Die Geschichte des jungen Drachen Servait von Veritas
Kapitel 4: Das Lied des Windes (2)

Die Ruhe hier war beinahe schon unnatürlich. Unnatürlich insofern, da selbst das kleinste Geräusch hier fehl am Platze war.
In Momenten wie diesen wurde einem bewusst, wie laut doch der eigene Atem war, wie laut doch das Herz schlug... ja sogar so einfache Dinge wie das Aneinanderreiben der Schuppen an den Gelenken störte.

Wo war er hier? Servait kannte sich insofern in seiner Umgebung aus, dass er wusste... dass er nicht in seiner Umgebung war. Mehrmals versuchte er zu fliegen, jedoch jedes Mal mit demselben Ergebnis.
Dem Ergebnis, dass er gegen einen Fels flog. Wenn doch bloß dieser Nebel nicht wäre. Gut, er hatte nichts gegen Nebel, immerhin konnte er sich dadurch gut vor eventuell auftauchenden größeren Drachen verstecken... wenn denn welche auftauchen würden.
Er war Wälder und Täler gewohnt, nicht Steine. Wo Steine waren gabís ja nichts zu fressen, denn welch ein Tier würde in Felsen einen Bau errichten? Er wusste es nicht...

...da war es wieder. Ein Geräusch, ein Klang. Wunderschön anzuhören.

--- An dieser Stelle sei dem Geneigten Leser einmal verinnerlicht, wie sich unser kleiner Freund fühlte. Dem einen oder anderen ist bekannt, wie man sich fühlt, wenn man ein wunderschönes Lied hört... vielleicht hat der eine oder andere dieses Gefühl auch schon gehabt als er z.B. in Episode 1 von Star Wars war und der Titelsong ertönte... jedenfalls eine Melodie, die das Herz öffnen kann... so, das warís schon, weiter gehtís ---

Diese Melodie, sie war es, die ihn überhaupt noch dazu bewegte weiter zu laufen. Wo war dieses Wesen bloß? Mal hörte er das Lied von der einen, dann von der anderen Seite. Wollte ihn da jemand Ärgern?

*

"Hast du keine Augen in deinem Schädel?" keifte Fechrigna. "So blind kann doch keiner sein." Oh war sie sauer.
Seit dem Unglück war zu viel Zeit vergangen. Wenn der Kleine verletzt war, könnte es schon zu spät sein. In dieser Gegend wurde es abends schnell kalt. Und bei seinem Talent würde der Kleine entweder ins Unglück stürzen oder erfrieren.

Keine Spur, keine noch so kleine Spur fanden sie von ihm. Wie war das möglich? Hätte sie doch bloß besser aufgepasst... nun konnte sie kaum mehr tun als ihn zu suchen und sich die schlimmsten Vorwürfe zu machen.

Andererseits, wenn er nie ein Risiko einging, würde er auch nie aus seinen Fehlern lernen. So war das im Leben...

"Entschuldige, reg dich ab, ja? Woher hätte ich wissen sollen, dass du mit deinem Nachwuchs Flugübungen machst?" antwortete Tengis.

Einfach ignorieren, sagte sich Fechrigna. Würde sie zugeben, dass es sich nicht um ihren Nachwuchs handelte sondern um ihr... ja, was war Servait eigentlich? Ihr Kind war er ja nicht. Wie konnte sie erklären, dass sie sich um ihn kümmerte, ohne Gefahr zu laufen, einem anderen Drachen gegenüber eine Schwäche zuzugeben?

"Lass uns da unten mal ne Pause machen, es bringt so nichts, meine Teure." Mit diesen Worten legte er zu einem eleganten Sinkflug auf einen der Felsen an, welchen er mit einer perfekten Vier- Punkte- Landung abschloss.

Meine Teure? Hatte dieses etwas von einem männlichen Vulkandrachen sie als seine Teure bezeichnet? Gut, zugegeben, übel sah er nicht aus, aber sie kam sich selbst langsam etwas zu alt dafür vor. Obwohl, wenn sie so überlegte...

Sie ließ sich neben ihm nieder, nur um zu sehen, wie er gerade dabei war, eine Ansammlung von Zweigen zu zerwühlen.
"Manchmal hat man Glück und die Vögel haben ihre Nester mit Eiern gefüllt. Die sind dann ganz lecker. Oder es sind ganze Vögel da... ich hab so einen Hunger... und ein leerer Bauch sucht nicht gern", sagte er wie zur Entschuldigung.

