X-Mas Dragon Flight von Tobias Wagner
Kapitel 7
Weltraumfragen

Heute war der 29. Dezember.
Noch zwei Tage und er würde mit seinem Drachen zu den Sternen fliegen. Dies machte ihm aber auch ein bisschen Angst, weil er schon zahlreiche schauerliche Geschichten über das All gehört hatte. Zu Hause zu warten und nichts zu tun, machte ihm aber noch mehr Sorgen.
Tim beschloss deshalb, sich gegen Mittag bei jemandem schlau zu machen, der sich mit dem Weltall und der Raumfahrt auskannte. Immerhin war so ein Flug - trotz Drachenmagie und Schutzzauber, die Drakota erwähnte, nicht ganz ungefährlich.
Den ganzen Morgen hatte er den Drachen ausgefragt, wie der Flug ablaufen wird, wie lange er dauert, wie es da oben ist, im All... Der Drache musste es ja wissen.
Drakota erklärte Tim, dass er seine Magie einsetzen wird, um das Tor nach Eteo zu öffnen. Dazu müssten sie allerdings ins Weltall hinausfliegen, weil der Teleportationszauber am besten im Vakuum funktionierte. Natürlich würde das ohne Magie nicht funktionieren, da es im Weltall keinen Sauerstoff gab, und sie innerhalb weniger Sekunden tot wären.

Tim verstand lange Zeit nur Bahnhof, da er in der Schule wohl bei einigen Physikstunden gefehlt hatte...
Deshalb beschloss er kurzfristig bei dem Bruder von Herr Sellner, der sich mit Astrologie und Raumfahrt auskannte, nachzufragen. Der Professor wohnte am anderen Ende der Stadt, dort wo die Reichen und die Bonzen ihre Villen hatten und hätte zur Weihnachtszeit sicher die ein oder andere Stunde Zeit für ihn.

Es war früher Nachmittag, als Tim sein Fahrrad in der Hofeinfahrt neben einem lichterkettenüberzogenen Tannenbaum abstellte und klingelte.
Hoffentlich ist der Typ da. Übermorgen ist ja schon Silvester! dachte sich Tim, während er sich die Nachbargrundstücke ansah. Fast überall standen Luxuskarossen in den Hofeinfahrten, die voller Marmorstatuen und Fischteiche waren.
Der eine hat´s eben, der andere nicht, dachte sich Tim kopfschüttelnd.
Du hast auch was, was sonst keiner hat. Ärgere dich nicht immer über andere Menschen, Kleiner, antwortete Drakota in Tims Kopf.

Als er nach mehrmaligem Klingeln enttäuscht gehen wollte, öffnete sich plötzlich knarrend die Tür einen Spaltbreit.
"Hallo, wer da!?" rief Tim.
Eine krächzende Stimme kam aus dem hintersten Winkel der Wohnung: "Komm nur rein, Junge. Du bist doch der kleine Tim, nicht wahr?"
"Ich bin nicht mehr so klein!" rief Tim mit einem Klang von Entrüstung in der Stimme, als er die Tür hinter sich zuzog.
Hihihi, in der Bude fühlen sich Mäuse sicher sehr wohl! Die Stimme in Tims Kopf war wieder die von seinem Drachen, der ja mit Tims Augen mitsehen konnte.
Allerdings! erwiderte Tim.

