X-Mas Dragon Flight von Tobias Wagner
Kapitel 4
Heiligabend (1)

Mit der Geschwindigkeit eines Rennwagens setzte meine Messerschmitt-BF 109 auf der Wiese kratzend auf dem Bauch auf. In der Entfernung kreischte eine Schafherde erschrocken auf, als das Kampfflugzeug nach 90 Metern zum Stehen kam und ich sofort die Kanzel öffnete.
Die Dienstvorschrift ordnete an, dass der Flugzeugführer jetzt mit seinem Messer die Benzinleitung durchschneiden musste, eine Rolle Toilettenpapier darunter halten, ausrollen und in sicherer Entfernung anzünden sollte.
"Auf diese Weise sei sichergestellt, dass das teure Kampfflugzeug nicht in die Hände des Feindes fällt..."
Gerade als ich mein Taschenmesser aufklappte, hörte ich hinter mir Schritte.
Die Dienstvorschrift schaffte es nicht mehr.
"Hey! Stop it!"
Ein englischer Soldat von der Home Guard stand keine vier Meter hinter mir und hielt seinen entsicherten Karabiner im Anschlag.
"Hands up, Kraut!"
In dreißig Meter Entfernung ging plötzlich eine Scheinwerferbatterie an und zahlreiche Tommys kamen angerannt...<
Tja, die nächsten Jahre war ich in Gefangenschaft und bekam so das Kriegsende nicht mehr mit. 1947 durfte ich aber wieder nach Hause...

Tim las sich das Kriegstagebuch von Herr Sellner durch, der gerade mit seiner Frau das Wohnzimmer aufräumte. Immerhin war heute Heiligabend und gegen Nachmittag kam auch noch Besuch. Viel musste vorbereitet werden.
Tim sah sich auch die Schwarz/Weiß-Fotos an, die Herr Sellner beim Aufräumen gefunden hatte. Sie zeigten Bilder aus der Schulzeit, der HJ, und viele Bilder von der Firma, in der er über vierzig Jahre arbeitete. Damals war sie noch viel kleiner.
Draußen neben der Haustür stand ein frisch geschnittener und eingepackter Tannenbaum, den Herr Sellner selbst gefällt hatte.

Tim ging kurz darauf mit Frau Sellner auf den Speicher, um den Weihnachtsschmuck für den Baum zu holen. Hier oben war allerlei Gerümpel gelagert. Ein Schlitten von 1940, der so von Holzwürmern zerfressen war, dass er schon vom bloßen Ansehen zu zerfallen drohte. Herr Sellners altes Kar98k vom Krieg, zahlreiche Kisten und Holzfässer und eine verrostete Bärenfalle, die noch immer aufgeklappt unter dem Dachfenster stand.
"Wenn ein Einbrecher hier einsteigt, wird er es bereuen!" hatte er immer gesagt.

Ganz hinten stand ein großer Karton, aus dessen Deckel einige Lamettafäden heraushingen. Tim nahm sie alleine hoch, da sie gar nicht schwer war und bahnte sich wieder seinen Weg durch Spinnenfäden zurück zur Klappleiter, die vom Dachboden herunterführte.
Kaum die Kiste abgestellt, fragte Frau Sellner:
"Bist du fertig, Tim?"
"Ja, mit den Nerven!" seufzte er. "Ich will heute nicht in die Kirche!"
"Dein Vater hat ausdrücklich gesagt, du sollst an Heiligabend mit uns hingehen!"
"Warum soll ich mir immer vom Pfarrer anhören, dass wir irgendwann doch alle mal zur Hölle fahren werden!"
"Tim! Es ist nun mal üblich, dass man an Heiligabend zur Messe geht. Außerdem solltest du mal raus an die Luft, statt ständig nur in deinem Zimmer vor dem PC rumzuhängen."
Seufzend ging Tim mit ihnen mit. Es war nicht weit bis zur Kirche, deshalb gingen sie zu Fuß. Im Genick spürte Tim deutlich den bohrenden Blick seines Drachens, der ihm durch das Dachfenster hinterher sah.

