Wie drei Hobbits nicht nach Bree kamen von Dietmar Preuß

Ein Stolzfuß wird bescheiden

Sie marschierten schnellen Schrittes. Solange die Schleifspur deutlich war, fielen sie sogar ins Laufen. Die Kuppen mit den runden Grabhügeln oder den einsamen Steinen umgaben sie schließlich, ohne dass das umliegende Land zu sehen war. Wie vor Jahren kamen die stummen Steine den Hobbits wie zur Mahnung erhobene Zeigefinger vor, als warnten sie ahnungslose Wanderer vor namenlosen Schrecken.
Sie mussten sich schon mitten im Hügelland befinden, als die Schleifspur einen Hügel hinaufführte. Bisher waren die Hobbits nur durch die flachen Senken und Tälchen  geführt worden. Die Sonne, die zwar noch nicht im Zenith stand, brannte ausgesprochen heiß, die Luft stand still und war unangenehm feucht.
Oben angelangt erkannten Merry und Pippin, dass eine dunstige Glocke über den Hügelgräberhöhen lag. Die dunkle Linie des Waldes war gerade noch zu erkennen. So wussten die Hobbits zumindest wieder, wo Westen war und konnten sich orientieren. Mehr war vom Land um die Höhen nicht zu erkennen. Durch den Dunst schimmerten allenfalls helle und dunkle Flecken.

Die Spur endete vor einem kleineren Hügelgrab, das sich halbrund, wie ein ungesundes Grasgeschwür, auf dem flachen Hügel erhob. In die Kuppe war ein ehemals rechtwinkliger Türrahmen aus grob behauenem Stein eingelassen. Der linke Pfosten und die Tür hatten dem Druck der Erde nachgegeben und waren zum Teil im Boden versunken. Der obere Balken war schräg nach links geneigt. Die Tür selbst bestand aus einem Stück Stein, in dem unbekannte Runen kaum noch zu erkennen waren.
"Dahinter liegt unser Borko, von einem Grabunhold verschleppt", stellte Pippin unnötigerweise fest.
"Was sollen wir denn jetzt machen?" Merry stemmte sich mit der Schulter gegen die steinerne Tür. Die bewegte sich nicht auch nur ein Stück, selbst als Pippin mithalf.
"Tom Bombadil hat eine Flanke des Grabhügels einfach eingerissen. Als das Licht hineinfiel, floh der Unhold", erinnerte sich Pippin.
"Aber wir haben nicht die Macht des alten Tom", warf Merry ein.
"Es reicht vielleicht aus, ein kleines Loch zu graben, so dass Licht ins Innere fällt. Wenn Borko noch lebt, könnte das den Grabunhold aufhalten, bis uns etwas besseres einfällt." sagte Pippin.
"Du hast recht. Schließlich sind wir Hobbits im Graben nicht ganz unerfahren."
Merry und Pippin hatten natürlich keine Schaufeln dabei. Daher zogen sie ihre Schwerter und begannen linker Hand neben dem Torpfosten die Grassoden wegzureißen. Als das Gras, das mit seinem Wurzelwerk den Boden zusammenhielt, weggeschafft war, kamen sie besser voran.
Die Hobbits knieten schon zur Hälfte in einem hüfthohen Loch, als sie auf Stein stießen. Merry schrie vor Schmerz auf, als seine Klinge auf einen riesigen Findling schlug. Die beiden Abenteurer sahen sich mit lehmverschmierten Gesichtern verzweifelt an.
"Oh je! Ich glaube, den alten Borko kriegen wir nicht wieder ans Licht", jammerte Merry.
Pippin kroch in das Loch und tastete den Stein ab.
"Ich glaube, ein paar Handbreit weiter rechts hört er auf. Zwischen Stein und Torrahmen muss eine Lücke sein, die nur mit Lehm gefüllt ist." 
Er schaute sich um und bemerkte den Schreck in Merrys Gesicht. Die Sonne näherte sich unaufhaltsam dem Horizont. In ihrem Eifer, den Kameraden zu befreien, hatten die Hobbits Stunde um Stunde gearbeitet, geschwitzt und sich über und über mit Lehm und Erde beschmiert, ohne zu merken, wie die Zeit verging.

