Das Tor zwischen den Welten von Klaus-Peter Behrens
XIV. Kapitel: Wirdnix' großer Tag
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In der Piratenfestung hatte inzwischen ein verzweifelter Jim beschlossen, dass es spät genug sei, um sich unauffällig in den Keller zu den Gefangenen zu schleichen. Zwar gab es in der Burg einige Wachen, dies sollte jedoch kein ernsthaftes Problem darstellen. Die Wachen sahen ihre Arbeit, von wenigen Ausnahmen abgesehen, als völlig überflüssig an und waren dementsprechend motiviert. Jim gab ihnen ja insgeheim recht, gleichwohl bestand er darauf, die Wache aufrechtzuerhalten. Hintergrund dieser Entscheidung war keineswegs die Besorgnis eines Angriffs; denn den hielt er für völlig ausgeschlossen. Niemand betrat freiwillig eine vermeintlich verfluchte Insel. Jim erinnerte sich mit Grausen daran, wie viel Mühe es ihn gekostet hatte, seine abergläubischen Piraten davon zu überzeugen, dass hier keine Dämonen beheimatet waren. Die Wache diente also nicht dem Schutz vor äußeren Einwirkungen, sondern vielmehr der Aufrechterhaltung der inneren Ordnung. Jim war überzeugt davon, dass er hier in kürzester Zeit ein zweites Sodom und Gomorra hätte, wenn er seine Leute nicht zur Einhaltung von Pflichten anhalten würde. Während er die Treppe des altersschwachen Turms, in dem sein Zimmer lag, hinunter schritt, überlegte er, wie er die störrischen Elfen zu Geld machen konnte. Unten angekommen, überquerte er den Burgplatz. Das Burgtor, das gleichzeitig als Zugbrücke fungierte und sich in einem Mitleid erregendem Zustand befand, war offen. Zufrieden stellte Jim fest, dass die Torwache gerade außer Sicht war. Das war Glück. Schnell lief er zur Kellertür hinüber. Doch als er gerade den schweren Riegel zurückschieben wollte, schien es sich die Glücksgöttin anders überlegt zu haben, denn plötzlich ließ Jim eine tiefe Stimme erstarren.
"Halt, wer da?"
Die hünenhafte Gestalt eines Trolls schob sich hinter einem Pfeiler hervor.
"Auch das noch", dachte Jim verzweifelt, während der riesige Troll bedächtig seine Keule von der Schulter nahm. Den hatte er völlig vergessen. Jim war überzeugt davon, dass es sich bei dem Troll mit Abstand um das dümmste Mitglied seiner Mannschaft handelte. Da es sich aber zugleich um das stärkste handelte, wagte niemand, das offen auszusprechen. Die Mannschaft hatte ihm den Spitznamen "Keule" verliehen, weil er ohne dieselbe nirgendwo hin ging und nicht müde wurde, jedem Widersacher sofort die unterschiedlichen Anwendungsformen seines Spielzeugs plastisch vorzuführen. Da die Nebenwirkungen in der Regel wenig bekömmlich waren, hatte sich bei der Mannschaft eine bewundernswerte Sensibilität im Zusammenhang mit dem Verhalten des Trolls breitgemacht. Man stellte einfach nicht mehr in Frage, was Keule tat. Leider war Keule der einzige Pirat, der die Wache für tatsächlich notwendig erachtete und seinen Dienst daher mit nervtötender Gründlichkeit ausübte. Und ausgerechnet der stand ihm jetzt im Weg.
"Mach die Augen auf, ich bins, Kapitän Jim, der Schreckliche."
Diesen Anhang hatte sich Jim zugelegt, da er fand, dass der Name Eddings niemanden beeindrucken würde, es sei denn, derjenige kannte sein Vorstrafenregister.
"Ah, Kapitän!" Der Troll salutierte, wobei er sich beinahe mit der eigenen Keule KO geschlagen hätte. "Könnt Ihr nicht schlafen?"
"Genau, ich brauche ein wenig Bewegung vor dem Schlafengehen."
"Im Keller?"
Der Troll schaute skeptisch auf Jim hinab. Der kratzte sich am Kopf. Das schien schwieriger zu werden, als er gedacht hätte.
"Stimmt, da ist es nicht so feucht", antwortete er lahm.
"Hmmm, Ihr könnt aber nicht in den Keller."
"Wieso nicht?"
"Weil Ihr selbst gesagt habt, dass dort keiner hinein darf."
"Ich habe meine Meinung eben geändert."
"Was ist denn hier los?"
Die Wache, die eigentlich auf dem Wehrgang patrouillierte, war hinzugetreten. Anscheinend war sie von dem Disput angelockt worden. Na großartig, dachte Jim, wenn das so weiter geht, können wir hier gleich ein Meeting abhalten. Der Mann sah Jim neugierig an. Ganz im Gegensatz zu dem Troll war er auffällig klein. So weit sich Jim erinnern konnte, war ihm noch nie ein gierigerer Mensch begegnet.
