Die Stunde der Meisteringenieure von Imladros
9. Kapitel: Das Herz des Berges

Die beiden Dunkelelben schlurften vorsichtig durch den schmalen Felsengang; die harte Hornhaut unter ihren Füssen schabte über den unebenen Boden und ihre roten Augen leuchteten in der Dunkelheit. Einer der beiden hatte eine verkrüppelte Hand und hielt in der anderen eine schartige Axt, der andere dagegen war für Dunkelelbenverhältnisse ein Koloss und führte in jeder Hand ein scharfkantiges Zackenschwert.
"Yka ekan?" raunte er.
"Anra uldi?" gab der Krüppel zurück.
"Anra Uldoi ekan!" blaffte der Hüne. "Hama Uldoi!"
Die beiden gerieten in ein grobes Streitgespräch, das trotz ihres zischelnden Tonfalls durch alle Gänge hallte. Kijena und Migdo waren jedoch nur einige Meter entfernt und beobachteten sie von einem Felsvorsprung aus. Als der Streit eine gewisse Lautstärke erreichte, legte die uwarische Kriegerin lautlos zwei Pfeile auf die Sehne ihres Bogens und zielte. Migdo beobachtete sie misstrauisch - die beiden Elben standen gut zwei Meter auseinander.
Kijena legte einen Finger zwischen die Pfeile und schoss.
Das wilde Geschimpfe der Dunkelelben verstummte abrupt, als ihre Kehlen gleichzeitig von den stählernen Bolzen durchbohrt wurden. Ihre Köpfe knallten gegen die Felswand und ihre Körper klappten mit einem dumpfen Geräusch zusammen. Kijena glitt von dem Vorsprung hinab und war mit einigen Schritten bei den toten Feinden, um mit einem Ruck ihre Pfeile herauszuziehen und die schweren Schwerter an sich zu nehmen.
"Komm schon", zischte Migdo.
"Moment." Sie durchsuchte die Toten noch einen Moment, nahm ein Paket mit grobem Brot an sich und folgte dem jungen Zwerg dann in die Dunkelheit der endlos verzweigten Gänge, die sie immer tiefer in die dunkle Welt unter dem Weltenwutgebirge führte.

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Malcolm und die Anderen erwarteten sie in einer Felsspalte, die sich quer durch eine massive Felswand zog und groß genug war, ihre ganze Gruppe samt den Pferden zu verbergen. Sie waren einen halben Tag oder länger durch die dunklen Höhlen im Herzen des Weltenwutgebirges gestolpert und wären ihren Verfolgern mehrmals fast in die Arme gerannt. Zurgin hatte zwei schwache Pyrolitfackeln entzündet, die die Höhle mit einem gespenstischen Licht und unzähligen unheimlichen Schatten erfüllte. Entsprechend angespannt war die Stimmung, wobei Migdo schnell bemerkte, dass es den Menschen und Xergi sehr viel Unbehagen bereitete, sich so tief unter der Erde aufzuhalten. Zurgin und ihn selbst dagegen erfüllte dieser Zustand mit einem Gefühl innerer Ruhe und Befriedigung, wie sie sie viel zu lange nicht mehr erlebt hatten...
"Wo habt ihr gesteckt, verdammt noch mal?" fauchte der Prinz Kijena an.
"Ich war damit beschäftigt, unsere Ärsche zu retten!" blaffte die junge Kriegerin zurück.
Rasch schob Migdo sich zwischen die beiden und sprach etwas an, das ihm seit ein paar Minuten Kopfschmerzen bereitete. "Diese Dunkelelben, die wir eben ausgeschaltet haben... die haben so komisch gesprochen..."
Malcolm sah fragend zu Kijena hinüber.
"inschalai", sagte sie. "Glaube ich jedenfalls."
Der Prinz runzelte die Stirn. "Das ist nicht gut. Die meisten Dunkelelben sprechen in primitiveren Sprachen, wie die der Menschen oder Zwerge. Die, die ihr gesehen habt, stammten wahrscheinlich aus dem Kernland."
"Dem Kernland?" fragte Migdo.
"Das ist eine Region tief im Inneren Nargons", erklärte Zurgin. "Es heißt, dass dort die Schlachtfürsten residieren. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies alles eine groß angelegte Invasion ist, wird damit immer größer."
"Hoffentlich erreichen unsere Boten die Zitadelle und Mul Uwar rechtzeitig", murmelte Kijena. Eines der Pferde scheute leicht.
"Wenn die Schlachtfürsten selbst sich mit ihren Truppen in Bewegung gesetzt haben, nützt uns das auch nichts mehr", gab Malcolm zurück. "Die wenigen, die je nach Nargon hineingelangten und lebend zurückkehrten, berichten, dass die Armeen der Dunkelelben ganze Ebenen füllen."
"Das richtig."
Alle fuhren erschrocken herum, Malcolm und Kijena rissen gleichzeitig ihre Waffen hoch.
"Was zur Hölle...?" schnaufte Xergi.
In der Tiefe der Spalte erhob sich ein kolossaler Schatten, dessen gewaltigen Kopf ein schwärzlich glitzernder Kranz aus zotteligem Haar umgab. Die dunkle Lederhaut war mit zahllosen Runzeln überdeckt, und in den tellergroßen Augen spiegelte sich ein verirrter Lichtstrahl.
"Das fass ich nicht", bemerkte Migdo nur.
"Nicht kämpfen", brummte der Dunkelzwerg und trat ein Stück nach vorn. "Nicht Feind."
Die Menschen senkten ihre Waffen und Xergi kroch neugierig auf den Giganten zu. Denn das war er tatsächlich, mindestens acht Fuß hoch und mit Muskeln für ein Dutzend erwachsener Männer. Seine dicke Knollnase schnüffelte neugierig, während seine großen Augen vorsichtig blinzelten. Erkennend legte Migdo eine Hand über seine Fackel.
Der Dunkelzwerg lächelte dankbar und ließ sich mit einem hörbaren Krachen auf den Boden fallen. "Ihr nicht böse Elben", stellte er mit hörbarer Zufriedenheit fest.
"Das ist richtig..." antwortete Malcolm. "Wir sind von Hamarsburg gekommen... weißt du, was ich meine?"
Der Dunkelhäutige legte den Kopf auf die Seite und schien nachzudenken.
"Das könnt ihr vergessen", knurrte Zurgin, und sein Tonfall ließ alle erstaunt herumfahren. "Diese... Kreatur könnte sich nicht mal an ihren Namen erinnern, selbst wenn sie einen hätte." Die Abneigung, die aus seiner Stimme troff, schockierte Migdo regelrecht.
Nun wandte sich auch das riesenhafte Wesen dem alten Meisteringenieur zu. Es beobachtete ihn einen Moment und meinte dann: "Hier nicht guter Platz... woanders hin gehen."
Diesmal widersprach nicht einmal Zurgin.