Gegen Vormittag begann die Messe. Sie waren spät dran und ergatterten deshalb nur noch einen der hinteren freien Plätze auf der Kirchenbank. Da der Heiligabend dieses Jahr auf einen Sonntag fiel, wurde der Sonntagsgottesdienst und die Messe gleich zusammengelegt.
Tim war lange nicht mehr in der Kirche. Das kalte Gemäuer strahlte eine mysteriöse und heilige Aura aus. Das konnte er jetzt deutlich spüren, da seine Sinne deutlich schärfer geworden sind, seit der Drache bei ihm war.
Ein Block Papier mit Weihnachtsliedern wurde jetzt herumgegeben und Tim nahm sich einen Bogen, bevor er den Stapel weitergab.
Pünktlich wie immer begann die Messe. Der Pfarrer war der Bruder von Herr Gerbrandt, dem Stadtpolizisten. Hier im Murgtal kennt eben wirklich jeder jeden. Er hielt wie jedes Mal eine ernste Ansprache an die Gemeinde.
Tim, kannst du mich hören? fragte Drakota.
Ja, was ist?
Ist der Schwarzmagier hier irgendwo?
Bis jetzt habe ich ihn noch nicht gesehen, übermittelte Tim. Er begann sich unauffällig umzuschauen, während der Pfarrer seine Rede begann:

"Wir leben in einer Zeit, in der der Mensch Gott immer weiter aus seinem Leben verdrängt. Die Auswirkungen sind deutlich zu spüren: Gnadenloser Kapitalismus, Kriege um Rohstoffe, die immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich... Beispiele sind überall zu sehen, doch der Mensch lernt nicht, bricht heute alle Tabus der Ethik und Moral.
Doch eines Tages wird die Abrechnung kommen (Offenbarung 20, 11-15) und das werde ich euch jetzt vorlesen."
Der Pfarrer nahm einen Bogen Papier in die Hand und las vor:
"...und dann wird der allmächtige Gott sie richten:
Die Feiglinge an erster Stelle! Dann die Spötter und Heuchler, die Hurer und Ehebrecher, die Perverslinge und Kinderschänder, die Rassisten und Neonazis, die Hassprediger und Okkultisten, die Drogenverkäufer und Zuhälter, die Bonzen und Volksbeschwindler, die raffgierigen Konzernmanager und Wirtschaftskapitalisten, die Betrüger und Ausbeuter,  die Armen wie die Reichen...
KEINER wird fehlen!!
Alle werden sie am Jüngsten Tag vor Gottes gerechtem und unbestechlichen Gericht erscheinen müssen!
Er wird sich danach den Guten zuwenden und sagen: "Nehmt das Himmelreich in Besitz, das seit dem Anbeginn der Welt für euch geschaffen ist. Und dann wird sich Gott den Bösen zuwenden und sagen: "Geht von mir, ihr Verfluchten! In das ewige Höllenfeuer, das dem Teufel bereitet ist und seinen Dämonen!"
Der Pfarrer sah nun die Menschen ernst an und sagte:
"Gibt es für uns Sünder keine Rettung? Kein Weg zur Umkehr? Doch!!
Jesus Christus selbst hatte gesagt (Johannes 14.6): "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Ewige Leben. Niemand kommt zum Heiligen Vater, als nur durch mich."
Kein Mensch kann sündlos leben, das weiß Gott. Jeder macht sich irgendwann mal schuldig. Worauf es Gott aber ankommt, ist Reue und gewissenhafte Bereitschaft zur Buße und Umkehr. Daran wird er uns messen!
Weihnachten sollte nicht nur ein Fest für Christen sein, sondern ein Fest für alle Menschen. Ähnlich wie bei der letzten Fußball-WM, wo Menschen aus allen Ländern und Religionen zusammen feierten."

Tim blickte auf die Uhr und versuchte, nicht ständig an den Schwarzmagier zu denken. Doch ganz wohl war ihm bei der Sache nicht, denn immerhin kannte er ihn ja jetzt und er wusste, dass Tim verdächtig war.
Vielleicht ist hier in der Kirche vor ihm sicher! Vampire können ja auch keine Kirche betreten.
Doch er verwarf den Gedanken gleich wieder. Necramor war ja kein Vampir, er selbst aber wirkte mit seinen Zähnen schon eher wie einer...