"Der Kapitän will in den Keller, sich Bewegung verschaffen, Slide", informierte Keule den Neuankömmling. Der war erstaunt.
"Im Keller? Um diese Zeit?"
Der Troll nickte gewichtig. Jim stöhnte innerlich. Womit hatte er das bloß verdient?
"Das geht euch nichts an. Geht einfach wieder auf eure Posten und laßt mich meine Arbeit machen", sagte er energisch, doch die Piraten reagierten nicht.
"Ihr wollt nicht zufällig etwas von dem Gold holen?", fragte Slide listig. Seine Augen glitzerten gierig.
"Was für Gold? Da unten ist kein Gold, sondern nur unsere Gefangenen."
"Aber ihr habt doch selbst gesagt, sie seien ihr Gewicht in Gold wert", protestierte Keule. Slide nickte heftig. Jim war der Verzweiflung nahe. Mühsam beherrscht, antwortete er:
"Das war doch nur symbolisch gemeint, eine Redewendung. Ihr wißt doch hoffentlich, was eine Redewendung ist?"
Die Piraten nickten zögernd, weil sie nicht unwissend erscheinen wollten.
"Was hat das mit dem Gold zu tun?"
"Begreift es endlich! Die Gefangenen sind der Schlüssel zum Gold."
"Aha."
Der Troll versuchte, sich einen Elf als Schlüssel vorzustellen. Irgendwie gelang ihm das nicht.
"Wir könnten doch mitkommen, zur Sicherheit", schlug Slide vor.
"Und wer steht dann Wache?" Das ließ den pflichtbewußten Keule ins Grübeln kommen. Schließlich gab er nach: "Also schön, Slide, du gehst wieder auf deinen Posten und ich passe auf, ob er einen Elfenschlüssel dabei hat, wenn er wieder herauskommt." Etwas widerwillig trollte sich Slide von dannen. Jim atmete auf. Eigentlich hätte er die beiden lautstark zusammenschreien müssen, aber er wollte keine Aufmerksamkeit erregen. Das konnte er alles morgen nachholen. Keule nahm also wieder seinen Platz hinter der Säule ein, und Jim konnte endlich die Kellertür aufschließen. Im schwachen Licht einer einzelnen Fackel stieg er die verfallenen Stufen hinab. Morgen mußte er der Mannschaft seinen Plan darlegen und der mußte Aussicht auf Erfolg bieten, anderenfalls konnte er schon einmal damit beginnen, sich ein Kreuz zu schnitzen.

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Während Jim die Treppen hinunter schritt, erreichte die Vorhut der Gefährten den Einschnitt in den Klippen, in dem sie vorhin die beiden Schiffe gesichtet hatten. Im Schatten der Bäume lagen sie nun auf dem Bauch und taxierten ihr Ziel, während sie auf die anderen warteten. Unter Ihnen lag das natürliche Hafenbecken, in dem tatsächlich zwei Schiffe sanft vor sich hin schaukelten. An jedem Schiffsheck brannte eine Laterne. Soweit die Freunde das beurteilen konnten, gab es jeweils eine Wache, die lustlos an Deck ihre Runden drehte. Ihnen gegenüber befand sich die Burg, die selbst bei diesem Licht verfallen aussah. Die Zugbrücke spottete jeder Beschreibung, und die Mauern hatten auch schon bessere Zeiten gesehen, viel bessere Zeiten. Gleichwohl war es ein beeindruckender Komplex, in dem es nicht leicht sein würde, die Gefangenen zu finden. Eine Wache patrouillierte in unregelmäßigen Abständen an der Vorderseite entlang, was die Sache zusätzlich erschwerte. Myrana betrachtete sie abschätzend. Dann nahm sie ihren Bogen von der Schulter.
"Was hast du vor?", fragte Tom beunruhigt. Die Elfin sah ihn mit ihren schrägen, braunen Augen mitleidig an, dann sagte sie: "Rate mal."
Routiniert zog sie einen Pfeil aus dem Köcher.
"Du kannst doch nicht einfach die Wache erledigen!"
"Und warum nicht?" fragte Gart. "Glaubst du, die läßt uns freiwillig hinein?"
"Überlegt doch mal, was passiert, wenn du nicht triffst oder der Typ vor Schmerzen schreit?"
"Wen ich treffe, der schreit nicht mehr!"
Sorgfältig legte sie den Pfeil auf die Sehne. Tom fing an zu schwitzen.
