Die legendären Krieger von Gordolon von Benedikt Julian Behnke
2. Teil: Das Runenschwert / 1. Buch
Die Königin der Elfen 2 - Auf der Jagd

"Schneller!" Darios Stimme war eindringlich, er fühlte, dass etwas nicht stimmte, sich etwas in den Schatten fern des Hochlandes bewegte und seine Schritte waren schnell und zielstrebig im sanften Hochgras. Rykorn hastete ihm hinterher, sein Atem ging schwer und seine Muskeln waren bis zum Zerreißen angespannt, ein leichter Schmerz hatte sich schon am Morgen in seinem Knöchel bereitgemacht und war nun voller Wucht aufgetreten, machte sich wieder und wieder mit unstetem Aufheulen bemerkbar. Und so stolperte der Hochländer eher, als dass er rannte. Er sah den Schemen des Dunklen vor sich, der es schaffte, ohne Halt zu machen den Spuren zu folgen. Die Mittagssonne brannte heiß auf ihre Rücken und erwärmte sie, sog sich in das Schwarz Darios Kleider und speicherte sich dort, die Hitze einer Wüste begann ihn zu umfangen, während der laue Wind von Süden dröhnte und ihm durch alle Glieder fuhr, sodass ein scharfes Stechen, wie von einem Messer in seiner Brust entstand. Sie hatten den Eisfluss schon mehrere Male überquert, denn die Spuren waren ungenau, verliefen mal westlich, mal östlich des Stromes und sie bewegten sich nur noch aus einem Grund, während sie Seitenstechen plagte, um noch rechtzeitig da zu sein, wenn Rune von Riagoth eingenommen wurde.
Schwitzend und mit schlapp hängenden Schultern erklommen sie einen Hügel, der größer als die anderen war und von dem aus sie sich umsehen konnten. Das Gras unter ihren Füßen war plattgedrückt und kurz, von den Tierherden in den Zeiten vor dem Krieg gegen die Dämonen abgegrast und kurz gehalten. Die eisige Luft schnitt scharf in ihre Kehlen und sie hatten Blasen an den Füßen von den unebenen Auen und den scharfen Felsen. Sie stoppten, stemmten ihre Arme gegen ihre Knie und hielten in dieser Pose mehrere Minuten lang inne, wobei sie ihre Blicke in die Ferne sandten. Seit diesem Morgen hatten sie die südlichen Rockhornscharten im Blick, deren Ausläufe steil und nur wenige Yard in die Höhe reichten. Sie blickten nach rechts und nach links, schon erhoben sich die zerklüfteten Felsen, zwischen denen der Eisfluss floss und dessen Oberfläche kühl glitzerte. Am Horizont sahen sie nun neben den schwarzen Silhouetten der Drachenzunge die Ufer des Gebirgssees, dunkelblau und schillernd wie Chitin.
"Nur noch wenige Meilen und wir erreichen die Ebenen von Argon!", stöhnte Rykorn völlig außer Atem und ließ sich ächzend auf die Knie sinken, während Dario breitbeinig, wie vor einem Kampf, noch immer auf der Höhe der Hügelkuppe stand und seine beschwörenden Blicke in die Ferne sandte.
"Wie weit sind die denn gelaufen? Wir müssten sie doch schon längst eingeholt haben!" Wieder und wieder suchte er mit verzweifelter Miene die Umgebung ab, erhaschte sogar in der Ferne den Streifen eines dunkelgrünen Waldes, der die Ausläufe der Drachenzunge säumte. "Da unten!", sagte er mit dem Finger deutend und sog die Luft noch immer durch den Mund ein, während seine schweißnassen, wirren Haare sich wie ein Spinnennetz über sein bleich gewordenes Gesicht gelegt hatten. "In den Wäldern machen wir halt! Die bieten uns Schutz!"
"Aber das ist weiter als ein Tagesmarsch!", protestierte der andere mit überschnappender Stimme, war einer Ohnmacht nahe. "Ich... Ich... Dafür werdet Ihr bezahlen, Dario! Das schwöre ich!" Drohend winkte er mit dem Zeigefinger, während ihm die Feuchtigkeit aus allen Poren stieg und das Gesicht schmal und dürr aussah.