Als nach zwei weiteren Weihnachtsliedern und einer weiteren Ansprache des Pfarrers der Gottesdienst beendet war, ging Tim mit Herr und Frau Sellner aus der Kirche auf den Kirchenvorhof.
Da traf Tim Christian, einen Schulfreund. Auch er war heute mit seinen Eltern und seiner kleinen Schwester in der Kirche. Es traf sich gut, da sie sowieso heute an Heiligabend bei den Sellners feierten und einige Dinge noch besprochen werden mussten. Christians Vater arbeitete genauso wie Tims Vater bei "Smurfit Kappa".
"Hallo, Tim", sagte er, "hast du gehört, was gestern Abend passiert ist?"
Tim schüttelte den Kopf.
Christian deutete auf seine Eltern, die gerade mit Herrn Gerbrand, dem Stadtpolizisten redeten.
Tim, Christian und die Sellners gingen zu ihnen und hörten zu.

"Gestern Abend haben wir zusammen mit zehn Polizisten vom SEK die "Senko-Gang" hochgenommen und zahlreiche Skinheads verhaftet", sagte Herr Gerbrand. "Senko war leider nicht dabei. Stellen Sie sich mal vor: Am helllichten Tage zog die Bande zwölf Kaufhausdiebstähle (!) durch und dabei sind sie nicht erwischt worden! Sie klauten Handys, DVD-Player und Digitalkameras im Wert von fast siebentausend Euro. Das Zeug haben sie dann einfach so hier in den Spendencontainer der Katholischen Kirche geschmissen - verrückt oder?! Dann haben sie mit Baseballschlägern auf dem "Schoeller & Hoesch" Firmenparkplatz Autos demoliert, aber bis jetzt ging noch keine Anzeige von den Besitzern ein.
Kurz darauf in der Abenddämmerung ein Kioskeinbruch mitten in der belebten Innenstadt neben dem Weihnachtsmarkt - keiner hat´s gemerkt! Wir wüssten gar nichts davon, wenn sie es uns im Suff nicht selbst gesagt hätten. Sie plünderten die Kasse und haben sich mit dem Geld betrunken. Danach haben sie noch eine Telefonzelle mit rechtsextremen Parolen und Hakenkreuzen beschmiert, aber sie wollen uns nicht sagen, wo genau das war."
"Sind die denn völlig bescheuert geworden?" fragten Christians Eltern.
"Den Eindruck haben wir zwar auch, aber der Haftrichter meint, wir müssen sie wohl bald wieder auf freien Fuß lassen."
"WAS?!" Es klang fast wie ein entsetzter Schrei von Christians Mutter.
Herr Gerbrand schob sich mit der rechten Hand seine Dienstmütze zurecht und erwiderte: "Leider ja. Ich weiß wie absurd das klingt, aber wir können eben auch nur nach dem Gesetz handeln und nicht anders. Zu unserer Zeit hätte es eine satte Tracht Prügel gegeben."
"Das wäre wohl das Mindeste!"

Nach einer Viertelstunde gingen sie alle noch auf den Weihnachtsmarkt, um die allerletzten Einkäufe für die Feiertage zu kaufen. Herr Sellner kaufte zwei Flaschen Rotwein (eine für Heiligabend und eine für Silvester) und begutachtete schließlich noch einige selbstgemachte Handwerksstücke der Händler.
Tim kaufte sich von seinem restlichen Geld eine Portion gebrannte Mandeln und etwas für Drakota zu Weihnachten: Das Buch "Rätsel raten für jung und alt".
Das restliche Geld hatte er ja schon für Drakotas Futter beim Metzger ausgegeben!
Nach einer weiteren Viertelstunde bummeln ging Tim mit den Sellners durchgefroren nach Hause.
Auch Christian machte sich mit seinen Eltern auf den Heimweg.
Tim, wo bleibst du? Mir ist auch kalt! meldete sich der Drache in Tims Gedanken. Wieder einmal merkte er, dass die Kälte hier draußen auch Drakota spürte.
Kurz darauf waren sie wieder zu Hause und Tim musste drüben bei sich warten, während die Sellners den Weihnachtsbaum aufstellten. Er selbst durfte nicht dabei sein!

