Die legendären Krieger von Gordolon von Benedikt Julian Behnke
2. Teil: Das Runenschwert / 1. Buch
Die Königin der Elfen 3 - Das Volk der Elfen

Als sich die Türen öffneten, beobachtete Sephoría Eszentir Kajetan genau, betrachtete die schlanke, breitschultrige Gestalt des Truppführers mit wachsendem Interesse und seine hungrigen Augen schienen gar nicht mehr leer und süchtig, sondern angefüllt mit Zuversicht und Mut, dennoch verrieten seine Gesten Anspannung und Unsicherheit. Anscheinend wusste er nicht, was er dem Elfenvolk erklären sollte und wenn die Königin sich weiter damit beschäftigte, fiel ihr auf, dass auch sie sich nicht recht sicher war, wie ihre Antwort auf einen bevorstehenden Krieg war. Ihr Bruder hatte ihr viel erzählt und geraten Krakenstein zurückzuerobern, da es eine wichtige Feste im Tiefland war, vielleicht die wichtigste überhaupt, aber die Sorge um ihr Volk war groß genug, dass sie die Bitte abschlug. Sie wusste, was aus einer einfachen militärischen Handlung heraus alles geschehen konnte und sie war momentan nicht gewillt die Risiken einzugehen, die dabei auftraten. Jedoch wollte sie warten, mit welchen Argumenten Josias kam, denn sie war ihm nicht abgeneigt, eher war es so, als kannten sie sich schon lange und er wäre ein guter Freund oder vielleicht mehr?! Sie schüttelte den Gedanken ab, als Königin der Elfen durfte sie sich nicht in einen Menschen verlieben, vor allem nicht in einen Soldaten, der vielleicht bald sein Leben in einer Schlacht verlieren würde. Ihre Blicke waren geheimnisvoll und hochmütig und unter der geschminkten Fassade befand sich eine Frau, die zwar schön, aber nicht allmächtig war. Sie besaß Weisheit, Treue und Großmut, doch brachte schon der kleinste Fehler seine Folgen mit sich. "Tretet ein", befahl sie ihm, "und erblickt das Volk."
Kajetan trat schnell hindurch, seine Augen glitten durch den Besprechungssaal, der in einem hellen, völlig fremden und eigentümlichen Licht schimmerte. Rechts war ein Balkon, von dem aus man über das ganze Aróhcktal hinwegsehen konnte, Fackeln und Laternen blitzten dort zwischen den Büschen und Blätter, die dunkelgrün und dick wie gegerbtes Leder herabhingen. Auf ihnen war Tau und Feuchtigkeit, Spinnweben zwischen ihnen waren wie gleißende Perlenketten, wenn sich das gedämpfte Licht in ihnen brach. Ein lauer Wind durchdrang den Marmor, die hohen, mit feinem Holz verzierten Fenster und die seidigen Wandteppiche, auf denen Gemälde und Abbildungen der früheren Kriege und des Landes waren.
"Das sind meine Nähesten, sie sind direkt Gewählte aus dem Volk und sprechen für es." Sie wies auf ein halbes Duzend Männer und Frauen, die sich von einem großen Tisch aus dunklem Holz in der Mitte des Raumes erhoben und der fast das ganze Zimmer ausfüllte, und so war trotz der Weite ein Gefühl von Bedrängnis. Die Luft roch feucht und war geschwängert von den süßen Düften der Stoffe und den goldroten Blättern der Bäume, die Geräusche des brausenden Wasserfalles rauschten und hallten in der Ferne und die Schatten der Rocks, die über den dämmrigen Himmel glitten, waren schwarze Flecken vor einem graublauen Himmel, dessen Horizonte mit den Schemen von Wolken gespeist waren. "Daurin Twron." Sie weiß mit dem Finger auf einen noch ziemlich jungen Halbelfen, der Orkin bis auf weniges glich, bis auf die Tatsache, dass sein Mund schmaler und Elfenzüge deutlicher waren. Das pechschwarze Haar floss ihm über einem silberbestickten Stirnband wie ein schwarzer Fluss hinab und bedeckte seinen Rücken zum größten Teil. Er war gewandet in silbergraue Gewänder, die allesamt kurz und enganliegend waren. "Wir haben ihn erst seit kurzem eingestellt, als der Drachenreiter verschollen war." Sie machte eine bekennende Geste und neigte ihr Haupt im stillen Gedenken. Josias erinnerte sich an den Tag, an welchem er um das Leben des Drachen gekämpft hatte und erneut durchströmte ihn das Gefühl, welches ihn schon damals überkommen hatte, stiller Hass und Zorn auf die Dämonen und die Wandler.
