The Neverending Tale von Christopher Batke
- 05 -
Staub

Genüsslich ließ er sich auf seine Lieblingsbank sinken. Wie oft hatte er früher hier gesessen und einfach aus der Ferne dem Treiben der Stadt zugeschaut? Der kalte, aber perfekt glatt geschliffene Stein war ein Kunstwerk der Ewigkeit. Schon immer bevorzugte Achay die einfachen Dinge des Lebens. Sie versprachen klare Strukturen, auf die man sich stets verlassen konnte. Ebenso verhielt es sich mit dieser schmucklosen Bank in einer abgelegenen Gasse tief in der Oberstadt. Sie war versteckt und unscheinbar. Noch im Jugendalter entdeckte er diesen Ort der Ruhe, samt dem unvergesslichen Augenblick, der sich einem hier bot. Besonders zur Dämmerung, wenn die orange-blasse Sonne hinter dem Horizont zu verschwinden drohte, wurde die Stadt in ein unnachahmliches Licht getränkt. Dies war stets sein kleiner Ort gewesen, an dem er sich zurückziehen, nachdenken und abschalten konnte. Oft saß er auch gemeinsam mit Aomy hier oben. Nicht selten ergaben sich schon in jungen Jahren lange und tiefsinnige Gespräche auf dieser Bank. Manchmal saßen sie aber auch nur nebeneinander ohne ein Wort zu wechseln. Seine Mundwinkel zogen zu einem leichten Lächeln, während er die Augen schloss und weitere vergangene Erinnerungen revue passieren ließ.

Es scheint eine halbe Ewigkeit her zu sein, dabei kann ich die Jahre doch an zwei Händen abzählen. Trotzdem ist so viel passiert. Wir gehen langsam unsere eigenen Wege. Wir wollten stets Seite an Seite der gleichen Sache dienen. Doch im Nachhinein war es klar, dass es so kommen musste.

Sehnsucht wurde wach in Achays Herzen. Die gleiche ungeahnte Sehnsucht, die sich am Vormittag über ihn ergab, als er die Stimme seines besten Freundes erhörte, die Stimme Aomys. Seit dem Kindesalter verbrachten sie nahezu jeden Tag zusammen. Das Band, was sich über die Jahre entwickelt hatte, war tief verwurzelt und beruhte auf etlichen gemeinsamen Erfahrungen. Der Tag, an dem Aomy der Garde beitrat, war für Achay wie ein Schock. Zum ersten Mal in seinem Leben musste er erfahren, was Einsamkeit bedeutete. Dadrim war trotz seiner Größe und den täglich neu zu entdeckenden Abenteuern nicht mehr das selbe. Der Zufall, der ihn in die Reihen der Pasana brachte, bot ihm eine große Chance. Die Pasana waren die offiziellen Boten des Landes. Wohl niemand anderes hatte mehr Möglichkeiten das Land zu bereisen und so selbst die entlegensten Ecken Etrons zu Gesicht zu bekommen, als die Pasana.

Mittlerweile hatte er tatsächlich schon einige interessante Reisen hinter sich. Doch nun, nachdem er das erste Mal seit Jahren wieder in seiner Heimat und Geburtsstadt, zugleich die Hauptstadt des Landes, zurückgekehrt war, wünsche er sich in die unbeschwerte Jugend zurück.

Nein, es ist viel mehr Aomy, den ich mir wieder an meiner Seite wünsche. Vielleicht habe ich ja wirklich die Möglichkeit zumindest ein paar Tage hier bei ihm zu verbringen.

Während er aufstand und sich langsam von der Bank fortbewegte, schweifte sein Blick über die östlichen Randgebiete der Stadt. Erst jetzt fiel ihm auf, wie rasch Dadrim weiter gewachsen war. Viele neue Hütten, aus deren Schornsteine grau-schwarzer Qualm aufstieg, schienen auf zuvor leerstehenden Flächen dicht an dicht errichtet worden zu sein. Eine Stadt des ewigen Fortschritts, so wie es auch früher immer schon war.

