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Xendium - Inkarnation von I.S. Alaxa
Teil 1 - DiSMaster vs. Daimons
Kapitel V

Am Morgen nach dem seltsamen Gespräch mit Bru’jaxxelon wollte Tigris noch einmal Engelbert im Krankenhaus aufsuchen und vor allem Funatic dazu überreden, mit den genauen Koordinaten herauszurücken. Zumindest hatte dieser lässig behauptet, Ilvyns genauen Aufenthaltsort durch das Multifunktions-Handy herausbekommen zu haben, beharrte aber darauf, dass seine Truppe bei Ilvyns Befreiung dabei sein sollte - wenn sie denn einmal komplett sein würden.
Zu ihrer großen Überraschung fand Tigris das Krankenzimmer leer vor, von den beiden Cherubim gab es keine Spur mehr. Die daimonische Krankenschwester, die Tigris auch schon kennen gelernt hatte, meinte nur schnippisch und beleidigt zugleich: »Hier denkt wohl jeder, dass er augenblicklich gesund ist, nur weil man ihn ein paar Stunden im DiS-Tank mariniert hat. Ha, unser Domizil ist wohl nicht gut genug für dahergelaufene Schlagersänger und angekokelte Xendii.« Wobei letzteres natürlich auf Anjul gemünzt gewesen war.
Also ging es weiter nach Guulin Kherem.
Dort herrschte bei den Windwibbs eine angespannte, bisweilen sogar depressive Stimmung.
Bat Furan war seit dem frühen Morgen mit Ras Algheti und einigen anderen draußen im mongolischen Altai-Gebirge, anscheinend, um weite Teile davon zu pulverisieren, zumindest sah es für Tigris danach aus, als sie dort ankam.
Das Gefühl, versagt zu haben und daran schuld zu sein, dass Ilvyn womöglich etwas angetan werden würde, machte ihn wütend und hilflos zugleich. Er musste irgendetwas tun, und sei es nur, mit DiS wild in der Gegend herumzuschießen und in Gedanken voller Hass Bilder von einem Kampf gegen die MDL heraufzubeschwören.
»Oh, ich kann Aévon nun sehr gut verstehen. An allem sind die Daimons schuld. Sie sollen einfach verschwinden, es ist nicht ihre Welt, niemand will sie hier haben!«, knurrte er mit finsterem Gesicht und zerschoss zur Bekräftigung gleich noch einen mannshohen Felsen in einigen hundert Metern Entfernung.
»Tolle Einstellung, vor allem wenn man bedenkt, dass Funatic die Koordinaten hat und uns helfen will«, wandte Tigris kopfschüttelnd ein. »Wo ist eigentlich Anjul? Trainiert er nicht mit euch?«
Ras Algheti verzog den Mund. »Keine Ahnung, wo er abgeblieben ist. Ist uns auch vollkommen egal, der tickt doch eh’ nicht richtig.«
»Wieso? Nur weil einige Mädchen sich lieber mit ihm beschäftigen als mit dir?«, versetzte Tigris boshaft.
»Auf diese Art Beschäftigung kann ich gut verzichten! Ich hatte schon genug Make-up und Glitzerkleider in London.«
Tigris hob die Braue und sah Ras Algheti verständnislos an.
»Aber«, mischte sich Darius spöttisch grinsend ein, »im Gegensatz zu uns scheint es deinem kleinen Freund richtig gut gefallen zu haben, zu einer Drag Queen verwandelt zu werden. Nun ja, man muss wirklich sagen, an ihm ist eine holde Maid verloren gegangen.«
»Ja, er hat sich prächtig amüsiert«, stimmte Ras Algheti augenrollend zu. »In Anapurnas Zimmer wurde gekichert und getuschelt - und als wir hereingeschaut haben, stand Anjul vor dem Spiegel und probierte alle Lippenstifte durch. Anas Minikleid stand ihm ganz gut.«
Die Jungs grinsten sich hämisch zu, was Tigris noch wütender und verwirrter machte.
»An ihm ist ein Irrer verloren gegangen, würde ich eher sagen«, meinte Bat Furan weiter. »Ich weiß nicht, aus welcher Ecke er gekommen ist, er ist ja so gesprächig. Aber Tig, im Ernst: Er ist mehr als merkwürdig.«
»Er hat etwas Schreckliches erlebt. Da kann es vorkommen, dass man merkwürdig reagiert. Ich hätte gerade von euch mehr Verständnis erwartet«, sagte Tigris leise, aber verbittert.
»Ich habe auch etwas Schreckliches erlebt, sogar mehr als einmal in meinem Leben«, gab Darius nicht weniger gekränkt zurück. »Aber ich spaziere morgens zumindest nicht nackt durch das ganze Herren-Badezimmer und präsentiere mich so, wie Gott mich erschuf. Und ich dusche auch nicht eine halbe Stunde eiskalt, bis ich blau angelaufen bin.«
Ungläubig starrte Tigris ihn an. Dann sagte sie herausfordernd: »Ich habe das Gefühl, dass gerade du ein Problem mit ihm hast, wieso auch immer. Du hast ihn gestern sehr seltsam angesehen.«
»Weil ich ihn irgendwo schon einmal gesehen habe, mich jedoch zur Gottverdammnis nicht erinnern kann, wo. Aber es wird mir schon noch einfallen. Allerdings sagt mein Gefühl mir, dass es keine erfreuliche Erinnerung sein wird. Sobald ich ihn ansehe, weiß ich, dass irgendetwas absolut nicht mit ihm stimmt. Du bist allerdings die erste, Milady, die es erfährt, wenn es mir wieder eingefallen ist.«
›Lügner, du weißt garantiert genau, wer er in Wahrheit ist‹, dachte Tigris insgeheim, zischte ihm jedoch unfreundlich zu: »Na, da fühle ich mich aber höchst geehrt, danke.« Sie wandte sich wie die anderen kurz um, als Hababai durch das Portal im Felsgestein neben ihnen herauskam. Sogleich stürzte Bat Furan auf ihn zu und fragte aufgeregt: »Ist Shirooka wieder zurück?«
»Ich habe sie nicht in Guulin Kherem gesehen, Bat Furan, tut mir leid. Aber sie bleibt eigentlich immer zwei oder drei Tage in New York, wenn sie einen Abstecher dorthin macht. Mach dir keinen Kopf, sie kann sehr gut selber auf sich aufpassen.«
»Verdammt«, murmelte Bat Furan und senkte den Kopf. »Wie kann man in die Höhle des Löwen gehen? Ich habe sie angefleht, es sein zu lassen, aber nein - die Dame hat ihren eigenen Kopf.« Er schloss die Augen und atmete tief durch.
»Was will Shirooka denn bloß in New York?«, wunderte sich Tigris. »Dort haben sie doch die amerikanische Verfassung außer Kraft gesetzt und stattdessen die tollen, göttlichen Gebote eingeführt. Im Moment sind Europa und America Borea der letzte Ort, wo ich sein will.«
Doch Bat Furan stampfte ohne Antwort entnervt davon, um seinen Frust mit noch wütenderem Herumgeballer abzureagieren.
»Shirooka stammt ursprünglich aus New York«, erklärte Ras Algheti stattdessen. »Bis kurz vor ihrem vierzehnten Geburtstag hat sie dort in einem Waisenhaus gelebt, das von einem Nonnenorden geführt wurde. Dann ist sie abgehauen. Und letztendlich bei PAGAN und den DiSMasters gelandet. Aber sie hat einige Freunde dort, Neutrale. Deswegen stattet sie New York noch ab und zu einen Besuch ab.«
»Warum auch nicht? Ich würde auch gerne noch einmal meine Freundinnen in Düsseldorf besuchen. Es kommt mir vor, als seien seitdem tausend Jahre vergangen ...« Tigris sah für einen Moment gedankenverloren in den Himmel. Dann fragte sie Hababai: »Ist Aévon eigentlich schon aus England zurück?«
»Ja, er ist oben in seinem Zimmer in Guulin Kherem. Aber ich würde ihn jetzt nicht stören, er hat ziemlich miese Laune und dazu noch seine depressive Phase. Jedenfalls sah er ziemlich übel aus, als er mir über den Weg gelaufen ist. Wahrscheinlich hatte er wieder Streit mit seinem alten Herren. Da kann nur Rosanjin helfen, er weiß, wie er mit Aévon umzugehen hat, wenn er so ist, Tig.«
»Ach ja, die Rufer!«, fiel es Tigris ein. »Anjul ist bestimmt bei ihnen. Wahrscheinlich ist er dort auch besser aufgehoben. Wandler können unausstehlich sein, nicht wahr?« Sie drehte sich auf dem Absatz um und lief zurück durch das Tor nach Guulin Kherem, nur um gleich die Passage in die Wüste Gobi zu nehmen, wo Antigua und die anderen drei Rufer unter Rosanjins Leitung fast täglich trainierten - Antigua und die anderen vier Rufer, wie man ab sofort wohl sagen konnte.
Als Tigris aus dem kleinen Zelt trat, in dem die Rufer zwischendurch Pause machten und in dem sich auch der Durchgang zurück nach Guulin Kherem befand, hörte sie schon Donnergrollen.
Antigua stand mit ausgebreiteten Armen in der Sandsenke, die rundherum von mächtigen Dünen begrenzt wurde, hatte konzentriert die Augen geschlossen und wartete auf den unvermeidlichen Blitzeinschlag, der aus den dichten Wolken über ihr fahren würde. Bei ihr ging es sehr rasch, denn sie hatte schon damals in Windwibbenburg Unterricht von erfahrenen Lehrern aus ganz Europa erhalten und war durch ihr Verstärktes Xendium besonders talentiert.
Als der Blitz aus den Wolken jagte, hüllte er die Ruferin für einen kurzen Augenblick in gleißendes Licht.
»Entlade dich, sofort!«, brüllte Rosanjin ihr zu, woraufhin Antigua auf die Knie sank und die Hände auf den Sand drückte. Die Wüste um sie herum erzitterte - dann schoss auch schon der nächste Blitz hernieder, um in ihren Körper einzuschlagen. Im gleichen Moment rannte Rosanjin zu ihr, stieß sie beiseite - und empfing den dritten, gleißenden Blitz an ihrer Stelle.
Dann entluden sich beide gleichzeitig in den Boden, wodurch diesmal Sandlawinen von einer weiter entfernten Düne rutschten und dabei hohe Sandschleier in die Luft schleuderten.
Tigris und die anderen drei Rufer - Anjul war zu ihrer Enttäuschung nicht dabei - sahen das Ganze aus sicherer Entfernung an. Rosanjin drückte Antigua an sich und strich ihr beruhigend über die Haare.
»Du musst etwas gegen deinen inneren Selbstzerstörungstrieb tun, Antigua. Sonst beschwörst du eines Tages mehr Blitze herauf, als du vertragen kannst«, hörte Tigris ihn trotz der Entfernung sagen. Es war, als trüge der Wind seine Stimme nah an ihr Ohr heran. Das Erbe ihrer Mutter entwickelte sich anscheinend von Tag zu Tag besser.
»Ich weiß«, knurrte Antigua nur zur Antwort und stand dann auf, als sie endlich Tigris erblickte. Lächelnd kam sie auf sie zu. »Schön, dich zu sehen, Tigris, auch wenn du garantiert nicht wegen uns gekommen bist.«
»Ich freue mich trotzdem, dich zu sehen, auch wenn es stimmt. Bat Furan und die anderen haben mir ziemlich komische Sachen über Anjul erzählt, da wollte ich einfach mal nach dem rechten sehen.«
»Ach, die Jungs sind nur neidisch, weil wir Mädchen uns so gut mit ihm verstehen«, warf Tajan, die junge chinesische Ruferin, ein.
Es gab neben Antigua und Tajan nur zwei weitere Rufer, Kwilu, die Kongolesin sowie Tarvos aus Russland, mit fast zwanzig Jahren der älteste unter Rosanjins Schülern.
Umso überraschter schaute der hagere Tarvos drein, als eine kleine, schmächtige Gestalt auf einer Wüstendüne auftauchte und zielstrebig auf sie zuhielt.
»Wenn man vom Teufel spricht. Verstärkung für dich, Tarvos«, sagte Antigua lächelnd zu dem hochgewachsenen Russen mit den dichten, braunen Haaren, deren Spitzen knallig grün gefärbt waren.
»Sehr stark, auf jeden Fall. Auf den kann ich gut verzichten«, murmelte Tarvos augenrollend.
Tigris seufzte - war Anjul wirklich derart unbeliebt in Guulin Kherem? Es tat ihr weh, dass vor allem die Jungs nicht gut auf ihn zu sprechen waren.
»Er ist ziemlich exzentrisch, das ist wahr. Aber irgendwie auch sehr weise«, meinte Tajan verträumt und Kwilu nickte begeistert.
