Stein am Wegesrand dazuliegen, machte unter Umständen also Bekanntschaft mit der Verletzlichkeit eines materiellen Körpers.
Um so verständlicher erschien der Schock so mancher Stadtbewohner, als Menschen oder merkwürdige Tiere vom Himmel fielen, auf den Asphalt oder in die Vorgärten krachten und mit einem hässlichen, platschenden Geräusch zu einem unappetitlichen Fleisch- und Knochenbrei auseinanderspritzten.
Ohnehin ging jener 22. April als der Tag weltweiter Massenhysterien und Panikausbrüche in die Geschichte ein.
Wie anders als geschockt sollte etwa ein Pfarrer in Düsseldorf-Bilk reagieren, der leicht demotiviert den Sonntagsgottesdienst mit acht frommen Christen beginnen wollte. Doch, oh Wunder! Nachdem er traurig einige Verse aus dem Evangelium verlesen hatte und den Kopf hob, brandeten mit einem Mal tosender Applaus und Da Capo!-Rufe auf: Bis auf den letzten Platz waren die sonst leeren Bänke plötzlich mit begeisterten Männern, Frauen und Kindern angefüllt, die zwar mittelalterlich gekleidet waren, doch ansonsten einen sehr ordentlichen Eindruck machten. Er konnte ja nicht wissen, dass er Gläubige einer daimonischen Sekte namens Alldimensionale Christen vor sich hatte, deren Ziel es war, alle christlichen Gotteshäuser der Welt zu beehren und an jenem Tag zufälligerweise eben in Düsseldorf weilte.
Aber auch Gläubige einiger Moscheen in Arabien wunderten sich nicht schlecht, als sie während des rituellen Niederwerfens vor Gott mit einem Mal umgeschubst wurden: Daimonische Anhänger des Propheten Mohammed, die bis vor wenigen Augenblicken wie seit Jahren aus Platzmangel über den Gläubigen schwebend beteten, plumpsten im Moment der Inkarnation unverzüglich zu Boden - oder zwischen die Frommen. Richtigerweise erkannten die Moslems sofort, dass es sich nicht um normale Menschen handeln konnte und rezitierten vielstimmig Schutzsuren, in die die Daimons jedoch freudig mit einfielen, was da nur den wiederum fast richtigen Schluss zuließ, dass es sich um gläubige Dschinn handeln musste, von denen im Koran die Rede war. Daraufhin bombardierte man die unerwarteten Gäste mit Fragen nach Gott, dem Leben und dem ganzen Rest. Da Daimons stets zu Scherzen aufgelegt waren, lautete die Antwort natürlich 42.
Viel entspannter gingen die Hindus mit den leibhaftig gewordenen Inkarnationen ihrer Götter um, die eigentlich Touristen waren und das Tadj Mahal besichtigten. Aus Respekt vor den einheimischen Traditionen hatten sie sich beispielsweise die Gestalt von zartblauen vierarmigen Krishnas angenommen und waren nach der Inkarnation unglücklicherweise dazu verdammt, erst einmal in dieser Form durch die Gegend zu laufen. Und etwas anderes als zu Fuß gehen oder die öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen, war für die erste Zeit nicht mehr drin.
In Irland sah man sich urplötzlich mit jähzornigen Kobolden und grazilen Elfen in Pubs und Museen konfrontiert, was nur Menschen unter 12 Jahren über die Maßen begeisterte. Überhaupt konnten die Kinder weltweit die Aufregung der Erwachsenen nicht im Geringsten nachvollziehen, schließlich gab es tausende von Büchern über diese phantastischen Geschöpfe.
Den ›phantastischen Geschöpfen‹ ihrerseits, die sich nach ihrer Einreise nicht an die Verpflichtung gehalten hatten, nur menschengleiche Gestalt anzunehmen, war schlagartig klar geworden, dass Xendii sie in dieser Aufmachung höchstwahrscheinlich mühelos aufspüren konnten, was nicht gerade für Begeisterungsstürme bei ihnen sorgten. Die meisten jedoch ahnten, dass dies nur den Beginn einer überaus aufregenden Zeit markierte, in der ein Daimon endlich wieder seinen Spaß auf dem Planeten Erde haben konnte - wie in früheren Zeiten.
Ob es sich um wunderschöne Nackttänzerinnen verschiedener Sonnenanbeter-Vereine der Daimonsion an den Stränden Mallorcas oder Floridas handelte, die zur verwirrten Freude der Männer schlagartig vor ihren alkoholgetrübten Augen auftauchten oder um Mitglieder der Ballettänzer-Gilden auf den Dächern des Kremls - die Inkarnation der Cherubim sorgte für Massenaufläufe.
