Die Stunde der Meisteringenieure von Imladros
4. Kapitel: Die Zitadelle

Die Sonne erhob sich über dem östlichen Horizont und tauchte das raue Tal von Hamar in ein ungewöhnlich warmes Licht. Die scharfen Felsen, zwischen denen nur gelegentlich einzelne Sträucher und Bäume wuchsen, wirkten nicht mehr ganz so bedrohlich wie in der Nacht, als die kleine Gruppe das Ende des Gebirgspfades erreicht hatte. Migdo hatte sich sofort unbehaglich gefühlt, als die in der Dunkelheit aufragenden Zinnen von Hamarsburg in Sicht gekommen waren, und auch jetzt, bei Tageslicht, wirkte die Zitadelle vor allem bedrohlich.
Sie war auf einer kreisrunden Anhöhe in der Mitte des Tals errichtet worden und erhob sich von dort aus in absolut unwahrscheinliche Höhen. Fünf spitze Türme aus weißgrauem Granit bildeten die Eckpunkte einer mindestens siebzig Fuß hohen Mauer, hinter der mehrere palastartige Gebäude aufragten, von denen das höchste die Wolken berühren zu wollen schien. Anders als bei den anderen Türmen waren seine Wände jedoch mit goldfarbenen Metallplatten gepanzert, und auf halber Höhe war es von einem gewaltigen Ring aus glänzendem Stahl umgeben, der sich langsam drehte. An ihm waren in Abständen von jeweils neunzig Grad drei riesige, achteckige Kristalle angebracht, von denen zwei in intensivem Rot erstrahlten, während der dritte seltsam farblos erschien. An der Stelle, an der sich einmal der vierte Stein befunden hatte, war nur noch die Halterung zu erkennen, eine komplexe, aus unzähligen Verstrebungen bestehende Mechanik.
"Da ist sie", meinte Malcolm nachdenklich. "Die äußerste Verteidigungslinie gegen die Schrecken von Nargon..."
"Sie ist... atemberaubend", murmelte Migdo.
"Und sie ist bald hinüber, wenn das so weitergeht", fügte Roban trocken hinzu. "Zwei Schutzkristalle in drei Wochen, das ist nicht gut... wie lange haben sie vorher gehalten?"
Kijena schluckte. "Vierzehntausend Jahre."
Einen Moment lang herrschte betretenes Schweigen. Dann gab Malcolm seinem Kamel einen kräftigen Tritt in die Seite und ritt weiter. Die anderen folgten ihm nach und nach.

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Knapp zwei Stunden später hatten sie, von mehreren Patrouillen flankiert, die Strasse durch das Tal hinter sich gebracht und ritten unter den gewaltigen, steinernen Torbögen des Haupttors hindurch. Kurz darauf stiegen sie im äußeren Hof der Zitadelle von ihren Tieren und wurden von einem Mann Mitte sechzig begrüßt, der eine silbern schimmernde, reich verzierte Rüstung mit einem langen roten Umhang trug. Ein Gewand, eines Königs würdig. Außerdem wurde er von einer zehnköpfigen Wachmannschaft und einem halben Dutzend weiterer Männer und Frauen begleiten, an Aufzug und Haltung allesamt eindeutig als Edelleute zu erkennen.
Malcolm trat vor den Älteren, kniete nieder und sagte: "Ich grüße euch, Lord Protektor."
"Und ich erwidere euren Gruß, Prinz Malcolm", meinte der alte Offizier, wobei seine Stimme leicht amüsiert klang. "Stellt ihr mir eure Begleiter vor?"
"Natürlich, Lord Protektor", antwortete der Jüngere und wandte sich seinen Begleitern zu. "Ihr kennt meine Adjutanten, Kijena Sukerion und Roban Jertefal." Er schob den Vulgoblin nach vorn. "Und dieser kleine Herr hier ist Xergi vom Eikebaumhügel."
Zu Migdos Überraschung schien der Lord Protektor nicht im Geringsten abgestoßen zu sein, als er die kleine, aschgraue Kreatur erblickte. Die meisten Leute scheuten vor Vulgoblins zurück, aber er ging respektvoll auf die Knie und sah direkt in die viel zu kleinen, pechschwarzen Augen seines Gegenübers. "Ich grüße euch, Herr Xergi. Vor vielen Jahren hatte ich das Vergnügen, eure Heimat zu besuchen, es ist wirklich faszinierend dort."