"Wenn wir uns von der Strömung treiben lassen, schaffen wir es in einem halben Tag. Beschwert Euch nicht, Hochländer, ich weiß selbst, wie kalt das Wasser ist!" Und dann ging er, den zornigen in Blau und Silber Gewandeten ignorierend, dessen Fäuste sich fest geschlossen hatten. Größter Trotz strömte aus seinem Antlitz und seine Augen funkelten böswillig, während er der schwarzen Gestalt nachblickte, die auf die Strömung am Fuße des Hügels zuschlenderte. Seine Muskeln zuckten nervös, der Zorn wuchs, gewann durch etwas unmenschliches und dämonisches an Kraft, wurde zu einer Faust aus reiner Bosheit und Schwärze.
Töte ihn!
Der Befehl entstand deutlich hinter seiner Stirn, während ihn ein eisiger Windhauch ergriff und sich dunkle Finger auf seine Schultern legten. Krallen gruben sich tief und bestimmend in seinen Nacken, schickten eine Flutwelle von Gefühlen in ihn, verworren und unbarmherzig. Etwas erhob sich hinter ihm, materialisierte sich aus Frost und Wut, strich ihm kühl über die nassen Wangen und liebkosten die Wunden, die sie ihm im Fleisch zugefügt hatten. Er fühlte, wie die Innere Verletzung gestoppt und etwas kühles, scharfes hineingeschoben wurde und die Brutalität ihn wie Blitz aus Angst durchzuckte. Die Gegenwart von etwas wehendem, berauschendem war hinter ihm und er lehnte sich zurück, um die Haut der schönen Frau zu spüren, fühlte auch ihren aufreizenden Körper in seinem Rücken, ein Schimmer, eine Farbveränderung im Nichts, dennoch real.
Töte ihn!
Und genau in dem Moment drehte sich Dario um, ein Lächeln auf den Lippen des Dunkeln wandelte sich zu einem hasserfüllten Ausdruck, wobei sich ihre Blicke trafen, Stromstöße durch ihre Körper jagten und die Hitze der Anstrengung zu Kälte werden ließ. Rykorn wurde sich bewusst, dass er die Klinge fest in seiner Hand hielt, und dass das Kurzschwert wie Silber und Gold in einem glitzerte, noch immer die Narben und Kratzer der früheren Gefechte aufweisend. Und dann rannte er los, hob das Schwert mit einem unnatürlich schrillen Kampfschrei über den Kopf, in seinen Augen loderte der Wahnsinn rot und durch einen frostigen Wind in seinem Rücken angefacht. Die Kraft eines Sturmes trieb ihn hinab und verließ ihn, als Dario mit einem hässlichen Zwinkern sein Schwert aus der Scheide riss. Ein kurzer, grünlicher Schimmer durchfuhr die Waffe und seine großen Hände schlossen sich fest und feucht um den stählernen Griff. Die Waffe schien zu lodern, dann prallten die Klingen gegeneinander, Metall kreischte auf Metall und Funken stoben, während der Wind um sie herumschlug, eine Arena aus eisiger Luft um sie herum bildete. Giftiges Eis brannte in ihren Fingern, während sie plötzlich beide von etwas angetrieben wurden und ihr Kampf war lang und erbittert. Ihre ohnehin schon zerfurchten und von Krämpfen geplagten Leiber wurden erneut erhitzt und belastet, während ihre Kopfe dröhnten und ihre Glieder in Richtung Erde gesogen wurden. Nur mit viel Mühe konnte Dario die wütenden Angriffe Rykorns abblocken und kam nur selten zu einem Gegenangriff, wurde stattdessen immer weiter zurück gedrängt und die scharfen Ufersteine des Eisflusses berührten das Leder unter seinen Fersen.
Dann taumelte er, ließ sich zurückfallen, drehte aber im letzten Moment noch seine Haltung, sodass der Schwerthieb des Blauen in die Leere ging und Dario ins seichte Ufergras fiel. Mit einem kurzen Kraftschrei trat er nach den Beinen des anderen, spürte wie unter dem Gewicht des Aufpralls Knochen knackten. Behände richtete er sich auf und stach noch in der gleichen Bewegung mit dem Schwert nach dem anderen. Jedoch riss Rykorn das Schwert nach oben und ließ den Hieb daran abprallen. Drehte sich auf den Bauch und stemmte sich mit beiden Armen in die Höhe. Schmerzen durchfuhren sein rechtes Schienbein und er tänzelte benommen rückwärts, hielt das Kurzschwert jedoch horizontal vor seinen Oberkörper und so schabte die Schneide des Dunklen daran, durchtrennte nur den Brustpanzer.