"Und was ist, wenn oben auf dem Wehrgang auch einer Wache schiebt? Glaubst du nicht, dass der etwas irritiert wäre, wenn er seinen Kumpel unten, mit einem Pfeil im Rücken, liegen sehen würde?"
"Hmmm." Myrana senkte den Bogen.
"Da könnte was dran sein", sagte Gart zweifelnd und kratzte sich den Bart.
"Na schön, und was schlägst du vor?", fragte Myrana, die ihren Bogen wieder umhängte. Tom grinste.
"Wir spielen Theater."
Inzwischen waren auch die andern eingetroffen. Tom erklärte ihnen seinen Plan. "Also, das Hauptproblem ist, ungesehen bis in den Schatten der Burgmauern zu gelangen. Leider gibt es bis dahin kaum Deckung. Selbst wenn die Wachen nur mit minimaler Aufmerksamkeit die Gegend beobachten, wird ihnen eine Gruppe wie die unsere sofort auffallen."
"Komm zur Sache, das weiß ich selbst", drängte Myrana.
"Wir müssen ihre Aufmerksamkeit in eine andere Richtung lenken."
"Tolle Idee, dann lösen wir doch sofort Alarm aus", warf Dean ein.
"Nicht, wenn die Ablenkung nur Neugierde hervorruft. Stellt euch Folgendes vor. Wenn ihr eine schwer bewaffnete Wache wäret und ein alter unbewaffneter Mann, der ein gefesseltes Mädchen hinter sich herzieht, auf euch zukäme, würdet ihr dann Alarm schlagen?"
"Vermutlich nicht", gab Dean zu. Die anderen murmelten zustimmend.
"Aber wo willst du die her bekommen?", fragte Wirdnix.
Tom sah Myrana und Meister Reno vi´Eren an.
"Ich glaube, ich habe da so eine Idee."

"Da mache ich nicht mit!" Entschlossen verschränkte Myrana die Arme und ihre Augen sprühten Funken. "Ich lege nicht meine Waffen ab, lasse mich fesseln und spiele den Lockvogel. Kommt nicht in Frage! Ich bin nicht hierher gekommen, um selbst in Gefangenschaft zu geraten, sondern um meine Freunde aus dieser zu befreien."
"Bitte überlege", redete Tom auf sie ein. "Wir müssen die Wachen irgendwie ablenken. Die haben deine Freunde gefangen, da wird sie eine weitere gefangene Elfin vielleicht neugierig machen. Und Meister Reno vi´Eren, vom Alter gebeugt, auf einen Stock gestützt, gibt dabei die unverdächtigste und harmloseste Begleitung ab. Oder hättest du lieber Wirdnix an deiner Seite?"
"Dann werde ich ja ohne Vorwarnung erschossen. Warum kommst du nicht mit?"
"Weil ich nicht so harmlos wirke, mich schneller bewegen kann als Meister Reno vi´Eren und deshalb eine bessere Chance habe, ungesehen zur Mauer zu gelangen."
"Könnt Ihr uns nicht alle hinüber zaubern?", wandte sich die Elfin hoffnungsvoll an den Zauberer.
"Ich befürchte nein", gab Meister Reno vi´Eren betrübt zu. "Es gibt da so ein kleines Problem mit der Richtung."
"Das bedeutet im Klartext?", fragte Dean. Meister Reno vi´Eren betrachtete nachdenklich das Meer.
"Ihr landet wahrscheinlich nicht da, wo ihr hinwollt."
Myrana schluckte. Die Aussicht, mitten im Meer zu landen, war alles andere als ermutigend, zumal es sich mit einem Schwert an der Seite nicht sonderlich gut schwamm. Dann schon lieber das kleinere Übel.
"Also schön", gab sie sich geschlagen und begann, ihre Waffen abzulegen. Kurze Zeit später konnte die Vorstellung beginnen. Myranas Hände waren vor ihrem Bauch mit dem Gürtel, der normalerweise Meister Reno vi´Erens Umhang zusammenhielt, gefesselt. Der Meister selbst übte sich derweilen in der Rolle des Greises mithilfe eines Krückstockes, den Baumbatz ihm aus einem Ast geschnitzt hatte. "Dafür kriegt er den Oscar", meinte Dean.
"Wer ist Oscar?", fragte Wirdnix neugierig. Dean erklärte es ihm.
Endlich waren sie soweit. Tom drückte beruhigend Myranas Schulter, die ihre burschikose Art abgelegt hatte und mit einem Mal zerbrechlich wirkte. "Wird schon gutgehen", sagte er.
"Wir passen auf dich auf", versprach Dean der aufgeregten Elfin.
"Verliert bloß meine Waffen nicht", gab die mit ein wenig zittriger, aber immer noch trotziger Stimme zurück. Im Gegensatz zu Myrana, wirkte Meister Reno vi´Eren völlig gelassen. Irgendein Zauberspruch würde ihm im Notfall schon noch einfallen. Dann machten sie sich auf den Weg.
