Das Tor zwischen den Welten von Klaus-Peter Behrens
X. Kapitel: Eine erste Spur

"Rein in die gute Stube." Tom öffnete die Tür und trat ein. Dean folgte.
Der Raum, den sie betraten, war ungefähr fünfzig Quadratmeter groß und erstaunlich gemütlich eingerichtet. Die Stirnwand war offensichtlich die Außenwand des Turmes; denn zwei schmale Fenster boten einen guten Blick über das Land jenseits der Burgmauern. Dean konnte einen Teil des Silberflusses erkennen. An der linken Wand befand sich ein ausladender Kamin, in dem säuberlich Holz aufgestapelt war, das aber nicht brannte. Die rechte Seite wurde vollständig von einem immensen Bücherbord eingenommen, das man unter der Last der unzähligen Bücher förmlich ächzen hören konnte. In der Mitte des Raumes dominierte ein wuchtiger Tisch, der derzeit augenscheinlich als Esstisch fungierte. Beim Anblick der diversen Leckereien, begann Toms Magen zu knurren. Die Küche hier schien eindeutig besser zu sein, als in ihrer Herberge, was allerdings kein Kunststück war. Hinter dem Tisch thronte Meister Reno vi´Eren, in der Hand ein großes Glas Wein. Offenkundig hatte er gerade gefrühstückt und widmete sich nun den geistigen Inhalten. Bekleidet war er mit einem Mantel, ähnlich denen auf den Bildern, nur dass dieses Exemplar schon deutlich bessere Zeiten gesehen hatte. Tom hätte es nicht verwundert, wenn es in Kürze eine neue Karriere als Kartoffelsack starten würde. Die Haare des Meisters waren lang und wirr. Das Gesicht wirkte aber erstaunlich glatt und rasiert. Nur rings um die Augen waren tiefe Lachfalten eingegraben. "Das kommt wahrscheinlich davon, dass er sich jedesmal totlacht, wenn er sieht, was er aus dem armen Gnom gemacht hat", dachte Tom grinsend. Es war schwer, das Alter des Meisters zu schätzen. Er hätte in den Vierzigern oder in den Sechzigern sein können. Mit unterlaufenen aber wachsamen Augen musterte er die Freunde neugierig, bevor er zu reden begann.
"Interessante Kleidung", nuschelte er und deutete auf die Pullover und Schuhe der Freunde. Dann leerte er sein Glas mit einem Zug. "So was habe ich noch nie gesehen. Ist ja vielleicht was dran, an der Geschichte von der anderen Dimension, die mir Wirdnix eben erzählte."
" Wirdnix?", echote Dean.
"Wirdnix, mein Gehilfe!", erklärte Meister Reno vi´Eren und füllte sein Glas wieder auf.
"Ach so, wir wurden nicht vorgestellt", antwortete Dean und betrachtete verzweifelt den fröhlich zechenden Meister. Eine ernst zu nehmende Informationsquelle hatte er sich anders vorgestellt. Er setzte ein möglichst neutrales Gesicht auf, bevor er weitersprach: "An der Geschichte ist tatsächlich etwas dran. Vielleicht haben Sie Interesse, sie zu hören?"
Meister Reno vi´Eren nickte und winkte großzügig mit dem Weinglas, was den Inhalt wieder drastisch reduzierte. Tom wünschte sich einen Schirm.
"Nur zu, ich habe heute Langeweile", bekannte der Zauberer freimütig und goss sich munter das Glas wieder voll. Die Freunde traten näher und setzten sich. In schon bewährter Tradition begann Dean, ihre Geschichte zu erzählen. Meister Reno vi´Eren hörte aufmerksam zu und leerte fleißig den Weinkrug. Das Zuhören schien durstig zu machen. Allerdings fragte sich Tom beim Anblick des fröhlich zechenden Meisters, ob der überhaupt etwas mitbekam von dem, was Dean ihm da erzählte.
Als dieser schließlich fertig war, fixierte der Zauberer die Freunde mißtrauisch: "Hmmm, ziemlich ungewöhnliche Geschichte, muß ich schon sagen, erinnert mich an irgendwas." Er wollte sich erneut das Glas vollschenken, mußte aber feststellen, dass der Krug inzwischen leer war. Verärgert murmelte er etwas Unverständliches, schnippte mit den Fingern der rechten Hand und schaute erwartungsvoll in den leeren Krug, doch nichts passierte. Dafür entdeckte Tom zu seiner Verblüffung, dass aus dem aufgeschichteten Kaminholz eine muntere Quelle zu sprudeln begann. "Äähmm...", begann er, wurde jedoch unwirsch von dem Zauberer unterbrochen.