Achay erreichte nun die Gasse der Meister. Es war erstaunlich, wie viele geschickte Handwerker die Sodrak hervorbrachten. Egal welche Rohstoffe das Land ihnen bot, es gab mindestens eine kleine Gilde, die es vermochte wundersame Materialien daraus herzustellen. Hier in dieser Gasse waren die besten von ihnen versammelt. Wobei Gasse mehr als eine Untertreibung war. Die Straße war mindestens 65 Schritte breit und von Hunderten von Passanten gesäumt. Junge Lehrlinge, die schwere Karren mit unfertigen Stoffen zu ihren Meistern brachten. Händler, die zu ihren bevorzugten Werkstuben gingen, um dort neue Verkaufsgegenstände für den Markt zu suchen. Kinder, die auf Kisten standen um vorsichtige und erstaunte Blicke in die Stuben hineinzuwerfen. Doch nicht nur die Masse an Menschen beeindruckte. Neben dem hektischen Treiben auch zu so fortgeschrittener Stunde, waren es vor allem die Vermischung der unterschiedlichsten Grüche und Handwerksgeräusche, die ein einzigartiges Schauspiel darboten. Nach über 700 Schritten, als Achay sich langsam dem Ende der Gasse näherte, hielt er inne. Hier musste es sein. Ob es seinen früheren Lieblingsladen immer noch gab? Er blickte nach und nach in die Häuser zu seiner rechten und fand nach kurzer Zeit, wonach er suchte: Guldurs Stube. Sie gehörte zu den ältesten der Stadt und wurde seit vielen Generationen geführt. Mittlerweile gehörte sie Pendak, Guldurs Ur-Ur-Neffe. Die Gegenstände, die hier hergestellt wurden, waren jeder für sich einzigartig. Guldur entdeckte damals als erster die Kunst verschiedene Rohstoffe miteinander zu vermischen und mit Kristallstaub zu verfeinern. Ähnlich wie die Kristalle das schwarze Tor durch unerklärbare Weise zu öffnen vermochten, hatte auch der Kristallstaub in Guldurs Gegenständen außergewöhnliche Auswirkungen auf die gefertigten Gegenstände. So hatte Achay vor vielen Jahren einmal gesehen, wie eine Halskette aus Kolun und Breem, geziert durch feine grüne Äderchen des Kristallstaubs, Gedanken und Erinnerungen aufbewahren konnte. Besonders fasziniert hatte ihn auch der Bogen, der abgeschossenen Pfeilen noch im Nachhinein eine andere Richtung verleihen konnte. Es dauerte stets Monate bis ein solcher Gegenstände hergestellt wurde. Und um die Kunst dieses Handwerks zu meistern, bedurfte es mehr als ein Menschenleben. Es schien so, als ob alle Nachfahren Guldurs die gesammelten Kenntnisse und Erfahrungen bereits von der Geburt an in sich trugen und durch Anleitung ihrer Väter dieses Wissen in Können umsetzten. Jede Generation fügte diesem Wissenstand neue Entdeckungen hinzu.

Als Achay sich im Laden umsah, wurde er von zwei kräftigen Wachen beäugt. Dauerhafter Schutz des Ladens war unablässlich. Bei dem Wert dieser Gegenstände würden Diebe zu schnell auf dumme Gedanken kommen. Außerdem befand sich der Meister die meiste Zeit des Tages hinten in seiner Werkstatt, die nicht wie in allen anderen Stuben in den Laden offen integriert war, sondern hinter einer dicken Tür verborgen lag. Gerade als Achay versuchte die neuen Gegenstände, die seit seinem letzten Besuch entstanden waren, ausfindig zu machen, tauchte Pendak hinter ihm auf.

"Guter Mann, mit welchen wundersamen Dingen kann ich dich begeistern?"

"Pendak, ach, ich sehe mich nur ein wenig um. Ich war so lange nicht mehr hier und wollte einmal schauen, ob es vielleicht etwas erstaunliches gibt, das in der Zwischenzeit aus deinen Händen und dem Kristallstaub entstanden ist."

"Bietet Guldurs Stube nicht immer neue, erstaunliche Dinge an?", fügte Pendak mit ruhiger und tiefer Stimme hinzu. Sein Grinsen war seicht, die Augen leuchteten vor Begeisterung.

"Selbstverständlich. Aber ich habe leider nicht viel Zeit um mir an einem Abend alle Wunder anzusehen. Zeig mir doch dein Werk, auf das du am stolzesten bist. Ich schätze, es ist so verrückt, dass sich kaum ein Stadtbewohner dafür interessieren mag."

Pendaks Miene hellte sich weiter auf. Viele Sodrak waren praktisch ausgerichtet und waren auf Gegenstände aus, die ihnen den Alltag erleichterten. So kam es, dass der Großteil der Bewohner Guldurs Stube schon seit langem mit grimmiger Miene betrachteten, da das unumstritten große Talent der Familie für Spielereien und Schabernack vergeudet wurde. Kaum jemand verstand, dass dies Kunstwerke waren, von denen man vorher nie wusste, was später daraus wird. Was Achay als fantastisch und aufregend empfand, sahen viele lediglich als unzuverlässiges Handwerk.

"Jemand, der mein Handwerk schätzt. Verrate mir doch bitte deinen Namen, junger Pasana."

