Das Drachentor von Florian Großmann
3. Kapitel

Jim erwachte in einem weichen Bett mit den größten Kopfschmerzen seines Lebens. Er hatte einen unglaublichen Traum gehabt von seinem Schulleiter, der mit ihm auf einem Pferd einem der Schwarzen Drachen gegenüberstand, und Shiw, ein Kampfdrache, der sie gerettet hat.
Jim schwang seine Beine aus dem Bett und setzte sich auf. Der Raum, in dem er sich befand, war sehr nobel eingerichtet. Gegenüber dem Bett befand sich ein Schrank von gigantischem Ausmaß. Auf dem ganzen Holz waren Schnitzereien zu erkennen, von Kämpfen, Feiern und einigen komischen Wesen, die wie übergroße Hamster aussahen.
Ein Grunzen ließ ihn zusammenfahren. Auf einem Stuhl in der Ecke des Raums schlief der Urheber des Geräusches. Es war Treverios. War das denn möglich?
"Endlich erwacht, junger Bursche?"
Jim fuhr abermals zusammen, denn es war nicht Treverios, der gesprochen hatte.
"Auf dem Schrank, junger Mann."
Jim hob verdutzt den Kopf, der daraufhin heftig protestierte.
Was er sah war... es war... na ja... hässlich!
"Wer...Was bist du?", fragte Jim noch immer ziemlich verdutzt.
"Ich bin Yaa. Und wer oder was bist du?"
"J-Jim. Einfach nur Jim."
"Okay, einfach nur Jim. Und wer oder was hat dir erlaubt, mein Zimmer zu betreten. Doch nicht etwa Treverios?"
"Du kennst Treverios?"
"Nein, ich tue nur so. Natürlich kenne ich Treverios, verdammt! Jeder kennt Treverios."
Jim hörte, wie sich Treverios hinter ihm bewegte.
"Morgen, Jim." Treverios streckte sich und gähnte herzhaft.
"Guten Morgen Euer Hochwürden."
"Yaa?! Was bringt dich denn nach Dragtown."
"Politische und streng geheime Mission, die von äußerster Wichtigkeit ist. Ich hoffe, ich kann in zwei Mondzyklen wieder die Heimreise antreten."
"Wo lebt euer Volk?" Jim hatte sich erhoben. Es interessierte ihn wirklich, denn bis jetzt war ihm so jemand (etwas?) wie Yaa noch nie begegnet.
Yaa wollte zur Antwort ansetzen, doch als der Junge sich erhob, war es das kleine Wesen, das verdutzt Jim betrachtete und seinen Blick auf das Muttermal auf der Brust des Jungen voller Neugier richtete.
Das Muttermal. Mit etwas Phantasie konnte man das heilige Schwert von Rettu-Metse-Bei´d darin erkennen. Das sagten auf jeden Fall die anderen. Sie war das absolut Gute. Die Macht der Heiligen und der schlimmste Feind des Dunklen Volkes. Ihr Schwert enthauptete der Sage nach das Böse in Person, den Kern aller negativen Kräfte. Doch auch ihre Kraft schwand auf ein Minimum in diesem ultimativen Kampf. Mit ihrem letzten Atemhauch übertrug sie den Rest ihrer Macht in einen einzigen Gegenstand.
"IS-HO-FAN! Hörst du überhaupt zu, Bursche, oder muss ich es ein drittes Mal wiederholen?"
Jim wurde aus seinen Gedanken gerissen und kehrte mit dröhnendem Kopf in die Realität zurück.
"Ich hab's gehört, du kleine Nervensäge. Sag mal, sind wir hier in Dragtown?"
Jim hatte einen Blick aus dem Fenster riskiert.
Sie befanden sich auf dem höchsten Punkt eines großen Hügels und so konnte Jim problemlos die ganze Stadt überblicken, die sich vor ihm erstreckte. Ungefähr im Zentrum der Stadt erhob sich eine 15 Mann hohe Statue eines der ersten Kampfdrachen. Das unverkennbare Merkmal Dragtowns.
"Warum? Was ist mit Hirawa? Was ist mit... Shiw?", fragte Jim, der sich erst langsam bewusst wurde, dass er gar nicht mehr in Hirawa war. Allerdings war er von der Tatsache selber nicht erstaunt und das machte ihm Angst.
"Später, Jim. Später. Jetzt mach dich erst mal frisch und komme dann in den Konferenzsaal im ersten Stock. Ich glaube, du wirst schon erwartet."
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, verließ Treverios das Zimmer und Yaa folgte ihm mit einer beeindruckenden Geschwindigkeit, die man diesen kleinen Wesen gar nicht zutrauen würden.
Jim fühlte sich unwohl. War es doch kein Traum gewesen? Gab es Shiw wirklich? Wer ist Treverios wirklich? Und was hatte das alles mit ihm zu tun? Fragen über Fragen. Und es gab nur eine Person, die er kannte, die sie beantworten könnten.
Jim eilte ins Bad, wusch sich, zog die frische, neue Kleidung an, die von irgendjemandem extra für ihn hinterlegt worden war, und verließ sein Zimmer. Er war überrascht, denn der Korridor, den er vorfand, sah genauso aus, wie er sich den Korridor eines Hotels vorgestellt hatte. Der Boden war aus rotem Teppich und an der hellen Wand hingen Bilder von U´math, dem Gründer von Dragtown und Bezwinger etlicher Dunkeln. Jim durchquerte den Korridor und landete prompt in der Empfangshalle. Allerdings mit den Ausmaßen des Marktplatzes Hirawas. Direkt zu seiner Linken befand sich eine Reihe Aufzüge, was ein Glück war, denn die Treppen waren auf der gegenüberliegenden Seite des Saales und Jim hatte keine Lust auf einen Gewaltmarsch. Die Aufzüge wurden jeweils von zwei gut gebauten Wacks angetrieben.