Niemand schien von diesen freundlichen Worten überraschter zu sein als Xergi selbst, er lächelte fröhlich und wollte zweifellos gerade zu einer längeren Ausführung über die Magmahügel seiner Heimat ansetzen, als Roban ihn energisch beiseite schob, so dass Malcolm mit der Vorstellung fortfahren konnte. "Dies ist Migdo Bärenklinge, Minentechniker aus dem Zwergenreich", erklärte er und schob die beiden Zwerge nach vorn. "Und hier haben wir den ehrenwerten Zurgin Muspelmeister, Ehrenmitglied der Minengilde und Meisteringenieur. Zurgin, dies ist Lordprotektor Halion Anthulius, oberster Heerführer der Grenzstreitkräfte und Wächter über die Zitadelle von Hamarsburg."
Erneut verbeugte sich der alte Mann. "Es ist mir eine Ehre, Meister Zurgin. Eure Dienste werden zweifellos sehr wertvoll für uns sein. Und ihr, junger Herr Bärenklinge..." Seine Züge wurden plötzlich seltsam sanft. "Ihr seht eurem Vater erstaunlich ähnlich... ich würde mich freuen, wenn ihr beide heute Abend mit mir und Prinz Malcolm speisen würdet. Aber jetzt will Meister Zurgin sicherlich als erstes den Kristallring inspizieren."
Der alte Zwerg nickte und wandte sich seinem Gehilfen zu und meinte: "Komm, Migdo, lass uns das Nötigste in unser neues Labor schaffen, dann sehen wir uns die Schutzkristalle an."
Migdo hörte ihn kaum, er sah immer noch dem Lordprotektor nach, der sich mit Malcolm - Prinz Malcolm? - und den anderen Offizieren entfernte. Woher um alles in der Welt kannte er seinen Vater?

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Das Laboratorium, das man Zurgin für die Dauer seines Aufenthalts zur Verfügung gestellt hatte, war überwältigend: Es war ein regelrechter Ballsaal, angefüllt mit allen nur vorstellbaren Arten von Flaschen, Kübeln, Kisten und Geräten. Ein ganzes Regal war mit Pyrolitfackeln, -kerzen und -bomben gefüllt. Die Wände bestanden an allen Seiten aus riesigen Regalen, in denen alle Bücher von ganz Mul Añwar gesammelt zu sein schienen. Die Mitte des Raums nahmen mehrere mit allerlei Krimskrams vollgestellte Tische – in Zwergengröße, wie Migdo erstaunt bemerkte, mit passenden Stühlen – und ein knapp zwei Meter hohes Modell des Hauptturms ein. Zurgin besah sich Letzteres sogleich mit großem Interesse, er umrundete es von allen Seiten und murmelte schließlich: "Hm... ganz passabel... ich habe zwar schon mit Besserem gearbeitet, aber das wird gehen..."
Migdo und Xergi luden die Kisten, die sie die zahllosen Treppen und Gänge der Zitadelle hinaufgeschleppt hatten, auf eine freie Stelle auf einem der Tische, dann strich der junge Zwerg sich erschöpft über seinen Bart. "Du... du bist schon in Labors gewesen, die noch größer waren...?"
"Nein", gab der alte Meisteringenieur zurück. "Aber in wesentlich besser ausgestatteten. Die Instrumente in diesem Raum sind größtenteils aus anderen Teilen der Welt zusammengesucht und passen kaum zusammen." Er deutete auf einen kleinen Goldkäfig, der mit allerlei metallischen Einzelteilen gefüllt war. "In dieses Ding gehören Vögel, keine Zahnräder. Tja... wir werden einiges zu tun haben, bevor wir hier arbeiten können. Fang damit an, die Tische frei zu räumen, stell alles vor die Südwand. Dann packst du unsere Geräte aus und verteilst sie. Und Xergi, du ordnest die Gefäße in den Regalen nach Größe und Form. Und passt auf mit den blau markieren Kisten, ihr Inhalt ist zerbrechlich."
Migdo nickte und machte sich an die Arbeit. Während sie in den nächsten zwei Stunden das ganze Laboratorium umzukrempeln begannen, erklärte Zurgin ihm die Umgangsformen der Menschen von Hamarsburg und wies ihn an, beim abendlichen Mahl ein nicht zu auffälliges, aber doch elegantes Kleidungsstück zu tragen. Als sein Gehilfe ihm daraufhin eröffnete, dass er überhaupt nichts zu einem solchen Anlass passendes besaß, schüttelte der Ältere nur den Kopf und durchsuchte einige seiner Kisten. Schließlich zog er eine dunkelblaue Robe aus einem alten Koffer und hielt sie ihm hin. "Du hast ungefähr meine Größe. Zieh das nachher an."
