Das Tor zwischen den Welten von Klaus-Peter Behrens
XI. Kapitel: Neue Gefährten
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Als sie am nächsten Morgen zum Hafen kamen, erlebten sie eine Überraschung. Wirdnix war gerade damit beschäftigt, eine überdimensionale Truhe über den Laufsteg auf das Deck ihres Schiffes zu befördern. Oben, mit den Armen lässig auf die Reling gelehnt, gab Meister Reno vi´Eren Anweisungen. "Nun mal nicht so lahm da unten", versuchte er den armen Gnom aufzumuntern, der auf halsbrecherische Weise die im Verhältnis zu ihm doppelt so große Kiste über den Laufsteg balancierte.  "Wir wollen heute noch ablegen."
Die Freunde waren erstaunt und erfreut zugleich über den unerwarteten Anblick. Auch wenn sie es sich nicht eingestehen wollten, hatten sie doch das Gefühl gehabt, Pioniere des 18. Jahrhunderts zu sein, die lediglich mit einer Bleistiftzeichnung ausgerüstet und von ein paar halbherzigen Ermutigungen begleitet, aufbrachen, um die Tiefen des afrikanischen Kontinents zu erkunden. Die unerwartete Präsenz von Meister Reno vi´Eren war da eine willkommene Unterstützung.
"Ich wußte, Sie würden uns nicht im Stich lassen", rief Dean und winkte dem Zauberer zu, der den Gruß erwiderte. Wirdnix hingegen winkte nicht. Er war viel zu sehr damit beschäftigt, nicht von der Planke zu fallen. Stöhnend setzte er die Kiste auf dem Deck ab, bevor er erschöpft zu Boden sank. Besorgt ging Meister Reno vi´Eren hinüber, doch zu seiner Beruhigung schien die Kiste völlig intakt zu sein, was man von Wirdnix nicht behaupten konnte. Dann begrüßte er die Freunde, die ihn mit Gart bekannt machten.
"Und das da unten ist Wirdnix", erklärte er dem Zwerg.
"Ich fürchte, der wird uns keine große Hilfe sein." Kritisch musterte Gart den armen Gnom. "Wieso kommt der überhaupt mit?"
"Wirdnix hofft, dass die Zauberer der Zitadelle ihm seine ursprüngliche Gestalt wiedergeben können. Darum kommt er voller Begeisterung mit", erklärte Meister Reno vi´Eren grinsend. Wirdnix machte ein unglückliches Gesicht. Irgendwie war ihm die Begeisterung nicht anzusehen.
"Na hoffentlich ist seine wirkliche Gestalt besser, als die, die er jetzt gerade hat", knurrte Gart.
"Das mußt du krummbeiniger Zwerg gerade sagen", antwortete der wieder zu Atem gekommene Wirdnix giftig.
"Keine Streitereien an Bord", ertönte eine bekannte Stimme. Der Seemann vom Vortag erschien vergnügt an Deck. Zur Verblüffung der Gefährten stellte er sich als der Kapitän des Schoners mit Namen Bris vor. Nach einer kurzen Begrüßung, die seitens Garts ein wenig frostig ausfiel, folgten die Gefährten dem Kapitän, um ihre Unterkünfte in Augenschein zu nehmen. Die standen denen ihres letzten Gasthofes in nichts nach.
"Sag mir Bescheid, wenn wir jemals an einem Gesundheitsamt vorbeikommen", beschwerte sich Tom bei Gart. "Ich hätte da ein oder zwei Anzeigen zu machen."
In der Tat bot die Kajüte, die nicht einmal drei Meter im Quadrat maß, kaum Anlaß zur Freude. Die Inneneinrichtung bestand aus drei, dicht übereinander stehenden Kojen. Ihnen gegenüber befand sich ein winziger Tisch mit einer angeschraubten Waschschüssel. Ein kleines Bullauge spendete trübes Licht, und alles roch feucht und muffig.
"Das ist ja der reinste Seelenverkäufer", fluchte Tom. "Wie sollen wir das denn hier eine Woche überstehen?"
