Nebelwald von Klaus-Peter Behrens
2. Kapitel

"Hilfe!"
Erschrocken öffnete Michael die Augen, nur um sie sofort wieder zu schließen, als ihn grelles Sonnenlicht blendete. Anscheinend hatte ein Rettungstrupp ihn befreit, und nun stach ihm die Mittagssonne in die Augen.
"Verschwinde, du Ausgeburt des Teufels!"
Das klang eindeutig nicht nach Rettungstrupp. Erneut öffnete Michael die Augen, um nach der Ursache des Hilferufs Ausschau zu halten. Doch der Hilferuf war vergessen, als er seiner Umgebung zum ersten Mal richtig gewahr wurde. Er lag mitten auf einer kleinen Lichtung, die von dichten Laubbäumen umgeben war. In der Ferne ragten ein paar gewaltige Berge auf, und irgendwo in der Nähe rauschte ein Bach. Das Szenario war zauberhaft und hätte ihn unter anderen Umständen sicherlich begeistert, wäre da nicht der Umstand gewesen, dass von der Höhle, in der er sich eben noch befunden hatte, weit und breit keine Spur zu entdecken war. Doch damit nicht genug. Die gesamte Umgebung hatte eindeutig keinerlei Ähnlichkeit mit der öden Gebirgsregion Nordafrikas, wo er zu seiner Höhlentour aufgebrochen war. Verwirrt rieb Michael sich die Augen, doch das half auch nicht weiter. Beunruhigt registrierte er, dass sein Gedächtnis eine Lücke aufwies. Er konnte sich nur noch erinnern, dass er in dieser Höhle irgendetwas entdeckt hatte, aber was? Und wie war er hierher gekommen? Unschlüssig erhob er sich und streckte die steifen Glieder. Mit Bedauern stellte er fest, dass er seinen guten alten Helm und einen Großteil seiner Bürsten eingebüßt hatte, jedenfalls konnte er sie nirgends entdecken. Stattdessen erspähte er einen Stein in der Form eines Hühnereis, der harmlos zu seinen Füßen lag, und plötzlich kam ihm die Erinnerung wieder. Offensichtlich hatte er tatsächlich den Weg in eine andere Welt oder möglicherweise in einen anderen Teil der Welt entdeckt. Das war faszinierend. Michael hob den Stein auf und betrachtete ihn kritisch. Das Pulsieren hatte aufgehört. Vielleicht war die Batterie leer. Michael schluckte, bedeutete das doch mit hoher Wahrscheinlichkeit, dass er hier festsitzen würde, wo auch immer "hier" war. Doch zum Grübeln blieb ihm keine Zeit, denn ein erneuter Schrei erinnerte ihn daran, dass es zunächst vordringlichere Fragen zu klären galt. Irgendjemand benötigte offenkundig ganz dringend Hilfe. Mit einem Seufzen verschob er die Gedanken an eine Rückkehr oder die Frage, wo er sich befand erst einmal auf später, verstaute den Stein in seiner Hosentasche und rannte in die Richtung, aus der er den Schrei vernommen hatte. Dichtes Geäst peitschte ihm ins Gesicht, während er sich durch das Unterholz quälte, bis er plötzlich ohne Vorwarnung das Dickicht hinter sich ließ und mitten ins Geschehen stolperte. Der Wald wurde an dieser Stelle durch einen schlammigen Weg geteilt, auf dem sich gerade ein junges Mädchen gegen einen Hünen von Mann zur Wehr setzte.