Als der Wächter diesmal mürrisch von seinem Rundgang zurückkam, erlebte er eine Überraschung. Ein alter, gebeugter Mann, der sich auf seinen Stock stützte und eine gefesselte Elfin hinter sich her zog, hielt zielstrebig auf die Zugbrücke zu. Soweit der Wächter es beurteilen konnte, war die Elfin ausgesprochen attraktiv. Das war interessant und eine wohltuende Abwechslung zu dem Anblick des notorischen Wichtigtuers Keule, mit dem er regelmäßig Wache schieben mußte. Woher das seltsame Paar allerdings kam, fragte sich der Wächter nicht. Schließlich wurde er nicht fürs Nachdenken bezahlt.
Auch Slide hatte vom Wehrgang aus das Paar entdeckt. Spontan  entschloß er sich, die Wache am Tor ein wenig zu unterstützen. Vielleicht hatte der Alte ja Gold bei sich, das er ihm abnehmen konnte, bevor er ihn im Hafen versenkte. Leise schlich er den Wehrgang entlang, um unauffällig auf die andere Seite zum Tor zu gelangen. Er wollte nicht, dass der pflichtversessene Keule etwas davon mitbekam. Durch zwei teilt es sich bekanntlich besser als durch drei.
Myrana zitterte inzwischen am ganzen Körper und befürchtete, jeden Augenblick getötet zu werden. Wie besprochen, stöhnte sie hingebungsvoll, um die Wache von ihrer Hilflosigkeit zu überzeugen. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass die anderen den Hang hinunter schlichen.
"Beim ewig grünen Baum des Elfenreiches, wenn die Wachen das nicht sehen, sind sie blind", dachte sie erschrocken. Doch die Taktik von Tom schien aufzugehen. Die Wache oben auf dem Wehrgang war zu sehr damit beschäftigt, leise nach unten zu gelangen, und die Torwache hatte nur Augen für Myrana. "Hallo meine Hübsche, bist wohl ausgerissen?", begrüßte der Wächter die Elfin lüstern, die angewidert stöhnte. "Und du kannst schon mal dein Gold rausrücken, Alter", befahl er und sah dem vermeintlich gebrechlichen Alten in die Augen. Doch statt wie erwartet, in trübe, ängstliche Augen zu sehen, wurde sein Blick von einem stechenden Blick gefangen genommen. Entsetzt stellte der Wächter fest, dass er nicht mehr wegsehen konnte. Feurige Wagenräder begannen sich vor seinen Augen zu drehen, während Meister Reno vi´Eren ihn hypnotisierte. Mühsam versuchte der Wächter einen Arm zu heben, mußte jedoch auf halber Höhe aufgeben. Schließlich legte Meister Reno vi´Eren ihm die Hand auf die Stirn, murmelte noch ein paar Worte, und der Wächter verwandelte sich in eine respektable Statue. Mit seinem steif ausgestrecktem Arm hätte er durchaus Karriere als Handtuchhalter machen können.
"Lebt er noch?", flüsterte Myrana leise.
"Ja, aber er kann nichts mehr machen."
"Prima", freute sich die Elfin und trat der Wache heftig gegen das Schienbein. "Das war für die Hübsche, du Lustmolch."
Inzwischen hatten die anderen die schützenden Mauern erreicht.
"Da kommen sie", flüsterte Myrana. Zu ihrem Entsetzen trat in diesem Augenblick Slide durch das Burgtor und steuerte grinsend auf sie zu. Offensichtlich schloß er aus dem Umstand, dass die Torwache immer noch vor ihnen stand und den Arm ausstreckte, darauf, dass diese gerade abkassierte. "Na Kollege, hat es sich gelohnt?" fragte er, während er neben den steifen Wächter trat. Der hätte ihm seine Einschätzung der Lage liebend gerne mitgeteilt, war dazu aber leider nicht in der Lage.
"Hey, ich rede mit dir", sagte Slide, der witterte, dass ihm der andere die Beute vorenthalten wollte, verärgert. Zur Bekräftigung seiner Frage, versetzte er dem Unglücklichen einen kräftigen Schlag auf den Arm, was dazu führte, dass die steife Wache wie in Zeitlupe zur Seite kippte und von der Zugbrücke fiel. Mit einem unangenehmen Geräusch schlug der Unglückliche drei Meter tiefer auf dem Sand auf.
"Uhh, das hat wehgetan", sagte Meister Reno vi´Eren, der über den Rand hinunter auf den stocksteif Liegenden blickte. Der verfluchte innerlich den Tag, an dem er Pirat geworden war.
"Alles klar da unten?", rief Slide, erhielt aber keine Antwort.
