Die Welt von Zappon von Adlers Auge
5. Kapitel: Willkommen zuhause

Die Gruppe folgte der langen Hauptstraße hinunter vom Palasthügel, hinab in das Geflecht aus Straßen und Gängen, Häusern und Blocks, Plätzen, Gassen und Geschäften.
Während Golg von einer unruhigen Geschäftigkeit angefüllt gewesen war, wirkte Kent wesentlich ruhiger und entspannter. Die Menschen gingen auch hier ihrer Wege und waren immer in Bewegung, doch waren sie selten in Eile und so gut wie nie im Lauftempo zu sehen. Die meisten von ihnen wirkten eher, als ob sie ziellos durch die Straßen schlendern würden.
Doch auch in dieser Stadt verlor Get bald den Überblick, was vor allem an den gigantischen Ausmaßen lag. Die Straßen schienen bis in die Unendlichkeit und noch weit über sie hinaus zu reichen.
Bald führte Zizam seine Freunde an einen kleinen Stand, an dem sich eine Menschentraube gebildet hatte. Eigentlich war es eher ein Unterstand, doch was es mit ihm auf sich hatte, wollte Zizam beim besten Willen nicht beantworten. Wie immer machte er sich einen Spaß daraus, seine Gefährten in Unwissenheit zu halten.
Dann kam ein großer, von einer Art vierbeinigem, langhalsigem, braunem Vogel gezogener Wagen die Straße entlang geeilt. Der Wagen war in eine Art Metallschienen eingelassen, die den Boden durchzogen und Get schon zuvor aufgefallen waren.
"Es sind die Adern der Stadt. Die Avis sind schnelle, ausdauernde Wesen, die sich die Menschen als vortreffliche Transportmittel zunutze gemacht haben", erklärte der alte Zauberer, während er beim Einsteigen dem Avis-Führer eine silberne Münze zusteckte, die dieser grinsend entgegennahm, da Zizam ihm offenbar viel zuviel gegeben hatte.
"Auf diese Weise werden wir sicher in einer knappen Stunde bei deinem Onkel ankommen, Get!"
Den Aviswagen zu nutzen war eine Art des Reisens, die Get faszinierte. Wenn er aus dem Wagen sah, konnte er all die Wunder, die die Stadt zu bieten hatte, betrachten, ohne sich um etwas anderes kümmern zu müssen.
Die anderen Passagiere erdrückten ihn fast und machten ihm das Atmen schwer, doch er blickte nur weiter fasziniert auf die vorbeiziehenden Straßen und Gebäude, die trotz der höheren Geschwindigkeit immer noch kein Ende nehmen wollten.
Sie überquerten den Kedan über eine geradezu gigantische steinerne Brücke und stiegen am Platz des Himmlischen Turmes um.
Der Himmlische Turm war das beeindruckendste Gebäude, das unsere jungen Freunde bis zu diesem Zeitpunkt zu Gesicht bekommen hatten. Er war kreisrund und etwa so breit, dass 20 Männer ihn gerade so hätten umgreifen können. Er reichte scheinbar bis in den Himmel und schien sich irgendwo oberhalb der Wolken den Blicken der Jungen zu entziehen. An seinen Seiten waren vier gigantische Signalhörner angebracht, die von der Spitze bis zum Fuß reichten. Der Legende nach würden sie, in höchster Not, das Ende des dritten Zeitalters einläuten und die Mächte des Guten wieder unter einem Banner vereinen.
Bald schon bemerkte Get, dass die Häuser langsam immer größer wurden und sich zu wahrhaften Villen entwickelten. Zizam hieß Pret, Get, Jorin, Kapitän Elsmer und seine Crew auszusteigen und führte sie bis zu einer großen steinernen Mauer.
Get fragte sich, ob er sich überhaupt noch wundern sollte, als Zizam sich zum Schloss des schmiedeeinsernen Tores, das in die Mauer eingelassen war, herabbeugte und es mit einem leisen Murmeln öffnete.
"Willkommen zuhause, Get!" sprach Zizam, wobei er eine einladende Handbewegung vollführte.
Sie betraten einen wild wuchernden Garten, der seine Besucher nur wenige Meter Sichtraum bot. Überall zwitscherten Vögel und es herrschte eine Idylle, die ganz einem romantischen Wald glich.
Ein schmaler Trampelpfad führte sie eine kurze Weile lang durch das dichte Gestrüpp, bis sich vor ihnen eine ausgedehnte, akkurat gestutzte Wiese auftat.
Kinder spielten lachend an einem alten, starken Baum, schaukelten, kletterten und tollten herum.
In einem weißen Pavillon saßen die Erwachsenen und entspannten bei Kaffee und Gebäck.