»Oh, warst du etwa bei dem kleinen Kostümfest gestern Abend auch dabei?«, erkundigte sich Tigris und konnte nicht verhindern, dass es ätzend und eifersüchtig klang.
»Das war Anapurnas Idee, als Anjul sich ihre Federboa geschnappt hat«, verteidigte sich Tajan. »Und als wir aus Spaß meinten, dass wir aus ihm auch gerne eine Frau machen könnten, hat er nur gesagt: Das ist mir nicht fremd. Und dann haben wir Tee getrunken und über Liebe geredet. Er trägt bestimmt eine tiefe Wunde mit sich herum. Er ist ja so empfindsam ...«
Antigua verdrehte die Augen und presste ihre Lippen aufeinander, um nicht in Lachen auszubrechen.
»Hin und wieder schon. Allerdings mehr hin als wieder«, sagte Tigris nur noch und bemühte sich, ihre Freude zu unterdrücken, als Anjul schließlich bei ihnen stand.
»Man sagte mir, die Rufer bräuchten noch Zuwachs«, begann er nach einem langen Blick auf Tigris an Rosanjin gewandt.
»Ja, und Gott sandte dich deswegen zu uns, was?«, grummelte Tarvos, der in alle möglichen Richtungen sah, nur nicht in Anjuls.
»Wer sagt, dass es Gott war?«, entgegnete Anjul amüsiert.
»Wir sind hier, um zu trainieren, und nicht, um uns gegenseitig Sympathiebekundungen zu machen«, ging Rosanjin mit einem warnenden Blick auf Tarvos dazwischen. »Wie gut kannst du Blitze und DiS anziehen und speichern?«, fragte er Anjul dann.
»Mindestens so gut wie du«, gab Anjul seelenruhig zurück.
»Angeber!«, zischte Tarvos leise.
»Ach ja?« Rosanjin sah ihn spöttisch an. »Wenn du schon alles kannst, wozu brauchst du dann noch mein Training?«
»Ich habe nicht behauptet, dass ich dein Training brauche«, antwortete Anjul sachlich und vergrub seine Hände in den Hosentaschen. »Aber vielleicht kann ich euch noch einige interessante Dinge zeigen. Ich habe schon in Shangri-La gesehen, dass die Xendii anscheinend vergessen haben, wozu ein Rufer fähig ist.«
Rosanjin schüttelte langsam den Kopf. Dieses Kerlchen war nicht nur seltsam, sondern auch ausgesprochen anmaßend. Er verschränkte die Arme und musterte den Neuzugang abschätzend. »Nun gut, erlauchter Meister aller Klassen, dann frische das verschüttete Wissen auf und zeige uns, was du kannst. Wir sind jedenfalls sehr gespannt und lernen gerne dazu.«
»Das ist wohl das Mindeste, das ich erwarten kann«, entgegnete Anjul nicht weniger ironisch. »Und sogar die passende Anrede wird mir zuteil. Auf soviel Scharfsinn war ich gar nicht vorbereitet.« Er schenkte dem japanischen Rufer noch ein schwaches Lächeln, dann hob er den rechten Arm seitlich bis auf Schulterhöhe empor und spreizte dabei die Finger seiner Hand. In dieser Haltung verharrte er schweigend.
Die Rufer und Tigris suchten den Himmel ab, der bis auf ein paar übrig gebliebene Wolkenfetzen von vorhin makellos blau ins Auge stach.
»Es klappt wohl nicht so ganz, was?«, bemerkte Tarvos schadenfreudig, doch Tajans Ellbogen, der mit einem Mal gegen seine Seite stieß, brachte ihn zum Schweigen. Befremdet sah er sie an - und sie wies mit dem Kinn zu der großen Sanddüne in gut zweihundert Metern Entfernung, in deren Richtung Anjuls Arm ausgestreckt war. In Zeitlupe erhob sich dort ein Sandschleier, der sich immer höher gen Himmel reckte. Ein erstaunlicher Anblick, der selbst Rosanjin überraschte. Doch das war nur der Anfang. Als die dünne Sandsäule eine gewisse Höhe erreicht hatte, bog sie sich mit einem Mal in Anjuls Richtung und schnellte dann auf seine Hand zu. Gleich einem Wasserstrahl schoss der Sand gegen Anjuls Handinnenfläche und rieselte von dort unaufhörlich wieder zu Boden.
»Wer hat dir das beigebracht?«, wollte Rosanjin wissen, der das Spektakel genauso ungläubig wie alle anderen mitverfolgt hatte. Seine Stimme zitterte vor Aufregung sogar ein wenig.
»Der Heilige Geist natürlich«, meinte Anjul mit ironischem Grinsen. »Meine ... Sippe ist ziemlich talentiert in solchen Dinge. Aber im Grunde spielt es überhaupt keine Rolle. Es ist nichts, wozu ihr nicht auch imstande seid.«
Er beendete die Vorführung. Schlagartig sank die Fontäne in sich zusammen und regnete zu Boden.
»Wer ist deine Sippe?«, bohrte Rosanjin jedoch weiter.
»Ich sagte, es spielt keine Rolle. Und ich will nicht über sie sprechen, dafür hasse ich sie zu sehr.«
»Soll das heißen«, rief Tigris dazwischen, »ihr könnt alles mögliche anziehen, nicht nur immer diese öden Blitze?« Dann schlug sie sich die Hand auf den Mund und warf Rosanjin einen schuldbewussten Seitenblick zu.
»Deswegen heißt es ja auch Rufer und nicht Blitzableiter«, meinte Anjul mit einem sanften Lächeln, das wieder die Grübchen unter seine Augen zauberte. Tigris sah ihn hingerissen an. Egal, was Bat Furan und die anderen über ihn sagten - er war etwas ganz Besonderes.
»Deine Sippe gehört zu jenen von B.A.D. Company, habe ich recht?« Rosanjin wollte in diese Hinsicht offenbar nicht lockerlassen.
»Ja«, knurrte Anjul. »Überaus very bad Company, das kann ich nur bestätigen.«
»Überaus auskunftsfreudig, wie wir Anjul kennen«, lachte Antigua, die schon dabei war, sich auf eine andere Düne zu konzentrieren. Immerhin - ein kleiner, zarter Staubschleier war aus dem Sand erwachsen und tanzte dort unkoordiniert im Kreis herum.
Was für phantastische Möglichkeiten!
Tigris sah sich um - die Rufer hatten sich verteilt, selbst Tarvos war schon eifrig dabei zu üben.
Plötzlich fühlte sie ein Ziehen am Rücken, als ob jemand ein Seil an ihr befestigt hätte und nun mit aller Kraft daran zog.
»Hey, was ist das denn?«, rief sie erschrocken, da sie gegen die Kraft nicht ankam und ein paar Schritte rückwärts taumelte. Augenblicklich schnellten alle Köpfe zu ihr herum.
Und ehe sie sich versah, riss es sie schließlich von den Beinen, sie machte einen gewaltigen Satz durch die Luft - um sich letztendlich in Anjuls Armen wiederzufinden.
»Meine körperliche Anziehungskraft ist wirklich phänomenal, findest du nicht?«, raunte er ihr mit seiner rauchigen Stimme zu. Die tiefblauen Augen waren Tigris so nah wie nie zuvor, weswegen sie unbewusst den Atem anhielt. In ihrem Magen flatterte eine Horde wildgewordener Schmetterlinge auf, die sich alle auf einmal durch sämtliche ihrer Blutbahnen drängeln wollten.
Sein Blick schweifte fragend in ihren Augen umher, schien etwas zu suchen, wurde dabei immer weicher und erstaunter. Gleichzeitig erspürte sie einen warmen Hauch von Sympathie. Vielleicht sogar mehr ...? Doch kaum hatte sie das gedacht, rissen seine Augen sich entschlossen von ihr los. In dem Moment zog er auch die Arme weg und ließ sie unsanft in den Sand plumpsen.
»Aber bei dir brauche ich diese Spielchen doch gar nicht, Tigris. Du kommst auch jederzeit freiwillig in meine Arme gehüpft«, sagte er leise, doch unüberhörbar spöttisch. Diese Unverschämtheit verschlug Tigris zunächst glatt die Sprache. Immer noch rücklings im Sand liegend, stützte sie sich auf ihre Ellbogen und schaute zu Anjul hoch, der finster ihrem ernsten Blick standhielt.
Eigentlich hatte er eine ätzende Antwort verdient. Doch dieser eine kurze Moment, in dem sie für einen Augenblick an seinem Innersten gerührt hatte, hatte etwas in ihr ausgelöst.
Diese Situation kam ihr aus irgendeinem Grunde merkwürdig vertraut vor.
»Freiwillig und gerne, Anjul«, meinte sie daher nur leise und lächelte.
Er starrte sie irritiert an. Langsam ging er vor ihr in die Hocke und mit einem Tonfall, in dem nur mühsam unterdrückter Zorn schwang, sagte er genauso leise zu ihr: »Ich brauche deine Liebe nicht.«
Tigris riss die Augen auf.
Die Stimmen der anderen Rufer, die weiter hinten standen und sich unterhielten, verstummten schlagartig. Es war, als ob etwas sie und Anjul urplötzlich aus der Wüste fortriss und weit weg brachte - an einen anderen Ort. Ein Ort, so weit entfernt, dass er in einer anderen Zeit zu liegen schien.
›Ich brauche deine Liebe nicht‹
Jemand hatte das schon einmal gesagt! Und jemand anderer hatte, wie sie nun, geantwortet:
»Sie gehört trotzdem dir.«
Nun waren es die tiefblauen Augen, die aufgerissen wurden und vollkommen entsetzt und verwirrt zugleich blickten.
Das merkwürdige, entrückte Gefühl zerstob bei Tigris, als Anjul kurz aufkeuchte und dann wieder auf die Beine sprang. In diesem Moment kehrte auch die Realität zurück.
Tigris erhob sich und klopfte sich den Sand von ihrer Hose. Dabei sah sie kurz auf und bemerkte endlich, dass Anjul sie schweigend anstarrte, während er einige Schritte rückwärts zu den anderen machte. In seinem Gesicht kämpften immer noch Verwirrung, Zorn - aber auch Schmerz. Schließlich drehte er sich um und stampfte mit gesenktem Kopf zu den anderen Rufern.

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Es waren einige Monate vergangen, seitdem Shirooka zuletzt ihre Freunde in New York besucht hatte. Zwar konnte man in Shangri-Las Cafés die Neuigkeiten aus aller Welt im Fernsehen und im Radio verfolgen, doch die DiSMasters hatten etwas Besseres zu tun als vor dem Bildschirm zu hängen, vor allem in ihrer Freizeit, in der die meisten gerne durch die Welt streiften und zusammen etwas unternahmen.
Daher war Shirooka schon nach der ersten halben Stunde, in der sie am frühen Abend durch die Schluchten der Hochhäuser gestreift war, vollkommen entsetzt und wütend.
Die Stadt, die bis vor wenigen Wochen nie geschlafen hatte, überließ sich betäubt der hereinbrechenden Dämmerung.
Als erstes waren ihr die zahlreichen schwarzen Flaggen mit einem blutroten Schwert mit zwei Flügeln an der Klinge und einer Art Heiligenschein über dem Knauf aufgefallen. Sie hingen in Bahnen von jedem wichtigen Gebäude und neben den Kirchtüren.
Sprüche in rot standen oft darunter:
›Das Ende aller Tage naht‹
›Die Engel werden euch leiten, seid ohne Furcht‹
Hin und wieder auch besonders aufmunternde Verse aus der Weißen Bibel:
›Und es kommt eine Zeit, da werden sich die Rechtschaffenen empören wider das Unrecht und seine lästerlichen Verbreiter‹
›Wer jedoch zurück in die Gemeinschaft der Gerechten kehrt, siehe, den errettet der Herr und entrückt ihn in sein Himmelreich‹
Dann entdeckte sie, dass viele der Clubs und Bars, die sie früher gerne besucht hatte, geschlossen hatten. Einige waren sogar mit schwarzem Band, in dem sich das Schwertsymbol wiederholte, versiegelt worden.
Sie hatte zwar mitbekommen, dass die amerikanische Verfassung durch die strengen Gebote der Xendii-Bibel ersetzt worden waren, aber niemals für möglich gehalten, dass sie in einer Metropole wie New York durchgesetzt werden würden.
Aus den Bistros und Cafés, die geöffnet hatten, drangen entweder unaufdringliche, dahinplätschernde Instrumentalmelodeien oder aber religiöse Lieder. Lieder über Gott, das Leben und das Licht. Vor allem aber die Aufforderung, umzukehren zu Gott. Heimzukehren in die ergebene sanftmütige, fromme Herde, die von liebevollen guten Hirten bewacht wurde.