"Stör mich jetzt nicht, du sieht doch, dass ich mich konzentriere."
Erneut murmelte er etwas, doch der Krug blieb weiterhin leer. Dafür erschien, wie von Zauberhand, Wirdnix mitten auf dem Tisch.
"Ihr habt gerufen?", fragte er. Meister Reno vi´Eren schaute ihn überrascht an. Es war offenkundig, dass ihm ein gefüllter Weinkrug lieber war, als ein griesgrämiger Gnom. "Genau, ich brauche neuen Wein", brachte er ungehalten hervor und scheuchte den armen Wirdnix mit einer Handbewegung aus dem Raum. Der stellte lieber keine Fragen und beeilte sich, dem Wunsche des Meisters nachzukommen.
"Also, wo waren wir stehengeblieben?", fragte Meister Reno vi´Eren nachdenklich und trommelte ungeduldig mit seinen langen Fingern auf dem Tisch.
"Andere Dimension", warf Tom, der den Blick kaum von der fröhlich vor sich hin sprudelnden Quelle abwenden konnte, hilfreich ein.
"Guter Hinweis, genau, andere Dimension, da habe ich doch mal... wo war das noch gleich?", überlegte er, stand auf und wankte zur Bücherwand hinüber. Mit einem erstaunlich zielsicheren Handgriff holte er ein verstaubtes, ledergebundenes Buch heraus und trug es zum Tisch hinüber. Emsig fing er an, in ihm zu blättern und murmelte vor sich hin. Die Freunde schien er völlig vergessen zu haben.
"Was hat er denn da?", fragte Dean leise.
"Wahrscheinlich das Lieferantenverzeichnis der örtlichen Weinhändler, oder der anonymen Alkoholiker. Vielleicht sucht er aber auch nur einen Klempner im Branchenbuch", antwortete Tom spöttisch mit einem Blick auf die sich stetig vergrößernde Wasserlache. Dean brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen und wandte sich an den blätternden Meister.
"Ich habe mir auch schon so meine Gedanken gemacht", begann er, erzielte bei dem Zauberer aber keine Reaktion. Fröhlich blätterte der weiter. Dean seufzte und fuhr fort. "Ich denke, man könnte dieses Problem vielleicht am ehesten mithilfe der Quantenmechanik lösen. Als Wissenschaftler kennen Sie sich ja vielleicht auf diesem Gebiet aus."
"Wissenschaftler?" Verärgert schlug Meister Reno vi´Eren das Buch mit einem Knall zu und fluchte lautstark in einer unbekannten Sprache. Er schien auf einen Schlag nüchtern geworden zu sein. Tom hätte gerne das Rezept hierfür gewußt. Damit hätte er ein Vermögen machen können.
"Ihr habt gerufen?"
Wirdnix war erneut erschienen. Offenkundig war er das schon gewohnt.
"Nein, habe ich nicht. Ich habe wohl beim Fluchen aus Versehen ein paar magische Wörter benutzt. Liegt wohl am Wein. Das nächste Mal, wenn du hier reinplatzt, bring gefälligst Tee mit."
"Kommt sofort." Erneut verschwand der Gnom aus dem Raum.
"Und nun zu uns", sagte Meister Reno vi´Eren drohend. "Ich bin Zauberer, von mir aus auch noch Magier, aber Wissenschaftler - das ist eine Beleidigung!", rief er ungehalten und sah Dean wütend an.
"Es lag mir fern, Sie zu beleidigen, aber vielleicht ist die Bezeichnung Wissenschaftler unserer Welt identisch mit der Ihren von der Zauberei."
"Ist sie nicht. In eurer Welt gibt es keine Zauberei, so komisch das auch klingt", knurrte Meister Reno vi´Eren.
"Und woher wollen Sie das wissen, wenn Sie unsere Welt nicht kennen?"
Meister Reno vi´Eren schwieg einen Augenblick, dann sagte er etwas leiser:
"Weil ich schon von ihr gehört habe." Seufzend ließ er sich in den Sitz zurückfallen. Die Freunde waren sprachlos. In diesem Moment ging die Tür auf und Wirdnix erschien mit einer Teekanne, Tassen und einem Eimer. Während er die Sachen abstellte, fand Dean die Sprache wieder.