"Achay, mein Name ist Achay."

"Nun, Achay, dann folge mir ein Stück, ich werde versuchen deine Neugier zu stillen."

Sie gingen in die hintere linke Ecke des Ladens zu einer Truhe. Pendak öffnete sie mit Bedacht und zog ein schlichtes Halsband hervor. Der Kristallstaub hatte sich am Ende des Bandes zu einer kleinen Figur gesammelt. Es ähnelte einem Blatt.

"Was ist das?"

"Dies, mein Junge, ist mein bisheriges Meisterwerk."

"Und was ist daran so besonders?"

"Das weiß ich nicht, genau deshalb muss es etwas ganz besonderes sein. Ich kenne allerlei Einflüsse des Kristallstaubs und wie er sich zeigt, oder was er auf normale Rohstoffkombinationen bewirkt. Aber bei dieser Halskette bin ich nicht in der Lage den Einfluss zu erkennen. Das spricht dafür, dass es etwas bisher noch nicht dagewesenes ist. Der Kristallstaub zeigt seine wahre Wirkung erst, wenn man den Gegenstand dafür einsetzt, wofür er gedacht ist. Ein Schwert, das geschwungen wird, Schuhe, mit denen gelaufen wird, Schriftrollen, die beschrieben werden."

"Jetzt hast du tatsächlich mein Interesse geweckt. Wie willst du herausfinden, wofür es gut ist?"

"Das werde ich nicht können. Unsere Familie stellt die Gegenstände her, bestimmt sind sie für Andere. Erst wenn von ihnen der Zweck offen gelegt wurde, können sie von allen und somit auch von uns genutzt werden."

"Hm, eine Art Schloss, das zunächst geöffnet werden muss?"

"So kann man es bezeichnen. Ich warte jetzt schon seit einiger Zeit darauf, dass sich ein Träger für die Kette findet."

"Woher weißt du, wer der richtige Träger ist?"

Pendak sah Achay mysteriös in die Augen. Sein Grinsen wurde spitzer und im Laden herrschte vollkommene Stille. Selbst der tosende Lärm der Gasse schien in diesem Moment komplett verschwunden zu sein.

"Ich weiß es nicht, die Gegenstände suchen sich selbst ihre Träger."

Stirn runzelnd blickte Achay erst auf seinen Gegenüber, dann zurück auf die Kette. Ihre Schlichtheit war quasi ein Zeugnis wahrer Ironie, in Anbetracht der Tatsache, dass Pendak es als sein Meisterwerk deklarierte. Dennoch hatte sie etwas fesselndes an sich. Geschmeidig ließ er jetzt seine Finger unter den Kristallstaubanhänger gleiten, um diesen etwas näher zu betrachten. Für den Bruchteil einer Sekunde meinte Achay ein Glitzern gesehen zu haben, das sich wie Äderchen durch ein Laubblatt zog, das man ins Sonnenlicht hält. Urplötzlich kehrte der Geräuschpegel der Gasse jedoch wieder in seine Wahrnehmung zurück. Hastig blickte er um sich und bemerkte erst wie sehr er sich auf die Kette konzentriert hatte.

"Ah, junger Pasana, es scheint, als hätte sich mein Problem soeben verflüchtigt."

Als ob es keiner weiteren Erklärung bedurfte, schlenderte der kräftige Pendak zurück in Richtung Werkstatt, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Achay hatte die Kette immer noch in seiner Hand.

"Ich... Pendak... soll ich die Kette wieder in die Truhe zurücklegen?"
Verwundert blickte er dem Meister hinterher.

"Junge, ich wäre sehr traurig, wenn du sie zurücklegst, bevor du nicht herausgefunden hast, was es damit auf sich hat", erwiderte er und verschwand nahezu im selben Augenblick hinter der Tür.

Einen Moment blieb Achay fassungslos stehen. Sollte er die Kette tatsächlich kostenlos an sich nehmen? Hatte sie ihn soeben ausgewählt? Eine Augenbraue hochziehend war er jetzt arg skeptisch und fragte sich, ob er sich zu sehr hatte von dem Mann in den Bann ziehen lassen. Vermutlich war dies eine ganz gewöhnliche, billige Kette, die er vielfach verschenkte, um Kunden wieder in den Laden zu locken. Nichts desto trotz nahm er sie an sich, verstaute sie sorgfältig in einer schließbaren Innentasche seines Botschafter-Gewandes und verließ nichts sagend die Stube.

Die Wachmänner schauten sich schief an:
"Pendak wird nie etwas verdienen, wenn er andauernd seine Werke verschenkt..."
 

© Christopher Batke
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