Der blaue Eisdrache von Tobias Wagner
Kapitel VIII
Das Drachenflugzeug

Die nächsten Tage verliefen sehr fortschrittlich. Während fieberhaft an der neuen Brücke gebaut wurde, hatte Jens schon das Rohgerüst seines Flugzeuges im Hof der Tischlerei zusammengebaut. Syn half ihm. Das Flugzeug war schon als Skelett zu erkennen. Genauso wie bei Schiffen fängt man erst mit dem inneren Gerippe an.
Jens war erstaunt darüber, als er erfuhr, dass Syn seine Schwester war, auch darüber, dass ihre Eltern in der Krypta lagen und dem erstaunlichen Lebensunterschied der beiden.
Offenbar war es ein lange geplanter Hinterhalt, Jens und den Eisdrachen zu töten.

Fünf Tage und drei Explosionen später, war auch das Triebwerk fertig. Die Einspritzdrossel und der Lufteinlass waren das Hauptproblem.
"Thomas war auch so ein Bastelverrückter. Jede freie Minute hing er am Flugplatz rum und schraubelte an den Flugzeugen." sagte Jens, während er ein Stück des Hauptholmes einpasste.
"Hat er eigentlich den Schein gekriegt?" fragte Syn, als sie kurz darauf Mittagspause machten.
Jens grinste: "Oh ja. Da wir gerade beim Thema sind, ich glaube, ich kenne noch das Abschlussgedicht, das man für seine turbulente Fliegerlehrzeit dichtete." Jens fing an:

Thomas´ Fliegerabschlussprüfung
.........................................................................
Der Fluglehrer nun zu Thomas spricht:
"Heut war der letzte Unterricht,
und morgen Vormittag um neun
wird ihre Abschlussprüfung sein!"

Bedrückt schleicht Thomas zur Kantine
und vertilgt - mit ahnungsvoller Miene,
ein doppelt starkes "Henkersmahl"
zur Dämpfung seiner Prüfungsqual.

Verfolgt von diesem  Prüfungswahn
fängt er im Bett zu rudern an
und träumt jetzt in der letzten Nacht 
vom Flug, den er erst morgen macht.

Der Prüfungsrat für Luftverkehr
nimmt ihn sofort ins Kreuzverhör
und stellt dann leider durch den Test
bei Thomas schwerste Lücken fest.

Er weiß nichts von den Vorschriftsarten
die hier im deutschen Luftraum auf ihn warten
und scheint noch weniger zu ahnen
vom Sinn der Start- und Landebahnen!
Der "Schilderwald" am Flugplatzrand
Ist ihm zur Hälfte unbekannt
und  vertauscht auch noch in gleicher Weise
die Rollbahn mit der Einflugschneise !!

Misstrauisch hat der Prüfer jetzt
ihm folgendes Problem gesetzt:
"Sie fliegen dreimal eine "Acht",
wie man sie vorschriftsmäßig macht!"

Thomas weiß nun, samt seiner Kiste
steht er jetzt auf der "Schwarzen Liste"
und voller Unbehaglichkeit
macht er sich grimmig startbereit.

Doch ungeahnte Schwierigkeiten
werden Thomas vor dem Start begleiten
ohne Fahrwerk landet krachend nieder
aus Gernsbach ein bekannter Segelflieger.

Jetzt kommt mit wutverzerrter Fratze
der Prüfungsrat zum Unfallplatze 
und während der Defekt behoben
beginnt er fürchterlich zu toben:

"Tobias, sie Bruchpilot -
sie kriegen demnächst bald Startverbot!
Wem der landetcheck heilig ist
das "Fahrwerk ausfahren" nie vergisst!

Den Schaden, den sie hier gemacht
wird von ihnen in der Werkstatt aufgebracht,
noch eine solche Crasherei
dann ist´s mit ihrem Schein vorbei!"

Der Angstschweiß Thomas auf der Stirne steht
als dieser nun in den Wind eindreht,
und deutlich spürt er im Genick
des Prüfers hasserfüllten Blick!

Die Pulle restlos vorgeschoben
zieht er die Kiste steil nach oben
und ist nur von dem Wunsch beseelt
dass er nicht rückwärts runterfällt.

Doch seines Traumes Wunderkraft
ihn mühelos nach oben schafft,
und frei von jeder Erdenschwere
durchdringt er rasch die Stratosphäre!

Erhöhte Kopflast ihm dann beweist,
dass seine Kiste schwer vereist
und hilflos, mit entsetztem Blick
stürzt er zur Erde jetzt zurück.

Sein Fahrtwind steigert sich nun schon
zum heulenden Sirenenton,
der Staudruck liegt mit Sicherheit
hart an der Schallgeschwindigkeit!

Die Steuerung, durch Eis blockiert
er rettungslos nach unten schmiert,
durchstößt die letzte Wolkenwand
und wartet auf die Erdenwand.

Als es zum Abschluss furchtbar kracht
Ist Thomas wieder aufgewacht,
verstörten Blickes - schweißbedeckt
liegt er am Boden hingestreckt.

