Die Zeit der Feuerstürme von Liriel
4. Monat

Lynn verweilte eine längere Zeit in einem dichten Nadelwald, denn das launische Aprilwetter machte das Fortsetzten der ziellosen Reise fast unmöglich. Kalte Stürme, unendlich scheinender Regen und verheerende Gewitter zogen über ihren Rastplatz hinweg. In dieser Zeit ließ Lynn Gedankengänge zu, die sie am Anfang ihrer Reise nie zugelassen hätte. Die Dorfbewohner hatten im entferntesten Sinne recht gehabt. Sie war eine Hexe, denn ihre Matrix machte sie dazu. Hatte ihr Vater je gewusst, was für eine Macht in diesem harmlos scheinenden Stein steckte?! Lynn hatte die Verbindung zu dem Stein seit dem letzten prägenden Ereignis nicht mehr hergestellt, doch manchmal fühlte sie das zaghafte Tasten in ihrer Seele.
Lynn versuchte vergeblich das kleine Feuer gegen den feuchten Regen zu schützen, der mit jeder Windböe zu ihr getragen wurde. Ein letztes Rauchwölkchen und von ihrer einzigen Wärmequelle war nur ein kleines Häufchen Asche zurück geblieben. Lynn fröstelte und schlang die Arme wärmend um ihre Knie. Cartago stand dösend an einen Baum gebunden. Kälte kroch ihr von den Füßen hinauf zu ihrem Leib und Lynn versuchte krampfhaft ein Zittern zu unterdrücken. Sie spürte die beruhigende Wärme an ihrem Brustbein und plötzlich überschlugen sich ihre Gedanken. Ihre Hände wanden sich aus den Ärmeln des Mantels, den sie aus Gregors Bestand mitgenommen hatte, denn er würde ihn nie wieder anziehen können. Ihre Zähne schlugen leise aufeinander, als sie die Matrix umfasste. Es war ein letzter, verzweifelter Versuch.
Lynn fokussierte ihre aufgewühlten Gedanken auf den blauen Stein und sofort fühlte sie das vertraute Tasten, doch da war noch etwas anderes. Etwas, das sie für einen Augenblick völlig aus dem Rhythmus brachte. Ein zuckender Schmerz fuhr durch ihren Kopf und Lynn zwang sich dazu, alles zu ignorieren, was nicht sie und die Matrix betraf.

~ Das Glühen der Matrix verstärkte sich zusehends und das Licht hinterließ einen blauen Schatten in den Zügen von Lynns Gesicht. Blaue Linien wanden sich im inneren der Glaskugel und boten ein ansehnliches Schauspiel an Windungen, Spiralen und Knoten ~

Das Mädchen hatte die Augen geschlossen und den Kopf vorn über gebeugt. Sie spürte, wie die Wärme der Matrix ihre Glieder zu neuem Leben erweckte und Lynn öffnete sich immer weiter der Matrix und nahm die Wärme begierig in sich auf.
Plötzlich spürte Lynn diese andere Präsenz erneut und wurde aus dem Gleichgewicht gebracht. Etwas drängte sich ihr förmlich auf und beklemmende Angst ergriff sie. Irgendetwas stimmte nicht. Lynn versuchte, sich zaghaft aus der Verbindung zu lösen, doch es war ihr nicht möglich. So oft sie es auch versuchte... Ihre Angst steigerte sich in Hysterie, doch sie konnte nicht schreien.

~ In der Matrix formten sich die verschlungenen Linien zu einer Kugel. Sie schwoll an und füllte nach geraumer Zeit die Wölbung der Matrix völlig aus ~

Lynn nahm für einen Augenblick die Veränderung wahr, die in der Matrix vorging. Tränen rollten ihr unbemerkt über die Wangen, doch sie wehrte sich entschieden gegen die erzwungene Verbindung.

