Die legendären Krieger von Gordolon von Benedikt Julian Behnke
2. Teil: Das Runenschwert / 1. Buch
Die Königin der Elfen 6 - Geschichten eines Zauberers

Nebel hüllte ihn ein, kalt und beißend, der Geruch von Feuchtigkeit und Schwefel lag in der Luft. Das Geräusch von schrillen Schreien und dem brausen von Wasser dröhnte in seinen Ohren, wirkte in keiner Weise mehr betörend auf ihn, und er begann sich zu erheben. Die Flut von Gefühlen des Schmerzes erwischte ihn mit voller Wucht und trieb ihn zurück. Er stolperte, spürte Wasser, durch das er ging, und versuchte sich zu erinnern. Doch das Eis, das ihn eingenommen hatte, raubte ihm den Atem, und die Nässe, welche sich in seine Kleider gesogen hatte, zog ihn herb und er sank auf die Knie. Er legte den schwarzen Lederhandschuh gegen seine Stirn, fühlte das Pochen und den dröhnenden Schmerz, der ihn bewusstlos hatte schlagen wollen, aber etwas anderes hatte es zuvor getan. Und Dario wurde sich bewusst, dass er seinen Freund umgebracht hatte, erinnerte sich an die Schlachterei, die sie an den grasigen Hängen des Grenzlandes gefochten hatte und daran, dass er gewann. Er hatte Rykorn getötet, ohne sich etwas dabei zu denken, das Wallen von Instinkten unter seiner Haut hatte ihn mitgerissen und kämpfen lassen, denn die Eisfrau wollte, dass einer von ihnen starb. 
Warum?, fragte er sich und es war nicht das erste Mal, dass ihm von einem bloßen Gedanken schlecht wurde. Das Eis hatte ihn beherrscht, erkannte er und er hatte zugelassen, dass sie ihn sich holte... Aber warum? Was trieb Melwiora dazu an sie so etwas tun zu lassen? Doch dann dachte er an seine Bestimmung, sein Blick wurde glasig, die Weiden von Hochgras und der nahe Wald verschwammen, Unsicherheit trat heran und die Geräusche schmolzen zu einem monotonen murmeln, Rauschen und Heulen zusammen...
Und dann sah er ihn, klar und deutlich, einer pechschwarzen Fatahmorgana gleich, die plötzlich erschienen war. Zum ersten Mal fühlte er sich geborgen und sicher in ihrer Nähe, in der Nähe der körperlose Gestalt, die nur mit einem dunklen Umhang bekleidet war, der in Fetzen von ihrem Leib hing. Sie schwebte über das Wasser, aus dem er gerade noch herausgetreten war und dessen Oberfläche auf einmal obsidianschwarz schimmerte, wie ein Loch im All, und der eindringliche Geruch von Schwefel wurde stärker, kam aus den Wassern und die Schicht auf Dunst zog sich wie eine Schlinge enger um das Wesen, das an Substanz gewinnen zu schien.
Der Schatten...
Er hauchte das Wort in den Nebel, leise und beinahe tonlos, dennoch kam es zurück, prallte von den weißen Mauern ab und verhallte noch lange in der Umgebung, während ein jegliches anderes Geräusch verlosch... Die Worte des Dunklen umfingen ihn und überspülten seinen Körper mit den geheimnisvollen Mächten seiner Zauberei, das Feuer der Druiden berührte ihn. Schnell zog es sich jedoch zurück, als es die Kälte seines Leibes spürte und glitt wieder in die weiten Ärmel des Schattengewandes.
Du bist bereits berührt...!
Sofort zuckte er zusammen, als ihn der Geist verließ und die Kralle des Eises erneut versuchte nach ihm zu greifen, und ihn schließlich umschloss, hielt und barg, wie die Glasscheibe einer Laterne die Kerze dahinter. Doch war er nicht das Feuer, sondern der funkelnde Kristall, umschlossen von dem Frost des Bösen, denn sie hatte ihn erwählt.
Muragecht...
Er kehrt zurück...
In mich...