"Sie haben von unserer Welt gehört? Dann kennen Sie den oder die, die vor uns diesen Weg nahmen? Haben Sie mit Ihnen gesprochen? Kennen Sie den Weg zurück?", wollte er aufgeregt wissen. Der Gnom begann derweilen, die sich immer noch vergrößernde Wasserlache vom Boden aufzuwischen. Meister Reno vi´Eren hob beruhigend die Hände.
"Immer mit der Ruhe. Ich muß euch leider enttäuschen. Von Leuten, die vor euch in letzter Zeit durch die Dimensionen reisten, habe ich nichts gehört. Mein Wissen geht auf eine viel ältere Erfahrung zurück."
Seufzend schenkte er sich eine Tasse Tee ein, trank einen Schluck und begann seine Geschichte zu erzählen: "Ich war damals noch ein junger Mann und lernte bei Meister Therm óm Etèr die Künste der Magie. Mein Meister hatte gehört, dass es auf dem verborgenen Kontinent tief in den Bergen des ewigen Nebels die Zitadelle der Zauberer geben sollte und wollte unbedingt dorthin. Er hoffte, dort die letzten Geheimnisse der Magie zu lüften. Als sein Famulus mußte ich natürlich mit. Wir machten uns also auf den Weg, um das geheimnisvolle Nebelmeer zu überqueren. Doch es war nicht gerade einfach eine Passage zu bekommen. Bis heute wagen sich nur wenige Abenteurer dorthin. Schließlich fanden wir jemanden, der bereit war, die Fahrt zu unternehmen. Als wir endlich den Kontinent erreichten, stellten sich gleich neue Probleme ein; denn der Weg zur Zitadelle erwies sich als magisch geschützt. Doch auch diese Hindernisse meisterten wir. Das Gefühl, das wir empfanden, als wir endlich vor der Zitadelle standen, kann man mit Worten kaum beschreiben. Wer sie einmal gesehen hat, wird für immer von ihrem Anblick verzaubert sein. Sie wird bewohnt von den erfahrensten Zauberern dieser Welt. Nur wer bewiesen hat, dass er würdig ist, unterrichtet zu werden, wird dort aufgenommen. Mein Meister überwand diese Hürde glänzend und durfte an den Lehrsitzungen teilnehmen, was mir als Famulus zu meinem Leidwesen nicht erlaubt war. Auch der Zutritt zu vielen Bereichen in der Zitadelle war mir verwehrt.
Eines Abends, als ich spät aus der Bibliothek, die ich aufsuchen durfte, kam, sah ich meinen Meister mit mehreren anderen Zauberern und einem Mann, der völlig deplaziert wirkte, den Gang entlang schreiten. Überrascht verbarg ich mich im Halbdunkel hinter einer Säule, als sie an mir vorbeikamen. Der Unbekannte war wirklich seltsam. Er trug Kleidung, wie ich sie noch nie zuvor gesehen hatte, und die Zauberer widmeten ihm größte Aufmerksamkeit. Meine Neugier war geweckt. Ich beschloß, ihnen zu folgen. Das war riskant für mich; denn wenn ich entdeckt worden wäre, hätte mein Meister mich vielleicht verstoßen und meine Tage als Zauberlehrling wären beendet gewesen. Möglicherweise hätten die anderen Zauberer mich auch in etwas verwandelt, was man lieber nicht in seinem Bett finden möchte. Wie auch immer, damals war ich jung und unternehmungslustig und nichts konnte mich schrecken, also folgte ich ihnen. Der Weg führte tief in den Keller hinab. Das angeregte Gespräch drehte sich um einen Übergang in eine andere Dimension mithilfe des Tors zwischen den Welten. Der Mann war Zauberern gegenüber skeptisch; denn er betonte immer wieder, dass es in seiner Welt so etwas nicht geben würde. Dort würden Fragen von Wissenschaftlern geklärt werden. Damals konnte ich das nicht verstehen. Eine Welt ohne Zauberer? Das widersprach all dem, was ich je gelernt hatte. Schließlich schloss einer der Zauberer eine Tür zu einem Raum auf, den er als das Tor zwischen den Welten bezeichnete. Meine Neugier wuchs. Leider schlossen die Zauberer die Tür wieder, die zu dick war, als dass man etwas hätte hören können. Da ich also nichts weiter herausbekommen konnte, schlich ich wieder zurück in die Bibliothek und wartete. Es dauerte zwar eine Weile, doch dann wurde meine Geduld belohnt. Die Prozession tauchte wieder auf, allerdings ohne den Unbekannten. Alle machten sehr nachdenkliche und erschöpfte Gesichter. Den Unbekannten sah ich nie wieder. In der Folgezeit versuchte ich vorsichtig, etwas aus meinem Meister herauszubekommen, leider erfolglos. Als er lange nach diesen Ereignissen verstarb, vermachte er mir seine Bibliothek. Beim Durchsehen stieß ich auf dieses Buch hier und einen kurzen Eintrag über das Tor zwischen den Welten. Danach war der Unbekannte anscheinend durch ein Riß in der Realität in unsere Welt gelangt und wurde durch das Tor zwischen den Welten zurückgeschickt. Bei der Beschreibung des Tors bricht der Text leider ab. Mein Meister starb wohl vor der Fertigstellung. Ich vermute, er wußte, dass ich ihm seinerzeit gefolgt war und wollte nun endlich meine Neugier befriedigen. Leider ist es ihm nicht mehr ganz geglückt. Durch eure Geschichte wurde ich wieder daran erinnert."
