Die legendären Krieger von Gordolon von Benedikt Julian Behnke
2. Teil: Das Runenschwert / 1. Buch
Die Königin der Elfen 4 - Lachen und Scherzen

Arkanon Vivren ging, schlenderte den mit Marmor ausgelegten Gang hinab, dessen westliche Seite offen war und nur mit einem Geländer wurde verhindert, dass man nicht hinunterfiel, dort, wo sich die Bäume, dämonisch dunkle Schatten, wie ein Teppich über das Tal ausbreiteten und sich schließlich an die Felshänge des Horenfels-Ábdün anschmiegte. Dann stand er vor den großen Toren, in dessen Holz die Geschichte der Elfen eingeritzt war. Einen Moment hielt er Inne, um einfach nur vor dem Geschaffenen zu stehen, es anzustarren und den Wind auf seiner Haut zu spüren und er roch den Geruch von Alkohol an seinem Mantel, vermischt mit seinem Schweiß, und wollte sich dafür schlagen. Doch statt dessen lächelte er nur und senkte den Kopf auf die Brust, um einen Moment seine Stiefelspitzen zu betrachten, dann trat er entschlossen vor, spürte die Blicke der anderen beiden Kämpfer in seinem Rücken wie ein Feind und stieß schließlich die Tür auf. Eine Flutwelle von Gefühlen und Streitworten strömten nach draußen und durchfuhren ihn wie ein unnatürlich durchsichtiger Blitz. Er wankte, zog sich aber dann doch ganz hinein, der starke Wein betäubte seine Glieder und ließ ihn einige Bewegung kraftlos ausführen. Vorsichtig schloss er die Tore hinter sich, blickte auf die zusammengekauerte Gestalt des Heilers, der nie ein Wort zu sprechen schien, die erregte Person der Garrian und auf den gelassen wirkenden Helden Daurin, der sich das ganze mürrisch, jedoch zuversichtlich nickend anhörte. Jedoch bemerkte ihn keiner.
Er ging hinüber und ließ sich vorsichtig auf den Stuhl am anderen Ende des Tisches sinken, sah jetzt erst die Königin, die einige Minuten vorher noch in dem Schatten ihres breiten Thrones verborgen gewesen war und ihre Blicke trafen sich, stechend und unwirklich stark. Ihr Gesichtsausdruck war grotesk in Arkanons Augen, teilnahmslos, ruhig, starr, wie eine Maske, aus deren Augenhöhlen Funken wie Sterne blinzelten. Und dann sah er das Mitleid, das sie besaß und er empfing ihre Worte, obwohl sie den Mund kaum geöffnet hatte, Magie wurde von ihr ausgestrahlt.
"Seid gegrüßt, Arkanon Vivren, General meiner Truppen." Sie schien zu lächeln, als sich der blasse Stein ihres Antlitzes verzog. "Hattet Ihr die Ehre mit dem Feldherrn zu sprechen? Wie lautete seine Antwort auf unsere Frage?" Der Ton entstand in seinem Kopf, Telepathie. Jedenfalls musste es so sein, denn die anderen Mitglieder des Rates redeten weiter auf die Königin ein, die sich nur sehr, sehr langsam zu bewegen schien, während sie ihre Magie in hüllenloser Gestalt durch den Raum sandte. Und er empfing sie als weißes Licht, das sich ihm in die Stirn bohrte, um seine Gedanken zu erfüllen und aus dem stechenden Gefühl wurden Worte, die leise widerhallten.