Der Hochländer schluckte, als sein Herz zusammengedrückt wurde und ihm bewusst wurde, was er mit dem einen Schwertstreich getan hatte. Die Galle war in ihm hochgestiegen und er hatte sich mit einer kurzen Bewegung beseitigt, doch hatte er den dämonischen Einfluss Melwioras nicht stoppen oder abschütteln können. Er war gekommen, ohne dass Dario es gemerkt hatte, hatte sich über ihn gelegt und die Schleier vor seinen Gedanken wie Vorhänge zugezogen, sodass das Dunkel in sie eindringen konnte, um sein Gehirn ermatten zu lassen. Noch während er fieberhaft und regungslos seinen Gedanken nachjagte, die sich wie Feuerzungen durch seinen Kopf peitschten und alles darum zu versengen schienen, sah er das Bild der Verzweiflung in den dunklen Händen des Schattens, ein Spiegel aus Wind, Nebel und Sturm, in dessen Mitte die Welt nach der Eisfrau war. Alles ist tot und kalt, pechschwarze Wesen huschen mit rotglühenden Augen umher und jede Stadt ist eine Ruine aus Asche und Schnee, das Eis hebt sich stark wie nichts anderes von den dunklen Bergen ab und das Land ist verbrannt und darüber ruht eine Schneedecke. In dem Moment wusste Dario, dass der Seelenspiegel die Wahrheit sagte und alles so zeigte, wie es werden würde, dunkel und finster, der Himmel von giftigen Wolken verhangen und einzig und allein das Lachen des Muragecht und die stille Anwesenheit der Eisfrau wird durch die Länder gellen. Und sie in Tod und Finsternis tauchen...
"Und sie in Tod und Finsternis tauchen...", wiederholte er seine Gedanken und senkte das Haupt, das ihm nun schwer wie Blei vorkam, auf die Brust. "Ist es das, wofür ich versuche zu kämpfen?"
Es war, als würde der Schatten den Kopf schütteln, doch es war nur schwach und so zerfiel die Bewegung wie Asche im Wind. Nein. Aber es ist das, was passieren wird. In der Stimme in seinen Gedanken hörte er Mitgefühl und tiefe Betroffenheit und er lauschte weiter auf den Wind, um zu erhaschen, was ihm vorher entgangen war. Die Welt der Schatten ist tot, zerstört von den dunklen Geistern. Erwecke uns, Dario, und verweigere der Herrin den Dienst. Denn sie ist nicht das, was sie zu sein scheint... Dann verklang die Stimme Allagans und auch die Vision der Anwesenheit verblich, die Wolken verzogen sich so schnell, wie sie gekommen waren und die Oberfläche des Sees lag wieder ruhig und glatt da, nur das Rauschen eines fernen Wasserfalls hing in der Luft. Wurde jedoch schon nach wenigen Sekunden durchbrochen von den Rufen einer Schlacht, die ganz in der Nähe stattfinden musste.
Entschlossen trat Dario zurück, das Eis umfasste noch immer seine Glieder und er fühlte sich schwer und es war, als ob er abtaumeln würde, in eine Welt aus Schläfrigkeit und Trauer. Wieder sah er die blutbefleckte Klinge in seiner Hand, wie er sei aus dem zerborstenen Leib seines Freundes zog, selbst ein Lächeln auf den von Blut verschmierten Lippen. Er konnte es nicht fassen.
Die Vision gerade hatte ihm überdeutlich die Zukunft gezeigt und ihm prophezeit, dass der Samen des Bösen in ihm heranzukeimen begann, gleich der Szene aus einer alten Geschichte, die Erzählung des ersten Zeitalters, als die Wende kurz bevorstand. Die Armeen des Bösen hatten bereits das Grenzland erreicht und die Zauberer fochten auf den sumpfigen Hügeln, nass vom Regen...
