The Neverending Tale von Christopher Batke
- 04 -
Wiedersehen

- Derweil in Dadrim, Landeshauptstadt -

Schnellen Fußes zog er durch die lang gezogene und schier unglaublich hohe Halle. Alle zwanzig bis dreißig Schritte erstreckten sich zu beiden Seiten massive, steinerne Säulen empor. Der Boden war so blank poliert, dass er fast sein Spiegelbild beim Blick nach unten erkennen konnte. Die massiven, schwarzen Stiefel erzeugten ein dumpfes Geräusch, das quer durch die Halle hallte. Schon des Öfteren musste er diesen Weg beschreiten, auch wenn er hauptsächlich in der Oberstadt zu tun hatte. Der schier endlose Gang in die Unterstadt war stets imposant. Nichts jedoch war zu vergleichen mit der Schönheit der Tore des königlichen Saals. Auch dieses Mal musste Achay inne halten und das Kunstwerk betrachten. Jedes der zwei Tore war mindestens fünffach so breit und zehnfach so hoch wie er selbst. Noch immer rätselte er über den Mechanismus, der die schwarze Pforte, wie sie auch oft genannt wurde, schier von Geisterhand öffnen ließ. Vielleicht führte ihn eines Tages ein Auftrag in das Werkmeister-Quartier, dann hätte er bestimmt die Gelegenheit darüber etwas in Erfahrung zu bringen.

Während Achay seinen Blick jetzt vor allem noch einmal über die verschieden farbigen Kristalle schweifen ließ, begann er bereits sich der Höflichkeitsformel getreu, jedoch nahezu gelangweilt, anzukündigen:
"Achay, Pasana zweiter Klasse. Ich grüße die königliche Garde. Ich bringe Botschaft für die Königin."
"Was ihr nicht sagt, Achay", schoss es ihm spöttisch entgegen.
Diese Stimme, das ist doch...
Rasch wandte er seinen Blick vom Tor hinüber zur rechten Reihe der drei postierten Gardisten. Der linke, etwas größer gewachsene und mit einer pompöseren Rüstung als die anderen gekleidete Bewacher trat mit einem freundlichen Lächeln hervor.
"Aomy, mein Freund! Welch eine freudige Überraschung dich zu treffen. Wie lang ist es her?"
"Viel zu lang, wenn du mich fragst."
Beide standen sich jetzt genau gegenüber und blickten sich tief in die Augen. Der Moment des Stillschweigens zog sich einen längeren Moment dahin, bis sie ihre recht Hand um den Hals des anderen legten und so ihre Köpfe Stirn an Stirn zogen. Ein Zeichen tiefer Verbundenheit, das keineswegs alltäglich war.
"Wir sind beide im Dienst. Auch wenn es mir anders lieber wäre, doch ich muss dringend meine Botschaft zur Königin bringen."
"Selbstverständlich. Mein Tag ist auch noch lang. Wirst du ein paar Tage in der Stadt bleiben?"
"Das hängt ganz von den weiteren Anweisungen der Königin ab."
"Du bist doch mit Sicherheit seit mehreren Tagen unterwegs. Man wird dir eine Nacht der Ruhe schenken. Du hast doch wohl noch nicht vergessen, welcher Gastfreundschaft Pasana sich in Dadrim erfreuen dürfen."
"Wie könnte ich", erwiderte Achay mit einem verschmitzten Lächeln.
"Nun gut, dann behindere ich dich wohl besser nicht länger bei der Arbeit. Warte hier einen Augenblick lang. Die Königin führt gerade eine Anhörung durch. Ich werde dich ankündigen, sobald sich eine Gelegenheit ergibt."