Die Lifttüren glitten fast lautlos auseinander und Jim trat ein und drückte den Knopf für den ersten Stock. Die Wacks setzten sich mit lauten Grunzen in Bewegung.
Und dann wurde alles Schwarz.
Joran fühlte sich missverstanden. Er hatte doch nur helfen wollen, doch er hatte alles nur noch verschlimmert. Sein Bruder und seine Schwester waren tot und das nur seinetwegen. Doch was das Unheimlichste war: er spürte weder Angst noch Trauer, sondern nur unbändigen Zorn und Wut. Unnatürliche Wut, die seinen Kopf fast vor Pein explodieren ließ. Er musste weg, so schnell wie möglich und so weit wie möglich. Vorsichtig erhob er sich und stellte bestürzt fest, was für eine Katastrophe er heraufbeschworen hatte. Um ihn herum erhob sich ein Flammenmeer. Der Himmel war rot und es regnete Feuer. Flammensäulen schossen aus dem Boden und ließen selbst K'har Stahl schmelzen.
Jim schrie.
Er befand sich immer noch im Aufzug, der mit einem Gong ankündigte, dass der erste Stock erreicht war. Was war passiert? War das eine Vision oder wurde er verrückt? Trotz seiner Angst davor, beschloss Jim niemandem davon zu berichten.
Der erste Stock des Hotels war identisch mit der Empfangshalle, mit den Ausnahmen, dass der Empfang natürlich fehlte und an der ganzen Wand entlang große Doppeltüren verteilt waren. Eine stand einen Spalt offen und man hörte gedämpfte Stimmen, die heftig diskutierten. Als er eintrat wurde es so plötzlich still, dass man meinen konnte, jemand hätte den Anwesenden die Stimme geraubt.
Jim schaute sich nacheinander die Personen an, die sich um den Tafeltisch herum versammelt hatten. Da war Treverios, gefolgt von Yaa, neben ihm saß ein grauhaariger Mann, der glatt der Vater von Treverios hätte sein können, und als letzter in der Runde ein großer breitschultriger Mann mit mittellangem, schwarzem Haar und den Augen eines Adlers.
"Jim, setz dich bitte, wir haben einiges zu bereden."
Es war nicht Treverios der sprach, sondern der alte Mann.
Jim gehorchte und setzte sich neben den Mann mit den Adleraugen.
"Jim, darf ich dich mit Kajlo Trickpa bekannt machen", Treverios deutete auf den Mann, der neben Jim saß, "und das hier", er deutete nun auf den alten, "ist Kaloshin, einer der Weisen."
Jim wäre fast vom Stuhl gefallen, als er die Namen hörte. Der Kajlo Trickpa, der berühmte Schwertmeister, und der Kaloshin.
"Jim, das Land ist in Aufruhr. Das Böse hat neue Kraft aus einer bis jetzt noch unbekannten Quelle geschöpft.
Unsere Gegner sind stärker denn je und selbst die Weisen wissen keinen Rat mehr. Wenn wir etwas ausrichten wollen brauchen wir deine Hilfe, sonst bricht wieder ein dunkles Zeitalter an."
Kaloshin war es sichtlich schwergefallen diese Wörter auszusprechen.
"Aber, aber warum ich? Wie sollte ich euch helfen können? Ich bin kein Krieger und als Elementar-Magier werde ich bei meinen Fähigkeiten wohl auch nichts taugen!" Jims Gefühle spielten verrückt. Waren denn alle in diesem Raum wirklich der Überzeugung, er könnte etwas gegen eine solche Übermacht ausrichten?
Nun richtete Kajlo Trickpa sein Wort an ihn:
"Glaube mir, Jim, tief in dir drinnen schläft eine unvorstellbare Kraft, so unvorstellbar das jetzt auch für dich klingen mag, aber du bist die letzte Hoffnung für diese Welt. Und mit meiner und Yaas Hilfe wirst du der erste Krieger, der Elementar-Zauber beherrschen wird, dafür lege ich meine Hand ins Feuer."
Er wechselte mit Yaa einen Blick und lächelte dann zu Jim hinüber, der nun endgültig die Kontrolle über seine Gefühle verloren hatte.
"Was macht mich denn so besonders in euren Augen? Ich verstehe das nicht. Ich will das nicht verstehen!"
Jim liefen die Tränen lautlos über's Gesicht. Warum? Er wollte wieder nach Hause, zurück in das einfache Haus aus dem er kam und seine Eltern in die Arme schließen, doch schon jetzt wusste er, dass dies nie wieder möglich sein würde. Seine Gefühle begannen sich zu bündeln und plötzlich gab es nur noch ein Gefühl: Zorn.
"Ich werde versuchen ein guter Schüler zu sein, um euch gerecht zu werden, ehrenwerter Trickpa."
Damit war seine Zukunft besiegelt.
 
© Florian Großmann
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Und schon geht's weiter zum 4. Kapitel...

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Genauere Infos dazu stehen am Ende des neuesten Kapitels.

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