Der Regen über der sumpfigen Moorlandschaft fiel in langen, stockenden Schnüren und platschte auf die kleinen, trüben Pfützen, welche sich im Laufe des Schauers gebildet hatten. Von den Hängen des Nebelgebirges, welches ganz und gar von Wolken eingerungen war, flossen kleine Bäche und Flüsse, die mit etwas Salzgehalt in den Sumpf flossen, der nur scharfes Sumpfgras und Fliegen beherbergte. Die Büschel ragten mitten zwischen den großen, matschigen Tiefen auf, von denen sich Gase erhoben und über die Nebel schwebten. Ein moderiger Gestank lag in der Luft und ständig drangen schlurfende Geräusche, die sich ewig hinzuziehen schienen, an das Ohr Millianas. Der Dämon hielt ihren Arm fest umkrampft und zog sie rücksichtslos mit sich, seine Haut war verklebt mit Schlamm und hier und da zeigten sich seltsame Male, die von Kämpfen und dem Sieg danach zeugten. Der Atem des Wesens ging rasselnd zwischen dessen scharfe Zähne hindurch, die wohl extra zum zerkauen von Knochen gedacht waren und stieg dann in leicht dampfenden Wolken gen Himmel. Es war Nacht, man konnte nur einige Meter weit sehen und deshalb sanken die Beiden, Räuber und Opfer, oft in die tiefen Tümpel ein und wurden mit einer schlammigen Haut übergossen, die der Regen bei Milliana teilweise und bei dem groben Dämon nur wenig wieder abwusch. Immer wenn sie stürzten, fauchte und schrie das Wesen des Schattens auf und bleckte die Zähne so weit, dass man meine könnte, es würde den, der das Wasser schickte, auffressen wollte.
Das rostbraune, lange Haar der Magd war mit Dreck verkrustet und klebte ihr nass am Kopf während der Dunkle ihre Quetschungen am Arm zufügte, doch sie schrie nicht, sondern sog immer scharf die muffige Luft durch die Nase ein und hustete den Dreck heraus.
"Was", sie hustete, "hast du mit mir", sie tat es wieder und diesmal würgte sie beinahe, "vor?"
Der dunkelhäutige Dämon, der mehr einem kleingeratenen Bergtroll glich als einem Ork, da er größer war, kräftiger und dicke Augenbrauenwülste besaß, grummelte kurz und stieß dann voller Zorn heraus:
"Dein Freund hat sich nicht an die Abmachung gehalten!"
"Welche Abmachung?", versuchte es Milliana weiter, rutschte aus und wurde solange mitgeschleift, bis sie sich wieder aufgerafft hatte.
"Dass er den Hof nicht verlässt und sich nicht mehr in die Geschäfte des dunklen Herrschers einmischt!"
"Dunklen Herrschers?", fragte die Magd weiter und zerrte den Saum ihres klatschnassen Kleides aus einem kleinen Heckengebüsch, in welchem es sich verfangen hatte. Dabei riss der Stoff und ein Fetzen blieb hängen.
"Muragecht, gepriesen sei er!"
"Wir... Er hatten das nicht vor, er wollte zu seiner Cousine nach Valance! Das ist ein Missverständnis!"
"Zu spät, Menschenweib, zu spät! Er wird dich als Strafe nicht so schnell weidersehen!"
Wieder brüllte er und zerrte die Magd weiter durch den stickenden Sumpf, wo sie weiter von Mücken und Fliegen gepiesackt wurde.

"Die Abmachung...", stotterte Milchemia und versuchte ein paar Beeren herunter zu bekommen, was ihm aber Schmerzen zufügte, "Wir hatten eine Abmachung getroffen, jedenfalls denke ich das. Ich sollte mich aus der Sache von ihnen heraushalten und sie würden mich verschonen. Natürlich nahm ich an und habe dann genau eine Woche lang Wort gehalten, bis mich diese Kerle überfallen haben! Sie sagten, ich hätte die Abmachung nicht eingehalten und darauf haben sie mir Milliana weggenommen..."