Und im gleichen Moment wusste er, dass er auf die gleiche Weise antworten konnte, dass das Band zwischen ihren Seelen noch immer bestand, auch wenn sie nicht sprach und er erkannte, dass sie den anderen im Verlauf des Gespräches nicht mehr zu trauen begonnen hatte. "Der Stein ist kalt", sagte Vivren und verzog ebenfalls keine Miene. "und Josias meint, dass ein Krieg genau das wäre, was Melwiora will. Sie will uns herausfordern und uns verärgern, indem sie unsere Truppen dann zurückschlägt. Er sagt, dass es mehr Wesen gibt, deren Gestalten noch im Dunkeln lauern und er hat mir von seiner Reise berichtet. Er meint, dass das Volk des alten Gordolon sterben wird, wenn sich die Nebel auch noch über Balukas und Rovanion ausbreiten. Dennoch ist er einem Krieg abgeneigt, wie wir, doch es besteht Möglichkeit, meine Königin!" Sie hob die Hand und der Bann der Stille verschwand, wich in die Falten der Nacht und ihres Gesichtes zurück.
"Mein Volk,", begann sie, "es wird Euch erregen, wenn ich jetzt das Urteil spreche!" Sie machte eine Pause und als sie von neuem ihre Stimme erhob, war sie klar und deutlich: "Der Tag der Barriere Riarocks ist vorbei, denn der Feind hat eine Möglichkeit gefunden durch die Tore des roten Herbstlandes zu dringen. Die Nebel kommen nun auch aus den Wälder, die Wasser des Ostens sind verschmutzt und faulig, denn unsere Welt zerfällt und das Reich der Schatten schließt sich um sie. Der Grund ihres Angriffes ist uns wohl bekannt - Rache. Und um diese Gier nach Rache zu stillen, müssen wir sie stillen. Und eines Tages wird der Zeitpunkt kommen, an dem wir zum Himmel blicken, und keine lange Nacht mehr sehen, denn dort wird das Blau des erfüllten Himmels wie ein Feuer der Magie glimmen. Ich gebe nun das Urteil kund und ihr werdet es annehmen, egal, wie es ausfällt. Das Urteil wird lauten..."

Der Gesang der roten Herbstlandelfen schwebte durch den großen Festsaal, den diese geschmückt und mit vielen Bänken und Tischen ausgefüllt hatten und ihre Lieder waren besinnlich und schön, hingen in der Luft wie die Gerüche der süßen Speisen, die zusammen mit silbernem Besteck auf dem dunklen Holz glitzerten. Die Luft war kühl, strömte über die Unzähligen Terrassen und erfüllte den Raum mit Frische. Die feinen Stimmen, die einen in den Schlaf zu wiegen scheinen und betörend und sanft waren, traumhaft und fließend, wurden untermauert von dem Gemurmel und dem Gerede der Speisenden. Auch Kajetan unterhielt sich mit vielen Leuten, ständig die Gegenwart Irmins hinter sich wissend, der ihn mit den anderen Elfen bekannt machen wollte. Es wurde viel gelacht und gescherzt, einige Magier führten Kunststücke vor und ihre Magie hing in bläulichen Schleiern in der Luft, vollführten seltsame Tänze, während die bunten Roben der Künstler in den Winden waberten und sich bauschten. Josias betrachtete den Zauberer, nahm ihn wie den Geruch von Rauch und Feuer in sich auf, den silbernen, schlanken Kelch in der Hand, auf dessen spiegelglatter Oberfläche sich das Geschehen abspielte. Leichtfüßig sprang der Kerl mittleren Alters in die Luft, machte eine weit ausholende Geste mit beiden Händen und ein Flammenkranz umspülte seine Gestalt, der hellholzfarbene Rock mit den farbenfrohen Ornamenten wehte. Seine Züge waren angespannt und konzentriert, sein Schädel kahl geschoren und in einem mit Silber bestickten Halfter an seinem Gürtel steckte ein langer Stab aus geschnitztem Holz, der an einer Stelle mit Bändern umwickelt war. Die Gegenwart der Magie war reizvoll und unnatürlich, wirkte in den Händen der Schamanen wie die Kartentricks eines Jahrmarktsgauklers, dennoch rannen ihm funkelnde Schweißperlen von der Schläfe, als er über den Marmorboden huschte. Seine ledernen Stiefel glitten darüber, schwebten beinahe und plötzlich hielt der Tänzer den Stab in der Hand, dessen Spitze plötzlich begonnen hatte magisch zu glimmen. Instinktiv senkte der Truppführer die Hand auf sein Schwert, hatte es bereits zweifingerbreit herausgezogen und wollte kämpfen, bis der Hexer plötzlich einen behänden Salto mit Hilfe des Stabes über ihn hinweg machte und auf einem der Tische landete, leichtfüßig, schnell und katzengleich. Es war ein eleganter Sprung gewesen und Josias lächelte, als die Anwesenden in die Hände klatschten.