Da flatterte plötzlich der Rabe Arbaels heran. Hätte Borko ihn sich am Vortag genauer angesehen, hätte er gemerkt , dass er nichts mit der Unglückskrähe gemein hatte, die ihn in die Falle gelockt hatte. Der Vogel blieb reglos in der Nähe sitzen, so als wolle er sie nicht ablenken.
Die Hobbits machten mit doppelter Anstrengung weiter. Sie hieben und stießen mit den Schwertern in die lose Erde und den festen Lehm. Hinter ihnen bildeten sich Haufen losen Erdreichs und schließlich fiel Merry nach vorne, als sein Schwert keinen Widerstand mehr fand. Er stieß sich den Kopf an dem teilweise freigelegten Findling, der in den Wall eingefügt worden war, um die Erdmassen zu stützen.
"Aua!" rief er und drehte sich weg.
In diesem Moment war aus dem Inneren ein langgezogenes tiefes Heulen zu hören. Das Heulen endete in einem Aufseufzen Jahrhunderte langer Unruhe, die nun Erlösung im Nichts fand. Pippin sah durch das kopfgroße Loch, wie Licht auf eine große dunkle Gestalt ohne Gesicht fiel. Der Umhang des Grabunholds, zerschlissen und lehmverschmiert, fiel in sich zusammen. Der unruhige Geist verschwand für immer vom Antlitz Mittelerdes.
Die Sonne hatte den Horizont inzwischen erreicht und ging langsam unter. Merry und Pippin stießen erschöpft aber glücklich die letzten Lehmbrocken beiseite, die sie am Zugang in die Grabkammer hinderten. Durch die schmale Öffnung zwängten sie sich ins Innere.
In der Mitte der Kammer lag Borko, in ein Leichenhemd gewandet und mit goldenem Stirnreif und zahlreichen Ketten und Armreifen geschmückt. Als der Unhold im Licht der Sonne entschwand, wich auch der Bann von seinem Opfer. Borko öffnete langsam die Augen und blickte sich um.
"Wo bin ich? Mir ist kalt", sprach er mit sehr leiser Stimme.
"Du liegst in einem der Hügelgräber," sagte Pippin. "Aber sei unbesorgt, der Grabunhold ist verschwunden."

Merry hatte Borkos Kleidung gefunden, und gemeinsam halfen sie dem Kameraden, sich aufzurichten und anzuziehen. Den goldenen Schmuck nahmen sie Borko in der Eile nicht ab, aber Merry und Pippin sahen sich um und betrachteten die reichen Grabbeigaben, das Geschmeide, die Gemmen und anderen Edelsteine, goldene Trinkgefäße, wertvolle Waffen. Alles war in Truhen und Körben verstaut, die offen standen und einen atemberaubenden Anblick boten. Staunend besahen die Hobbits die Schätze, nahmen hier einen Prunkbecher auf, probierten hier eine Kette oder einen Ring.
Plötzlich hallte das Grab von Flügelschlagen und Gekrächze wider. Arbaels Rabe war durch den Spalt gehüpft, flog laut kreischend im Rund und trieb die Hobbits förmlich aus der Grabhöhle hinaus. In der Nähe der immer noch geschlossenen Pforte staken Fackeln in rostigen Haltern. Pippin und Merry griffen sich jeder eine und zwängen sich dann hinaus. Borko trottete wie im Schlaf hinter ihnen her. Er verstand die Aufregung und Eile gar nicht.

Pippin hatte es beim Kreischen des aufmerksamen Raben geahnt. Die Sonne war fast untergegangen, nur noch eine schmaler Rand stand über dem Horizont. Der Mond war schon am dunkel werdenden Himmel zu erkennen und Pippin prägte sich ein, wie sie sich an ihm nach Westen orientieren konnten. Gleich würde die Sonne vollends untergehen, und dann sollten sie schnellstmöglich aus dem Hügelland verschwinden. Denn nach dem Sonnenuntergang würden die Grabunholde emporsteigen.
"Das schaffen wir nicht, das können wir gar nicht schaffen!" Merry wollte fast verzweifeln. Borko stand wie betäubt daneben, hatte doch auch er die Macht der Geisterwelt erfahren.
"Merry, schnell, schlag Feuer und zünde eine Fackel an. Nur eine, hörst Du?" Pippin sprach schnell, konnte aber die Ruhe bewahren. Borko stand dagegen die nackte Angst in den Augen.
"Hier!", forderte Pippin die beiden anderen auf und riss Streifen aus einem Leinentuch, in das einmal ein Brot eingeschlagen war. "Stopft euch das tief in die Ohren. Schnell!"
Die beiden nahmen die Fetzen entgegen und begannen Pfropfen daraus zu rollen. Ihre  Blicke galten dabei immer wieder dem Horizont, über dem nur noch eine schmale Sichel einer rotglühenden Sonne zu erkennen war.