In seinen Augen spiegelte sich nachdenkliche Trauer und er sah betrübt zu Boden. Gerwin wollte etwas sagen, behielt es dann jedoch für sich und lies seinen Mund mit den vielen Falten wieder zuklappen. Alles war still, nur das Prasseln des Feuers lud zu sprechen ein, doch niemand achtete darauf, nicht einmal Senragor, der die ganze Zeit stumm in Gedanken verloren zugehört hatte und sich immer wieder die Bilder der Entführung in den Kopf rief. Um das Feuer herum war es warm und vom See, an dessen Rand spärlich Sumpfgras in dicken Büscheln wuchs, bis zum Wald mit den dunkel beschatteten Büschen und der schwarzen Rinde waren es nur Zehn Meter. Das Licht des Mondes, welcher, auch wenn sich eine dunkle Wolke vor ihn schob, von leicht vernebelt bis silberklar leuchtete, brach sich in den flachen Wellen wie die Sonne in einem Brennglas, nur die Schatten der Fische waren düster, tief und sichtbar, da sie sich farblich vom Mondlicht abhoben. Weiter nördlich ging jetzt wahrscheinlich ein Regenschauer nieder, da die Strömungen, welche sich in den See schoben, zunahmen und mehr und schneller als sonst waren. 
"Ich werde dir helfen deine Frau zu finden! Wir Druiden haben ein eigene Weise mit Verlorenem umzugehen, als die Menschen, die ewig nur nach Spuren suchen. Wir brauchen sie nicht suchen. Wir haben sie immer direkt vor Augen... Keine Sorge, ich werde deine Frau finden! Du wirst derweil an anderen Orten gebraucht und zwar in Waromir! Breche nach dahin auf und warte dort auf einen Mann, der sich als Sendinior ausgibt! Du wirst vor ihm in Waromir sein, da er noch über das Kreuzgebirge muss... Er wi1l im Südland noch ein paar Erkundigungen einholen und einen Vertreter der Elfen beschaffen. Du wirst ihn wahrscheinlich in Begleitung des Halbelfen Rone Eszentir’ s begegnen. Zwar kein reinrassiger Elf, aber er wird es auch tun. Nachdem er in Waromir eine Truppe mit Euch als Führer..."
Telchman unterbrach ihn mit einer Bewegung seiner Hand, sah den Zauberer entnervt und ungläubig an und fragte sogleich abstoßend:
"Mit mir als Führer?"
"Ja,", beharrte Cyprian eigenwillig, "mit Euch als Führer! Dafür werde ich Eure Frau wiederbringen..."
"Sie ist nicht meine Frau...", sagte Milchemia und sah wieder betrübt aus der Wäsche.
"Um so besser, dann müsst Ihr nichts erklären, falls sie getötet wird oder...", er stoppte lieber mit den Ausführlichkeiten, da ihm der Hauptmann böswillige Blicke zuwarf. Im Moment thronte er im Schneidersitz,, die Hände um die Knöchel gekrampft.
"Auf jeden Fall werdet Ihr mit dem Druiden und dem Halbelfen nach Düsterburg reisen und dort mit dem Rat der drei Länder sprechen! Sicher werdet Ihr die Vorsitzenden des Gnomenlandes sofort für Euch entscheiden können, da ihr Land ja befallen ist, doch müsst Ihr den Elfen und Menschen erläutern, was passiert, wenn die Gnome fallen! Muragecht wird zweifellos auch die anderen Länder angreifen wollen."
"Und was ist mit den Trollen und den Orks?"
"Die Trolle leben in den Gebirgen und werden so auf jeden Fall an die Front gehen, um ihr Gebiet zu verteidigen. Und die Orks,", er lachte spöttisch und abrupt, "die sind schon vor allen anderen dem dunklen Herrn verfallen!"
Nach einem kurzen, bedenklichen Zaudern aller, meinte Telchman noch überlegend: 
"Na, dann wollen wir mal!"
Der Magier nickte verdrießlich:
"Ja, das denke ich auch!", und dann zu Senragor gewandt: "Komm, wir gehen besser auch, das heißt, du gehst zur Waldenburg und ich mache mich auf, um diese Milliana für Telchman zu suchen!"
"Aber ich dachte..."