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"Kleiner alter Mann nicht mögen." Migdo nickte nur, obwohl er nicht sicher war, ob der Dunkelzwerg sich auf Zurgins Gefühle bezog oder auf seine eigenen. "Viele böse Elben in der Erde in letzter Zeit..." brummte er weiter. "Klirren und brechen und machen Gänge kaputt..."
"Ich weiß", meinte Migdo. "Einige sind schon durchgebrochen."
"Nein..." gab der Dunkelzwerg zurück. Als Migdo fragend zu ihm hochsah, fügte er hinzu: "Wir sie nie durchlassen... machen tot... vergraben in der Erde..."
Sie folgten der riesenhaften Kreatur seit guten drei Stunden durch die fast völlige Finsternis des endlosen Höhlensystems unter dem Gebirge, und in dieser ganzen Zeit hatte der alte Meisteringenieur kaum ein Wort gesprochen. Er schlurfte mit saurem Gesicht neben Kijena her, die sich ständig unruhig umsah und kaum verbergen konnte, wie unwohl sie sich in dieser Örtlichkeit fühlte. Môk-wa nannten die Zwerge dieses Phänomen, das sie des Öfteren bei Menschen beobachteten. Höhlenangst.
Migdo sah sich ab und zu besorgt nach ihr um. Dabei bemerkte er auch, dass Malcolm die Umgebung aufmerksam musterte und offenbar trotz seiner schlechten Augen die unzähligen Dunkelzwerge bemerkte, die sie aus Felsspalten und Seitengängen neugierig beobachteten.
Das ganze Höhlensystem war von einem Ausmaß, das Migdos wildeste Vorstellungen noch weit übertraf, hunderte und tausende von Gängen, Spalten, Löchern, Abgründen und Hohlräumen reihten sich zu einem endlosen Labyrinth an einander, das das gesamte Weltenwutgebirge zu durchziehen schien und in Tiefen hinabführte, in die die dampfbetriebenen Bohrer der Mine unter dem Weltenwut niemals vordringen würden.
Schließlich erreichten sie eine größere Höhle, von der aus ein gutes Dutzend Gänge abzweigten. Eine unsichtbare Lichtquelle erfüllte den Raum mit einem schwachen Schimmer, und Migdo stellte fest, dass der Boden warm und trocken war.
"Hier Halt", verkündete ihr riesenhafter Führer. "Hinlegen und fast tot sein."
Die Menschen sahen ihn erschrocken an, bis ihnen klar wurde, was "fast tot" in der primitiven Terminologie der Dunkelzwerge bedeutete. Malcolm widerstrebte es sichtlich, eine Schlafpause einzulegen, aber auch er war nicht weniger müde als sie alle, und nach ein paar Minuten hatten sie ihre Mäntel unter sich ausgebreitet. Malcolm und Kijena lagen Rücken an Rücken unter ihrer Pferdedecke, während die Zwerge sich nebeneinander auf ihren Mänteln ausstreckten. Ihre Pferde waren nicht zu sehen, aber Migdo hörte das gelegentliche Klappern ihrer Hufe auf dem Fels.
"Ich wusste gar nicht, dass es so viele Dunkelzwerge gibt", murmelte Migdo leise.
"Es waren mal weniger", meinte Zurgin kurz angebunden.
"Ich finde sie faszinierend..."
Der Alte schnaubte. "Sie sind vollkommen unzivilisiert. Sie leben in Höhlen, wie die Tiere."
"Ich glaube, du machst es dir zu einfach", wand der jüngere Zwerg ein. "Sie haben doch alles, was sie brauchen. Sie verändern ihre Höhlen nur nicht so wie wir unsere. Wenn du sie beobachtest, siehst du, dass sie die Höhlen als Wohn- und Arbeitsraum nutzen. Sie passen sich den Formen der Erde an, leben im Einklang mit dem Berg."
Er wusste gleich, dass er sich weit vorwagte, und erwartungsgemäß polterte Zurgin sogleich los: "Jetzt komm aber mal wieder in den Schatten, Junge! Du redest Unsinn, und wenn du so viel Erfahrung mit diesen ''Viechern'' hättest wie ich, wüsstest du das auch!"
Migdo wollte zuerst etwas erwidern, besann sich dann aber eines Besseren und rollte sich auf die Seite. Nach kaum einer Minute war er eingeschlafen, und sein Schnarchen dröhnte durch die Höhlen.

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Lordprotektor Anthulius und Hauptmann Hulth erwarteten die Späher im Hof der Zitadelle. Die drei Männer waren zierlich und in dunkle, eng anliegende Kleider gehüllt. Sie stiegen von ihren Pferden und verneigten sich vor ihm.
"Was gibt es Neues?" fragte er ungeduldig.
"Sie rüsten sich, Lord Protektor", gab der älteste der drei zurück. "Tausende von ihnen, sie drängen in die Schildpfade und räumen sie von kleineren Felsen frei."
"Ein Feldzug", meinte Hulth. "Es gibt keine Zweifel mehr."
Anthulius nickte und sah zu den schwarzen Gipfeln hinüber. "Haben sich unsere Verbündeten schon gemeldet?"
"Nein. Wir erwarten einen Boten aus Lurria, aber wahrscheinlich sind die Fürsten sich noch uneins über die Einzelheiten."
"Einzelheiten!" schnaubte der Lordprotektor und gab den Boten mit einem Wink zu verstehen, dass sie sich entfernen konnten. "Um Einzelheiten streiten sie, diese gepuderten Weicheier in ihren getünchten Traumschlössern! Ich würde sie am liebsten alle in die Schildpfade schleifen und einen Tag lang das Land verteidigen lassen, das sie ihr Leben lang ausbeuten!"
Einen Moment lang herrschte Stille. Der Ausbruch des Oberbefehlshabers hatte die umstehenden Wachleute und Bewohner schockiert, alle starrten zu ihm hinüber.
"Wir sollten den Stab versammeln", bemerkte Hulth trocken. "Es gilt, Vorbereitungen zu treffen..."