Plötzlich aber hielt der Schwarze eine zweite Waffe in der Hand, ein langes Messer, das schemenhaft vorschnellte und sich in Rykorns Oberarm grub. Er brüllte auf, als die Waffe Bänder, Sehnen und Muskeln zerstieß, sich fest in sein Fleisch grub und sich dort drehte. Blut quoll hervor und ein durstiges Lächeln war in den Augen Darios zu lesen, dann wurde nach dem Soldaten getreten und Rykorn fiel mit pochenden Schmerzen ins Gras, während sich rote und schwarze Flecken auf seiner Pupille ergossen und wie Feuer brannten.
Dario hielt das Schwert weit von sich gestreckt auf die Stirn des am Boden Liegenden und wendete die Klinge, sodass dunkelroter Lebenssaft das Gesicht Rykorns überströmte, von dem aus nur noch ein klägliches Winseln zu hören war. Dann hob er das Schwert auf Brusthöhe und ließ es mit einem schneidenden Geräusch hernieder sausen.
Ein Schwall frischen Rots sprenkelte sein Gesicht.
Der Eindruck einer Arena verschwand und die Wirklichkeit kehrte scharf und beißend zurück, Schwäche ließ sich deutlicher als vorher fühlen und er sackte in sich zusammen, während sich Blut mit Schweiß mischte, und es war sein Schweiß, aber nicht sein Blut...
Er atmete zuckend und schnell, sein Herz raste und Kälteschauer überkamen ihn, während er sich im Licht seines Triumphes sonnte, das auf einmal unwirklich und dunkel war, kälter, als er es erwartet hatte. Dario Aarósil kniete vor dem Leichnam seines ehemaligen Freundes und Mitstreiters, unfähig sich zu bewegen und seinen Blick von dem blutrünstigen Gemetzel abzuwenden, was sich vor ihm ausbreitete. Er hatte gesiegt, doch nun empfing ihn kein Triumphzug und kein Jubel, sondern nur Leere und das Dunkel, Kälte, die sich wie eine Decke um ihn legte und ihn in einen anderen Zustand des Seins wiegte. Ein monotones Geräusch, eine Stimme in seinem Hinterkopf, redete mit ihm, beruhigend und einverstanden, versprechend und zugleich fordernd, eine Stimme, die von Geben und Nehmen sprach, von Zuversicht und Liebe, Macht und Magie und Schönheit, jedoch auch von Bosheit und Gier. Und ihm wurde klar, dass er diese Stimme kannte und dass sie älter war, als alles vorher da gewesene, durchdringender und wahrer. Es war die Stimme des Windes und von einer Frau, die ihre Arme schützend um ihn legte und ihn versuchte warm zu halten. Sie hatte die Ruhe von Wasser und die Intensität von Wind und er wusste, dass sie die Wahrheit sprach, von Gerechtigkeit und Treue, und einem Verrat ihr gegenüber, und dass sie sich rächen wollte. Rächen, an dem, der ihr dieses Leid zugefügt hatte.
Die Gestalt, die er sich dabei vorstellte, zeigte ihm nun ihre Handgelenke, bleich und blutleer, gestraft von tiefen, ausgefransten Einschnitten. Sie erzählte ihm eine Geschichte, eine Geschichte von Kampf und einem Schwert, welches die Macht in Person war und ihr diese Schmerzen zugefügt hatte und sie sagte, dass es dabei giftgrün gelodert hatte, dass die Steine, die in es verarbeitet waren, von magischer Natur waren. Sie erzählte ihm alles, von Anfang an, die Geschichte der Rassen und ihren ersten großen Kriegen, als die Orks, Trolle, Gnome und Schattenwesen im Auftrag des Herrn der Winde und unter der Führung des Muragecht gegen das Bündnis der Menschen, Elfen und Zwerge gekämpft hatten und wie sie schließlich alle gefallen waren und nur noch ein König der Menschen da war, um neues Leben zu erschaffen. Es waren Zauberer und Magier, Druiden und Hexer im Spiel und ein Name war ganz deutlich zu vernehmen, Shar Eszentir, der Träger des geheimnisvollen Schwertes aus Schatten, dessen grüne Magie der Steine Riagoth vernichtet hatten. Und wie sie, Melwiora, jetzt wieder auferstanden wäre, um sich an ganz Gordolon zu rächen.
