Das Babysitter von Der Doktor
7. Kapitel

Ein jeder kennt diese Tage, an denen einem hintereinander nur grauenhafte Dinge passieren und man sich so vorkommt, als ob ein riesengroßer Hammer der Negativität einen langsam und Stück für Stück in die Wand der vollkommenen Verzweiflung nageln würde. Kurzum, es scheint so, als hätten sich sämtliche Götter gegen einen verschworen.
Kalessan kannte die Götter... mit einigen von ihnen traf er sich sogar mehr oder weniger regelmäßig zu einem kleinen Plausch. Ihnen schob er also nicht die Schuld in die Schuhe für einen dieser Tage, der in diesem Fall schon mit einem besonders miesen Traum begann:
Ein alter Mann saß inmitten von zwei Dutzend schreienden Kindern und lächelte sie an, während sie fröhlich kreischten und in die Hände klatschten.
"Oh bitte, erzähle uns noch eine Geschichte!"
"Ja, erzähl uns noch eine Geschichte!"
"Oh ja, bittebittebitte!", tönte es von allen Seiten her.
Der alte Mann lachte laut auf und strahlte die Kinder ringsum nur noch freundlicher grinsend an.
"Aber natürlich, ihr kleinen Racker. Also, passt auf: Es war einmal ein kleiner, roter Drache..."
Die Kinder unterbrachen ihn im Chor:
"Die Geschichte, wie du von den Menschen grundlos angegriffen wurdest und ihr Dorf vernichtet hast, kennen wir aber schon!"
"Genau, erzähl lieber noch mal die Geschichte, wie die Menschen deine Partnerin und alle deine Jungen umgebracht haben!"
"Ja, genau! Bitte, Onkel Kalessan!"
"Ja, bitte, Onkel Kalessan!"
Onkel Kalessan...
Onkel Kalessan...
Kalessan...

"Onkel Kalessan?"
Der Drache schreckte hoch. Die zwei Dutzend Kinder verschmolzen zu einem einzigen, das direkt vor Kalessans Schnauze stand.
"Wasch?", murmelte der Drache, vom alleinigen Anblick des Quälgeistes schon vollkommen entnervt.
"Du hattest einen Albtraum und warst sehr laut.", sagte Ninnel, der anscheinend ebenfalls unfreiwillig geweckt wurde und noch seinen ihm viel zu großen, anscheinend sündhaft teuren Schlafanzug trug, den Kalessan als "Geschenk" aus einer der umliegenden Städte erhalten hatte.
"Oh... Habe ich irgendwas verdächtiges gesagt, wovon du nichts erfahren solltest?"
"Nein, du hast mich nur geweckt.", erwiderte der Junge vorwurfsvoll.
"Na, dann ist ja alles in Ordnung.", entgegnete Kalessan und gähnte herzhaft.
Ninnel hielt sich die Nase zu und starrte in den Schlund seines Aufpassers.
"Du hast da lauter Stofffetzen zwischen den Zähnen!"
Kalessan schloss seine Kiefern hastig.
"Oh... ähm... wo kommen die denn her?"
So langsam hatte der Drache es satt, seine Vorlieben für fleischliche Genüsse vor dem Jungen geheim zu halten.
"Hast du etwa einen Menschen aufgefressen?"
"JA, DAS HABE ICH!"
So, jetzt war es raus... eine ehrliche Frage, eine ehrliche Antwort... da konnte er genauso gut weitermachen:
"Ich habe schon hunderte Menschen gefressen, ach was, tausende, sogar so kleine Grünschnäbel wie dich – und ich habe dabei nicht mal mehr mit der Wimper gezuckt, sondern genossen, wie sie geschrieen und gebettelt und gezappelt haben und wie ihre Knochen zwischen meinen Zähnen knackten. Ich mag den Geschmack ihres Fleisches, ihres Blutes und ihre kleinen unbehaarten Körper, die einem nicht so schwer im Magen liegen wie das ganze andere Gewusel auf diesem verdammten Planeten. Na, wirst du nun winselnd auf dem Boden kriechen, weil du jetzt weißt, dass ich ein übler, gewalttätiger Menschenfresser bin?"
"Kommt drauf an: Wirst du mich jetzt auch fressen?"
"So sehr ich deine kriecherische Rasse und vor allem anderen dich verachte – nein! Ich habe deinem Vater etwas versprochen und ziehe das jetzt auch durch."
"Na, dann ist ja alles in Ordnung!", erwiderte Ninnel fröhlich und löste seinerseits fast einen Schockzustand bei Kalessan aus.
"Was soll das heißen... ich habe dir gerade eröffnet, dass ich schon unzählige Menschen umgebracht habe und du hast immer noch keine Angst vor mir?"
"Nun, von irgendwas musst du ja leben... außerdem hast du gerade auch gesagt, dass du mich nicht fressen wirst, warum sollte ich also Angst haben?"
Weil ich dich auf hunderte andere Arten umbringen könnte!, dachte sich der Drache, sprach diesen Gedanken aber nicht laut aus, sondern starrte nur verblüfft auf den kleinen Jungen, der sich unbesorgt von ihm abwandte und mit anderen Dingen beschäftigte.