"Ihr habt ihn wohl umgebracht", sagte Meister Reno vi´Eren düster, der im Stillen froh darüber war, dass Slide die ungewöhnliche Steifheit seines Kollegen, der den Arm anklagend in den Himmel streckte, noch nicht aufgefallen war.
"Unsinn, der will sich nur vor einer Antwort drücken. Also mal raus mit der Sprache, was hat er dir abgenommen, Alter?"
"All mein Gold", bluffte Meister Reno vi´Eren, um den anderen Zeit zu verschaffen, sich von hinten an die Wache anzuschleichen.
"Dachte ich es mir doch. Du Geizkragen!", brüllte er die im Graben liegende Wache an. "Komm gefälligst wieder hoch und teile." Wütend starrte er in den Burggraben hinab, erhielt aber immer noch keine Antwort. Allmählich kam ihm die Sache merkwürdig vor. Wo kam der Alte eigentlich her, und wie konnte eine Elfin aus ihrem Gefängnis entkommen? Düster erinnerte er sich an die Legenden, die sich um diese Insel rankten. Dämonen sollten hier hausen. Vielleicht stand er ja hier zwei davon gegenüber, die ihn in der Maske von Mensch und Elf zu täuschen versuchten. Langsam richteten sich seine Nackenhaare auf, und er zog sich Schritt für Schritt zurück.
"Mit euch stimmt doch irgendetwas nicht", brachte er leise hervor. Dann stieß er rückwärts gegen etwas Weiches. Überrascht drehte er sich um und sah erst einmal nur Fell. "Du bist es", stieß er erleichtert hervor weil er glaubte, den Troll Keule vor sich zu haben. Dann bemerkte er seinen Irrtum. Im Dunkeln konnte man sich durchaus schon einmal im Troll irren. Leider irrt man sich in so einem Fall  nur einmal.
"Du bist..."
"... die Wachablösung", sagte Baumbatz und grinste, während er sein neues Spielzeug an Slide ausprobierte. "Funktioniert", stellte er erfreut fest, nachdem sich Slide mit entrücktem Gesichtsausdruck in die Bewußtlosigkeit zurückgezogen hatte. Großzügig spendierte Baumbatz ihm einen Freiflug zu seinem Kollegen im Graben. "Harte Landung", kommentierte er trocken den Aufschlag des Bedauernswerten, während Tom schon damit beschäftigt war, die Elfin von ihren Fesseln zu befreien. "Saubere Vorstellung", lobte er Myrana. "Wir haben ganz schön geschwitzt."
"Komplimente könnt ihr später austauschen", drängte Gart. "Überlegt euch lieber, wie es jetzt weitergehen soll."
"Wir müssen herausbekommen, ob es im Inneren noch weitere Wachen gibt. Im Zweifel finden wir bei denen auch Myranas Freunde", sagte Meister Reno vi´Eren.
"Klingt einleuchtend", gab Gart zu.
"Und wie sollten wir das anstellen, ohne entdeckt zu werden?" Mit verschränkten Armen lehnte Dean an der Burgmauer und dachte angestrengt nach.
"Na das ist doch ganz einfach. Wir spielen weiterhin Theater", erklärte Tom selbstgefällig.  Alle schauten ihn fragend an.
"Geht es auch etwas präziser?", wollte Gart ungeduldig wissen.
"Ich lasse mich jedenfalls nicht schon wieder fesseln!"
"Wir werden einfach die fehlenden Leute ersetzen. Über kurz oder lang würde doch auffallen, dass zwei Wachen fehlen. Und wenn dann zufällig einer der Piraten auf der Suche in den Burggraben sieht, haben wir ein Problem. Also müssen wir dafür sorgen, dass nach außen hin alles normal aussieht. Auf diese Weise können wir zugleich das Innere der Burg ausspionieren."
Gart sah Tom anerkennend an. "Du meinst, zwei von uns übernehmen die Rolle der fehlenden Wachleute, und machen sich auf die Suche?"
"Fast. Vergiß nicht, nur eine Wache kam aus der Burg. Also kann auch nur einer von uns die Rolle des Kundschafters spielen. Der andere muß die Rolle der äußeren Wache übernehmen."
"Das könnte klappen." Meister Reno vi´Eren pfiff anerkennend durch die Zähne.
"Stellt sich nur noch die Frage, wer den Kundschafter spielt" Myrana biß sich nachdenklich auf die Unterlippe.
"Nun, die äußere Wache hat ungefähr die Größe von Dean und die innere Wache ist auffallend klein." Tom musterte die Gefährten, während er überlegte, wer denn für die Rolle der inneren Wache am besten geeignet wäre. Als sein Blick auf Wirdnix fiel, wußte er, was zu tun war. Den anderen war Toms Blickrichtung aufgefallen, und sie begannen zu verstehen. Nur Wirdnix stand noch auf der Leitung, bis auch ihm unangenehm bewußt wurde, warum er auf einmal im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses stand. "Oh nein! Da mache ich nicht mit!!", wehrte er sich entschieden gegen diese unerfreuliche Perspektive. "Ich denke, ich bin die Nachhut."
