Dorra von Veronika Keller
I - Die Steinwüste
3: Aufbruch

Langsam schlug Darnja ihre Augen auf. Die Sonne stand noch am Anfang ihrer täglichen Bahn, und die Steinwüste war in ein sanftes Rot gehüllt. Leise, um ihre Brüder nicht zu wecken, stand sie auf, steckte sich ihr Steinmesser in den Gürtel und machte sich auf die Suche nach ein paar essbaren Wurzeln. 
Dabei ging sie fast ohne es zu merken in die Richtung, wo früher ihr Dorf stand. Und plötzlich fand sie sich direkt auf ihrem alten Lagerplatz. Der alles verschlingende Spalt war nur noch als feiner Riss auf der ausgedörrten Erde zu sehen. Nichts weiter war von dem Stamm der gefiederten Schlange geblieben. 
Schweigend kniete sich Darnja in den Sand und senkte ihren Kopf. Erst langsam wurde ihr die völlige Tragweite der Katastrophe bewusst. Sie und ihre Brüder waren nun ganz alleine. Auf sich gestellt in einem Land, in dem schon eine Gemeinschaft kaum überleben konnte. Wie sollten es da drei junge Thari? Vielleicht war es doch besser, wenn sie nach diesem Kristall suchten. Und wenn auch nur, um gegen Nepora anzukommen, die ihnen so etwas Schreckliches angetan hatte. Darnja ballte wütend ihre Fäuste. Was bildeten sich diese Beiden Völker nur ein? Sie erschufen und töteten Thari, wie sie wollten. Aramo gab ihnen die Aufgabe, über seine Gesetze zu wachen, und nicht, sie zu brechen. 
Plötzlich schreckte sie auf. Sie hatte hinter sich eine verstohlene Bewegung gespürt. Langsam zog sie ihr Messer. Dann drehte sie sich ruckartig um – und ließ vor Schreck beinahe ihr Messer wieder fallen. Sie blickte in das riesige Maul eines Steppenlöwen. Selbst hatte sie vorher noch nie einen gesehen. Steppenlöwen verirrten sich nur selten in die Steinwüste. Aber die Alten hatten schon oft von diesen gefährlichen Jägern erzählt. Was hatten sie jedoch nur über die Verteidigung gegen diese Raubkatzen gesagt? Sie überlegte angestrengt. Doch ihr Kopf war wie leer. Sonst wusste sie doch immer, was auf der Jagd zu tun war. 
Dann stutzte sie jedoch. Ein normaler Löwe hätte sie schon längst angegriffen. Doch dieser stand nur vor ihr und sah sie ruhig aus seinen goldgelben Augen an. Darnja wagte nicht, auch nur einen Finger zu bewegen. Langsam kam jedoch eine gewisse Vertrautheit zwischen den beiden auf. Ihr war, als könnte der Löwe ihr Mut einflößen. Je länger sie sich anstarrten, wurde dieses Gefühl in ihr immer stärker. Schließlich ließ sie sich langsam, um nur jede ruckartige Bewegung zu vermeiden, auf den Boden sinken, ohne ihre Augen auch nur einmal von denen des Löwen abzuwenden. 
Immer weiter breitete sich in ihr Ruhe aus. Die Angst vor ihrer Zukunft war wie weggeblasen, und der Kummer um ihre Mutter war zwar noch präsent, aber nun fraß er sich nicht mehr wie ein dunkles Loch in ihren Magen ein. Fast schien es ihr, als wäre dieser Löwe kein Bild der Gefahr für sie, sondern für Ruhe und Schutz.
Sie erinnerte sich wieder zurück an ihre Kindheit. Schon seit dem sie denken konnte, waren es immer Tiere gewesen, die sie in ihrer größten Not getröstet hatten. Zuerst nur kleine Nager und Vögel. Doch vor vier Jahren fand sie in einer Felsspalte einen kleinen Kojoten. Sie zog ihn auf und versorgte ihn fast drei Jahre lang. Dann war er plötzlich über Nacht verschwunden. Und obwohl sie ihm lange nachtrauerte, gab ihr seit dem das Geheul von Kojoten jedes Mal ein Gefühl des Schutzes und Geborgenseins.
"Darnja? Wo bist du?"
Rygs Ruf ließ sie aus ihren Gedanken schrecken. Und in dem selben Moment verschwand der Steppenlöwe wieder so schnell, wie er gekommen war. Doch das Gefühl der Geborgenheit blieb in Darnja zurück.
"Was tust du denn hier in unserem Dorf? Du kannst doch auch nichts mehr retten."
"Ich weiß auch nicht, wieso ich hierher gegangen bin. Wahrscheinlich nur unbewusst, weil ich doch immer hierher gegangen bin. Seit ich auf der Welt bin."
Sie schloss kurz die Augen, um die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. Dann schluckte sie.
"Ich war nur so in Gedanken. Die letzte Nacht war so verwirrend."
"Hattest du auch diesen seltsamen Traum wie ich heute Nacht?" 