Nachdem er geendet hatte, schwiegen die Freunde beeindruckt, während sich Meister Reno vi´Eren eine neue Tasse Tee einschenkte, um seine Stimmbänder anzufeuchten, die nach der langen Erzählung rauh geworden waren. Auch die Freunde nahmen sich jeweils eine Tasse. Tom stellte erstaunt fest, dass die Quelle aufgehört hatte zu sprudeln. Anscheinend war es kein langlebiger Zauber gewesen. Dean brach als erster das Schweigen. "Wenn ich Sie richtig verstanden habe, gibt es einen dauerhaften Weg zwischen den Welten!" Hoffnungsvoll sah er den Zauberer an.
"Ob er dauerhaft ist, weiß ich nicht. Ich kann nur aus dem Erlebten und den Aufzeichnungen vermuten, dass es eine Möglichkeit gab, zwischen den Dimensionen zu reisen. Aber das ist viele Jahrzehnte her und seitdem habe ich nie wieder etwas Derartiges gehört - bis heute."
"Es muß aber in letzter Zeit noch jemand durch die Dimension gereist sein. Wieso weiß man nur nichts davon? So etwas muß sich doch herumsprechen. Wir hatten gehofft, von demjenigen eine Information darüber zu bekommen, wie man in unsere Dimension zurück gelangen könnte", sagte Tom enttäuscht. Meister Reno vi´Eren fixierte ihn ernst, bevor er antwortete:
"Vielleicht will derjenige gar nicht, dass seine Ankunft hier publik wird. Habt ihr daran schon einmal gedacht? Eurer Schilderung zufolge liegt der Übergang in einer äußerst abgelegenen Gegend, richtig?"
Die Freunde nickten.
"Also, wer, außer euch, würde eine solche Gegend normalerweise aufsuchen und sich in eine versteckte Höhle begeben?"
Den Freunden kam ein höchst unangenehmer Gedanke.
"So ein Mist, ich glaube, er hat recht", sagte Dean. "Der Typ ist vielleicht ein gesuchter Verbrecher, der hier den idealen Zufluchtsort gefunden hat!"
"Na großartig, da wird er sich ja richtig freuen, wenn wir plötzlich auf der Matte stehen. Ich glaube kaum, dass er uns freudestrahlend den Weg zurück zeigen wird - falls er ihn überhaupt kennt - damit wir mit der Polizei wieder auftauchen", fluchte Tom.
"Sieht so aus, als ob ihr hier festsitzt", ließ sich Meister Reno vi´Eren vernehmen. Schlürfend trank er seinen Tee.
"Das sehe ich nicht so", sagte Dean energisch. "Es gibt ja noch eine andere Möglichkeit."
"Ach ja, und welche, wenn ich fragen darf?" Tom war skeptisch.
"Hast du nicht zugehört? Die Zitadelle der Zauberer! Das ist vielleicht die Lösung. Wenn sie schon einmal einen Gestrandeten in seine Dimension zurückgeschickt haben, warum dann nicht auch uns? Wir müssen nur dahin kommen."
Tom sah seinen Freund an, als habe der ihm vorgeschlagen, nur mit einem Schnorchel ausgerüstet den Mariannengraben zu erkunden.