"Du bist soeben befördert worden", teilte ihm Baumbatz lässig mit. Wirdnix protestierte, wurde jedoch kurzerhand überstimmt. Dean erklärte sich bereit, die Rolle der äußeren Wache zu übernehmen, und so waren die beiden Auserkorenen bald darauf mit den Sachen der nunmehr entkleideten Wachen ausgerüstet. Dean paßten sie erstaunlich gut und er begann sogleich, vor der Burg zum Schein zu patrouillieren. Wirdnix hingegen war weniger ambitioniert. Die Kleidung war ihm ein wenig zu groß, und der Piratenhut rutschte ihm dauernd über die Ohren.
"Siehst aus wie ein Dressman", sagte Tom anerkennend und klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter.
"Furchterregend, wie ein richtiger Pirat", lobte Myrana. "Paß aber auf, dass du nicht über deinen Säbel stolperst. Das würde das Bild stören."
"Sehr komisch. Sagt mir lieber, was ich machen soll, wenn mir da drinnen einer begegnet?"
"Zeig ihm bloß nicht dein Gesicht, dann schlägt er gleich Alarm", sagte Gart und grinste. Wirdnix knurrte.
"Laß dich nicht ärgern, aber er hat trotzdem recht. Zieh den Hut möglichst tief ins Gesicht, und gehe allen aus dem Weg. Sobald du herausgefunden hast, wo die Elfen eingesperrt sind, holst du uns. Und jetzt los." Tom schubste den ängstlichen Gnom in Richtung Burgtor.
"Ihr könnt es wohl gar nicht erwarten, mich loszuwerden", klagte der und machte sich mit mulmigem Gefühl im Bauch auf den Weg. Besorgt sahen die Zurückgebliebenen ihm nach. Auch wenn sie ihn immer wieder gerne aufzogen, hatten sie den kleinen Gnom doch ins Herz geschlossen und fürchteten bei dieser heiklen Mission nun um sein Leben. Wirdnix tapste derweilen, in Erwartung seines baldigen Ablebens, ängstlich durch das Burgtor und blieb erst einmal vorsichtig stehen. Nichts passierte. Etwas erleichtert, doch nicht gleich umgebracht worden zu sein, stieß er einen Seufzer aus und betrat das Innere. Vorsichtig überquerte er den Burgplatz und schaute nach links und rechts. Nichts regte sich, die Burg wirkte wie ausgestorben. "Oh ja, dafür habe ich wirklich den Oscar verdient", dachte er griesgrämig. Etwas mutiger geworden, schritt er zügiger aus, als ihn plötzlich eine düstere Stimme erstarren ließ.
"Na Slide, was gabs denn da draußen?"
Keule hatte seinen Platz hinter der Säule verlassen und glaubte nun, den vermeintlichen Slide auf frischer Tat ertappt zu haben. Slides Ausflug war ihm nicht verborgen geblieben. Als pflichtgetreuer Wachmann hatte er seinen Platz aber nicht verlassen, sondern den richtigen Moment abgewartet. Der schien jetzt gekommen zu sein. Erfreut stellte er fest, dass sein drohender Ton durchaus eine respektable Wirkung auf den sonst so frechen Slide zu haben schien. Selbst auf diese Entfernung war deutlich zu erkennen, dass dieser vor Schreck regelrecht zusammen geschrumpft war und in seinen Klamotten zitterte. "Wwwwas?", brachte der arme Wirdnix stotternd hervor, während er versuchte, in seinen Hut zu kriechen.
"Was du da draußen gemacht hast, will ich wissen!"
"Frische Luft schnappen", brachte Wirdnix vorsichtig krächzend hervor.
"Hmmm." Keule musterte den schlotternden Gnom zweifelnd, der jetzt doch nichts gegen ein paar Flügel einzuwenden gehabt hätte. "Scheint dir nicht bekommen zu sein", fuhr er fort. "Du siehst so ungesund aus. Verheimlichst du mir nicht etwas?" Wirdnix schüttelte den Kopf. Irgendwie hatte sich seine Stimme verabschiedet. Anscheinend war Keule mit dieser Antwort nicht zufrieden; denn er trat drohend einen weiteren Schritt auf Wirdnix zu, worauf dieser fast ohnmächtig umfiel. Selbst bei dieser spärlichen Beleuchtung bot der Troll einen Anblick, bei dem jede anständige Milch sofort sauer geworden wäre. Entsprechend unwohl fühlte sich Wirdnix in seiner Haut. "Muß an die Arbeit", krächzte er und verschwand, so schnell ihn seine kurzen Beine tragen konnten, in die hinterste Ecke der Burg. Keule war verwirrt. So kannte er Slide gar nicht. Irgendetwas stimmte hier nicht. Sein kleines Hirn war jedoch nicht auf logisches Denken programmiert und so zuckte er nur gleichgültig mit den Achseln. Schließlich konnte es ihm ja egal sein, was der Verrückte da draußen gemacht hatte. Hauptsache er war auf dem Posten, wie es sich für eine ordentliche Wache gehörte. Immerhin war der Kapitän anwesend, da mußte man eine gute Figur machen.
