Hinweis:
Nach dem Geschmack des einen oder anderen Lesers könnte dieses Kapitel als 'zu blutig' empfunden werden.
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Die dunkle Flamme des Drachen von Haldir
Kapitel 2: Jagd in Kilian

Wieder rannte Helmut ein barbarischer Krieger in der engen Gasse brüllend entgegen, während er mit seiner Streitaxt, die er mit beiden Händen führte, zum Schlag ausholte. Er war stämmig und dazu auch noch fast sieben Fuß hoch, was bei den Baranern nicht selten vorkam. Er trug zwar nur einen Lederharnisch, doch genau das war bei diesen Kriegern so gefährlich. Sie kämpften schnell und brutal. Zusammen mit ihren bestialischen Reittieren waren sie ein Gegner, der dem Drachenvolk mindestens ebenbürtig war.
Helmut fing den ersten Hieb des Feindes mit seinem Schild in der Linken ab und drehte sich einmal um sich selbst, während er mit seiner doppelschneidigen Axt in der Rechten ausholte. Die Axt hackte sich seitlich in den Bauch des Barbaren. Der Verletzte kreischte auf. Der Harnisch an der Verletzung sog das hervorfließende Blut auf und färbte sich dunkelrot. Helmut hieb dem Gegner noch einmal mit der Axt schräg in die Halsgegend. Der Getroffen röchelte leise und fiel auf die Knie. Blut strömte aus der Wunde, als Helmut die Axt herauszog. Der Sterbende sackte in sich zusammen und gesellte sich zu den anderen Toten, ob Mereaner, Baraner, Drache oder Waran.
Tod, dachte Helmut kopfschüttelnd. Für ihn war dieser Krieg umsonst. Doch keiner der beiden Länder wollte den Streit schlichten. Wieso?

Helmut säuberte seine Waffe an einer Leiche. Er richtete sich auf und blickte an sich herab. Sein ganzer Körper war blutbesudelt. Sein dicker Brustpanzer zeigte an seinen Dellen und Kratzern, dass er schon oft seinen Besitzer gerettet hatte.
Er war in Kilian, eine Hafenstadt der Feinde, in einer kleinen Gasse.
Die Sonne war schon beim Untergehen und gab dem Blut eine rotschwarze Farbe.
Alles war blutbefleckt. Der Boden war voller Blutpfützen, die Hauswände blutbespritzt, die Krieger blutbesudelt, die Toten in Blutlachen, das Wasser in den Brunnen mit dem Blut von Freund und Feind vergiftet und sogar die Hunde hatten Blut an der Schnauze. Es war ein schrecklicher und ekelerregender Anblick. Und noch immer konnte Helmut von weitem lautes Waffengeklirr und Todesschreie hören.
Erschöpft wischte er sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Er hätte sich auf der Stelle übergeben können, so übel war ihm von dem Gestank der Stadt. Immer wieder bekam er schreckliches zu sehen, denn der Krieg versprach nur Tod.
Die eigentliche Schlacht um Kilian endete bereits vor drei Tagen, doch die Armeen kämpften so ausgeglichen, dass nur noch wenige auf beiden Seiten übrig geblieben waren. Aus der Schlacht wurde eine Jagd auf den Feind.
Helmut hoffte, dass Verstärkung kommen würde, doch sie konnten keine Boten entsenden, weil die meisten Drachen nicht mehr lebten und die Überlebenden getrennt von ihren Reitern kämpften. So war die Hoffnung sehr schwach.
Helmut hatte seinen Drachen, Bodin, aus den Augen verloren. Er war abgestiegen, um den Fußsoldaten in der Stadt beizustehen. Es war ein großer, roter Drache, die gleiche Drachenart wie die von seinem Bruder, Wilhelm. Die Besonderheiten bei dieser Art waren die Größe und die königsblauen Augen. Helmut suchte Bodin schon lange und nun bekam er ein Zeichen.
Ein lautes Brüllen verriet ihm den Standort seines Drachen.