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"Wach auf, Migdo!"
Er grummelte etwas auf Zwergisch und drehte sich auf die andere Seite.
"Verdammt, wach auf!" rief Zurgin und schüttelte ihn kräftig an der Schulter. Mit einem erschrockenen Keuchen setzte der junge Zwerg sich auf und sah sich um. Es war ziemlich dunkel um sie herum. "Wie... wie lange hab ich geschlafen?"
"Keine Ahnung, ist aber auch nicht wichtig", gab der Alte zurück. "Sieh dich mal um."
Er rappelte sich vollends auf und sah sich einen Moment lang mit müdem Blick um. "Was zur Hölle...?"
"Ganz recht", brummte Zurgin. "Wir sind nicht mehr da, wo wir waren, als wir uns zum Schlafen hingelegt haben. Anderen wäre es vielleicht gar nicht aufgefallen, aber wir beide haben den größten Teil unseres Lebens in Minenschächten verbracht."
Malcolm hatte sich mittlerweile an den vier Ausgängen der kleinen Höhle umgesehen und sah zweifelnd zu den Zwergen hinüber. "Seid ihr euch wirklich sicher?"
Zurgin und Migdo warfen ihm einen vielsagenden Blick zu.
"In Ordnung. Ihr seid euch sicher."
"Unsere Pferde sind noch da", meinte Xergi. Die beiden Tiere standen völlig verängstigt und drängten sich in eine Ecke.
"Sind wir weit weg von... wo immer wir vorher auch waren?" wand Kijena augenreibend ein.
Migdo trat an die Felswand und legte eine Hand auf die raue Oberfläche. "Die Struktur ist anders... wir sind ein gutes Stück weg... und um einiges höher... eher am Rand des Gebirges. Ich würde sagen, nicht mehr als fünf Meter unter der Oberfläche, an einem Hang..."
Der alte Meisteringenieur nickte zustimmend und meinte: "Diese Viecher haben uns verschleppt."
"Wo sind sie denn geblieben?" fragte Malcolm. "Haben sie uns in eine Falle gelockt? Sind wir Gefangene?"
"Nicht richtig."
Erneut fuhren alle herum, als die Stimme ihres namenlosen Führers aus einer Öffnung über ihren Köpfen ertönte. Der Kopf des Dunkelzwergs war im Halbdunkel erkennbar, wie immer hatte er eine unschuldige Miene aufgesetzt. Einige Momente lang betrachtete er sie nachdenklich, dann schwang er sich aus der Öffnung heraus und kletterte mit erstaunlicher Eleganz zu ihnen hinab. "Hilfe brauchen!" erklärte er.
Sie betrachteten ihn irritiert.
"Mitkommen!" rief er, und diesmal schwang so etwas wie Panik in seiner Tonlage mit. "Mitkommen und helfen! Böse Elben!"
Alarmiert sahen sie ihm nach, als er sich umwandte und in einem der Gänge verschwand, und nach einigen Sekunden rafften sie ihr Zeug zusammen und folgten ihm. Migdo lief voraus und hatte seine liebe Mühe, an ihm dran zu bleiben.
Mehrmals bog ihr Führer ab, krabbelte in Seitengänge und ließ sich von kleinen Abhängen hinabfallen, die Agilität der so grobschlächtig wirkenden Kreatur war erstaunlich.
"Wir sollten uns von ihm fernhalten!" knurrte Zurgin.
"Unsinn", gab Malcolm zurück, und überwand in einem nicht ganz ungefährlichen Manöver einen Felsvorsprung, um anschließend nach dem alten Meisteringenieur zu greifen und ihn fast beiläufig zu sich herüber zu heben. "Ohne ihn finden wir hier nie wieder raus!"
Plötzlich wurde der gesamte Gang von einem dumpfen Knall erschüttert, faustgroße Gesteinsbrocken regneten von der Decke hinab. Migdo geriet ins Straucheln und musste sich an eine unebene Felswand klammern.
"Verdammt!" polterte er. "Was soll denn das?"
Im nächsten Moment stolperten sie so plötzlich aus der fahlen Dunkelheit ins helle Licht, dass alle erschrocken die Hände über die Augen hielten. Besonders die Zwerge fluchten überrascht in ihrer Muttersprache, denn so gut ihre Augen in der Finsternis unter der Erde waren, so empfindlich waren sie gegen plötzliches, strahlendes Sonnenlicht.
Kaum hatten Migdos Augen sich einigermaßen an die Helligkeit gewöhnt, da nahm er auch schon den riesigen Dunkelzwerg wahr, der etwa drei Manneslängen vor ihm auf dem schrägen Hang stand. Verglichen mit dieser Kreatur war ihr Führer fast schon ein Winzling! Die bullige Gestalt strotzte nur so vor Muskeln, ihr struppiger Bart stand in alle Richtungen ab. Mit einer entschlossenen Bewegung packte sie gerade einen sicherlich achthundert Pfund Felsbrocken, hob ihn über ihren Kopf und schleuderte ihn ins Tal, wo er eine vernichtende Schneise in eine Reihe von Dunkelelben riss, die gerade den Hang hinaufkletterten.
Die Gefährten traten einige Schritte vor und sahen sich um.
Sie waren etwa hundert Meter über dem Boden, auf einem Vorsprung aus aschgrauem, scharfkantigem Gestein, und sahen auf eine endlose Ebene aus schwarzen Felsen und braunem Schlamm hinab, in der nicht ein einziger Baum oder Strauch zu erkennen war. In der Ferne waren einige dunkle Flecken zu erkennen, von denen fettige, dichte Rauchwolken aufstiegen, und ganz am Horizont waren einige in fast schwarzen Dunst gehüllte Gipfel zu sehen.
Malcolm überblickte die tote, von himmelhohen Bergen eingefasste Landschaft.
"Nargon."
Aus seinem Mund klang es wie ein Todesurteil.