"Was haltet Ihr von dem Kerl?", hörte er die Stimme des Königs wie ein leises Zischeln aus der Menge an seinem Ohr.
Unbemerkt ließ er das Schwert wieder in die Lederscheide hineingleiten und wandte sich dann zu dem Sprecher um. "Er ist begabt,", bemerkte Kajetan und versuchte so gehoben wie möglich zu klingen, denn Bar zeigte offenbar großes Interesse an ihm. "aber meiner Meinung nach wird er es nicht weit bringen."
Óus zuckte mit den Achseln und machte eine hilflose Geste mit der flachen Hand. "Fordert ihn heraus, und wir werden sehen, was er in seiner Ausbildung gelernt hat.", schlug er vor. "Ich ziehe es ernsthaft in Betracht ihm eine Erhöhung seines ohnehin schon guten Soldes zu gewährleisten."
"Na gut." Der Feldherr nickte zustimmend. "Ich werde ihn testen. Obgleich das Ergebnis schon abzusehen ist." Er lächelte kaltherzig und seine Augen beschatteten sich hungrig. Er war drauf und dran seine Klinge aus dem Gürtel zu ziehen und auf den Magier zuzutreten, als Eszentir seinen Arm umfasste und ihn zurückzog.
"Wartet!", flüsterte er und legte seine Hand auf die des Großen. "Benutzt keine eurer Klingen. Ingraban* bevorzugt Stabwaffen! Es wäre eine Beleidigung im Schwertkampf gegen ihn anzutreten, denn darin ist er Meister!"
Josias zog eine seiner kalkweißen Brauen hoch und senkte die Lider über seine Augen. "So?", machte er, "Dann wollen wir den Meister doch mal testen." Ungeachtet der Warnungen des Elfen trat er durch die Menge, zerteilte sie mit seinen großen Armen und stand schließlich vor dem muskulösen, zum Teil entblößten Körper Ingrabans. "Ihr seid also der, den sie den Ingraban nennen?", fragte er mit einem höhnischen Lächeln und nach einem klirrenden Blitz hielt er sein Kurzschwert keinen Zoll vor der Brust des anderen entfernt, die Schneide war wie ein Spiegel und unberührt, der Griff mit rotem Tuch verziert und der Knauf golden.
Der Tänzer grinste grimmig und entblößte strahlendweiße Zähne. "Mich nennt man den Raben, Mensch." Sein Lächeln war kampflustig und auf eine unheimliche Weise blutrünstig, seine Stimme war krächzend und er hatte die Züge und die Augen eines Raben. "Und der Rabe meint,", sagte Ingraban, "dass Ihr ihn zu einem Duell herausfordern solltet!"
"Nichts lieber als das!" Gerade als Josias sich auf den Tänzer stürzen wollte, passierte es und die Leute stoben auseinander, ein Gedrängel und wildes Durcheinanderreden entstand, die Musik und die Lieder verstummten, denn die Glocken in den Kapellen schlugen die Stunde des spätesten Abends, laut, durchdringend und hohl. Und es war mitten in der Nacht, als die Türen zum Festsaal aufgestoßen wurden und eine Welle aus Schmerzensschreien und Wehklagen den Raum durchfuhr...