Helmut lief träge durch die leichengefüllten Gassen und folgte dem Brüllen. Immer wieder schockierte es ihn, wenn er unter den Toten Frauen und Kinder erkannte. Was hatten sie mit dem Krieg von einigen wahnsinnigen Königen zu tun?
Das Kampfgetöse wurde lauter. Als er um eine Ecke torkelte, stieß er plötzlich gegen einen Mann. Beide hoben ihre Waffen erschrocken. Doch dann erkannte er einen seiner Männer.
"Hauptmann!" sprach dieser überrascht aus. Es war ein junger Soldat, wahrscheinlich nicht einmal sechzehn Jahre alt. In der gleichen Gasse, die breiter wurde als die anderen, hielten sich noch mehr Soldaten auf. Zusammen zählten sie ungefähr vierzehn Mann. Manche standen an der anderen Ecke und schossen mit dem Bogen. Andere lehnten sich hockend an die Wand und behandelten ihre Wunden.
"Wie steht es um euch? Wie viele haben wir noch?" fragte Helmut den jungen Soldaten. Dieser spannte den Körper an.
"Dort, um die Ecke, ist der Marktplatz", antwortete er mit sicherer Stimme. "Der Feind ist auf der anderen Seite und manche von ihnen haben sich im Rathaus gegenüber verschanzt. Von unseren Leuten sind wahrscheinlich nur noch neunzig übrig."
"Wo ist mein Drache?!" entfuhr es Helmut.
"Er wütet auf dem Platz. Wir wollten ihn zurückholen, doch er gehorcht uns nicht."
"Was!" rief Helmut entsetzt. "Was macht ihr dann hier?! Wieso kämpft ihr nicht?" Er ging zu den Bogenschützen und spähte um die Ecke. Vor ihm lag der große, kreisrunde Marktplatz. In der Mitte tronte die gigantische Statue eines Kriegers, der triumphierend sein Schwert hob. Viele Baraner lagen ihm tot zu Füßen.
Genau gegenüber stand das Rathaus. Es war sehr hoch und eine Sonnenuhr bildete die Spitze des Hauses. Nun war es jedoch zu dunkel um die Uhrzeit abzulesen.
Die Hälfte der restlichen Gebäude lag bereits in Trümmer, manche verbrannt, andere von Katapulten getroffen. Rauchschwaden stiegen hoch in den Himmel.
Auf dem Platz rannten Soldaten hin und her, kämpften, flohen und versuchten dem wilden, gigantischen Drachen, der planlos herumirrte, auszuweichen.
Der rote Drache war schwer gepanzert und damit ein furchtbarer Gegner. Er schlug mit Klauen und Schwanz um sich und spie gewaltige Feuersäulen, die alles versengten. Seine blutbeschmierten Klauen wurden mit jedem Hieb noch blutiger. Mit dem Gestank von Leichen, der schon vorher bestand, stieg der Geruch von verbranntem Fleisch empor. Alles in Einem war es das reine Chaos.
Helmut nahm den Kurzbogen und den vollen Köcher einer Leiche, die am Boden lag, und befestigte beides an seinem Rücken.
"Los! Kommt mit!" rief er den noch kampffähigen Soldaten ermutigend zu. Dann lief er mit ihnen auf den Platz. Zu Helmuts Erleichterung hatte der Drache Freund und Feind unterscheiden können und nicht einfach alles angegriffen, was sich bewegte. Der ganze Platz wurde von einem Meer von Leichen überhäuft. Noch immer wurde gekämpft, doch die Mereaner waren durch den Drachen klar im Vorteil.
Helmut rannte dem Drachen entgegen und rief: "Bodin! Hierher!" Sofort wandte Bodin sich gehorsam seinem Herrn zu. Mit einem riesen Sprung stand er vor ihm und ließ ihn auf seinen Rücken steigen. Er wirkte wie der König der Drachen, so viel Stärke und Macht strahlte er aus.