"Ich sah ihn in den Wäldern des Tieflandes, noch bevor er starb..." Seine Stimme war fest und er drückte sich mit gewählten Worten aus, nur zum Schluss brach die Härte und er hielt die Tränen der Erregung und der Trauer zurück. Denn schon aus seinen Dienstzeiten hatte er den Flugreiter gekannt.
Sephoría nickte wissend und tonlos, ihre Augen waren wie Sterne, die plötzlich Ruhe und Frieden ausstrahlten und erst das brachte ihre wahre Schönheit zum Vorschein. "Dieser hier heißt Arkanon Vivren, er ist Ausbilder und General unserer Truppen." Arkanon hatte nur wenig von einem Elfen, sein Haar hatte nur die Länge von weniger als einem groben Zoll, war dünn und golden, zwei kürzere Strähnen hingen rechts und links seines braungebrannten Gesichtes. Seine Augen waren lustig und klein, und seine Haut von Wind und Wetter gegerbt, Falten waren tief wie Furchen und sein Körper war schlank und muskulös. Er trug eine Uniform aus rotgefärbtem Seegras und der lederne Gürtel um seine Hüften war aus dunklem Leder und hielt ein breites Sichelschwert. Ruhig lagen die groben, starken Hände an seiner Seite, immer bereit nach dem Griff des Schwertes zu fassen. Der Truppführer nickte ihm kurz zu und erhaschte ein freundliches Flackern seiner himmelblauen Augen. "Und die Letzten in unserem Bunde sind Garrian, die Befehlshaberin der Leibwache, und Cyriak, der beste Heiler unseres Landes." Garrian war eine junge Elfe, die einen Mantel aus Seegras und Ragón trug, der verziert war mit Silber und auf ihrem Rücken waren ein Langbogen aus Eschenholz und mehrere Pfeile. Ihre Züge waren schmal und ihr Gesicht kindlich, das Haar kurz und staubfarben, war zerwühlt wie nach einem langen Kampf und ihre Lippen waren so rot wie das Blut, das durch ihre Adern strömte. Cyriak war ein älterer Herr, sein Gesicht bartlos und vernarbt, die Augen lagen in tiefen Höhlen und seine Haut war von Beulen übersät. Er bewegte sich stockend wie ein Blinder und seine Kleidung bestand hauptsächlich aus leichter Seide, die raschelnde Geräusche von sich gab, wenn er sich bewegte. "Berichte uns nun, was du uns zu erzählen hast.", sagte sie ruhig und setzte sich an das Kopfende des Tisches, während auch die anderen platz nahmen.
Unschlüssig rutschte Kajetan auf seinem Platz hin und her, seine Finger spielten mit etwas, das er unter seinem Lederpanzer hervorgezogen hatte und seine hungrigen Augen leuchteten in unbestimmten Farben, als er zu sprechen begann. "Tote reihen sich auf.", sagte er tonlos und schluckte, während er ziellos durch die Gegend blickte, wohlwissend, dass das, was er von den Elfen verlangte, groß war. "Das Hochland ist zerstört und von den Dämonen eingenommen. Schattenwesen ziehen dunkel und bedrohlich durch die Wälder, haben bereits die Barriere durchdrungen und nagen bereits an den magischen Bänden, die um diese Feste geschlossen sind." Er machte einen Moment Pause, um seine Worte wirken zu lassen und sah dabei hilfesuchend die Königin an. Doch Sephorías Blick verreit ihm, dass er es alleine durchstehen musste, ohne die Hilfe einer Königin.