In die Mitte des Rasens aber war ein weitläufiges Gewässer, auf dem ein kleines Bötchen einsam seine Runden, in den sich ein letztes Mal aufbäumenden Strahlen der Herbstsonne, zog.
Am Kopf der Wiese führten einige Stufen zu einer großen, steinernen Terrasse, die zu einem Haus gehörte, das dem Palast eines Kaisers wohl gerecht  geworden wäre.
Get konnte sich kaum an der so friedlich wirkenden Erscheinung satt sehen, die seiner Vorstellung von Baals Paradies, dem Garten Aden, sehr nahe kam.
Doch offenbar fühlte sich der Insasse des Schiffchens durch ihre Anwesenheit gestört, sodass er nun laut rufend und vor sich hin fluchend ans Ufer zu gelangen suchte.
Als er das nun erreicht hatte und mit noch lauterem Getöse auf die vermeintlichen Eindringlinge zukam, da erhob Zizam seine Stimme, gegen den alten, grauhaarigen, eingefallenen Mann: "Halt ein, Avuncul! Wir sind Freunde und wollen auch als solche behandelt werden!"
"Zizam? Mein Gott, das ist ja solange her. Ich war noch ein kleiner Junge, konnte kaum laufen."
"Get, darf ich dir vorstellen? Dein Onkel Avuncul."
Perplex blickten sich die beiden an. Die Familienähnlichkeiten waren eher gering, dennoch konnte man eine gewisse Zusammengehörigkeit zwischen den beiden feststellen. Get standen das erste Mal seit langem Tränen in den Augen, denn er wusste, dass er wieder eine Familie hatte.

Bald hatte man die Gäste neu eingekleidet. Get und Pret hatten auf Wunsch ein gemeinsames Zimmer im Ostflügel des herrschaftlichen Hauses zugewiesen bekommen. So gingen sie wieder hinab in den Garten, um am Gespräch im Pavillon teilzunehmen.
Als sie hinaus auf die Terrasse traten, saß da ein junges Mädchen von 15 oder 16 Jahren am Tisch. Ihre blasse Haut zeugte von hoher vornehmer Geburt, während ihre schulterlangen goldenen Locken aus den Schatzkammern des Kaisers persönlich zu sein schienen. Ihr Name war Pallida und sie verstand es Get mit nur einem einzigen Lächeln den Kopf für immer zu verdrehen, auch wenn sie das vermutlich gar nicht beabsichtigt hatte.
"Hallo! Ihr müsst Get und Pret sein! Unsere neuen Gäste." Sie lächelte noch herrlicher und ihre weißen Zähne und die blauen, verträumten Augen zeigten Get die Reinheit ihres jungen Herzens.
Nach Sitte der kedanischen Oberschicht gab sie Get einen Kuss auf die Wange, was es ihm sehr erschwerte aufrecht stehen zu bleiben, da ihm die Knie vor Glück wie Butter in der Sonne dahin zu schmelzen schienen.
Sie griff Get mit ihrem zarten Händchen und zog ihn hinter sich her. "Kommt, mein Vater und euer Onkel erwarten uns bereits!" Sie liefen rasch über den grünen Rasen und Get hätte ihre Hand am liebsten nie wieder losgelassen.
Sie war eine engelsgleiche Gestalt in ihrem weißen Kleid und den zierlichen, kleinen nackten Füßen. Auch wenn Get noch nicht ein Wort zu ihr gesagt hatte, so wusste er doch, dass sie die Perfektion in Person war.
Im Pavillon angekommen machte Pallida es sich neben ihrem Vater bequem. Sein Name war Custos. Er war der Führer der kenter Stadtgarde.
Eilends stand er auf und baute sich mit seiner eindruckvollen Gestalt vor Get auf. In eine stramm sitzende Uniform gezwängt, den Schnäuzer sauber und korrekt gekämmt und seinen Helm, einsatzbereit wie er nun mal war, griffbereit neben sich.
"Willkommen Get!" kräftig schüttelte er dem Jungen die Hand. "Ich bin erfreut, dass du noch vor meinem Ableben auf den Plan getreten bist. Ich denke, wir werden alles kurz durchgehen und dann sofort aufbrechen." Get schaute ihn verwundert an. Ein solch forsches Auftreten hatte er bei weitem nicht erwartet.
"Custos, Custos, mein lieber Custos. Beruhigt euch. Alles will aufs Genaueste überdacht und geplant sein", warf Gets Onkel mit leiser, freundlicher Stimme ein. Er schenkte Get ein aufmunterndes Lächeln.
"Zunächst", mischte sich Zizam unvermittelt ein, "würde ich gerne wissen, ob wir hier in vertrauter Gesellschaft sind.