Auf dem breiten Rücken des Drachen fühlte sich Helmut schon viel glücklicher, weil er sich darüber freute, dass Bodin noch am Leben war, denn das Band zwischen Drache und Reiter war eine Freundschaft wie keine andere. Dann lief der Drache geschmeidig von einem Scharmützel zum anderen und griff den Feind an, wo er auf ihn traf. Helmut schoss von seinem Rücken aus mit dem Bogen auf die Gegner. Er war zwar kein Meisterschütze, doch die Baraner waren durch ihre Größe und die fehlende Rüstungen leichte Opfer.
Plötzlich öffneten sich mit lautem Krachen die Fensterläden des Rathauses und dahinter kamen Bogenschützen zum Vorschein, die ihre Bögen gespannt hielten.
Kurz danach öffnete sich das kleine Tor des Hauses. Heraus kamen fünf ausgewachsene Warane. Sie knurrten gierig und ihre großen schwarzen Augen hafteten auf Bodin. Die Reiter blickten siegessicher in die Runde. Fast alle Kämpfer auf dem Platz sahen zum Rathaus. Dann ertönte eine laute kratzige Stimme.
"ZUM ANGRIFF!"
Die Warane rannten los und umkreisten bedrohlich den Drachen, während sie jeden Feind, der ihnen im Weg stand, niedermetzelten. Gleichzeitig eröffneten die Bogenschützen das Feuer. Helmut konnte die paar Pfeile, die auf ihn gerichtet waren, mit dem Schild auffangen, doch Bodin wurde mehrere Male getroffen. Zu seinem Glück schützte die Rüstung seine empfilndlichsten Körperteile.
"Abheben!" rief Helmut dem Drachen zu. Dieser nahm Anlauf, überrannte einen Warenen auf seinem Weg und hob ab. Die Bogenschützen schickten ihnen noch eine Salve hinterher, doch es traf keiner. Bodin flog aus der Reichweite der Schützen und drehte dann wieder um.
Helmut befahl ihm auf die Bogenschützen zu feuern. Er selber nahm den Bogen vom Rücken und zielte auf den überrannten Waranenreiter. Aus dem Sturzflug schickte Bodin einen Feuersturm durch die Fenster des Rathauses. Auch Helmut schoss seinen Pfeil ab. Beide trafen.
Die meisten Bogenschützen verbrannten mit lautem Gekreisch und das ganze Rathaus fing an zu brennen, was auf der Seite der Mereaner großen Jubel hervorrief.
Tod, tot, tot.
Helmuts Pfeil bohrte sich, zu seinem Glück, von oben in die Brust des Reiters. Der Getroffene rutschte schlaff aus dem Sattel. Das eigene Tier schnüffelte interessiert am Toten herum und begann ihn zu verzehren.
Tod.
Helmut hatte schon einen anderen Pfeil angelegt und schoss auf das Tier, während Bodin einen anderen Waranen mit seinem Feuer verbrannte. Dann landete der Drache direkt auf einem der Bestien, fing es mit den hinteren Klauen auf und presste es mit dem eigenen Gewicht zu Boden. Mehrere Male knackte es laut und das Tier jaulte auf. Dann hob Bodin, mit dem Waranen im Griff, mit Mühen ab und flog in die Höhe.
Der Waranenreiter, der zwischen Waran und Drache eingequetscht war, fing an vor Angst und Schmerz zu schreien. Der Drache flog ungestört weiter bis sie eine luftige Höhe erreichten. Dann ging er in den Sturzflug über. Der Boden kam nun beängstigend schnell näher. Helmut musste aufpassen nicht aus dem Sattel geschleudert zu werden. Auf halbem Wege nach unten ließ Bodin die Gefangenen los und bremste selbst den Sturzflug ab.
Nun konnte er sehen wie die Opfer fielen und am Boden ankamen. Mit einem widerlichen Geräusch zerplatzten sie förmlich in ihre Bestandteile. All ihre Lebensäfte und Innereien verteilten sich auf dem Boden und ließen einen großen, bunten und stinkenden Fleck auf dem Boden zurück.
Triumphierend brüllte Bodin auf.
Tod.
Jetzt blieben nur noch drei übrig.