"Ich sah sie, als ich vor zwei Tagen die Gegend umkreiste.", warf Daurin ein und seine Gestalt war dunkel und fest, sein Gesicht eine steinerne Maske, unfähig Gefühle zu zeigen. "Meine Augen richteten sich auf sie, doch die Schwärze ihres Seins entglitt mir, als die Dämmerung hereinbrach."
"Sie bewegen sich nördlich,", erklärte Vivren, "um sich in den Tälern zu sammeln. Wenn wir nicht etwas unternehmen, werden sie bald den Warmakin überquert haben und dann sehen wir schwarz." Er lächelte scheinbar amüsiert und legte sich die Hand gegen sein Kinn, während er sich auf der Tischplatte abstützte. "Es reicht schon, dass sie den Wachturm von Pakin eingenommen haben." Er schüttelte wegwerfend den Kopf und machte eine Geste in die Runde, während er nachdenklich das dunkle Holz betrachtete. "Nein, nein, noch ein Risiko werden unsere Truppen gewiss nicht eingehen. Wisst Ihr, Truppführer," Jetzt sah er Kajetan direkt an. "es gehört mehr dazu, als loszurennen und zu kämpfen. Pläne wollen geschmiedet werden. Aber das ist nicht meine Sache." Er lehnte sich zurück und legte die Arme hinter den Kopf, während er die Füße auf den Tisch platzierte. Der Stuhl knarrte unter seinem Gewicht, doch es passierte nichts.
Josias streckte beide Hände nach vorne, bereitwillig die Sache aufzugliedern. "Ihr müsst verstehen..."
Jedoch unterbrach ihn die Königin und ihre Stimme schnitt scharf in die Reihen: "Nehmt die Füße vom Tisch, Arkanon! Ich dulde keine Überheblichkeiten in meinem Ratssaal." Der Blonde stieß die Luft verächtlich zwischen seinen Lippen hervor, entglitt aber dann doch der bequemen Haltung und nahm ordnungsgemäß wieder seinen angestammten Platz ein. "Die Umstände, in denen wir uns befinden, sind äußerst beschämend für unser Volk. Ich glaube nicht, dass es Verluste so gleichgültig wie Ihr hinnehmt, Vivren."
"Oder wie Ihr, Herrin.", feigste er, verhielt sich aber dennoch ruhig genug, während in Eszentir die Wut wie das größte Höllenfeuer brannte.
"Berichtet nun!", befahl sie Josias mit unterdrückter Wut und in hartem Tonfall.
Der Truppführer nickte zustimmend, froh, dass die anderen sich beruhigt hatten. Es war ohnehin schon beunruhigt wegen der Bitte, die er mit solcher Dringlichkeit vor den Rat bringen sollte, immerhin waren die Teilhabenden schon genug erregt wegen den Umständen in ihrem eigenen Land. Er holte tief Luft, während er alles ein weiteres Mal im Kopf durchging, was er erzählen wollte und kam zu dem Schluss, dass es sinnlos war nur über den Krieg zu reden, denn es sollte endlich etwas getan werden. Schon zu lange hatte man sich mit Warten aufgehalten, die Könige des Nordens, Westens und Südens waren so voll Hochmut und Glaube an sich selbst, dass sie sogar auf wertvolle Hilfe verzichteten. "Volk der Elfen,", sagte er plötzlich aus einer Emotion heraus, als ihn das Feuer der Zuversicht ergriff und sein Blick starr wurde, eindringlich und auffordern. Das Dunkel wich mit einem Schlag aus seinem Antlitz, die hungrigen Augen begannen sich zu sättigen... "ich bin gekommen, um euer Volk um Hilfe zu bitten. Das Land stirbt. Das Hochland ist bereits unter den stetigen Angriffen der Grauen zu Bruch gegangen. Trishol, die Königsfeste, ist