Darnja sah Ryg fragend an. 
"Von der Prophezeiung, und was wir mit ihr zu tun haben." 
Darnja war erstaunt. Sie hatte gar nicht daran gedacht, dass auch ihre Brüder eine Nachricht von den Beiden Völkern bekommen haben könnten. Natürlich wäre das naheliegend gewesen. Die beiden glaubten ja auch noch an sie, und würden ihnen sicher gehorchen. 
"Wir sollten im Lager darüber reden. Vielleicht hatte Wyno ja den selben Traum." 
Damit lächelte sie ihren Bruder herausfordernd an und lief dann in Richtung Lager. Ryg folgte ihr lachend.
*
Darnja lief aufgeregt zwischen ihren Brüdern, die auf dem Boden saßen, hin und her. Was sollten sie jetzt nur tun? Die Maley hatten Ryg den Auftrag gegeben, nach dem Kristall zu suchen, und die Sey Wyno. Also wollten tatsächlich Beide Völker, dass sie sich auf die Suche machten. 
"Und, suchen wir den Kristall?" Darnja sah ihre beiden Brüder fragend an. Die nickten heftig. "Hast du etwas dagegen? Es ist doch eine Ehre, dass sie ausgerechnet uns dafür auserwählt haben." 
"Sie haben uns nicht auserwählt, sondern erschaffen. Das ist ein großer Unterschied. Außerdem habe ich tatsächlich etwas dagegen. Woher wissen wir, dass das nicht irgendein Plan von Nepora ist, und der Kristall ihr und den Beiden Völkern nur noch mehr Kraft verleiht, und wir Thari endgültig zu Sklaven werden." 
Wyno und Ryg schienen zu überlegen. Doch dann schüttelten sie die Köpfe. 
"Das glaube ich nicht. Und ich finde es ungeheuerlich, dass du so etwas denken kannst. Jeder weiß, dass du deine eigene Religion hast. Aber deswegen die Beiden Völker zu beschuldigen, zu  lügen. Nein." Ryg war erregt aufgesprungen. "Ich gehe. Und Wyno sicher auch. Wenn du nicht willst, ist das deine Sache." 
Darnja war erstaunt über seine Worte. Niemals zuvor hatten sie auch nur in Erwägung gezogen, sich zu trennen. Der Kristall schien schon jetzt Unheil über sie zu bringen. Andererseits verstand sie ihre Brüder. Und was blieb ihnen auch sonst übrig? Sie waren völlig alleine. Verwandte hatten sie in anderen Stämmen nicht. Eher im Gegenteil. Keiner der drei hatte sich bei den anderen Sey-Thari der Steinwüste sehr beliebt gemacht. Sie waren einfach zu ungewöhnlich. Es blieb ihnen also nichts anderes übrig, als sich auf die Suche zu machen. "Aber denkt immer daran, dass nicht alles richtig ist, was die Beiden Völker tun oder euch sagen. Ihr könnt selbstständig denken und handeln. Danach sollten wir uns richten." 
Ihre Brüder nickten, doch Darnja konnte ihnen ansehen, dass sie nicht völlig mit ihr einer Meinung waren. Trotzdem wollte sie keinen neuerlichen Streit heraufbeschwören und ging schnell zu einer anderen wichtigen Frage über.
"Wir haben seit gestern Früh nichts mehr gegessen. Vielleicht sollten wir vor unserem Reisebeginn noch nach etwas Essbarem suchen." 
Ihre Brüder nickten heftig. Auch sie spürten schon seid einiger Zeit den bohrenden Hunger in der Magengegend. Aber wo sollten sie etwas Essbares finden? Und etwas zu trinken. Die kleineren Ausläufer des Erdbebens hatten nun auch das letzte Wasserloch der Gegend verschüttet. Und nach Wasser unter der Erde zu graben, war hier in der Steinwüste ohne Werkzeug sinnlos. Darnja setzte sich ein wenig entfernt von ihren Brüdern auf den Steinboden und sah zur Sonne empor. Bald würde sie wieder fast im Zenit stehen, und es würde unerträglich heiß werden. Sie hatten schon den ganzen gestrigen Tag in der glühenden Hitze verbracht. Heute war sie viel zu erschlagen dafür. Wie schön wäre jetzt die wohltuende Kühle ihrer Lehmhütte im Dorf. 
"Darnja? Geht es dir nicht gut?" Ryg hatte sich besorgt zu ihr herunter gebeugt. Sie schüttelte den Kopf. "Ich musste nur an unser Dorf denken. Und..." 
Schnell legte er ihr die Hand auf den Mund. "Kein Wort über das Dorf oder die Thari, die wir verloren haben. Wyno scheint das alles zu verdrängen. Du kennst ihn. Du weißt auch, wie sehr er Laya geliebt hat. Wenn er sich erst einmal richtig bewusst wird, dass er sie niemals wieder sieht, wird das schrecklich. Für uns alle. Und das können wir im Moment alle nicht verkraften. Jetzt denkt er erst einmal daran, Nahrung zu beschaffen. Dabei sollte es bleiben. Vorerst. Bis der Zeitpunkt besser ist." 