Gegen Nachmittag wurde Tim ungeduldig, denn die Sellners ließen ihn nicht vor dem Abendessen in ihre Wohnung. Ihre Vorhänge hatten sie zugezogen, sodass Tim nicht einmal vom Dachgeschoss ins Zimmer sehen konnte!
"So eine gnadenlose Gemeinheit!" fluchte Tim, während er in seinem Zimmer auf und ab ging und sich der Nachmittag endlos dahin zog.
Liest du mir etwas aus dem Buch vor, das du auf dem Weihnachtsmarkt gekauft hast? fragte der Drache.
"Natürlich." Tim tat alles, damit die Zeit bis zur Bescherung irgendwie vorbei ging. Die Warterei am Heiligabend war immer das Schlimmste!

"Eigentlich wäre das für dich eine Weihnachtsüberraschung gewesen, aber..." 
Tim grinste breit, "aber ich kann ja jetzt nichts mehr vor dir verheimlichen."
So ist es, Kleiner! sagte  Drakota belustigt.
Tim schlug das Buch auf und blätterte einige Rätsel durch.

"Wie schreibt man Wasser mit drei Buchstaben?" fragte Tim.
Eis. sagte Drakota. Das weiß doch jeder!
"Es verfolgt dich am Tag, aber niemals bei Na-"
Ein Schatten!

"Ich bin schneller als der Wind,
ich bin schneller als der Schall.
Der Krieg hat mich erfunden,
ich komm bis ins Weltena-"

Eine Rakete! sagte Drakota.

"Ich geb´s auf!" seufzte Tim. "Einen Drachen kann man beim Rätselstellen nicht besiegen!"
Stattdessen las er ein Buch vor, das ihm letztes Weihnachten geschenkt worden war: "Das Buch der 1000 Witze und Späße".
Er blätterte einen Augenblick. "Hier ein DDR-Witz:
Ein 7-jähriger Schüler wurde verhaftet. Er hatte die Soldaten des 'Warschauer Pakts' ohne 't' geschrieben!!"
Tim kicherte. "Oder hier ein Polizei-Witz:
Ein Reporter wird von einem Polizisten daran gehindert, den abgesperrten Tatort zu betreten.
"Lassen sie mich näher heran", protestierte der Reporter, "ich muss eine Story darüber schreiben!"
Der Polizist weist den Reporter erneut zurecht:
"Jetzt bleiben sie hinter der Absperrung, Mann! Wenn sie unbedingt wissen wollen, was passiert ist, dann lesen sie es doch morgen in der Zeitung!"
Drakota lachte.
"Hier noch ein Politikerwitz:
Ein Veranstalter auf dem Berliner Markt zerquetscht eine Zitrone vor der Menschenmasse, bis nichts mehr rauslief. Dann sagte der Veranstalter: "Fünfzig Euro für denjenigen, der es schafft, noch mehr Saft rauszuquetschen.
Ein dicker Mann mit feinem Anzug und Brille nahm die Zitrone und schaffte es tatsächlich, noch einen letzten Tropfen rauszudrücken. Darauf fragte der Veranstalter den Mann, was er von Beruf wäre. Dieser sagte:
"Finanzminister!""

Tim lachte und stellte das Buch wieder ins Regal zurück. Dann blickte er aus dem Fenster.
Draußen wurde es dunkel und eine Aura lag in der Luft, die Tim mit seinen scharfen Drachenreitersinnen jetzt genau spüren konnte.
Dinge, die er früher nie bemerkt hatte, hämmerten regelrecht auf ihn ein. Tausend Wünsche, Träume, Hoffnungen und Gebete lagen in der Nacht. Weihnachtsfeste, die an tausenden Orten auf tausend verschiedene Weisen gefeiert wurden.
Die metallgraue Wolkendecke am Dezemberhimmel war aufgerissen und hatte sich nun in eine sternenklare Nacht verwandelt. Doch Tim sah die Nacht ganz anders. Er konnte in der Dunkelheit viel schärfer sehen als früher und sogar Temperaturunterschiede erkennen. Alles was kalt war, sah er in blau/lila und alles was wärmer war, sah er in grün/gelb/rot.
"Drakota, ich kann im Dunkeln sehen!" sagte Tim, während er durch das Dachfenster in das schwarze Tal blickte.
Drakota war inzwischen hinter ihm. Natürlich kannst du das jetzt.
"Wie ist es denn so in Eteo? Haben die Elfen auch Länder und Regierungen?"
Natürlich. Die Elfen leben in Gruppen in den riesigen Wäldern, deren Überflug Tage dauert. Die Argonier dagegen haben Clans, dessen Führer sie wählen. Wie ist es bei euch Menschen? Habt ihr auch Clans und gewählte Führer? fragte Drakota.
Tim schüttelte den Kopf. "Clans gibt es bei uns nicht. Einen Führer haben wir auch nicht mehr - die Zeiten sind Gott sei dank vorbei!"