~ Angetrieben von der Angst Lynns züngelte eine kleine blaue Flamme aus der Wölbung und kroch ihre Hände und Handgelenke hinauf. Immer weiter kroch der Fluss aus Flammen und hinterließ nur versengte Haut ~

Lynn hätte am liebsten vor Schmerz und Verzweifelung geschrieen, doch es war ihr nicht möglich. Sie wünschte sich die erlösende Dunkelheit. Die Ohnmacht oder den Tod, doch nichts von beiden stellte sich ein. Sie atmete den Geruch von versengter Haut ein und bittere Galle füllte ihren Mund. Plötzlich war es schon wieder da. Dieses Gefühl, nicht allein zu sein... beobachtet zu werden. Ein wütender Schrei hallte laut durch Lynns Kopf und plötzlich war alles vorbei. Noch einen Augenblick realisierte Lynn die Welt um sich herum, dann fiel sie endlich in die erlösende Ohnmacht.

Lynn öffnete die schweren Lider und erblickte ein jugendhaftes Gesicht mit zwei tief blauen Augen über ihr. Erschrocken zuckte sie zusammen, ließ dann aber jeden Widerstand sein, als ihr höllische Schmerzen durch den Körper fuhren. Eine Hand legte sich beruhigend auf ihre Stirn und strich den Fieberschweiß beiseite.

"Keine Angst!"

Lynn ließ die Augen über den jungen Mann schweifen, der neben ihr auf dem Bettrand saß. Seine Lippen entblößten strahlend weiße Zähne, als er lächelte, und kleine Grübchen zeichneten sich in seinen Wangen ab. Lynn schätze ihn auf knapp über zwanzig.
Er nahm die Hand von ihrer Stirn, bückte sich und Lynn hörte das plätschern von Wasser. Sie merkte, wie ihr etwas angenehm kaltes auf die Stirn gelegt wurde und für einen Moment schloss sie die Augen. Als Lynn sie wieder öffnete, blickte der Junge sie erneut mit seinen tiefen, unergründlichen Augen an.

"Ich hatte schon gedacht, du würdest gar nicht mehr erwachen!"

In seiner Stimme spielte kein Spott wie Lynn es erwartet hatte, sondern echte Sorge und Mitgefühl.

"Wie lange habe ich geschlafen?"

Ihr fiel es schwer zu sprechen, doch der Junge reichte ihr einen Becher Tee. Er stützte ihren Rücken mit einem seiner Arme, um ihr zu helfen sich aufzurichten. Der Junge hielt ihr den Becher an die Lippen, doch als Lynn ihn nehmen wollte, bemerkte sie, dass ihre Arme und Hände vollständig verbunden waren. Langsam kamen wieder Erinnerungen in ihr Gedächtnis und sie stöhnte kurz auf. 

"Fast ganze vier Tage und nun trink... Das wird dir helfen!"

Lynn trank in kleinen Schlucken den heißen Tee, den ihr der Junge an die Lippen hielt. Ab und zu setzte er ab und Lynn schmeckte den bitteren Nachgeschmack der Medizin, die dem Tee beigemischt war. Sie hielt inne und blickte zu dem Jungen auf, der sie immer noch im Rücken stütze. Jetzt spürte sie um so deutlicher seine Hand an ihrer Hüfte.

"Was ist passiert?"
Lynn versuchte in ihrer Stimme eine gewisse Kontrolle mitschwingen zu lassen, doch es gelang ihr nicht ganz.

"Schlaf dich erst einmal aus. In nächster Zeit werde ich dir all deine Fragen beantworten."

Mit diesen Worten hielt er Lynn erneut den Becher an ihre rissigen Lippen und ließ sie diesen leeren. Danach bettete er sie wieder auf ihren Kissen und wechselte noch einmal das Tuch auf ihrer Stirn. Langsam bemerkte Lynn wie ihr wieder die Lider schwer wurden und ließ sich in einen traumlosen Schlaf gleiten.

Als Lynn das zweite Mal erwachte, war sie allein. Ihr stieg der Geruch von gebratenem Fleisch und Gemüse in die Nase. Erst jetzt bemerkte sie das Rumoren in ihrem Magen. Sie setzte sich auf, ohne sich großartig mit den Händen abzustützen, und blickte sich um. Der Raum war klein und mit wenigen Möbeln bestückt. Neben dem Bett stand ein kleiner Nachtschrank, dem Bett gegenüber befand sich ein hölzerner Schrank und daneben ein zweifächriges Regal. Auf dem Nachtschrank befand sich eine kleine Schatulle. Lynn schob die verbundene Hand unter der Bettdecke hervor und öffnete sie unbeholfen. Sie war innen mit roter Seide ausgekleidet. Sie war schon abgenutzt und eine Kuhle in der Mitte des Kissens deutete auf häufige Benutzung hin. Als Lynn draußen vor der Tür Schritte hörte, schlug sie die Schatulle zu, zog die Hand unter das Bettdeck zurück und ließ den Blick zur Tür schweifen, die sich in diesem Augenblick öffnete.
Der junge Mann trat ein und erneut verzogen sich die vollen Lippen zu einem Lächeln.