"Und wann ist der beste Zeitpunkt, dass ihm bewusst wird, dass er seine Liebste verloren hat?" 
Ryg zuckte mit den Schultern. Er war in dieser Sache genauso hilflos wie Darnja. Trotzdem hatte er recht. Im Moment war für einen von Wynos großen Gefühlsausbrüchen keine Zeit. Und im Grunde ihrer Herzen wollten die beiden anderen ja auch noch nicht völlig begreifen, was sie eigentlich verloren hatten.
So stemmte Darnja sich mühsam hoch und begann langsam über den Sand zu gehen. Wenn sie sich sehr konzentrierte, hatte ihr die Erde noch immer verraten, wo es unterirdisch etwas Wasser oder essbare Wurzeln gab. Doch sie konnte sich einfach nicht richtig konzentrieren. Zu viele Gedanken jagten durch ihren Kopf. Wohin sollten sie jetzt nur gehen? In keinem ihrer Träume hatten die Sey oder Maley ihnen das gesagt. Wussten sie es vielleicht selbst nicht? Waren die Beiden Völker wirklich so hilflos? Aber was sollten sie drei dann ausrichten können? 
Plötzlich stolperte Darnja und fiel in den Sand. Und genau unter ihr konnte sie erkennen, dass sich ein paar Sprösslinge durch den harten Erdboden kämpften. Der großen Erdenmutter sei gedankt! Hier musste es Wasser geben. Sie kniete sich hin und begann mit ihren Händen etwas Sand und Steine abzuheben. Schon bald stieß sie auf eine dicke Wurzel. Srea-Knollen. Sie waren sehr wasserhaltig. Diese hier war zwar nicht sonderlich groß, würde aber trotzdem den größten Durst der drei lindern. So schüttelte sie vorsichtig den Sand von der Knolle und ging zu ihrem Lager zurück. Dort traf sie nur noch Ryg an. 
"Wyno wollte jagen gehen." 
"Du hast ihn alleine gehen lassen? Wenn er nun in Richtung Dorf geht? Oder ihm etwas passiert. Du weißt, dass wir nie alleine auf die Jagd gehen dürfen." 
Ryg sah seine Schwester eindringlich an. "Wie hätte ich ihn denn daran hindern sollen? Ich habe ihm ja auch gesagt, er soll auf dich warten. Aber du kennst ihn ja. Alles muss nach seinem Kopf  gehen." 
Darnja seufzte. Es würde ihm schon nichts passieren. So setzte sie sich neben ihren Bruder und begann, die Knolle in etwa fingerdicke Scheiben zu schneiden. Bald schon tropfte weißes Wasser an ihrem Dolch entlang und färbte den Boden darunter dunkelrot. Sie fing etwas mit den Fingern auf und strich damit über ihr Gesicht. Dann reichte sie Ryg die erste Scheibe. Der nahm sie dankbar lächelnd an und biss vorsichtig hinein, um nur ja kein Wasser zu verlieren. Erst jetzt sah Darnja, wie verbrannt seine Schultern und Arme waren. Er hatte von den drei Geschwistern die hellste Haut, und deswegen in der Steinwüste immer schon Probleme gehabt. Vielleicht war er ja deswegen Heiler geworden. 
"Was brauchst du für Kräuter gegen Sonnenbrand?" 
Er sah erstaunt zu ihr auf. 
"Wieso?" 
Sie zeigte nur auf seine blasenwerfende Haut. Doch er wehrte ab. 
"Das ist nicht so schlimm. Ich werde mich schon an die Sonne gewöhnen. Und vielleicht bricht ja bald wieder eine Nachtperiode an." 
Er kaute weiter auf seiner Sreascheibe herum und es war klar, dass für ihn damit das Thema beendet war. Für Darnja war die Abneigung gegen die Suche aber noch weiter gewachsen. Was wussten sie schon, durch welche unwirtlichen Gegenden sie kommen würden. Vielleicht Wüsten, so groß, dass sie tagelang kein Wasser oder Schatten finden würden. Oder hohe Berge. Und es gab noch so viele andere Gefahren, die sie sich überhaupt nicht vorstellen konnte. Beinahe hätte sie zu Ryg gesagt, sie würde doch nicht auf die Suche nach dem Kristall gehen wollen. Aber als sie sich zu ihm umdrehte, öffnete sie gar nicht erst den Mund. Ihr Bruder hatte seinen silbernen Schlangenkopf, das Amulett ihres alten Stammes, fest umklammert und den Kopf auf seine Brust gesenkt. Das war seine Meditationsstellung. Selbst in seiner größten Not fand er bei den Maley noch Zuflucht. 
So stand sie schweigend auf und ging in Richtung Osten. Vielleicht würde sie ja noch etwas zu Essen finden.
 
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Und schon geht's zum nächsten Kapitel: Die Steinwüste 4: Welterschaffung

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