Das dritte Schwert von Benedikt Julian Behnke
Die Sechs 1 - Flucht

Vor vielen Jahren, als die Zauberkunst ihren Höhepunkt erreicht hatte und Sendinior, der mächtigste aller Magier, bald zu sterben drohte, ließ der Herrscher des Schattenreiches einen gewaltigen Krieg ausbrechen. 
- Tausende von sabbernden Kreaturen mit Klauen und Zähnen, schwer bewaffnet und mit gewaltigen Kräften marschierten über die Ebenen des Landes und verwüsteten die Gegend. Sie kamen aus dem Reich Muragechtís und der finstere Herrscher ließ die Armeen der zwei gewaltigen Länder aufeinandertreffen und sich gegenseitig zermetzeln.  -
Alle Kreaturen des Bösen kamen zusammen und traten gegen die Mächte des Guten an, um endlich die alleinigen Herrscher der Welt zu sein. 
- Der gewaltigste Krieg der Zeit tobte mit vielen blutigen Opfern und ein Feind war schlimmer als der Andere. Dunkle verkrüppelte Wesen zerstörten und zerschmetterten das Gute mit nur einem kurzen Aufflammen von Hass, doch die Menschen wehrten sich mit ihren gesamten Kräften, indem sie die Schlacht nahe dem Todesfelsen führten und langsam versuchten, Muragechtís Männer zurück zu treiben.  -
Ein erbitterter Kampf entstand und endete mit dem Tod Sendiniorís, der auf dem Hadesfelsen von dem Inquisitor des Bösen, Muragecht, aufgespießt wurde. 
- Zuerst war es nur wie ein Gefecht aus Schatten, doch dann zog der Dunkle sein Schwert. Es war scharf wie ein Diamant und aus dem härtesten Metall geschmiedet, das die Länder je erfunden hatten, doch das Erz hatte nur für diese eine Waffe gereicht, denn es war besonderes Gestein. Flüsse von Magie hatten sich in ihm ausgebreitet und nur ein starker Zauberer konnte es führen. Sendinior hielt mit seinem Stab dagegen, doch schließlich versiegte ein Teil seiner Kraft, er unterlag Muragecht, wurde gegen einen Felsen geschleudert und dort mit dem Schwert festgenagelt.  -
Doch noch bevor der Geist des Zauberers starb, sammelte er alle seine Energien in dem einen Schwert und ließ es zu einem Symbol der Heiligkeit werden, welches mit einer riesigen Flutwelle aus Licht, alles Böse erlöschen ließ. 
- Der Zauberer kniff die Augen zusammen und murmelte langsam einen Spruch, welchen er schon seit Jahren für den Notfall geprobt hatte. Er spürte, wie die Magie seinen Körper durchströmte und er sich langsam auflöste, doch zugleich verschwand seine Seele und sein Geist in der silbernen Klinge der Waffe und das restliche Blut wurde ohne weitere Rückstände abgestoßen. Plötzlich begann es in einem hellen Licht zu leuchten und aus dem Hadesfelsen explodierte eine Salve von Strahlen aus hellem Licht und hüllte die Welt in ein weißes Band ein. Sofort zerfiel alles Schlechte zu Staub und vorerst war die Schlacht gewonnen.  -
Doch etliche Zeiten später, begann sich Muragechtís Seele sich wieder zu regenerieren und bündelte alle seine Armeen zum Angriff auf den Hadesfelsen, auf welchem die größte Festung der Geschichte aufgebaut worden war, um das legendäre Schwert zu beschützen. 
- In den finsteren Hallen aus Stein entfloh ein Nebel, ein Nebel der Verbannung und wie auf Kommando entstieg die Leiche Muragechtís aus dem kalten Sarg. Voller Hass auf seine jahrelange Verbannung ließ er zwei Lakaien des Todes auferstehen und rief sie in seine Dienste. Mit ihrer Hilfe würde er bald die Macht über das ganze Land haben, indem er den Hadesfelsen stürmen und das heilige Schwert aus dem Stein ziehen wollte. Also rief er den Tod an und verhandelte mit ihm über das Schicksal der anderen bösen Mächte und dieser war einverstanden, die finsteren Mannen wieder auferstehen zu lassen. Sofort ließ der finstere Magier einen weiteren Krieg ausbrechen, den Krieg um das legendäre Schwert und um die endgültige Macht.  -
Aber der Hadesfelsen fiel und so kam Muragecht zu der allmächtigen Waffe. 
