Der feuchte Geruch von Wald, Moder und Fäulnis
drang in die Finsternis meiner Bewusstlosigkeit ein und holte mich in die
Wirklichkeit zurück.
Als ich die Augen aufschlug konnte ich verschwommen
den Waldboden, auf den mein Gesicht gerichtet war, erkennen. Ich schmeckte
den süßlichen Geschmack von Blut in meinem Mund und mein Kopf
dröhnte und pochte.
Meine Schultern waren steif und schmerzten.
Und meine Gelenke waren kaum zu bewegen. Man hatte mir die Arme nach hinten
an eine Art Pfahl gefesselt.
In meiner Bewusstlosigkeit war ich halb zusammengebrochen
und kniete auf dem harten Boden. Mein Oberkörper war nach vorne gekippt
und wurde nur noch von den Fesseln an meinen Handgelenken gehalten. Die
Wunde die der Pfeil in meinen Arm gerissen hatte schmerzte noch und schien
entzündet zu sein.
Ich versuchte den Kopf zu heben um mich umblicken
zu können. Mein Nacken hatte anscheinend einen Schlag abbekommen,
denn er war geschwollen.
Ich sah mich um.....
Ich konnte nicht sagen um welche Tageszeit
wir erwacht waren. Das undurchdringliche Grau am Himmel machte eine Einschätzung
schier unmöglich.
Ich war zusammen mit den anderen auf eine
Lichtung gebracht worden.
Sie war klein und ausgedörrt, im krassen
Gegensatz zu dem grünen, frischen Wald durch den wir Anfangs gelaufen
waren. Die Bäume an den Grenzen der Lichtung waren verkrüppelt
und ausgetrocknet und der Waldteil der sich dahinter erstreckte schien
sich ihnen anzupassen.
Ich richtete mich ein wenig auf und lehnte
mich erschöpft gegen den Pfahl. Bei jeder Bewegung schnitten die Fesseln
in die Haut meiner Handgelenke.
"Gut geschlafen?", hörte ich eine Stimme
unvermittelt hinter mir ertönen. Eine schwarze, schlanke Gestalt lief
an mir vorüber, ging an paar Schritte und blieb mir gegenüber
stehen.
Von hinten hätte man sie für einen
Menschen halten können, doch wenn man den Rest betrachtete wurde dies
sofort ausgeschlossen. Sie war weiblich. Das Gesicht mit übermäßig
feinen Zügen versehen und die Haut hatte einen blau-grünen Schimmer.
Kalte, hellblaue, fast weiße Augen blickten
auf mich nieder. Ihr Gesicht wurde von langen, schwarzen Haare die man
ihr kunstvoll nach oben gesteckt hatte eingerahmt und verlieh ihr damit
eine unglaubliche Schönheit.....
Ich schwieg.
Sie sah mich mitleidsvoll an und meinte: "Ich
hätte nicht gedacht, dass wir dich so schnell finden würden.
Ich hätte auch nicht gedacht, dass du so leicht zu überwältigen
bist."
Ich schwieg immer noch beharrlich. Was sollte
ich auch sagen? Ich hatte keine Ahnung wovon sie redete. Abermals setzte
sie an: "Mein Name ist Arakanis. Damit du weißt, wer dich töten
wird. Damit du weißt wer dein Land in den Tod führen wird..."
Sie lachte leise.
Arakanis trat näher und hockte sich vor
mich. Ihr teuflisches Grinsen machte mich wütend und widerte mich
an. Was sollte das überhaupt? Ich kannte sie nicht und ich wusste
weder von was sie sprach noch was sie eigentlich von mir wollte. Außerdem
hatte sie mich halb zu Tode gehetzt.
Sie schlug mir hart ins Gesicht und lachte.
Es schien ihr redlich Spaß zu machen mich zu demütigen. Sie
legte den Kopf schief und sah mich an.
"Wie schön dich so wehrlos zu sehen...",
ich konnte ihre lachende Fratze nicht mehr sehen, "oh...habe ich dir etwa
wehgetan?" Wieder schlug sie zu.
Jetzt reichte es! Ich bäumte mich in
meinen Fesseln auf und biss ihr in die rechte Hand... das einzige was ich
gerade erreichen konnte. Sie prallte zurück und sah mich wütend
an.
"Das würde ich an deiner Stelle nicht
noch einmal tun..." Und wie auf Kommando leuchteten 5 paar rotglühende
Augen im Dickicht auf und ich hörte ein angsteinjagendes Knurren.
Einer der riesigen Körper wälzte sich aus dem Unterholz hervor
uns setzte sich neben Arakanis.
Das waren die Wesen die uns verfolgt hatten!
Ich musste wohl mehr oder weniger begeistert einsehen, das sie hierbei
wohl mehr Chancen auf Erfolg hatte und lehnte mich wieder an den Pfahl.