Die Eisfrau erzählte mit säuselnder, betörender Stimme, die Dario in ihren Bann schlug, während die Zeit still zu stehen schien es in seinem Kopf rumorte, der Malstrom in seinem Hirn saugte die Worte ein und verwertete sie. Die Blicke des Hochländers waren leer und trüb, und er spürte nur den eisigen Hauch ihres Atems und den des Todes, der ihn geißelte. Und mehr und mehr begann er sie zu verstehen und so rückte sie fort von ihm, nur Erinnerung blieb als verschwommenes Bild und ein Hauch von Macht schloss sich um sein Denken, umnebelte es und hielt ihn, dicht über dem Abgrund der saugenden Schwärze...
Und dann stand er auf, richtete seinen Blick starr und intensiv in die Richtung, in der die Wälder lagen und aus denen sich fern ein groteskes Gebilde formte, Zinnen und Wälle, und ging, während die Luft um ihn herum zu spiegeln begann und das Feuer auch in seinen Fingerspitzen brannte und seine Hände erwärmte. So ging er hin, als schleppe er eine Tonnenlast und lief, stieg ins Wasser und die Kälte umspülte ihn, doch er fühlte nichts, einzig und allein das Feuer in ihm war heiß genug alles andere zu versengen und es pulsierte so dicht unter seiner Haut, dass es für ihn war, als stecke er in einem Kostüm, das zu Eis erstarrte, jedoch seine richtige Haut darunter wärmte und unberührt ließ.
Er schritt durch das Wasser, ließ sich treiben, während sein Blick dem Himmel entgegenhing und in Verrücktheit und Verwirrung glasig wurde, und dann fiel er, wurde hinabgezogen in einen endlos erscheinenden Abgrund, während alles um ihn leicht und schwerelos wurde, nur er war das größte Gewicht und erst der donnernde Aufschlag riss ihn schmerzvoll aus der Trance der Worte, die ihm von den Geistern und Schatten um ihn herum zugeflüstert wurden...

Schatten.
Dunkelheit.
Leben.
Tod.
Verderben.
Abgrund.
Fall...
Die Vision des Schattens verging, die undurchsichtigen Schichten eines schwarzen, rauchigen Nebels erblassten und die unheimliche Leere der sonderbaren Umgebung formte sich mit dem Aufschlagen der Lider in die Umrisse von Steinen, die gerade übereinandergeschichtet und alt, grau und verwittert waren. Und Timotheus Warrket setzte sich im Bett auf, den Kopf betrübt nach vorne geneigt, die Hände noch immer in den wärmenden Falten der groben Decke vergraben. Er fragte sich, ob es überhaupt so etwas wie Sicherheit und Liebe gab, die über das Böse siegen sollte. Jedoch wusste er sofort, dass es nicht so war, dass die Dunkelheit überall war und es zu viel gab, um jemals etwas erretten zu können.
Sein Blick lag starr auf den rissigen Bodenplatten des Raumes, wo sich leichte Fäden von Spinnweben erhoben und senkten. Er trauerte. Trauerte um Rykorn, Dario, Rune und das Hochland. In den Bildern des Schattens hatte er gesehen, was die Eisfrau mit der letzten Rettung des Landes machte, hatte gesehen, wie sie diese verführte und zu ihren Eigenen machte. Er hatte gesehen, dass es ihr Freude bereitete sie alle ins Unglück zu stürzen, mit Lügen, die auf eine gottverdammte Weise keine waren! Hätte er genug Kraft besessen, hätte er mit der geballten Faust gegen den Bettkasten geschlagen, doch sie war ihm entzogen worden, langsam und erst beinahe unmerklich, doch dann mit so brutaler Gewalt, dass er leblos umgefallen wäre, hätte er sich nicht an den Schatten geklammert. Er begriff die Aussichtslosigkeit ihres Unterfangens, wenn mehr als die Hälfte der legendären Krieger verloren waren, denn sie waren es, die letzten Nachkommen, wiedergeboren aus den alten Legenden. Nur wussten sie noch nichts davon, der Schatten würde bestimmen, wann er es ihnen erklärte. Und der Zeitpunkt der Wahrheit rückte näher, kam schnell und lautlos, war vorherbestimmt und selbst Riagoth würde dagegen nichts unternehmen können. Aber sie würde ihre Herzen und Geister verwirren können, sodass sie nicht mehr fähig waren ihr Schicksaal zu erfüllen. Sie konnte die Akzeptanz aus ihren tiefsten Tiefen hervorbringen und sie zu gestaltlosen Wesen werden lassen, indem sie alle betrog und den Saft ihres Lebens in sich aufnahm, ihre Magie stahl, um sie selbst zu gebrauchen. Und sie hatte einen neuen Führer ihrer Armeen erwählt, einen neuen Muragecht, dem sie die Fähigkeit zu zaubern verliehen hatte. Sie hatte ihm Magie geschenkt und ihn auf die Reise des Erkennens geschickt.