"Hast du nicht zugehört?", fauchte Gerwin bedrohlich, denn er wollte den Hauptmann nicht aus seiner Truppe verlieren, "Ich kann nicht gleichzeitige zur Waldenburg gehen und nach der Dame suchen!" 
Seine Stimme war anders als sonst, streitsuchend und gefährlich. Senragor trat ängstlich ein paar Schritte zurück und sagte, denn es war eher eine Feststellung als eine Frage, mit brüchiger Stimme:
"Was bist du?"
"Ich bin Gerwin Cyprian... Der Druide von Gordolon!"
"Was ist mit den anderen Druiden geschehen?"
Milchemia bemerkte den Verdacht des Jungen und legte vorsichtshalber die Hand auf sein Schwert. Senragor trat weitere Schritte zurück während der Zauberer ihm eiskalte Blicke zuschickte.
"Die? Der von Schattendüster ist verschwunden... Auf rätselhafte Weise. Es wäre nicht erstaunlich seine blutigen Überreste im Wald zu finden, umringt von Knochen, Kadavern und Gebeinen, stinkend nach Tot und verbrannt...", eine Augen wurden immer durchdringender und auch ein kleiner Anflug von Wahnsinnigkeit war in ihnen zu erkennen, "Und der aus Barokin... Zerfetzt... Liegend in einer toten Horde blutrünstiger Orks...", er stieß ein bösartiges Lachen aus, "Der Druide der Gebirge wurde von den Trollen vom Thron verdrängt und Sendinior selbst, ist Herrscher über alles... Oberdruide..."
"Wenn du es nicht genauer weißt,", feigste Senragor bissig, "dann lass es lieber, alter Mann!"
"So redet man nicht mit seinem Onkel!"
Diesmal entfloh dem Jungen ein Lachen. Er riss dem Magier die Karte aus der Hand, die zusammengerollt war, drehte sich ohne ein weiteres Wort um und verließ gefolgt durch den sich auf einen Stab stützenden - weil seine Wunden noch immer brannten - Milchemia das Ufer des Sees und bog nach einer schattigen, weit auslaufenden Felsnase am Rand des Sumpfes in den Angorapass ein. Cyprian lächelte, dann richtete er alles für die Zeremonie her, in welcher er die Geister nach dem Mädchen und den Weg zu ihr fragen wollte...

Sendinior ging etwas schneller, da er bald an die Miene von Schattendüster kommen würde, die, wie es hieß, von Dieben und Halunken erobert worden war und da unten jetzt geheime Spiele veranstaltet und Treffen arrangiert wurden, bei welchen oft viel Gold über den Tisch geschoben wurde und ahnungslose Händler überfallen wurden. Hoffentlich passiert mir das nicht, dacht er sich, während er schneller an den felsigen Landschaft entlang schritt, immer den Flussarm entlang, der ihn nach Irkwen und Towrin führen würde und somit auch zu dem Anwesen, in welchem Rone mit seiner Familie lebte. Sein Weg ging durch eine Klamm, in welcher nur ein kleiner Bach floss, der sich silbrig zwischen kleinen Steinen wand, die sich an den Seiten zu großen Kieshaufen und grobem Gestein gestapelt hatten. Dort, in den Schatten, bei einem großen Riss im Stein, halb verborgen durch trockenes Gestrüpp, lag der Eingang der Höhle, die innen zu einer Miene umfunktioniert worden war. Es schienen sich Schatten darin zu bewegen, Stimmengemurmel wurde laut. Sendinior stutzte einen Moment, bewegte sich nicht, um zu lauschen, während seine fließenden Gewänder, dunkel und trauerfarben, aber dennoch mit bunten Perlen an Schnüren verziert, die in Vielzahl von seinen Schultern hingen, leicht im Wind wankten. 
Oben, am Hang, entdeckte er jetzt etwas, was sich ihm vorher noch nicht gezeigt hatte, ein Schauer aus dunklen, angefaulten und kranken Blättern ging da nieder, schwebten sanft in wirbelnden und kreisenden Bewegungen zu Boden, auf einen großen Felsvorsprung, keine zwanzig Schritte von dem obersten Riss der Höhle entfernt. 