Auch Dean war nicht erfreut. "Ich wage gar nicht darüber nachzudenken, wie dann erst die Verpflegung aussehen wird", gab er zu bedenken. Tom verzog in böser Vorahnung das Gesicht. Er hatte den begründeten Verdacht, dass jeder Restaurantkritiker nach einem Blick auf das, was hier wahrscheinlich als Bordküche herhalten mußte, mit dem größten Vergnügen eher Harakiri begangen hätte, als sich dazu herabzulassen, die Schmackhaftigkeit der Speisen zu testen. Nur Gart schien zufrieden zu sein. Er war spartanisches Leben gewohnt. "Praktisch und ausreichend", war sein ganzer Kommentar. Ein wenig enttäuscht folgten ihm die Freunde an Deck. Bris hatte inzwischen den Befehl zum Ablegen gegeben, und der Schoner nahm Kurs auf die Hafenausfahrt. Hinter ihnen erstrahlte Wehrheim im Glanz der aufgehenden Sonne. Ein wenig wehmütig betrachteten die Freunde die Szenerie. Wieder einmal bedauerte Dean es zutiefst, dass sein Fotoapparat hier nicht funktionierte. Auch Meister Reno vi´Eren war an Deck erschienen, und Dean nutzte die Gelegenheit, um ihn nach dem Grund für seinen Sinneswandel zu fragen.
"Ich habe nach eurem Besuch noch einmal gründlich nachgedacht. Mein Lehrmeister war damals, als er die Reise unternahm, auch nicht jünger, als ich es jetzt bin. Warum also sollte ich es nicht auch versuchen? Außerdem ist Wehrheim auf die Dauer etwas langweilig. Die Aussicht auf eine abenteuerliche Reise hat mir einfach keine Ruhe mehr gelassen. Im übrigen interessiert mich wirklich, was damals in der Zitadelle passierte."
"Woher wußten Sie, welches Schiff wir nehmen würden?", fragte Tom.
Meister Reno vi´Eren schüttelte belustigt den Kopf: "Das war nun wirklich kein Zauberkunststück. Diese Nußschale hier war das einzige Schiff im Hafen, das zur Zeit nach Riffs End ausläuft."
"Dann hat Bris nicht geblufft", entfuhr es Tom erstaunt.
"Nein", erklang energisch eine Stimme vom Oberdeck, "ich habe nicht geblufft. Zur Zeit sind tatsächlich einige Schiffe überfällig."
"Na dann wollen wir mal hoffen, dass sich unser Schiff dieser Tradition nicht anschließt", knurrte Gart, der nachdenklich das entschwindende Wehrheim betrachtete. Irgendwie hatte er das ungute Gefühl, für eine lange Zeit diese, ihm so vertraute Gegend nicht mehr wiederzusehen.

Die zwei folgenden Tage verliefen ohne nennenswerte Zwischenfälle. Das Meer war ruhig und ein günstiger Wind bewirkte, dass sie zügig vorankamen. Dean kontrollierte immer wieder fasziniert ihre Position auf der Landkarte. Der rote Punkt hatte sich in einen Pfeil verwandelt und zeigte tatsächlich exakt die Richtung an, in der sie sich bewegten. Von der Seekrankheit schien Dean erfreulicher Weise geheilt zu sein. Zufrieden genoß er das Gefühl, endlich einmal eine Schiffsreise anders, als über die Reling gebeugt, zu erleben. Am Morgen des dritten Tages brachte ein Ruf des Ausgucks die erste Abwechslung in die bisher so ruhige Fahrt.
"Schiff voraus!"
Alle rannten zur Reling. Langsam schälte sich die Silhouette eines Schiffes aus dem Morgendunst. Bris kam die Treppe vom Oberdeck zu ihnen hinunter, in der Hand ein langes Messingfernrohr. "Es hat die Handelsflagge gesetzt", informierte er die Gefährten, die ihn neugierig ansahen. "Möglicherweise ist es eines der überfälligen Schiffe."
"Was haben Sie vor?", fragte Dean.