Dies war wohl die berühmte Unbeschwertheit eines Kleinkindes...
Wäre die Welt doch nur so simpel!
Nun, anscheinend würde sich der Drache in seinen Eigenarten jetzt doch nicht so drastisch zurückhalten müssen, wie er es die ganze zurück liegende Zeit zu Ninnels Anwesenheit in seiner Behausung getan hatte... es sah so aus, als würde der folgende Tag doch gar nicht so schlecht werden.
Doch wie schön wäre das gewesen...

Die seltsamsten Ereignisketten werden manchmal durch die unpassensten Sätze begonnen. In diesem Fall lautete der Satz: "Lieferung für Kalessan!"
Dies war zunächst nicht verwunderlich, da an jenem unheilvollen Tag genau eine Woche vergangen war, seitdem der Drache auch Doofdorf, eine weitere Siedlung in seiner Umgebung, freundlich dazu gebeten hatte, ihm wöchentlich Opfergaben zu bringen. So viel Freundlichkeit kann kein Dorf widerstehen, von daher kam die Lieferung der verlangten Nahrungsmittel auch äußerst rechtzeitig.
"Stellt das Zeug einfach irgendwo hier hin, meidet dabei die Pfützen und haut dann wieder ab, ja?"
Kalessan sah sich die beiden Herren, die die bunt geschmückten Körbe voll vegetierender Nahrungsmittel mitbrachten, genau an. Normalerweise wurde diese Aufgabe von unbeliebten, dreckigen und vor allem entbehrlichen Dorftrotteln erledigt, diese beiden schienen jedoch recht kräftig zu sein. Außerdem hatten sie beide exakt die gleiche, uniformähnliche Kleidung an, auf die groß die Buchstaben "LL" aufgestickt waren. Kalessan ging im Kopf schnell alle bekannten Wappen von Rittern und Drachentötern durch und untersuchte die Menschen auf Anzeichen von alten Drachentötertricks. Als er nicht fündig wurde, fragte er nach:
"Wofür steht das 'LL' auf eurer Kleidung?"
"Wat? Oh, dat steht für 'Lennys Lieferungen', Zustelldienst alla ersta Jüte, zu Diensten!"
"Oh toll, freut mich... ihr dürft euch dann jetzt verpissen!"
"Eenen Moment noch, Meesta, wat solln wa’n mit der Jungfroo da machn?", erkundigte sich der Zusteller.
Erst jetzt bemerkte Kalessan die an einen Holzpfahl gefesselte Frau, die von einem dritten Zusteller auf einem kleinen, rollbaren Gefährt herein geschoben wurde. Angesichts des offensichtlichen Alters der Frau von über 50 Jahren hätte die Bezeichnung Jungfrau jedoch unzutreffender nicht sein können.
"Was soll das werden, ich habe gar keine Jungfrau bestellt. Und schon gar nicht so eine alte Schrulle wie die da!", empörte sich Kalessan bei dem obersten Zusteller.
"Hey, das habe ich gehört, Schätzchen!", rief die Jungfrau aus.
"Ick hab ooch nur meene Anweisungen, weeste, und ick wees ooch nich, wat ick mit so ner alten Schraube anfangen soll. Also, wohin mit dem Teil?"
Kalessan hatte absolut keine Lust, sich jetzt mit einem derartig grauenhaften Akzent weiterhin auseinanderzusetzen und entgegnete:
"Na gut, na gut, stellt sie da drüben ab."
Der Zusteller tat, wie ihm geheißen ward. Damit war anscheinend schon alles in der Höhle abgeliefert, was die drei Herren dabei hatten. Dennoch schienen sie noch nicht zu beabsichtigen, Kalessans Höhle zu verlassen.
"Jut, dat macht dann Eensfuffzich Bearbeitungsjebühr biddesehr.", ließ sich der oberste Zusteller vernehmen.
"Bitte, was?"
"Na, wir machen unsre Arbeit ja ooch nich umsonst, wa?"
"Ja toll, aber von mir werdet ihr kein Geld bekommen, also haut ab!", giftete Kalessan die Menschen an.
"Was wollen die Männer da von dir?", fragte der anscheinend gerade erneut aus seinem Bett gekrochene Ninnel.
"Gar nichts wollen die. Gar nichts bekommen die!"
"Jetz hör mal zu, Meesta, so wie ick det sehe, is dat hier ne bereits bezahlte Nachnahmebestellung, in der aber noch nich die Bearbeitungsjebühr für unser Unternehmen enthalten war und ick werd diese Höhle hier nich verlassen, bis ick die ausjezahlt bekommen hab, klar? Wennde willst, kannste det Finanzielle ja jerne mit den Absendan rejeln, ick will jetz jedenfall meen Jeld habn!"
"Sag mal, ist dir eigentlich klar, was du hier vor dir hast und mit wem du so unverfroren sprichst?", zischte der Drache.