-

"Verdammt!"
Als der Lordprotektor das Quartier des Hofzauberers betrat, kam Hijbudan gerade hustend und fluchend aus seinem angrenzenden Labor gestolpert. Blaue und violette Fünkchen umspielten den geschwärzten Saum seines Mantels, ein leichter Brandgeruch lag in der Luft. Der blonde Jüngling trug die Kappe eines Meisters seiner Zunft, eine Ehre, die nach Anthulius Wissen noch nie einem Zauberer zuteil geworden war, der so jung war. Der tragische Tod seines Mentors hatte den jungen Mann aus Westkyrien in eine Position gedrängt, die er, wenn überhaupt, erst in zwanzig bis dreißig Jahren hätte innehaben sollen. Seine Gehilfen, die wie er eine Ausbildung in Ispus erhalten hatten, behandelten ihn seit seiner Ernennung als ihren Meister, aber den älteren Hauptleuten und Würdenträgern der Zitadelle fiel es merklich schwer, ihn anzuerkennen, denn der Hofzauberer galt seit jeher als Stellvertreter des Lordprotektors und hatte bei den Grenzern eine enorme Machtstellung.
Dies alles störte den Jungen in diesem Moment aber nur wenig, er klopfte sich wütend die funkelnde Magie vom Mantel und murmelte einige Verwünschungen.
"Seid Ihr in Ordnung, Meister Hijbudan?" fragte Anthulius.
Als der Zauberer ihn bemerkte, richtete er sich auf, und der Lordprotektor glaubte zu bemerken, wie die Zauberfunken sich innerhalb weniger Augenblicke verflüchtigten.
"Entschuldigung, Lord Protektor", meinte Hijbudan. "Was kann ich für Euch tun?"
"Wenn Ihr etwas zu trinken hättet..."
"Natürlich - Roten Wein?"
"Gern."
Der Blondschopf machte einen Wink mit der Rechten, worauf zwei Gläser aus einem Wandregal geflogen kamen und völlig geräuschlos auf einem kleinen Tischchen am Kamin landeten, neben dem zwei bequeme Sessel standen. Mit einer weiteren Handbewegung wurde eine schwere Weinflasche veranlasst, über den Boden zum Tisch zu torkeln und sich, ihren alten Korken ins Feuer des Kamins spuckend, neben den Gläsern zu platzieren.
"Ihr müsst den Geruch entschuldigen", meinte er und bot Anthulius einen Stuhl an. "Ich... habe gearbeitet."
"Im Augenblick sind wir alle sehr gestresst. Es ist kein Wunder, wenn Euch mal etwas daneben geht."
"Soviel Nachsicht kann ich mir in meiner neuen... Position leider nicht leisten. Ich hatte nie Meister Lugertos Begabung, und werde sie wohl auch nie haben..."
"Stapelt nicht zu tief, Hijbudan. Die meisten Leute, die ich kenne, können keine Gläser und Flaschen durch die Luft fliegen lassen."
"Das ist, mit Verlaub, nicht die Macht, die einen meiner Zunft zu einem Meister macht, Mylord. Ich glaube nicht, dass Ihr eine wirkliche Vorstellung habt, wie mächtig Lugerto war. Er hatte ein Verständnis für das Gefüge der Magie, wie es selbst den meisten Mitgliedern des Hohen Rates in Ispus fehlt. Er konnte mit purer Gedankenkraft die Wirklichkeit verändern, und er hatte erkannt, wie gefährlich diese Macht war. Hätte er sich so gegen diesen... Bastard auf dem Kristallring gewehrt, wie es ihm möglich gewesen wäre, würde er jetzt noch leben."
"Ist es nicht auch der Ort?"
Überrascht starrte Hijbudan den älteren Mann an. Der Lordprotektor lächelte und schenkte ihnen beiden ein. "Ja, ich kenne euer Geheimnis. Lugerto vertraute es mir schon vor Jahren an, da er es für wichtig hielt, dass ich seine Kräfte einzuschätzen weiß."
"Was hat er Euch erzählt?"
"Dass dieser Ort eure Macht schwächt. Dass die Fähigkeit aller Zauberer, die Magie zu beherrschen, schwindet, je mehr ihr euch dem Land hinter den schwarzen Gipfeln nähert."
"So ist es, Mylord... in Ispus können wir nicht nur Gläser fliegen lassen. Wir trainieren diesen Zauber dort mit Kühen und Pferden, die Fortgeschrittenen mit Mauerstücken und Brückenpfeilern. Und es ist dort nicht schwer, mit der Zeit wird es zur Routine... aber je weiter man nach Westen reitet... je näher man Nargon kommt, desto schwerer ist es, ein stabiles Feld zu erzeugen... verzeiht, Ihr könnt nicht wissen, was ich meine. Wir müssen eine Art Essenz um uns herum formen, um in die Welt der Magie vorzudringen, ein Feld magischer Energie. Aber hier, in Hamarsburg, ist dies um ein Vielfaches schwieriger als in Ispus. Es strengt an, und wir können nicht so lange konzentriert arbeiten."
"Habt Ihr eine Vorstellung, woran es liegt?"
"Nicht wirklich... es gibt eine Legende, dass ein schreckliches Übel in der Tiefe Nargons eingekerkert ist... ein körperloses Wesen, das die Titanen vor Äonen dort einsperrten..."
"Acu’laan", meinte der Lordprotektor nickend. "Der Himmelsdrache. Ich kenne einige der Legenden. Glaubt Ihr, dass es diese Kreatur wirklich gab?"
"Ich bin nicht sicher... ich hoffe, es ist wirklich nur ein Bauernmärchen... aber in den meisten Märchen ist ein wahrer Kern." Er zögerte. "Ich muss Euch etwas sagen, Mylord: wenn wir diese Krise überstehen, werde ich um einen Ersatz für mich bitten. Diese Aufgabe ist auf Dauer nichts für mich."
Der Lordprotektor leerte sein Glas in einem Zug. "Noch seid Ihr mein Hofzauberer, Junge, und Ihr seid wirklich noch nicht lange genug auf dieser Welt, um zu wissen, wo Euer Platz ist. Macht Euch nicht verrückt. Am Ende stellt Ihr vielleicht fest, dass dieser Weg genau der ist, den ihr gehen müsst."
Der junge Mann nahm ebenfalls einen Schluck. Ein schwaches Lächeln huschte über seine Züge.