"Der dunkle Zauberer. Ich werde mich ihm stellen müssen!", murmelte er und umklammerte den Stab fester, während er mit einer magischen Handbewegung dafür sorgte, dass sich sein Körper vom Boden löste und er fliegend auf den Hang zusteuerte, an welchem ein schmaler Streifen von Laubbäumen wuchs. 
Als er auf dem mit dunklem Laub, welches an vielen Stellen festgetrampelt war, bedeckten Felsvorsprung landete, spürte er starke Windzüge, die sich wie bei einem Wirbelsturm bewegten, sich vor ihm zu manifestieren versuchten, dabei das ganze Laub aufwirbelte und es wie von Zauberei schwarz färbte. Dann verstummte der Wind, das zischende Sausen in Sendinior’ s Ohren erlosch und Muragecht kniete wenige Meter vor ihm, hielt ein prächtiges Schwert in den mit Lederhandschuhen versehen Händen. Er war muskulös, trug ein schwarzes Tierfell um die Schulten und ein schwarzen Tornister. Vom Tierfell an bis zu seinen schweren, mit Eisen beschlagenen, ebenfalls schwarzen Lederstiefeln mit der breiten Krempe, die ihm bis zu den Knien reichten, hing ein giftgrüner Umhang und seine Rüstung war aus geschwärztem Silber, das abgewetzt im spärlichen Silberlicht des Mondes schimmerte. Sein kantiges Gesicht war ungewaschen und er hatte eine große Nase, die gebrochen schien und doch passte sie hervorragend zu den dunkelgrünen, von Stärke zeugenden Augen.  Das ganze Gesicht wurde von dünnem, silbergrauen Haar umspielt, das ihm in einzelnen Strähnen vom Haupt hing.
Jetzt blickte er auf, sah seinen Gegenspieler belustigt an, erhob sich dabei und legte die Hand auf das Schwert, was ohne Zweifel das Schwert war, welches Milchemia vor einigen Tagen geschwungen hatte. 
"Hallo Allagan!", sagte der dunkle Zauberer und Sendinior ging ausweichend in Angriffsstellung, den Stab kampfbereit schwenkend.
"Was willst du, Muragecht?", fragte er ausspuckend und in dem Moment griff Muragecht an. Mit einem Kampfschrei stürzte er, mit dem Schwert weit ausholend. Dann schlug er, das eine Schwert mit nur einer Hand haltend, zu und Sendinior konnte nur abwehrend den Stab in die Luft reißen, um den Schlag zu parieren. Funken sprühten, als der Zauberer des Guten eine Salve Magie in den knorrigen Stock schickte, damit dieser nicht beim Angriff zerbarst, doch trotzdem war der Angriff des Dunklen stark und brachte ihn aus dem Gleichgewicht. Allagan stolperte zurück, fing sich aber im letzten Moment wieder und wehrte den zweiten Schlag ab. In seinen Händen vibrierte es und ein brennender Schmerz wurde durch seine Hand geschickt, als die Waffe auftraf, doch Sendinior hielt und drückte dagegen. Jetzt konnte er alles aus der Nähe sehen, bemerkte die angestrengten Züge auf Muragecht’ s Gesicht, sah Stellen auf dem Schwert, welche Bruchstellen ähnlich sahen, welche wieder zusammengefügt waren... Das Schwert musste also schon einmal zerbrochen worden sein! Würde er schaffen es zu zerbrechen?
Diesmal drückte er mit voller Wucht gegen das Schwert, riss es von sich weg und drängte den feindlichen Zauberer mit einem Schlag des knorrigen Ende des Stabes ins Gesicht zurück setzte seine Magie frei, die in gleißender Helligkeit das Ende des Stabes verließ und auf Muragecht zuschoss.