"Aber die Zitadelle scheint für Normalsterbliche unerreichbar zu sein. Genauso gut könnte sie auf der dunkeln Seite des Mondes liegen", hielt er ihm entgegen. Dean nickte.
"Darum gibt es nur einen Ausweg - Meister Reno vi´Eren muß uns begleiten." Auffordernd sah er den Meister an. Der verschluckte sich an seinem Tee und begann erst einmal, mitleiderregend zu husten, bevor er antwortete: "Auf keinen Fall. Ich habe diese Reise einmal gemacht, und das war schon einmal zuviel. Also schlagt euch das aus dem Kopf."
Energisch stellte er seine Teetasse ab.
"Aber überlegen Sie doch mal, was das für ein Abenteuer wäre. Sie könnten vielleicht endlich das klären, was Ihnen vor vielen Jahren verborgen blieb."
"Kein Interesse! Ihr habt keine Vorstellung davon, wie gefährlich es ist, das Meer der tausend Inseln und das Nebelmeer zu befahren. Es gibt Piraten und was weiß ich sonst noch alles. Also vergeßt das Ganze lieber."
"Sie wollen uns also wirklich nicht helfen?", fragte Dean enttäuscht.
"Nein! Aber ich werde euch etwas geben, das euch helfen könnte, wenn ihr es tatsächlich allein versucht." Meister Reno vi´Eren, erhob sich und ging erneut zu der Bücherwand hinüber. Dort zog er eine Rolle aus einem der unteren Regale und kam damit zurück an den Tisch, wo er sie ausrollte. "Hier, eine Übersichtskarte des Meeres der tausend Inseln, des Nebelmeeres und eines Teils des verborgenen Kontinents."
Entsetzt registrierte Tom, dass der verborgene Kontinent im wesentlichen ein weißer Fleck auf der Landkarte war. Lediglich ein größerer Ort an der Küste und einige kleinere Orte im Hinterland waren eingezeichnet. Dahinter waren einfach die Worte Berge des ewigen Nebels auf die Karte geschrieben worden. Ein simples Kreuz mittendrin sollte anscheinend die Zitadelle kennzeichnen.
"Das ist die einzige Übersichtskarte, die ich besitze. Sie ist nicht gerade detailliert oder maßstabgetreu, aber als grobe Orientierung sollte sie genügen." Demonstrativ setzte Meister Reno vi´Eren seinen Zeigefinger auf einen Punkt der Karte. "Das ist die Insel Riffs End. Sie liegt an der Grenze zum Nebelmeer."
Zweifelnd betrachteten die Freunde die Karte. In verschnörkelten Buchstaben war dort eine schraffierte Fläche als "Das Nebelmeer" bezeichnet.
"Wir brachen damals von Riffs End auf. Die Fahrt durch den Nebel war entsetzlich. Dauernd glaubte man, dass irgendetwas im Nebel verborgen sei. Ich möchte das nicht noch einmal erleben!" Seufzend lehnte sich der Zauberer zurück.
"Sie haben nicht zufällig an einem Drehbuch von John Carpenter mitgewirkt?", fragte Tom ironisch.
"Carpenter?" Meister Reno vi´Eren war irritiert. "Wer soll das sein?"
"Nicht wichtig, war nur so eine Idee", seufzte Tom. Dean sah ihn mißbilligend an. "Wie viele Seemeilen sind es denn von hier bis zum verborgenen Kontinent?", wollte er wissen.
"Seemeilen? Es tut mit leid, aber dieses Maß ist mir unbekannt. Wir rechnen hier in Tagesreisen. Das hängt von vielen Faktoren ab, je nachdem, wieviel Schwierigkeiten man unterwegs bekommt. Auf jeden Fall dauert es allein schon viele Tage bis man Riffs End erreicht. Von dort bis zum verborgenen Kontinent ist es aber noch ein schönes Stück."
Meister Reno vi´Eren hob bedauernd die Schultern.
"Aber auf der Karte sieht es gar nicht so weit aus", hielt Dean dagegen.
"Die Karte ist leider nicht so genau."
Die Freunde seufzten resigniert. Es kam ihnen so vor, als müßten sie irgendeine Hütte im Outback Australiens finden und hätten als Orientierungshilfe lediglich eine Weltkarte im Taschenkalenderformat dabei, noch dazu eine aus dem Jahr 1911. Es war zum aus der Haut fahren.
"Die Karte hat aber einen großen Vorteil", erklärte Meister Reno vi´Eren aufmunternd.