"Hey, laß sie gefälligst in Ruhe", rief Michael, der entschlossen den schlammigen Weg betrat. Mit einem Knurren fuhr der Angesprochene daraufhin herum und entlockte Michael ein entsetztes Keuchen. In dem kurzen Augenblick, in dem er den Angreifer von hinten gesehen hatte, war er davon ausgegangen, einen Mann vor sich zu haben, wenn auch einen kräftigen. Doch nun erkannte er seinen Irrtum, jedenfalls was die Einordnung der Gattung anbelangte. Eines stand fest, einen Menschen hatte er eindeutig nicht vor sich, womit sich die Anzahl der Möglichkeiten, wo er gelandet war, eindeutig um die Position "irgendwo anders auf der Erde" reduzierte. Einerseits war das zwar ganz interessant, zumal Michael als Paläanthropologe sich gerne einmal näher mit dem gewaltigen Schädel seines Gegenübers, der einen weit vorspringenden Unterkiefer besaß, aus dem zwei gut zehn Zentimeter lange, dolchspitze Zähne herausragten, beschäftigt hätte allerdings erst ein paar tausend Jahre nach dessen Ableben andererseits sah es vorläufig aber eher danach aus, als wenn die Kreatur sich demnächst um seinen Schädel kümmern würde. Jedenfalls ließ die Behendigkeit, mit der sein Gegenüber sein Schwert, das in einem breiten Ledergeflecht an der Seite seines ansonsten nahezu unbekleideten, schuppigen Körpers hing, zog und auf ihn zukam, Entsprechendes befürchten. Die Augen, in denen ein rotes Feuer zu glühen schien, bestätigten seine Vermutung. Für seine nächste Zukunft sah es alles andere als rosig aus. Michaels Gedanken rasten. Was sollte er tun? Einen Kampf gegen dieses Geschöpf schien aussichtslos, wenngleich ... "Du bist fällig", grollte die Bestie. Mit einem Pfeifen fuhr ihr Schwert auf Michael herunter. Der wartete bis zum letzten Augenblick. Dann drehte er sich blitzschnell seitwärts nach links, nutzte den Schwung seines Gegners aus, um ihn am Schwertarm zu greifen und nach vorne zu reißen, während er gleichzeitig seine eigene Drehung verwendete, um seinen Unterarm mit aller Kraft gegen das Ellenbogengelenk seines Gegners zu schlagen. Mit einem Schmerzensschrei ließ das Ungeheuer daraufhin das Schwert fallen. Sofort setzte Michael nach und trat seinem Angreifer zweimal in den Magen. Dann ließ er sein Bein hoch in der Luft kreisen, um ihm mit der Ferse mit vernichtender Wirkung gegen den Hinterkopf zu treten. Mit einem Grunzen ging der Angreifer zu Boden. Erstaunt blickte Michael auf den gefällten Unhold. "Das ging ja besser als erwartet", murmelte er, während er sich im Stillen dazu beglückwünschte, dass er als Kind statt in den Schach- in den Karateclub eingetreten war. Eine weibliche Stimme ließ ihn herumfahren. 
"Danke für die Rettung, aber jetzt müssen wir hier weg."
"Warum, er ist erledigt. Sag mit lieber, was hier los ist?", fragte er, während er die Gerettete näher in Augenschein nahm. Was er sah, gefiel ihm. Selbst in dieser Situation war ihre Schönheit nicht zu übersehen. Offensichtlich war ihr Michaels Blick nicht entgangen, denn eine Röte überzog plötzlich ihr Gesicht, während sie ihre beschmutzte, grüne eng anliegende Kleidung glattstrich. Irgendwie erinnerte sie Michael an eine weibliche Ausgabe von Robin Hood.
"Was hier los ist?", erwiderte sie schließlich mit einer leichten Hysterie in der Stimme. "Du hast gerade einen Bolg getötet. Wenn seine Kameraden uns erwischen, sterben wir unter schlimmsten Qualen."
"Der ist nur bewußtlos", wiegelte Michael ab, während er dem Unhold zur Bestätigung kräftig in die Seite trat, was diesem ein Grunzen entlockte, "aber was zum Henker sind Bolgs und wo bin ich hier eigentlich gelandet? Vielleicht kannst du mir..."
"Still!" Mit einer energischen Handbewegung brachte die Unbekannte ihn zum Schweigen. Aufmerksam musterte sie den Weg, der sich rechts und links von ihnen im dichten Wald verlor, während sie sich eine der langen, weißblonden Haarsträhnen hinter das Ohr schob. Erstaunt stellte Michael fest, dass dieses spitz und lang war. Das war faszinierend.
"Deine Ohren..."
"...hören gerade etwas höchst Unerfreuliches. Wir bekommen Besuch", unterbrach die Spitzohrige ihn radikal. Michael lauschte intensiv, konnte jedoch nichts hören. Nun ja, meine Ohren sind ja auch kleiner als ihre, dachte er. Die Spitzohrige hatte inzwischen einen Entschluss gefasst.