gefallen und die Grenztore Krakensteins durchbrochen. Die Annahme, die Burg sei immer noch unter Belagerung, liegt falsch." Seine Stimme wurde lauter, hob sich mit dem Feuer, das ihn erfasst hatte. "Es sei denn, ihr glaubt an die Dummheit der Dämonen, sich selbst zu belagern." Über Vivrens Lippen huschte ein amüsiertes Lächeln. "Die Wandler haben ihre Fähigkeiten dazu benutzt sie einzunehmen, Orkin Twron und den letzten der Drachen zu töten und ihre Vorankommen in diesem Krieg zu fördern. Und die Freitruppe, wurde zerschlagen. Demnach ist das tiefe Waldland ungeschützt und während ihr hier herumsitzt und diskutiert, sammeln sie ihre Kräfte, um die Barriere zu durchstoßen und Lesrinith einzunehmen." Das Feuer, die Stichflamme in ihm begann wieder herabzubrennen, zu zerfallen und mit ihr sank auch der Mut des Truppführers herab und er wurde sich erneut gewahr, wem er hier gegenüberstand. Und deswegen sagte er nach einem gefühlvollen Räuspern: "Und ich hoffe, dass euer Volk dabei hilft, Trishol und Krakenstein zurückzuerobern..."
Garrians Blick hing dunkel und kühl auf ihren Knien und ihre Stimme zitterte, als sie diese erhob, um ihrer Missbilligung Luft zu machen. "Schon allein Krakenstein zurückzuholen benötigt mehrere Hunderttausend... Die Zahlen der Elfenarmeen liegen bei siebzigtausend maximal, selbst wenn wir die Rocks und die Luftschiffe und einfachen Bürger dazurechnen... Wie wollt Ihr uns also  so ein schmackhaftes Angebot machen, Feldherr?" Sie klang gereizt und Kajetan verstand warum.
Schließlich bemerkte er: "Es gibt noch Städte und Burgen im Nordwesten, deren Mauern die Dämonen noch nicht erklommen haben. Rovanion, die Klippenfeste, die Felsenburg, Hellenbarden... Und selbst in Mauradin gibt es noch einige überlebende, die kampfbereit sind.
"Und wenn schon." Ihr Gelächter war schrill. "Wir werden unser Land nicht aufgeben, nur um die Sicherheit eurer Länder zu gewährleisten! Ha, ha..."
"Nein, er hat Recht, Garrian." Arkanon klang plötzlich todernst und seine Hand wedelte beschwichtigend vor der Befehlshaberin, seine Augen waren starr auf eine Karte gerichtet, die ebenfalls neben den Gemälden und Bildern hing und beinahe ganz Gordolon darstellte. Sie war vergilbt und gewellt, da Nässe und Feuchtigkeit ihr zugesetzt hatten, die Tinte verwischt, dennoch erfüllte sie ihren Zweck. Die Gebirgszüge und Pässe waren noch deutlich darauf zu erkennen. "Das Gebiet, in das die Dämonen eingefallen sind, liegt ausschließlich an den Grenzen zu den anderen Ländern! Das Hochland ist ein Grenzland, die Ebenen von Argon und unser Land... Sie wollen..." Er stockte und seine Aufregung wandelte sich zu Furcht. "Sie wollen den Weg für etwas größeres freimachen..."
"Aber wofür?", rief die Königin ihre Frage laut heraus und ihre Blicke waren angsterfüllt.
"Keine Ahnung...", bekannte der General. "Aber wir werden es herausfinden!"
"Verlasst uns nun, Truppführer.", bat Sephoría und blickte direkt in die Augen des anderen. "Derzeit gibt es nichts, was Ihr für uns tun könnt."
"Ich verstehe.", erwiderte er mit gesenktem Kopf, doch dann hoben sich seine Züge und das Funkeln traf sich erneut. "Ihr werdet doch wiederkommen?", bettelte er.