Als Tim in das hinterste Zimmer kam, sah er den Professor, der gerade an einem großen Schreibtisch hinter einem Bücherstapel saß und anscheinend sehr beschäftigt war. Er hatte schneeweiße Haare und eine dicke Brille mit runden Gläsern.
"Was verschafft mir die Ehre, bei meiner Arbeit gestört zu werden?" fragte der Professor, ohne von seinem Schreibtisch aufzublicken.
"Ähm, ich habe ein paar sehr wichtige Fragen, und ihr Bruder sagte, dass sie mir weiterhelfen könnten. Es geht um den Weltraum!"
Tim sah sich in den Zimmern um und erkannte, dass sich der Professor sicherlich mit diesem Thema auskennen musste. An der Wand hingen Sternenkarten, in einer Wandvitrine ein Roboter mit acht Rädern.
Das musste wohl ein 1:1 Modell des Mars Rovers sein, ein kleines ferngesteuertes Roboterauto, das zur Zeit den Roten Planeten erforscht.
Vor dem großen Erkerfenster stand ein großes Teleskop. Das Ding muss sehr teuer gewesen sein... dachte sich Tim.
War es auch. Du kannst es am Geräusch hören, wenn du es umschmeißt. Wetten? scherzte Drakota.
"Was genau willst du wissen?"
"Fachrichtung bemannte Raumfahrt!" antwortete Tim.
Jetzt blickte der Professor von seinen Büchern auf und sah Tim fragend an. Durch seine verstärkten Rundgläser wirkten seine Augen fast doppelt so groß. Dann fing er plötzlich laut an zu lachen. Er lachte, dass an dem kleinen Schreibtisch an der Wand die Reagenzgläser in ihren Halterungen leicht zitterten.

"So - hahahaha!! So, du willst also wissen, was man beachten muss, wenn man in den Weltraum fliegt!? Und DU willst wissen, was man alles braucht?" fragte der Professor, immer noch kichernd.
Tim nickte.
Der Professor lachte wieder. "Ich wusste gar nicht, dass du Astronaut werden willst! Du warst doch bis jetzt immer so bodenständig, oder?"
"Ich muss für ein Schulprojekt ein Referat über den Weltraum schreiben!" sagte er. Die Ausrede war für ihn am nachvollziehbarsten.

"Ich kann dir so ziemlich alles erklären, das mit den letzten 50 Weltraumjahren zu tun hat, aber ich habe hier sehr viel zu tun. Also, ist es dir wirklich ernst?"
Tim nickte. "Ja, das ist es. Einiges weiß ich schon. Der erste Satellit hieß Sputnik, der erste Mensch auf dem Mond war Neil Armstrong, und so weiter. Aber viel wichtiger ist für mich, was man braucht, wenn man beispielsweise - nun ja - selber rauf will."

"Nun", der Professor stand auf und stellte sich vor ein großes Bücherregal, "man braucht im Weltall natürlich Sauerstoff, das ist dir ja wohl klar."
Tim nickte.
"Aber der Sauerstoff ist das kleinste Problem. Du brauchst einen Druckanzug, der dich vor den extremen Temperaturschwankungen und dem Vakuum schützt. Wenn du von der Erde weg fliegst, zum Beispiel in Richtung Mond, dann bist du nicht mehr im Magnetfeld der Erde, das dich vor der elektromagnetischen Strahlung der Sonne schützt."
"Wie kalt ist es da oben?"
"Nun, das kommt ganz darauf an. Die Temperatur kann ganz unterschiedlich sein. Von mehreren hundert Grad unter null, bis mehreren tausend Grad. Je nachdem wie nahe man der Sonne kommt, oder ob man sich im Schatten eines Planeten befindet, und so weiter. Hier im Orbit ist aber am gefährlichsten der Weltraumschrott!"
"Schrott?" fragte Tim.
Es hörte sich so an, als wolle ihn der Professor auf den Arm nehmen. Doch der nickte ernst.
"Schrott aus 50 Jahren Raumfahrt, der inzwischen gefährlicher ist, als Sonnenwinde. Von Lacksplittern, ausgedienten Satelliten bis hin zu abgebrannten Raketenstufen vergangener Missionen, ist da oben schon ein richtiges Minenfeld entstanden!"
Der Professor zeigte Tim ein weiteres Bild. Es zeigte die Erdkugel, die von tausenden kleiner Punkte umgeben war.
"Jeder dieser Punkte ist ein Stück Abfall im All. Inzwischen sind es mehrere Millionen."
"Und warum soll das so gefährlich sein?" fragte Tim.
"Stell dir mal ein Stück Weltraumschrott in der Umlaufbahn vor, zum Beispiel ein Stück Metall, oder eine Schraubenmutter, die mit 20000 Stundenkilometern in ein Raumschiff einschlägt... Nur zum Vergleich: Eine Gewehrkugel erreicht zirka 3000 Kilometer pro Stunde!"
"Ich dachte, das Zeug verglüht irgendwann wieder beim Wiedereintritt."
"Es kommt auf die Umlaufbahn an. Tote Satteliten bleiben ewig oben, wenn sie eine hohe Umlaufbahn haben, weil ja nichts da ist, was sie bremst. Bei Satelliten, die tiefer fliegen, wie beispielsweise Wettersatelliten, ist das anders. Am Ende ihrer Lebensdauer, wenn ihnen der Treibstoff ausgeht, werden sie von Luftresten am äußersten Atmosphärenrand gebremst, bis die Anziehungskraft stärker wird als ihre Fluchtgeschwindigkeit. Dann stürzen sie runter und verglühen."
"Kann man von Weltraumschrott getroffen werden?" fragte Tim besorgt.
Der Professor lachte. "Das ist äußerst unwahrscheinlich, da das meiste verglüht. Aber hin und wieder kommt schon mal etwas durch. Allerdings ist die Chance im Lotto einen Volltreffer zu erzielen viel höher! Viel gefährlicher ist ihre Radioaktivität. Viele alte sowjetische Spionagesatelliten, die heute immer noch tot in der Umlaufbahn kreisen, bezogen ihre Energie aus einem kleinen internen Atomreaktor, der noch jahrtausende strahlen kann."
Tim nickte. "Aha!"
"Wenn du mehr wissen willst," der Professor drückte Tim einen Stapel Bücher in die Hand, "dann lies dir das durch. Darin wird so ziemlich alles erklärt. Aber wenn du auf den ganzen außerirdischen E.T.-Mist scharf bist, dann musst du bei der Stadtbücherei in der Comicabteilung suchen. So, aber jetzt muss ich schon wieder weiterarbeiten."