Der Rat befand sich gerade in einer der unzähligen, lauten Diskussionen, als das schrille Geräusch auch sie erreichte. Es dröhnte in den Ohren und der Palast schien zu erbeben, das schlagen großer, lederner Schwingen, die den Sturm peitschten, rauschte durch die Luft und Fauchen und das Aufeinanderschlagen von Schwertern erschütterte ihre Gemüter.
"Ein Angriff!", schrie Vivren und er war der Erste, der bei der großen Tür stand und sie aufriss. Seine Blicke irrten umher, erhaschten einen pechschwarzen Schatten, der den Sturm ritt und wie eine rasendschnelle Wolke durch den Himmel glitt, der von Dämmerung und den Schemen ferner Wolken überdeckt war. Doch plötzlich erkannte er seinen Fehler, ihr aller Fehler: Es waren keine Wolken, es waren die Gestalten der Schattenwesen, ein riesiger, unbesiegbarer Schwarm aus grotesken Wesen, die langsam näher kamen. "Es ist verloren... Vorbei..." Arkanons Stimme zitterte, brach und versank dann in einem heranbrechenden Geheul aus Schluchzern...
"Nein, es ist nicht vorbei.", sagte Sephoría ruhig. Sie stand direkt neben ihm und betrachtete, das Zucken der Leiber, die sich wie eine Krankheit näherten. "Es wird Zeit für das Elfenvolk, sich zu beweisen und den Gegner in die Flucht zu schlagen." Sie machte eine kurze Pause und glitt mit ihren Blicken über die starren, angsterfüllten Gesichter der Elfen. "Jedoch wird die Schlacht nicht hier geschlagen." Sie streckte ihre Hand nach Vivren aus tastete wie im Dunkeln nach ihm und hielt ihn fest, als ihre Finger das Leder seines Mantels berührten. "Josias hatte recht, General. Das Elfenvolk muss sich mit dem Tiefland verbünden und versuchen zu retten, was noch zu retten ist. Bereitetet die Truppen auf eine Flucht über die Grenze nach Mauradin vor." Während der General erst nickte, dann ihn hohem Tempo davonrannte, wie ein Schatten durch die unzähligen Lichter der Terrassen glitt, wandte sie sich an die junge Garrian. "Bringt alle Kinder und Frauen in die Festung von Pykon und lasst auch die Armeen aus dem Tal namens Randanon herziehen." Auch sie verschwand mit ernstem Gesichtsausdruck und nun blieben nur noch Daurin Twron und der Alte, der sich selbst als Heiler bezeichnete. "Daurin, Ihr werdet die Luftschiffe und Rocks klar machen. Mein Bruder soll mit ihnen als mein Vertreter nach Rovanion reisen und dort mit den Tiefländern sprechen. Ich glaube, es ist nicht der letzte Rat, der wir führen werden. Cyriak," Sie legte dem alten Mann die Hand auf die Schulter. "für Euch habe ich eine ganz besondere Aufgabe vorgesehen." Seine Augen glitzerten schwarz und groß, die Falten zogen sich mehr und mehr drum herum, ließen den Schamanen älter und gebrechlicher wirken. Er zitterte, denn in seinem ganzen Körper wühlte und tobte die Angst. Und ihre Stimme war leise und sanft, als sie weitersprach: "Ihr werdet mit dem Clan der Magier hier in Lesrinith bleiben und den Palast beschützen. Verteidigt ihn, bis zu eurem letzten Atemzug, denn an diesem Ort hat so viel Magie gewirkt, dass er es wert ist zu überdauern." 

Tod. 
Beide.