Bewacht vor allem.
Männer und auch Frauen in dunkelblauen Uniformen, die das Schwertsymbol auf dem Rücken und in Silber an einer Kette auf ihrer Brust trugen, streiften durch den feierabendlichen Berufsverkehr.
Auf Shirookas Behauptung, dass sie Touristin sei und sich gefragt habe, wer diese Leute waren, hieß es respektvoll aus dem Mund einer älteren Dame:
»Das sind die Angels of Dawn. Wissen Sie, Kind, es gibt keine Polizei mehr. Das brauchen wir nicht mehr. Sie stammen aus unseren eigenen Reihen und daher unterstützen wir sie voll und ganz. Innerhalb weniger Wochen haben sie aus diesem Sündenbabel eine lebenswerte, familienfreundliche Stadt gemacht! Warum haben Sie denn nur Ihre Haare so grauselig gefärbt und kurz geschnitten, Kindchen? Gott liebt Sie so wie er sie erschuf, mit all Ihren Fehlern und Mängeln.«
»Dann liebt er mich sicher auch trotz meiner Frisur, oder?« hatte Shirooka freundlich aber bestimmt entgegnet.
Nein, das alles gefiel ihr überhaupt nicht.
Die meisten Leute waren so ... so ängstlich und betriebsam zugleich. Als ob tatsächlich bald das Jüngste Gericht drohte.
Sie waren oft auch dementsprechend gekleidet - gedeckte Farben, kein Schnickschnack oder Schmuck, keine auffälligen Muster.
Die umherstreifenden Sittenwächter warfen ihr misstrauische, wachsame Blicke zu, als sie den Central Park betrat.
Auf einer großen Wiese stand ein Kinderchor und unterstützte mit süßen Stimmchen einen Prediger, der vor hunderten von Leuten das neue Reich der Letzten Dämmerung pries.
»Die Macht der Wahrheit ist überwältigend! Gott ist die Wahrheit!«, rief er ins Mikrofon und die Zuhörer jubelten laut auf.
»Er gab uns seine Gesetze, nicht um uns zu knechten, sondern um uns befreien. Um uns zu befreien von Krieg, Leid, Drogen, Selbstzerstörung! Sie ermöglichen uns wahres Leben. Endlich können unsere Kinder in dieser Stadt aufwachsen, ohne dass geistig verwahrloste Kreaturen ohne jegliche Moral ihre reinen Seelen und unschuldige Körper bedrohen. Doch Gott ist auch Barmherzigkeit. Selbst diesen bemitleidenswerten Geschöpfen wird Seine Gnade zuteil. Überall in unserem Land werden sie von unseren aufopferungsvollen, liebevollen Brüdern und Schwestern in Heimen und Hilfezentren aufgenommen. Dort erfahren sie, was Liebe bedeutet, was Gemeinschaft und Fürsorge ist. Dort können sie zu Menschen werden!«
Und wieder Jubelrufe und Lobpreisungen.
Shirooka lehnte in einiger Entfernung gegen einen Laternenpfahl und sah sich das Spektakel auf der Wiese vor ihr an.
Vor einigen Monaten hatte sie dort mit begeisterten anderen Jugendlichen ein Live-Konzert verschiedener unbekannter Amateurbands mitangesehen. Von dieser Art Ausgelassenheit war jedoch weit und breit keine Spur mehr.
»Hallo, Benya! Pünktlich wie immer.«
Shirookas Kopf schnellte herum, als dieser Name genannt wurde.
Ein Name, den sie mit ihrer Flucht aus dem Waisenhaus hinter sich gelassen hatte, und den nur noch ehemalige Mitbewohner von dort oder einige andere Kumpel aus der Stadt benutzten. Rich war einer von ihnen.
Shirooka lachte und drückte den pummeligen Puerto Ricaner an sich, und auch er grinste und erwiederte die Umarmung.
»Gut siehst du aus. So durchtrainiert. Diese Truppe, bei der du bist, sind doch garantiert Marines, oder so.«
»So etwas in der Art. Sag mal, was geht denn hier eigentlich ab?«, fragte sie sogleich, doch Rich legte den Finger an die Lippen und bedeutete ihr, ihm zu folgen. Er wählte einen schmalen, wenig besuchten Weg durch ein abgelegenes Wäldchen.
»Das Reich der Letzten Dämmerung geht ab, und mit ihm seine Anhänger, wie du siehst. Man könnte sich ja damit arrangieren - wenn sie uns nicht immer mehr die Luft abdrücken würden. Leute verschwinden einfach - die Halleluja-Freaks kümmert es nicht. Wer von der Spießergarde verhaftet wird, der muss nun einmal ein schlechter Mensch sein, der eine Besserungsanstalt nötig hat. Ab zehn Uhr abends siehst du niemanden mehr in den Straßen. Und wenn, wird er höflich aber bestimmt von der Spießergarde gefragt, wohin er so spät abends noch geht.«
»Ach du Schande ...« Shirooka schüttelte den Kopf.
»Umbriel und seine Bande sind Faschisten, aber niemand von diesen Supergläubigen will das wahrhaben. Vor drei Tagen wurde Ella Hawkins, die bekannte Moderatorin unseres City-Kanals verhaftet. Sie hat sich am Engelsbrunnen hier im Park hingestellt und die Spießergarde angeprangert. Es gibt kein freies Nachtleben mehr - wir feiern heimlich Feten. Jugendliche, die noch nach der Sperrstunde herumspazieren, werden verwarnt, bei Wiederholung petzen sie es deinen Eltern, und zuletzt geht es jeden Abend zwei Monate lang in eine ›Gottestherapie‹.«
»Dass der eine Therapie braucht, war mir schon damals im Waisenhaus klar, als die Nonnen uns mit dem Alten Testament traktierten.«
Rich grinste. » In die Gottestherapie kommen Leute wie du und ich, die ganz Sturen also.
Umbriel hat Anweisung gegeben, jede Art von Musik, Büchern und Filmen, die gegen seine tollen Gesetze sind, aus den Geschäften zu entfernen. Du darfst nicht mehr über Sex oder gegen Gott singen, da läufst du Gefahr, dass sie dich aufgreifen und in eines dieser Hilfszentren auf dem platten Land schicken.«
»Ich wusste nicht, dass es so schlimm ist.«
»Es wird noch schlimmer kommen, glaube es mir. Die Spießergarde nimmt sich immer mehr heraus. Und was so an Gesetzen in dieser Weißen Bibel steht, macht mir ziemlich Angst. Mittelalter reloaded. Die Engelsshow hat alle beeindruckt. Umbriel hat leichtes Spiel.«
Er seufzte mutlos und kickte einen Stein vom Weg. Dann erhellte sich sein breites Gesicht und er warf ihr schelmische Blicke zu. »Aber immerhin wachen hin und wieder einige Leute aus ihrem göttlichen Rausch auf und reiben sich verwundert die Augen. Und es gibt einige, die diesen ganzen Scheiß hier bekämpfen wollen. Sie nennen sich Dawnkeepers. Ich und die anderen sind letzte Woche auf einem geheimen Treffen von ihnen gewesen. Und was uns dort berichtet wurde, hat uns die Sprache verschlagen. Dies ist wirklich noch das Vorspiel. Die Leute, die verschwinden, kommen nicht in irgendwelche Therapiezentren. Umbriel hat vier große Lager errichten lassen. Allmählich füllen sie sich. Und nicht nur mit Amerikanern, die nicht so spuren, wie Gott es angeblich will.«
»Eine Widerstandsgruppe also ...«, bemerkte Shirooka nachdenklich.
»Ja. Und sie hat einen Informanten direkt aus dem engsten Kreis um Umbriel. Durch ihn wissen wir vieles von diesen Xendii.«
Shirooka zuckte erschrocken zusammen.
»Verfluchte Xendii. Verfluchte Dämonen und Engel - oder was auch immer sie in Wahrheit sind«, fuhr Rich leise und verächtlich fort. »Unser Informant ist auch ein Xendi, aber was sollen wir machen? Er hat sich angeblich als sehr nützlich erwiesen.«
»Vielleicht ist er ein Spitzel?«, warf sie vorsichtig ein.
»Wer weiß? Ich persönlich denke auch nicht, dass man irgendeinem von diesen Freaks trauen kann. Teilen unsere Welt einfach unter sich auf! Es ist unglaublich. Wer weiß, wie lange sie schon darauf hingearbeitet haben, uns Menschen endgültig zu versklaven.«
›Wenn du wüsstest‹, dachte Shirooka verzweifelt, ›dass wir euch vor allem seit Jahrhunderten die Daimons vom Hals halten und euch um euer normales Leben beneiden... und dass ich zu ihnen gehöre...‹
»Wo sind die anderen eigentlich?«, meinte sie dann betont aufgekratzt, um vom Xendi-Thema abzulenken. »Ich kann es kaum erwarten, sie zu sehen.«
»Ich bringe dich dorthin, Benya. Sie warten schon sehnsüchtig. Ganz besonders Tristan.« Rich wackelte bedeutungsvoll mit den Brauen. »Im Moment residieren wir im Keller einer geschlossenen Bar. Wohnungsfeten sind zu gefährlich geworden. Alle in dieser Stadt sind auf einmal zu braven Nachbarn geworden, die gleich die Spießergarde rufen, wenn sie auch nur einen Ton Rockmusik vernehmen. Wir sind so ziemlich im tiefsten Untergrund, den man sich vorstellen kann. Ich frage mich, ob wir jemals das Sonnenlicht wieder erblicken.«
Sie gingen aus dem Park, nahmen einen Bus über die Queensborough Bridge und landeten in einer etwas heruntergekommenen Ecke in Queens.
Über ihren Köpfen spannte sich eine hässliche Eisenbahnbrücke, die stellenweise mit kunterbunten Graffitis bemalt war. Gleich zu ihrer Rechten zogen sich dicht aneinander gedrängte schäbige Häuser dahin, auf der anderen Straßenseite ein Stück begleitet von einem alten Fabrikkomplex aus geschwärzten Backsteinen.
Aber das machte Shirooka nichts aus, sie war früher oft in diesen Gegenden New Yorks unterwegs gewesen, fernab von den strahlenden und glitzernden Einkaufsdomen und blitzsauberen Tempel aus Glas und Stahl.
In einer Seitenstraße betraten sie ein düsteres Treppenhaus und gingen in den nach Moder und Urin stinkenden Keller. Dort führte eine Stahltür in das Untergeschoß des Gebäudes nebenan, eine einfache Kneipe, deren Tür mit dem Band der Angels of Dawn versiegelt worden war und deren mittlerweile verschmutzte Scheiben mit Zeitungspapier beklebt worden war. Von außen konnte man jedenfalls nicht mehr durchsehen.
Im ehemaligen Vorratskeller hatten sich einige Leute so gemütlich, wie es unter diesen Umständen ging, eingerichtet. Alte Matratzen, ein quietschendes Sofa, aus dem stellenweise der Schaumstoff hervorquoll und einfache Stühle und Tische bildeten das schlichte, funktionale Ambiente. Aus einem batteriebetriebenen Kassettenrecorder dudelte ganz leise ›The Great Below‹ von Nine inch Nails - und die Anwesenden lauschten ergriffen.
»Verdammt, wie konnte es soweit kommen?«, fragte Shirooka, als sie eingetreten war, und lächelte schief.
Ein etwa zwanzigjähriger junger Mann mit langen, dunklen Haaren und düsteren Zügen öffnete schlagartig die Augen und stieß die Hand fort, die ihm gerade einen Joint anbieten wollten.
»Benya! Ein Lichtstrahl fällt in den Kerker meines Daseins ...«, sagte er, während er sich erhob und mit ausgebreiteten Armen auf Shirooka zutrat. Er drückte sie fest an sich, was Shirooka einerseits rührte, andererseits traurig machte. Tristan stammte aus dem gleichen Waisenhaus wie sie selber. Seitdem sie ihn kannte, war er labil, selbstmordgefährdet und eigenbrötlerisch. Und er sah nicht viel munterer aus als sonst. Sie klopfte ihm beruhigend auf den Rücken.
»Mir geht das alles so sehr auf den Sack. Ohne dich schaffe ich das alles nicht. Komm zurück«, murmelte er, sein Gesicht in ihr kurzes Haar gedrückt. Dann löste er sich und musterte sie. Benya. Benyamina. So stark und kraftvoll in jeder Hinsicht. Nicht unterzukriegen, selbstbewusst, lebenshungrig, direkt und ehrlich. Er bewunderte sie seit jeher. Sie wusste immer, wo es langging, wusste immer, was zu tun war. Ließ sich nichts bieten. Nahm sich, was ihr zustand, ohne rücksichtslos zu sein. Schon aus ihren giftgrünen Augen blitzte die pure Willenskraft hervor. Überhaupt sah sie nicht im mindestens sanft und feminin aus, hatte eine markante Nase und ein leicht hervorspringendes Kinn - mehr als eine kleine Wildkatze: inzwischen eine junge Tigerin.