"Überfallen und den Proviant abnehmen", murmelte Tom leise vor sich hin, der von der Verpflegung an Bord alles andere als begeistert war. Seiner Ansicht nach war die Küche ein Fall für Amnesty International. Lediglich Gart hatte sich nach den Rezepten erkundigt. Tom vermutete, dass er sie als Foltermittel für etwaige Eindringlinge in Medara zu verwenden gedachte. Zwerge schreckten wirklich vor nichts zurück. Während Tom weiter vor sich hin grübelte, erläuterte Kapitän Bris die Notwenigkeit, sich ständig über die aktuellen Ereignisse auf dem Meer auf dem laufenden zu halten.
"Es kann nie schaden, Informationen über den Weg, der noch vor einem liegt, zu erhalten", führte er gerade aus, "selbst, wenn man glaubt, diesen  bestens zu kennen. Wir werden also den Kapitän an Bord bitten."
Eine Stunde später hatte der Kapitän des anderen Schiffes übergesetzt und saß in der Kapitänskajüte mit Bris und den Gefährten an einem Tisch. Zu ihrem Mißfallen, bestätigte er die Befürchtungen hinsichtlich der Piratengerüchte. "Ich habe zwar selbst noch keine getroffen, aber man hört das eine oder andere. Sie sollen hauptsächlich weiter nördlich anzutreffen sein. Aber das Meer hat ja bekanntlich keine Grenzen. Angeblich sollen sie auch schon im Westarchipel vereinzelt Überfälle gestartet haben?", ließ er sich gerade vernehmen.
"Was ist mit den anderen Handelsschiffen, die diese Route befahren?", wollte Tom wissen.
"Zwei liegen noch vor Riffs End. Zur Zeit ist keine Saison für Schiffsfrachtgut, und ein Schiff, die Flinke Flunder, ist vor etlichen Tagen in Richtung Wehrheim aufgebrochen."
"Da ist es aber nie angekommen", sagte Bris ernst.
"Das ist merkwürdig."
"Vielleicht gesunken?", warf Dean ein. Der Nichtschwimmer Gart machte ein unglückliches Gesicht. Das Wort "Sinken" klang verdächtig nach "Ertrinken". Unangenehm wurde ihm bewußt, was ein Zwerg mit einem Anker gemeinsam hat - beide gehen relativ schnell unter.
Doch Dean sollte keine Antwort mehr bekommen, denn plötzlich wurde die Tür aufgerissen, und ein aufgeregter Matrose erschien im Türrahmen.
"Kapitän, Ihr solltet schnell an Deck kommen und Euch das einmal ansehen", stieß er hervor und verschwand so schnell, wie er gekommen war. Etwas erstaunt verließen alle die Kabine. 
"Ach du lieber Himmel", entfuhr es Dean, als sie an Deck kamen.
"Beim Bart des ersten Zwerges!"
"Wieso steht so etwas nicht im Reiseführer?" Tom war entsetzt. Im Osten war der Horizont pechschwarz geworden. Wolkenmassen türmten sich dort zu einem bizarren Muster auf und ließen nichts Gutes erahnen. Ein starker Ostwind kündigte bereits den nahenden Orkan an. Zwar war das Meer noch verhältnismäßig ruhig, aber die Gefährten vermuteten zu Recht, dass das nicht mehr lange so bleiben würde. Der Kapitän des anderen Handelsschiffes verabschiedete sich hastig. Offenkundig teilte er ihre Befürchtungen. Bris seinerseits ließ hektisch Segel setzen, die sofort heftig gegen die Rahen schlugen und das Schiff in den Wind drehen. Die Masten ächzten bedenklich, als das Schiff langsam Fahrt aufnahm. Besorgt fragte sich Dean, ob es ihnen wohl gelingen würde, dem Unwetter zu entkommen. Ihm wurde beim Anblick des Meeres, das nunmehr graugrün, eiskalt und gefährlich schillerte, bewußt, dass er keine Ahnung von den hiesigen Wetterverhältnissen hatte. Die schwarze Wand, die sie unerbitterlich einholte, versprach jedenfalls nichts Gutes. Wirdnix schien das ähnlich zu sehen; denn bei ihrem Anblick war er sofort umgekehrt und unter Deck verschwunden. Auch Meister Reno vi´Eren zeigte sich besorgt. "Beim heiligen Zauberstab, so ein Unwetter bekommt man selten zu sehen", verkündete er düster.