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Die Gruppe von Dunkelelben kletterte einen Felsvorsprung hinauf, der sich einige Meter unterhalb von Migdo und seinen Freunden von der Gebirgswand abhob. Als die erste der schwarzhäutigen Kreaturen keifend und geifernd über die Kante gesprungen kam, hob der Dunkelzwerg neben Kijena einen fast eine Manneslänge durchmessenden Steinbrocken auf und schleuderte ihn auf die Elben hinab. Das gewaltige Geschoss traf den Felsvorsprung mit ungeheurer Wucht und zerbarst mit einem lauten Krachen zu tausend scharfkantigen Splittern.
Als die aufgewirbelte Staubwolke sich verzogen hatte, war von den Dunkelelben nichts mehr zu sehen, nur einige schwarze Blutspritzer in den Trümmern deuteten noch auf sie hin.
"Du meine Güte..." murmelte Kijena.
Malcolm achtete schon gar nicht mehr auf das Kampfgeschehen, sein Blick war entlang des Gebirges nach Süden gerichtet.
"Was habt Ihr?" fragte Zurgin.
"Der Berg dort", meinte der Prinz. Alle Blicke folgten seiner ausgestreckten Hand und nahmen in scheinbar unendlich weiter Ferne einen wolkenverhangenen Gipfel wahr, der aus der dunklen Gebirgskette ragte.
"Unglaublich..." knurrte der alte Meisteringenieur.
"Was denn?" Migdo war verwirrt.
"Das da hinten", erklärte Malcolm, "ist der Weltenwut."
"Diese Viecher müssen uns mindestens hundert Meilen nach Norden getragen haben, als wir geschlafen haben", fügte Zurgin hinzu.
"Unmöglich", wand Kijena ein. "Wir müssten ja geflogen sein!"
"Es ist so", stellte Malcolm klar. "Aus irgendeinem Grund haben diese Dunkelzwerge uns hierher gebracht. Und wenn ich mir das da unten anschaue, weiß ich auch, warum." Am Fuß des Gebirgsabschnitts herrschte emsige Aktivität, hunderte, wenn nicht tausende von Dunkelelben umschwirrten eine absurd erscheinende Konstruktion, die sich wie eine Wanze an die steil abfallende Wand klammerte.
"Das dürfte das Problem sein", meinte Xergi trocken.
Ein Stück über ihnen brach ein Dunkelzwerg einen weiteren Brocken aus dem Boden und warf ihn nach fünf sich von Nordwesten nähernden Elben.
"Ich glaube, wir sollten uns das aus der Nähe ansehen", meinte der Prinz.
Alle sahen ihn an, als hätte er den Verstand verloren, aber da hatte er auch schon mit dem Abstieg begonnen.
"Xergi", meinte Zurgin. "Du gehst zurück und passt auf die Pferde auf."
"Wenn’s sein muss..." knurrte der Vulgoblin, obwohl jeder die Erleichterung in seiner Stimme hören konnte.

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"Das ist doch völliger Schwachsinn!" dröhnte Hauptmann Hulth gerade, als der Lordprotektor von einer kurzen, aber notwendigen Pause in den Besprechungsraum unterhalb des großen Turms von Hamarsburg zurückkehrte. Um den alten Eichentisch in der Mitte waren fast alle Hauptleute und Hijbudan versammelt. Kerzen und Fackeln erhellten die alten Karten, die auf der Tischplatte ausgebreitet waren.
"Ich bitte Euch doch lediglich, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen..." begann der junge Zauberer, aber der mächtige Uwarier schnitt ihm das Wort ab und polterte: "Unsinn! Ihr habt noch nie auf dem Schlachtfeld gestanden, Junge! Euch steht ein Urteil über die richtige Strategie nicht zu!"
Halion Anthulius witterte Ärger am Horizont. Rasch trat er zwischen Hulth und Hijbudan und setzte damit ein Signal. Alle am Tisch verstummten.
"Würden die Herren mich in die jüngste Entwicklung der Diskussion einweihen?" fragte er.
"Dieses Kind da drüben will..." begann Hulth, aber der junge Hofzauberer lehnte sich vor und begann laut zu sprechen.
"Ich wollte gerade den Vorschlag unterbreiten, den Großteil unserer Truppen möglichst nahe an der Zitadelle zu platzieren, und eine Verteidigungslinie mit kurzen Nachschubwegen zu bilden, als der Hauptmann seine... Einwände vorbrachte."
Die älteren Männer in der Runde waren sichtlich schockiert über diese Respektlosigkeit gegenüber dem uwarischen Kommandanten, und auch der Lordprotektor war nicht sicher, ob Hijbudan den Bogen vielleicht überspannte.
"Was spricht Eurer Meinung nach dafür?" fragte er.
"Nun... wir hätten die Möglichkeit, unsere Verwundeten schnell in Sicherheit zu bringen und zu versorgen. Wir könnten Schützenstellungen errichten, die jene Seite des Tals unter Feuer nehmen könnten, die nicht vom Schutzkristall bewacht wird. Die Nordseite ist für die Dunkelelben ohnehin undurchquerbar."
"Schwachsinn!" donnerte Hulth erneut. "Wir dürfen sie nicht aus dem Gebirge lassen, Lord Protektor! Wenn sie sich erst ausbreiten, werden sie uns überfluten und..."
Die Tür des Versammlungsraums öffnete sich und ein Wachoffizier trat ein. "Lord Protektor?"
"Was gibt es, Karven?"
"Verzeiht die Störung, aber Ihr solltet unbedingt sofort auf den Hof kommen, Lord Protektor", bemerkte der junge Mann mit merklichem Unbehagen. "Wir haben unerwarteten Besuch."