"Gut, dass du wach bist... Bist du hungrig?!"

Lynn lächelte zurück und nickte eifrig. Der Junge legte die paar Schritte zum Bett zurück und setzte sich auf die Bettkante.

"Ich bin Darragh, falls ich mich vorstellen darf."
Seine Worte taten seinem Lächeln keinen Abbruch.

"Mein Name ist Lynn..."

Sie hatte noch etwas sagen wollen, doch sein Lächeln verschlug ihr die Sprache. Glücklicherweise wurde in diesem Moment die Tür geöffnet und ein breitschultriger Mann trat hindurch. Als er Lynn sah, lächelte auch er und Lynn brauchte nicht lang,e um zu sehen, dass dies der leibliche Vater von Darragh war.

"Darragh... Hilfst du ihr zum Tisch!? Das Essen ist fertig."

Darragh nickte und richtete seine Augen erneut auf Lynn. 
"Das ist Talut, mein Vater. Vater, das ist Lynn."

Talut nickte kurz, bevor er sich umdrehte und wieder aus der Tür verschwand. Darragh erhob sich vom Bett und schlug die Decke zur Seite. Lynn blickte an sich herunter und musterte sich. Ihre Beine waren nackt und man hatte sie bis auf die Unterhose entkleidet. Ihr Oberkörper war von einem ärmellosen Pullunder aus Schafswolle bedeckt. Ihre Wangen färbten sich rot vor Scham, doch Darragh übersah es und legte ihren Arm um seine Hüfte, hielt sie mit einer Hand dort fest und stütze sie mit der anderen. Als Lynn stand und sie neben sich zu Darragh aufschaute, musste sie staunen. Er war mindestens drei Köpfe größer als sie selbst. Er ging langsam mit ihr der Tür entgegen und Lynn hatte bei jedem Schritt das Gefühl, ihre Knie würden jeden Augenblick unter ihr nachgeben, doch sie taten es nicht. Darragh stützte sie die Tür hindurch und sie spürte seinen muskulösen Arm in ihrem Rücken. In dem Raum hinter der Tür war eine mittelgroße Kochstelle und ein kleiner Tisch mit vier Stühlen zu sehen. An der Kochstelle brannte ein wärmendes Feuer und auf dem Tisch stand dampfendes Fleisch und Gemüse. Talut war noch damit beschäftigt, ein Scheit Holz auf des Feuer zu werfen, als Darragh und Lynn den Raum betraten. Er wandte sich zu ihnen um.

"Setzt euch!"

Darragh und Lynn taten wie ihnen geheißen und Talut kam, um ihnen die Teller zu füllen. Lynn bedankte sich kurz und schaufelte dann das deftige Essen in ihren Mund. Darragh verharrte kurz und musterte sie lächelnd. Niemand sagte ein Wort und nur das Knacken des Feuers und das schwere Atmen Taluts war zu hören.
Als Lynn das Essen nach drei Nachschlägen beendet hatte, lehnte sie sich auf dem Stuhl zurück und blickte in die Runde. Vater und Sohn waren schon längere Zeit fertig und musterten sie.

"Was ist passiert?"

Lynns Miene war ernst geworden und auch ihre Stimme zeugte von einer unterdrückten Dringlichkeit. Talut ließ kurz einen vielsagenden Blick zu seinem Sohn schweifen, bevor er wieder zu Lynn zurückkehrte.

"Ich möchte, dass du mir ein paar Fragen beantwortest, bevor du Antworten auf die deinigen erhälst! Warum reist du allein, ohne Begleitung und ohne Geleitschutz?"