- Kühl schritt er durch die Ruinen, welche von dem brodelnden Licht der Lava rötlich angestrahlt wurden und somit schreckliche Schatten formten. In der Luft lag der Geruch von Tod und Asche und überall lagen brennende Trümmer, Steine und Stützbalken herum. Manchmal lief ein feingliedriger, schon halb von Maden zerfressener Diener seinerseits vorbei und schleppte Gold und Geschmeide mit sich. Weiter vorne ragte aus einer von Spinnweben verwoben Wand ein verstaubtes Schwert heraus. Es hatte einen weißen Glanz und schien durch seine bloße Anwesenheit die Umgebung in gleißendes Licht zu tauchen und Leben zu schenken. Entsetzt wendete sich der Imperator des Bösen ab und verzog angeekelt von der Güte das Gesicht, dann zog er mit einer schnellen Bewegung die Waffe klirrend und funkensprühend aus dem Fels. Sofort passte sich der Griff seiner Handfläche an und die Schneide färbte sich dunkel.  -
Schnell wurden in den zwei Staaten der Menschen ebenfalls Schwerter der Macht geschmiedet, doch selbst beide würden keine Chance gegen das eine perfekte Schwert haben. 
- Hergestellt wurden sie, das eine aus der Kraft und Magie des Feuers, das andere aus der Härte und Kälte des Eises. Das Heft wurde mit einem goldenen Ring versiegelt und jeder, der das Schwert mit seiner gesamten Kraft benutzen wollte, musste den Ring über seinen Finger streifen, um dadurch eine innere Verbundenheit mit der Waffe zu erschaffen.  -
Um die heilige Waffe wiederzuerlangen, sandten die beiden Königreiche jeweils drei Prinzen mit den Schwertern auf die Suche nach Muragecht und dessen magische Klinge. Ihre Namen waren: Gisildur, Warior, Savamir, vom Orden der stählernen Adler, und Kalikor, Isribus, Badenius, vom Orden des weißen Drachen. 

Warior ging etwas schneller und geduckt die spärlich bewaldete Böschung hinab. Am Rande des Abhangs stand eine Gruppe dunkelgrüner Nadelbäume, welche am unteren Teil des Stammes kahl waren und ihn fürs erste vor dem Feind versteckten. Er war ein kräftiger Mann mit langen, welligen, schwarzen Haaren, braunen Augen und einem stoppeligen Dreitagebart und trug einen Brustharnisch mit einem grauen Adler, welcher die Flügel weit ausgebreitet hatte. Darauf und darunter ein Kettenhemd, stählerne Schulterpolster und Handschuhe und metallne Stiefel, die ihm bis zu den Knien reichten. Ihn kleidete ein dunkler Waldläuferumhang und ein langes, silbernes Schwert, welches er neben einem vollgepackten, grünen Rucksack auf dem breiten Rücken trug. Von Fern vernahm er das Aufeinaderkrachen von Waffen und die erbitterten Kampschreie der kämpfenden Menschen. Auch das Kreischen und Brüllen von Schattenwesen, Diener der Finsternis, war fast nicht zu überhören. Das Gesicht des Prinzen war mit Dreck beschmiert, verschwitzt und zeugte von großer Verständnislosigkeit des tobenden Krieges. Auch ein unterdrückter Hauch von Angst schimmerte in ihm auf und erlosch sobald wieder, als er die Zähne fester zusammenbiss und über den kleinen Bach sprang, welcher in die genaue Richtung floss, in welche er hinwollte. Gerade kam er von der steinernen Burg seines Vaters, die gerade belagert wurde, und war auf der Flucht zu einem kleinen, abgelegenen Dorf im Süden des Landes. Hinter ihm türmten sich noch die steinernen Mauern und waren schon halb von den stark begrünten Zweigen der hohen Tannen verdeckt, als Warior sich noch einmal umdrehte, um sicher zu gehen, dass ihm auch wirklich keiner folgte. Die Sonne war gerade untergegangen, tauchte sie den bewaldeten Horizontstreifen in rotes bis goldenes Licht und ließ die Schatten der dicht beieinander stehenden Nadelbäume zu seiner Rechten noch ein Stückchen länger werden. Man hatte ihm erklärt, er solle nur dem kleinen Flusslauf folgen und schon würde er nach zwei Stunden in dem bereits genannten Dorf ankommen. Der Boden war mit braunen bis grünen, stacheligen Nadeln bedeckt und er lief am Rand des Waldes, um sich nicht ganz zwischen den dunklen