"Es sei denn, man ist Zwerg und macht die erste Seereise seines Lebens", nörgelte Gart. Er fürchtete keinen Gegner, solange man diesem mit der Axt zu Leibe rücken konnte. Genau das war aber hier nicht möglich. Gart fühlte sich entsprechend hilflos.
Die Hoffnung, dem Unwetter zu entkommen, erwies sich schon bald als Illusion. Das Schiff tauchte in immer tiefere Wellentäler ein, und das protestierende Knattern der Segel wirkte auch nicht gerade beruhigend. Riesige, gischtgekrönte Wellen schlugen erbarmungslos gegen den Rumpf und ließen das Schiff erzittern. Angesichts der Gefahr, über Bord gespült zu werden, riet Bris den Gefährten dringend unter Deck zu gehen. Doch die waren von dem Naturereignis so gefesselt, dass sie wider besseren Wissens den Rat in den Wind schlugen. Gebannt beobachteten sie, wie das Unwetter dem Schiff und der Crew das Letzte abverlangte. Inzwischen waren sie von einer undurchdringlichen Schwärze umgeben, die den Tag zur Nacht machte, und das Meer schien zu kochen. Gewaltige Blitze zuckten vom Himmel, gefolgt von lautem Donnerhall, und dann setzte urplötzlich der Regen ein. Unerbitterlich prasselte er auf das Deck nieder und nahm der Besatzung so auch noch die letzte Sicht. Unter Deck war Wirdnix überzeugt davon, dass der Gott des Meeres sich persönlich vorgenommen hatte, sie an seine Tafel zu holen. In der Tat brandeten die Wellen mit solcher Kraft gegen den Rumpf, dass die Freunde jedesmal erschrocken zusammenzuckten. Zu ihrem Entsetzen gab das Schiff dabei Geräusche von sich, die in der Regel in Schiffshandbüchern im Zusammenhang mit der Anleitung zur Handhabung des Rettungsrings erwähnt werden. Wie aufs Stichwort ertönte Kapitän Bris' Stimme mit einer Hiobsbotschaft.
"Wir haben ein Problem", schrie er. "Ich muß die Segel reffen, sonst brechen die Masten, aber wenn ich das tue, wird das Schiff so manövrierunfähig, dass wir sinken werden. Mache ich es nicht, brechen die Masten und wir werden ebenfalls untergehen." Verzweifelt breitete er seine Arme aus. Wie zur Bestätigung erklang ein lautes Krachen, und eine Sekunde später schlug ein großes Stück Holz von einem der Masten auf dem Deck auf. Alle zogen erschrocken den Kopf ein und sahen Meister Reno vi´Eren an.
"Können Sie nicht etwas tun?" Bittend sah Dean den Meister an, doch der drehte sich nur wortlos um und verschwand im Niedergang.
"Was hat er denn?", fragte Gart. Irritiert sah er ihm hinterher.
"Keine Ahnung", brüllte Tom zurück. "Vielleicht baut er ja seine Kiste zum Rettungsboot um."
"Jede Wette, dass da schon Wirdnix drin sitzt", gab Gart trocken zurück.
"Paßt auf euch auf und freundet euch schon mal mit der Aussicht auf ein erfrischendes Bad an", riet Kapitän Bris von oben und verschwand aus ihrem Gesichtsfeld. Die Zurückgebliebenen schluckten. Das klang gar nicht gut. Entsprechend nervös machten sie sich auf die Suche nach Meister Reno vi´Eren, den sie, in seiner Kabine über ein Buch gebeugt, fanden. Dass die Kabine einen Umfang aufwies, den sie eigentlich faktisch gar nicht haben konnte, erstaunte im Moment niemanden. Ihr Interesse richtete sich vielmehr auf den emsig blätternden Zauberer. Neben diesem stand Wirdnix, einen Bücherstapel in der Hand, aus dem sich der Meister abwechselnd bediente. Wirdnixs ohnehin schon ungesunde Gesichtsfarbe erlebte neue Blütezeiten.