Und Eszentir wusste, wer sie waren, er kannte ihre Namen und das war das Schlimme daran. Ihre Leichen lagen bewegungslos, von Wunden zur Unkenntlichkeit zerfurcht und ihre Rüstungen zerstoßen. Es war eine Botschaft der Schattenwesen, eine Kriegserklärung und er spürte den unbändigen Hass, der mit den Toten durch die Türen gekommen war. Die sanfte, beinahe lustige Stimmung des Festes war verschwunden und stille, trostlose Panik war eingekehrt. Männer zogen ihr Schwert und streifen Rüstungsteile über, geleitet von den Worten des Ausbilders, die wie Wind in der Ferne verklangen. Und so strich auch das Heulen dessen durch die offenen Tore, brachte den fauligen Gestank der Dunklen mit und durchflutete den Raum mit der Gegenwart des Todes. Es tat ihm weh, wenn er sah, wie seine Leute niedergemacht wurden, von etwas, das bösartiger und schlimmer als vieles andere auf der Welt war, ohne Grund tötete, nur aus blutrünstiger Gier und Verlangen, Hass, der aus dem Nichts kam. "Kajetan." Er sprach, das Gesicht nicht fähig von dem Tod zu wenden, leise und es verklang nur als Raunen, dennoch wurde er gehört.
"Ja?"
"Halte mich." Er war gerade im Begriff herabzusinken, als der Große ihn mit starken Armen auffing und ihn wieder auf die Beine stellte. Dann setzte er sich für einige Momente der Kraftlosigkeit auf einen Stuhl, als ihn das Gefühl des Verlassenseins überwältigte und die Energie aus ihm wich. "Ich weiß Eure Loyalität zu schätzen, Truppführer, und deswegen will ich Euch etwas zeigen." Er stieß die Luft scharf aus, als er sich erhob und es war, als wären die alten Wunden erneut geöffnet worden, nur von der Anwesenheit der Dunklen und der Schmerz wühlte in ihm, brachte ihm die Leere, die er so wenig begehrte und die sich bei jedem seiner Atemzüge mit Schmerz füllte. "Folgt mir..." Mühselig und langsam stemmte er sich in die Höhe, wackelte und tänzelte über den Boden der sich langsam leerenden Hallen. Und es dauerte lange Minuten, bis sie einige Yard weit gekommen waren, doch wurden sie von den Ausrufen Daurins zurückgehalten, der plötzlich, drahtig und schlank mit winderhitztem Gesicht zwischen den Marmorsäulen auftauchte. "Ihr werdet in weniger als einer Stunde an Bord eines der Luftschiffe erwartet, Sir!", rief der Flugreiter und sah dann zu dem Feldherren. "Ihr ebenfalls, Mensch." Dann verschwand er, ein schwarzer Schatten vor dem Licht der Laternen.
Plötzlich schien Irmin seine Kraft wiedergefunden zu haben, als würde ihn erneut ein Schub von Energie durchfluten. "Geht!", sagte er schnell in befehlendem Ton, "Ich muss noch etwas aus meiner Kammer hohlen!" Dann verschwand er ebenfalls und Josias stand einige wertvolle Sekunden da und blickte nach allen Seiten, denn Stille und Leere herrschte um ihn herum, die Elfen hatten sich verzogen, nur die Gewissheit der näherkommenden Schwarzen war geblieben und im nächsten Augenblick wurde ihm gewahr, dass er rannte, die Treppen zu der erhöhten Terrasse hinauf, wo Twron einige Sekunden zuvor gestanden hatte und wo nun nichts war. Er spürte die Luft, als ihn eine innere Stimme zu raten schien, dass er den Weg nach rechts einschlagen sollte, dort wo es keine Geräusche von laufenden Flüchtlingen gab. Schnell rannte er den langen Korridor entlang, im Augenwinkel hatte er die Kuppen der Berge und daneben den schwarzen Schwarm der übergroßen Fledermäuse, der bedrohlich näher kam und immer schneller wurde. Seine Angst spornte ihn an und ließ ihn schneller werden. Er hastete die nächstgelegne Treppe nach oben, sein Atem ging rasend und seine Beine wurden immer schwerer, dennoch nahm er das Hindernis mit Leichtigkeit, auch wenn die Rüstung schepperte und an ihm zerrte.