"Klar, einmal drauf gesehen, hat man sie im Kopf", höhnte Tom.
Meister Reno vi´Eren sah ihn beleidigt an.
"Ihr Unwissenden, es ist eine magische Karte, seht her."
Sorgfältig strich er mit dem Zeigefinger über eine Zeile mit unbekannten Schriftzeichen, die sich am oberen rechten Kartenrand befand. An der Stelle, an der Wehrheim eingezeichnet war, leuchtete daraufhin ein roter Punkt auf.
"Dieser Punkt", erwiderte der Meister würdevoll, "zeigt euch jeweils an, wo ihr euch gerade befindet. Das ist erheblich genauer, als sich nach den Sternen zu orientieren, aber wenn die Karte euch so langweilt..."
Vorsichtig  begann er sie wieder aufzurollen.
"Warten Sie", rief Dean und legte eine Hand auf die Karte. "Mein Freund hat es nicht so gemeint."
"Stimmt!" Tom war nun doch beeindruckt. "Ein Satellitennavigationssystem ist natürlich etwas anderes."
"Ein Satellitennavigationssystem? Was soll das denn sein?" Meister Reno vi´Eren war irritiert.
"Na das ist die Basis, auf der diese Karte wahrscheinlich funktioniert. Erkläre du es ihm", erwiderte Tom und sah Dean auffordernd an. Der ereiferte sich sogleich und überschüttete den armen Meister mit einer Flut von wissenschaftlichen Details über Mikroprozessoren und Funksignalortung. Dankbar atmete dieser auf, als Tom seinen Freund unterbrach.
"Hey, ich hab‘ eine Idee! Wenn diese Karte tatsächlich ein Satellitennavigationssystem wäre, dann müßte sie ja Satelliten benutzen, um zu funktionieren. Wenn aber Satelliten hier völlig unbekannt sind, kann das nur bedeuten,..."
"...dass unsere und diese Welt eng miteinander verbunden sind, sich teilweise sogar durchdringen", ergänzte Dean. "Erinnerst du dich an das, was ich dir in Medara über den Artikel erzählt habe?" Tom nickte.
"Dann ist die Karte sozusagen der Beweis für eine Verbindung zwischen den Welten."
"Sieht so aus, es sei denn, sie funktioniert wirklich nur mit Magie", sagte Dean ein wenig unsicher, ganz entgegen seiner bisherigen Überzeugung. Irgendwie war sein Weltbild, in dem nur Platz für die Wissenschaft war, ein wenig ins Wanken geraten.
"Nun mal langsam", ließ sich Meister Reno vi´Eren wieder vernehmen. "Was ist das für ein Artikel, von dem ihr gerade gesprochen habt?"
Dean erklärte es ihm. Der Meister hörte erstaunt zu. Schließlich nickte er nachdenklich. "Eine interessante Theorie. Es könnte tatsächlich so sein. Es wäre wirklich verlockend, der Sache auf den Grund zu gehen."
"Dann kommen Sie also mit?", fragte Dean hoffnungsvoll.
"Junger Freund, wenn du vor zwanzig Sommern hier aufgetaucht wärst, hätte ich mich eurer Expedition vielleicht angeschlossen, aber jetzt ...", traurig schüttelte Meister Reno vi´Eren den Kopf, "... jetzt fürchte ich, bin ich für solche Abenteuer zu alt. Ihr werdet Euer Schicksal allein in die Hand nehmen müssen." Er schnippte mit den Fingern, und Tom zuckte zusammen, als plötzlich eine Stimme neben ihm erklang.
"Wenn ihr mir dann folgen möchtet!"
Wirdnix war aus dem Nichts erschienen.
"Ihr entschuldigt mich jetzt bitte, aber es ist spät geworden und Zeit für mein Mittagessen und einen guten Krug Weißwein. Ich wünsche euch alles Gute", verabschiedete Meister Reno vi´Eren die Freunde, die sich enttäuscht erhoben und dem Gnom nach unten folgten.
"Erstaunlich", ließ sich Wirdnix vernehmen, während er die knarrende Eingangstür öffnete, "ihr seht noch genauso aus wie vorher. Ich glaube, der Meister wird alt."