Erneut nahm das Schauspiel seinen Lauf. Gespannt blickte Achay auf den größten der grünen Kristalle, die so elegant in die Tür eingearbeitet waren. Ein kaum erkennbares Glitzern zog sich wie kleine Äderchen von dem eben berührten Kristall weg, bis es wie eine Welle mit einem Schwung die gesamte Tür dezent überspülte. Ohne jedwede weitere Berührung und ohne merklichen Einfluss von außerhalb begann die Tür völlig stumm aufzuschwingen. Weder das Scharren der Torkante über den Boden, noch das Geräusch alter Scharniere war zu vernehmen. Das Tor öffnete sich gerade so weit, dass Amoy problemlos hindurch schreiten konnte. Kaum war er durchgetreten, kam ihm ein wutentbrannter bürgerlich gekleideter Mann entgegen.
"Das ist ungeheuerlich! Verbrechen, die nicht bestraft werden, dass ich so etwas einmal erleben muss."
Der schwer gerüstete Gardist baute sich zu voller Größe auf, um den lauthalsigen Mann den Weg zu versperren. 
"Es ist in Ordnung, Amoy. Lass ihn gehen, die Anhörung ist vorüber."

Achay erkannte die Stimme nicht, konnte aber erkennen, dass es sich um die Königin handeln musste. Die einzige Person auf dem Podest war es nämlich, von der die Stimme kam.
Merkwürdig, seit wann führt die Königin die Anhörungen durch?

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Er trat einen Schritt zur Seite, um dem immer noch aufgebrachten Bürger nicht in die Quere zu kommen. Leicht belustigt folgte sein Blick dem stämmigen Burschen. Als er seinen kahlen Hinterkopf zu sehen bekam, weiteten sich jedoch seine Augen vor Erstaunen.

Braune Glyphen, das heißt er beherrscht die Verarbeitung von Elmand’er.

Die schwarzen Tore schlossen sich wieder für einen Moment, was bedeutete, dass Achay das grün leuchtende Schauspiel noch einmal bewundern durfte, sobald sich der Eingang für ihn öffnete. Es dauerte keine dreißig Atemzüge, bis es so weit war.

"Pasana zweiter Klasse, tritt ein und gib Auskunft über die dir anvertraute Nachricht", forderte Amoy seinen Freund nun in formellem und fast befehlendem Ton auf.

Aufgerichtet durchschritt er den Eingang zur Königshalle und ging geradewegs auf die unterste Stufe des Podestes zu. Dort angekommen legte er beide Fäuste auf die Brust und neigte den Kopf gen Boden.
"Achay, Pasana zweiter Klasse, meine Königin. Ich bringe Nachricht von Cuuhn."
"Von Cuuhn persönlich? Das ist wahrlich lange her. Was kann so wichtig sein, dass er auch nur einen Moment seiner Forschungs-Zeit opfert, um uns persönlich zu informieren?"
Rasch zückte er das versiegelte Schreiben aus einer der gesicherten Taschen, die ins innere seines Umhangs eingearbeitet waren, und übergab es dem an der Treppe stehenden Berater. Dieser ging in solch arroganter und hochnäsiger Art und Weise die Stufen zur Königin hinauf, dass Achay sich am liebsten an Ort und Stelle übergeben hätte.

Fourog, mein Lieber, auch du scheinst dich kein Stück verändert zu haben.

Es kostete ihn einiges an Mühe keine angewiderte Grimasse zu schneiden, als der Berater die Treppe wieder hinterstolzierte und Achay keines Blickes würdigte.

"Dann schauen wir doch einmal, was der fleißige Cuuhn uns zu berichten hat."

Während die Königin langsam umherging, vertieft in das Schreiben, wagte der Pasana einen umschweifenden Blick durch die Königshalle. Die Schlichtheit dieses Raums war kaum zu fassen. Im Vergleich zum Rest des Palastes war er geradezu lächerlich. Er war wenig ausgeleuchtet, besaß weder Kunstwerke, noch interessante Baumaterialien, ja nicht einmal einen Thron! Die Decke des Raumes war geneigt und senkte sich immer tiefer, bis sie am Ende des Raumes über dem Podest nur noch auf halber Höhe war. Diesen Raum konnte man als vieles beschreiben, aber sicher war es keine Königshalle, wohl eher das Ende einer unbedeutenden Höhle.

"Pasana!"

Erschrocken blickte Achay zur Königin hinauf. Ihr Blick glich einer Mischung aus Furcht und Verärgerung. Ihr lauter, mahnender Tonfall bestätigte seinen Eindruck. Irgendetwas in dieser Nachricht musste dafür gesorgt haben, dass sie aufgebracht war.