Tannen zu verirren oder zu verlaufen. Der kurze Moment der Unvorsichtigkeit reichte aus, um einen der feindlichen Krieger auf ihn aufmerksam zu machen und schon spannte dieser den aus Schwarzholz geschnitzten Bogen. Es war einer der feingliederigen Gnome, kleine Augenschlitze, flache Nasen mit kurzen Nasenflügeln und der stark verbeulten und vernarbten Haut. Auf dem mit strähnigen, schwarzen Haaren übersäten Kopf trug er einen Helm aus Kupfer mit weit abstehenden Hörnern und über der Brust ein kurzes, aber wirkvolles Kettenhemd mit ledernen Schulterpolstern. Sein fauliger Atem rasselte leicht und die Bogensehne sirrte, als sie losgelassen wurde und sich der geschwärzte Pfeil durch die Luft bohrte. Er trieb sich direkt vor dem erschrockenen Prinzen in die grob gemusterte, raue Rinde einer Kiefer und blieb dort mit einem kleinen krachenden Geräusch stecken. Sofort wendete der Ritter den Blick zu dem Angreifer, denn er durfte keine Hilfe holen, um alles von seiner Flucht bekannt werden zu lassen, also zog er das breite Schwert aus der Scheide, es begann schon magisch zu leuchten, wirbelte es über dem Kopf und sprengte mit schweren Gliedern den kleinen Hang hinauf. Mit einem wilden Schrei war er bei seinem Gegner und schlug mit seiner gesamten Kraft auf ihn ein, doch der Gnom wich verzweifelt zurück, denn er hatte nicht mit dem aggressiven Vorgehen seines Opfers gerechnet. Die mächtige Klinge zerhackte einen mittelgroßen Ast auf dem Boden, grub sich wie durch Butter in die mit Nadeln übersäte Erde und als sie gegen einen flachen Stein stieß, der unter den Nadeln begraben war, gab es nicht einmal Funken als sie ihn zerteilte. Schnell zog Warior das Zauberschwert aus dem Untergrund und stürzte sich von neuem, nun mit einem waagrechten Schlag, auf das Wesen. Wieder wich dieses aus purer Verzweiflung aus, doch die Hälfte seines Ohres wurde abgeschnitten, Blut klaffte hervor und es wollte gerade aufkreischen, als der Prinz die Spitze des Schwertes durch das Kettenhemd in der grünen Brust versenkte. Kaum drei Sekunden später löste der Mann sich von dem gefallenen Feind und führte seine Waffe wieder mit äußerster Vorsicht in ihre verzierte Hülle auf seinem gepanzerten Rücken. Gleich sprintete er nur so schnell weiter, wie ihm das Gewicht der Rüstung und das des Schwertes zuließ und kam bald an einer Vertiefung des kleinen Flussbettes an. Der Bewuchs von Pflanzen um ihn wurde vielfältiger und bald sah er sich in einem Meer aus Farnen und kleinen Pflanzen mit großen Blättern. Auch wuchsen jetzt mehr Laubbäume als Tannen aus dem Boden und statt der Nadeln auf der Erde lagen nun Eicheln oder Buchenblätter. Der kleine, silbrige Bach plätscherte mehrere kleine Wasserfälle hinab und mündete dann in einen blauen See, welcher sich etwa über zweihundert Meter in ein kleines Tal hinab erstreckte. Über dem Wasser kreisten Libellen und Glühwürmchen in allen Regenbogenfarben, das Kampfgeschrei war nur noch als verschwommene Silhouette zu vernehmen, welche sich beinahe ewig hinzuziehen schien und der Kämpfer des Guten sprang einige kleine mit Moos und Farn bewachsene, flache Steine am Bach hinunter, um keinen Umweg ins Tal nehmen zu müssen. Es war schon sehr viel dunkler als vor einer Stunde geworden und nur noch ein blassblauer Streifen stand als Himmel und langsam versiegte auch dieser, bis der Mond ganz durchschien und mit ihm eine kleine Anzahl von Sternen kam. Die Kühle der Nacht umstreife die Pflanzen und diese schlossen langsam, aber dennoch etwas trotzig ihre bunten Blüten. Jetzt, das konnte er zwischen den schwarzen Wipfeln sehen, erkannte er ein paar kleine, einfache aus Brettern zusammengenagelte Hütten und Häusern, aus welchen schwaches und zugleich gedämpftes Licht nach draußen drang. Ein kleiner Blick nach oben reichte ihm völlig, um festzustellen, dass es bereits Nacht geworden und die Sonne hinter den Bergen verschwunden war. Zielstrebig wanderte er am Ufer des