»Das ist ja ätzend geworden. Wir müssen irgendetwas dagegen unternehmen«, meinte sie, kaum dass sie sich auf eine freie Matratze geworfen hatte und die Gesichter der anderen aufmerksam studierte.
»Hat dir Rich von den Dawnkeepers erzählt? Gut. Sie planen etwas. Umbriel kommt in drei Wochen zu Besuch. Der Informant wird uns in den nächsten Tagen mehr erzählen«, erklärte Silvia, ein Punkerin.
»Diesen Informanten würde ich mir gerne näher ansehen. Ich will bei diesem Treffen unbedingt dabei sein«, erklärte Shirooka entschlossen, während sich Tristan wieder trüben Gedanken hingab und schlaff gegen sie kuschelte.
»Er ist okay, soweit wir bisher sagen können. Jedenfalls hat er einem Haufen Dawnkeepers schon zwei- oder dreimal den Arsch vor der Spießergarde gerettet«, meinte Rich.
»Was für ein Typ ist er so? Weiß? Farbig?«
»Indianer. Ein gottverdammter Indianer-Xendi. Copperfield aus dem Tipi.«
Shirooka runzelte die Stirn.
Indianer ... es raschelte tief in dem Haufen Erinnerungen, die sie im Lauf ihres Lebens angesammelt hatte. Ein kurzes Bild - konnte es sein, dass ...? Gut möglich, wieso nicht? Die Erinnerung an dieses Gesicht lag nun lose zuoberst auf allen anderen. Griffbereit. Sie hatte als Xendi gelernt, dass alles möglich war und dass man niemals nie sagen durfte. Wenn er es war, konnte man ihm nicht vertrauen. Schließlich hatte er sich als falscher Freund herausgestellt, wegen dem sie letztendlich hatte flüchten müssen.
›Dieses Arschgesicht wollte mich an diese superspießigen Weiße Bibel-Fanatiker aus der ödesten Ecke der USA verkaufen‹, dachte sie grimmig. ›Schade, sein Gesicht hätte ich gerne gesehen, als ich nicht mehr im Waisenhaus war, um an diese verbitterte, staubtrockene Gouvernante übergeben zu werden.‹
Danach ließ sich Shirooka noch mehr Neuigkeiten und Vorfälle erzählen, fragte nach diesem und jenem Typen, flocht geschickt Fragen über die Dawnkeepers und ihren mysteriösen Informanten ein, genehmigte sich einen tiefen Zug aus dem Joint, der herumging, und fühlte sich entspannt und wohl, als es das erste Mal passierte.
Sie hörte Tristan gerade beim Singen zu - sein einziges erkennbares Talent - als ein stechender Schmerz durch ihren Magen fuhr und sie leise ächzend vornüber kippte.
»Oh Scheiße, Benya. Hast du immer noch diese Magenprobleme?« Rich war vom Sofa aufgesprungen und hockte sich besorgt vor sie. »Soll ich dich nach oben zu den Toiletten bringen? Nicht, dass du uns hier alles voll kotzt wie damals.«
»Es ... geht schon«, stöhnte Benya und biss fest die Lippen zusammen, denn im pulsierenden Wechsel zog sich ihr Magen anscheinend zusammen und erschlaffte wieder. »Ich habe irgendetwas falsches gegessen, mehr nicht. Wirklich.«
Und nur eine Erklärung in dieser Richtung taugte etwas. Sie hatte den Ausbruch ihres Xendiums schon ein paar Jahre hinter sich. Mehr war aus dieser Ecke nicht zu erwarten. Nichts als eine Magenverstimmung.
»Ich wette, meine Pizza von vorhin ist mit einem Vers aus der Weißen Bibel gesegnet worden, und nun habe ich den Salat...«, meinte sie leise, während der intensive Schmerz nachließ und in ein flaues Übelkeitsgefühl überging. Doch noch immer wummerte ihr Herz gegen den Brustkorb, angetrieben von einer heißen Energie, die wie Lava durch ihre Adern floss und ihre Hände zittern ließ.
Auch wenn ihr Verstand kategorisch das Xendium ausschloss, wühlte ihr Unterbewusstsein in der Erinnerungshalde, bis es etwas gefunden hatte und als kurzes Schlagwort in ihrem Gehirn dröhnen ließ.
›Final update‹
Nein. Das konnte nicht sein! Sie konnte doch unmöglich zu den zwei oder drei Xendii jährlich auf der Welt gehören, die dieser zweite Ausbruch ereilte. Die Seher in Shangri-La hatten ihr bestätigt, dass sie nur das einfache Xendium in sich herumtrug. Und daher hatte sie insgeheim Aévon und Rosanjin immer bemitleidet und war doch froh gewesen, dass sie nicht eines Tages unvermittelt in Flammen stehen und bei lebendigem Leib verbrennen würde.
›Nur weil ich eine sehr gute Performerin bin, heißt das nicht, dass es irgendetwas mit Verstärktem Xendium zu tun‹, versuchte sie sich zu beruhigen. ›Final update kommt nur bei Verstärktem Xendium vor. Also kann ich es nicht haben, ich habe nur das einfache Xendium.‹ Doch ein verschreckter, panische Gedanken warf ein: ›Aber deswegen heißt es ja Final update. Mehr Kanäle öffnen sich in dir für das DiS. Und dann hast du das Verstärkte Xendium, wie es von Anfang an vorgesehen war, aber aus irgendwelchen verfluchten Gründen nicht sofort passiert ist. Deine Eltern sind beide Wandler. Wo auch immer sie sein mögen: Sie sollen zur Hölle fahren.‹
Zu allem Unglück rumpelte und krachte es im Stockwerk über ihnen, eine Vielzahl Schritte trampelte und rannte umher, Stimmen brüllten sich Befehle zu.
»Scheiße!«, quiekte ein sehr junges Bürschchen. »Die Angels of Dawn!«
»Nichts wie raus hier!«, stöhnte Shirooka und zog sich mit Richs Unterstützung auf die Füße, während die anderen eilig aus dem Kellerraum hasteten und zu der rostigen Stahltür flüchteten, die zu einer Treppe hinauf in den Hinterhof des Hauses führte. Doch durch die versperrte Tür hörte man bereits harsche Stimmen von draußen.
»Mist, wir können nicht zurück ins Nebenhaus, dort sind sie auch schon postiert. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie die Tür sprengen!«, zischte Rich.
»Wir sitzen in der Falle! Mann, ich dachte, die Leute in diesem Viertel wären nicht so mies und spießig drauf.«
»Vielleicht gibt es Geld für wertvolle Tipps«, grummelte Shirooka schweißgebadet und besah sich den engen Kellergang. Tatsächlich gab es nur die zwei Türen, die den Kneipenkeller mit dem Nebenhaus beziehungsweise dem Hinterhof verband. Und es gab noch die Wand, hinter der das andere Nebengebäude lang.
Das war die einzige Chance.
Sie würden es nicht verstehen und sie nie wieder als eine von ihnen betrachten, ihr nicht mehr mit der erfrischenden Unvoreingenommenheit begegnen wie all die Jahre zuvor.
Doch das war jetzt nicht mehr wichtig.
Wenigstens würde die Wahrheit endlich ans Tageslicht kommen, wenn auch nicht zu einem Zeitpunkt, den sie gerne selber bestimmt hätte.
Also wankte Shirooka zu der spinnwebengeschmückten Wand, streckte die Hand aus - und schoss einen glühenden Strahl in das Gemäuer.

.

Eigentlich wollte Tigris nach dem Erlebnis mit Anjul Guulin Kherem gleich wieder verlassen, um nach Engelbert und Funatic zu suchen.
Doch dann, als sie den fast leeren Gemeinschaftsraum der Burg durchquerte, fiel ihr Blick auf den Lageplan an der Wand, wo auch das Turmzimmer vermerkt war, in dem sich Aévons und Rosanjins Schlafgemach befand.
Nein, sie konnte nicht gehen, ohne ihn vorher getröstet zu haben. Inzwischen hing sie sehr an ihm.
›Mein lieber, stürmischer großer Bruder ...‹, dachte sie zärtlich, doch die nächsten Gedanken bekümmerten sie wieder. Wieso verstand er sich nicht mit ihrem gemeinsamen Vater? Was war nur geschehen, dass Aévon diesen Groll gegen Procyon Zimberdale hegte? Von niemandem bekam man eine vernünftige Antwort, nur undeutliches Genuschel von wegen ›schwere Kindheit‹, ›seine Mutter war irgendwie nicht so, wie eine Mutter sein sollte‹, ›musst du schon verstehen, nie war sein Vater für ihn da.‹
Egal - Aévon benötigte anscheinend ein wenig Trost. Und außerdem lenkte ihn vielleicht die Planung von Ilvyns Befreiung von seinen Sorgen ab.
Der Raum befand sich ganz oben im östlichen der vier quadratischen Türme. Tigris hatte ihn bisher nur einmal betreten, aber seine gemütliche Ausstattung in guter Erinnerung. Er war sehr schlicht in japanischem Stil eingerichtet. Die Wand über dem Futonbett war silbern gestrichen, darauf große schwarze japanische Schriftzeichen gemalt. Ein einfacher, schwarzer Kleiderschrank im japanischen Stil, ein heller Teppich mit schwarzen großen Kissen und einem niedrigen schwarzen Tischchen - mehr stand dort nicht.
In Guulin Kherem fand man außer nachts so gut wie nie geschlossene Türen vor - doch an diesem Vormittag wollte Aévon offensichtlich den Rest der Welt aussperren.
Tigris klopfte zaghaft an - niemand antwortete.
Aber er war dort drinnen, das konnte sie deutlich wahrnehmen.
Und noch einmal klopfte sie gegen das Holz und noch einmal erhielt sie keine Antwort.
Sie gab auf und ging niedergeschlagen zu der engen Treppe. Gerade, als sie einen Absatz hinter sich gelassen hatte, klackte es: Ein Schloss war geöffnet worden.
Tigris drehte sich um und sah zu Aévons Tür, die nun einen Spalt breit aufgegangen war.
Aus ihr strömten verwirrende Empfindungen auf Tigris zu.
Da waren Reste von Trauer, Verwirrung, Verzweiflung, Ablehnung - und mittendrin, als Hauptgefühl, eine merkwürdige Abgeklärtheit, ein entschlossener Wille, sich etwas zu stellen.
Vorsichtig betrat sie den Raum.
Aévon lag mit den Füßen zum Kopfende des Bettes hin da und starrte die Decke an. Kein warmes Lächeln dieses Mal, kein Knuddeln und Drücken, keine Küsschen und kein Wangenstreicheln.
Tigris setzte sich unsicher auf die Bettkante, gleich neben seine Füße und betrachtete ihren Bruder.
Einige Minuten verstrichen, ohne dass einer von ihnen redete.
»Du hast dich wieder mit unserem Vater gestritten«, stellte sie schließlich leise fest. Das war es - das musste es sein, anders konnte sie sich diese negativen Gefühle, die von ihm ausgingen, nicht erklären.
Immer noch ohne sie anzusehen, sagte er mit brüchiger Stimme: »Wir hatten ein sehr aufschlussreiches Gespräch. Ich weiß nicht, ob ich ihn jetzt noch mehr hasse oder beginne, ihn zu verstehen.«
»Er liebt dich, Aévon. Egal, was du denkst. Er hat dir und mir das Leben gerettet!«
Aévons Mundwinkel zuckten, doch das bittere, verächtliche Lächeln gelang nicht ganz. Dafür glitzerten seine Augen plötzlich, weswegen er sie gequält schloss und sich mit beide Händen über sein Gesicht fuhr.
Nein, das konnte Tigris nicht länger tatenlos mitansehen! Wo war auf einmal ihr immer selbstbewusster, energischer, lebenssprühender großer Bruder geblieben? Spontan kletterte sie auf das Bett, kuschelte sich an ihn und küsste seine Wange.
»Oh Gott, ich ertrage das nicht«, krächzte Aévon fassunglos, die Augen in Schmerz zusammengekniffen, aus denen mittlerweile Tränen quollen und seine Schläfen hinunterglitten. Tigris wich erschrocken und verletzt zurück. Ratlos und verwirrt sah sie ihn an.
»Warum habe ich das Gefühl, dass du böse auf mich bist, Aévon?«, fragte sie dann mit zitternder Stimme. »Ich kann mich nicht erinnern, dass ich irgendetwas falsch gemacht habe, aber wenn doch, musst du es mir sagen! Bitte!« Sie wischte sich über die Augen, denn mittlerweile hatte sie auch schon angefangen zu weinen.