Avuncul, dir vertraue ich. Nach allem was ich gehört habe, hast du es dem dreimal verfluchten Fomier ganz schön unbequem gemacht auf seinem erschlichenen Thron."
Avuncul lächelte verlegen.
 "Custos, du bist wohl schärfster Fürsprecher für die alte Ordnung von ganz Zappon, daher vertraue ich dir und deiner Tochter. Ihr werdet schon keiner von Fomiers Spitzeln sein."
Custos nickte zufrieden.
"Zu guter letzt wärst da Du, Atratus. Viele wissen um deine Taten in den jenseitigen Ländern und ich glaube, dass der Feind noch keinen Besitz von dir ergreifen konnte, denn in deinem Herzen sehe ich Stärke."
Zizam hatte sich an eine kleine mysteriöse Gestalt gewandt, die unscheinbarer kaum sein konnte. Sie saß eingenickt in ihrer Ecke und schien vor sich hin zu schlummern, dennoch hatte Get das Gefühl, dass er von ihr aufs Schärfste beobachtet wurde.
Als Antwort gab Atratus nur ein kaum sichtbares Kopfnicken von sich.
"Zu guter Letzt, Kapitän Elsmer. Ihr müsst für mich sofort eine Nachricht an den Elbenfürsten Lutrond übergeben. Nehmt diesen Brief und mein Siegel und fahrt den Kedan hinauf bis an die Gestade des Tränenmeeres, dort werdet ihr ihn finden. Sputet euch, denn der Winter naht und der Fluss wird bald nicht mehr zu passieren sein!"
Ohne zu zögern ergriff Elsmer den Brief und gab bekannt, was es ihm für eine Ehre wäre, Teil des Planes zu sein. Dann machten er und seine Crew, samt Jorin dem Matrosen, sich auf in Richtung Hafen.
"Also, Zizam, wie gedenkst du zu Lutrond zu gelangen, bevor die Armeen der Finsternis einziehen?" fragte Avuncul. "Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sie vor Kents Toren stehen, so zeigen es jedenfalls all die Zwischenfälle im Worin."
"Erst einmal werden wir Gobi aufsuchen. Wie du dich erinnerst, gibt es fünf Teile Karhirs, die vereint werden müssen. Lutrond besitzt nur einen von ihnen und da Fomier den gesamten Kedan hinauf sämtliche Routen unter seiner Kontrolle hat, halte ich es für unklug diesen Weg zu wählen.
Daher werden wir erst nach Süden gehen, in die Wüste Hagars. Danach noch weiter südwärts zu den Zwergen und Assil und erst danach wieder hinauf in den Norden zu Lutrond. Es wird so wohl länger dauern, dafür ist es sicherer."
Es folgte eine kurze Pause.
"Dein Plan scheint mir vernünftig, Zizam. Doch müsst ihr es erst schaffen, Kent zu verlassen und in die Wüste zu kommen. Und das könnte schon der schwerste Teil eures Unterfangens werden" ,gab Custos zu verstehen.
"Könnt ihr uns dabei nicht behilflich sein? Als Führer der Stadtwache?" warf Pret unvermittelt ein.
"Das Problem liegt darin, dass die Stadtwache sich nur um den inneren Bereich der Stadt kümmert. Allerdings ist die alte kaiserliche Armee mit Mauern und  Umland beauftragt. Und die untersteht zu großen Teilen der Familie Fomiers",
gab Custos bedrückt zurück.
"Auch dafür denke ich eine Lösung zu besitzen, doch das wird sich erst morgen Abend bei den Festlichkeiten zeigen."
Mit diesen Worten war die Runde offiziell beendet.
Get versuchte einen letzten Blick auf Pallida zu erhaschen und sie drehte sich auch wie auf Kommando um.
Ihr Lächeln war untermalt vom leisen Sonnenuntergang, der rot glühend die Welt in Euphorie tauchte. Mit schlanken, hellen Fingern strich sie sich eine goldene Locke aus dem Gesicht und ließ ihre weißen Zähne vornehm aufblitzen.
Get und Pret machten sich daran die Räume von Schloss Pradi zu erkunden.
Es gab weit über 100 Zimmer, riesige Säle und Salons, reich verzierte Bäder und eine Bibliothek, die nach Gets Meinung wohl eine Abschrift von allen je verfassten Büchern besitzen müsste.
Währenddessen belauschte Zizam ein interessantes Gespräch zwischen Pallida und ihrem Vater, das seiner Meinung nach wohl einiges an Veränderung für sich und seine Gefährten bedeuten würde.