Sees, welches fast steil abging, mit Schilfsträuchern bewachsen war und er ziemlich aufpassen musste, zu den beinahe winzigen Gebäuden, um dort seine zwei Brüder und die anderen Prinzen zu treffen, denn sie hatten ausgemacht nacheinander aus dem Schloss zu verschwinden, um keine so große Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Er, Warior, war der Vorletzte der insgesamt sechs Prinzen und sollte deshalb das Schwert tragen, da die Anderen den Weg sichern wollten und später würde auch noch Isribus, der Letzte, zu ihnen gelangen, da er, wie er selbst entschied, die Nachhut bildete. Der See war klar und reinlich, abgesehen von ein paar Seerosenblättern, und das Ufer schien auf den ersten blick grün, doch in Wirklichkeit war es nur Moos, welches zufällig wie ein weicher Teppich in das kühle Nass mündete. Als der Neuankömmling die hölzerne Tür öffnete, fiel ihm helles, warmes Licht in die Augen und er blinzelte erst ein paar mal, bevor er ganz eintrat und die Tür hinter sich zufallen ließ. Seine Augen brauchten wirklich ein paar Minuten, um sich ganz der Helligkeit anzupassen, obwohl es gar nicht so hell war, aber trotzdem erschienen ihm kleine, blinde Flecke auf der Netzhaut, welche immer mitwanderten, wenn er seine Augen bewegte oder durch den Raum schweifen ließ. Sein erster Blick galt dem Wirt der Gaststube, einem alten, grauen Mann, dessen Gesicht von Wind und Wetter gegerbt war und der sich genüsslich einen Strohhalm durch den Mund schob, dann blickte er zu dem Tisch, an welchem schon fünf bekannte Krieger in voller Montur saßen und sich ruhig die Bierkrüge an die Lippen schoben. Unter ihnen waren auch seine zwei Brüder, Gisildur und Savamir. Die anderen Beiden kannte er nur vom sehen und so musterte sie eindringlich, misstrauisch und mit einem leichten Anfall von Hoffnung auf einen guten Karrhakteer. Gleich entschied er, dass der Wirt mürrisch, verstohlen und ziemlich dumm war, wie seine Alkoholfahne und seine gerötete Nase mit den Apfelbäckchen bewiesen. Wahrscheinlich war er gerade auf Entzug, denn der gelbe Halm in seinem Mund war schon ziemlich zerbissen und als Arbeitsanzug trug er einen grauen Ganzkörperschlafanzug, welche man als eine Latzhose fürs Bett bezeichnen konnte und Hausschlappen. Sein Haar war grau und begann auszufallen, aber sein Kinn und sein Hals waren von stoppeligen, ebenfalls grauen Haaren geradezu übersät. Die Augen wirkten verträumt, aber dennoch ziemlich listig und seine Hände waren wie nach dem zählen von Geld gleichfalls gerötet. Ihn stempelte er nach weiterem betrachten als Dummkopf und geldgierigen Sack ab. Eine Gruppe Kinder mit lockigen Häuptern und eine dickliche Frau bei ihnen, waren wahrscheinlich die Familie des Gastgebers. Sie schienen ihm an das Leben der einfachen Leute gewöhnt und sah ihnen ein wenig beim Brettspiel zu, während die Frau freudig lachte und in die Hände klatschte, als eines der kleineren Kinder einen entscheidenden Spielzug machte. Schön, dachte er, denn auch ein Abgesandter des Königs sehnte sich nach Familie und Kindern. Weiter hinten in der Ecke, wo das Zusammenspiel von Licht und Schatten am stärksten war, kauerte eine schwarzgekleidete Gestalt, welche nun, als sie die Blicke Wariorís bemerkte, vorsichtig den klauenartigen Fuß aus dem Licht in den Schatten zog. Als mysteriös wurde der Schwarze abgestempelt und dann hatte er keine Zeit mehr über die zwei fremden Leute an seinem Tisch nachzudenken, denn er wurde von seinem Bruder Gisildur hergewinkt. 
"Jetzt warten wir nur noch auf Isribus!" murmelte Badenius mit halblauter Stimme und blickte zu dem Wirt. Als hätte dieser seine Gedanken lesen können, strebte er gleich hinter die Theke und begann zwei große Biere zu zapfen. Badenius war ein stämmiger Kerl mit lustigen Augen, einem starren Mund und schulterlangen, blonden Haaren. Warior setzte sich zu ihnen und lehnte sich nahe zu Gisildurís Ohr. "Wer sind diese Kerle?" fragte er. 