Endlich erreichte er das Ende der Wendeltreppe. Sein Blick irrte auf der Dachplattform umher und er sah in einiger Yard Entfernung eine weitere Erhöhung und das Geräusch von Segeln, die sich im Wind blähten, knallte auf einmal wie ein Peitschenhieb durch die Stille auf dem Dach. Er sah das gesamte rote Herbstland und erstaunte der Aussicht wegen. Das kühle Sonnenlicht des Morgens erstrahlte bereits wieder hinter den Felsen im Osten und die Dunklen sanken ab, waren plötzlich in einer Spiegelung von Luft, als sich die Strahlen in dem Schild der Barriere brachen, verschwunden.
Der Tag war angebrochen und mit ihm einige Minuten des Friedens. Dennoch trieb es ihn an weiter zu rennen, obgleich die eisige Luft hier oben scharf in seine Kehle schnitt und der stürmische Wind zu erfassen und mitzureißen schien.
Das Ende der Plattform erreichte er schnell genug und zog sich die Stufen regelrecht mit weitausgreifenden Armbewegungen am Geländer hinauf. Er biss seine Zähne fest aufeinander und seine Augen waren starr auf ihr Ziel gerichtet, Schweiß rann ihm bereits erneut über das Gesicht und die Hitze der Strahlen und der Anstrengungen ließen ihn unter seiner Rüstung schwitzen. Unglaublich schnell und sich seiner selbst nicht so recht bewusst sah er die Silhouette des Luftschiffes in weniger als einer halben Meile Entfernung zwischen den Dächern und seine Stiefel schepperten, als er über die hölzernen Schindeln rannte, zwischen denen sich Pflanzenstauden erhoben.
Die Zeit verstrich rasendschnell, während er unbewusst dahinrannte und sprang, zu schweben schien und er in den Mahlstrom seiner Gedanken gefallen war. Sein Inneres hatte ihn eingenommen und er schien nur noch dafür da das Leid zu spüren, das sein Körper beim Ausstehen dieser Schmerzen hatte und so sah er die Abgründe und Fenster nur verschwommen und die Höhe wuchs zu seiner eigenen Welt heran, die Türme wurden zu mehrere Yard hohen, altehrwürdigen Bäumen und in den Schluchten herrschte Nebel...
Kajetan schien um sein Leben zu rennen, während der Wald um ihn herum dichter wurde, die Bäume enger beieinander standen und die Schluchten breiter wurden. Ohne nachzudenken setzte er über sie hinweg und landete ohne Schwierigkeiten auf der anderen Seite. Fest gruben sich seine Stiefel in die Erde und er riss sie mit einem Ruck erneut heraus, jagte schwungvoll weiter durch die Ungewissheit und den Dunst, der über allem zu hängen schien. Die Blätter waren keine realen Berührungen auf seiner Haut, eher waren es Elementargeister, durch die er hindurchgleiten konnte. Der Himmel in der Ferne war der des Morgenhimmels, blaugrau und schwer wie Eisen, hing er bleiern über den Wipfeln und den Kämmen ferner Hügel.
Plötzlich wandelte sich das Bild vor seinen Augen erneut, die Schwärze der Umgebung nahm zu, Schluchten verschmolzen und statt dem Nebel war in den Tiefen grässliche Dunkelheit, sodass er sie nicht mehr von dem normalen Pech des Bodens unterscheiden konnte. Er sprang oft grundlos über nur erahnte Abgründe und auch der Untergrund, auf dem er lief, war wie Watte, weich, durchlässig und auf eine gewisse Weise real. In seinem Schädel brummte es und auf einmal tauchte aus der Ferne ein groteskes Gebilde auf, eine Burg - oder besser eine Ruine - die aus schwarzem Stein gehauen war und aus deren Mitte ein seltsames, eiskaltes Leuchten zu kommen schien. Und er rannte schneller, denn das Licht in all dieser Dunkelheit zog ihn an. Verrücktglühende Augen stachen aus der Düsternis heraus, beleuchteten seinen Pfad mit ihrem blutigem Licht und er merkte, dass er nicht auf dem zuerst schwammigen Grund lief, sondern seine Füße in den Sand traten, der schwarz aufspritzte, wenn er eine Düne erklommen hatte. Jedoch fühlte er sich nicht real an und überhaupt gab es für ihn keine anderen Gefühle. Vor ihm tauchte der Streifen eines durchsichtigen, breiten Meeres auf, dessen Boden schwarz wie die Nacht und das Wasser von keinen Fischen belebt war...