Er schrak hoch, als es plötzlich an der Tür klingelte. Schnell zog er sich seine Wollmütze auf, damit man seine spitzen Ohren nicht sah.
Dann eilte er die zwei Treppen runter zur Haustür und öffnete sie.
"Du darfst jetzt rüberkommen, das Abendessen ist bald fertig." sagte Frau Sellner, während sie sich den schnell übergezogenen Mantel noch enger zuschnürte.
Drakota, ich bin drüben bei den Sellners. Tut mir leid, dass ich dich jetzt alleine lassen muss...
Das ist schon in Ordnung, antwortete der Drache in Tims Gedanken, ich bin ja immer bei dir und sehe, was du siehst.
Dann sagte Tim zu Frau Sellner: "Ich bin fertig und habe einen Bärenhunger!"
Es war schon stockdunkel und bitterkalt, als Tim mit Frau Sellner rüberging.
"Die armen Autofahrer heute", sagte sie, "es ist spiegelglatt auf den Straßen."
"Das kann uns heute ja egal sein." entgegnete Tim.
"Na so egal ja auch wieder nicht. Immerhin erwarten wir Gäste!"
Die Weihnachtsbeleuchtung an den Häusern sah bildschön aus. Auch die kleinen Tannen vor der Hofeinfahrt der Sellners.
Tim blickte die Straße hinunter, wo sich ein Zafira mühevoll die zugefrorene Straße hochquälte und auf den zweiten Parkplatz vom Grundstück der Sellners parkte. Tims Vorahnung hatte sich befürchtet:
Die Familie Müller war mit ihrem riesigen Schäferhund da. Christian, den er ja heute Morgen nach dem Gottesdienst schon getroffen hatte, saß hinten drin mit seiner Schwester Susanne.
Herr Müller öffnete die Tür.
"Frohe Weih-"
Frau Sellner hatte noch nicht zu Ende geredet, da sprang schon der Schäferhund aus dem Auto, warf Tim um und schleckte ihm mit der Zunge übers Gesicht.
"Igitt!!" rief er.
"Dexter, hierher!" befahl Herr Müller.
Der Hund gehorchte.

Tim war nach der "Kampfhundattacke" hintenüber in das Grundstück von Frau Kotter gepurzelt und hatte eine junge Blautanne umgeknickt, die er sofort wieder notdürftig stutzte, bevor sie etwas merkte.
Ein zweites Auto kam im selben Moment, diesmal aber schneller. Es war die Familie Schneider und die hatten gleich vier Kinder dabei!

Der Hund wollte losstürmen, als Herr Müller wieder "Platz!" befahl.
Tim sah hoch zu seinem Dachgeschosszimmer und konnte durch das Dachfenster deutlich zwei Augen erkennen, da er ja jetzt nachts viel schärfer sehen konnte.
Achtung, Tim... sagte Drakota, als Tim auch schon Frau Kotter erkannte.
Sie lief im selben Augenblick vorbei und sah die Versammlung befremdet an.
"Ich hoffe, die Feier wird nicht so laut", sagte sie spöttisch. "Mein Hündchen Tizzy mag keinen Krach!"