Seine Freundin flüstert mit leisen Witzen:
"Hast wohl wieder einen sitzen!? -
komm hoch in deine Bettvertiefung,
erst morgen ist die Abschlussprüfung!"

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"Natürlich war alles nur halb so schlimm." sagte Jens. "Viele fallen bei solchen Prüfungen nur deshalb durch, weil sie sich viel zu verrückt machen. Aber in einem Sprichwort heißt es ja: Es wird alles nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird!"
Ma´zachur übte mit Milur und Tiop weiter fliegen, besuchte Jens und Syn aber so oft es ging. Meistens am Abend, wenn sie zum Drachenhort flogen.
Obwohl der Bau der Brücke und des Flugzeuges sehr schnell voranschritt, wurde Jens immer wieder von neugierigen Stadtbewohnern unterbrochen, die Jens Löcher in den Bauch fragten, wie ein Flugzeug fliegt.
Nach zwei weiteren Wochen war es endlich soweit. Das Flugzeug war fertig und auch die neue Brücke war fast soweit. Den Drachen war das recht, denn immerhin haben die letzten
"Arbeitswochen" ganz schön geschlaucht.
Der "Jungfernflug" sollte am Stadtrand, etwa 100 Meter vor dem Abgrund stattfinden, an einem sonnigen Vormittag. Fast alle hatten die Arbeit eingestellt und sind zur Vorführung gekommen.
Jens und Syn saßen im Flieger.
Das Flugzeug war mit einer Spannweite von 15 Metern nicht gerade klein, doch dafür sehr leicht. Jens hatte sich alle möglichen Tricks einfallen lassen, um Gewicht zu sparen. Hohlräume und Aussparungen waren in das Holz eingesägt worden.
Das Triebwerk war unten zwischen dem Schlittenfahrgestell angebracht.
"So, dann wollen wir mal...!" Jens zündete das Triebwerk. Die Kiste vibrierte und setzte sich langsam in Bewegung.
"So, jetzt Vollgas!" Er öffnete das Ventil und das Mana lief ins Triebwerk. Zischend rauschte das Flugzeug über den Acker. Etwa zehn Meter vor dem Abgrund hob es wackelnd ab, sank ein Stück, stieg danach recht schnell. Einige Sekunden später waren sie schon auf der anderen Seite. Wegen zahlreicher Bäume konnte Jens nicht direkt an der Schlucht landen, sondern musste noch etwa zwei Kilometer ins Landesinnere fliegen. Bei den Bauernhöfen setzte das Flugzeug dann auf.
Während sie ausrollten, kamen neugierige Leute von den Feldern herbeigelaufen.
"Das dürfte für den Test genügen, das Fluggerät funktioniert. Durchstarten!"
Syn drehte das Ventil von der Mana-Flasche zum Triebwerk auf und schon war wieder volle Leistung da.
"Wir dürfen das Triebwerk nicht allzu heiß laufen lassen, sonst fackelt das Holzflugzeug noch ab!" rief Jens besorgt.
Das Flugzeug hob wieder ab und drehte einen Halbkreis. Als die Schlucht wieder kam, gab es einen kleinen Aussetzer, doch nichts ernsthaftes.
Rumsend setzte es auf und kam kurz vor den Häusern zum Stehen.
Applaus folgte.
"Gut gemacht, das war eine Show!" sagte der Bürgermeister begeistert, als Jens mit Syn ausstiegen. Der Eisdrache tapste dreimal um das Flugzeug und sah es sich von allen Seiten an.

"Was ist denn das jetzt" fragte Syn und zeigte auf Schneeflocken, die vom Himmel fielen.
"Ich wusste gar nicht, dass es hier bei uns schneit!?"
"Oh je, sieht so aus, als würde sich Saryns Eiswelt ausdehnen!" sagte Pyrotakan nach der Landung. "Fünf Kilometer nördlich ist schon alles weiß!"
In den nächsten Stunden sank die Temperatur erheblich und Syn beschloss, mit Jens, Sukita und den anderen Drachen zum Hort zurückzufliegen.
"Um die Stadt brauchen wir uns vorerst keine Sorgen zu machen. Wir haben in den letzten Wochen genug Lebensmittel rübergeflogen, die eingebunkert wurden. Und Trinkwasser haben sie genug, wenn hier der große Schneefall einbricht." meinte Jens.
Ma´zachur ließ sich noch schnell den heiligen Feuerspeer vom Bürgermeister geben, bevor auch dieser sich ins warme Rathaus zurückzog.

Im Drachenhort war es schön warm. In der Mitte der Höhle brannte ein großes Feuer und Strohballen lagen vor dem Eingang, damit die Wärme nicht gleich abzieht.
Pyrotakan sah Ma´zachur an, der kein bisschen fror und sagte: "Jetzt ist die Zeit gekommen. Du musst deine Aufgabe erfüllen - alleine!"
 

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Und schon geht es hier weiter zum 9. Kapitel: Saryns Eiswelt

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