"Besser, wir verschwinden hier, solange noch Zeit ist." Dann drehte sie sich um,  rannte ohne auf eine Antwort zu warten los und verschwand auf der gegenüberliegenden Seite im Wald. Michael hingegen zögerte noch einen Augenblick. Sein Blick glitt zwischen dem gefällten Unhold und dem düsteren Weg hin und her. Er wußte nicht so recht, was er machen sollte. Dann konnte auch er plötzlich vernehmen, was die Elbin zur Flucht veranlasst hatte. Das donnernde, bedrohliche Stampfen von Hufen. Einer Menge Hufe. Vielleicht waren ja die Kollegen dieses Unholds im Anmarsch, überlegte Michael, der bezweifelte, dass sie über die Behandlung, die er ihrem Artgenossen hatte angedeihen lassen, besonders entzückt wären. Diese Möglichkeit gab den Ausschlag. "Ich wollte sie ohnehin noch etwas fragen", murmelte Michael und sprintete der Spitzohrigen hinterher.

Doch obwohl er ein guter Läufer war, dauerte es einen Augenblick, bis er sie eingeholt hatte, zumal seine Bergstiefel nicht gerade das beste Rüstzeug für einen Sprint waren.
"Wie heißt du eigentlich?", brachte er keuchend hervor, während er ihr schnaufend im Höchsttempo hinterher rannte, offensichtlich einem Fluss entgegen, denn im Hintergrund war deutlich ein beständig lauter werdendes Rauschen zu vernehmen.
"Monjya", kam es nach einem Augenblick zögernd zurück, "vom Stamm der Waldelben aus Nebelwald. Und wer bist du?"
"Michael, aus den Reihen der zu neugierigen Paläanthropologen", erwiderte er zynisch, während er wohl zum hundertsten Mal überlegte, wo er bloß gelandet war. Das Ganze wurde immer abenteuerlicher. Vielleicht wachte er ja plötzlich auf und alles war nur ein Traum. Leider sah es danach vorläufig jedoch nicht aus, dafür wirkte das Seitenstechen, das sich bei ihm unangenehm einstellte, zu echt. Zum Glück rannten sie inzwischen einen abschüssigen Hang hinunter, was nicht ganz so anstrengend war. Am Ende des Abhangs gewahrte Michael den Fluss, den er die ganze Zeit über schon gehört hatte. Doch damit tat sich ein neues Problem auf. Selbst durch die dichte Ufervegetation konnte er erkennen, wie das Wasser wild schäumte und sich an diversen Felsbrocken brach. Die Möglichkeit, ihn zu durchqueren und ihre Verfolger abzuhängen, zerbarst wie die unzähligen Wassertröpfchen an den spitzen Felsen im Fluss.
"Wie willst du denn da hinüber kommen?", fragte Michael nervös, dem der Magen in die Knie sank bei der Aussicht, sich in die reißenden Stromschnellen zu begeben. Ob mit oder ohne Boot, würde dabei wahrscheinlich auf dasselbe Ergebnis hinauslaufen. Sie würden jämmerlich ertrinken. Doch Monjya gab keine Antwort, sondern wandte sich nach links und rannte nun im Höchsttempo am Uferrand entlang. Intuitiv warf Michael einen Blick zurück und wurde augenblicklich bleich. Auf der Anhöhe waren vier düstere Reiter erschienen, die auf etwas ritten, das an eine Kreuzung zwischen einem Krokodil und einem Leguan erinnerte.
"Verdammt, sie haben uns gleich", schrie er der vorauseilenden Monjya hinterher, die inzwischen eine Wiese in der Größe eines kleinen Fußballfeldes erreicht hatte und eine seltsam aussehende Flöte aus der Tasche zog. Als sie darauf blies, konnte Michael keinen Ton vernehmen. Er vermutete Ultraschall. Wie ihnen das helfen sollte, war ihm schleierhaft.
"Was soll das? Wir haben keine Zeit zu verlieren, die können jede Sekunde hier sein", redete er hektisch auf die aufmerksam den Himmel beobachtende Elbin ein, als plötzlich für einen Augenblick ein Schatten die Sonne verdunkelte. Irritiert warf Michael einen Blick in den Himmel und erbleichte erneut. Über ihnen kreiste ein gigantisches Geschöpf, das Michael an die Zeichnungen von Flugsauriern erinnerte, und dieses Ungeheuer setzte nun zur Landung an. Womit hatte er das nur verdient? "Weg hier", brüllte er und versuchte, Monjya fortzuziehen. Doch die widersetzte sich ihm.