Endlich, endlich drehte er langsam den Kopf und hob die Lieder. Seine großen, goldenen Augen erfassten ohne Umschweife die ihren. Welch eine Qual in Aévons Blick lag! Tigris sog scharf den Atem ein.
Seine Hand, die vor ihren Knien lag, erhob sich wie in Zeitlupe, streckte sich aus. Ein Finger berührte ihre Wange.
Berührte eine Träne, nahm sie auf.
Als hätte er etwas Ungeheuerliches herausgefunden, das es zu überprüfen galt, betrachtete er sie mit erstauntem Gesicht, als sähe er sie das erste Mal.
»Die Menschen fragen sich immer, wer sie wirklich sind und weshalb sie hier auf dieser Welt sind. Vielleicht ist es aber besser, niemals herauszufinden, wer man wirklich ist«, murmelte er dann müde.
»Ich weiß, wer ich bin. Ich bin Tigris Aurora Windwibb«, grummelte sie.
Er legte eine Hand auf ihre Wange, um deren Wärme nachzuspüren.
»Ja«, flüsterte er und schloss wieder seine Augen.
Dann seufzte er, was eine Woge von Erleichterung zu ihr herübertrug. »Ja, das bist du. Wir kommen als unbeschriebene Blätter zur Welt. Tabula rasa. Wir sind das, was unsere Erfahrungen und Erlebnisse draufschreiben.«
Sie schniefte und wischte sich die letzten Tränenreste weg.
»Glaubst du an etwas namens Seele, Tigris?«, fragte er ernst. »An so etwas wie Wiedergeburt?«
»Glauben ... na ja. Aber vielleicht ist es so, dass wir wiedergeboren werden. Wieder und wieder.« Sie zuckte mit den Schultern. Wiedergeburt ... sie erinnerte sich an die merkwürdigen Bilder und Visionen, von dem Mädchen auf der Wiese, von Barujadiel. Manchmal von Feuer und Schreien...
Stammten diese Momentaufnahmen aus einem früheren Leben?
Sie waren so vertieft in dieses eigenartige Gespräch, dass sie beide erschrocken die Köpfe herumrissen, als Bat Furan plötzlich ins Zimmer gestürzt kam und vollkommen wütend rief:
»Hier sind einfach zwei Daimons hereinspaziert! Ich wollte sie abknallen, aber Rosanjin hat es mir nicht erlaubt. Und sie wollen unbedingt mit uns sprechen!«
»Handelt es sich etwa um Engelbert und Funatic?«, fragte Tigris ihn ärgerlich. »Dann sind es nicht einfach zwei Daimons, sondern Bekannte. Fang jetzt bloß auch nicht noch an, Vorurteile zu entwickeln!«
Doch Bat Furan überging sie mit einem kurzen, bösen Blick und fuhr fort: »Soll ich sie hinausschmeißen? Wir können Ilvyn alleine befreien, wir brauchen sie dazu nicht.«
»Oh doch. Funatic hat ihre genauen Koordinaten mit seinem komischen Handy herausgekriegt«, sagte Tigris unbeirrt.
In diesem Moment setzte sich Aévon mit einem Ruck auf und schaute erstaunt zwischen ihnen hin und her.
»Oh, das weißt du noch gar nicht«, rief Tigris und erklärte ihm hastig, was mit Ilvyn passiert war.
»Und alles nur, weil die MDL hinter Funatic und seinen blöden Freunden her war. Stattdessen hat es Ilvyn erwischt«, schloss Bat Furan zornig.
»Die beiden Typen wissen also, wo sie ist?«, erkundigte sich Aévon gelassen und Tigris nickte heftig. Dann sagte er zu Bat Furan: »Wir kommen gleich. Bringt sie in den Gemeinschaftssaal.«
»Äh ... ja, okay«, meinte Bat Furan langsam und verschwand wieder. Die Überraschung über Aévons Entscheidung war ihm deutlich anzusehen.
»Tabula rasa, ja«, flüsterte Aévon, wohl mehr zu sich selber, ohne Tigris anzuschauen. »Alles ist in Ordnung. Es gibt nichts zu befürchten.«
»Ich weiß nicht, was mit dir los ist, Aévon. Ich hoffe nur, es geht schnell vorbei«, sagte Tigris traurig.
Er wandte den Kopf und musterte sie schon wieder. »Es ist alles in Ordnung, Tigris. Ich habe es mit mir selber geklärt. Mach dir keine Sorgen. Wir befreien deine Freundin. Selbst wenn wir tatsächlich auf die Hilfe von Daimons angewiesen sein sollten. Vielleicht war ich die ganze Zeit ungerecht. Vielleicht sind sie uns wirklich sehr ähnlich.« Sein goldener Blick steckte ganz fest in ihren Augen, als er das sagte.
»Es gibt solche und solche, wie unter uns«, antwortete Tigris schlicht und strich unsicher die Bettdecke hier und da glatt. Aévon verhielt sich ganz merkwürdig - sie wurde das Gefühl nicht los, dass er aus irgendeinem Grund, den er nicht preisgeben wollte, Distanz zwischen sich und ihr legte. Das schmerzte sie gewaltig, und doch konnte sie im Moment nichts dagegen tun.
»Solche und solche, ja«, sinnierte Aévon weiter. »Und sie können sich ändern, wie wir. Zum Schlechten. Oder zum Guten. Das können sie doch, nicht wahr? Erkenntnis erlangen und sich ändern.«
»Vielleicht. Cherubim sicher. Was den Rest anbelangt, bin ich eher pessimistisch.«
»Wir müssen vertrauen, denke ich.«
»Ich vertraue dir, Aévon. Und was immer los ist oder noch passiert: Vergiss nie, dass ich dich sehr liebe.« Sie senkte den Kopf und starrte auf ihre Füße.
Plötzlich riss Aévon sie in seine Arme und drückte sie fest an sich. Sie fühlte sein Herz rasen und seinen Körper zittern. Er murmelte etwas, ganz leise und Tigris hoffte, dass sie sich nur verhört hatte, denn es klang wie »... dich nicht hassen. Ich kann ...nicht hassen... kann ihn nicht hassen ...Omrishah ... schuld.«
Dann fiel ihr plötzlich ein, was sie Aévon noch beichten wollte. Eine gute Gelegenheit, ihn vielleicht auf andere Gedanken zu bringen.
»Ich habe übrigens etwas sehr nützliches über mein verfluchtes Amulett herausgefunden. Und jetzt, da ich es weiß, bin ich sehr froh, dass ich es bekommen habe.«
Sie packte ihn an den Schultern und schob ihn ein wenig von sich, um ihn besser ansehen zu können. »Aévon, wir können damit die geöffneten Noden wieder verschließen. Vielleicht nicht für immer, aber immer wieder.«
Seine Augen wurden ganz groß, deutlich war ihm die ungläubige Verblüffung anzusehen.
»Ilvyn ist irgendwo in Südamerika. Vielleicht können wir sie befreien und dabei einen Abstecher in die Node von Azteca machen. Umbriel würde jedenfalls ziemlich blöd aus der Wäsche schauen, wenn dort das Jenseits-Tor wieder zuklappt. Und wer weiß ... wenn wir dann auch noch die Noden von America Borea und Europa schließen könnten, wäre das einfach grandios, oder nicht?«
»Das wäre es«, murmelte Aévon tonlos.
»Dann sollten wir es ausprobieren! Lass uns hinuntergehen und planen, wie wir das anstellen könnten. Wenn Funatic und seine tolle Widerstandsgruppe mitmachen wollen, lass sie doch.«
»Widerstandsgruppe?«, fragte er. »Wie viele Leute haben sie denn?«
»Massen und Legionen. Insgesamt fünf, glaube ich.«
»Fünf was? Legionen?«
»Ach was, fünf ganze Daimons.« Sie verdrehte die Augen und grinste. Und dadurch endlich meldete sich ein winziges warmes Lächeln in seinem Gesicht wieder. Doch diese kleine Gefühlsregung reichte ihr, um neuen Mut zu schöpfen und verbitterte, enttäuschte Gedanken beiseite zu drängen. Sie sprang auf und sah ihn erwartungsvoll lächelnd an.
Er schloss noch einmal kurz die Augen und atmete tief durch, genau so, als wolle auch er düsteren Gedanken aus sich herausbefördern.
Dann erhob auch er sich.
Zusammen stiegen sie die schmale, gewundene Treppe des Turms hinunter, Tigris voran.
»Und ... Aévon?«, sagte sie zaghaft. »Ich möchte Staatsbürger von Guulin Kherem werden und hier wohnen.«
»Du meinst eigentlich, du willst Staatsbürger von Guulin Kherem werden und in der Nähe von Anjul wohnen.«
Diese Behauptung ließ sie erröten.
»Wenn deine Mutter dich ziehen lässt - kein Problem.«
»Wirklich nicht?«, sagte sie überrascht. »Du warst ja nicht so richtig dafür ...«
»Ich habe meine Überzeugungen eben ein wenig ... justiert.«
»Und das DiSMaster-Tournament, das ich dafür absolvieren muss?«
»Ich bin sicher, das schaffst du auch. Da kannst du vielleicht beweisen, was so in dir steckt. Ja, ich bin schon richtig gespannt, wie du dich schlagen wirst. Wer weiß ... vielleicht überraschst du uns alle.«
»Wohl kaum. Aber es reicht mir, wenn ich die erste Runde überstehe.«
»Wir werden sehen. Ja, wir werden sehen. Ganz sicher werden wir staunen.«

.

Shirooka lag im nächtlichen Central Park unter einer Parkbank, die von den Schatten der großen Bäume dahinter in beinahe absolute Finsternis getaucht wurde.
Auf dem beleuchteten Schotterweg ein paar Meter vor ihr standen zwölf Männer, allesamt ›Angels of Dawn, NYC‹.
Nach der geglückten Flucht durch das Loch, das sie mit DiS in die Kellerwand geschnitten hatte, war sie zusammen mit Tristan und Rich davon gehechtet, denn die Spießergarde sollte sie nicht alle auf einem Haufen erwischen. Sie hatten vereinbart, sich abends im Park zu treffen, um zu schauen, wer geschnappt worden und wer davongekommen war. Während Tristans Bewunderung durch Shirookas neu offenbarte Talente nun endgültig ins Grenzenlose gestiegen war, musste Rich das Ganze erst einmal verdauen. Sie hatte sich entschieden, noch ein wenig alleine durch die Stadt zu streifen und war gegen neun in den Park geschlichen.
Blöderweise waren plötzlich die Sittenwächter im Park aufgetaucht und beredeten nun schon seit geschlagenen zwanzig Minuten einen Großeinsatz, in dem eine illegale Regenbogen-Party gesprengt werden sollte, von der sie Wind bekommen hatten.
›Als Atheist ist es schon hart in dieser Stadt. Aber als Schwuler? Und womöglich noch als schwuler oder lesbischer Atheist...‹, dachte sie und zuckte plötzlich zusammen, als ein stechender Schmerz ihre Nieren durchfuhr. Außerdem fühlte sie, wie ihr ätzende Magensäure hochkam und in ihrem Rachen brannte.
›Verdammt, nicht schon wieder. Nicht jetzt!‹, dachte sie und brach in Angstschweiß aus.
Noch immer stand der Trupp der Spießergarde beisammen und diskutierte über Funk die genaue Vorgehensweise.
»Wir haben soeben die Erlaubnis bekommen, härter vorzugehen«, hörte Shirooka einen von ihnen sagen. »Besonders gegen atheistische Gotteslästerer und gegen jeden, den wir dabei erwischen, wie er seine teuflischen, niederen, widernatürlichen Neigungen nachgeht.«
Der Rest ging in Getuschel unter.
Sie hingegen schnappte so lautlos wie nur möglich nach Luft, weil der Schmerz in ihr sich inzwischen wie ein riesiger Metallklotz anfühlte, der sich langsam drehte und sich pulsierend ausdehnte. Oder wie irregewordener Dämon, der sich in ihr wand und um sich schlug.
Die Tränen liefen ihr über ihr schweißgebadetes Gesicht, während sie fest die Zähne zusammenbiss, um keinen Laut von sich zu geben, der einen der Gesetzeswächter aufmerksam machen könnte. Schließlich gab es für Herumstreunen je nach Laune eines Sittenwächters üble Strafen.
Wann hörte der Schmerz nur auf? Und wann verschwanden die Angels of Dawn endlich?
Zu allem Unglück hielt es ihr Abendessen - gebackene Bohnen mit Speck - anscheinend auch nicht mehr länger im Magen aus.
Sie versuchte, dem übermächtigen Druck Stand zu halten, der in einem drängenden Schub alles hinausbefördern wollte.
Doch vergebens.