"Tja, da hast du Recht", erwiderte Tom grinsend. "Er sagte irgendetwas davon, dass er die Formel für deine Rückverwandlung völlig vergessen hätte. Aber mach dir nichts daraus, dafür hast du eine Stellung auf Lebenszeit." Aufmunternd klopfte er dem sprachlosen Gnom auf die Schulter und ging hinaus. Dean folgte ihm. Hinter ihnen schlug die Tür mit einem lauten Knall ins Schloß. Wirdnix hatte anscheinend schlechte Laune. Dean betrachtete die zusammengerollte Karte.
"Immerhin haben wir einen Anhaltspunkt", seufzte er.
"Gart wird begeistert sein, wenn er das hört."

- 9 -

"Kommt gar nicht in Frage!" Energisch winkte Gart ab. "Den verborgenen Kontinent könnt ihr vergessen. Ich fahre nicht ans andere Ende der Welt, nur weil irgendein Giftmischer glaubt, dass es dort vielleicht die Lösung für euer Problem geben könnte."
"Aber das ist unser einziger Anhaltspunkt. Ich dachte, du wärst auch daran interessiert, uns wieder loszuwerden und willst sicherstellen, dass nicht noch weitere Eindringlinge in euren Höhlen landen. Aber vielleicht irre ich mich ja auch und ihr mögt überraschenden Besuch", argumentierte Dean.
"Komm mir nicht so", knurrte der Zwerg. "Vielleicht ist euer Fall eine einmalige Ausnahme. Immerhin kam etwas Derartiges bisher noch nie vor. Was sollte mich davon abhalten, einfach nach Medara zurückzukehren und zu behaupten, dass es keine Lösung für das Problem gibt?"
"Ganz einfach", hielt Tom ihm entgegen, "weil ansonsten mit Sicherheit in Kürze ein Suchkommando aus unserer Welt in eure Höhle stolpern und unangenehme Fragen stellen wird, und das alles nur, weil du keine Lust hattest, eine kleine Reise in Kauf zu nehmen. Ich wüßte zu gerne, wie euer Rat das finden würde!"
Gart machte ein unglückliches Gesicht. Er konnte sich lebhaft vorstellen, wie der Rat reagieren würde. Unter Zwergen galt der eherne Grundsatz: Nur eine erledigte Arbeit ist eine gute Arbeit. Anderenfalls war man schnell ein erledigter Zwerg und hackte Gestein in den untersten Schächten Medaras. Kein schöner Gedanke. Widerstrebend lenkte er ein:
"Also schön, mal angenommen, dort könnte euer Problem wirklich gelöst werden, dann würde uns das trotzdem kaum etwas nützen. Ich habe nämlich keine Ahnung, wie wir dahin gelangen könnten. Soweit ich weiß, fahren keine Schiffe zum verborgenen Kontinent, und selbst, wenn wir aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz doch dort ankommen sollten, frage ich mich, wie ihr diese magisch versteckte Zitadelle finden wollt."
Triumphierend breitete Dean die Karte aus und erläuterte sie. Der Zwerg hörte beeindruckt zu. Eine Karte dieser Art hätte er auch gut in Medara gebrauchen können. Als Dean mit seiner Erklärung fertig war, mußte auch Gart zugeben, dass die Sache nicht so aussichtslos war, wie es zunächst den Anschein hatte.
"Dann brauchen wir ja nur noch ein Schiff, das uns dahin bringt", sagte Tom und grinste Gart an, der sich in sein Schicksal ergab und den Freunden zum Hafen folgte. Der Kai für die Seeschiffe war schon von weitem zu erkennen. Die Schiffe, die dort vor Anker lagen, hoben sich deutlich von denen ab, die ihnen auf dem Silberfluß begegnet waren. Fast alle wiesen eine aufwendige Takelage und einen rund geformten, hohen Bug auf. Einige Schiffe waren mit kunstvollen Schnitzereien versehen und erinnerten die Freunde an mittelalterliche Fregatten und Schoner. Entlang des Kais waren jeweils kleine, hölzerne Kassenhäuser aufgestellt, die für die Reiseziele warben. Tom erinnerte das an die Ausflugsboote in Florida. Schließlich fanden sie einen kleinen Schoner, der für das Reiseziel Riffs End warb. Im Kassenhäuschen saß ein mittelgroßer Seemann unbestimmbaren Alters in der typischen Seemannskluft. Eine Pfeife hing ihm aus dem Mundwinkel und mit einem Messer schnitzte er fröhlich an einem dicken Ast herum, ohne, dass man hätte erkennen können, was es werden sollte. Schon bald lieferte sich Gart mit ihm ein erbittertes Duell um den Preis der Überfahrt.