Dieser wischte sich seinerseits das Blut aus dem Mundwinkel, grinste höllisch und schickte mit einer starken Geste einen Schwall dunkler Energie gegen die von Allagan. Beide trafen sich in der Mitte und versuchten sich gegenseitig aus dem Weg zu drängen, doch keiner der beiden Kämpfer gab nach, jeder spannte die Muskeln bis kurz vorm Zerreißen an und drückte seine Macht in den Streich. Ihre Gesichter glänzten vor Anstrengung und waren mit Schweiß überzogen. Jeder Angriff kostete sie unglaublich viel Kraft und Beide schienen sich ebenwürdig zu sein, bis Muragecht zu seinem Schwert griff.
"Das ist unfair!", schnappte Sendinior und stemmte sich gegen die feindliche Energie, grub seine Zehen in den Boden. Er hatte kaum noch kraft zum Sprechen und die Energien waren so stark, dass sich wild zuckende Blitze dort bildeten, wo die Mächte sich bekämpften. Wieder trat Wind auf, ebenfalls von diesem bestimmten Punkt aus.
"Denkst du, ich mache das ganze hier zur Fairness? Das ist meine Freizeit. Das Mache ich zum Spaß!", erklärte ihm der dunkle Zauberer stockend und riss seine Waffe in den Energiestrom, welcher dadurch vieles an Kraft gewann und der dunkle Energieschwall Muragecht’ s drängte Allagan’ s Zauber zurück, sodass sich schattige Linien des Bösen durch die helle Magie des Guten wandten. 
Sendinior war alt, viel älter als Muragecht und so konnte er es auch nicht mehr lange aushalten, verbissen kämpfte er noch einige Zeit, doch dann verließ ihn seine Kraft auf einmal und er wurde mit der geballten Energie des Bösen zurückgetrieben. Die schwarze Macht drückte ihn zurück, zerfetzte seine Kleider, warf ihn über den Abhang und schmetterte ihn gegen die gewaltige Felsnase auf der anderen Seite der Klamm. Knochenbrechender Schmerz durchdrang sein Kreuz und zerrte ihn nach einem laut hallenden Schmerzensschrei in die Bewusstlosigkeit...

"Geist der Erde, zeige mir deine Macht!"
Gerwin Cyprian beschwor mit hallender Stimme den Geist der Erde, während er mit weit ausgebreiteten Armen über dem See Ran schwebte. Das Wasser war jetzt alles andere als ruhig, Wind fegte darüber und rief dabei kleine Wellen hervor. Das Wasser glitzerte mystisch und eine leichte Stimme in der Luft sprach mit dem Druiden, dann schien ein Schatten aus dem Wald aufzutauchen, wie ein Geist schwebte er über das Land; es war die Seele, des Königs, der die Herrschaft der Erde vor 120 Jahren angekündigt hatte. Jeder Lord, König oder Graf, der einmal die Herrschaft eines Element gepriesen hatte, wurde nach seinem Tot als Herr über diesen Bereich eingeteilt. So auch dieser, König Gerd Efmadul, der damals der Grund um den Kampf gegen die Gefilde der Gnome war.
Der Schatten des Toten schwebte auf Gerwin zu, leicht und luftig, wie ein laues Lüftchen, durchsichtig, flog über die unruhigen Wasser des Sees und tauchte in Gerwin ein, verschmolz mit ihm. Der Druide brauchte die Macht aller Elemente, um den Aufenthaltsort eines bestimmten, unbekannten Lebewesens auszukundschaften, ohne selber erst an den Ort reisen zu müssen und so redete er weiter wie in Trance versetzt:
"Geist des Himmels, zeige mir deine Macht!"
Da schwebte er an, kam von oben, ebenfalls wie ein Geist in einem durchsichtigen, zerfetzten Leichengewand und verschmolz mit dem Zauberer. 
Es war Lord Graiz Helem, der vor mehr als 500 Jahren die Drachenritter aufleben hatte lassen, die sich auf den Rücken ihrer fliegenden Drachen in den Himmel erhoben und somit die Lüfte erobert hatten. Später wurde er dann zum Geist der Lüfte.
 

© Benedikt Julian Behnke
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Und schon geht's weiter zum 27. Kapitel (7. Kapitel des 3. Buches): "Der Krieg der Magie"

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