Augenblicklich rissen die Männer die Köpfe herum, als aus nächster Nähe ein Würgen und Röhren zu ihnen herüber klang.
»Kümmere du dich darum, Bruder James. Es wird wohl ein alter Säufer sein. Und frag ihn, woher sein Alkohol stammt, der ihn in diesen erbärmlichen Zustand hat fallen lassen.«
Angewidert von ihrem Erbrochenen, das teilweise auf dem Ärmel ihres alten Parka gelandet war, robbte Shirooka trotz des flauen Gefühls im Magen schleunigst unter der Bank hervor, entschlossen, sich irgendwie in die Büsche zu schlagen.
Leider waren ihre Beine ganz anderer Ansicht und knickten ein, kaum dass sie sich erheben wollte.
Dann spürte sie auch schon den harten Griff um ihren rechten Arm.
»Glaubst du, es würde Gott gefallen, dass ein so junges Bürschchen wie du um diese Zeit noch im dunklen Park herumstreunt?«, herrschte sie der Gesetzeswächter streng an. Er hielt sie also für einen Jungen.
»Keine Ahnung, bisher hat er sich jedenfalls nicht beschwert«, krächzte sie.
Dann kam ihr das Gesicht des Wächters ganz nah und schnupperte. Sie hörte ihn angeekelt grunzen. Es klang unüberhörbar enttäuscht, als der Mann dann sagte: »Hm, kein Alkohol. Was hast du hier im Park verloren?«
»Frische Luft schnappen. Wie Sie vielleicht bemerkt haben, war mir ein wenig übel.«
»Auf wen hast du hier gewartet, hä?« Der Wächter schüttelte sie unsanft. »Etwa auf jemanden, der dir Geld dafür gibt, damit er seine ekelerregenden, widernatürlichen Neigungen an dir auslässt? Komm zu dir, Junge! Ist das wirklich das Leben, das du erhofft hast? Du kannst umkehren, jeder Zeit.«
»Wenn Sie mich loslassen, fange ich gleich damit an«, zischte Shirooka spöttisch. In Richs Kreisen waren Verdächtigungen wie diese schon bekannt. Jeder, der auf einer Party in Wahrheit einfach nur tanzen und lachen wollte, war in den Augen der Spießergarde jemand, der unbedingt an einer Sex-Orgie teilnehmen wollte. Jeder, der nach Beginn der Sperrstunde alleine und eilig durch die Schluchten New Yorks hastete, wurde verdächtigt, Ehebruch begangen zu haben. Merkwürdigerweise hatte für die Angels of Empire so ziemlich alles mit Sex und verbotenen Neigungen zu tun.
Allerdings sah es für Shirooka nicht gut aus, wenn der Wächter sie tatsächlich für einen Stricher hielt. Es war schon öde genug im Waisenhaus gewesen, aber da hatte man wenigstens abends heimlich abhauen können. Hingegen in den neugegründeten ›Schulen der Göttlichen Gnade‹ weitab vom Schuss im Bible Belt...
Sie überlegte, ob sie den Typen einfach einen gewaltigen Whisper zukommen lassen sollte, der sie in das nächste Café gehen hieß. Jedoch trugen sie alle Waffen und sie verspürte keine Lust, von einer in Panik abgeschossenen Kugel verletzt oder sogar getötet zu werden. Daher entschied sie sich, es zunächst mit Kommunikation zu versuchen.
»Ich wollte mit einem Kumpel CDs tauschen. Aber er ist nicht gekommen«, log sie deswegen schnell.
Doch der Wächter war nicht überzeugt. Er zerrte das vermeintliche Bürschlein fort aus der Dunkelheit auf den beleuchteten Weg, wo auch die anderen der Spießergarde standen.
»Er wollte nur eine CD tauschen. Im Park. Um diese Uhrzeit.«
Alle Augen richteten sich auf den kräftig aussehenden Jungen mit den grünsten Augen, die man sich vorstellen konnte. Die ketchuproten, kurzen Haare waren zerzaust, seine Jacke sah abgenutzt aus. Dennoch wirkte er nicht im geringsten so verloren oder heruntergekommen, wie der eine oder andere Angel of Dawn Strichjungen in Erinnerung hatte.
»Gott möge seiner armen, missbrauchten Seele gnädig sein«, murmelten einige Wächter dennoch betont schockiert und angewidert zugleich. »Komm zurück ins Licht, zu Gott dem Herrn!«
»Er nimmt Heroin, seht euch diese Blässe und diese Augenringe an.«
»Ich nehme kein Heroin, verdammt!«, schrie Shirooka ihn an und versuchte sich aus dem eisernen Griff zu entwinden. Sie war nun doch entschlossen, die ganze Angelegenheit mit einem Whisper zu beenden, aber dazu brauchte sie frei bewegliche Hände. Und außerdem wollte sich ihre angestaute Wut, die sich den ganzen Tag über in ihr angesammelt hatte, endlich Gehör verschaffen. Eigentlich unklug - aber manchmal ging das Temperament einfach mit ihr durch. »Und nur wegen euch verfluchten Fanatikern muss man Schleichwege durch den Park nehmen, damit man wenigstens ein paar Stunden was anderes hört als stinklangweilige Predigten und scheinheilige Liedchen.«
»Es reicht, Junge«, bellte der Wächter streng, der sie gefangen genommen hatte. »Gott wird dir wegen deines Alters und deiner Torheit diese Worte bestimmt verzeihen, doch wir sind verpflichtet, dafür zu sorgen, dass du wieder auf den rechten Weg kommst. Ich bringe dich zu einem unserer Quartiere. Morgen holt dich ein Bus ab, der dich zu einem besseren Ort bringt.«
Sie verdrehte entnervt die Augen. Sie war fuchsteufelswild, gleichzeitig bereute sie jedoch, nicht wenigstens ein kleines bisschen bei der Spießergarde geschleimt und den reumütig zerknirschten Sünder gegeben zu haben.
Aber das lag ihr eben nicht, und nun musste sie sehen, wie sie da herauskam.
Ihr persönlicher Geleitschutz setzte sich bereits in Bewegung. Etwas Kaltes legte sich um ihre Handgelenke, dann schnappte Metall zusammen.
»Es ist nur zu deinem Besten, du wirst schon sehen. Später wirst du Dem Herrn und uns dankbar dafür sein, glaube es mir.«
Handschellen, die ihr vollends die Bewegungsfreiheit nahmen.
Zitternd vor unterdrückter Wut, trottete sie neben dem Wächter her, während die anderen Angels of Dawn sich anscheinend anschickten, endlich zu ihrem Einsatzort zu gehen.
Gleich, bei der nächsten Gelegenheit, wollte sie versuchen, die Handschellen mit DiS loszuwerden und ihren Bewacher ins Reich der Träume zu verfrachten.
Ein paar Meter, nachdem der Weg eine Kurve beschrieben hatte, hörte Shirooka es mit einem Mal aufrauschen, als ob ein plötzlicher, heftiger Windstoß durch die Bäume fuhr.
Doch die schattenvollen Wipfel bewegten sich keinen Deut.
Dafür kam jedoch aus dem Nichts ohne Vorwarnung etwas herangeschossen und riss sie als auch ihren Bewacher zu Boden.
»Oh, Pardon! Ist das hier Seychellen?«
Ein dicklicher Kerl lag quer auf ihr und dem Wächter. Er hatte bunte Dreadlocks und merkwürdig gelb glühende Augen.
›Ein Daimon! Wo kommt der denn so plötzlich her?‹, fuhr es ihr durch den Kopf.
Sie ließ ihn nicht aus den Augen, als der Wächter ihn ärgerlich von sich herunterschubste. Dann blaffte der Angel of Dawn etwas von Verstärkung in sein Funkgerät.
Der Bursche mit den Dreadlocks rappelte sich auf, hob einen großen Koffer vom Boden auf und schaute sich ziemlich neugierig, ja, sogar regelrecht begeistert um.
»Stehen bleiben. Den Koffer aufmachen!«, brüllten zwei Wächter, die schon aus der Kurve gerannt kamen.
»Ach nee, lass mal, Mensch. Bin eh schon spät dran«, lachte der sehr jung aussehende Fremde und entblößte dabei Zähne mit phosphorisierenden Mustern darauf. Dann wandte er sich um und wollte gehen, was jedoch sofort von den beiden dazugekommenen Wächtern vereitelt wurde. Sie warfen ihn zu Boden und legten ihm Handschellen an.
»Toll. Ich fühle mich gleich wie zuhause, obwohl ich das erste Mal auf diesem Planeten bin.« Der Dreadlock stieß ein fröhliches Seufzen aus. »Ist das die übliche Begrüßung der Eingeborenen hier in Seychellen?«
»Wir sind nicht auf den Seychellen«, knurrte Shirooka finster. »Wir sind in den Ex-USA.«
Währenddessen machten sich die Wächter an dem Koffer des Daimons zu schaffen, was sich jedoch rasch als vergebliche Mühe herausstellte.
»Was ist in dem Koffer? Drogen, nicht wahr? Drogen und Pornographie!«
»Nein, tut mir leid für euch. Hätte ich gewusst, wie scharf ihr auf so etwas seid, hätte ich derartiges natürlich eingepackt. Es sind nur ein paar unserer Erfindungen. BoomeRAMs, Supermultifunktionale Handys, Aura-Imitatoren, ein Angoleah-Frühwarnsystem. Schnickschnack und Spielereien eben.« Der Dreadlock grinste zu ihnen herüber. Dann sah er zu Shirooka auf. »Also nicht Seychellen. Tja, ich habe anscheinend mein BoomeRAM falsch justiert. Aber hier ist doch der Planet Erde, oder nicht?«
»Ja, sieht ganz danach aus, auch wenn ich an diesem Ort denke, ich sei in irgendeinem ätzenden Matrix-Traum gefangen. 1984 reloaded«, knurrte Shirooka.
»Hmm, da hatte Omri wohl einen Zahlendreher in den Koordinaten.« Und dann, als seien die Handschellen aus Butter, zerriss er sie und langte einfach mit der Hand in seine Hosentasche, um ein extrem flaches Handy heraus zu holen.

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Die Tatsache, dass Aévon seelenruhig den Ausführungen der beiden Daimons vor ihm zuhörte, sorgte für eine kleine Sensation unter den DiSMasters und denjenigen, die es noch werden wollten.
Überhaupt merkten viele, dass irgendetwas mit ihrem Anführer los war. Er war ungewohnt ruhig und regte sich nicht im mindesten über die Cherubim auf. Er ließ sich sogar von Funatic das Handy reichen und inspizierte es aufmerksam.
»Wenn die Kleine das Handy noch immer hat, kann sie für uns die Gegend scannen und uns schreiben, wie viele MDL-Söldner oder sogar Melegonin sich dort herumtreiben«, erklärte Funatic stolz.
»Interessant«, sagte Aévon mit erhobener Braue. »Und sehr nützlich. Wozu ist das Teil noch imstande?«
»Namensspeicher für eine Million Einträge, empfängt irdische Netze als auch jene aus der Daimonsion, was man allerdings ohne weiteres abschalten kann. In letzter Zeit schießen dort die Callcenter aus den DiS-Wolken und man bekommt ziemlich lästige, zeitraubende Anrufe. Einer hat mich eine ganze Woche in irdischer Zeitrechnung gekostet!«
Tigris schmunzelte und schielte zu Anjul herüber, der jedoch nur sehr aufmerksam und mit undeutbarem, regungslosem Gesichtsausdruck der Unterredung zuschaute und Funatic nicht eine Sekunde aus den Augen ließ.
»Dann haben wir für unsere Mission tausende von Stadtplänen und Landkarten eingespeichert, sowie einen Shine-Abtaster.«
»Shine-Abtaster? Willst du die Seher arbeitslos machen?«, fragte Rosanjin belustigt.
»Nein«, antwortete Engelbert grinsend, »aber einen Seher kann man nicht unbedingt zuklappen, in die Hosentasche stecken und wegrennen, wenn es brenzlig wird.«
»Auch wieder wahr«, pflichtete Aévon bei. »Als erstes müssen wir also unbedingt die Situation auskundschaften. Ohne genaue Information geht gar nichts. Und ich will mich persönlich nicht darauf verlassen, was mir das Ding als Tatsache vorgibt. Außerdem kommen mir die besten Ideen, wenn ich die Situation vor Ort mit eigenen Augen gesehen habe.«
»Verselbstständlich«, stimmte Funatic zu. »Ich hoffe, LogaShocc kommt bald. Er hat noch viel mehr nützliche Spielereien dabei, die wir bei diesem Einsatz gerne verköstigen würden. Wenn sie funktionieren, wollen wir sie in Massen nachbauen. Die tragbare 0-DiS-Zone jedenfalls hat hervorragende Dienste geleistet, frag ihn dort.« Er wies mit dem Kinn auf Bat Furan, der jedoch genervt den Kopf abwandte. Ilvyn gefangen und womöglich in Todesgefahr, nicht die kleinste Spur von Shirooka - es war zum Verrücktwerden!