Dann wurde auf Schloss Pradi endlich aufgetischt. Zur Feier der Heimkehr seines Neffen hatte Avuncul eine riesige Schmausplatte zusammentragen lassen. Es waren für die sieben anwesenden Personen je ein Schwein geschlachtet und ein Hirsch geschossen worden. "Esst nur, esst! Keiner soll sagen, der alte Avuncul sei ein schlechter Gastgeber."
Der Wein strömte nur so in die goldenen Pokale der Gäste und nachdem alle satt und erheitert waren, begann man sich gemütlich zurückzulehnen. Sie waren satt, zufrieden und glücklich.
Nur einer war niedergeschlagen. Pret wusste nicht warum, doch Get schien nur noch Augen für Pallida zu haben und hielt sich den ganzen Abend bei ihr auf. 
Die beiden tuschelten und lachten zusammen, und schauten sich manchmal einfach nur so in die Augen.
Währen Zizam und Avuncul nicht gewesen, Pret wäre sich wohl vollkommen verlassen vorgekommen.
"Lass die beiden nur, es ist junge Verliebtheit, weiter nichts", versuchten die beiden den jungen Helden zu beruhigen.
"Ich fühle mich trotzdem vor den Kopf gestoßen", antwortete er ihnen und ließ sich so betroffen und mit einem Buch als Ablenkung bewaffnet vor dem Kamin nieder.
Später am Abend hatte man entschieden, dass Pallida, Get und Pret, Zizam auf das morgige Fest im Kaiserpalast begleiten sollten, was Pret, auch wenn er es nicht zugab, erneut verletzte, da er einen Mann zu einem gesellschaftlichen Anlass begleitete und das für ihn irgendwie seltsam aussah.
Atratus hatte die Runde bereits verlassen, doch Pallida und ihr Vater wollten nun auch noch die Nacht in Avunculs Residenz verbringen und so setzte man sich zu einer letzten gemütlichen Stunde vor den Kamin, an dem Zizam seine Abenteuergeschichten aus den fernen Ländern des Ostens zum Besten gab.
Auch wenn so etwas eigentlich in der feinen Gesellschaft Zappons verpönt war, so lagen Get und Pallida zusammen auf einem Sofa, Arm in Arm und sichtlich angetan voneinander. Die fast schon familiäre Situation erlaubte dies dennoch.
Get hätte auch gerne noch die Nacht in solch geborgener Zweisamkeit verbracht, doch das wäre dann wohl einen Schritt zu weit gegangen.
So verabschiedete man sich voneinander, wünschte jedem eine gute Nacht und ging dann in freudiger Erwartung des nächsten Morgens zu Bett.

Der nächste Tag begann mit einem reichhaltigen Frühstück in einem der großen Säle von Schloss Pradi.
Pret hatte alle Mühe, sich nicht in den langen Gängen und Fluren zu verlieren, aber er wollte sich hier eh nicht länger als nötig aufhalten. Die vielen geschmückten, vergoldeten und verzierten Wände waren alle so imposant, dass er sich selbst so klein und unbedeutend vorkam.
Get hatte den gesamten Morgen über auf das Eintreffen einer Nachricht von Arai gewartet, doch etwas sagte ihm, dass es dem Vogel wohl gut gehen würde.
Und spätestens als Pallida, zwar etwas verschlafen, doch noch genau so atemberaubend verzaubernd wie am Vortag die lange Treppe zu Eingangshalle hinab geschritten war, da drehten sich Gets Gedanken ohnehin nur noch um sie.
Den Rest des Tages verbrachte man mit Sonnen und Faulenzen, und Get und Pret unternahmen eine Erkundung der Stadt, da sich Pallida bereits kurz nach dem Mittagessen nach Hause begab, um sich für den Abend vorzubereiten.
Als Avuncul, Pret, Get und Zizam in der Kutsche vor dem Anwesen von Pallidas Vater ankamen, jeder in beste Stoffe gekleidet, da war Get gespannt, ob sie an diesem Abend wohl noch schöner wäre.
Doch als sie durch die Tür trat und von den zwei alten und den zwei jungen Herren in Empfang genommen wurde, da verschlug es Get im wahrsten Sinne des Wortes die Sprache.
Sie war in ein langes rotes Kleid aus Seide gehüllt, das nur von dünnen Trägern auf den Schultern gehalten wurde, und mit einem hübschen, jedoch nicht allzu freizügigen Dekolleté ausstaffiert war. Die Unterarme waren in langen Handschuhen versteckt und um ihren nackten Hals hing eine Kette mit einem langen Edelstein.
Ihr Haar war nach oben gebunden, was ihre Gesichtszüge zusätzlich zu dem Rouge betonte. Selbst Zizam, der in seinem Alter nichts mehr von körperlicher Liebe wissen wollte, konnte seine Augen von ihr nur noch schwer abwenden.
 

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