Als der letzte Sonnenstrahl verblasste, wanderten drei erschöpfte, schmutzige und verängstigte Hobbits Richtung Westen durch das Hügelland. Sie konnten sich kaum noch auf den Beinen halten, blieben aber nicht stehen, aus Angst, einzuschlafen und dann von den Grabunholden geholt zu werden.
Diesen Marsch sollten sie nie in ihrem Leben vergessen. Schemenhafte, große Gestalten, lichtlose Schatten, kamen auf sie zu. Verzerrte, eingefallene Gesichter mit kalten, leblosen Augen bewegten die Münder, beschworen die Gefährten. Aber die Hobbits konnten die Bannsprüche nicht hören, denn ihre Ohren waren mit dicken Pfropfen aus Tuch verschlossen.
Die Grabunholde versuchten immer wieder sie aufzuhalten, getrauten sich aber nicht, in den Lichtkreis der Fackel zu treten und der heißen Flamme zu nahe zu kommen. Arme mit klauenbewehrten Händen griffen durch die Luft und wurden zurückgezogen, als Fackelschein auf sie fiel. Fordernde, ziehende Gedanken wollten sich in die Köpfe der Hobbits drängen, aber sie widerstanden und wichen nicht von ihrer Richtung ab. Unbeirrt marschierten sie nach Westen.
Nebel quoll aus den offenen Pforten der Gräber, umgab sie, konnte aber nicht die Sicht auf den Mond versperren, an dem sie sich orientierten. Schritt für Schritt zogen sie sich gegenseitig weiter. Borko stürzte einmal vor Schwäche und musste eine Weile durch die Finsternis gezerrt werden. Und immer wieder näherten sich vermummte Gestalten, schwebend und mit grausigen Gesten, um sie in ihren Bann zu ziehen.

Die zweite Fackel war nahezu abgebrannt, als der Nebel langsam lichter wurde. Das Gelände wurde flacher, immer häufiger tauchten Büsche und Gruppen zunächst dürrer, verkrüppelter Kiefern aus der Dunkelheit ins Licht der spärlichen Flammen. Selbst als der Fackelstumpf nur mehr glühte, hielt Pippin ihn noch hoch, während die Hobbits sich im Mondlicht vorwärts quälten.
Schließlich erreichten sie einen Trampelpfad, der von Süden kam und nach Norden zur Oststraße führte. Händler und Schmuggler gingen auf ihm auch des Nachts, wie sie wussten, ungefährdet von den gequälten Seelen der Hügelgräber. So erschöpft sie waren, so erleichtert waren sie, den Gefahren der Hügelgräberhöhen entronnen zu sein. Die Hobbits legten sich in das Heidekraut und fielen, mit aufgeschnallten Rucksäcken, in tiefen Schlaf.

Es war schon später Vormittag, als Pippin erwachte. Seine Muskeln schmerzten vom nächtlichen Gewaltmarsch und sein Rücken tat weh, da er krumm auf dem Rucksack gelegen hatte. Er blinzelte in den Himmel, dessen Blau nur von wenigen Wolken durchsetzt war.
Irgend etwas stimmte nicht. Der Wind rauschte nicht in den Bäumen, die Vögel zwitscherten nicht. Es war, als läge eine bleierne Stille über dem Land. Pippin hob den Kopf und rief:
"Merry, Borko! Wacht auf!"
Er erkannte seine eigene Stimme nicht, die dumpf und ohne Klang war. Dann fiel es ihm endlich ein und er pulte die Stopfen aus seinen Ohren, schmiss die Fetzen weit von sich. Jetzt drangen die Geräusche des Windes und der Vögel auf ihn ein, und er brauchte ein paar Herzschläge Zeit, sie zu ordnen. Voller Erleichterung schüttelte er den Kopf, als er die Welt wieder klar und rein vernahm.
Ächzend vor Schmerzen setzte er den Rucksack ab und reckte sich vorsichtig. Es zog und zerrte in allen Gliedern. Dann stieß er Merry und Borko an, die ihn mit verwirrtem Gesichtsausdruck anblinzelten. So musste er gerade selbst ausgesehen haben. Er tippte sich mit dem Zeigefinger ans Ohr und sein beiden Gefährten begriffen. Auch sie zogen die Pfropfen aus den Ohren. Borko blieb still, während Merry sofort losplapperte.
"Ich dachte, wir schaffen es nicht. Wenn die Fackel im Hügelland ausgegangen wäre, hätten die Unholde uns erwischt. Stellt euch vor, wir wären eingeschlafen..."
Sein Redefluß wurde gestoppt, als er versuchte, seinen Rucksack abzunehmen. Die Schmerzen ließen Merry zusammenzucken und er begann, sich ganz langsam zu dehnen und zu strecken.