"Haben Sie eine Idee?", fragte Dean hoffnungsvoll.
"Vielleicht", kam vage die Antwort. "Wir müssen die Masten und das Schiff stabiler machen, dann haben wir vielleicht eine Chance." Eifrig blätterte er weiter. "Aahh ja, hier wäre etwas, hmmmm, mal sehen, die Verwandlung von Holz in Stein, sehr nützlich." Entsetzt stöhnten alle auf.
"Holz in Granit, auch nicht schlecht."
"Warum nicht gleich Zement", nörgelte Tom.
"Ich will ja nicht meckern, aber das Schiff muß auch weiterhin schwimmen können", warf Dean besorgt ein.
"Keine Panik, ich finde schon das Richtige", erwiderte Meister Reno vi´Eren ungerührt und blätterte weiter: "Hmmm Holzboot in Gummiboot..."
Tom raufte sich die Haare. "Ich werde noch wahnsinnig. Der bringt uns eher auf den Meeresgrund als dieses Unwetter."
Plötzlich jubelte Meister Reno vi´Eren auf: "Das ist es! Ich habe es! Hier ist eine alte Formel über die Härtung von Holzspeeren. Damit kann man Holz die Beschaffenheit von Stahl verpassen. Das müßte reichen."
"Holzspeere?", echote Gart zweifelnd.
"Sind Sie sicher, dass das Schiff danach nicht unverzüglich seine Richtung von vorwärts nach abwärts ändern wird?", fragte Dean.
"Kein Problem", antwortete Meister Reno vi´Eren zuversichtlich. "Es bleibt ja weiterhin aus Holz, ergo schwimmt es auch."
"Hoffentlich weiß das auch das Schiff", grummelte Gart, während sich der Zauberer, das Buch unter dem Arm geklemmt, wieder den Gang entlang nach oben kämpfte, keinen Widerspruch duldend. Oben angekommen, bot sich noch immer der gleiche erschreckende Anblick. Falls es überhaupt möglich war, hatte der Orkan an Intensität noch zugenommen. Tom glaubte förmlich zu sehen, wie sich die Masten unter der Belastung bogen. Meister Reno vi´Eren ließ sich davon nicht beeindrucken und schlug seelenruhig das Buch auf. Inzwischen waren ihm alle nach oben gefolgt, sogar Wirdnix. Tom registrierte überrascht, dass der Gnom die leere Kiste mitgeschleppt hatte. Das war kein gutes Zeichen. Wenn man auf der anderen Seite in Erwägung zog, wie die Zauberkunst dem armen Gnom zugute gekommen war, konnte man ihm fehlendes Vertrauen in die Fähigkeiten seines Meisters wirklich nicht verdenken. Dieser hatte sich unterdessen unterhalb der Brücke postiert, begann mit den Händen beschwörende Gesten zu machen und in einer unbekannten Sprache zu zitieren, während das Schiff kopfüber in das nächste Wellental kippte, so dass die Freunde Mühe hatten, das Gleichgewicht zu halten. Es war wirklich an der Zeit für ein wenig magische Unterstützung. Doch trotz des heftig mit den Armen herumwedelnden Meisters, wobei niemand sagen konnte, ob er dies nur tat, um das Gleichgewicht zu halten oder ob den Verrenkungen eine rituelle Bedeutung innewohnte, passierte zumindest nichts Sichtbares. Enttäuscht sahen sich die Freunde um. Wie sollte man erkennen, ob der Zauber gewirkt hatte. Plötzlich begann das Deck jedoch in einem grünen Licht zu leuchten, das sich langsam die Aufbauten und die Masten hinauf zog, bis das ganze Schiff wie ein Christbaum erstrahlte. Die Freunde waren beeindruckt und beunruhigt zugleich. Was wäre, wenn der Meister einen Fehler gemacht hatte und sie nach Beendigung des Zaubers auf einem soliden Betonklotz sitzen würden? Doch für vorsorgliche Maßnahmen war es ohnehin zu spät. So schnell wie das Leuchten begonnen hatte, verschwand es auch wieder. Erfreut stellten die Freunde fest, dass das Schiff immer noch schwamm.