Ihre Stirn zog sich in Falten und kurze Zeit herrschte Stille. Misstrauisch wechselten ihre Augen zwischen Talut und Darragh hin und her.
Der Jüngere wandte sich verärgert seinem Vater zu.

"Vater... Warum stellst du ihr Fragen, die du dir selbst beantworten kannst? Ich habe sie gesehen... Ich will nicht wissen, womit sie damit im Stande ist!"

Darraghs Stimme tönte durch den Raum und mit Winken deutete er immer wieder auf Lynn. Langsam dämmerte ihr, um was es eigentlich ging und sie umfasste schützend ihre Matrix.
Darragh war in völliger Rage von seinem Stuhl aufgesprungen.

"Auch will ich nicht wissen was sie damit bereits angestellt hat und ich habe Geschichten gehört - oder nenne es Gerüchte - die bezeugen, dass eine dieser unkontrollierten Mächte am Werk war!"

Vor Lynns Augen lief ihre ganze Reise noch einmal wie ein Band ab. Der Überfall, Gabrielle, Gregor... Alle waren tot; alle auf unnatürliche Weise gestorben, oder ermordet. Nun sprang auch Lynn auf und schrie kurz auf bevor sie versuchte nach Draußen zu gelangen, doch Talut war schneller. Er umfasste ihren Oberarm mit starkem Griff und zog sie auf ihren Stuhl hinunter.

"Es wird dir nichts geschehen! Keine Angst! Ich muss mich für Darragh entschuldigen. DARRAGH, NIMM JETZT ENDLICH WIEDER PLATZ! Zeig es ihr lieber!"

Murmelnd setzte sich der Sohn zurück auf seinen Stuhl und zog widerwillig ein ledernes Band aus seinem Ausschnitt des Pullovers. Es erschien eine unverpackte Matrix, die einen bläulichen Schimmer in den Raum warf, als sie ans Tageslicht kam.
Lynn blinzelte und starrte den blauen Kristall an. Sie merkte wie ihr schlecht wurde und musste wegsehen.

"Schau nicht hinein! Auch für mich ist es unangenehm."

Seine Stimme war ruhiger geworden und hatte einen warnenden Unterton, der Lynn eine Gänsehaut bereitete. Sie schüttelte jedoch unmissverständlich den Kopf.

"Wir sind Empathen, Lynn! Durch unsere alleinigen Gedanken und Gefühle, die wir der Matrix übermitteln, können wir Dinge tun, die du dir nicht einmal zu träumen gewagt hast. Du bist nicht die einzige mit einer solchen Gabe, Lynn!"

Das Mädchen schien den Tränen nahe, als sie entsetzt antwortete.

"Das ist keine Gabe, Darragh! Dies ist ein Fluch, der mich für meine Sünden bestraft. Ich habe meine Familie verloren, ich habe Menschen getötet... Diebe, die mich bestehlen wollten, eine Frau, die mich dieses Fluches, an den ich gebunden bin, berauben wollte, und ein Mann der... der mich vergewaltigt hat. Warum? Alle hatten es verdient, doch warum ich?"

Tränen rollten ihre Wangen hinab und Darragh fasste nach ihrer Hand. Wie ein Blitz schoss eine ungewohnte Erregung durch ihren Körper und ließ sie unter seiner Hand erzittern. Lynn spürte das Tasten in ihrer Seele, doch dieses mal war sie sich sicher, dass es nicht ihre Matrix sondern die Darraghs war... Nein, gar er selbst. Als er merkte, wie verstärkt sie auf seine Berührung reagierte, zog er die Hand zurück, doch Lynn spürte immer noch einen sanften, angenehmen Rapport der sie verband.

"Diese Reaktion ist normal bei ungeübten Empathen. Es ist normal und du brauchst dich nicht zu fürchten."

Ihr verschlug es immer noch die Sprache. Diese Verbindung war intimer gewesen, als alles, was sie davor je erfahren hatte. Nicht einmal eine sexuelle Verbindung würde stärker, intimer sein, als der Rapport.

"Ich werde dich lehren damit richtig umzugehen so wie es mich mein Meister gelehrt hat."

Lynn schien, als hätte diese Floskel etwas entgültiges...
 

© Liriel
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Und sicher schon bald geht's hier weiter zum 5. Monat...

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