"Bestimmt." Sie nickte zuversichtlich.
Dann verließ Josias Kajetan den Ratssaal, ließ die anderen im Streitgespräch zurück...
Die Zeit verging und er lauschte noch immer den Gesängen der Elfen und spürte die kühle Luft im Gesicht, als sich die Ratstür erneut öffnete und Arkanon heraustrat. Seine Miene war sichtlich betrübt und er ging leicht gebückt, es hing und klebte etwas an ihm, das ihn schwer und unwirklich wirken ließ. "Wie geht es Euch?", fragte Josias und sah dem General der Elfenarmee ins Gesicht, seine Blicke waren dunkel. "Habt ihr nach mehreren Stunden Diskussion endlich etwas nützliches herausbekommen?"
Der andere zuckte die Achseln. "Ich weiß nicht.", sagte er und gesellte sich zu ihm, um sich neben ihn auf die Brüstung sinken zu lassen und in die Weiten der Wälder zu schauen. "Sie haben mich hinausgeworfen." Er machte einen missfallenden Laut. "Sie sagen, ich würde die Sache nicht ernst genug nehmen... Frauen unter sich! Die und der Alte und dieser verdammte Flugreiter!" Er schlug mit der Faust auf das Geländer aus Marmor und lehnte sich dann ächzend mit dem Rücken dagegen. "Wisst Ihr, Truppführer..." Er kam nicht weiter etwas zu sagen, denn der angestrengte Blick und ein bedrohliches Zischen des anderen ließ ihn herumfahren. "Was siehst du?", flüsterte er, während er direkt in das laue Dämmerlicht des Waldes starrte.
"Schatten.", antwortete ihm Kajetan und auf seiner Stirn entstand eine steile Falte. "Schattenwesen. Sie sind nah. Ich fühle es..."
"Vergesst es, Kajetan!", spottete Vivren lauthals lachend. "Noch keiner hat die geheimen Grenzen von Lesrinith durchritten!"
"Hört auf, Ihr seid betrunken, Arkanon!"
"Na und?", lallte er und trank erneut aus einer kleinen Flasche, die er aus seinem Mantel hervorgekramt hatte. "Es hilft mir zu vergessen." Er starrte ihn in die Augen und nickte aufmunternd, ihm die kleine, silberne Flasche mit dem alkoholischen Getränk hinhaltend. "Und zu überwinden. Der Schrecken hier ist groß genug, ich glaube, Ihr solltet etwas davon nehmen."
Josias schüttelte entschieden den Kopf und richtete seine Augen wieder auf das bunte Dunkel der unzähligen Baumreihen und die Bewegungen der Schatten, die er dort zu sehen glaubte. Ein kalter Wind schlug ihm entgegen und er empfing ihn, während es in den Bäumen raschelte und rauschte, rauschte wie die sprudelnden Quellen am Eingang des Talkessels. Das Aróhcktal brachte viele Empfindungen mit sich und er wollte sie alle in sich aufnehmen, jeden einzelnen Baum und jeden Stein spüren, denn vielleicht war es der letzte, der er spürte. Der weite Mantel aus rotbraunem Leder und Seegras des anderen bauschte sich in den Luftzügen, die über die Balkone zogen und er seufzte. "Die Erfahrung hat mich gelehrt nüchtern zu bleiben.", gab der Truppführer zu. "Meistens wendet sich dann noch alles zum Guten. Man darf sich nur nicht in den Sog der Schwärze fallen lassen. Der Alkohol macht einen unwissend und taub gegenüber den Geräuschen der Schwertklingen, die bösartig hinter einem gezogen werden, wisst Ihr das?" Er kniff die Augen zusammen und starrte über das Rot und Gold und Gelb, das sich königlich über dem Tal ausbreitete. In der Ferne sah er Wetterleuchten. Oder war es der Zauber der Barriere, der auf die Eindringensversuche der Dämonen reagierte? Er wusste es nicht, doch er hoffte, dass es ersteres war, denn er war noch nicht bereit um zu kämpfen. Obwohl der Schmerz aus seinen Wunden gewichen und die Schwere entflohen war, fühlte er sich müde. Nun betrachtete er den Elfen eingehend, der den Wein noch immer hin und her wiegte, ihn oft über die Zunge fließen ließ, um den Genuss des Getränks ganz auszuschöpfen. "Was hält die Königin von Euch?", fragte er plötzlich.