Angewidert schüttelte er den Kopf, Tränenflüssigkeit entwich seinen Augen und spritzte umher, als silberne Funken vor dem Nichts, in das er erneut zu gleiten drohte. Doch er riss sich zurück, zerrte sich selbst wieder ins Licht und erhob den Blick, um in das Antlitz des Erscheinenden zu schauen, der sich aus den Schatten des Raumes materialisierte, deutlicher wurde und im Dunkeln Umrisse formte. 
Ramhad stand vor ihm, voll Bosheit und Schwärze und seine Gestalt war verändert, auf eine groteske Weise verändert, sodass Timotheus unweigerlich zusammenzuckte. Sein Gesicht war verschoben, nur noch stellenweise menschengleich, das eine Auge glühte in einem bösartigen Rot, war umrahmt von schwarzem Chitin und loderte wie Feuer. Seine Zähne waren vergilbt und scharf, zu leichten Spitzen geformt, seine Züge schärfer und faltiger, lederner und dunkler, und seine eine Hand nur noch eine dürre, knochig geschwungene Klaue. Seien Gestalt war magerer und ausgemergelter, tief nach vorne gebeugt und aus dem so entstehenden Buckel standen Flügel heraus und die noch normale Haut darum war aufgerissen und blutig, vernarbt und dünn, wie ein Anzug über einer teuflischen Ausgeburt. Und das war es auch. Ramhad, das Schattenwesen, war einfach nur noch hässlich, sehnig und seine restliche Haut verkohlt und von Brandblasen übersäht, als hätte sich das Feuer der Magie in ihn geschlagen. "Du bist verlassen, Mensch, verlassen, ha, ha, ha, ha!" Seine Stimme war verzerrt und sein Lachen teuflisch und siegesgewiss, seine rotglühenden Dämonenaugen verrückt und seine Bewegungen zuckend und ruhelos, als währe der Kern des Bösen drauf und dran zu explodieren. Der orange Funken in der Laterne war nur noch klein und die Schwärze drang von allen Seiten, aus allen Winkeln und hatten ihn eingekreist. "Deine Freunde sind tot! Ha, ha, ha, ha!"
"Nein! Warrket schüttelte verbissen den Kopf und trat zurück, ballte zitternd die Hände zu Fäusten und fühle den Schmerz seiner Nägel in seinen Handflächen, den Schweiß und das mit erlösender Wirkung hervortretende Blut. "Du Lügst!", stieß er mit brüchiger Stimme hervor.
"Nein...", brüllte der Dunkle weitausartend und ging schnell auf den alten Mann zu, streckte seine pechschwarzen Pranken aus, um den dünnen, sehnigen Hals zu packen und einfach zu zerdrücken. "Ich werde dich schon hier töten!" Noch während er sprach verwandelte er sich zurück, der Dämon verschwand unter der abstoßenden, menschlichen Oberfläche und sogar die harten Sichelkrallen, die den Hals des Hexenmeisters umschlossen hatten, wichen noch in der Bewegung einer bleichen Faust. Ramhad hob Timotheus gewaltvoll an und presste ihn fest und unnachgiebig gegen den Mauerstein der Wand.