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Das von den Dunkelelben an die Felswand gezimmerte Bauwerk erwies sich als noch grotesker als erwartet: Tausende von Balken und Verstrebungen waren mehr notdürftig als sinnvoll aneinander genagelt und zu einem gewaltigen Gerüst aufgetürmt worden, das mit Seilen und riesigen verrosteten Eisennägeln im Stein verankert war. Der ganze Bau schwankte im Wind und eine scheinbar unendliche Anzahl von Dunkelelben wuselte auf ihm herum wie übereifrige Ameisen. Tief unter ihnen, am Boden, war ein ganzes Heer versammelt, Hunderte von Kriegern, Arbeitern und Sklaven. Zelte waren aufgestellt worden und zottelige Schwarzlandpferde standen überall herum.
Sie ließen sich hinter einem Vorsprung nieder und Zurgin zog seinen Fernblicker hervor, ein kleines Kupferrohr mit gebogenen Linsen, das einem erlaubte, große Entfernungen zu überblicken. Er sah kurz hindurch, grunzte etwas und gab das Gerät an Migdo weiter.
"Bei Umbus Amboss!" raunte dieser nach einem kurzen Blick. "Was ist denn das?"
In der Nähe eines besonders großen Zeltes, über dem eine blutrote Flagge wehte, war ein Pferch aufgestellt, in dem ein lebendiger Albtraum hockte. Die Kreatur war mindestens vierzig Fuß lang und fünfzehn Fuß hoch, ihr geschwärzter Schuppenleib endete nach hinten in einem gespaltenen Peitschenschwanz, während auf dem mit Narben übersäten Schlangenhals die abscheulichste Verunstaltung eines Schädels saß, die Migdo je gesehen hatte: ein dreieckiges Albtraumgesicht voller verbogener Hornschuppen und eitriger Peitschennarben, in dessen rechtem Auge schon lange kein Leben mehr war. Das Ungetüm betrachtete mit dem verbliebenen Auge misstrauisch seine Umgebung, und der junge Zwerg hatte keinen Zweifel, dass die schweren Metallketten an seinen Fußgelenken es im Ernstfall keine zwei Sekunden in diesem Pferch würden halten können.
"Ein Lindwurm", erklärte Malcolm. "Ein verheerter Drache aus den alten Tagen... das kann nur eins bedeuten."
Zurgin nickte. "In diesem Zelt muss ein Schlachtfürst sein."
"Ein Dunkelelben-Kriegsherr?" fragte Migdo.
"Ich verstehe das nicht", wand plötzlich Kijena ein, die bisher geschwiegen hatte. "Dieses Gerüst ist doch ein Witz! Für die Dunkelzwerge dürfte es doch kein Problem sein, es einzureißen. Wozu brauchen sie uns?"
"Wahrscheinlich haben sie das schon versucht", meinte Malcolm. "Aber die Dunkelelben werden gleich wieder von vorne begonnen haben, und da fühlten unsere Höhlenfreunde sich hilflos."
"Sie sind es nicht gewöhnt, ihre Höhlen zu verlassen", stimmte Zurgin zu. "Und erst recht nicht, im Sonnenlicht zu kämpfen..."
"Jedenfalls wissen wir jetzt, wie das Heer, das Malkor überfallen hat, in unser Land kam", murmelte Migdo.
"Nein", gab der Prinz zurück. "Siehst du, sie haben kaum die Spitze der Felswand erreicht, und selbst wenn, dann würde es ewig dauern, eine solche Streitmacht durch die Gänge der Dunkelzwerge zu führen - die sich sicherlich erbittert wehren würden."
Zurgin beendete die Diskussion mit einer wegwischenden Handbewegung. "Wie dem auch sei, wir müssen dieses Ding zum Einsturz bringen. Wenn es erst steht, werden die Viecher in den Höhlen den Dunkelelben nicht lange widerstehen können, und dann werden diese früher oder später einen Weg durch das Gebirge finden."
"Vorschläge?" fragte Malcolm.
"Ich denke unsere beste Chance ist, einen der Stützpfeiler zu zerstören."
Der Uwarierprinz sah zu den Füßen der Konstruktion hinab. Die Stützpfeiler waren gewaltige, aus Felsbrocken und Balken gezimmerte Trichter, die kunstvoll mit einem Geflecht aus Seilen und Stricken verbunden waren.
"Eine sehr kluge Konstruktionsweise", erläuterte Zurgin. "Jedes Seil verbessert die Stabilität des Ganzen... ich frage mich, wo diese Mistkerle das gelernt haben..."
"Ich denke, die Antwort sitzt in diesem großen Zelt", erwiderte Malcolm. "Aber wie kriegen wir nun diesen Pfeiler kaputt?"
Zurgin grinste und deutete auf den Lindwurm hinab, dessen Kopf gerade hektisch hin und her zuckte. "Dieses hässliche Monstrum wird uns sicher gern dabei behilflich sein."

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"Herrin?" grunzte der kümmerliche Elb am Eingang des Zeltes und sah vorsichtig zur Schlafmatte hinüber. Ankta war bereits wach, sie hockte auf der groben Matte und vollzog gerade eine Entspannungsübung, bei der sie die Bluttemperatur in verschiedenen Teilen ihres Körpers abwechselnd gezielt senkte und erhöhte. Ihre Haut war makellos und ihre Muskeln von der Reise durch die Einöde zum Fuß des Gebirges gestählt, aber wie schon immer achtete sie auch jetzt mit geradezu fanatischer Genauigkeit auf ihr Äußeres. Unter all den Abscheulichkeiten, über die sie gebot, strahlte sie wie eine Göttin, aber sie selbst erinnerte sich früherer, besserer Tage, in denen Schönheit und Reinheit in ganz anderem Maße geschätzt wurde...
"Was gibt es?" fragte sie scharf und ohne die geschlossenen Lider zu bewegen.
"Der... der erste Baumeister fragt, ob Ihr kommen könnt, Herrin... er braucht Euren Rat, sagt er..."
Sie schnaubte abfällig und lenkte ihre Körperwärme wieder in normale Bahnen, dann erhob sie sich und bedeckte ihren nackten, schlanken Körper mit einer dunklen Tunika. Mit einer routinierten Handbewegung setzte sie die pechschwarze Rabenmaske auf ihr Gesicht und trat ins Freie.

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Der Abstieg erwies sich als einfacher als vermutet; die Felswand bestand aus einer solchen Unzahl von Einkerbungen, Brüchen, Vorsprüngen und Spalten, dass die kleine Gruppe ohne Probleme einige Hundert Fuß von der gewaltigen Baustelle entfernt hinabklettern konnte, ohne ins Sichtfeld der Dunkelelben zu geraten. Zurgin und Migdo hatten ihre Bergsteigerausrüstung angelegt und hüpften mit geschickten Bewegungen von Vorsprung zu Vorsprung, während Malcolm und Kijena sich mit bloßen Händen an den Abstieg machten.
"Was ist denn da unten los?" fragte die junge Menschenfrau. Auf dem Platz unter dem Bauwerk machte sich ein fast andächtiges Raunen breit. Die Dunkelelben stoben regelrecht auseinander und machten einer ganz in schwarz gekleideten Gestalt Platz, die sich, von drei riesenhaften Dunkeltrollen flankiert, über den Platz bewegte.