Wirdnix hatte inzwischen dankbar eine Treppe entdeckt und diese im olympiareifen Tempo erklommen. Je mehr Distanz zwischen ihm und diesem Ungeheuer lag, desto besser. Oben angekommen, keuchte er wie eine asthmatische Dampflok. "Die - pffff - ahnen gar nicht - pffff - was ich hier leisten muß - pffff", keuchte er leise vor sich hin, während er versuchte, sich wieder zu beruhigen. Hätte man in diesem Augenblick ein EKG gemacht, hätte Wirdnixs Herz wahrscheinlich alle Taktfrequenzen, die je gemessen wurden, lächelnd geschlagen, und er wäre sofort in der Notaufnahme gelandet. Leider gab es hier aber keine Möglichkeit, sich einweisen zu lassen, so dass ihm nichts anderes übrig blieb, als die Suche wieder aufzunehmen. Der Wehrgang hier oben war schmal und dunkel und führte an der Innenwand des Burghofes einmal im Kreis herum. Vorsichtig bewegte Wirdnix sich vorwärts, bis er wieder an seinem Ausgangspunkt angekommen war. Ihm war niemand begegnet. "Gibt wohl nur den Klops da unten", dachte er und überlegte, wie die Gefährten an dem vorbeikommen sollten. Doch so oft er auch darüber nachdachte, er fand keine Lösung für dieses Problem. Verzweifelt kratzte er sich seine blonden Locken unter dem viel zu großen Hut. "Wahrscheinlich  bekomme ich auch noch Läuse", dachte er angewidert. In diesem Moment zeichnete sich von selbst eine Lösung des Problems ab. Unten war offenkundig eine Tür aufgegangen; denn ein schmaler Lichtstreifen fiel in den Burghof. Einige Worte wurden gewechselt, die Wirdnix bis auf das Wort Elfen aber nicht verstehen konnte. Was er aber mit Begeisterung registrierte, war, dass der Troll durch die Tür verschwand. Kaum war diese ins Schloß gefallen, sprintete Wirdnix die Treppe hinunter und rannte über den Burghof, als wenn der Leibhaftige selbst hinter ihm her wäre. Den Eindruck schienen auch die Gefährten zu haben, als er wie ein Derwisch um die Ecke des Einganges gefegt kam und in hundert Meter Bestzeit auf sie zuhastete. Eilig zogen sie ihre Waffen und starrten erschrocken auf den Burgeingang, doch nichts rührte sich.
"Schnell - pffff - Troll weg - pffff - pffff - Beeilung - pffff", brachte der angekommene Wirdnix hechelnd hervor und zappelte aufgeregt. Die Gefährten konnten mit dieser Kurzversion wenig anfangen und sahen den wild herumhopsenden und gestikulierenden Wirdnix an, als hätte sich dieser in einen Bolero tanzenden Schnapper verwandelt.
"Jetzt ist er völlig durchgeknallt", bemerkte Gart mitfühlend.
"Erde an Wirdnix", sagte Tom, der den armen Gnom an den Schultern gepackt hatte und nun leicht schüttelte, um ihn zu beruhigen. "Komm mal wieder runter und erzähle, was da drinnen los war." Doch Wirdnix riß sich mit überraschender Kraft los, drehte sich um und rannte ein Stück zurück. Dann bedeutete er ihnen mit der Hand, nachzukommen.
"Unser wirrer Freund will anscheinend, dass wir ihm folgen", sagte Gart.
"Worauf warten wir dann noch?" Behende nahm Myrana ihren Bogen von der Schulter und legte prophylaktisch einen Pfeil ein. "Falls jemand da drinnen Fragen hat", bemerkte sie trocken auf Toms Blick hin. Der schüttelte nur den Kopf und folgte ihr. Manchmal erschreckte ihn Myranas Kaltblütigkeit zutiefst. Ihm wiederum folgte Baumbatz, der sehnsüchtig hoffte, die Funktion seiner Keule noch einmal überprüfen zu können. Den Schluß bildete Meister Reno vi´Eren, der fluchend das dicke Zauberbuch schleppte. "Das hätte er wenigstens mitnehmen können", schimpfte er leise vor sich hin.