"Bei Gelegenheit mußt du mir unbedingt einmal erzählen, wo du herkommst. Eigentlich weiß jeder, dass die Elben des Nebelwaldes Drachenreiter sind." Ein leicht überhebliches Grinsen erschien auf ihrem Gesicht als sie Michaels verdutztes Mienenspiel sah. Der wollte gerade eine passende Erwiderung anbringen, als Monjyas Grinsen schlagartig erlosch. Die Ursache hierfür war nicht zu übersehen. Am anderen Ende der Wiese waren ihre Verfolger erschienen. Während sie in perfekter Choreografie ihre Schwerter zogen, sah sich Michael verzweifelt nach einem Ausweg um. Es gab keinen. Diesmal waren sie endgültig erledigt. Sie hatten einfach zu lange gezögert. Michael schluckte. Hätte er doch wenigstens das Schwert seines Angreifers mitgenommen. Doch stattdessen verfügte er nur über die verbliebenen Bürsten an seinem Gürtel, und die würden ihm kaum weiterhelfen. Nervös wandte er sich ihren Verfolgern zu, die ihren Reittieren, denen der Geifer aus den geöffneten, mit spitzen Zähnen versehenen Kiefern troff, in diesem Moment in die Seite traten und los stürmten. Wenn es ihm wenigstens gelingen würde, einen aus dem Sattel zu zerren und ihm die Waffe abzunehmen, hatten sie vielleicht eine kleine Chance. Wie er das allerdings anstellen sollte, wußte er nicht, und Zeit darüber nachzudenken, hatte er auch nicht, denn die Entfernung zwischen den ungleichen Gegnern verringerte sich rasant. Zu Michaels Überraschung hielt Monjya plötzlich einen Bogen in der Hand. Die Elbin schien immer wieder für eine  Überraschung gut zu sein. Während Michael noch das Sirren der Bogensehne in den Ohren klang, hatte Monjya bereits zwei der Reiter aus dem Sattel geholt. Doch für einen weiteren Pfeil blieb keine Zeit, denn schon waren die verbliebenen Angreifer heran. Mit einem Hechtsprung zur Seite brachte sich die Elbin in Sicherheit. Michael hatte weniger Glück. Nur um Haaresbreite entging er einem tödlichen Schwerthieb als er versuchte, einen ihrer Angreifer aus dem Sattel zu zerren. Zum Glück trug der Schwung des Angriffs Michaels Gegner jedoch so schnell an ihm vorbei, dass dieser keinen weiteren Schwerthieb anbringen konnte. Brutal rissen die Angreifer daraufhin ihre Tiere herum und sprengten erneut los. Diesmal nahmen sie ihre Opfer von zwei Seiten in die Zange. Ein Ausweichen war so schwierig, wenn nicht unmöglich. Während Michael hektisch nach einem Ausweg suchte und Monjya mit fliegenden Fingern einen Pfeil auf die Sehne legte, erklang plötzlich ein gewaltiges Rauschen, als der Drache über sie hinweg glitt und mit einem einzigen Flügelschlag einen der Angreifer von seinem Reittier beförderte. Michael jubelte begeistert. Den Drachen hatte er völlig vergessen. Doch die Gefahr war noch nicht gebannt. Zwar hatte das Reittier des zweiten Angreifers beim Anblick des angreifenden Drachens gescheut und ihnen so ein paar wertvolle Sekunden geschenkt, doch der Angreifer hatte sein Tier schnell wieder in der Gewalt und jagte nun erneut im Höchsttempo auf sie zu. Doch die paar Sekunden Verzögerung hatten Monjya genügt. Mit einem gezielten Schuß ins rechte Auge beförderte sie den Angreifer in eine bessere Welt. Das Reittier, nunmehr seines Herren beraubt und angesichts des Drachens, der über ihren Köpfen kreiste hochgradig nervös, flüchtete wie seine Vorgänger ins Unterholz. Im selben Moment griff der gewaltige Drache den verbliebenen Gegner an, der sein Reittier gerade noch an der Flucht hatte hindern können und sich nun wieder auf dessen Rücken schwang. Doch das hätte er lieber bleiben lassen. Mit der Schnelligkeit und Präzision einer Viper pickte der Drache