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Ankta kam mit einer geschmeidigen, aber dennoch ungeheuer aggressiv wirkenden Geste vor den Befehlsstand am Fuß des äußersten Stützpfostens zum Stehen. Durch die schmalen, leicht geschrägten Sehschlitze ihrer Maske fixierte sie Foorsd, den ausführenden Bauleiter, eine jämmerliche, gebückte Kreatur mit schiefem Gesicht und einem schlaff am Körper herabhängenden, vor Jahren nutzlos gewordenen rechten Arm. Der Dunkelelb zuckte unter dem Blick ihrer stechenden Augen zusammen und wollte einen Schritt rückwärts machen. Sein Fuß stieß gegen den niedrigen Holztisch, auf dem Kopien der Baupläne ausgebreitet waren. Ein erschrockener Schmerzschrei entfuhr seiner Kehle, als er hinterrücks zu Boden polterte.
Hämisches Gelächter machte sich unter den umstehenden Wächtern und Arbeitern breit. Ankta brauchte nicht mehr als die Andeutung einer Drehung ihres Kopfs, um sie alle zum Schweigen zu bringen.
"Morkliz", schnappte sie, an den Hauptmann der Baustellenwache gerichtet.
Der hünenhafte Offizier, eine aschhäutige Kreuzung aus Dunkelelb und Troll, trat vor. Sein muskelbepackter Körper war in grob geschmiedete Metallplatten gehüllt, um seinen dicken Hals hing eine Kette aus Elben- und Menschenschädeln.
"Ja, Herrin?" dröhnte er."
"Dieser jämmerliche Wurm hier hatte doch den Auftrag, die oberste Ebene bis heute fertig zu stellen..."
"Ja, Herrin", bestätigte der Riese in freudiger Erwartung, die Hand am Schwertknauf.
"Und du hattest den Auftrag, ihn und seine Männer hinreichend anzutreiben", fügte sie hinzu.
Die Vorfreude wich aus Morkliz' Augen, erschrockene, fast ungläubige Erkenntnis machte sich auf seinem Gesicht breit. Bevor er noch etwas sagen konnte, wurde er von einer unsichtbaren Klaue am Hals gepackt und mehrere Meter in die Höhe gerissen. Selbst die meisten Dunkelelben wandten sich ab, als Ankta ihm mit der puren Kraft ihrer Gedanken das Fleisch von den Knochen schälte. Seine Schreie tönten über die gesamte Baustelle, bis nur noch ein paar Fetzen übrig waren, die mit einem widerlich weichen Geräusch zu Boden fielen.
"Schickt eine Nachricht an die Bruthöhlen", befahl die Dunkelelbin einem der Trolle. "Sie sollen seine Sklavinnen und Nestlinge an die Lindwürmer verfüttern."
Als die riesige Kreatur verschwunden war, trat Ankta wieder auf den ersten Baumeister Foorsd zu. "Mach dich an die Arbeit", raunte sie. "Und sieh zu, dass deine Leute schneller arbeiten, sonst wird unser Lindwurm demnächst sehr, sehr satt werden!"
Der gebrechliche Mann nickte ängstlich. Sie wandte sich von ihm ab und ging, von ihren Trollen flankiert, zurück zu ihrem Zelt.

-

Als der Mantel der Nacht sich über die Klippen des Weltenwutgebirges legte, fiel die riesige Baustelle in tiefe Dunkelheit. Lagerfeuer wurden erst weit nach Sonnenuntergang entzündet und es dauerte nicht lange, bis der Odem angebrannten Fleisches die Luft erfüllte.
Malcolm lehnte mit dem Rücken an einen schwarzen Felsengrat, der zwischen zwei großen Zelten aus dem Boden ragte. Sein Schwert lag flach an seinem ausgestreckten Bein an, während die freie Hand über seinen Wurfdolchen am Gürtel schwebte. Hinter dem Felsen hockten zwei grobschlächtige Dunkelelben in rostigen Eisenpanzern und unterhielten sich leise in ihrer gutturalen Sprache. Ihre Klauen hielten verbogene Hellebarden, mit denen sie ihrer Haltung nach kaum umzugehen wussten. Auf der anderen Seite des kleinen Platzes, auf den sie blickten, stand der Pferch mit dem Lindwurm. Die Bestie war zusammengesunken und schnarchte hörbar.
Migdo hockte mit Kijena und Zurgin in einigem Abstand im Schatten eines weiteren Zeltes. Die meisten Dunkelelben befanden sich in der Nähe der Feuer und prügelten sich um das wenige Essen, so dass sie sich ungestört bis hierher hatten heranschleichen können.
"Sollen wir ihm nicht helfen?" fragte der junge Zwerg.
Kijena schüttelte den Kopf und legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter.
Malcolm trat vorsichtig um das Hindernis herum, beschleunigte in der beginnenden Drehung seine Schritte und verschwand aus dem Blickfeld seiner Gefährten. Das seltsam feuchte Geräusch scharfen Stahls, der durch lebendes Fleisch fuhr, mischte sich mit einem doppelten, erstickten Gurgeln. Kaum einen Atemzug später hatte der Uwarierprinz den Felsen umrundet und drückte sich wieder gegen dessen Rückwand. Nach einigen Sekunden gespannten Wartens winkte er sie zu sich hinüber.
"Los", knurrte Kijena und schob Migdo vor.
Die Zwerge stolperten etwas unbeholfen voran, während die viel größere Menschenfrau die Strecke mit wenigen schnellen Schritten überwand. Sie pressten sich neben Malcolm.
"Wie sieht’s aus?" fragte Kijena.
"Erledigt", gab der Prinz zurück. "Sieh mal nach."
Sie näherte sich dem Rand des Steindorns, sah vorsichtig zu dem Pferch hinüber - und erstarrte.
Der Lindwurm hatte seinen Kopf einige Fuß weit erhoben und starrte sie mit seinem winzigen, tückischen Auge an. Keine Wärme, kein Zögern lag in diesem kränklich-gelb schimmernden Oval, nur unbändiger Hass und uralte Verachtung für alles, was es erblickte.
Malcolm packte sie und zog sie wieder hinter den Felsen. Sie schien wie entrückt, ihr Blick war leer und ihre Glieder schlaff.
"Er ist also wach geworden", stellte Malcolm fest. "Hütet euch davor, ihm ins Auge zu sehen. Er wird euch lähmen."
Sie nickten. Zurgin zog ein kleines Päckchen aus seiner Tasche und reichte es dem Prinzen. "Dann woll’n wir mal an die Arbeit gehen!"

-

Dunkelheit... Schwärze... Schatten und Nebel...
Sie sah die verzerrten Umrisse des Thronsaals, die Säulen und die Wachen... die Hornsessel auf dem Podest... die Fensterwand... sie sah ihren Gefährten... in seinem sehnigen, schwarzen Elbenleib, groß und kräftig...
"Du bist hier..." stellte er fest.
JA... erwiderte sie ohne Worte. ICH BIN HIER, MEIN LIEBSTER...
"Wie weit bist du mit deiner Mission?"
ES GIBT EINIGE VERZÖGERUNGEN, ABER DER KLETTERTURM WIRD BIS MORGEN ABGESCHLOSSEN SEIN... DAS HERZ DES BERGES WIRD UNS GEHÖREN... SCHON BALD...
"Und dann wird unser Marsch in die Reiche der Bastardvölker beginnen", erwiderte er. "Dann wird sich das Schicksal erfüllen..."
JA... SIND DIE LEGIONEN BEREIT...?
"Sie füllen ganze Landstriche. Einige sind bereits auf dem Weg zu dir."
GUT... ICH WERDE...