"Sephoría?" Er horchte auf und seine Blicke wurden verächtlich. "Nein, ich sehe sie nicht als Königin. Ich denke, sie ist unfähig dieses Amt zu übernehmen." Wieder nahm er einen tiefen Zug.
"Weshalb denk Ihr das?", erkundigte sich Kajetan ruhig, ohne seine Gefühle für sie preiszugeben.
"Sie war nicht immer Königin. Erst war Bar Óus da. Er machte den Staat der Elfen zu dem, was er einmal war, ein Staat aus Licht und Glanz..." Er schwelgte in Erinnerungen und glitt ab, während er erneut die Lippen benetzte.
"Und mit ihrer Thronfolge wurde das Imperium gestürzt?", hakte er leicht belustigt nach und wieder wurde das mögliche, hohe Alter in ihm sichtbar, viele Falten gruben sich in eine verwitterte, bleiche Haut.
Arkanon nickte langsam. "Ich stamme noch aus seiner Zeit. Er hat mich damals erwählt. Aus Angst, er könnte sie verschmähen, änderte sie nichts an der damaligen Besetzung des Rates. Das Ergebnis... Ihr seht es ja." Er nahm erneut einen tiefen Schluck und sah versonnen in die Weiten hinaus, sein Blick wurde trüb und glasig, während der Wind in seinen Haaren spielte, dann seufzte er und warf das silberne Fläschchen mit einer lockeren Geste über das Geländer. Ein Funken von Silber huschte durch das Dunkel, der Gegenstand flog langsam und wurde dann zwischen den vor Feuchtigkeit glitzernden Blättern zu einem matten Schimmer. Das Heulen der Luftzüge lag laut über den bunten Farben und die Schemen der Rocks glitten geisterhaft durch die Dämmerung. "Ihr habt recht, Truppführer.", sagte er schließlich, als seine Augen der Flasche nachhangen und sich plötzlich bedeutungsvoll abwanden. "Der Wein benebelt meinen Geist, den ich brauche, um für Euer Land zu kämpfen." Er berührte Kajetans Schulter und fasste sie fest, drehte ihn zu sich und die Verschwommenheit in seinem Blick wurde zu einem stechenden Funkeln, der Schatten in seinen tiefen Zügen war eindeutig. "Ihr hattet recht, von Anfang an. Keiner von uns Elfen wird sich erheben, wenn sie keinen Fürsprecher haben. Ich" Er legte seine gespreizten Finger auf seine Brust und schloss einen Moment die Lider. "werde für Euch sprechen.", brachte er den Satz zuende und die Lider hoben sich, gleichzeitig mit dem Geräusch einer Tür, die aufgeschlagen wurde. Dann näherten sich Schritte, hallten dumpf auf dem Gestein.
"Ich weiß Eure Bemühungen zu schätzen, Arkanon, doch..."