Wirdnix war inzwischen schon wieder im Burgeingang verschwunden. Als die schwer bewaffneten Gefährten eintrafen und um die Ecke sahen, stand der Gnom in der Mitte des Burghofs und zeigte auf etwas, was die Freunde nicht sehen konnten, da einige Pfeiler im Weg standen. Seinen hektischen Bewegungen und den wild rotierenden Augen nach zu urteilen, schien jedoch höchste Dringlichkeit angebracht. Sie sprinteten los.

Kapitän Jim hatte derweilen echte Probleme. Die Elfen weigerten sich einfach, ihm mitzuteilen, an wen er sich zwecks einer Lösegeldforderung wenden könne. Alles, was sie ihm nicht müde wurden, mitzuteilen, war, dass er demnächst von den Soldaten des Protektors aufgeknüpft werden würde. Die Selbstsicherheit, mit der sie das vortrugen, bewirkte nach und nach, dass sich Jim immer unwohler in seiner Haut fühlte. Wen hatte er da bloß entführt? Weder er noch seine Mannschaft kannten sich mit Waldelfen aus. Waldelfen waren nicht gerade die typischen Seefahrer, die man auf dem Meer antraf. Selbst Zwerge waren da noch häufiger vertreten, und das sollte etwas heißen. Womöglich hatte er sich mehr Ärger eingehandelt, als ihm lieb war. Panisch dachte er an den nächsten Tag, wenn er den Piraten seinen Plan vortragen sollte. Liebe Gefährten, ich habe keine Ahnung, wie wir aus der Angelegenheit Gold schlagen können. Ich weiß nur, dass wir alle vielleicht demnächst aufgeknüpft werden, würde wahrscheinlich nicht so gut ankommen. Er hoffte daher immer noch verzweifelt, dass die Elfin, die er als das Oberhaupt einstufte, reiche aber ängstliche Verwandte hatte, die klaglos für ihre Freilassung zahlen würden. Irgendwie drängte sich ihm aber immer mehr der Verdacht auf, dass die Zahlung zwar großzügig, nicht aber unbedingt in Gold ausfallen würde. Irgendetwas mußte ihm einfach einfallen, sonst war er erledigt. Daher hatte er sich entschlossen, die Elfin, die er für die Anführerin hielt, von den anderen zu separieren, um sie besser unter Druck zu setzen. Dies konnte er jedoch nicht alleine bewerkstelligen. Immerhin waren in der Zelle zwanzig Elfen eingesperrt. Dort hineinzugehen, wäre selbst mit seiner Pistole Selbstmord, zumal er nur noch eine Patrone in der Kammer hatte. Also hatte er sich entschlossen, den Troll um Hilfe zu bitten, der nun neugierig neben ihm stand.
"Wollt Ihr den Schlüssel holen?", fragte Keule und versuchte, einen verschwörerischen Blick aufzusetzen. Jim verzweifelte. Hörte das denn nie auf? Manche Komplizen in seiner Heimat waren ja schon begriffsstutzig gewesen, aber der Troll übertraf sie alle. Trotzdem konnte er es sich nicht leisten, ihn zu verärgern. "Keinen Schlüssel", erklärte er seufzend.
"Aber Ihr habt doch selbst gesagt..."
"Das war doch nur eine Metapher!", unterbrach ihn Jim, der kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand. "Die Elfen bilden den Schlüssel zum Gold", kreischte er, wobei sich seine Stimme beinahe überschlug.
Der Troll war irritiert. Irgendwie schien der Kapitän, alles durcheinander zu bringen und nur noch wirres Zeug zu reden. Wie konnten Elfen einen Schlüssel bilden? Nachdenklich betrachtete er seine Keule. Hatte er nicht irgendwo einmal gehört, dass ein Schlag auf den Hinterkopf in so einem Fall ganz hilfreich sein könnte? Vielleicht wäre ihm der Kapitän dann ja sogar ganz dankbar und würde ihm seinen Anteil an dem Gold erhöhen. Aber dazu mußten sie erst einmal den Schlüssel haben. Mit einem Seufzen schob Keule den rostigen Riegel zur Seite und öffnete die schwere Tür zu den Verliesen. Einstweilen beschloss er, den Kapitän, der bereits fluchend die ausgetretene Treppe hinunter stürmte, nicht aus den Augen zu lassen. Irgendwo dort unten mußte der Schlüssel zum Gold liegen, und Keule hatte nicht die Absicht, den Kapitän damit allein zu lassen. Seine kleinen, schwarzen Augen glitzerten gierig, als er Jim hinab in die Verliese folgte.
 

© Klaus-Peter Behrens
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