Der stinkende Kollos neben Arakanis gab einen
Laut der Zufriedenheit von sich, als sie ihn streichelte. Der Riese sah
aus wie eine Mischung aus einer überdimensionalen Kröte und einem
Orc. Ich verzog angewidert das Gesicht, woraufhin Arakanis wieder einen
Grund zu lachen hatte. Sie schien alles unglaublich lustig zu finden.
"Lass das Kind gehen und nimm uns!" Erschrocken
schaute ich zur Seite. Die anderen waren aus ihrer Bewusstlosigkeit erwacht...
genauso gefesselt und gepeinigt wie ich.
Ich zog überrascht die Augenbrauen hoch.
Sie konnten ja doch sprechen? Ihre Stimmen klangen sehr angenehm. Sie waren
weich und tief.
Einer von ihnen wiederholte noch einmal was
er gesagt hatte.
Arakanis schaute ihn eine Weile an und brach
dann urplötzlich in schallendes Gelächter aus. "Genauso naiv
und 'selbstlos' wie früher, Yerum."
Mit schnellen Schritten ging sie zu ihm und
hockte sich genauso vor ihn wie zuvor bei mir.
"Wie lange haben wir uns nicht gesehen? Ich
kann mich kaum erinnern", meinte sie.
Yerum schwieg und wirkte ihr gegenüber
viel Überlegener, trotz seiner Fesseln und Wunden.
Arakanis bemerkte das wohl auch, kniff die
Augen zu winzigen Schlitzen zusammen und presste ihre Lippen so fest aufeinander,
das eine dünne, blutleere Linie entstand.
Sie hob wütend den Arm und wollte gerade
zu schlagen, als sie von einer riesigen Hand am Gelenk gepackt wurde....
"Bist du von Sinnen? Was erlaubst du dir?",
eine tiefe, kraftvolle Stimme hallte über die Lichtung. Arakanis trat
verwirrt ein paar Schritte zurück und versuchte sich aus dem harten
Griff zu befreien. Ängstlich schaute sie den Mann an und sagte: "Aber
Vater, sie beleidigten unsere Leute...ich habe uns doch nur verteidigt..."
Ich grinste schadenfroh. Ach, so war das!
Der Mann, der anscheinend Arakanis Vater war
schimpfte noch ein wenig mit ihr und schickte sie dann in ihr Lager zurück,
das anscheinend auf einer anderen, nahe geliegenen Lichtung aufgebaut war.
Der Mann trat näher. Er war in Begleitung
mehrer bewaffneter Soldaten von der gleichen breitschuldrigen, riesigen
Statur, wie er selbst. Haut und Haare hatten die gleiche Farbe wie die
Arakanis. Er schaute sich kurz die anderen an und schenkte mir dann seine
Aufmerksamkeit. Ich hatte das Gefühl als ob mich seine kalten Augen
durchbohren würden, um bis auf den Grund meiner Seele zu blicken und
dort jegliches Licht und jegliche Wärme in Schwärze und Kälte
zu wandeln. Er kam näher und musterte mich.
"Wie hat man dich auf der anderen Seite genannt?"
fragend blickte er auf mich nieder.
Ich wusste nicht genau wie er das meinte:
"Welche andere Seite?"
Er seufzte tief: "Die Welt aus der du kamst,
aus der man dich zurückholte."
Ich schluckte, senkte den Kopf und schwieg.
"Sprich! Wie hat man dich genannt?" er wurde ungeduldig, doch ich schwieg
weiterhin. In meinem Kopf arbeitete es wie verrückt. Ich wollte es
ihm ja sagen, aber ich konnte mich nicht daran erinnern! Ich wusste nicht
wie man mich nennt. Ich wusste nicht wie mein Name war! Ich schüttelte
leicht den Kopf: "Verzeiht, aber ich kann mich nicht erinnern." .....
Forschend schaute er mich an. "Sieh mich an!"
Ich hob meinen Blick und sah ihm ihn die Augen. Wieder dieser durchdringende
Blick! Mir wurde schlecht. "Du sagst die Wahrheit, seltsam. Doch irgendwo
in deinem Inneren kennst du ihn. Dort weißt du auch wer du bist...."
, er sah zum dämmernden Himmel herauf. "Morgen werden wir es herausfinden."
Damit drehte er sich um und bedeutete vier
seiner Soldaten hier zu bleiben um uns zu bewachen. Schnellen Schrittes
ging er in die Richtung in der auch Arakanis gegangen war und verschwand
im Dickicht.
Man hatte uns etwas zu trinken gebracht. Dennoch
mussten wir die Nacht an die Pfähle gefesselt verbringen. Ich versuchte
immer wieder mit meinen Begleitern zu reden, doch jedes Mal fuhr eine der
Wachen dazwischen und beendete das Gespräch abrupt.
Die Nacht war nicht gerade warm und ich kauerte
mich zusammen, in der Hoffnung nicht von der Kälte erfasst zu werden.
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