"Der da ist Kalikor", flüsterte Gisildur und nickte mit dem Kopf in dessen Richtung, "und das ist Badenius!" Badenius hatte einen arroganten Blick und spielte ein zähes Lächeln. Er besaß kurzgeschnittenes, dunkelbraunes Haar und hatte den Kopf auf seine beiden Handrücken gestützt. Den letzten kannte Warior, es war einer seiner echten Brüder und sah ihn fast jeden Tag im Burghof beim trainieren oder bei königlichen Missionen, wie dieser heute. Bloß waren diese früher immer nur höchstens einen Tag lang und diesmal würden sie bestimmt mehr als drei Wochen brauchen, um durch die östlichen Länder zu reisen. Plötzlich bemerkte er, dass der Blonde ihn die ganze Zeit anstarrte und dabei etwas verschwörerisch lächelte.
"Na, wie geht es dir?" brachte dieser plötzlich hervor und musterte Warior mit angestrengten Augen. Er, Warior, war der jüngste und hatte schon immer Aufregung und Aktion dieser Art gehasst, doch sein Vater konnte ihm mit viel Nachdruck durch Offiziere der Armee klar machen, dass es nützlich war, wenn man einmal in seinem Leben in einer richtigen Schlacht gedient hatte. Natürlich hatte der feine Herr König ihm auch die Helden der früheren Kämpfe in Büchern gezeigt, doch er hatte anscheinend ganz und gar das Elend und die verkrüppelten Alten vergessen, welche noch heute das Schrecklichste vom Krieg berichteten. Er verscheuchte diesen Gedanken mit einem Blinzeln und wandte sich dem zu, welcher ihn gefragt hatte.
"Gut!" antwortete der mit dem mächtigen Schwert nach einigem Zögern, ein Grinsen huschte über Kalikorís Gesicht, er richtete sich halb stehend, halb gebückt auf und streckte Warior die in einen ledernen Handschuh gewickelte Hand entgegen.
"Kalikor!" stellte sich dieser vor als der andere seine Hand ergriff und diese mit wenig Freude schüttelte.
"Warior!" sagte dieser und tat einen kleinen Knicks. "Ich freue mich sie kennen zu lernen!"
"Nein, nein", stritt der andere ab, "die Freude ist ganz auf meiner Seite!" Badenius, der die ganze Zeit mürrisch zugesehen hatte, zitterte vor Anspannung und endlich stand er halbwegs auf und streckte ebenfalls die Hand hin.
"Badenius...", stotterte er und der mit dem Schwert meinte lächelnd:
"Ist mir eine Ehre! Sie wurden wohl auch als Waffenträger beordert?" Überrascht nickte der vom Orden des Drachen wieder und schien jetzt gar nicht mehr so arrogant wie vor fünf Minuten, eher ängstlich und etwas abergläubisch. Nun fiel Warior auch auf, dass Badenius jünger als er sein musste, obwohl er wusste, dass er der Jüngste war. Tatsächlich sah dieser Mann seltsam jünger und verstörter aus als für sein Alter üblich war und schien im Gegensatz zu seinen altklugen Brüdern die Lage sehr ernst zu nehmen. Eigentlich war es auch so, doch von allen Anderen wurde Ruhe und Kraft ausgestrahlt und in einem kurzen Moment schien es Warior so, als ob der mit den hektischen Bewegungen schon wusste, was in naher Zukunft auf sie zukam. Unruhig klopfte dieser mit den Fingern auf die Tischplatte, beobachtete alles und jeden haargenau und sogar als der Wirt mit einem Krug vorbeikam, ließ er seine Augen kurz zur Tür, zu der Theke und wieder zurück auf den kantigen Mann schielen. Das ganze ging so schnell, dass Warior überhaupt nichts über dessen Augenfarbe berichten können würde, wenn ihn jemand danach fragen würde, doch sogleich wusste er, dass die Wahrscheinlichkeit so eine Frage zu erhalten ziemlich niedrig war. Also nahm er vorerst einen kräftigen Schluck, wobei er seine Lippen durch die Schaumkrone in das gelbe Gesöff tauchte. Wieder sah er zu dem seltsamen Kerl und diesmal bemerkte dieser es:
"Was guckst du so?" stotterte er und fühlte sich ertappt.
"Nichts, ich..." kurz überlegte er die Antwort, "...du scheinst heute so verstört! ...Nicht, dass ich dich an anderen Tagen schon gesehen hätte, nur..." er verhaspelte sich und nun erkannten auch die Anderen mit übergroßer Erschütterung, was dem jungen Warior schon längst aufgefallen war.
 

© Benedikt Julian Behnke
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Und schon geht's weiter zum 7. Kapitel (2. Kapitel des 2. Buches): Der Bruder

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