Herrin der Schattengreife von Dragonmaid
1. Kapitel: Mûnhin-hir, Schule der Drachenreiter

Der Drache glitt über die schneebedeckten Berggipfel. Auf seinem Rücken saß ein Elfenmädchen von sechzehn Jahren. Es hatte langes schwarzes Haar, katzengrüne Augen, ein schmales Gesicht und lange spitze Ohren. Seine Kleidung bestand aus einer ledernen Rüstung, die seinen Oberkörper schützte, und eine kurze Hose aus Fell. Schultern und Schienbeine wurden ebenfalls von Fell bedeckt und um jedes Handgelenk trug es ein breites Armband aus Leder. Ein ledernes Stirnband hielt ihm die Haare aus dem Gesicht und an seiner Hüfte hing ein Schwert, das in einer schlichten Scheide steckte. Zum Schutz vor der Kälte hatte es sich einen Fellumhang um die Schultern gelegt. Als es lächelte, konnte man die spitzen Eckzähne eines Raubtieres erkennen.
Sie flogen nun über einem grünen Tal, in dessen Mitte ein großer See lag. An seinem Ufer stand ein großes weißes Gebäude mit einem hohen Turm zur rechten, dahinter erstreckte sich Wald, bis zum Ende des Tales.
Akira, wir sind da, das Gebäude vor uns ist Mûnhin-hir, die Schule der Drachenreiter. Wo meinst du soll ich landen? fragte eine Stimme in seinem Kopf. Das Mädchen schaute nach vorn. Es dauerte eine Weile, bis sie auf die gleiche Weise antwortete: Lande am besten auf dem Vorplatz, Dechesty, da hast du genug Platz für deine Flügel.
Der Drache tat wie ihm geheißen. Nachdem er gelandet war, kletterte Akira von seinem Rücken und schaute sich um. Sie standen auf einem ummauerten Platz, an dessen Ende das weiße Haus in den Himmel ragte. Es hatte drei Stockwerke und neben der Eingangstür, aus der nun ein Mann in schwarzer Kutte trat, standen zwei riesige Säulen.
Der Mann kam mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht die Treppe hinunter. Akira musterte ihn genauer. Er hatte kein einziges Haar auf dem Kopf, dafür aber umso buschigere Augenbrauen. Seine Gesichtszüge strahlten Friede und Zuversicht aus und die braunen Augen blitzten erfreut.
"Akira, schön dich wiederzusehen, was führt dich zu uns?", fragte der Mann und schüttelte Akira die Hand. "Meister Merlin", antwortete diese und machte einen Knicks, dann fuhr sie fort: "Ich bringe einen Brief vom König, er war sehr in Aufruhr und meinte, ich solle mich beeilen!" "Das hört sich wahrlich nicht gut an", meinte Merlin und nahm den Brief entgegen, den das Mädchen ihm hinhielt. "Komm, du musst müde sein!"
Und was ist mit mir? Wer ist denn die letzten drei Tage ohne Unterbrechung durchgeflogen, um möglichst schnell hier zu sein?
Akira warf ihrem Drachen einen empörten Blick zu. Keine Sorge, ich habe dich nicht vergessen, erwiderte sie und wandte sich an Merlin, der bereits die Stufen zum Eingangsportal hinauf stieg. "Meister Merlin, gibt es hier auch einen Platz, wo Dechesty sich ausruhen kann? Er ist die letzten drei Tage durchgeflogen!" "Aber natürlich, er kann zum Drachenhort hinauffliegen, dort erwarten ihn frisches Fleisch und eine Höhle zum Schlafen", antwortete Merlin, "ich hoffe, er weiß noch, welches seine Höhle ist!", fügte er mit einem Lächeln hinzu.
Klar weiß ich das, meinte Dechesty beleidigt und flog davon. Akira schaute ihm nach bis er im Hort verschwunden war. Merlin, der die Unterhaltung der Beiden nicht gehört hatte, da nur Akira sich mit Dechesty verständigen konnte, sah sie fragend an, sagte jedoch nichts. Stattdessen wandte er sich um und durchquerte das Eingangsportal, Akira folgte.
In der Eingangshalle war es erfrischend kühl, breite Säulen stützten die Decke ab. Der Boden war mit blau und grün schimmernden Fliesen bedeckt, ebenso die Wände. Mehrere Petroleumlampen erhellten den Raum und warfen unheimliche Schatten an die Wände. Merlin führte sie durch eine Tür am Ende der Halle und sie standen in einem breiten Flur. An der linken Seite wurden hohe Fenster von schweren roten Vorhängen bedeckt, sodass der Raum in ein schummriges Licht getaucht wurde. An der rechten Seite führten Türen in angrenzende Räume und am Ende des Ganges wand sich eine eichene Wendeltreppe ins obere Stockwerk.
"Ich denke, von hier kannst du allein weiter", meinte Merlin, "du hast das gleiche Zimmer wie bei deinem ersten Aufenthalt, es hat sich nichts verändert. Ich lasse dir was zu Essen und Trinken bringen und dann kannst du dich ausruhen. Aber sei leise, meine Schüler arbeiten gerade." Akira nickte und Merlin verschwand durch eine der angrenzenden Türen.
Akira stieg die Treppe hinauf und folgte dem Flur bis sie vor einer Tür stand. Sie glich in erster Linie den anderen Türen, nur war an dieser ein kleines Schild mit ihrem Namen darauf befestigt. Merlin hatte Recht, es hat sich nichts verändert, dachte sie, ich frage mich nur warum. Schließlich hat er die Zimmer der anderen Schüler immer gleich wieder belegt.
Hier hat sich auch nichts verändert, meldete Dechesty sich zu Wort.
Ist ja eigentlich egal, meinte Akira achselzuckend und schaute in den Schrank. Auch hier war alles so geblieben, wie sie es hinterlassen hatte, nachdem ihre Ausbildung zum Drachenreiter beendet war. Anstatt sich zu wundern, zog sie ihre Rüstung aus und tauschte sie mit der Schuluniform. Diese bestand aus einer weißen Bluse, einem dunkelblauen Rock und einer dünnen Sommerjacke, ebenfalls in blau. Dann ging sie zum Fenster und schaute hinaus in den Garten.
Kurze Zeit später klopfte es an der Tür und einer der Tempeldiener trat ein. In der Hand hielt er ein Tablett mit dem Rest des Mittagessens und einer Flasche Wasser. Er stellte es auf den kleinen Schreibtisch, der neben dem Fenster stand, verbeugte sich höflich und verließ den Raum. Hungrig wie sie war, stürzte sich Akira auf das Essen, Hähnchenschenkel mit Kartoffeln und Gemüse, und hatte es in kurzer Zeit verdrückt. Mit vollem Magen und froh darüber endlich wieder in einem Bett schlafen zu können, der Rücken eines Drachens war nicht so zum Schlafen geeignet, ließ sie sich aufs Bett fallen und schloss die Augen.