"Meine Königin", antwortete er demütig.

"Achay, Pasana zweiter Klasse, ich gehe richtig in der Annahme, dass dies als Vertrauensbotschaft übersandt wurde."
"So ist es, meine Königin."
"Du schwörst bei deinem Leben, dass Cuuhn allein und persönlich diese Nachricht versiegelt und dir übergeben hat?"
"Ich schwöre es. Die Legitimation zweiter Klasse erfolgte vollständig und korrekt. Es gibt keine Zweifel. Diese Nachricht wurde von Cuuhn unterschrieben und versiegelt. Kein anderer außer mir hat sie bis zum Eintritt in die Königshalle berührt, so wie es mir aufgetragen wurde."

Was kann sie so aus der Fassung gebracht haben? So weit ich weiß, ist Cuuhn seit Jahren Leiter der Schiffsbauforschung. Was könnte er bestürzendes zu berichten haben?

Es war unübersehbar, dass Königin Varán darum kämpfe Fassung zu bewahren. Ihre zarten Hände umklammerten krampfhaft das Schreiben. Das Gesicht spiegelte blankes Entsetzen wider, war zudem zutiefst zerfurcht durch sorgenerregende Falten. Regungslos stand sie da, brachte keinen Ton heraus. Eine gefühlte Ewigkeit zog sich der Moment in die Länge. Dann stieg sie das Podest über die Stufen hinunter. Trat immer näher an Achay heran. Die anwesenden Berater, Gardist Aomy und vor allem Achay selbst blickten mehr als überrascht drein.

Was ... ?

Eine Stufe vor ihm blieb die sonst so anmutige Königin stehen. Mit einem eindringlichen Blick schaute sie ihn direkt an. Ihre klaren blauen Augen richteten sich fast Hilfe schreiend zu ihm. Lediglich im Flüsterton brachte sie noch hervor:

"Du bist dir absolut sicher?"

Seine Kehle fühlte sich an wie dreifach zugeschnürt. Irgendetwas war hier alles andere als in Ordnung. Er hatte schon die unterschiedlichsten Nachrichten überbracht, doch keine einzige hatte solch eine Reaktion hervorgebracht. Es war absurd, doch er fühlte sich für den Zustand der Königin verantwortlich. Sie schien jeden Moment in sich zusammenzubrechen. Nickend beantwortete er die Frage.

"Ja ... meine Königin."

"Die Königin dankt für deine Dienste. Gestatte dir selbst nun etwas Ruhe", kam es hastig von der Seite geschossen. Fourog gestikulierte in Richtung Aomy, der kurz darauf hinter Achay stand, ihn an der Schulter zu sich drehte und aus der Königshalle hinaus begleitete.

"Achay, mein Freund. Ich würde mich freuen, wenn du die Nacht heute bei mir und meiner Familie verbringen würdest. Wir haben sicherlich einiges zu besprechen. Ich hoffe, ich bin der erste, der alles erfährt. Du versprichst mir doch niemand anderen vorher mit deinen Abenteuern zu behelligen?"

Sofort war ihm klar, dass Aomy den anderen Wachen gegenüber nicht offenbaren wollte, was soeben geschehen war. Seine freundliche Bitte war ein versteckter Befehl mit niemandem über diese Angelegenheit zu sprechen.

"Du weißt, wie wir Pasana sind. Bei den spannenden Dingen wissen meistens nicht einmal wir selbst, worum es sich handelt. Vielleicht bist du es ja, der mir heute Abend von wahren Abenteuern berichten kann."

Sie warfen sich viel sagende Blicke zu. Dann nahm Aomy den Platz in der rechten Reihe der Gardisten wieder ein, während Achay den Rückweg in die Stadt antrat.

Sie war kurz davor in Tränen auszubrechen. Es schien als verlor ihr Blick mit jedem Bruchteil meiner Antworten seinen gesamten Vorrat an Hoffnung. Ich hasse es Überbringer von schlechten Nachrichten zu sein. Aber diese Nachricht scheint schwerwiegendere Folgen nach sich zu ziehen.
 

© Christopher Batke
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