Er lief und lief, ging in das Wasser, das ihn umspülte, und er hörte das Geräusch von Flüssigkeit, die um seine Waden schlug. Doch da war kein Gefühl, nur seine Schritte wurden langsamer und schwerer, während er durch das immer tiefer werdende Nass watete. Aber das Wasser hatte keine Substanz.
Er glitt hindurch, lief noch über den Boden, dessen Erde schwarz wie erkühlte Lava war. Und das Leuchten in der Ferne, auf das er zuhielt, erlosch und seine Bewegungen erlahmten schneller, als ihm lieb war. Und dann erwachte er...
Sein Atem ging schwer.
Er lag flach an die kupfernen Schindeln eines Daches gelehnt und er war bewegungsunfähig, paralysiert, während noch immer die Erinnerung an diesen seltsamen Traum in seinen Gedanken war, den Traum von dem nebeligen Urwald, dem schwarzen Sand und schließlich dem Meer, das wie tot war. Doch jetzt spürte er den Gegenstand unter seinen Fingern und er krümmte sich, als die Übelkeit in seinem Magen explodierte und er sich übergeben musste, während der Wind an seinem weißen Haarzopf riss. Schwarzes Wasser floss mitsamt seiner Galle hinaus, der allerletzte Rest Dämonenschleim, der doch noch in ihm gewesen und im gleichen Moment erinnerte er sich an ein Versprechen Muragechts, das dieser vor mehr als hundert Jahren Kalikor gemacht hatte, nachdem dieser von einem Dämon umgebracht wurde...
Die Seele Kalikors flog weit, taucht in die fremden, noch unergründlichen Schatten ein und erspähte den Eingang des Hadesfelsen. 
Sie schwebte durch die Luft, durchtrennte finstre Wolken, durchstreifte die Leiber der toten Orks und erkannte den Ort, an dem sie abgeschlachtet wurden. Der Ort war heiß, es war die Wüste. Fliegen hockten auf den toten Leibern und versuchten ihre Eier ins Fleisch der Gnome, Orks, Trolle oder Monster zu legen, doch standen diese immer wieder auf, ihre Wunden schlossen sich, aber abgeschlagene Arme und Beine zerfielen zu staub. Sie wählte den oberen Eingang und verschwand in der Dunkelheit, zwar wollte sie das nicht, aber sie wurde angesaugt, denn sie sollte einen neuen Körper vom Meister bekommen, der sie wieder auferstehen lassen würde.
Eigentlich waren es zwei, die Öffnung im Vulkan, der Schlot, und das Haupttor der Burgruinen.
Die Seele wandte sich plötzlich jedoch vom dunklen Herrn ab, als sie ihren Körper wiederbekommen hatte und flüchtete nach Dalap - Uliga - Darrit. Dort tauchte sie in die staubigen Gebeine und war wieder Kalikor. Kalikor zog den Mantel fester um sich, denn es wurde windiger. Er folgte dem ausgetretenen Pfad an den Hängen entlang und kam dann in den Wald.


* Ingraban: Bedeutet Rabe. Er ist ein Tänzer der Magie und gehört dem Clan der Zauberer nur indirekt an. 
 

© Benedikt Julian Behnke
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Und schon geht's weiter zum 25. Kapitel (5. Kapitel des 3. Buches): "Aufbruch von Lesrinith"

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