»Solange ihr uns dabei nicht in die Luft sprengt oder uns irgendwie in Gefahr bringt, von mir aus«, brummte Aévon und drückte interessiert auf den Tasten des Handys herum, während Rosanjin über seine Schulter hinweg aufs Display schaute. »Tatsächlich, der Umgebungs-Scanner scheint zu funktionieren«, sagte dieser begeistert und las vor, was auf dem Display stand. »102 UNKNOWN XENDII, 2 KNOWN CHERUBIM FUNATIC AND ENGELBERT, 1 ELOYAH-« Er verstummte augenblicklich und starrte die beiden Daimons mit großen Augen an.
»Eloyah? Das kann doch gar nicht sein«, grummelte Funatic und beäugte befremdet das Display. »Ts, jetzt sind es schon 2 ELOYAH. Und jetzt wieder nur 1 ELOYAH und 1 UKNOWN SHINN. Und jetzt 1 UNKOWN ZERRAFIN, 1 UNKNOWN SHINN. Und wieder 2 ELOYAH. Nun ja, es sind Prototypen.« Er schüttelte das Handy ein wenig. »Na bitte, geht doch«, brummte er schließlich erleichtert. »104 UNKNOWN XENDII, 2 KNOWN CHERUBIM FUNATIC AND ENGELBERT.«
Der anfängliche Schock bei den jungen Xendii löste sich in Gelächter auf - bis auf Aévon, der sich mit ruhigem Gesicht zurücklehnte, den Blick nach innen gekehrt, auf seine Gedanken gerichtet. Er war derart gedankenversunken, dass er das tiefe Rauschen nicht wahrnahm, das alle anderen schlagartig verstummen ließ.
»Oh, endlich! Cynful ist im Anflug!«, bemerkte Funatic nach einem kurzen Blick auf sein Handy.
»Soll das heißen, jetzt schwirren einfach so noch mehr von deiner Sorte an?«, rief Bat Furan entsetzt.
»Beeindruckend. Du hast es durch eigenes Nachdenken selber herausgefunden: Ja.«
Da kam auch schon etwas dunkles im Tarnanzug aus dem Nichts durch den Raum geflogen, hielt zielsicher auf den grübelnden Aévon zu - und kickte ihn bei der Landung von seinem Platz. Dieser reagierte erst da und sprang sofort fuchsteufelswild auf die Füße, um den neu eingeflogenen Daimon finster anzufunkeln.
»Hallo, Cynful. Du hast wohl den Höhenmesser falsch programmiert. Oder auch gar nicht«, begrüßte Funatic den Neuzugang fröhlich.
Für die Inkarnation hatte sich Cynful eine weibliche, dunkelhäutige Menschengestalt ausgesucht. In ihrem äthiopisch anmutenden Gesicht glühten pechschwarze große Augen - und das Glühen war durchaus wörtlich zu nehmen, denn je nachdem wie das Licht der zahlreichen Kerzen darauf strahlte, leuchtete ihre Iris in einem satten, tiefroten Ton. Zudem hatte sie lange, schwarze Rastazöpfe, darauf ein Soldatenkäppi, passend zu ihrer militärischen Bekleidung mit den glänzend polierten Springerstiefeln.
»Hallo, Funatic, hallo Anwesende. Keine Zeit für solche Feinheiten, wir können von Glück sagen, dass wir durchgekommen sind. Es sind riesige Truppenbewegungen in Richtung der zwölf Durchgänge zu dieser Welt im Gange. Sind LogaShocc und Aristotalis schon da? Und wo ist eigentlich Dr. Flamorcan abgeblieben, wir sind doch zusammen geflüchtet?«
»Dr. Flamorcan? Mein alter Vertrauensprofessor auf der Takran?«, murmelte Engelbert ungläubig.
»LogaShocc ist eine Ecke weiter von hier, er kommt später«, antwortete Funatic. »Aber über Aristotalis und den Doktor weiß ich nichts.«
»Ah, wie ich sehe, hast du bereits eine revolutionäre Zelle gegründet!«, rief Cynful hocherfreut und marschierte an den ungläubig stierenden Xendii entlang, um sie zu inspizieren. »Ich bin Cynful von DiSfunx L., oder was davon übrig ist«, stellte sie sich vor und wippte mit hinter dem Rücken verschränkten Händen auf und ab. »Welche Aktivitäten der MDL habt ihr bisher verzeichnet?«
»Im Moment haben wir andere Pläne«, antwortete Aévon kalt und postierte sich herausfordernd vor Cynfuls Nase. »By the way: Das hier ist meine revolutionäre Zelle. Wer mit uns zusammenarbeiten möchte, sollte seine Chef-Allüren an der Garderobe abgeben. Ich befehle hier.«
»Meinetwegen.« Cynful zuckte mit den Schultern. »Falls du nur dadurch deine Komplexe kompensieren kannst, soll es mir recht sein. Hauptsache, wir arbeiten effizient und vorallem gemeinsam.«
»Wir werden sehen, ob so etwas überhaupt möglich ist«, grummelte Aévon düster.
»Funatic, kläre mich über das aktuelle Projekt auf!«, verlangte Cynful und wandte sich mit erwartungsvoll erhobenen Brauen an ihren Mitstreiter.
»Ein Mitglied der, äh«, Funatic nahm unwillkürlich Haltung an, »unserer revolutionären Zelle wurde von der MDL gefangengenommen und wird unweit von hier festgehalten. Einen Tausch gegen alle Mitglieder von DiSfunx L. wurde von unserer Seite abgelehnt!«
»Na, das ist doch großartig!«, rief Cynful begeistert und marschierte wieder mit hinter dem Rücken verschränkten Händen an ihnen auf und ab, wobei sie gar nicht merkte, wie Bat Furan sich voller Wut auf sie stürzen wollte, jedoch von Ras Algheti und Darius zurückgehalten wurde. Großartig!
»Dann mal los! Was haben wir an Informationen? Wo? Wieviele MDL-Söldner? Sind Melegonin dabei? Wer unterstützt uns? Gibt es sonstige anti-imperialistische Untergrundbewegungen auf diesem Planeten?«
»Wir haben die Koordinaten der Gefangenen!«, warf Funatic strahlend ein, glücklich darüber, wenigstens etwas Wichtiges beitragen zu können.
»Sehr gut! Als nächstes werden wir die Gegend dort auskundschaften, um die Stärke des Feindes einschätzen zu können. Wer geht mit mir?« Sie sah in die Runde. Bat Furans Hand schnellte augenblicklich empor, wobei er Cynful mißtrauisch und entschlossen zugleich ansah.
»Ich gehe mit dir, Bat Furan und Rosanjin«, entschied Aévon mit ruhiger Stimme, was die DiSMasters und ihre Schüler erstaunte. Normalerweise ließ er sich nicht tatenlos in die Parade fahren. »Wir können morgen früh aufbrechen.«
»Wir können aber auch sofort aufbrechen!«, widersprach Cynful. »Der Feind schläft nicht, wir haben keine Zeit zu verlieren!«
»Du kannst es wohl kaum erwarten, den Arsch voll zu kriegen, was?«, fragte Aévon Cynful amüsiert.
»Nein, du etwa?«

.

»Um Gottes ...«, entfuhr es einem Wächter, als er den Gefangenen mit dem Handy hantieren sah. »Das ist Widerstand gegen Gottes Gesetz! Gib uns sofort deinen Schlüssel für die Handschellen!«
»Entschuldigung, aber ich muss ein dringendes Gespräch führen«, antwortete der Fremde freundlich, ohne sich jedoch in seinem Tun stören zu lassen. Daraufhin wurde ihm das Handy wutentbrannt aus den Händen gerissen und ein Stiefel trat auf seinen Nacken.
Wieder seufzte er zutiefst verständnisvoll. »Ja, ich weiß, jeder will unbedingt ein umgebautes Handy aus dem Hause DiSfunx L haben. Hey, bitte nur dieses eine Telefonat. Dafür besorge ich dir auch einen supergünstigen Vertrag mit DaimoCom, 500.000 Freistunden inklusive. Ich habe die Connections, Mensch.«
»Das Handy ist beschlagnahmt. Wir werden alle deine Dealer erwischen!«
»Unsere Dealer? Wir vertickern unser Zeug doch nicht an jeden! Ich bin in geheimer Mission hier. Wir bauen den Widerstand auf.«
»Du gibst also zu, der Feind Gottes und der Feind seines Reiches zu sein!«, rief einer der Wächter und zog urplötzlich eine Waffe, die er voller Hass auf den Dreadlock-Jungen richtete.
»Du schwafelst daher wie unsere allseits beliebten Zerrafin. Die machen auch alles platt, was nicht im Einklang mit ihrem tollen Buch steht. Hier ist es ja wirklich echt so mies wie bei uns mittlerweile.« Er verzog resigniert den Mund. Plötzlich riss er die Augen auf. »Hey, gehört ihr etwa zu diesem Scharfmacher Umbriel? Reich der Gehetzten Lämmer, oder so? Endzeit, Armageddon, das Jüngste Gericht, Apocalypse Now?«
»Gottes Strafe für die Sünden, die die Menschen begangen haben, steht unmittelbar hervor«, orakelte einer der Wächter in erhaben-düsterem Prophezeiungs-Tonfall.
»Na sowas. Typisch Gott: Funzt es nicht, kommt es in den Müll. Nie kriegt er’s so hin, wie er es sich gedacht hat.«
Die Wächter verstummten alle und sahen ihn mit großen, entgeistert stierenden Augen an.
»Für diese Gotteslästerung darf ich dich töten«, murmelte Shirookas Wächter mit kältestem Hass in der Stimme.
»Wieso, ich hab doch gar nichts gegen dich gesagt. Oder bist du zufälligerweise Gott?«, erwiderte der Fremde erstaunt. Shirooka starrte ihn ebenfalls an, doch eher amüsiert. Die Angels of Dawn waren kurz davor, ihn umzubringen und er zeigte nicht die geringste Spur von Angst. Im Gegenteil. Unbeeindruckt fuhr er fort: »Und wenn Gott sich von mir beleidigt fühlt, kann er doch augenblicklich einen Stein vom Himmel fallen lassen, oder was auch immer. Wieso müssen das immer andere für ihn erledigen? Er ist doch allmächtig, oder nicht? Ah, ich weiß: Ihr traut Gott nicht, seine Rache lässt immer so auf sich warten, nicht wahr?«
»Schweig sofort. Der Satan spricht durch dich!«
»Ach was, das mache ich ganz alleine, ist ja auch eigentlich nicht so schwer, denken und sprechen. Es gibt außerdem keine Engel oder Teufel. Nur Daimons. Hat dir das noch keiner erzählt? Nur Daimons, wie ich einer bin.«
Die Angels of Dawn schnappten nach Luft. Die Pistole, die auf den Fremden gerichtet war, begann zu zittern.
»Im Namen des Herrn, Unseres Gottes, seiner Engel und seiner Propheten: Weiche von uns, Dämon!«, riefen alle drei Wächter zusammen und zogen voller Panik ihre Ketten aus den Uniformjacken, an denen geflügelte Schwerter und Kreuze baumelten.
»Ach, wisst ihr ...«, meinte der Daimon freundlich und scharrte gespielt verlegen mit dem Fuß. »Ihr dürft gerne zuerst weichen. Solange und soweit ihr wollt.«
»Im Namen des Herrn, Unseres Gottes, seiner Engel und seiner Propheten: Weiche von uns, Dämon! Die Kraft und die Herrlichkeit Gottes bezwingen deine finstere Seele und deine lästerlichen Reden!« Langsam taten sie einen Schritt nach hinten - außer Shirooka, die bockte.
»Oh, da will ja einer tatsächlich vor euch weichen. Was hast du ausgefressen, Kleines? Zuviel mit DiS herumgespielt?«, fragte der Daimon und hob interessiert seine orangerote Braue, in die hübsche Muster einrasiert waren.
Dann seufzte er gespielt und meinte bescheiden: »Na gut, wenn ihr unbedingt wollt, dann weiche ich halt so ein bisschen zurück, wie in diesen trashigen Actionfilmen von Pepp Ressi Productions.«
Er hob abwehrend die Hand und setzte ein furchterfülltes Gesicht auf. »Kreuze und Halbmonde waren ja schon schrrrröcklich genug, aber jetzt auch noch das Schwert mit Geierflügeln! Neiiin, ich bin machtlos gegen soviel in Silber gegossenen Aberglauben!«
Aus der Gesäßtasche seiner schlabberigen Jeans zog er einen silbernen Boomerang und tippte mit den Fingern darüber. Dann streckte er die Hand aus und angelte sich mit einem Slave sein Handy, das eben noch krampfhaft von einem der Wächter festgehalten worden war. Augenblicklich schrieen die Menschen auf. Die Wächter flohen, die Gesichter von Grauen gezeichnet. Als ihr Wächter lossprintete, schubste er Shirooka dabei um.