Nun gut, dann würde sie es mal damit versuchen. "Wenn du fertig bist mit deiner eigenen Suche, könntest du mir ja wieder helfen mein... Junges zu finden. Der Kleine wird ganz hilflos sein ohne mich." Mit Absicht legte sie ganz viel Trauer in ihre Stimme und legte, nur um den Schein zu wahren, ihre Flügel an und senkte den Kopf. Warum sich nicht ein bisschen bedauern lassen?

"Nun mach dir mal keine Sorgen. Ich bin mir sicher, es geht ihm gut." Mit diesen Worten legte er ihr einen seiner Flügel auf den Rücken, um sie zu beruhigen. "Immerhin bin ich ein Vulkandrache, und wir sind von Natur aus mit den schärfsten Sinnen bestückt. Ich werde ihn finden und zu dir zurückbringen..."

Fällt mir irgendwie schwer das zu glauben, dachte sie, bevor sie sich weiter auf die Suche machten. Hoffentlich hatte der kleine nichts Dummes angestellt.

*

*Hatschi* 

--- besser kann ich das nicht übersetzen. Ein Niesen kann Vögel, Hunde und Katzen befallen, warum nicht auch Drachen? ---

Dachte da jemand an mich? Oder kann es sein, dass ich mich verkühlt habe? Hoffentlich nicht; dachte Servait. Er konnte sich noch genau daran erinnern, als er das letzte Mal krank war. Es dauerte Tage, um dies schleimige Zeug aus den Nüstern zu kriegen, also bitte nicht noch mal... schon komisch, dass er jetzt darüber nachdachte. Vielleicht lag es daran, dass sich Fechrigna in diesen Tagen besonders um ihn gekümmert hat.

Er vermisste sie. Komisch, dabei war er kaum ein paar Stunden fort. Vielleicht lag es daran, dass er nun einfach Gesellschaft haben wollte. Dass er bedauert werden wollte. Hier war er nun, allein, durchgefroren und hungrig. Und um die Sache noch weiter zu verteufeln hörte er just in diesem Augenblick wieder das Lied.

Wollte ihn da jemand reinlegen? Wollte ihm da jemand einen Streich spielen? Ja, das musste es sein, es war sicher wieder einer dieser Baumdrachen. Einer von denen, die er neulich für den Zwischenfall an dem Wasserbecken niedergemacht hat.

Nein, das bilde ich mir nur ein, dachte er. Nie und nimmer konnte ein derartig dämliches Wesen so eine schöne Melodie entstehen lassen. So schön, so bezaubernd. Als würde jemand rufen: "Komm zu mir, ich suche dich."

Aber wo sollte er hinkommen? Wie sollte er in dieser, für ihn nun viel zu stillen nebligen Gegend jemanden finden?

Er brüllte so laut er konnte. Er brüllte seinen Frust, seine angestaute Wut, alles hinaus. Seinen Hass auf das Wasser, auf die Baumdrachen, auf das Fliegen, den Nebel, die Steine... alles. In diesem Moment hasste er alle, alles und jeden. Er mochte sich selber nicht mal besonders. Und dann fing er an zu weinen. Er weinte und heulte nun seine Trauer hinaus. Doch nur die Stille antwortete ihm.

Wozu das alles? Wozu weitergehen? Wozu versuchen, was nicht möglich war? Es gab keinen Weg hier raus. Er würde hier bleiben.
Allein, verlassen und nicht mehr fähig etwas zu ändern. Was war er schon außer einem kleinen Schwächling?

In dem Augenblick hörte er etwas. Stein, der sich bewegte. Kiesel, die rollten. Da kam jemand...

Er richtete sich auf und spannte seine, zugegebener Maßen wenigen, Muskeln und bereitete sich darauf vor, sein Leben zu verteidigen. Wer auch immer da kam, der Geruch war ihm fremd... und doch bekannt. Als hätte er ihn schon mal gerochen...

Da, da war jemand. Auf dem Felsen. Neben ihm. Ohne groß drüber nachzudenken sprang er.
 

© Veritas
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Und schon geht es hier weiter zum 5. Kapitel... :-)

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