ihn so schnell aus dem Sattel, dass dieser noch nicht einmal dazu kam, einen Angstschrei auszustoßen. Dann war es vorbei. Während der Drache eine elegante Schleife flog, um auf der Wiese zu landen und dabei die Überreste des Bolg hinunter schlang, fragte sich Michael beim Anblick des ebenfalls ins Unterholz flüchtenden letzten Reittiers, ob er ihm nicht lieber folgen sollte. Immerhin sprach eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, dass der Drache für ihn eine Gefahr darstellte. Doch für eine Flucht war es ohnehin zu spät, denn der Drache setzte gerade keine zehn Meter entfernt zur Landung an. Selbst auf diese Entfernung warf Michael der Luftdruck der gewaltigen Flügel beinahe um. Fasziniert, aber auch stark beunruhigt beobachtete er, wie der Drache die riesigen Flügel elegant zusammenfaltete und dann auf zwei massiven Beinen aufrecht gehend auf sie zu kam. Die roten Augen, mit denen er Michael fixierte, hatten etwas Hypnotisches. Irgendwie wurde er das Gefühl nicht los, dass der Drache ihn gerade als Nachtisch auf die Speisekarte gesetzt hatte. Vielleicht hatte der Bolg ihn auf den Geschmack gebracht.
"Du brauchst keine Angst zu haben", beruhigte Monjya ihn, die offensichtlich seine Gedanken erriet. "Ich sage ihm, dass du ein Freund bist."
"Prima Idee", erwiderte Michael trocken, "sag ihm aber bitte auch, dass ich nicht schmecke und Sodbrennen verursache. Das kann nicht schaden."
Grinsend wandte sich die Elbin daraufhin an den Drachen und sprach ihn in einer Sprache an, die Michael nicht verstand. Der Drache lauschte aufmerksam, legte den Kopf jedoch zweimal mißtrauisch auf die Seite, während er Michael auf eine Weise fixierte, die diesen blass werden ließ, doch wenigstens blieb er einstweilen stehen. Als Monjya Michael schließlich mitteilte, dass alles in Ordnung sei, atmete er erleichtert auf. "Er wird uns nach Nebelwald bringen", informierte sie ihn, "es sei denn, du hast etwas Besseres vor."
Nachdenklich betastete Michael den Stein in seiner Tasche, dann schüttelte er den Kopf. Wann hatte man schließlich als Paläanthropologe schon mal die Gelegenheit, auf einem echten Flugsaurier zu reiten? Auch wenn der vielleicht ein wenig hungrig war. "Auf nach Nebelwald", sagte er, alle Bedenken ignorierend.

Der Flug ließ sich mit nichts vergleichen, was Michael jemals erlebt hatte. Zu Anfang war er noch überzeugt gewesen, dass ihn jeder Paläanthropologe auf der Welt um dieses Erlebnis beneiden würde, doch mittlerweile war er da nicht mehr ganz so sicher. Auf dem Rücken des Drachens war immerhin nur ein Sattel befestigt, so dass Michael kaum Halt hatte und mehr als ein halbes Dutzend mal beinahe hinunter gefallen wäre. Das trübte das Vergnügen ein wenig. Dankbar atmete er daher auf, als ihr Ziel endlich in Sicht kam. Auch ohne die erklärenden Worte Monjyas hätte Michael den Wald erkannt. So weit er blicken konnte, wurde er von einem dichten, an klebrige Watte erinnernden Nebel eingehüllt. Aus der Mitte  ragte ein Berg mit einer abgeflachten Spitze auf, die der Drache nun ansteuerte. Offenkundig wurden sie schon erwartet, denn nach der erstaunlich sanften Landung fand sich Michael kurze Zeit später im Waldpalast des Elbenkönigs wieder, dem Monjya in farbenfroher Schilderung ihre Geschichte erzählte. Michael erfuhr, dass sie als Späher unterwegs gewesen und von dem Bolg überwältigt worden war, als ihr Drache auf der Jagd gewesen war. Als sie von dem mutigen Eingreifen Michaels berichtete, erntete der bewundernde Blicke. Schließlich kam sie zum Schluss ihres Berichtes, der weniger Begeisterung hervor rief.