Migdo rechnete jede Sekunde damit, dass Xergi fragte, was er denn tragen sollte. Zu seinem Erstaunen enthielt sich der Goblin jedes Kommentars und beschäftigte sich weiter intensiv mit dem Einsortieren riesiger, unförmiger Glaskolben in ein uraltes Holzregal.
"Wenden wir uns den wirklich wichtigen Dingen zu", meinte Zurgin. "Es ist recht ungewöhnlich für eine erste Lektion, aber du hast ja einige Vorkenntnisse auf dem Gebiet... komm hier herüber." Er winkte ihn zu dem Turmmodel im Mittelpunkt des Saals und wies ihn mit Blicken an, es näher zu betrachten. Erst jetzt nahm Migdo wahr, wie detailliert es war - zu detailliert, um genau zu sein. Nicht nur dass alles bis auf die winzigste Fahne genau nachgebildet war, die bewusste Fahne flatterte im Wind! Winzige Vögel, nicht größer als Mücken, schwebten um den Turm, während zwei daumennagelgroße Wachleute auf dem sich langsam drehenden Kristallring entlang schritten.
"Das ist keine Nachbildung", flüsterte er fasziniert.
"Ganz recht", lobte Zurgin. "Es ist ein magischer Zwilling, ein durch Zauberkraft erschaffenes Ebenbild des echten Turms. Sie sind in allen Einzelheiten identisch und erlauben es uns, ein bisschen herum zu experimentieren."
Migdo wand ein: "Heißt das, wenn ich dem Modell die Spitze abreiße, fliegt die echte auch davon?"
"Kluger Einwand, und normalerweise wäre genau das der Fall", erklärte der alte Zwerg zufrieden. "Aber dieses Modell ist mit einem Bannkreis versehen, der die Beeinflussung des anderen Zwillings nur in eine Richtung zulässt: Der kleine Turm passt sich Veränderungen des großen an, aber nicht umgekehrt."
"Gut zu wissen..."
"Da hast du recht, mein Junge", meinte Zurgin leise, war aber bereits wieder in die Details des verzauberten Mini-Bauwerks vertieft. Seine dicken Finger zeichneten magische Runen in die Luft, die die Wände des Gebäudes verblassen ließen und das Innere preisgaben. "Schau her: so eindrucksvoll der Kristallring auch sein mag, das wahrhaft einzigartige liegt hinter den Mauern des Turms verborgen..."
Migdo beugte sich vor und betrachtete die winzigen Hallen und Zimmer, in denen zahllose kleine und große Maschinen aufgestellt waren. "Ich sehe einen Energiegenerator für Schutzkristalle, wie wir ihn im Abwehrturm der Mine hatten... magische Leitungen... Titanenmechanika aus Weltenkernstahl..."
"Du warst schon immer ein guter Beobachter", warf Zurgin ein. "Kannst du mir die Aufteilung der einzelnen technischen Elemente erklären?"
Der jüngere Zwerg lehnte sich noch etwas weiter nach vorn und besah sich alles. "Also", murmelte er. "Der untere Teil des Turms beherbergt die drei großen Generatoren, die die vier Kristalle mit Energie versorgen. Magische Leitungen verlaufen an den Außenwänden nach oben. Darüber liegt ein Zwischengeschoß mit Kontrollelementen, es sieht eher improvisiert aus. Wahrscheinlich wurde es nachträglich hinzugefügt."
Der alte Meisteringenieur nickte eifrig. "Weiter, nur weiter!"
"Über dem Zwischengeschoß sind zwei zusätzliche Generatoren eingebaut, wahrscheinlich zur Versorgung der Ausrichtungsmechanismen, die sich darüber, auf Höhe des Rings, befinden. Von ihnen sind alle bis auf einen in Betrieb, sie drehen den Ring und halten die Kristalle in Balance. Nur ein System steht still, dieser große, schwarze Zylinder hier - das muss die Maschine sein, die den zerstörten Schutzkristall ausgerichtet hat. Die, von der Malcolm in Bolgos Büro gesprochen hat."
"Ganz genau. Und sie ist es auch, mit der wir uns als nächstes befassen. Lass uns in den Turm hinauf gehen."