Borko nahm ebenfalls seinen Rucksack ab, verzog aber keine Miene. Er war so in Gedanken, dass er das Reißen in Muskeln und Knochen nicht spürte. Die goldenen Armreifen rutschten hervor und klingelten leise. Verwundert betrachtete der Stolzfuß seine Handgelenke, tastete nach dem Stirnreif, der ihm wie eine Torque um den Hals hing.
Ein Schatten erschien in seinem Gesicht, seine Gedanken galten den Schrecken der letzten Nacht.
Dann fasste er sich, streifte die Armreifen ab und zog den Stirnreif über den Kopf. Beides hielt er Merry und Pippin hin, die das Gold verwundert entgegen nahmen.
"Ich habe das Gold nicht verdient, nehmt es. Ich war es, der uns alle in Gefahr gebracht hat. Anscheinend tauge ich nicht für Abenteuer. Nichts sehnlicher wünsche ich mir, als in meiner warmen, gemütlichen Höhle zu sitzen." Er machte eine Pause, Merry und Pippin schwiegen still. "Auch Thain will ich nicht werden. Am Ende muss ich die Auenländer selbst ins nächste Abenteuer führen. Nein danke! Und ich gelobe, ab sofort die Finger vom Gebrannten zu lassen. Wenn der mir noch mal den Kopf umnebelt, lasse ich mich vielleicht noch einmal auf eine Unternehmung wie diese ein." Nach einer kurzen Pause sagte er noch einmal. "Nein, danke!"
Merry und Pippin waren nicht wenig erstaunt über einen derartigen Sinnenwandel. Nach der letzten Nacht stand ihnen der Sinn aber nicht nach Hohn und Spott. So klopften sie Borko freundschaftlich auf den Rücken, denn als Freunde betrachteten sie einander fortan. Merry gab ihm den Stirnreif wieder.
"Behalte ihn als Andenken an diese Nacht und an diese Reise, Borko."
Der nahm ihn mit einem leise Danke an. So besaßen Merry, Pippin und Borko einen Teil des Goldes, das sie am Abend erbeutet hatten, und waren gar nicht unzufrieden.

"So können wir alle glücklich sein über den Ausgang des Abenteuers. Und jetzt wird gefrühstückt!", sagte Pippin.
Merry stand stöhnend auf, um Feuerholz zu suchen, Borko trug ein paar Steine für die Feuerstelle zusammen, Pippin sortierte die Vorräte. Bald saßen die drei Hobbits mit einem heißen Becher Tee zufrieden um das Feuer. Für jeden war ein halbes Brot und ein ordentliches Stück Hartwurst übriggeblieben. Äpfel und Birnen vervollständigten die einfache Mahlzeit, die ihnen wie das köstlichste Sonntagsessen mundete.
Pippin zwinkerte Merry zu. Auch der erinnerte sich an den letzten Abend in ihrer Höhle, als sie sich über den Geschmack des Bieres nach der letzten Reise nach Bree unterhielten. Mit diesem Frühstück war es ganz genau so. Mit dem Essen wurden die Hobbits fröhlich. Der Schrecken der Nacht in den Hügelgräberhöhen verblasste schon und auch das Ziehen und Reißen in den Knochen ließ nach.

Die Mittagszeit war schon längst vorbei, aber ein wenig Ruhe gönnten die drei Gefährten sich noch. Pippin schätzte, es sei nicht einmal mehr ein halber Tagesmarsch nach Norden zur alten Oststraße. Dort würden sie noch einmal ein Nachtlager aufschlagen.
"Ich glaube nicht, dass sich die Ostlinge so nahe an Bree herantrauen", sagte er. "Außerdem haben sie nach so vielen Tagen sicher die Lust verloren, weiter nach uns zu suchen."
Am nächsten Tag würde man Bree erreichen. Bis dahin sollten auch die letzten Vorräte noch reichen.
"Es wird aber auch Zeit, Herr Tuk, dass Du uns endlich nach Bree führst", spottete Merry. "Wir wollten doch nur ein kleine, gemütliche Reise machen und uns nicht mit Strauchdieben herumschlagen, traurige Elben aufsuchen und in den Hügelgräbern umkommen."
"Du hast wohl recht, Herr Brandybock, mit so vielen Hindernissen habe ich nicht gerechnet."
Borko grinste und nickte dazu. Auch er hatte die gute Laune, die einem satten Hobbit zukommt, wiedergefunden.
"Ist dies der Grünweg, der uns direkt nach Bree führt?"
Pippin schüttelte den Kopf.
"Der Grünweg liegt noch weiter im Osten. Dieser Weg hier ist nicht mehr als ein Trampelpfad.  Aber er wird uns bestimmt zur Oststraße bringen."
 

© Dietmar Preuß
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