»Das nenne ich zurückweichen, aber hallo.« Der Daimon pfiff anerkennend durch die Zähne.
Shirooka rappelte sich auf und rieb ihre schmerzendes Handgelenk, die sie von den Handschellen befreit hatte, während sie dem davonjagenden Angel of Dawn grinsend hinterher sah.
Dann maß sie den Daimon mit den Dreadlocks spöttisch von oben bis unten ab.
»Tolle Show, Spinner.«
Es raschelte im Gebüsch und zum allgemeinen Erstaunen trat Rich daraus hervor.
Unsicher sah er sowohl Shirooka als auch LogaShocc an.
»Hi.« Er hob entschuldigend grinsend die Hand. »Verdammte Angels, was?« Er wies unsicher lächelnd in die Richtung, in der die Sittenwächter entschwunden waren. Dann kam er näher, zwar nicht viel, aber genug, um guten Willen zu bekunden. 
»Gute Idee, das mit dem Dämonen. Dein Freund, Shirooka? Ein Xendi, nehme ich an.«
»Du hältst mich echt für einen Xendi?« Der junge Fremde sah ihn zunächst ungläubig, gleich darauf jedoch hocherfreut an. »Ich wusste, dass mein Style perfekt für diese Welt ist!«, frohlockte er dann und vollführte eine kleine Breakdance-Einlage.
»Die Gargoyles waren Dämonen, du doch nicht«, widersprach der Junge.
»Gargoyles?« Der Dreadlock hielt inne und überlegte. »Ach, dann bin ich nicht in Seychellen, sondern in New York gelandet, was? Hier gab es doch kürzlich eine Show mit Engeln und dem ganzen Kitsch?«
Rich nickte stumm.
»Aha. Ist es weit bis nach Seychellen?«
»Wenn man kein Flugzeug unterm Arsch hat oder ein Tor vor der Nase, schon. Das liegt auf der anderen Seite der Welt, irgendwo im Indischen Ozean, glaube ich«, meinte Shirooka ungeduldig und verschränkte die Arme. Ärgerlich, wirklich überaus ärgerlich, von einem verdammten, irren Daimon gerettet worden zu sein.
»Also um die Ecke, wenn man ein BoomeRAM in der Hand hat.« Er hob das Boomerang in die Höhe.
»Du bist wirklich ein Dämon?«, wollte Rich wissen, in dessen Gesicht Furcht und Faszination miteinander rangen.
»Nein, ich bin ein D.A.I.M.O.N., ein DiS-Being able to influence material order and norm, aus der Daimonsion. Es gibt keine Engel oder Teufel, oder Dämonen. Sagte ich das nicht bereits?«
»Warum sollte ich dir glauben?«, erkundigte sich Rich vorsichtig.
»Brauchst du doch gar nicht. Glaub doch weiter an den alten Lügenkram, wenn du es nötig hast.«
»Und was willst du hier auf unserer Welt?«
»Na, einem alten Kumpel einen Gefallen tun und eine Widerstandsgruppe aufbauen.«
»Ich bin auch im Widerstand«, bemerkte Rich scheu.
»Das ist ja unglaublich! Ein Kollege! My Five!« Der Daimon strahlte über das ganze Gesicht und hielt dem Jungen seine Hand zum Abklatschen hin; ein Angebot, das noch ein wenig zurückhaltend wahrgenommen wurde. »Wie heißt du?«
»Rich, und du?«
»LogaShocc. Ist natürlich nicht mein richtiger Name, aber dafür habe ich ihn selbst erfunden. Wie nennt sich eure Widerstandsgruppe?«
»Dawnkeepers«, meinte Rich und lächelte.
»Ich bin von DiSfunx L, eigentlich heißt es DiSfunctional Laboratories. Meine Kumpels kommen hoffentlich bald nach, wir werden in der Daimonsion nämlich ziemlich krass verfolgt und müssen abtauchen«, erzählte LogaShocc seelenruhig. »Hey, ich kann dir jede Menge nützliche Sachen klar machen. Wir erfinden und bauen sie selber. Zum Beispiel so ein BoomeRAM, eine Art tragbares Tor. Der Vorteil unserer RAMs ist, dass sie dir hinterher fliegen und auf dich oder eine bestimmte Personengruppe fixiert sind. Die alten Dinger muss man ja zurücklassen, wenn man das Tor passiert und jeder dümmste MDL-Schnüffler kann dich durch das Tor verfolgen. Damit ist bei den BoomeRAMs Schluss! Und das Beste ist: Es arbeitet mit Koordinaten, weswegen du überall hin kannst. Man braucht kein Gegentor mehr.«
Rich kapierte offensichtlich nicht das Geringste von dem, was der Daimon da erzählte, schien jedoch vor allem von dem BoomeRAM sehr angetan zu sein.
»Jetzt reicht’s aber, Daimon«, schritt Shirooka ein. »Wir sind dir dankbar, dass du diese Moralinratten davongescheucht hat, aber sicher hast du jede Menge zu tun, so als Widerstandskämpfer.«
»Klingt toll, was du da sagst«, meinte Rich versonnen. »Aber wir sind keine Xendii, nur stinknormale Menschen.«
»Na und? Ich bin auch nur ein ganz stinknormaler Cherub. Vielleicht hochintelligent und erfinderisch, aber eben nur ein Cherub. Ich stehe zu dem, was ich bin.«
»Du willst doch nicht im Ernst einem Daimon vertrauen? Er arbeitet garantiert mit Umbriel zusammen und will sich als Spitzel bei euch einschleichen!«, regte sich Shirooka auf.
»Wir vertrauen bereits mehr oder weniger einem Xendi. Oder auch dir, Shirooka«, erklärte Rich ernst. »Wenn er uns helfen kann - und es sieht ganz so aus, denn woher sollte er wissen, dass wir uns heute Abend hier herumtreiben? Unsere Bewegung könnte einen ganz neuen Schwung bekommen, alleine durch diese Dinger, mit denen man einfach verschwinden oder kommen kann, wie man will. Warum sollen wir die Möglichkeiten, die ihr Xendii habt, nicht auch nutzen, einige zumindest?«
»Um ein BoomeRAM zu benutzen, muss man wirklich kein Xendi sein«, erklärte LogaShocc sanft. »Du tippst nur die Koordinaten ein und tschüss!«
»Und damit kann man wirklich überall hin?«, erkundigte sich Rich vollkommen begeistert.
»Jah.«
»Können wir damit zum Beispiel auch in die East 64th?«
»Ist das eine Bar?«
»Nein, eine Straße hier in New York.«
»Klar, ich habe so ziemlich alle Stadtpläne dieses Planeten in meinem Handy gespeichert. Eigentlich ist es mehr als ein Handy. Es ist ein Computer, ein Telefon, ein Radar und noch viel mehr. In zwei Sekunden spuckt es die Koordinaten aus. Darf ich fragen, was es in der East 64th gibt?«
»Die Regenbogen-Party findet dort statt. Von ihr hat die Spießergarde doch die ganze Zeit geredet.«
»Ihr habt nicht zufällig etwas namens Cola dort rumstehen?«
»Zufällig schon. Es ist in einer Bar, die geschlossen wurde. Es wäre gut, wenn wir die Leute dort warnen können und dann wieder hierher zurückkommen.«
Der Daimon seufzte glücklich. »Ich glaube, dies ist der Beginn einer wundervollen Freundschaft.«
»Ich hasse Daimons«, erklärte Shirooka hingegen mit verschränkten Armen, doch bereits ziemlich resigniert.
»Wie blöd von euch. Dabei kommt ihr nur aus der Sache heraus, wenn alle zusammenhalten«, meinte LogaShocc jedoch nur freundlich.
»Welche Sache? Umbriels Reich?« Sie lachte höhnisch auf. »Umbriel ist doch selber ein Xendi und arbeitet sehr gut mit euch Daimons zusammen.«
»Wenn Umbriel euer einziges Problem wäre! Hier laufen die Dinger aus dem Ruder und ein paar ziemlich geisteskranke Daimons haben vor, eine rauschende Party zu feiern. Nur dass es danach nicht mehr viele Menschen geben wird, die den Dreck wegräumen können. Und es wird ziemlich viel zu Bruch gehen, das kann ich dir schwören.«
»Und wieso wollen uns andere Daimons helfen? Das ist doch nicht eure Welt...« Rich sah LogaShocc mit erneut aufflammendem Misstrauen an.
»Klar, könnten wir uns zurücklehnen, mit den Schultern zucken und uns die Erde am Arsch vorbeiziehen lassen«, sagte LogaShocc und blinzelte ihn mit scheuem Lächeln an. »Doch stellt euch vor: Es gibt Daimons, die mögen euch und eure Welt. Und wir mögen den Gedanken an Frieden, an Spaß und an Gerechtigkeit. Außerdem mögen wir diese vernagelten Daimons auch nicht, sie bauen nichts als Scheiße in der Daimonsion. Wir haben uns das lange genug gefallen lassen. Immer mehr Daimons haben keine Lust mehr auf arrogante Typen über ihnen, die bestimmen wollen, wie sie zu leben haben und die in ihnen nichts als unwichtiges, lästiges Ungeziefer sehen, gut genug dafür, ihnen Black DiS zu beschaffen oder ihr Leben in beknackten Kriegen explodieren zu lassen.«
»Das denke ich auch!«, rief Rich leidenschaftlich.
»Eben. Ein einzelner kleiner Mensch wie du, ein einzelner Xendi hier und da, ein einzelner unbedeutender - wenn auch superintelligenter - Cherub wie ich ... wir sind machtlos, denn unsere Feinde sind anscheinend stärker, mächtiger. Aber wir sind ihnen dennoch überlegen, wenn wir alle zusammenhalten. Und weißt du, wieso?«
Rich zuckte mit den Schultern und Shirooka ertappte sich dabei, wie sie es ihm nachtat.
LogaShocc hingegen lächelte. »Weil wir zusammengenommen in der Überzahl sind. Millionen und Milliarden von Menschen, Xendii und Cherubim, gegen ein paar größenwahnsinnige, gestörte, psychisch kranke Typen voller Komplexe und ungelöster Kindheitstraumata. Und DiSfunx L hat nichts geringeres vor, als diese Millionen zusammenzubringen. Dieser Planet hat für mich und meine Kumpels Symbolbedeutung, weißt du. Hier hat es angefangen, hier entstand die Idee, dass ein anderes Leben möglich ist. Und das beste ist: Es waren ausgerechnet zwei Typen aus der Riege der hohen Angoleah-Daimons, die das erkannt und umgesetzt haben.«
»Und wer genau?«
»Das weiß niemand mehr. Manche halten es nur für eine Legende, manche behaupten, es sei nichts als die reine Wahrheit. Eine Wahrheit, die lange Zeit vertuscht, verwässert und weggeschlossen wurde. Aber wir haben alte Aufzeichnungen entdeckt und wir haben Ungereimtheiten in den aktuellen Archiven gefunden. Mann, ich sage dir, wir Daimons wurden lange Zeit echt verarscht und belogen, genau wie ihr Menschen übrigens. Doch es wird alles herauskommen, wie es wirklich war. Vergiss alles, was du jemals über tolle, milde Engel gehört hast, oder über ewig böse Teufel. Alles Schrott, wie ihre Gesetze und Ideen.« LogaShocc tippte noch etwas in sein Handy, dann nahm er den BoomeRAM, tippte dort ebenfalls etwas ein und warf es mit wenig Schwung von sich.
Es ertönte wieder ein plötzliches tiefes Rauschen, dann sah Shirooka eine wabernde Fata Morgana vor sich. Unscharf waren darin ein einsamer, schwach beleuchteter Straßenzug zu sehen.
»So, endlich kann ich dieses Cola probieren. Alle Daimons schwärmen mir andauernd davon vor.«
Dann knuffte er Rich in die Seite, legte ganz selbstverständlich eine Arm um ihn und dirigierte ihn in Richtung des Tores. Dabei plauderte er munter weiter. Shirooka folgte ihnen wutschäumend, aber machtlos.
»Hey, ich mag deine Welt, Rich. Ist wirklich ziemlich berühmt, dieser Planet. Deswegen kommen ja auch all die Touristen aus der Daimonsion hierher. Und wenn wir die MDL und diesen Umbriel erst einmal erledigt haben, wird das ein wirklich cooler Ort. Und zwar auch richtig zum leben und anfassen, nicht nur in unseren Herzen.«
 

© I.S. Alaxa
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