"Und?" Erwartungsvoll sah Meister Reno vi´Eren die Gefährten an, doch die waren verwirrt. Noch immer schwankte das Schiff heftig von einer Seite auf die andere, während es damit beschäftigt war, zu dem apokalyptisch in den Wanten heulenden Sturm den nächsten Wellenberg zu erklimmen. Eine Verbesserung ihrer Lage konnte keiner der Gefährten erkennen. "Was meint er?", fragte Gart und wrang sich den klatschnassen Bart aus. Auch Dean wußte nicht, worauf der Zauberer hinauswollte, bis ihm plötzlich ein Licht aufging.
"Ich glaube, ich weiß es", rief er begeistert. "Das Schiff macht keine knarrenden Geräusche mehr! Der Sturm scheint ihm nichts mehr anhaben zu können." Die Gefährten hielten einen Augenblick inne, dann breitete sich auch auf ihren Gesichtern zum ersten Mal wieder so etwas wie Zuversicht aus. In der Tat waren die beängstigenden Geräusche, mit denen das Holz unter dem Druck des Orkans gegen die übermäßige Inanspruchnahme protestiert hatte, verschwunden. Tom hätte schwören können, dass sogar die Masten wieder hundertprozentig gerade standen. Ein aufgeregter Bris kam die Treppe hinunter gestolpert. "Was, beim Zahn des weißen Hais, war das denn? Ich dachte, mein Schiff würde abfackeln. Hätte nicht viel gefehlt und ich wäre freiwillig über Bord gesprungen."
"Alles in Ordnung", beruhigte ihn Dean. "Meister Reno vi´Eren hat nur die Festigkeit des Holzes verstärkt."
"Kann man jetzt prima Speere draus schnitzen", teilte Gart dem Kapitän trocken mit. Doch der hörte ihn schon nicht mehr, da er schon wieder unterwegs war, um mehr Segel setzen zu lassen. Die Erklärung Deans und der neue Zustand seines Schiffes hatten ihm Mut gemacht. Mit neuer Zuversicht kämpften Schiff und Mannschaft nun gegen das Wüten der Natur an, das den Rest des Tages und die ganze Nacht hindurch andauerte. An Schlaf war nicht zu denken, zu groß war die Angst, unter Wasser wieder aufzuwachen. Das Schiff schien jetzt zwar stabiler zu sein und dem Unwetter besser trotzen zu können, doch Tom dachte mit Unbehagen an die Quelle im Turm des Meisters zurück, die plötzlich wieder versiegt war. Was wäre, wenn die Zauberkraft auch hier nachlassen würde?
Erschöpft und durchnäßt harrten alle in der geräumigen Kajüte von Meister Reno vi´Eren aus und beteten, dass das Unwetter endlich ein Ende haben möge. Doch erst am nächsten Morgen legte sich der Sturm. Als sich schließlich die ersten Sonnenstrahlen zeigten, jubelten alle begeistert. Nur Kapitän Bris' Gesicht zeigte noch immer leichte Sorgenfalten.
"Dem Unwetter sind wir zwar entkommen, aber ich weiß beim besten Willen nicht, wohin es uns verschlagen hat", sagte er düster.
"Ich könnte Ihnen da weiterhelfen", erwiderte Dean und holte die magische Landkarte hervor. Als er sie auf dem immer noch feuchten Deck ausbreitete, war sofort der leuchtende Pfeil zu sehen. Kapitän Bris pfiff leise durch die Zähne. "Bei den Hörnern von Hydropolis, was ist das denn?"