Tim sah in einer Glasvitrine neben dem Schreibtisch einige Pilze, die er nicht kannte. Sie hatten einen schwarzen Hut, mit gelben Pickeln drauf. Sie mussten schon älter sein.
Ob die noch essbar sind? dachte sich Tim.
Drakota meinte: Einmal mit Sicherheit! Lass lieber die Finger weg, oder willst du uns beide am vorletzten Tag noch vergiften?

"Warte, Tim!" sagte der Professor, als sich Tim anschickte, zu gehen.
Er eilte in die Küche, kam mit einem Karton zurück und stellte ihn auf den Wohnzimmertisch.
"Seit Jahren hebe ich das Zeug auf und wollte es schon wegwerfen, aber da du heute unerwartet hier aufgetaucht bist..."
Der Professor öffnete den Karton und holte mehrere Päckchen, einen kleinen Wasserschlauch und eine große Spritze heraus. "Das ist Astronautenfutter." sagte er lachend und gab Tim ein Päckchen. "Vor Jahren war das mal der absolute Schrei, heute kriegt man das kaum noch zu kaufen."
"Wie isst man das?" Tim sah sich die Plastikbeutel an. Das Innere war total hart.
Der Professor zeigte Tim die Spritze. "Du füllst mit der Spritze über den Schlauch Wasser in die Beutel, wartest ein paar Minuten, dann kannst du es ausschlürfen. Denke daran: Da oben gibt es ja keine Schwerkraft!"
"Wie alt ist das Zeug eigentlich? Kann man das noch essen?"
"Ja, da es kein Wasser enthält, ist es sehr lange haltbar. Angeblich zehn Jahre."
Tim betrachtete misstrauisch die Päckchen. "Vielen Dank! Ich nehme sie mal mit."

Beim Verlassen des Anwesens schalteten sich die Weihnachtsbeleuchtungen an, da es schon wieder dämmerte.
Wintertage waren sehr kurz. Tim fuhr auf dem Fahrrad aus der Einfahrt heraus, zu sich nach Hause. Auf dem Weg sah er sich immer wieder nach dem Schwarzmagier um.
Er dachte an das Astronautenfutter in seinem Fahrradkorb. Wenigstens kann das Zeug nicht hartfrieren, denn das ist es ja schon!
Dann blickte er hoch zum Sternenhimmel und hörte die Stimme des Drachens in seinem Kopf:
Ja, bald geht es dorthin, Kleiner!
 

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Und schon geht es hier weiter zum 8. Kapitel...

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