Solche angenehmen Anblicke bekamen die Bewohner New York Citys leider nicht zu Gesicht - sie waren stattdessen vollauf damit beschäftigt, vor den riesigen, geflügelten Gargoyles davon zu rennen, die im Tiefflug über ihnen dahinsegelten und schreiende Menschenmassen über den Broadway trieben. Vorzugsweise flüchteten sich viele Menschen an diesem Tag in ihre Gotteshäuser, denn zu unglaublich, zu furchterregend, zu unbegreiflich war das, was sich an diesem Tag auf der Welt abspielte. Und wer sich nicht in die Kirchen, Moscheen und Tempel retten wollte, versuchte daheim alleine oder mit Freunden und Verwandten krampfhaft eine plausible Erklärung all dessen zu finden, was natürlich nicht gelang, es sei denn, man bemühte Raum/Zeitverschiebungen, auf die Erde verirrte Wurmlöcher, Verschwörung verschiedener Geheimdienste oder ähnliches.
War das Ende der Welt gekommen, wie später die Gottesmänner weltweit erklärten? War das die Rechnung für unverschämtes Nacktbaden, zügellosen Sex vor der Ehe, endlose Castingshows und dergleichen?
Und was wollten diese unheimlichen Wesen? Schickte Satan sie?
Einige schon länger alleinstehende Frauen und Männer mochten nicht so recht daran glauben, nachdem sie den ersten Schock darüber verwunden hatten, dass in ihren Betten oder an ihrem Frühstückstisch plötzlich ein sympathisch aussehender Mensch auftauchte, der behauptete, schon seit Jahren ihr Untermieter zu sein und ab und zu aus Eifersucht vielversprechende Dates sabotiert zu haben.
Einige Daimons genossen sogar die offenkundige Verehrung, die ihnen entgegengebracht wurde, als sie beispielsweise auf dem Eiffelturm als hübsche Engel inkarnierten. Dabei hatten sie kurz vor ›Dem Moment‹ nur herumgealbert und sich gegenseitig zum Spaß die schrillsten Dauerwellen und das phantasievollste Gefieder anmaterialisiert. Immerhin, jener Engel mit den blutroten Flügel und dem schwarzen Tribal-Muster darauf gelangte als Fotomodell später zu einiger Berühmtheit und durfte sogar für Chanel auf den Laufsteg.
In Shangri-La wussten die Xendii-Gäste, dass ›Der Moment‹ gekommen war, als La Mâitres gellender Schrei und ihre wüstesten Flüche aus der Küche des ›Chez Cherub‹ durch die ganze Stadt hallte - sie hatte sich just in dem Moment inkarniert, als sie sich beim Zwiebelschneiden das Messer in ihre Finger hieb. Das war ja vorher kein Problem gewesen - nun jedoch...
Dann ertönten auch schon die Sirenen, die von dem gefährlich angestiegenen DiS-Level kündeten - und nichts war mehr so gemütlich, wie es für Jahre gewesen war.
Es waren jedoch nicht die abenteuerlich aussehenden Daimons, die den Xendii Verdruss bereiteten. Diese konnte man leicht aufspüren und zurück in die Daimonsion ausweisen.
Sorgen machen musste man sich um jene, die sich wie die meisten Daimons in vollkommen unspektakulärer Weise inkarniert hatten, als mehr oder weniger durchschnittlich aussehende Männer, Frauen oder Kinder - doch alle überzeugte Anhänger der MDL.
Dies war die Stunde der Seher - nur sie konnten die noch schwach vorhandene Aura der Daimons wahrnehmen.
Und es war auch die Stunde von Engelbert.
Wie es das Schicksal wollte, befand er sich zum Zeitpunkt seiner Inkarnation wie so oft in einem Tonstudio, wo er insgeheim den Musikern beim Einspielen ihrer Lieder zusah.
In dem Tokioter Studio hatte eine japanische Glamrock-Band gerade das Feld geräumt, die Tontechniker waren ebenfalls gegangen - und Engelbert nutzte die Gunst der Stunde, um aus Spaß einen Song für sich selber einzuspielen, einer Mischung zwischen Rap und Swing.

I say:
Sing like a daimon
Swing like a daimon
Sway like a daimon
C’mon all you funky daimons
Move on all you kinky daimons

From East, South, North and West
Put your groove now to the test
Shake ya body up and down
Hit the dancefloor, hit the town

Yeah,
Sing like a daimon
Swing like a daimon
Sway like a daimon
C’mon all you funky daimons
Move on all you kinky daimons

From Detroit, Athens and Berlin
Show them how to shiver and spin
Jump up to touch the ceiling
What fun, and what a feeling

Uh oh
Sing like a daimon...

Er war so in Fahrt, dass er erst viel zu spät die staunenden Männer entdeckte, die ihm schließlich grinsend Beifall klatschten.
»Hey, wir wissen nicht, wer du bist und was du hier treibst. Aber der Song ist echt gut. Und wir kennen da einen Produzenten, der dich groß rausbringen kann!«

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Ende
des zweiten Teils
* Die letzten Tage von Windwibbenburg *

und

ENDE des ersten Buches
 

© I.S. Alaxa
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Und schon geht's weiter zum 1. Kapitel des zweiten Buches: Xendium - Inkarnation

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