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Die nächsten Stunden verbrachten sie auf den uralten Gerüsten, die die Zwerge um die Titanenmaschinen herum gebaut hatten, um deren Bedienung zu erleichtern. Sie durchstreiften zylindrische Kontrollröhren, inspizierten uralte Schalter und Hebel, überprüften dicke magische Energieleitungen. Zurgin erläuterte ihm die komplexe Mechanik und die noch viel komplexere Magie dieses Turms, der seit so langer Zeit die östlichen Reiche vor dem Unheil beschützte. Migdo erkannte, was einen Meisteringenieur wirklich von einem gewöhnlichen Techniker unterschied: Zurgin war nicht nur ein Genie im Umgang mit Hebeln und Zahnrädern, er war auch ein ziemlich begabter Zauberer.
Schließlich erschien Xergi bei ihnen und erinnerte sie an ihr Essen mit Lordprotektor Anthulius. Sie begaben sich in die Quartiere neben ihrem Labor und kleideten sich ein. Zurgin musste Migdo helfen, sich in die Robe zu quetschen, die er ihm geliehen hatte; obwohl der junge Zwerg längst nicht so rundlich war wie die meisten seiner Art, spannte sich der dünne, dunkelblaue Stoff ziemlich, als er ihn über seinen Wanst zog. Außerdem schmerzte die noch nicht ganz verheilte Wunde in seinem Arm.
"Ui..." grunzte er leise. "Das ist aber ziemlich eng..."
"Da kannst du mal sehen, wie schlank und drahtig ich mal war", meinte Zurgin.
"Es ist eingelaufen, stimmt’s?"
"Halt den Mund, Junge."
Als der alte Meisteringenieur mit ihrem Aussehen zufrieden war, machten sie sich auf den Weg. Vor der Tür des Laboratoriums erwartete sie ein junger Unteroffizier, der sie höflich bat, ihm zu den Gemächern des Lordprotektors zu folgen. Auf dem Weg stellte Migdo fest, dass jeder, der ihnen begegnete, sich tief verbeugte und Zurgin mit dem Titel "Exzellenz" grüßte. Unter Zwergen waren Meisteringenieure sicherlich an eine derartige Behandlung gewöhnt, aber dass Menschen in dieser Art reagierten, war zumindest Migdo neu. Allerdings waren die meisten Menschen, denen er bisher begegnet war, unzivilisierte kyrische Bauern gewesen...
Der junge Mann stoppte vor einer von zwei Wachen mit Hellebarden flankierten Holztür.
"Tretet ein, werte Herren", bat er und schob einen der schweren Flügel auf. Sie nickten ihm dankend zu und betraten den Speisesaal. Dieser war längst nicht so gewaltig wie das Labor unter dem Turm, aber wesentlich großzügiger eingerichtet. Lange, mit Goldmustern durchwebte Vorhänge und Wandteppiche zierten die grob gemauerten Wände, die Mitte nahm eine breite hölzerne Tafel ein, an der vier schwere Stühle standen. Grüne und gelbe Pyrolit-Fackeln verbreiteten ein angenehmes Licht. Der erste Gang mit Suppen und frischem Gemüse war bereits aufgetragen, der Lordprotektor erhob sich gerade von seinem Platz am Nordende des Tisches, kam ihnen entgegen und reichte jedem von ihnen noch einmal die Hand.
"Willkommen, meine Herren", sagte er freundlich. "Prinz Malcolm lässt sich entschuldigen, er wurde gebeten, an der Heerschau der uwarischen Truppen teilzunehmen."
Migdo beschloss, einige Fragen, die ihm auf der Seele brannten, auf der Stelle zu klären. Während er dem viel größeren Menschen zum Tisch folgte, fragte er höflich: "Verzeiht, Herr Anthulius, aber mir war nicht bekannt, dass Malcolm einen königlichen Titel trägt. Was hat es damit auf sich?"
Der Alte lächelte und erklärte: "Wisst ihr, Malcolm macht daraus keine große Sache, aber er ist der jüngste Sohn von König Haiftan von Uwarien. Sein ältester Bruder, Kelftan, ist der Thronfolger und dient als General der königlichen Gardisten. Der zweite Sohn, Haiftan II., bereitet sich auf seine Rolle als Oberhaupt der uwarischen Tempelkirche vor." Er lächelte mitleidig. "Nach den beiden Söhnen, die er brauchte, hatte der König auf eine Tochter gehofft, um sie mit einem der reichen Fürstenhäuser von Lurria zu verheiraten. Stattdessen gebar seine Frau einen weiteren Jungen und starb nur drei Wochen später im Kindbett. Setzt euch, bitte."