"Unsere exakte Position", erwiderte Meister Reno vi´Eren. Der Kapitän schwieg einen Augenblick verblüfft, dann legte er seinen Finger eine Handbreit neben den roten Pfeil und sagte: "Dann habe ich eine Überraschung für euch: Hier sollten wir eigentlich sein. Das bedeutet, dass sich unsere Reise um etliche Tage verlängern wird. Das eigentliche Problem ist aber die Tatsache, dass wir nicht genügend Wasser und Lebensmittel an Bord haben."
"Und was schlagen Sie vor?", fragte Meister Reno vi´Eren, während Gart den Gnom auf eine Weise ansah und seine Axt befingerte, als würde er im Geiste das Kochbuch für den Notfall durchgehen. Zur Beruhigung des blass gewordenen Wirdnix, unterbreitete Kapitän Bris einen vernünftigen Vorschlag. "Wir sollten nach Norden segeln. Der Karte nach gibt es dort Inseln. Wahrscheinlich können wir auf einer der Inseln Proviant aufnehmen, wenn ich auch zugeben muß, dass ich nicht viel über diese, abseits der üblichen Schiffahrtsrouten liegende Gegend weiß."
"Womit Sie sich in bester Gesellschaft befinden", tröstete ihn Tom. Mangels echter Alternativen wurde der Vorschlag aber angenommen. Das Schiff ging also auf neuen Kurs, doch bis zum späten Nachmittag kam keine Insel in Sicht und der Optimismus an Bord sank wieder spürbar. Gegen Abend trafen sich alle niedergeschlagen in der Kapitänskajüte zur Lagebesprechung.
"Eigentlich hätten wir längst auf Land stoßen müssen", sagte Dean enttäuscht und betrachtete die ausgebreitete Karte. Der rote Pfeil war zum Stillstand gekommen. Links und rechts befanden sich angeblich diverse kleine Inseln, doch tatsächlich hatten sie nicht einmal den Ansatz einer müden Klippe im Meer ausmachen können. Nachdenklich betrachtete Kapitän Bris die Karte. "Vielleicht hat der Zeichner die Karte ja nur dem Hörensagen nach gezeichnet. Dann sind wir entweder schon an den Inseln vorbei oder wir stoßen erst morgen auf sie."
"Wieviel Zeit haben wir eigentlich noch?", wollte Dean wissen.
"Bis uns der Proviant ausgeht? Na, ich schätze zwei Tage, dann wird es eng", erwiderte Kapitän Bris und kratzte sich nachdenklich das Kinn.
"Dann bleibt uns immer noch der Pizzadienst", murmelte Tom leise. Meister Reno vi´Eren, der schon den ganzen Abend vor sich hin gegrübelt hatte, meldete sich zu Wort: "Die Karte kann nicht so falsch sein. Vielleicht liegen die Inseln nur außerhalb unseres Sichtfeldes. Die Sicht ist schließlich auch auf dem Meer nicht unbegrenzt."
"Stimmt", sagte Dean, dem plötzlich die Erkenntnis kam, "schließlich darf man die Erdkrümmung nicht vergessen, die muß es auch auf dieser Welt geben."
"Der Ozean ist krumm?", fragte Gart irritiert.
"Wie deine Beine", bestätigte Wirdnix.
"Aber nicht so krumm wie dein Rücken", giftete der Zwerg zurück.
Während sich Zwerg und Gnom verbal attackierten, hellte sich Kapitän Bris' Gesicht auf. "Wenn die Proportionen auf dieser Karte tatsächlich nicht stimmen, kann es natürlich gut sein, dass die Inseln gerade außerhalb unseres Sichtfeldes liegen. Wir sollten daher morgen nicht mehr direkt nach Norden segeln, sondern von West nach Ost in Richtung Norden kreuzen, bis wir auf eine dieser verflixten Inseln stoßen."
Die Gefährten waren einverstanden. Garts Vorschlag, Wirdnix in der Kiste als eine Art Orientierungspunkt auszusetzen, fand zur Beruhigung des entsetzten Gnoms keine Mehrheit.
 

© Klaus-Peter Behrens
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Und schon geht's weiter zum 12. Kapitel: "Unter Piraten"

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