Als sie die Augen wieder aufschlug war es draußen bereits dunkel. Akira erschrak, ein Blick auf die Uhr bestätigte ihren Verdacht, es war 19.30 Uhr, das Abendessen war längst vorbei. Ihr Magen knurrte laut. Es würde ihr wohl nichts anderes übrig bleiben, als in die Küche zu gehen und Itka, die Köchin des Tempels, nach ein paar belegten Broten zu fragen. Seufzend stand sie auf, strich ihre Kleidung, die sie vergessen hatte gegen ein Nachtgewand zu tauschen, glatt und macht sich auf den Weg in die Küche. Itka mochte es gar nicht, wenn man das Essen verpasste und dann mit hungrigem Magen angekrochen kam und etwas wollte, sei es nur ein trockenes Brot. Aber vielleicht, so hoffte Akira, machte Itka eine Ausnahme, schließlich gehörte sie nicht mehr zu Merlins Schülern.
Doch ihre Sorgen waren unbegründet. Gleich nachdem sie die Küche betreten hatte, eilte Itka auf sie zu und meinte: "Akira, schön dich zu sehen, komm setz dich, dein Essen habe ich warm gestellt." Als Akira sie erstaunt ansah, fügte sie hinzu: "Ich kenn dich doch, früher bist du auch immer zu spät gekommen!" Akira errötete leicht.
Nachdem sie ihr Abendbrot verdrückt hatte und die Küche verlassen wollte hielt Itka sie noch einmal zurück. "Der Meister will dich in seinem Büro sprechen", sagte sie. Akira deutete mit einem Nicken an, dass sie verstanden habe und ging schnurstracks zu Merlins Büro. Vor der Tür zögerte sie jedoch, was könnte Meister Merlin denn von ihr wollen?
 

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