"Kinder sind ab und zu mal etwas laut, aber das können einige Leute nicht verstehen, die erwachsen auf die Welt gekommen sind!" entgegnete Frau Sellner knapp.
"Unverschämtheit!" fluchte Frau Kotter, während sie weiterstapfte und so tat, als würde sie etwas am Boden suchen.
"Wenn sie den Kopf noch tiefer hängen lässt, kann sie sich mit den Zähnen die Socken ausziehen!" sagte Tim gerade so laut, dass sie es nicht mehr hörte.
Die Kinder der beiden Familien lachten laut.
Selbst Drakota lachte, das spürte Tim.
"Das reicht jetzt!" sagte Herr Sellner. "Lasst uns reingehen, bevor sich noch jemand erkältet!"
Herr Schneider drückte auf eine kleine Fernbedienung, woraufhin an seinem Auto kurz die Blinker aufblitzten.
"Selbst an Heiligabend sollte man seine Karre immer abschließen, sonst steht sie nächste Woche bei einem Autohändler in Polen!"
"Ach Schatz, du wieder mit deinen Sprüchen!" sagte Frau Schneider.
Das Wohnzimmer, in dem der Weihnachtsbaum stand, war fest verschlossen, dafür hatten die Sellners gesorgt. Also mussten sich erst mal alle in der Küche aufhalten. Sie war zwar sehr groß, aber immerhin waren jetzt insgesamt dreizehn Personen im Haushalt.
"So viele Leute hatten wir noch nie an Heiligabend untergebracht." sagte Frau Sellner stolz.
"Ja, aber dreizehn Personen? Das bringt Unglück!" entgegnete ihr Mann scherzend.
Tim kam als letzter in die Küche, nachdem er seine Jacke im Flur aufgehängt hatte und staunte:
Ein großer Tisch war aufgebaut mit dem edelsten Inventar, das Tim je gesehen hatte. Feines Porzellan und Silberbesteck, Kristallglas und Kerzenleuchter. In einem geflochtenen Korb lagen edle Weine in vielen Sorten. Selbst den anderen Kindern verging das Quasseln für einen Moment. Der Geruch von Weihnachtsente, Kartoffeln und Gemüse lag in der Luft.
"Wahnsinn!" hauchte Tim.
Nicht mal zum Geburtstag der Elfenkönigin in Eteo gibt es so ein Bankett!! meldete sich Drakota.
Die große Wanduhr im Flur schlug 18 Uhr, als alle Platz genommen hatten. Die Sellners hatten selbst den Campingtisch aus dem Keller geholt, damit alle an die Tische passten.
"Mami, wann gibtís Geschenke?" fragte Susanne ungeduldig.
"Wenn es 19 Uhr ist und du artig deinen Teller aufgegessen hast!" entgegnete Frau Sellner in freundlichem aber klaren autoritärem Ton.
Das kleine Mädchen stocherte mit der Gabel in dem Entenstück herum und grinste Tim neckend an.

Tim schoss ihr mit der Gabel eine Erbse zurück.
"Mami, Mami, Tim beschmeißt - "
"Ruhe!" zischte Frau Schneider in einem leisen, schneidenden Ton. "Mich interessiert nicht wer angefangen hat. Jetzt wird erst gebetet!"
Herr Sellner erhob sich und sprach:

"Herr, wir danken dir für diese Gaben,
Herr wir danken dir für diesen heiligen Abend.
Herr wir beten und hoffen in dieser Nacht,
Dein Wille soll werden in die Welt gebracht!"

Amen! sagten alle.
Durch das verzerrte Gemurmel am Tisch klang es aber eher wie n´Abend, Almosen, oder eben auch wie Amen.
Tim hasste Fleisch! Wenn er diesen glasigen Fettüberzug auf der Ente nur sah, rumorte es in seinem Magen. Nebenbei musste er auch noch daran denken, dass dieses Tier einmal friedlich in einem See herum geschwommen ist und jetzt auf den Tellern der Weihnachtsgäste endete.
Angewidert schob er die Platte weiter und lud sich stattdessen eine satte Portion Kartoffelsalat auf den Teller.
Das Holzfeuer in dem kleinen Küchenherd knatterte vor sich hin, als alle aßen. Tim musste daran denken, dass dies das letzte Weihnachtsfest sein würde, das er feierte. Darum genoss er jede Sekunde und versuchte sich so viele Details wie nur möglich einzuprägen.
"Tim, warum nimmst du deine Wollmütze nicht ab?" fragte Herr Müller leise.
"Der Doktor hat das angeordnet, wegen meiner Ohrenentzündung." log er. Tim konnte ihm ja schlecht sagen, dass er jetzt Elfenohren hatte.
 

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Und schon geht es hier weiter zum 5. Kapitel...

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