"Nein, Mensch! Es ist wichtig, dass ich es tue!" Er sprach eindringlich. "Unter meinem Befehl handeln die Armeen! Ihr braucht mich, Feldherr! Und das dringend, denn Euer Volk geht zu Grunde!" Josias blickte zu Boden, lauschte den näherkommenden, schwungvollen Schritten, die ihm wie in einem nebligen Traum vorkamen und sich zwischen den Schwaden verborgen hatten. Die Geräusche waren gedämpft, nur Vivrens Stimme war laut und eindringlich. Er holte tief Luft und stieß sie wieder pfeifend aus, wobei er sich am Hinterkopf kratzte. "Wenn dieser verdammte Rat endlich einmal vorbei ist, werde ich hineingehen und dieser verdammten Garrian die Meinung geigen!" Er sprach voller Wut, hob die Hand zu einer hässlichen Geste und wollte gerade etwas Weiteres, Unangenehmes sagen, als Irmin Bar Óus bei ihnen stand und der Mantel aus Seegras und Ragón umschloss ihn schützend, sodass er erst kurz bevor er bei ihnen stand deutlich sichtbar wurde. Seine Miene war geprägt von Anstrengung, dennoch schien er ausgeruht und ausgeschlafen, seine Gesten waren ruhig und kraftvoll.
"Seid gegrüßt, General!" Er streckte Arkanon die flache Hand entgegen und lächelte aufmunternd. Vivren ergriff und schüttelte sie, lächelte mit dem gleichen Funkeln seiner Augen zurück.
"Waldläufer."
"Truppführer." Er schüttelte auch Josiasí Hand, behielt sie doch fest im Griff, während er ihn wohlwollend musterte.
Kajetan nickte erfreut. "Wie geht es Euch, Eszentir?"
"Nun, die Verletzungen sind geheilt, nichtsdestotrotz meiner Schwester Sephoría zum Dank, die Ihr ja bereits kennen gelernt haben müsstet. Aber wie geht es Euch?"
Der Feldherr hob seinen Arm in die Höhe, betrachtete ihn und wiegte dann wage mit dem Kopf. "Ich denke, ich werde bald wieder kämpfen können.", gab er zu und lächelte verschmitzt. Die Verwundung war schon fast wieder verheilt, die junge Elfe hatte gute Arbeit geleistet, das Gewebe war zum größten Teil wieder mit einander verbunden und nur noch ein Spalt, der so tief war wie sein Finger breit war geblieben, dieser schmerzte jedoch kaum noch, im vergleich zu vorher. Das verfaulte Fleisch war entfernt worden und die Narbe schimmerte rosa.
"Das werdet Ihr vielleicht sogar müssen.", gab Eszentir zu bedenken und hob den Finger. "Heute Nacht wird eine Feier veranstaltet, bei der anschließend das Ergebnis der Verhandlungen preisgegeben werden soll." Er zuckte die Achseln. "Ich bin nicht für diesen Krieg, aber auch nicht strickt dagegen, immerhin haben diese Biester auch uns angegriffen." Der Junge schien gerade vor Energie zu sprühen und er Kajetan ertappte sich mehrmals dabei, wie er leicht schläfrig das Haupt zur Seite neigte. Doch dann kam ihm der Gedanke an das Essen, welches es dort sicherlich geben würde und ihm fiel ein, dass er seit Tagen nichts zu sich genommen hatte, bis auf die kleinen Malzeiten, die ihm der Diener, ein breiter, älterer Mann mit Halbglatze, hereingebracht hatte. Und jetzt hatte er Hunger. Das Gefühl, was er hatte, war zermürbend, er gierte nach Nahrung, und bereits im Geiste streckte er lange, dünne Finger wie Krallen aus, um sich seine Portion zu holen. Die Leere in seinem Magen musste gefüllt werden und in gewisser Weise hatte Vivren ja recht, der Wein lenkte - für wenige Stunden jedenfalls - von dem Gemetzel der Schlacht ab und er hatte keine Lust jeden Tag beim Aufwachen den blutig zerfetzten Leib eines Dämonen zu betrachten.
"Nun denn, meine Herren,", spöttelte Arkanon und lächelte. "Es wird Zeit für mich in die Schlacht zu gehen. Wünscht mir glück." Er winkte ihnen zum Abschied und schlenderte zu den Toren der Ratshalle hinüber, um erneut mit den Erwählten des Volkes zu streiten...
 
© Benedikt Julian Behnke
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Und schon geht's weiter zum 24. Kapitel (4. Kapitel des 3. Buches): "Lachen und Scherzen"

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