"Dann wird es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis sie auch noch den Silberfluss überqueren und auf Nebelwald zu marschieren", flüsterte der Elbenkönig schockiert.
"Ich fürchte ja. Sie erobern und unterdrücken eine Provinz nach der anderen", erwiderte Monjya.
"Wer sind diese Bolg eigentlich?", fragte Michael neugierig. Die Waldelben sahen ihn erstaunt an.
"Du weißt nicht, wer die Bolg sind?", fragte der Waldelbenkönig irritiert. Michael schüttelte den Kopf. "Ich komme von weit her."
"Scheint so", kommentierte der Waldelbenkönig in leicht zynischem Tonfall. "Also schön, informiert ihn, immerhin hat er eine der unseren gerettet." Dann machte er eine auffordernde Handbewegung, worauf ein älterer Waldelb in einem braunen Umhang vortrat, der sich bisher im Hintergrund gehalten hatte.
"Wogar, unser Seher", erläuterte Monjya, als sie den fragenden Blick Michaels registrierte.
"Nun", hub Wogar an, "vor langer Zeit erschienen die Bolg eines Tages aus dem Nichts, wie durch Zauberei. Sie besetzten Urgas Ville, die alte Feste im Norden, und traten von dort ihren Eroberungsfeldzug an. Nach und nach fielen die umliegenden Länder unter ihrer Gewaltherrschaft und wurden ausgebeutet. Viele haben sich tapfer gewehrt, doch keinem hat es etwas genützt. Ihre Feste ist uneinnehmbar und es gibt nur wenige, die jemals tief in sie eindrangen und wieder herauskamen, um darüber zu erzählen. Den spärlichen Berichten nach zu urteilen, beziehen die Bolg ihre Kräfte und ihren Nachschub über einen riesigen, magischen Obelisken, der von einem inneren Feuer gespeist wird und ihnen das Tor zu ihrer Welt offen hält. Dank dieses Zaubers verfügen sie über unbegrenzten Nachschub an Waffen und Kämpfern und bringen so Zerstörung und Plünderung über das Land. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie auch Nebelwald unterjochen werden."
"Und es gibt nichts, was man dagegen tun könnte?", fragte Michael.
"Man müßte ihre Quelle zerstören, doch dafür bedarf es eines Gegengewichts, eines Schlüssels zu einer konträren Welt. Bringt man beide zusammen, würde die Wechselwirkung zur vollständigen Zerstörung beider Zauber und damit zur Vernichtung des Tors führen. Abgeschnitten von ihrem Nachschub, würden sich die Bolg dann nicht lange halten können. Das Feuer des Widerstands würde sich neu entzünden, und die Bolg sähen sich plötzlich einer Übermacht von Widersachern gegenüber, die sich bisher nur aufgrund der unbegrenzten Kampfreserven ihrer Feinde, diesen unterworfen haben." Wogar, dessen Stimme während seiner Erzählung beständig an Lautstärke und Dramatik gewonnen hatte, hob nun theatralisch die Hände, während er fortfuhr. "Der Legende nach, wird eines Tages ein Unbekannter aus einer anderen Welt erscheinen und diese Plage von uns nehmen, denn er wird den Stein der Vernichtung mit sich führen." Die Hände sanken wieder hinab und Wogar seufzte resigniert. "Doch vermutlich sind das nur Mythen, und wir sind verloren", schloß er seinen Vortrag. Während im Saal bedrücktes Schweigen herrschte, betastete Michael nachdenklich den Stein in seiner Tasche, dann traf er eine Entscheidung.
"Nun", sagte er bedächtig und nahm den Stein aus der Tasche, "in jeder Legende liegt bekanntlich ein kleines Stück Wahrheit." Dann drückte er dem verblüfften Wogar den Stein in die Hand, dessen Licht zum ersten Mal wieder aufflackerte, als wüßte er, was man von ihm erwartete. "Sieht so aus, als gäbe es einen Job zu erledigen."
 

© Klaus-Peter Behrens
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