Sie nahmen Platz - die Stühle waren aus edelstem Eichenholz geschnitzt und perfekt an die Größe eines durchschnittlichen Zwerges angepasst - und entfalteten ihre Servietten. Der Lordprotektor nahm zuletzt Platz und wünschte ihnen guten Appetit, bevor er schließlich mit seiner Erklärung fortfuhr. "Aus diesem und noch manch anderem Grund hat Malcolm kein sehr herzliches Verhältnis zu seinem Vater und seinen Brüdern. Er hat sich direkt nach seiner Mündigwerdung zum Grenzdienst gemeldet und sich unter falschem Namen ins Meldebuch des Anwerbers eingetragen. Als die ganze Sache ans Licht kam, verzichtete er freiwillig auf alle Bevorteilungen, die er durch seine Abstammung in Anspruch hätte nehmen können, und trat seinen Dienst als einfacher Soldat an. Sein Vater ließ ihn gewähren, ich glaube, er war fast froh, ihn los zu sein."
"Das... klingt wie ein Märchen", bemerkte Migdo.
"Ihr sagt es, und ich versichere euch, dass viele der jungen Frauen von Hamarsburg ihn auch als genau diesen Märchenprinzen betrachten... aber die Wahrheit ist, dass er ein Meister mit dem Schwert ist und für sein Alter erstaunlich weise und bescheiden. Er spricht alle wichtigen Sprachen und hat sich durch Mut und Tatkraft das Vertrauen der Soldaten und den Rang eines Leutnants erarbeitet. Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass ich die Hoffnung hege, dass er mir eines Tages nachfolgt... aber ihr habt noch etwas anderes, was ihr mich fragen wollt, oder?"
Migdo schluckte eine Würzgurke herunter und räusperte sich. "Ja, Herr..."
"Nun, um euch ein wenig Vorschub zu leisten: ich habe euren Vater vor knapp zwanzig Jahren kennen gelernt, als er die ´Katalogisierung der Schutzkristalle` verfasste. Er hielt sich mehrere Monate in der Zitadelle auf, bevor er nach Mendrul weiterreiste. Wie ich gehört habe, ist er auf dem Weg dorthin ums Leben gekommen - es tut mir sehr Leid."
"Danke, aber das ist nicht nötig", gab Migdo in brüskem Ton zurück. "Wie ihr euch vorstellen könnt, hat er nie viel Zeit mit mir oder meinen Schwestern verbracht, geschweige denn mit unserer Mutter. Das Erforschen toter Sprachen und die Vermessung riesiger Glaskugeln waren ihm immer wichtiger..." Seine Stimme wurde ungewollt lauter, seine Wangen röteten sich. Ruhig bleiben, dachte er.
"Ihr hattet kein gutes Verhältnis zu ihm", stellte der Lordprotektor fest. "Das kann ich verstehen, angesichts der Art, wie er seine Familie zurückließ. Aber ich versichere euch, wenn er jemals seine Kataloge und Bestimmungsbücher beiseite legte, sprach er nur über ein Thema: seine wunderschöne Frau und seine geliebten Kinder. Und ich glaube, er freute sich auf einen Lebensabend in ihrer Mitte."
Eine bedrückende Stille kehrte ein. Dieses ganze Thema gehörte eigentlich nicht hierher, und Anthulius Worte stimmten Migdo mehr als nachdenklich. Mehr um das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken, als aus wirklichem Interesse, fragte er: "Wie steht es eigentlich um die Zitadelle? Werdet ihr oft angegriffen?"
Diener traten heran und tischten mehrere große Teller mit Wurst und dampfendem Fleisch auf. Die Sorgenfalten auf der Stirn des alten Mannes schienen ein wenig tiefer zu werden, als er schließlich antwortete. "Bis zur Zerstörung des ersten Kristalls dachte ich, wir würden alles wieder unter Kontrolle bekommen, aber nun sieht es schlecht aus. Die Dunkelelben schicken jeden Tag Späher, und jeden Tag wissen sie genauer über die Zyklen Bescheid, während denen die westliche Talebene ungeschützt ist. Unsere Patrouillen müssen Sonderschichten schieben, um alle feindlichen Spione aufzuspüren und unschädlich zu machen. Und nun dieser zweite Ausfall..."