"Du kannst mir natürlich jerne drohen, aber ick sach dir, mit den Jewerkschaften willste dir ooch nich anlejen! Und vor dem Kleenen da willste uns doch sicherlich ooch nichts antun, nich oder?"
"Ha, jetzt hat er dich aber dran bekommen, Schätzchen!", warf die Jungfrau ein.
"Du da drüben hältst mal brav die Klappe, ja?"
Eine Stimme ertönte:
"A-HA, übles Echsenmonster, so habe ich euch doch noch gefunden. Nun hat euer letztes Stündlein geschlagen!"
Oh nein!, dachte sich Kalessan, als der dazu passende Ritter, der ein Zwilling zu dem letzten Eindringling hätte sein können, seine Höhle betrat.
"Und was muss ich da sehen! Ihr schändliches Untier haltet eine holde... Jungfrau?... ähm... gefangen und dazu noch... drei Lieferanten von 'Lennys Lieferungen'...?"
"Oh, schau mal, Onkel Kalessan, noch ein Ritter zum Wegzaubern!", rief Ninnel freudig aus.
Der Drachentöter keuchte, schien aber angesichts dieser wirklichen Greueltat seine Fassung wieder zu gewinnen:
"Ihr habt einen kleinen Jungen entführt? Ihr garstiges Monster, dafür werdet ihr noch heute in der Hölle schmoren! Seid unbesorgt, kleiner Junge, ich werde euch aus den Klauen dieses Drachen befreien!"
"165...", dachte sich der Drache.
"Die edle Lady Syrop hat also richtig daran getan, mich mit dieser Aufgabe zu betreuen!"
"Wer zur Hölle ist diese Lady Syrop eigentlich?", unterbrach Kalessan den Drachentöter verwirrt.
"Das tut jetzt nichts zur Sache, ihr solltet nur ihren Namen wissen, bevor ich euch umbringe!"
"Ey, aber erst will ick meen Jeld haben, damit dat klar is, ja?"
Ein weiterer Mensch betrat die Höhle:
"Boah, ein Drache!"
Der Kleidung nach zu urteilen, schien es sich um einen jungen Mann aus einer anderen Dimension zu handeln – ganz genau das, was Kalessan jetzt noch brauchte!
"Wow, ein Drache wird mich auf meine Weltenrettermission schicken, das ist ja so cool!"
"Aber ich war zuerst da, Fremder aus einer anderen Dimension, von daher werde ich ihn zuerst umbringen, bevor er euch auf so eine unheilige Mission schicken kann!", erwiderte der Drachentöter.
"Und was soll ich dann hier?", fragte der Reisende.
"Hey, ich habe meine besten Kleider extra für diesen Anlass angezogen, und ich bin nicht einfach nur zum Spaß hierher gekommen!", rief die Jungfrau dazwischen, deren Kleidung sich bei genauerem Betrachten als bemerkenswert schäbig entpuppte.
"Jenau, und wat is dann mit meenem Jeld, wie soll ick dat dann bitte herbekommen?"
"Ja, und was ist mit meinem Geld?", erkundigte sich die nächste Gestalt, die die Höhle betrat und sich als der alte Angestellte aus Kalessans Wald entpuppte, der offensichtlich sein Gehalt einfordern wollte.
Kalessans Augen zuckten nervös von einem Menschen dieser kleinen Ansammlung in seiner Höhle zum anderen – sein rechtes Augenlid begann, unkontrolliert zu zittern.
"Oh, ihr seid doch der alte Mann, der mich hier hereingeschickt hat!", sagte der transdimensional Reisende zum Alten.
"Hmja, ich sehe schon, der Drache hatte anscheinend noch keine Möglichkeit, sich mit euch zu... beschäftigen... nun, sieht so aus, als müsste er mir zuerst meine Bezahlung geben, ansonsten geschieht hier gar nichts!", gab dieser zurück.
"Oh, er bezahlt euch dafür, dass ihr Leute zu ihm schickt? Warum denn?"
"Ähm... vergesst es!"
"Du, Onkel Kalessan, was wollen die denn alle hier?"
Kalessans linkes Augenlid begann nun ebenfalls zu zucken.
"Kommen wir jetzt langsam mal voran? Ich habe heute noch zwei Duelle zu bestreiten und eine bösartige Räuberbande auszulöschen, mein Terminkalender lässt keinen Platz für Verspätungen!", machte sich der Ritter lautstark kund.
"Und wir ham heute ooch noch die eene oder andre Lieferung zu machen, näch?"
"Ich werde langsam steif an diesem ollen Pfahl hier!"
"Ich kann es kaum erwarten, diese Welt vor dem Bösen zu retten!"
"Und ich kann es kaum erwarten, endlich mal wieder meine wohlverdiente Bezahlung zu bekommen!"
"Du, Onkel Kalessan, ich habe Hunger!"
Alle Blicke richteten sich erwartungsvoll auf den Drachen, dessen ganzer Kopf nun sichtbar vibrierte.
Kalessans Ausbruch traf sie schnell, hart und vor allem unerwartet.
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© Der Doktor
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Und schon geht's weiter zum 8. Kapitel...

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