Dann flog er wieder den Bestien entgegen. Er flog knapp über dem Boden und versuchte aus dem Flug den reiterlosen Waranen zu packen. Dieser versuchte zu fliehen, wurde aber trotzdem an den Hinterbeinen gefangen. Dann flog er zum brennenden Rathaus und ließ ihn kurz vor dem Gebäude los. Der Waran krachte jaulend durch die brüchige Wand, während Bodin in einem scharfen Winkel nach oben abdrehte. Helmut bekam eine Gänsehaut, als er hinter sich das Brüllen des verbrennenden Tieres hörte.
Tod.
Nur noch zwei.
Eine Hand voll Soldaten bedrängten nun den verletzten Waran, den Bodin überrempelt hatte. Sie attakierten ihn mit langen Speeren und stachen nach seinem Gesicht, wenn er näher kam. Der Andere wütete jedoch unter den Angreifern und tötete einen Menschen nach dem anderen.
Bodin landete in der Nähe des Waranen, konnte ihn aber nicht mit einem Feuerangriff töten, da zu viele Freunde in der Nähe waren. Mit einem Sprung war er beim Waranen, der ihn mit einem Biss in den langen Hals empfing. Bodin brüllte auf und schüttelte Hals und Kopf heftig, um den Waranen abzuschütteln. Helmut wollte die Bestie mit Pfeilen beschießen, doch schon im nächsten Augenblick kämpften Drache und Waran wild miteinander und ließen ihm keine Möglichkeit zum Schießen.
Jeder versuchte den anderen mit einem Biss in den Hals zu töten.
Nach einem langen Kampf gewann Bodin die Oberhand und nahm den Kopf des Waranen zwischen seine riesigen Reisszähne. Nach kurzer Zeit floss dunkles Blut an den Zähnen des Drachen herunter. Dann schien der Waran rötlich zu leuchten.
Plötzlich schoss ein gewaltiges Feuer aus Bodins Maul. Da, wo die Flammen auf den Waranen trafen, schwirrten sie in alle Richtungen. Eine unglaubliche Hitzewelle erreichte Helmut und ließ ihn schwitzen. Doch noch unglaublicher war das Heulen des Opfers. Es war so laut, dass Helmuts Kopf schmerzte und er sich mit verzogenem Gesicht die Ohren zuhielt. Als das Heulen aufhörte, stoppte der Drache die Flamme und in seinem Maul sah man die erschlaffte, verkrüppelte Gestalt eines vierbeinigen Tieres. Bodin ließ die Leiche los. Sie fiel plump auf den Boden und zählte einen Toten mehr.
Tod.
Langsam wendete sich das Blatt zu Gunsten der Mereaner. Fast die ganze Stadt war geräumt und die letzten feindlichen Krieger flüchteten. Doch alles hatte seinen Preis gekostet. Es waren zweitausend Soldaten und dreißig Drachen losgezogen und nur noch sechzig Soldaten und ein Drache übrig geblieben. Das war ein Verlust, den das Land nicht einfach wegstecken konnte. Obwohl die Baraner in Kilian mehr als doppelt so viele Verluste erlitten und eine ganze Hafenstadt verloren hatten, war das wahrscheinlich kein großer Verlust für sie. Denn im Gegensatz zu den Mereanern hatten die Baraner Krieger im Überfluss.

Inzwischen bedeckte der Nachthimmel das Land und die Sterne und der Vollmond leuchteten. Von weitem konnte man Wolfsgeheul hören. Es passte zur Situation, denn dieser Tag war wahrlich zu beweinen. Die tapfersten Männer, die überlebt hatten, trauerten leise um die Gefallenen, denn kein Herz ist hart genug, um sich von so vielen Kameraden aufeinmal  verabschieden zu können. Und über der Stadt herrschte eine Ruhe wie noch nie zuvor.
Auch Helmut trauerte und betete mit gesenktem Kopf für die Gefallenen.
 

© Haldir
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Und schon geht's hier weiter zum 3. Kapitel: Die Reise beginnt...

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