Mittlerweile war Migdos Neugier geweckt. "Gibt es denn noch mehr Probleme, abgesehen von den defekten Kristallen?"
Der alte Offizier seufzte. "Ihr mögt diese Worte schon des Öfteren gehört haben, junger Herr Bärenklinge, aber es sind harte Zeiten. Die Grenzstreitkräfte sind geschwächt wie nie zuvor, immer weniger Rekruten folgen dem Ruf unserer Anwerber. Noch vor einer Generation war es Brauch, dass der König von Kyrien seinen Erstgeborenen für drei Jahre zum Grenzdienst nach Hamarsburg schickt, um seinen Untertanen ein Beispiel zu geben. Doch Ulwaith IV. lässt jeden fähigen Mann zum Farmer ausbilden, um die südlichen Marken zu kultivieren. Er würde seinem Volk verbieten, in unsere Dienste zu treten, wäre er nicht so ein furchtbarer Feigling."
Zurgin ließ deutlich hörbar einen Hühnerknochen auf seinen Teller fallen und bemerkte: "In den Frieden zu investieren statt in den Krieg, erscheint mir nicht unbedingt feige. Vielmehr... weise."
Einen Moment lang herrschte Stille. Migdo kaute unsicher auf einen Stück Ziegenfleisch herum. Schließlich lächelte der Lordprotektor und meinte: "Ihr wisst, was ich meine, Zurgin. Ulwaith ist ein kluger Mann und hat Kyrien zu nie gekannter wirtschaftlicher Blüte geführt. Aber er ist während seiner Dienstzeit hier in der Zitadelle nicht einmal ins Freie gegangen, sondern hat über Büchern und Berichten aus der Heimat gebrütet. Wenn die Dunkelelben uns angriffen, hat er sich in seinem Zimmer versteckt und den damaligen Lordprotektor Liata Oberthson von der Frontlinie rufen lassen, damit er ihn in einer Eilkutsche nach Hause schickt! Er hat keine Ahnung, wie es ist, gegen die Schrecken hinter den schwarzen Gipfeln zu kämpfen." Der alte Mann griff nach seinem Humpen und nahm einen tiefen Zug, bevor er weitersprach. "Die Macht der Dunkelelben erstarkt, ihre Schlachtfürsten schicken sie zu immer waghalsigeren Manövern in unser Hoheitsgebiet. Die Grenzposten von Kel Ivtan und Kel Utaz sind überfallen worden, wir mussten mehrere Truppenverbände umverteilen, um den Verlust auszugleichen. Und wenn unsere Kristalle erst alle ausgefallen sind und die Armeen von Nargon die östlichen Reiche niederbrennen, wird das Heulen und Zähneklappern in Kyrien am größten sein."
"Haben die Reiche keine eigenen Streitkräfte, um einen Angriff abzuwehren?" fragte Migdo.
Der alte Offizier seufzte erneut. "Kyrien hat die Feldergarde, aber die taugt eigentlich nur zum Verhaften von Viehdieben. Und die Volksarmee von Lurria existiert schon seit fünfzig Jahren nur noch auf dem Papier."
"Ihr scheint fest davon auszugehen, dass die übrigen Kristalle auch bersten werden", bemerkte Migdo.
Der Blick ihres Gastgebers wurde immer nachdenklicher. "Ich habe allergrößten Respekt vor der technischen Fertigkeit sowohl der Titanen als auch der Zwerge, die deren Technik für uns in den letzten Jahrhunderten gewartet haben. Aber wenn uns der Untergang des Titanenreiches eines gelehrt hat, dann dass nichts ewig währt. Wir hätten schon viel früher alternative Verteidigungsmethoden entwickeln müssen, statt uns im Schatten der Zitadelle auszuruhen. Und nun ist die Zeit gekommen, da diese uralte magische Technologie in sich zusammenfällt..."
"Da muss ich euch Recht geben", warf Zurgin ein. "Aber ihr solltet unsere Lage nicht zu negativ sehen. Ich glaube immer noch, dass es möglich ist, die verbliebenen Systeme zu reparieren."
"Ich hoffe, dass ihr Recht habt", entgegnete der Lordprotektor und hob seinen Humpen in Richtung der beiden Zwerge. "Ich hoffe wirklich, dass ihr Recht behaltet, Meister Zurgin..."
 

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Und schon geht es weiter zum 5. Kapitel: Die Schutzkristalle

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