Die groben Finger drückten dem Magier die Luft ab, schnürten ihm die Kehle zu und mit grausig verzerrter Miene stöhnte der alte Mann auf, das verrückte Funkeln in den Augen des Wandlers war geblieben. Dunkelheit und bedrückende Schwärze umfassten Timotheus und rangen ihn nieder... Bis der Alte ohnmächtig wurde und zu Boden sank, schlaff und beinahe leblos. Der Griff Ramhads lockerte sich und der Große trat einige Schritte zurück, entspannte seine Muskeln und starrte auf den zusammengekauerten Leib des Alten, während er sich einen Stuhl mit knarrenden Geräuschen herbeizog und sich darauf niederließ. Er wollte warten, bis der Hexenmeister aus seiner Ohnmacht erwacht war, um ihn dann erneut den Ritt in den Tod zu zeigen...
Schwärze...
Erneut an diesem Tage erwachte der Alte, die wattigen Schichten seines Schlafes klärten sich, und er spürte, dass der Druck auf seinen Hals verschwunden war, einen dröhnende Taubheit jedoch noch immer in seinem Brustkorb und seiner Kehle herrschte. Und dann erinnerte er sich, erinnerte sich an Ramhad und die Qualen, die er ihm so plötzlich und mit seiner teuflischen Litanei von Lügen auf seinen Lippen zugefügt hatte.
"Erinnerst du dich an den Tag, an dem wir dich gefangen nahmen?"
Erst schreckte der Alte hoch, seine Augen huschten verzweifelt und angsterfüllt umher, unfähig sich an den Anblick des Roten zu gewöhnen, dessen Stimme ruhig und beinahe besänftigend klang, ein Singsang in den Winden, wenn der Sturm verstummt. Doch dann erkannte der Magier, warum Ramhad gekommen war und er verstand, weshalb der breitschultrige Dämon sich erst in seiner wahren Gestalt gezeigt hatte. Also blieb er bewegungslos dort sitzen wo er war, in einem Winkel im Zimmer, wo sich die rauen Steine wärmend an ihn schmiegend und ihn vor dem Fallen bewahrten. Er begegnete seinem Blick mit Toleranz und Verständnis.
Der Ausdruck auf dem Gesicht des anderen war beinahe kindlich, verspielt und voller Erinnerung. "Wisst Ihr, Zauberer, ich war nicht immer so wie jetzt. Die Eisfrau hat mich gefunden, hat mich in meiner wahren Gestalt gesehen und hatte mitleid..." Er sann einen Augenblick über das Gesagte, während es für den Hexer aussah, als würden sich Tränen in den tiefen Augen bilden - doch er war sich nicht sicher, ob ein Dämon wirklich dazu fähig war zu weinen -, entschied sich dann aber doch seine Geschichte zu erzählen. "Ich werde dir etwas erzählen, Timotheus,", sagte er vollkommen gefasst, während seine Hände ineinander gesteckt waren, sodass er die Laterne mit beiden Händen halten konnte, "bevor ich dich in den Tod schicken werde."
Er neigte kurz den Kopf hinab auf seine Brust und überlegte sich seine nächsten Worte genau und der Magier kapierte, was der Wandler zu erzählen hatte.