Ein ohrenbetäubender Lärm riss sie aus ihrer Trance. Schreie von Wachleuten und Sklaven waren vor dem Zelt zu hören, durchsetzt mit einem unverwechselbaren Schnauben und Fauchen und dem Brechen von Holz und Fels.
Ankta fluchte in einer Sprache, die so alt war wie die Welt selbst, und sprang auf die Füße. Ein Troll riss die Zeltplane beiseite und grollte ihr etwas zu, das in all dem Lärm nicht einmal bis an ihr Ohr drang. Die halb zerfetzte Leiche eines Dunkelelben flog an ihr vorbei, als sie ins Freie trat, gefolgt von einem Regen aus Holzbalken und Metallteilen. Sie wehrte sie mit einem Wink ihrer feingliederigen Hand ab.
In dem Feldlager war das reine Chaos ausgebrochen, Arbeiter, Wächter und Sklaven rannten durcheinander, schrieen in Panik und trampelten sich gegenseitig nieder. Irgendwo brannte etwas, und inmitten dieses Sturms tobte der Lindwurm.
Der Anblick der Bestie verschlug einen Moment lang sogar Ankta den Atem.
Ein Meer aus kleinen, bläulich leuchtenden Flammen floss über den Rücken der monströsen Kreatur, Funken sprühten und fettiger Qualm stieg aus ihren Sehnen auf. Sie wand sich in Panik und Wut, brüllte und zertrümmerte fast beiläufig immer mehr Zelte und Bretterverschläge. Ihr gezackter Peitschenschwanz fuhr unter die fliehenden Dunkelelben und riss sie reihenweise auseinander.
Ankta sah sich um. Das Tier begleitete sie seit langer Zeit, es war eines der ältesten und am besten trainierten Exemplare. Wer hatte gewagt, es derart in Rage zu versetzen?
Plötzlich schien die Bestie etwas zu erfassen und wandte sich um, in Richtung des Bauwerks. Ein tiefes Grollen entfuhr ihrer Kehle, als sie in Richtung eines kleineren Tumultes davon stampfte.
"Was ist da los?" knurrte Ankta.

-

"Es klappt!" rief Kijena, während sie mit einem abgebrochenen Holzmast einen narbengesichtigen Dunkelelben abwehrte. "Er folgt uns!"
"Ja, dieses Spezial-Flohpulver hat gewirkt", fügte Migdo hinzu. Sie waren von wütenden Dunkelelben umgeben, die von allen Seiten auf sie einhieben. "Das Problem dürfte eher sein, ihn wieder loszuwerden!"
Der Lindwurm kam immer schneller auf sie zu und stampfte alles auf seinem Weg zu Brei und Trümmern. Die Flammen auf seinem Rücken waren größtenteils erloschen, aber seine Wut hatte sich eher noch gesteigert. Dampf entfuhr seinen Nüstern, und blanke Mordlust brannte in seinem gelben Auge.
Malcolm wich gerade dem Axthieb eines Dunkelelben aus, um ihm noch in derselben Bewegung den Kopf abzuschlagen. "Jetzt!" schrie er, als die feueratmende Bestie heranwalzte. "Kijena, jetzt!!!"
Die junge Kriegerin ließ ihre improvisierte Lanze fallen und riss den zu ihren Füßen bereitliegenden Bogen hoch. In Sekundenschnelle lag ihr stabilster Pfeil auf der Sehne. Und sie ließ ihn fliegen.
Das Kreischen des uralten Drachen, als das Geschoß sich in sein verbliebenes Auge bohrte und ihn für immer blendete, war so ohrenbetäubend schrill, dass alle entsetzt die Hände an die Ohren rissen. Die riesige Bestie warf den Kopf hin und her und geriet ins Schleudern, ihr gewaltiger Leib überschlug sich und walzte als kompakte Wand aus Horn und Feuer auf Migdo und seine Freunde zu. Malcolm und Kijena reagierten blitzartig, packten jeweils einen Zwerg und schoben sich durch die Reihen der erschrockenen Dunkelelben beiseite.
Der Lindwurm donnerte an ihnen vorüber, zerschmetterte ein halbes Dutzend Bretterverschläge - und raste mit voller Wucht in den vordersten der Stützpfosten, der sich unter dem Aufschlag bog und fast aus seiner Verankerung gerissen wurde. Der Kletterturm geriet ins Wanken, Trümmer und einige Dunkelelben regneten von oben herab und krachten in den Erdboden.
Migdo sah über Kijenas Schulter, während sie ihn auf einen Felsvorsprung trug. Hinter ihnen richtete sich der Drache bereits wieder auf. Einer seiner Vorderläufe schien gebrochen zu sein, aber mit den übrigen Gliedmaßen richtete er ein Chaos ohnegleichen an, sein Schwanz peitschte zwischen den Aufbauten am Fuß des Kletterturms hin und her und riss immer schneller alles auseinander. Die rätselhafte Elbenzauberin kam heran gerannt und verfiel in einen lautstarken, fremdartigen Sprechgesang.
"Sie will ihn beruhigen!" dämmerte es ihm. "Sie beruhigt ihn!"
Kijena ließ ihn zu Boden und drehte sich um. Sofort erfasste sie die Situation und griff erneut nach ihrem Bogen - aber den hatte sie auf dem Weg hierher verloren.
"Verdammt!" fluchte sie, als Zurgin in seinen Ärmel griff und ihr seine kleine Einhand-Armbrust reichte.
"Versuch’s damit", rief er.
Sie nahm die zierliche Waffe in die Hand und zielte. Einen Moment lang hatte sie Angst, sie zwischen ihren Fingern zu zerbrechen, aber nachdem sie sie einen Moment gehalten und ein Gefühl dafür entwickelt hatte, legte sie noch einmal genau aufs Ziel an und schoss.
Der kleine Bolzen traf Ankta in der linken Gesichtshälfte und ritzte ihre lederartige Haut, ohne sie ernsthaft zu verletzen, aber diese Ablenkung reichte aus, um sie aus dem Rhythmus ihrer Beschwörung zu bringen - und den Lindwurm wieder in Raserei zu versetzen. Das Ungetüm begann wie wahnsinnig zu wüten und zu toben, warf sich hin und her und riss mit seinen scharfkantigen Klauen den Boden auf. Nach einem kräftigen Atemzug stieß es eine kochend heiße Dampfwolke aus, die einen der noch intakten Stützpfosten einhüllte und lichterloh in Flammen aufgehen ließ. Die ganze Konstruktion fing innerhalb kürzester Zeit Feuer, und während die Dunkelelben am Boden verzweifelt versuchten, sich in sichere Entfernung zu retten, stürzte der ganze brennende Turm mit einem ohrenbetäubenden Getöse über dem rasenden Drachen zusammen und begrub ihn unter sich.
Malcolm, Kijena und die Zwerge hetzten durch das Geröll am Fuß der Felswand zurück zu der Stelle, an der das Kletterzeug für ihren Aufstieg wartete.
 

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Und schon geht es weiter zum 10. Kapitel: Die Schlacht in den Pfaden

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