"Beim Bart des ersten Zwerges, mit dem, was ihr hier verlangt, könnte man Medara eine Woche lang ernähren!"
"Erstaunlich, ich wußte ja, dass ihr Zwerge sparsam seid, aber dass ihr euch so billig ernährt, hätte ich nun doch nicht gedacht", konterte der Seemann. "Aber wenn es euch zu teuer ist, steht es euch frei, ein anderes Schiff zu nehmen, falls ihr überhaupt eins findet. Zur Zeit fährt nämlich kaum jemand in eure Richtung. Man munkelt etwas von Piraten. Einige Schiffe sind sogar überfällig!"
"Piraten?", schaltete sich Dean besorgt ein.
"Pah, nur Seemannsgarn, um den Preis zu treiben", erwiderte Gart verächtlich.
"Ihr könnt natürlich auch rudern. Der Zwerg sieht ja kräftig aus."
"Bist ein echter Komiker", fuhr Tom ihn verärgert an.
"Danke für die Blumen. Bordunterhaltung ist im Preis inbegriffen."
Der Seemann grinste vergnügt. Es war nicht zu übersehen, dass er sich königlich amüsierte.
"Also gut, halber Preis, mein letztes Angebot", knurrte Gart.
"Zwanzig Prozent Nachlaß und ihr seid dabei."
"Inklusive Verpflegung?"
"All inklusive."
"Einzelkabine?", fragte Dean.
"Selbstverständlich, ihr alle zusammen kommt in eine einzelne Kabine. Das wärmt ungemein."
"Na herrlich", Tom stöhnte, "das war schon immer mein Traum."
"Dann sind wir uns einig?" Der Seemann sah Gart auffordernd an. Der grollte. "Bei vierzig Prozent Nachlaß", sagte er grimmig.
"Dreißig oder ich muß den Laden dicht machen."
"Also schön", willigte Gart widerstrebend ein. "Wann geht‘s los?"
"Morgen nach Sonnenaufgang, aber bezahlt wird schon jetzt."
Knurrend zählte Gart den Betrag ab, nicht ohne ihn nach unten abzurunden. Der Seemann steckte das Geld ein und lachte, als der Zwerg wütend abzog.
"Seid ja pünktlich. Das Schiff wartet nicht", rief er ihnen hinterher.

"Das wäre also erledigt", sagte Dean zufrieden, während sie den Pier in Richtung Stadttor entlang schlenderten.
"Erledigt! Ich bin demnächst erledigt, wenn das weiterhin soviel kosten wird", schimpfte Gart wütend vor sich hin.
"Nun hab dich mal nicht so. Dein Goldsack ist bisher noch nicht erkennbar geschrumpft." Gart schwieg verärgert, bis sie ihre Herberge erreichten und erst einmal etwas gegen ihren Hunger taten. Während des Essens diskutierten sie lebhaft, wer ihnen auf Riffs End behilflich sein könnte. Leider konnte Gart keine produktiven Beiträge leisten, da er das Meer der tausend Inseln noch nie bereist hatte und deshalb auch nicht wußte, was sie auf Riffs End erwarten würde. "Jedenfalls keine Zwergenminen", knurrte er ungehalten auf eine entsprechende Nachfrage Deans.
"Vielleicht gibt es dort aber einen Zwergenaußenposten", schlug Tom vor.
"Das bezweifele ich. Zwerge fahren in der Regel nicht zur See."
"Man kann nie wissen", sagte Tom vielsagend. "Unsere Landsleute reisen normalerweise auch nicht durch die Dimensionen und doch sind wir hier."
"Lassen wir uns doch einfach überraschen. In ein paar Tagen wissen wir mehr", beendete Dean die Diskussion und stand auf. "Ich denke wir sollten jetzt unsere Vorbereitungen für morgen treffen und vor allem noch ein wenig schlafen."
Die anderen stimmten ihm gähnend zu; denn es war mittlerweile spät geworden, und so lagen die Gefährten bald in ihren unbequemen Betten, bis sie schließlich mit unterschiedlichen Gefühlen in einen unruhigen Schlaf fielen.
 

© Klaus-Peter Behrens
Vor Verwendung dieser Autoren-EMail-Adresse bitte das unmittelbar am @ angrenzende "NO" und "SPAM" entfernen!
.
Und schon geht's weiter zum 11. Kapitel: "Neue Gefährten"

.
www.drachental.de