"Ich bin nicht aufgewachsen, wie ein normaler Junge. Man hat mich ausgesetzt - ich sah nicht immer so aus, das müsst Ihr verstehen - und ich war auf mich allein gestellt. Schon früh lernte ich das Handwerk des Tötens. Alles begann, als ich erwachte und mich in einem verlassenen Dorf wiederfand. Ich erwachte einfach wie aus einem Traum, hatte keine Ahnung von dem, was vorher hätte sein sollen, denn dort war nur Schwärze. Ich musste etwa sieben Jahre alt gewesen sein... Jedenfalls lagen überall Leichen herum... Der Tod hat mich schon früh geprägt und als ich aufstand, griffen mich Wölfe an. Es war eine ganze Horde von Werwölfen... Eher geistesabwesend griff ich damals nach einem Knochensplitter und verteidigte mich. Und so lernte ich zu töten. Es war leicht und ich tat es aus reinen Instinkten heraus, ohne Hemmungen griff ich die Pelzigen an und stieß ihnen meinen Waffe in den Leib. Und als alle tot waren, ging ich. Ich wusste nicht wohin und erst nach einigen Tagen wurde mir bewusst, dass ich mich mitten in den Bergen des Eulenkataag befinden musste. Noch immer trug ich meine improvisierte Waffe... Und dort traf ich auf ihn." Er sah durch das Fenster hinaus - draußen herrschte bereits wieder Dämmerung -, als wolle er einen Gegner mit seinen Blicken lähmen, erinnerte sich an die Tücken der Kreatur und was sie ihm angetan hatte... "Es war ein Koden*.", sagte er schließlich und die Laterne blinzelte wie ein einziges, bösartiges Auge. "Und ich sah ihn, bevor er mich sah. Doch dann war mein Glück auf einmal vorbei, denn das Bärenwesen war schneller, als ich vermutet hatte. Es schlug zu, noch bevor ich etwas merkte und..." Er schüttelte ungläubig und den Tränen nah den Kopf, während er die Luft scharf aus seinen Nasenlöchern pfiff, seinen Blick noch immer in die Ferne des Ostens gerichtet. "Schon im nächsten Moment fehlte mir mein linker Arm..." Nur kurz zuckte er zusammen, schniefte dann irreal menschlich und hielt seinen Arm in die Höhe, über dessen ganzes unteres Stück sich der große Lederhandschuh spannte. "Aber, als ich zu bluten begann, kam etwas aus meinen Schreie, was den Koden zurückdrängte und ihn angriff. Und ich erkannte, dass es Magie war. Sie heilte auch meine Wunden in kürzester Zeit und so blieb nur noch ein Stumpf übrig, unter dem die Magie pulsiert, meine Magie..."
Wieder das verrückte Funkeln in seinen Augen, dachte Timotheus, doch er sprach es nicht laut aus.
"Einige Jahre lebte ich in den Höhlen der Berge, aus Angst, das andere Leute Jagd auf mich machen könnten, und so passte ich mich den engen Gängen, Schluchten und den ewigen Schatten an, wurde zu dem was ich heute bin und somit auch zum Abbild meiner Kinder. Ich bin sehr alt, musst du wissen, und ich war da, noch bevor Senragor das Licht der Welt erblickt hatte, denn die Magie verlieh mir ein unnatürlich langes Leben. Und so lebte ich wie im Traum, bis mich vor einigen Jahren Melwiora fand. Ich diente ihr bereits in den Tagen vor dem letzten großen Krieg... Jedenfalls brachte sie mir bei, meine Gestalt unter Kontrolle zu halten und machte mich zu dem, was ich bin, ein Wandler. Nun muss ich mich nicht mehr verstecken, doch der Tag enthüllt mehr von mir, als die Nacht verbirgt. Deswegen komme ich nur nachts zu dir. Am Tag sind meine Kräfte geschwächt. Ich musste ihr ein Versprechen geben, dafür, dass sie mir half und ich willigte ein. Mein erster Sohn war Arborak Dun, der Dunkle Dämon, der sich noch immer in den Schatten des Hadesfelsens verbirgt. Meine anderen Kinder sind Klone. Sie hat die Technik des Vervielfachens der alten Welt entnommen, als noch Maschinen ganz aus Eisen und Stahl waren. Doch die früheren Menschen haben sich selbst vernichtet und sind mit dem größten Teil ihrer Zivilisation untergegangen und verbrannt..." Ein bösartiges Lächeln huschte über seine Lippen und seine Augen glommen dämonisch, dann richtete er sich zu voller Größe auf, um sein Werk zu vollenden, den Gefangenen erneut in eine Welt jenseits allem Körperlichen zu stoßen...


Koden: Man glaubt, dass es nur wenige ihrer Art gibt, da ihr Fell die Farbe des Gesteins hat, vor dem sie stehen. Sie können sich perfekt ihrer Umgebung anpassen, sind also fast unsichtbar, und bärenähnliche Gestalten, nur größer und breiter, ihre Klauen und Zähne sind schärfer und länger. Da sie sich nur selten bewegen, sind sie nur aus nächster Nähe von dem Fels zu unterscheiden und sie lauern ahnungslosen Wanderern auf, die zufällig in ihre Nähe kommen. Deshalb sind sie meist in Sandsteingebirgen zu finden, wie zum Beispiel dem Eulenkataag.
 

© Benedikt Julian Behnke
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Und schon geht's weiter zum 23. Kapitel (3. Kapitel des 3. Buches): "Das Volk der Elfen"

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